Beschreibung
Ein skurriles Familienerbe. Eine unausgesprochene Tragödie. Und ein Ball.
Einleitung
Direkt über dem Schreibtisch auf einem schmucklosen Holzbrett hatte Ella das Ticket aufgestellt. Eigentlich sollte das Ticket zum Mittelpunkt in ihrem Zimmer werden und auf einer Samtdecke mit bunten Steinchen stehen. Eine kleine Lampe und viele Kerzen hätten es zudem noch beleuchten können und so auf das wichtigste Stück Papier in ihrem Leben hinweisen sollen. Ellas Mutter war aber der Meinung gewesen, das könnte zu viel sein und vor allem den Großvater verstören. Und nachdem bereits gestern von Bürgermeister Wilscher Großvater Peppis Geburtstagswoche eingeläutet worden war, wollte auch Ella weitere Aufregung von ihrem Opa fernhalten.
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Jaja, der Geburtstag des Großvaters am 15. Mai wurde im kleinen Dorf Teggern immer groß gefeiert. Opa Josef war mit seinen bereits 71 Jahren der wohl berühmteste Teggerner. Kleine Kinder fragten Ella oft auf der Straße, ob die Geschichte von ihrem Großvater denn wahr sei. Die jungen und alten Frauen des Dorfes stimmten darin überein, dass Ellas Großmutter Bärbel jeden Tag ein Dankgebet für diesen wundervollen Mann sprechen müsse, den ihr Gott geschenkt hatte. Auch die Männer von Teggern huldigten Großvater Peppi und hatten schon des Öfteren versucht, ihn zum Bürgermeister zu ernennen. Er hatte aber stets abgelehnt und agierte lieber als Teggerns Graue Eminenz im Hintergrund. Es gab keinen einzigen Gemeinderatsbeschluss in den letzten 31 Jahren, der nicht zuvor mit Josef – Peppi – Gruber besprochen worden wäre.
Seit Ella denken konnte, war ihr immer wieder die glorreiche Heldentat von ihrem Großvater erzählt worden. Sogar in der Schule wurde darüber berichtet und jedes Jahr gab es ein Fußballturnier, das in Gedenken an Opa Peppis Abenteuer veranstaltet wurde. Obwohl alle im Dorf ihr Bestmögliches versuchten und immer wieder auf Ella einredeten, verstand sie denoch nicht, was genau ihr Großvater Besonderes gemacht hatte. Sie wusste lediglich, dass seit diesem 21.06.1978 ihr ganzes Dorf verrückt geworden war. Ab diesem Zeitpunkt wurde – so lassen die Erzählungen vermuten – aus den harmlosen und freundlichen Bewohnern Teggerns eine eingeschworene Dorfgemeinschaft, die Spaß daran fand, die eh schon recht selten gewordenen deutschen Urlauber mit Botschaften wie „Hier erlebt ihr euer Wunder – Córdoba foreveeeer!“ oder „Das war unsere Rache für Königgrätz“ zu vertreiben. Touristisch gesehen war Teggern seit dem zu einem Niemandsland geworden. Gleichzeitig war es jedoch das Mekka für alle Fußballvernarrten, die sich hartnäckig an die Erinnerungen von damals klammerten und den Turnlehrer Josef Gruber zu ihren inoffiziellen Anführer auserkoren hatten.Â