Romane & Erzählungen
Knut-Knut

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"Knut-Knut"
Veröffentlicht am 13. September 2013, 104 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Mein Username Hanafubuki kommt aus der japanischen Sprache und bedeutet "KirschblĂŒtenschnee". Damit wird genau der Moment des Herabfallens der KirschblĂŒten in Japan bezeichnet. Dieser Moment der VergĂ€nglichkeit ist ein beeindruckendes Naturschauspiel.
Knut-Knut

Knut-Knut

Einleitung

Alfred verbringt seinen ĂŒblichen Urlaub auf einer Nordseeinsel. Dabei widerfahren ihm gar merkwĂŒrdige Dinge. Er begegnet dem Knutt, einem Watvogel und erlebt hautnah, unter welch extremen Bedingungen dieser Langstreckenflieger lebt.

1. Eine unruhige Nacht

Der Schlaf meidet mich. Ich wĂ€lze mich im Bett hin und her. Ich decke mich auf, dann wieder zu, ziehe das Kissen ĂŒber den Kopf und werfe es anschließend an die gegenĂŒberliegende Wand. Es scheppert. Etwas zersplittert am Boden. Das Klirren fĂ€hrt in meine Nervenbahnen, die auf das Äußerste gespannt sind. Ich kĂ€mpfe gegen ihr Zerreißen an, was zusĂ€tzliche Kraft kostet. Mein tiefes Stöhnen dröhnt durch den Raum, wĂ€hrend ich mich aufrichte, um besser sehen zu können. Meine Augen bohren sich durch die Dunkelheit. Das GemĂ€lde,

der Stolz meiner Vermieterin, liegt auf den Dielen. Sein zerborstener Rahmen sticht durch die raue Wattlandschaft, die ihre Tochter aufs Papier gekleckst hat. Das Schutzglas des Bildes ist zersprungen. Der Mond lugt durch das Fenster, wobei er die Szenerie der Zerstörung erhellt. Boshafte Freude zeichnet ein Grinsen in mein Gesicht. Ich bin zufrieden und lege mich wieder hin, allerdings ohne Erfolg. Der nagende Neid auf die Nacht lĂ€sst mich wach bleiben. Sie hat ihre Ruhe gefunden – ich nicht. Kein Laut dringt durch die Finsternis. Meine lieben Mitmenschen liegen unter ihrer Bettdecke, schlafen und trĂ€umen.

Nur ich wieder nicht! Warum eigentlich immer ich? Selbst die Tiere sind ruhig. Kein einziger Vogel trĂ€llert sein Lied. Auch die nervenden Stare vom Nachbarbaum halten ihre SchnĂ€bel. NatĂŒrlich bin ich das einzige Lebewesen auf der Insel, das um diese Zeit munter ist! Wut erobert mein Bewusstsein, sie gibt mir den Rest. Jetzt bin ich hellwach und springe aus dem Bett. Es hat keinen Zweck. Ich zerre mir meinen Pulli ĂŒber den Kopf. Mit heftigen Bewegungen versuche ich, in meine fleckigen Jeans zu schlĂŒpfen, doch verfehle ich immer wieder die Öffnung zum linken Hosenbein. Nach einigen vergeblichen Versuchen schaffe ich es und ziehe ich

die Hose hoch. Ein GlĂŒck, dass der Reißverschluss nicht auch noch klemmt. Leichter Wind kommt auf. Die BĂ€ume beginnen zu rauschen, was wie Balsam auf mein zerrĂŒttetes GemĂŒt wirkt. Ich setze mich an den Tisch, auf dem sich die HĂ€lfte meines Kofferinhaltes hĂ€uft, obwohl die Schrankwand im Zimmer ausreichend Platz bietet. Auf der gegenĂŒberliegenden Kommode lacht mich mein Glas an. Es fleht: ‚FĂŒlle mich! FĂŒlle mich!‘ Ich kann dem nicht widerstehen. Wo ist mein „KĂŒstendunst“? Die Flasche reckt sich mir vom Bettvorleger entgegen. Bis zum Rand schĂŒtte ich den Schnaps in das Glas, anschließend in den Mund und

werfe meinen Kopf nach hinten. Das Feuerwasser rinnt durch die Kehle. Wohlige WĂ€rme breitet sich in mir aus. Das gefĂ€llt mir schon besser. Ich greife den „KĂŒstendunst“, vergesse auch das Schnapsglas nicht und schlurfe auf den Balkon. Dort lasse ich mich auf der TĂŒrschwelle nieder. Mir entschlĂŒpft ein herzhaftes GĂ€hnen, das meinen Kiefer knacken lĂ€sst. Die ferne Brandung der Nordsee sowie das Rascheln der BlĂ€tter, die im Wind aneinander reiben, verhindern, dass meine Lider geöffnet bleiben. Leider hĂ€lt dieser angenehme Zustand nicht lange an. Ich beginne, an meinem Bart zu zupfen, erst langsam dann immer

schneller. Ich habe eine Idee, es ist eine absurde Idee, eine Idee, die mein Gehirn nicht mehr verlĂ€sst. Ich werde mich um eine aufregende Erfahrung bereichern. Es gibt Besseres, als nachts zu schlafen. Ich nehme den Tidenkalender vom Tisch und lasse meine grauen Zellen arbeiten. Es ist nachts ein Uhr. Ja, das mĂŒsste klappen, da die Ebbe in wenigen Minuten beginnt. Ich beschließe, mein Vorhaben auszufĂŒhren. Mein grobmaschiger Rollkragenpullover, außerdem die Taschenlampe, die ich gestern im Dorfladen gekauft habe, verschwinden im Rucksack. Ich nehme die Wetterjacke vom Haken, werfe sie mir ĂŒber und verlasse das

Feriendomizil. Vom Hafen weht ein frischer Herbstwind. Ich bin erstaunt, wie viele KlettverschlĂŒsse sich an der Wetterjacke befinden. WĂ€hrend ich sie schließe, tragen mich meine FĂŒĂŸe Richtung Watt. Ein provokantes LĂ€cheln schlĂŒpft ĂŒber mein Gesicht. Jeder WattfĂŒhrer wĂ€re ĂŒber meine geniale Eingebung entsetzt und wĂŒrde mich zurĂŒckhalten. Doch auch die WattfĂŒhrer schlafen jetzt. Sollen sie doch nicht schlafen! Folglich ist es ihre Schuld, wenn ich allein eine Wattwanderung bei Nacht durchfĂŒhre. Mit entschlossener Miene schreite ich voran. Was soll mir schon passieren! Ich stehe auf der Salzwiese, die im

Mondschein leuchtet. Als ich die Schuhe ausziehe, blĂ€ht der Wind meine Jacke auf. Vor mir befindet sich das Wattenmeer im Zustand der Ebbe. Das zurĂŒckfließende Wasser legt mir den Weg frei. Guten Mutes verlasse ich das Ufer. Meine nackten FĂŒĂŸe spĂŒren den nassen Untergrund, der Schlick quietscht durch die Zehen. Es ist glatt. Im Zeitlupentempo setze ich einen Fuß vor den anderen, wobei ich versuche mit ausgebreiteten Armen das Gleichgewicht zu halten. Wie ein ungeĂŒbter EiskunstlĂ€ufer schlittere ich auf dem glitschigen Boden dahin. Dicke Wolken ziehen auf und verdecken den Mond. Die Dunkelheit hĂ€ngt als

schwarzer Schleier ĂŒber dem Watt, sodass ich nicht erkenne, wohin meine FĂŒĂŸe treten. Plötzlich gibt der Grund unter mir nach, und mein rechtes Bein verschwindet in der Tiefe. Ich muss mich sehr anstrengen, um es wieder herauszuziehen. „Mist!“, rufe ich. Das habe ich mir wirklich anders vorgestellt. Der unsichtbare Weg unter meinen FĂŒĂŸen ĂŒberrascht mich gleich darauf mit einer scharfkantigen Muschelbank. „Aua!“, hallt meine Stimme durch das Watt. Ich springe zurĂŒck, die Fußsohlen brennen. Es ist höchste Zeit, die Taschenlampe aus dem Rucksack zu holen. Ich knipse

sie an, doch es ist zwecklos, das Lampenlicht kann die Finsternis nicht durchdringen. Wo ist denn die KĂŒste? Ich kneife meine Augen zusammen, um besser sehen zu können. Aus allen Richtungen starrt mich nur Dunkelheit an. Der Wind flaut ab. Kein GerĂ€usch, keine Lichter in der Ferne, keine Sterne am Himmel geben mir einen Anhaltspunkt, wo sich die Insel befinden könnte. Mein Herz wummert gegen die Brust. Ich irre durch eine SchlickwĂŒste, die offenbar kein Ende nimmt. Kleine Priele kreuzen meinen Weg. Hoffentlich werden sie nicht tiefer. Panik steigt in mir auf, engt mir die Brust ein und quetscht meine

