Schicksalsschläge
Was bisher geschah:
Enrico war bei der Mafia gelandet, kümmerte sich um die Armen und war im Streit in zwei Fällen zum Mörder geworden. Nun saß er in seiner Villa und wartete auf das Schlimmste.
Die Entscheidung
Wieder und wieder wischte sich Enrico den Schweiß von der Stirn, der ihm in winzigen Tropfen aus den Poren trat. Er befürchtete so viel … Nichts von all dem geschah.
Nach einer sehr unruhigen Nacht machte sich Enrico auf den Weg. Er hatte sich entschieden und verließ noch im Morgengrauen sein Heimatdorf. Er hatte außer einigen Lebensmitteln kein Gepäck bei sich. Nur den Schlagring führte er mit sich, besah ihn immer wieder auf seinem Weg in die Berge. Kein Mensch außer ihm kannte sich so gut in dem Gewirr der Felsen und auf den Steigen der Ziegen aus, die hier ihre karge Nahrung suchten. Nach stundenlangem
Aufstieg erreichte er die Höhle, welche er als Hütebub einmal entdeckt hatte. Schon damals hatte er sich hier ein gemütliches Nest geschaffen. Die Höhle war sauber und trocken, in der Luft der Höhe hatte sich alles gut erhalten. Er ließ sich auf das Lager aus trockenem Gras und Laub sinken. Tränen rannen ihm über die Wangen. Niemals vorher war er so von seinen Gefühlen übermannt worden.
Als er erwachte, war es bereits dunkel. Der Mann entfachte ein kleines Feuer, briet sich ein Stückchen Fleisch, aß etwas Brot dazu und gönnte sich einen Schluck von dem mitgebrachten Wein. Seine Gedanken kreisten stets um das Gleiche: er hatte zwei Menschen umgebracht. Beide hatten ihm –
jeder auf seine Weise – viel bedeutet. Hatte es wirklich so weit kommen müssen, dass er zum Mörder geworden war? Wie würde er mit dieser Schuld weiter leben können? Wenn es Vergebung gab, war ihm solche auch zugedacht? Enrico konnte sich kaum aus dem Wirrwarr seiner Gedanken befreien. Schließlich schlief er doch über seinen Grübeleien ein.
Früh am Morgen des folgenden Tages strich Enrico, in Gedanken versunken, durch das Gelände, welches ihm so vertraut war. Er sah nicht den wunderschönen Sonnenaufgang, bemerkte weder die Bergziegen, die um ihn herum grasten, noch konnte er den Anblick des herrlichen Bergpanoramas genießen. Wie eine dunkle Wolke schwebten seine
Schuldgefühle über ihm. Mehrere Tage dauerte dieser Zustand an. Endlich war es soweit. Enrico hatte sich zu einer Entscheidung durchgerungen.
Festen Schrittes strebte er dem Tale zu. Sein erster Weg führte ihn in das abgelegene Dorf, welches nur von hier aus erreichbar war. Er betrat die kleine Kirche des Ortes. Man hatte sie der Muttergottes geweiht. Er kniete nieder und wieder rannen ihm die Tränen über die Wangen. Lange verharrte er in seiner Gebetshaltung. Als er sich endlich erhob, zeigte sein Gesicht ein inneres Leuchten, welches niemals jemand erwartet hätte.
Erneut machte er sich auf den Weg, diesmal in das nahe gelegene Kloster. Hier wollte er
seinen gesamten Reichtum den Ordensbrüdern übergeben und selbst eine kleine Zelle beziehen. Im Frieden mit Gott würde er im Kloster den Rest seines Lebens verbringen.
Das zumindest hoffte Enrico, während er nachdenklich den vergoldeten Schlagring betrachtete.
© HeiO 02-11-2013