Beschreibung
Dieser Text ist in dem Buch 2012 des artofarts-Verlags, Forchheim erschienen.
IM ZEICHEN DER ZEIT
Was heißt das: ZEIT? Oft und oft hören wir heute: ich habe keine Zeit; die Zeit läuft mir weg; die Zeit wird es zeigen; mit der Zeit gehen; sich Zeit lassen; sich Zeit nehmen; Zeit sparen; es ist noch nicht Zeit für dieses oder jenes; die Zeit ist nicht reif und derlei Wendungen mehr. Wissen wir wirklich, was wir damit zum Ausdruck bringen oder äußern wir uns nur so, um unsere eigene Unzulänglichkeit oder Versäumnisse, den Mangel an Initiative, an Kreativität, an Mut, unsere Frustration zu überdecken und letztlich, wenn alles anders gelaufen ist als in unseren Vorstellungen, einen anderen zum Sündenbock machen zu können?
Zeit ist ein sehr vielschichtiger Begriff. Wenn wir zurückgehen in die Anfänge der Menschheit, dann wird Zeit weiträumig. Die Menschen damals empfanden Zeit als den Rhythmus und die Wiederkehr der Jahreszeiten, der Sternbilder, von Sonne und Mond, von Tag und Nacht. Ihre Zeit war bestimmt von den natürlichen Bedürfnissen Essen, Trinken, Schlafen. Als die Bevölkerung dichter und die sozialen Gefüge komplizierter wurden, genügten diese natürlichen Rhythmen nicht mehr. Die Menschen begannen zu beobachten und zu erforschen, wovon sie sich größeren Nutzen versprachen. Und siehe, sie fanden auch eine Möglichkeit, die Zeit einzuteilen.
Wohl nahmen sie dazu die Maße, die ihnen der Kosmos, der Sonnenlauf und die Größe der Erde anboten. Und sie schufen Geräte, mit deren Hilfe sie diese Einteilung sichtbar machen konnten. "Zeit"-Messer entstanden; heute sagen wir Uhren dazu. Und mit dieser Erfindung begann der Mensch auch, sich von der Zeit versklaven zu lassen.
Unser Leben heute wird nicht mehr von uns Menschen bestimmt, sondern von jenem Gerät, das wir Uhr nennen und das heute schon Funk gesteuert wird, damit wir auf den Bruchteil des Augenblicks genaue Zeitangaben machen können. Der Wecker bestimmt den Morgenrhythmus, der Terminkalender den Tageslauf, die Mahlzeiten, das Fernsehprogramm den Abendrhythmus. Und wir lassen uns kritiklos von dieser "Time-Machine" unser Leben diktieren. Wenn wir merken, dass wir keine Zeit mehr für uns haben, dann versuchen wir hier und dort Zeit einzusparen, im Glauben, wir könnten damit unser Leben effektiver gestalten. Denn wir wollen Zeit haben für uns, unser Hobby, für Sport, den Kneipenbesuch, den Kino- oder Konzert- oder Theaterbesuch. Doch je mehr Zeit wir einsparen wollen, umso gnadenloser eilt uns die Zeit davon und wir werden zu Sklaven, über deren Rücken die Uhrzeiger peitschen. Und wir dienen dem Gott Ticktack bis zum Zusammenbruch.
Dann müssen wir plötzlich Zeit haben und beginnen, etwas vom Leben zu verstehen: vom Rhythmus unseres Herzschlags, unserer Atemzüge, vom geordneten Wechsel zwischen Arbeit und Muße. Und siehe: Augenblicke werden zu Ewigkeiten, was wir früher nie vermutet hätten. Und der Begriff Zeit bekommt völlig neue Dimensionen. Endlichkeit und Vergänglichkeit, Unendlichkeit und Ewigkeit rücken in unser Blickfeld. Wir lernen begreifen, wie Zeit uns gut tut, wenn wir sie mit gefalteten Händen und stumm gewordenen Gedanken in Stille vorbei ziehen lassen. Wie endlos sich nun Minuten dehnen können und wie viel Kraft wir aus diesen Minuten schöpfen dürfen. Wir werden bereichert und tauchen ein in dieses ewige Spiel des Verstehens, der Hingabe. Und wir erfahren Glücksmomente, denen wir früher in Eile nachgejagt haben ohne Erfolg.
Wir gewinnen Zeit, wir werden ruhiger, finden den Weg zu uns selbst, zu unserer unendlichen Quelle und spüren auf einmal, was uns bisher so unzufrieden gemacht hatte: Die Missachtung der Lebensgesetze. Wir erleben eine ungeahnte Bereicherung und finden den Sinn unseres Lebens in unserer Mitte.
©Heidemarie Opfinger 07-2010