Atmung. „Scheiße, oh Mann, Scheiße!“, schreie ich in die Finsternis. Welche Richtung soll ich einschlagen? Was ist denn das? Ein leichtes Brausen nĂ€hert sich. Ich lenke den Strahl der Lampe in die Richtung, aus der das GerĂ€usch kommt. Ein flatterndes Etwas fliegt auf mich zu. Ich weiche zurĂŒck. Soll das etwa ein Vogel sein? Bei Nacht? Das Wesen hat keine Angst vor mir und der Helligkeit der Lampe. Im Gegenteil, es fliegt dicht vor meinem Gesicht hin und her und stiert mich an. Die Situation ist unheimlich. Auf einmal ist der kleine Vogel verschwunden, um im nĂ€chsten Moment mit sanftem FlĂŒgelschlag meine

Stirn zu streifen. Sein Blick hypnotisiert mich. Mir wird klar, dass mein GegenĂŒber ein Knutt, ein kleiner StrandlĂ€ufer, ist. Verflucht, wieso weiß ich das eigentlich? Meine Augen sind weit aufgerissen, ich kann sie nicht mehr bewegen. Braune Vogelaugen tauchen in meine ein und lĂ€hmen mich auf merkwĂŒrdige Art. Leichtigkeit durchdringt mich, eine Leichtigkeit, die so angenehm ist, wie ich es noch nie erlebt habe. Ich habe das GefĂŒhl zu zerfließen, körperlos zu sein. Ich bin glĂŒcklich.


2. Ankunft im Wattenmeer

Die ersten Sonnenstrahlen blinzeln am Horizont ĂŒber das Meer. Der Tag bricht durch die Dunkelheit. Es ist unglaublich, ich schwebe in einer dunklen Vogelwolke. Mal wird diese grĂ¶ĂŸer, mal wird sie kleiner, verdichtet sich oder verliert an Höhe. Unter mir schimmert das Watt in der Sonne. Ich spĂŒre eine grenzenlose Freiheit. Tausende Knutts umgeben mich. Ich empfinde wie sie, ja, ich verstehe sie. WĂ€hrend des Fluges sind sie sehr gesellig und bilden dichteste SchwĂ€rme, in die sich kein Greifvogel getraut. Die vielen kleinen Vögel formen einen riesigen Organismus,

der jetzt zum Landeanflug ansetzt. Mit koordinierten synchronen Bewegungen fallen sie flatternd am Rande des feucht glĂ€nzenden Watts ein. Und ich bin mittendrin. „Geht es dir gut?“, meine nĂ€chtliche Bekanntschaft reckt seinen Kopf in meine Richtung und wedelt mĂŒde mit den FlĂŒgeln. „Nenne mich einfach Knut-Knut. Wir kommen aus Sibirien, sind ohne Unterbrechung mehrere Tage geflogen.“ „Ich bin Alfred“, teile ich ihm mit, obwohl kein Laut ĂŒber meine geschlossenen Lippen dringt. Ich begreife seine Gedanken und er meine. In seiner NĂ€he fĂŒhle ich mich sicher, hier oben kennt er sich

aus. Ich betrachte meinen neuen Freund. Wie ein Spitzensportler, der nonstop von Sibirien bis zum deutschen Wattenmeer fliegt, sieht er nicht aus. Seine amselgroße Gestalt wirkt gedrungen, das runde Köpfchen sitzt auf einem kurzen Hals, der in rundlichen Schultern endet. Die Beine und der gerade Schnabel sind relativ kurz. Man traut ihm diese Leistung einfach nicht zu. „Schau mich doch an, wie dĂŒnn ich geworden bin!“ TatsĂ€chlich sieht er etwas mitgenommen aus. Die zerzausten FlĂŒgel ragen aus der schmĂ€chtigen Gestalt heraus, so als wĂŒrden sie im nĂ€chsten Moment

abfallen. „Ich muss mich ausruhen und viel fressen, denn den Winter werden wir im SĂŒden verbringen. Jetzt habe ich fĂŒr solch eine Reise keine Kraft mehr.“ Ich spĂŒre die Erschöpfung, die sich in den Vögeln ausgebreitet hat. Die Knutts stehen dicht an dicht gedrĂ€ngt und erholen sich. „Schau doch mal, ob das Wasser weggeht. Mir ist ganz schlecht vor Hunger“, jammert Knut-Knut. Immer noch kommen neue SchwĂ€rme aus Sibirien an. Mein kleiner Kumpel wird unruhig und schwingt mit seinen FlĂŒgeln. Der Hunger lĂ€sst ihm keine Ruhe. Endlich verrichtet

die Ebbe ihr Werk: Die WattflĂ€chen fallen trocken. Die Knutts verteilen sich auf dem freigelegten Wattboden, das Fressfest kann beginnen. Die SchnĂ€bel versinken im Sand, um unermĂŒdlich nach Nahrung zu suchen. „Hmm, lecker.“ Er verschlingt genĂŒsslich eine Schnecke. Gleich darauf verschwindet eine ganze Muschel in seinem Schnabel. „Hast du die eben im ganzen StĂŒck geschluckt? He, wie machst du das?“ Ich staune. „Aber Alfred, hast du keine Magenmuskeln?“, fragt er mich. Seine Augen drĂŒcken Verachtung aus. Ich komme mir wie ein Weichei vor.

Als NĂ€chstes muss ein Kleinkrebs dran glauben. Knut-Knut hebt sein Köpfchen. Seine dunklen Augen streifen mich von unten nach oben: „Naja, du bist ein schwacher Zweibeiner, und dazu noch ein Mensch. Trotzdem seid ihr gefĂ€hrlich. Ihr nehmt mir und meinen Kameraden den Raum zum Leben 
“ „Wieso kann er mich sehen?“, geht es mir durch den Kopf. Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf die Stelle, wo sich normalerweise mein zu dick geratener Bauch befindet. Ich atme auf, er ist immer noch verschwunden, so wie der Rest meines Körpers auch. Dieser Zustand gefĂ€llt mir, da ich noch nie eine

Schönheit gewesen bin. Doch mein neuer Begleiter scheint mich sehen zu können. Wie ist das möglich? Ich weiß keine Antwort ... Was hat er gerade gesagt? Ich sollte mich nicht immer ablenken lassen. Knut-Knut fĂ€hrt fort: „Die Nonstop-FlĂŒge machen uns hungrig. Im Wattenmeer legen wir eine Pause ein, um auszuruhen und uns fĂŒr den Weiterflug zu stĂ€rken. Doch reichen die angefutterten Fettreserven nicht immer aus, und einige von uns schaffen die weiten Reisen nicht. Das hat es frĂŒher kaum gegeben.“ Was soll ich ihm erwidern? Ich habe nie einen Gedanken an die Welt im Watt

verschwendet, das ist mir nicht irdisch genug. Hauptsache, ich habe meinen Urlaub, am besten bei Sonnenschein, hin und wieder ein Weib und meine Entspannung in der „Friesenbude“. Neulich ging es in meiner beliebten Inselkneipe hoch her. An unserem Tisch saß ein junger Kerl aus MĂŒnchen. So grĂŒn seine Kleidung war, so grĂŒn war auch seine Gesinnung. Er kritisierte den Deichbau, der auf der Insel vorangetrieben wird. Durch die Eindeichung der Wattbereiche und Salzwiesen wĂŒrden die WasserbestĂ€nde bei Sturmfluten höher auflaufen und die Gebiete zerstören. Die WattflĂ€chen seien

wichtig als Aufwuchsgebiete fĂŒr Fische und Muscheln. Außerdem wĂŒrden die Salzwiesen den Vögeln als HochwasserrastplĂ€tze dienen. Daraufhin entbrannte eine lautstarke Auseinandersetzung. Worte, wie Treibhauseffekt, hĂ€ufigere und höhere Sturmfluten, KĂŒstenschutz, usw. prallten auf den Mann aus MĂŒnchen ein. Er hatte die schlechteren Karten, war er doch von Einheimischen umringt. Skipper Lasse brachte es auf den Punkt: „Sollen wir hier alle ersaufen?“ WĂ€hrend sein Gesicht rot anlief, bebte sogleich unser Tisch, da seine Faust mit voller Wucht auf die Platte donnerte. Ich fand den Streit, der meinen

Urlaubsfrieden störte, blöd und habe die Kneipe verlassen. Vielleicht wĂ€re es besser gewesen, wenn ich den GrĂŒnen aus MĂŒnchen verteidigt hĂ€tte. Mein Vogelfreund soll doch nicht verhungern. Die Wasserlachen im Schlick vermehren sich, werden grĂ¶ĂŸer und kĂŒndigen die Flut an. Das steigende Wasser drĂ€ngt die Knutts auf die höher gelegenen Gebiete zurĂŒck. Sie leben in einem eigenartigen Rhythmus, der sich in seinen Ruhe- und Wachzeiten nach den Gezeiten richtet. Bei Hochwasser ist Ausruhen und bei Ebbe ist Fressen angesagt, auch nachts. Ich mache mir Sorgen um meinen GefĂ€hrten. Sein Federkleid sieht aus, als

hĂ€tte der Meereswind sein Unwesen getrieben, Federn herausgezupft und LĂŒcken zurĂŒckgelassen. Knut-Knuts FlĂŒgel hĂ€ngen herab. Er meidet das GesprĂ€ch mit mir. Komme ich ihm zu nah, fliegt er weg. Seine Launen rĂŒtteln an meinen Nerven. Sie erinnern mich an die Unausgeglichenheit meiner Verflossenen in ihrer prĂ€menstruellen Phase. In diesen Zeiten durfte ich nichts Falsches sagen. Trotzdem, solch eine Stimmung behagt mir nicht. Ich halte sein Benehmen nicht aus und fordere ihn auf: „Kannst du nicht ein bisschen freundlicher sein?“ Die telepathische Kommunikation gefĂ€llt mir gut.

Der Vogel verdreht seine Augen und antwortet: „Lass mich, ich muss mein Gefieder erneuern, ich brauche unbedingt neue Flugfedern. Außerdem ist mir kalt.“ Er dreht sich um und watet davon, um in einiger Entfernung ein Krebstier zu verspeisen. Nicht nur mein Freund mausert sich, nein, alle Knutts bekommen neue Federn. Auch auf meiner Haut kribbelt es und ich friere. Die Empfindungen ĂŒbertragen sich. Mein kleiner Kumpel tut mir leid. Sein Energiehaushalt liegt vollkommen am Boden. Die KĂ€lte hat freien Zugriff auf seine federlose HĂŒlle. Da hilft nur eins:

Futtern, futtern und nochmals futtern. Knut-Knut sucht erneut meine NĂ€he: „Wenn ich genĂŒgend Fettpolster und Kraft habe, kommst du mit in meine warme Winterresidenz, die sich in Afrika befindet. Dann lassen wir es uns gut gehen.“ Sofort sehe ich mich in einer HĂ€ngematte liegen, umringt von schönen, dunkelhĂ€utigen MĂ€dchen, die mit der Sonne um die Wette lachen und mir ein GlĂ€schen „KĂŒstendunst“ in die Hand drĂŒcken. Hoffentlich kommt diese warme Zeit bald ... Tausende VogelschnĂ€bel durchkĂ€mmen den Wattboden nach Leckereien. Ich staune, wie schnell Krebse, Muscheln

und WĂŒrmer in den SchlĂŒnden verschwinden. Mit der Zeit wird mein Freund wieder umgĂ€nglicher. Sein Kleiderwechsel ist beendet. „Du siehst wieder richtig toll aus“, bemerke ich anerkennend. Mit gestreckten Beinen stolziert der kleine Vogel hin und her, was mich zum Lachen bringt, und prĂ€sentiert sein neues Kleid. Der RĂŒcken hat eine graue Farbe angenommen, wĂ€hrend die Unterseite des Watvogels im nagelneuen Weiß leuchtet. Chic sieht er aus. Die abgeworfenen Federn bilden im Uferbereich einen weichen Teppich. Ein Windstoß wirbelt sie auf, um sie an

anderer Stelle wieder fallen zu lassen.

3. Winterquartier in Westafrika

Knut-Knut hĂŒpft auf der SchlickflĂ€che des Watts um mich herum und ruft: „Jetzt geht es bald los, jetzt geht es bald los, und du kommst mit.“ Die Kraft der Natur drĂ€ngt ihn zum Weiterflug, daher findet die Fressorgie allmĂ€hlich ein Ende. Auch ich sehne mich nach WĂ€rme. Die Unruhe der Vögel ĂŒbertrĂ€gt sich auf mich. Einzelne Gruppen fliegen auf, drehen einen großen Bogen ĂŒber das im Sonnenschein funkelnde Watt und landen wieder. Doch immer mehr erheben sich, um sich dem Zug anzuschließen. Ich bin umringt von schwirrenden FlĂŒgeln, als

die Reise nach Afrika beginnt. Der Tag ist klar. Die Sonne erstrahlt am kaltblauen Himmel und lĂ€sst die vielen kleinen Vogelkörper als dunkle Schattenwolke auf dem schlickigen Boden erscheinen. „He, Alfred“, im Sturzflug schwebt mir mein Kumpel entgegen, flattert vor meinen Augen hin und her, um sich sogleich wieder zu entfernen. Er spielt mit mir, wĂ€hrend weit unten kleine Landschaften vorbeiziehen. WĂ€lder und Felder haben das Meer verdrĂ€ngt. In der Ferne warten hohe Berge auf uns, denen wir uns rasch nĂ€hern. Wir segeln ĂŒber die Gebirgskette hinweg. Die HöhenzĂŒge sehen wie sanfte Wellen aus, die sich

durch das Gestein schlĂ€ngeln. Es ist ein Meer, ein Meer aus Bergen und TĂ€lern. Ich erfahre einen innigen Einklang mit der Natur, der durch jede Faser meines Inneren dringt. Eine Druckwelle vertreibt meine angenehme Stimmung mit lautem Getöse. Ein Knall erschĂŒttert den Äther. Eine unsichtbare Kraft verteilt StĂ¶ĂŸe, die mich hin und her werfen und die ich mir nicht erklĂ€ren kann. Was ist das fĂŒr ein Knall gewesen? Wo ist mein Freund? Ich bin froh, als ich ihn entdecke. Er eilt mit kĂŒhnem Schwung herbei, um mir zu helfen. „Komm, wir fliegen etwas höher. Dann geht es uns besser.“ Knut-Knut nutzt die

gĂŒnstige Thermik und lĂ€sst sich ohne Anstrengung höher tragen. Ich ahme es ihm nach. Unter uns lĂ€rmt ein riesiges Flugzeug, dessen Überschalldonner mich aus der Bahn geworfen hat. Die Natur umgibt uns erneut mit ihren GerĂ€uschen des Windes, des Regens und der FlĂŒgelschlĂ€ge der vielen Vögel, in deren Schwarm ich mich befinde. Wir fliegen und fliegen, ohne eine Rast einzulegen. „Wann kommen wir in Afrika an? Wie lange mĂŒssen wir noch unterwegs sein?“ Knut-Knut sinkt zu mir herab. „Noch mal so weit“, antwortet er und schweigt. Als er meinen unglĂ€ubigen Blick wahrnimmt, fĂ€hrt er fort: „Ich verstehe zwar nicht,

warum ihr Menschen alles messen und bewerten mĂŒsst, aber ihr wĂŒrdet sagen, es geht noch zweimal die Sonne auf.“ „Du musst doch auch mal pennen! Wie machst du das?“ Ich schwebe neben dem Vogel. „Ja, weißt du, manchmal schlĂ€ft ein Teil von mir, der andere hat alles unter Kontrolle.“ „Was du kannst gleichzeitig schlafen und wach sein?“ Ich beneide meinen Kumpel um diese bewundernswerte Gabe. Überhaupt war er ein riesiges Fragezeichen fĂŒr mich. Wie kann es sein, dass ein so kleines Wesen ohne Zwischenstopp drei bis vier Tage fliegen kann?

Ich kann meine Neugierde nicht unterdrĂŒcken, bis ich ihn erneut mit einer Frage nerve: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dein angefressener Speck fĂŒr einen derartigen Extremflug ausreichend Energie spendet.“ „Du hast recht“, antwortet er, „manchmal reicht es wirklich nicht, obwohl wir wĂ€hrend der Reise auch nicht benötigtes Gewebe, wie zum Beispiel vom eigenen Magen, verdauen.“ „Ihr fresst euch selbst auf?“ Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mit den Worten: „Du spinnst“ lĂ€sst er sich vom Wind in die Höhe tragen und verschwindet aus meinem

Blickfeld. Wir nĂ€hern uns Afrika. Der FlĂŒgelschlag meines Freundes hat an Kraft verloren. Ich bin froh, dass der Vogelzug ein Ende findet und Knut-Knut wieder schlemmen kann. In der Tiefe sehe ich, wie die WĂŒste in den großen Ozean ĂŒbergeht. Wir setzen zur Landung an. „Hoffentlich finden wir ein freies PlĂ€tzchen.“ Ich folge seinem Blick. Am Boden drĂ€ngen sich unzĂ€hlbar viele Vögel auf den SanddĂŒnen. Wir quetschen uns dazwischen. Es sind nicht nur Knutts, die auf die Ebbe und damit auf den reich gedeckten Wattboden warten. Auch andere

Zugvögel folgen ihrem Instinkt und ĂŒberwintern in Afrika. Und endlich, mein ausgehungerter Freund findet hier jede Menge Muscheln, ausreichend Nahrung und alles, was ihm gut tut. Die Vögel tauchen ihre SchnĂ€bel in das freigelegte Watt, um nach Leckerbissen zu suchen. Die Konkurrenz ist groß und die Nahrungsgebiete wollen erobert sein. Das ist beschwerlich, da uns die glutrote Sonnenscheibe ihre trockene Hitze entgegen schleudert. Trotzdem freut sich mein Kumpel: „Alfred, hier ist es sooo schön. Es gibt viel zu futtern, und ich muss nicht so weit fliegen. Hier gibt es keine Schiffe, Flugzeuge und Menschen, die mich

erschrecken und einengen.“ Ich verstehe: NatĂŒrlich braucht er genĂŒgend Raum zum Ruhen, bis die Ebbe kommt. Was nĂŒtzt es ihm, wenn er dafĂŒr grĂ¶ĂŸere Strecken fliegen, Energie vergeuden muss, weil Hafenanlagen, Deiche und sonstige Bebauungen diese Rastgebiete beeintrĂ€chtigen? Dieser Kontinent bietet den Langstreckenziehern eine absolut ruhige, unberĂŒhrte Natur. Ebbe und Flut bestimmen auch hier seinen gewohnten Rhythmus. Ich fĂŒhle mich, trotz der hohen Temperaturen, wie in einem Wellnesscenter. Mir ist unklar, wie mein Freund diese Hitze vertrĂ€gt. Wie viel Zeit ist eigentlich vergangen?

Sind wir einige Wochen hier oder gar Monate? Ich genieße das faule Nichtstun. Es könnte immer so weiter gehen. Dummerweise denken die Knutts anders darĂŒber. Das geheimnisvolle Band, das mich mit ihnen verbindet, lĂ€sst mich ihre beginnende NervositĂ€t wahrnehmen. Das Pochen in meiner Brust verstĂ€rkt sich. Knut-Knut rennt hin und her, flattert mit den FlĂŒgeln und zwitschert mir zu: „Bald ziehen wir weiter. Wir fliegen wieder in das Gebiet, wo wir uns kennengelernt haben.“ „ZurĂŒck ins deutsche Wattenmeer? He, was soll das! Ich bleibe hier.“ Leider kann ich mich dem nicht entziehen. ZunĂ€chst flattern nur einzelne

Knutts in die Höhe, doch bald sind es mehr. Das kenne ich bereits. Knut-Knut sieht mich eindringlich an, seine innere Uhr sagt, dass es Zeit ist, das tropische Wattengebiet zu verlassen. Ich widersetze mich mit allen Sinnen, doch es nĂŒtzt nichts. Er nimmt mich auf magische Weise in sein Schlepptau, ich kann mich strĂ€uben, wie ich will, es ist vergebens. Und wieder befinde ich mich in den Höhen des Universums. Ich freue mich, dass der RĂŒckenwind den Vogelfreunden hilft und sie in die gewĂŒnschte Richtung, nach Norden, blĂ€st. Da mĂŒssen sie sich nicht so anstrengen.

4. Zwischenrast im Wattenmeer

Der Flug nimmt kein Ende. Ich bewundere die Ausdauer meiner Freunde, die ihre FlĂŒgel im steten auf und ab bewegen. Die Landschaft unter uns zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, ich erkenne sie. Braune Felder, weiße und grĂŒne StrĂ€nde, mit Reet bedeckte HĂ€user und BĂ€ume, die im GrĂŒn des FrĂŒhlings wieder aufleben, huschen vorbei. Wir ĂŒberfliegen den Norden Deutschlands, das Meer und die friesischen Inseln, um gleich darauf im Wattenmeer, das den Knutts als Tankstelle dient, zu landen. „Hier werde ich noch mal richtig reinhauen!“, und tatsĂ€chlich durchwĂŒhlt

Knut-Knut mit seinem Schnabel den Wattboden und bringt eine Plattmuschel zum Vorschein, die er mit einem Happ verschlingt. „Hmm, das schmeckt gut. Hier ist soviel Fleisch dran.“ Er ist hungrig. Kein Wunder, mein kleiner Marathonflieger muss seine Energiereserven erneut aufstocken. Hoffentlich bietet das Watt auch in Zukunft ausreichend Muscheln, Schnecken und sonstige Nahrung fĂŒr die Vögel. Ich erinnere mich an den GrĂŒnen aus meiner Inselkneipe: Er belĂ€stigte erneut meinen Urlaubsfrieden, dieses Mal auf einer

Bank in den DĂŒnen, die ich gern aufsuche, um mein Mittagessen zu verdauen. Ohne zu fragen, setzte er sich neben mich, schlug eine Zeitschrift auf und mir schwante nichts Gutes. „Hab ich’s nicht gleich gesagt“, fuhr er mich an. Ich schreckte auf, genoss ich doch das Rauschen des Meeres. „Was, was ist los?“ „Die Zahl der Muscheln im Meer ist zurĂŒckgegangen“, sprach er weiter. „Ist mir egal“, antwortete ich, “ich esse das schwabblige Zeug sowieso nicht.“ Ich dachte, er ließe mich jetzt in Ruhe. Stattdessen ging es erst richtig los. Er stach mit dem Zeigefinger auf die

entsprechende Textstelle. „Hier steht es geschrieben.“ Seine Stimme ĂŒbertönte die Windböen, die sich verstĂ€rkten. „Durch die maschinelle Muschelfischerei, das Ausbaggern von Fahrrinnen und durch andere VerĂ€nderungen des Meeresbodens ist die Zahl der Muscheln zurĂŒckgegangen.“ Er wedelte mit der Seite vor meinen Augen herum und ging mir damals tĂŒchtig auf den Sack. Als Folge stand ich auf, und ging grußlos weg ... Jetzt lebe ich zusammen mit den Knutts im Watt und habe großen Respekt vor ihrem anstrengenden Dasein. Ich betrachte Knut-Knut. Es wĂ€re ein

Albtraum, wenn das Watt seine Bewohner nicht mehr ernĂ€hren könnte. Der Vogel patscht durch eine Wasserlache auf mich zu. „Ich sage es dir gleich, es kann sein, dass ich schlechte Laune bekomme.“ „Wieso?“ „Wir werden bald Hochzeit feiern, und dazu benötige ich ein neues Kleid“, entgegnet der kleine Vogel. „Heiraten? Du spinnst wohl. Ich heirate nie!“ Mein Freund springt zurĂŒck und schaut mich verdutzt an. Er öffnet seinen Schnabel: „Ich werde heiraten“, wobei er das ‚ich‘ in die LĂ€nge zieht, „und dazu benötige ich ein neues Kleid.“

Und in der Tat weist sein Gefieder bereits erhebliche LĂŒcken auf. Auch die anderen Vögel mausern sich, es ist ein Energie verzehrender Prozess. „Mein Hochzeitskleid wird, wie bei allen MĂ€nnchen, rotbraun aussehen. Die MĂ€dchen sind natĂŒrlich nicht so hĂŒbsch, die bleiben etwas blasser.“ „Wann wirst du heiraten?“ „NatĂŒrlich, wenn ich wieder Fett auf meinen Knochen habe und mein Prachtkleid komplett ist. Du weißt aber auch gar nichts!“, er rollt mit seinen großen Augen. Wird Knut-Knut Chancen bei den MĂ€dels haben? Wo wird er heiraten? Fragen ĂŒber Fragen bedrĂ€ngen mich. Leider habe ich

immer Pech mit den Frauen. Ich weiß nicht warum, nie bleiben sie bei mir. Ich habe es aufgegeben, eine Frau fĂŒrs Leben zu finden. „Es dauert nicht mehr lange, und wir ziehen weiter in die sibirische Tundra“, dringt seine Stimme wie aus weiter Ferne zu mir, obwohl er direkt neben mir fliegt. Ich schrecke aus meinen Gedanken. „Was, Sibirien? Jetzt, im FrĂŒhjahr fliegt ihr in diese KĂ€lte? Hier fĂ€ngt bald der Sommer an. Ihr seid ja verrĂŒckt!“ Mir war das total unlogisch. „Wieso verrĂŒckt? Das machen wir immer so. Ich muss doch mein Brutrevier abstecken, und das geschieht im hohen

Norden“, Knut-Knut wackelt mit seinem Kopf. Er schaut mich mit einem „Wie-kannst-du-nur-so-blöde-sein-Blick“ an und watet auf der Suche nach Schalentieren und anderen SpezialitĂ€ten davon. Das Schauspiel beginnt von Neuem. Die Vögel schnattern hĂ€ufiger als sonst. Ihre Erregung steigert sich. Immer mehr beleben die LĂŒfte, bis ein großer Vogelschwarm den Himmel schwĂ€rzt. Die vielen Vogelleiber formieren sich zum Langstreckenflug, schieben sich vor die Sonne und werfen einen großen Schatten auf die nass schimmernde Landschaft.

5. Hochzeit und Kinderstube in Sibirien

Es geht weiter Richtung Norden. Die Vögel haben ihre Landkarte im Kopf, was sehr praktisch ist. Ich könnte solch ein Navi in meinen Gehirnwindungen auch gut gebrauchen, doch Mutter Natur hat uns Menschen leider nicht so perfekt ausgestattet. DafĂŒr haben wir GPS. Der Flug raubt aufs Neue alle KrĂ€fte. Die SchwĂ€che in den Vögeln ist groß, und es ist gut, dass wir landen. Nach langer Reise haben wir unser Ziel erreicht. Ich traue meinen Augen nicht, denn hier tobt noch der Winter. Obwohl Knut-Knut unter diesen Bedingungen wenig zum Fressen finden wird, strahlt er

Zuversicht aus. Er freut sich auf die Hochzeit. Es ist empfindlich kalt, doch dauert es nicht lange, bis die Schnee- und Eisflecken auf dem kargen Boden verschwinden. Das Schmelzwasser sammelt sich in TĂŒmpeln und PfĂŒtzen. Die frostige Zeit ist vorbei. Die Knutts mĂŒssen sich in der Tundra auf ein Landleben umstellen. Ihre SchnĂ€bel zermalmen Insekten, MĂŒckenlarven und Beeren. An Muscheln ist nicht mehr zu denken. Schon wieder zappelt eine fette Spinne in Knut-Knuts Schnabel. Mein Gesicht verzieht sich bei diesem Anblick. Ich bewundere die ZĂ€higkeit dieser kleinen Vögel, da sie

sich immer wieder auf die extrem unterschiedlichen Umweltbedingungen einstellen können. Mein Freund zeigt erneut AllĂŒren, die ich zunĂ€chst nicht verstehe. Ich bekomme ihn seltener zu sehen. Wenn er in meiner NĂ€he ist, ist er flatterig und kann es kaum erwarten, wieder zu verschwinden. Und jetzt ist er seit Tagen nicht mehr erschienen. Ich mache mir Sorgen. Überhaupt, wo sind die anderen Knutts? Die sonst so geselligen Wesen isolieren sich. Hier und da sehe ich eifrige Vögel, die Flechten in ihren SchnĂ€beln transportieren. Irgendetwas ist im Gange. Die Spannung, die in der Luft liegt, erfasst all meine Sinne. Ein lange

verlorenes GefĂŒhl hat sich meiner ermĂ€chtigt. Es ist wie damals, als ich meine erste Liebe kennengelernt habe. Schmetterlinge rumoren in meinem Bauch. Als sich Knut-Knut endlich wieder sehen lĂ€sst, verstehe ich, was vorgeht. „Darf ich dir meine diesjĂ€hrige Errungenschaft vorstellen?“, fragt er mich. Ein zarter Vogel watet vor mir auf und ab, es ist sein MĂ€del im grauen Federkleid. „Komm mit! Wir sind gerade dabei, unser Nest zu bauen“, sagt sie. Wir erheben uns in die LĂŒfte. Sein Weibchen sucht Moos, trockenes Gras und andere Materialien, die es fĂŒr den

Nestbau benötigt. Knut-Knut zieht im Sinkflug seine Kreise ĂŒber dem Brutrevier, wobei er ein lautes Flöten von sich gibt. Wenn er landet, schwenkt er seine FlĂŒgel mit den hellen Unterseiten weit hinter den RĂŒcken hoch. Jeder andere Vogel weiß jetzt, dass dieses Gebiet vergeben ist. Hier entsteht sein Nest. Nach kurzer Zeit prĂ€sentiert er das vollendete Bauwerk. Vor mir scheint die Sonne in eine kleine Mulde im Boden, die mit verschiedenen Pflanzenteilen ausgelegt ist. „Ihr habt ja schon Eier gelegt.“ „Ich nicht, aber meine Sommerliebe“, verbessert er mich. Drei ovale

blassgrĂŒne Eier mit braunen Tupfen und Strichen leuchten aus dem Nest hervor. Knut-Knut breitet sich ĂŒber sie aus und gibt ihnen seine WĂ€rme. Sein Weibchen sucht das Weite. „Bist du etwa allein fĂŒr das BrutgeschĂ€ft verantwortlich?“ „Nein, manchmal setzt sie sich auch drauf, doch ich bin fleißiger.“ Meine verstĂ€ndnislosen Augen verwundern ihn. Sein rechter FlĂŒgel zappelt unruhig auf dem Nest hin und her - ein Zeichen seiner Ungeduld. Doch offensichtlich ist er der Meinung, dass weitere ErklĂ€rungen in meinem Fall zwecklos sind. Das nĂ€chste Familiennest ist mehrere

Kilometer entfernt. Die Stille, die ĂŒber der Landschaft liegt, ist Balsam fĂŒr meine Ohren. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, nur einmal donnern russische Armeeflugzeuge ĂŒber uns hinweg. Es ist Juni, die Zeit der ewigen Sonne, die hier auch nachts nicht verschwindet. Ich friere nicht mehr, und die Vögel finden wieder mehr Nahrung. Nach etwa drei Wochen deutet ein leichtes Knistern an, dass die Eierschalen aufbrechen. Hervor lugt ein Schnabel, an dem ein kleines verklebtes neues Leben hĂ€ngt. Knut-Knut hĂŒpft aufgeregt herum. Auch die anderen Eier knistern. Doch dies scheint seine Sommerliebe nicht zu interessieren. Sie erhebt sich in die LĂŒfte

und macht sich aus dem Staub. Mit gemischten GefĂŒhlen nehme ich wahr, wie sie in der Ferne zu einem Punkt zusammenschrumpft, bis ich sie nicht mehr erkennen kann. Ich habe sie nie wieder gesehen. Na, wenn das meine Frau wĂ€re, der wĂŒrde ich was erzĂ€hlen! Ich beobachte, wie die Kleinen vom ersten Tag nahezu selbststĂ€ndig futtern. Anfangs sieht das noch etwas ungeschickt aus. Mein Kumpel Knut-Knut weicht nicht von ihrer Seite. Er zeigt ihnen, wie und wo sie die besten Leckereien finden können, er beschĂŒtzt sie gegen Angreifer und rĂŒstet sie mit allem notwendigem Wissen fĂŒrs Überleben aus. Er ist ein fĂŒrsorglicher

Vater, obwohl das meiner Meinung nach, eine Angelegenheit der Weiber sein sollte. Ich weiß nicht, in was fĂŒr eine Welt ich hier geraten bin. Bald werden auch die Kleinen die lange Reise zum Watt der friesischen Inseln antreten, von wo sie nach einer Zwischenrast weiter nach Afrika, ins Winterquartier, fliegen. Ich werde wieder dabei sein und sie auf ihren langen Flug nach SĂŒden begleiten. Das sĂŒĂŸe Leben in Afrika lockt. Meine Fantasie zeichnet farbenfrohe Bilder. Doch es sollte anders kommen.

6. Gefahr

Knut-Knut rennt flĂŒgelschlagend im Moos auf und ab, wobei sich sein Köpfchen in meine Richtung dreht. Er lĂ€sst mich nicht mehr aus den Augen. Plötzlich stĂŒrzt er auf mich zu, um im nĂ€chsten Moment wieder abzubremsen. Vor mir bleibt er stehen. Er steht einfach nur da und starrt mich an. Jetzt öffnet er seinen Schnabel, schließt ihn, öffnet ihn erneut - das setzt sich eine Weile so fort. Er möchte etwas mitteilen, doch bei mir kommt nichts an. Wieso kann ich ihn nicht verstehen? Die GedankenĂŒbertragung funktioniert nicht mehr, die mentale Leitung wurde

gekappt. Die Situation ist mir nicht geheuer. Was soll ich nur tun? Das Blut schlĂ€gt gegen meine Adern, wĂ€hrend ich ihn nicht mehr aus den Augen lasse. Mein kleiner Freund wackelt mit seinem Kopf hin und her, bevor er sich in die LĂŒfte erhebt. Er umkreist mich mit grĂ¶ĂŸer werdenden Spiralen, bis eine Böe ihn davontrĂ€gt. Ich bleibe zurĂŒck. Seine Gestalt verschwimmt vor meinen Augen, die ganze Umgebung ist verzerrt. Es ist kalt, so eiskalt. Die abgenutzten Knochen schmerzen. Die KĂ€lte versucht, meine Muskeln zu lĂ€hmen, doch das Schlottern meiner Glieder verhindert das. Wasser, ĂŒberall ist Wasser – es strömt

durch meine Nasenlöcher, die Augen brennen. Ich schnappe nach Luft, wĂ€hrend meine Arme in den Naturgewalten herumschlagen und versuchen, den Kopf aus dem Wasser zu halten. Die Augenlider wollen mir nicht gehorchen, doch endlich gelingt es, sie zu öffnen. Immer deutlicher offenbart sich die Umgebung. Um mich herum plĂ€tschert graues Nass und schleudert meinen willenlosen Körper hin und her. Meine Reflexe drĂŒcken mich endgĂŒltig nach oben, wo sich mit glucksenden GerĂ€uschen mein Brustkorb weiten kann. Sauerstoff fĂŒllt meine Lungen. Es riecht nach Salz und Seetang. Mit der Atmung

kommt die Übelkeit, die mein Innerstes nach außen stĂŒlpt. Der Magen schleudert seinen Inhalt auf die WasseroberflĂ€che, die Wirklichkeit hat mich wieder. Die Sterne verblassen am Nachthimmel, sie kĂŒndigen an, dass der Tag die Dunkelheit vertreiben wird. Ich versuche, mich unter Kontrolle zu bringen, meine Bewegungen zu koordinieren. Es strengt an. „Eins und zwei und eins und zwei“, kommandiere ich Arme und Beine, damit sie mich durch das Meer bewegen können. Ach, wenn ich doch besser schwimmen könnte! Einen Schwimmkurs habe ich nie besucht. Ich verfluche meinen Bierbauch, er ist einfach nur

hinderlich. Ich recke meinen Kopf ĂŒber die Wellen und atme tief. „Gott sei Dank“, rufe ich in das Morgengrauen, dass die nahe KĂŒstenlinie erkennen lĂ€sst. Land, es ist endlich Land in Sicht. Die Muskeln schmerzen. Meine FĂŒĂŸe ertasten Grund, gleich hat dieses Martyrium ein Ende. Mit letzten KrĂ€ften krauche ich durch den Schlick zum Ufer, wo ich wie ein nasser Sack in die Salzwiese falle. Ich schließe die Augen. Die Erschöpfung presst mich in den Boden. Meine Glieder sind so schwer, dass ich mich nicht mehr rĂŒhren kann. Doch das tut gut. Blitze schrecken mich auf, deren

Donnergedröhne sich mit einigen Regentropfen entlĂ€dt. Ich stemme mich gegen die Erde, um in die senkrechte Lage zu kommen. Es dauert einige Minuten, bis es mir gelingt. Die Knie wollen mir nicht gehorchen, sie knicken immer wieder ein. Der Sturm aus Nordwest heult um meine Ohren. Ich fange an zu laufen, erst schwankend, doch meine Bewegungen werden schneller. Die Frau des InselbĂ€ckers erscheint am Ende der Straße. Sie geht zur Arbeit. Trotz des kalten Sturmes bleibt sie stehen und legt ihre Handkante an die Stirn, um mich besser sehen zu können. Sie will etwas sagen, doch gleich darauf

klappt ihr Mund unverrichteter Dinge wieder zu. Erschreckt sie mein Anblick so sehr? Blitzschnell begreife ich: In kurzer Zeit wird ihr Plappermaul viel zu tun haben. Wenn die ersten Kunden die BĂ€ckerei betreten, weiß bald das gesamte Dorf, in welchem Zustand sie mich in den frĂŒhen Morgenstunden angetroffen hat. Ich höre die Weiber schon tratschen: „Der Alfred war voller Schlamm, sogar Seegras hing ihm aus den Ohren und seiner Kleidung, sodass er ganz grĂŒn aussah. Der ist wahrscheinlich im Suff ins Watt gefallen.“ Diese dummen KĂŒhe werden sich die MĂ€uler ĂŒber mich

zerfetzten. Ich biege in die DĂŒnengasse ein, wo sich meine Ferienwohnung befindet, und stoße die HaustĂŒr auf. Das TreppengelĂ€nder gibt Sicherheit und hilft, mich nach oben zu hieven. Eine Schlammspur verfolgt mich. Ich greife an meine Schulter, doch der Rucksack, in dem sich mein ZimmerschlĂŒssel befindet, ist verschwunden.

7. RĂ€tsel ĂŒber RĂ€tsel

Das Tageslicht dringt durch meine geschlossenen Augen. Ich ziehe die Bettdecke ĂŒber den Kopf, doch die Stare vor meinem Fenster legen es mit ihrem Gezeter darauf an, mich mit grĂ¶ĂŸter LautstĂ€rke zu wecken. Ich könnte ihnen den Hals umdrehen. Ich möchte gern liegen bleiben, doch der LĂ€rm lĂ€sst mir einfach keine Ruhe. Die BalkontĂŒr steht offen und gibt den Blick auf die Flasche „KĂŒstendunst“ mit dem dazugehörigen Schnapsglas frei. ‚Tolles Stillleben‘, denke ich, wĂ€hrend mein Blick die Schlammspuren auf dem Fußboden registriert. Ich springe mit

betontem Schwung aus dem Bett. Sogleich landen meine FĂŒĂŸe in einer kleinen Wasserlache, die auf den unebenen Dielen die Form einer breiten Schlange angenommen hat. Die NĂ€sse an den Fußsohlen erzeugt ein unangenehmes GefĂŒhl, sodass ich sofort die FĂŒĂŸe mit der Bettdecke abtrockne. Vom Tisch hĂ€ngen die Beine meiner verwaschenen Jeans, aus denen Wasser tropft. Auch die andere Kleidung liegt auf StĂŒhlen oder wahllos verstreut auf dem Zimmerboden herum. Mit einem staunendem „Nanu“ hebe ich meinen Pullover auf und betrachte das GrĂŒn darauf. Es ist Gras, wahrscheinlich eine Art Seegras. Der Pullover ist vor

NĂ€sse schwer. Meine Haare und meine Haut stinken faulig, irgendwie nach Modder. Ich bestaune den gehĂ€rteten Schlick in meinen Armbeugen und zwischen den Fingern. Woher kommt das bloß? Sofort gehe ich unter die Dusche. Was ist geschehen? Meine Erinnerung streikt. Habe ich getrĂ€umt? Ich habe Hunger und gehe zur InselbĂ€ckerei. Die Sonne steht sehr hoch. Wahrscheinlich ist es bereits Mittag. Die Frau des BĂ€ckers steht hinter der Auslage und lacht, als sie mich sieht: „Moin, Alfre-he-d.“ Ihr lachendes Glucksen verhindert, dass sie meinen Namen nicht richtig aussprechen kann.

Ich fĂŒhle mich belĂ€stigt: „Ist Ihnen eine Laus ĂŒber die Leber gelaufen? Warum feixen Sie so ...?“ Das Wörtchen „blöd“ kann ich noch rechtzeitig unterdrĂŒcken. „Ich habe Sie heute frĂŒh auf der Straße getroffen. Haben Sie das vergessen? Sie sahen vielleicht aus!“ Sie holt eine TĂŒte hervor, in die sie die drei gewĂŒnschten Brötchen gleiten lĂ€sst. Sie quasselt weiter: „Ich weiß Bescheid. „Sie haben im Watt ĂŒbernachtet, stimmt‘s?“ Der Spott und die Neugierde in ihrer Stimme sind nicht zu ĂŒberhören. Ohne eine Erwiderung werfe ich das Geld auf den Teller und verlasse den Laden.

Was meint sie nur? Ich zermartere mir den Kopf. WĂ€hrend ich die Hafenstraße entlanglaufe, schieben sich merkwĂŒrdige Bilder in mein GedĂ€chtnis. Mir wird bewusst, dass ich schon einmal durch diese Straße, allerdings zu einer recht ungewöhnlichen Tageszeit, gegangen bin. Der Morgen brach gerade erst an, und es war sehr windig. Die BĂ€ckersfrau hat recht, ich bin ihr begegnet. Sie ist sogar stehen geblieben. Ich erinnere mich jetzt genau an diese Szene. Ich war nass und habe gefroren. Doch was hat sich vorher zugetragen? Ich schließe die TĂŒr zu meiner Ferienwohnung auf. Die TĂŒte mit den

Brötchen landet auf den Tisch, wo auch meine Hose liegt. Ich schiebe sie einfach herunter, um Platz fĂŒr mein FrĂŒhstĂŒck zu haben. Sie platscht auf den Boden. So tief ich auch in meinem GedĂ€chtnis krame, Ă€ndert sich das Ergebnis nicht: Ich kann mich nicht richtig erinnern. Habe ich einen ĂŒber den Durst getrunken? Ich stĂŒtze den Kopf auf meine HĂ€nde und denke nach. Das FrĂŒhstĂŒck habe ich vergessen. Ein Klopfen schreckt mich aus meinen Gedanken. Kaum habe ich die TĂŒr geöffnet, poltert meine Vermieterin los: „Den ZweitschlĂŒssel können Sie vorerst behalten. Den anderen mĂŒssen Sie bezahlen.“

„Bezahlen? Welchen ZweitschlĂŒssel?“, entfĂ€hrt es mir. „Na also wissen Sie, ich habe Ihnen doch die TĂŒr öffnen mĂŒssen, weil sie Ihren SchlĂŒssel verloren haben. Oder ist er wieder aufgetaucht?“ Mit einer heftigen Kopfbewegung wirft sie ihre halblangen Haare aus dem Gesicht und spricht weiter: „Immerhin war durch Sie meine Nachtruhe vier Uhr beendet!“ Ihre Worte klingen in meinen Ohren wie eine kreischende MetallsĂ€ge. „Es geht nicht an, dass Sie andere Leute aus dem Bett werfen, weil Sie zu viel gesoffen haben und nicht in ihre Unterkunft können. Außerdem war die Treppe voller

Modder“, kreischt sie weiter. „Ich“, sie tippt sich mit ihrem Zeigefinger auf die Brust, „ich habe sie sauber gemacht!“ Ihr Absatz wirbelt wie ein Kreisel, als sie sich um 180 Grad umdreht. Die Treppe stöhnt unter der Last dieser Frau. Im Erdgeschoss fĂ€llt mit einem hölzernen Quietschen die HaustĂŒr zu. Einige Tage sind seit dem vergangen, ohne dass meine Erinnerung Fortschritte gemacht hĂ€tte. Wenn ich am Strand döse oder in meinem Bett am Einschlafen bin, drĂ€ngen Bilder aus den Tiefen meines Gehirns an die OberflĂ€che. Ich möchte sie fixieren, damit ich sie vervollstĂ€ndigen kann, doch kaum tauchen sie auf, sind sie wieder

verschwunden. Immer wieder sehe ich aus der Vogelperspektive Miniaturlandschaften vorbeihuschen, oder ich bin von Wassermassen umringt und kĂ€mpfe um mein Leben. War ich im Watt? Vieles deutet darauf hin: Die Frau des BĂ€ckers sowie meine Vermieterin behaupten denkwĂŒrdige Dinge ĂŒber mich, und meine Klamotten waren derart durchweicht, dass sie im Zimmer PfĂŒtzen hinterlassen haben. Diese RealitĂ€ten bleiben fĂŒr mich ein großes RĂ€tsel. Wahrscheinlich habe ich zu viel Alkohol getrunken und bin des Nachts spazieren gegangen.War ich denn wirklich so besoffen, dass ich derartige ErinnerungslĂŒcken habe?

8. Die letzte Urlaubswoche

In vier Tagen ist mein Urlaub auf dieser reizvollen Insel beendet. Ich weiß nicht, ob ich traurig oder gar froh sein soll, denn mein Blackout lĂ€sst mir keine Ruhe. Immerhin steht mir ein Highlight noch bevor. Verunsichert durch die Erinnerungsfetzen, die immer wieder in meinem Kopf erscheinen, habe ich mich fĂŒr eine WattfĂŒhrung angemeldet. Auf dem Merkblatt, das mir die hĂŒbsche Angestellte des Infozentrums der Insel in die Hand gedrĂŒckt hat, habe ich gelesen, dass barfĂŒĂŸige Interessenten nicht mitgenommen werden. Die Verletzungsgefahr, zum Beispiel durch

Muschelschalen, sei zu groß. Da mich bereits eine klaffende Schnittwunde an meiner Fußsohle schmerzt, ziehe ich alte Turnschuhe an, obwohl ich lieber barfuß laufen wĂŒrde. Woher diese Wunde stammt, ist ebenfalls ein Mysterium. Die Aussetzer in meinem GedĂ€chtnis bringen mich noch zur Verzweiflung. Ich stoße den Stuhl beiseite, verlasse meine Wohnung und schlendere zum Hafen. Dort geselle ich mich zu einer Gruppe, die vor dem Schild mit der Aufschrift „WattfĂŒhrungen“ wartet. Hoffentlich verstĂ€rkt sich der Wind, damit die Wolken weggeblasen werden, die die Sonne verdecken. Der Wetterbericht hat wieder einmal

geschwindelt, denn nirgendwo kann ich den prophezeiten blauen Himmel entdecken. Eine Frau mit ungewöhnlich breiten Schultern und blonden Haaren nĂ€hert sich mit großen Schritten. Sie bleibt vor uns stehen und rammt ihre Forke in den Sand. „Moin, ich bin Hilke.“ WĂ€hrend sie sich vorstellt, öffnet sie den Reißverschluss ihrer roten, wetterfesten Jacke. Ich kratze mir die Stirn. ‚Na, wenn das mal gut geht‘, denke ich und mustere Hilke mit kritischem Blick. Frauen als WattfĂŒhrer! Mein Weltbild ist wieder einmal gestört. Die Sonne verströmt WĂ€rme durch die

blauen Stellen am Himmel, die die Wolken nur schwerfĂ€llig freigeben. Vielleicht wird es doch noch ein schöner Tag. Die WattfĂŒhrerin trĂ€gt eine kurze Hose, die in leicht behaarten, stĂ€mmigen Beinen endet. Sogleich begutachtet sie unsere FĂŒĂŸe, doch alle stecken in Schuhen. Die meisten sind ausgefranst, ausgetreten oder weisen gar Löcher auf. Jeder hat ein abgenutztes Paar auftreiben können. Erstaunt spitzt sie ihre Lippen und nickt mit sichtlicher Zufriedenheit. Es folgen die wohl oder ĂŒbel notwendigen Sicherheitshinweise. Ich kann ein lautes GĂ€hnen nicht

unterdrĂŒcken. Hilke dreht sich um und brummt mich mit unerwartet tiefer Tonlage an: „Hmmm“, wobei sie ihren Kopf missbilligend schĂŒttelt. Die Geste erweckt sofort meine Sympathie. Endlich geht es los, doch kommen wir nur langsam voran, da unsere FĂŒĂŸe immer wieder tief im Schlamm stecken bleiben. Der Schlick spritzt auf unsere Waden oder die hochgekrempelten Hosenbeine und hinterlĂ€sst graue Muster. Der Geruch von faulen Eiern steigt mir in die Nase. Ich verharre in meiner Bewegung. Das GefĂŒhl kenne ich doch, genau so habe ich schon einmal empfunden. Dieser schweflige Geruch

des Watts sowie das tiefe Einsinken in den Schlick in Verbindung mit der Umgebung kommen mir derart vertraut vor, dass ich an ein DĂ©jĂ -vu denken muss. Die Gruppe zieht weiter. Ich bemĂŒhe mich, neben der WattfĂŒhrerin zu stapfen, um ja nichts zu verpassen, was sie sagt: “Ihr wisst ja sicher alle, dass das niederlĂ€ndisch-deutsche Wattenmeer seit einigen Jahren zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört. Der Grund ist die unglaubliche Artenvielfalt. Außerdem wird dieses Wattenmeer als das vogelreichste Gebiet Europas bezeichnet.“ Ich staune, dass habe ich als

BinnenlĂ€ndler natĂŒrlich nicht gewusst. „Hier schaut mal!“ Vorsichtig stochert sie mit der Forke im Boden herum und befördert einen großen Wurm zutage. „Ein Wattwurm“, gibt ein junger Mann mit selbstsicherem Ton sein Wissen preis. Hilke nickt. Einige Urlauber verziehen das Gesicht. Auf ihrer Hand kringelt sich ein feuchter Wurm, der rötlicher als ein Regenwurm aussieht. Der Ekel in den Mienen der Wattwanderer weicht alsbald einem EntzĂŒcken, als sie uns informiert, dass der Wurm den Sand frisst, daraus Bakterien und Mikroalgen verwertet, und den so gesĂ€uberten Sand als Kringel wieder ausscheidet. JĂ€hrlich passieren

1 000 Tonnen Sand pro Hektar die DĂ€rme der WattwĂŒrmer und werden gereinigt. „Dieser Wurm ist die KlĂ€ranlage der Nordsee“, beendet Hilke ihren Diskurs und hĂ€lt einem Jungen den Wurm unter die Nase. „Du kannst ihn streicheln.“ Der Junge zögert nicht, nimmt ihn wie zerbrechliches Porzellan zwischen seine Finger, um ihn auf die Hand zu legen. Jetzt wollen die meisten Teilnehmer den Wurm anfassen. WĂ€hrend wir weitergehen, erzĂ€hlt Hilke von der Vogelwelt im Wattenmeer. Sie bleibt stehen und wĂŒhlt aus ihrem Rucksack ein plumpes Modell aus Plast hervor. Wir erkennen die Form eines

Vogels. Sie schaut mich an. „Nimm das mal in deine Hand.“ Ich weiß nicht, warum ich dieses Spielzeug halten soll. Sie grĂ€bt weiter in dem Rucksack und drĂŒckt mir eine schmalere Plastfigur in die andere Hand. Ich bemerke einen deutlichen Gewichtsunterschied. ‚Was soll das?‘, sagen meine Augen. „Die Modelle stellen einen Knutt dar. Das ist ein Watvogel, der auf seinem Vogelzug Ă€ußerst lange Strecken zwischen Brut-, Rast- und Überwinterungsgebieten zurĂŒcklegt. Er kann bis zu 5000 km ohne Unterbrechung fliegen. Dabei nimmt er die HĂ€lfte seines Gewichtes ab. Merkst

du nicht den Unterschied in deinen HĂ€nden?“ „Klar“, bringe ich noch heraus und schweige, weil in meinen Gedanken ein Bild erscheint: Ein kleiner Vogel umschwirrt mich, er ist vom Vogelzug sehr abgemagert und spricht mit mir. Was sind das nur fĂŒr Hirngespinste, die mich immer wieder bedrĂ€ngen? AllmĂ€hlich Ă€ngstigen mich diese Bildfetzen und Empfindungen, die mein Unterbewusstsein seit dem denkwĂŒrdigen Morgen produziert. Sie suggerieren, dass ich dies alles schon einmal erlebt habe. Ich wedele mit der Hand vor meinem Gesicht, so als wolle ich die Bilder verscheuchen. Dabei fĂ€llt das eine

Modell zu Boden. Ein rothaariges MĂ€dchen hebt es auf. Schnell gebe ich ihr noch den anderen Plastknutt dazu. „Was, so viel nimmt der arme Vogel ab?“, staunt das MĂ€dchen, wĂ€hrend es die beiden Nachbildungen abwechselnd mit ihren HĂ€nden auf- und abwĂ€rts bewegt. Mittlerweile umringen alle Wattwanderer Hilke und hören, was sie zu sagen hat: „Die Knutts fliegen in die arktischen Brutgebiete und ĂŒberwintern im westafrikanischen Mauretanien, in der Banc d’Arguin. Dieses Wattenmeer ist seit 1976 UNESCO Weltnaturerbe und daher viel unberĂŒhrter als das Wattenmeer hier. In Afrika finden die

Knutts ideale Bedingungen vor.“ Mit einem Mal habe ich die Vision, bei sengender Hitze eingeengt von vielen Vogelleibern zu sein. Wie zur BestĂ€tigung setzt Hilke ihren Vortrag fort: „In Mauretanien leben die Knutts mit anderen Vögeln viermal so dicht als in Europa.“ Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn und ich höre mich sagen, fast flĂŒstere ich es: „Zwischen Sibirien und Afrika legen sie in unserem Wattenmeer eine Pause ein. Auf ihren FlĂŒgen können sie sogar einen Teil ihres Magens verdauen.“ Die WattfĂŒhrerin klopft mir auf die Schulter: „Sie wissen aber gut

Bescheid.“ Hilke hört nicht auf, ĂŒber diesen Vogel zu erzĂ€hlen. Sie hat sich in Begeisterung geredet. Ihre Worte durchdringen mich bis aufs Mark. Sie redet ĂŒber all die Dinge, die mir so deutlich bekannt sind, als wĂ€re ich dabei gewesen. Mit einem flauen GefĂŒhl im Magen transportieren mich meine Beine weiter durch das Watt, doch vom Rest der Wanderung bekomme ich nichts mehr mit. Endlich nĂ€hern wir uns der KĂŒste. Mir ist schwindlig. Ich habe das GefĂŒhl, unsichtbare Bleiklumpen an meinen FĂŒĂŸen zu haben. Im Uferbereich lasse ich mich fallen. Selbst dieser einfache

Vorgang des Fallenlassens in die Salzwiese versetzt mich in helle Aufregung, auch das kommt mir bekannt vor. Diese DuplizitĂ€t der Ereignisse treibt mich noch in den Wahnsinn. Ich setze mich auf und sehe dem Spiel der Wolken zu. AllmĂ€hlich bemerke ich, dass ich der Einzige im Uferbereich bin. Ich stehe auf und schaue in die Ferne. Die Flut bringt das Wasser wieder nĂ€her. Plötzlich entdecke ich am Himmel einen dunklen Punkt, der sich mir nĂ€hert und als kleiner Vogel offenbart. Er flattert vor meinen Augen hin und her, entfernt sich, kommt wieder und streift mit den FlĂŒgeln meine Stirn. Ich erkenne ihn und sein Spiel. Kaum formen meine Lippen

seinen Namen, fliegt er in aufsteigenden Bahnen um mich herum, bis ich ihn nicht mehr sehen kann. Lange bleibe ich stehen, doch Knut-Knut kommt nicht wieder. Ich zittere trotz der lauen Abendluft.

9. Nachts

Es ist dunkel. Ich wĂ€lze mich in meinem Bett herum. Meine Peinigerin, die Schlaflosigkeit, quĂ€lt mich schon wieder. Je mehr ich versuche, sie zu bekĂ€mpfen, desto stĂ€rker beweist sie ihre Macht. Ich gebe mich geschlagen, stoße die Bettdecke zurĂŒck und kann meine Pantoffeln nicht finden. Die Dielen sind kalt. Die letzte Nacht auf der Insel ist angebrochen. Die Gedanken an den kleinen Vogel lassen mir keine Ruhe. Ich verstehe das alles nicht, es ist nicht logisch. Doch solange ich auch darĂŒber nachdenke, eine ErklĂ€rung kann ich nicht

finden. Der Wecker ĂŒbertönt mit seinem Ticken das Rascheln der BlĂ€tter des Baumes vor meinem Fenster. „So ein Mist, es ist erst ein Uhr“, schimpfe ich und stehe auf. Das Schnapsglas steht auf dem Tisch, nicht weit davon befindet sich die Flasche, deren Inhalt allmĂ€hlich zur Neige geht. „Ich werde sie leeren, so kann ich sie morgen noch ordnungsgemĂ€ĂŸ entsorgen“, teile ich der Dunkelheit mit. Meine Worte verhallen im Raum. Ich greife nach Glas nebst Flasche und mache es mir auf der TĂŒrschwelle des Balkons bequem. Ich nehme einen tĂŒchtigen Schluck des feurigen

GetrÀnks. Und plötzlich habe ich eine Idee, es ist eine absurde Idee, eine Idee, die ...

Impressum

 

copyright der Texte: Brigitte Voß

 

copyright der Bildmaterialen: Wolfgang Voß

 

Tag der Veröffentlichung: 13.09.2013

 

 

Alle Rechte vorbehalten

 

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Über den Autor

hanafubuki
Mein Username Hanafubuki kommt aus der japanischen Sprache und bedeutet "KirschblĂŒtenschnee". Damit wird genau der Moment des Herabfallens der KirschblĂŒten in Japan bezeichnet. Dieser Moment der VergĂ€nglichkeit ist ein beeindruckendes Naturschauspiel.

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KaraList Hallo Hanafubuki,
das passiert mir auch nicht oft, dass ich zwei Bücher - mit nicht unerheblicher Seitenzahl - von einem/r Autor/in ohne Pause lese. Einfühlsam und mit Liebe zum Detail geschrieben. Wenn "Küstendunst" und Nordseenebel einem soviel Wissenwertes vermitteln können, erhebt sich die Frage - warum nicht ausprobieren?
Sehr gern gelesen.
LG
Kara
PS: Ich würde das gerne mit klingender Münze honorieren. Geht leider nicht - wird nachgeholt.
Vor langer Zeit - Antworten
hanafubuki Danke, ich werde ganz rot. Ich freue mich über deinen Kommentar und deinen Willen, mir Münzen rüber zuschieben.
Liebe Grüße
Gitti.
Vor langer Zeit - Antworten
Sealord Schöne Geschichte!
LG Uwe
Vor langer Zeit - Antworten
Gelixx Liebe Gitti, eine wunderbare schöne sanfte und zarte Geschichte, perfekt geschrieben. Ich habe mich eben richtig gefreut beim Lesen. Mit einem lieben Gruß Geli
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Danke, Geli. Ich freue mich sehr, dass dir diese Geschichte gefallen hat. Ich war im Zweifel, da ich auch eine Meinung gehört habe, die mehr Action wĂŒnschte. Doch bin ich bei meiner Linie geblieben, und das ist wohl auch gut so.
Liebe GrĂŒĂŸe
Gitti
Vor langer Zeit - Antworten
hanafubuki Also Geli, der Gast bin ich. Ich war nicht eingeloggt. Wenn man eine Weile nicht im Netz war, ist man nicht mehr angemeldet. Das war vorher nicht so.
Einen schönen Abend
Gitti
Vor langer Zeit - Antworten
hanafubuki Re: -
Zitat: (Original von Rehkitz am 13.09.2013 - 13:13 Uhr) Hallo,
lange nichts mehr von Dir gelesen und jetzt eine Traumgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes. So spannend, so reich an Informationen und es hat mich gefesselt bis zum Ende.
Bin gerne mitgeflogen, ein ganz tolles Buch ist Dir hier gelungen.

Ein wunderschönes Wochenende,
mit lieben GrĂŒĂŸen
Theresia


Liebe Theresa,
danke fĂŒr deinen aufmunternden Kommentar. Ich hatte Zweifel, ob solch eine Geschichte von Interesse ist. Dass sie dir gefĂ€llt, freut mich natĂŒrlich sehr.
Und ĂŒbrigens: Ich werde jetzt wieder aktiver sein. Im Sommer ist das immer so eine Sache.
Liebe GrĂŒĂŸe und ein schönes Wochenende auch dir
Gitti
Vor langer Zeit - Antworten
Rehkitz Hallo,
lange nichts mehr von Dir gelesen und jetzt eine Traumgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes. So spannend, so reich an Informationen und es hat mich gefesselt bis zum Ende.
Bin gerne mitgeflogen, ein ganz tolles Buch ist Dir hier gelungen.

Ein wunderschönes Wochenende,
mit lieben GrĂŒĂŸen
Theresia
Vor langer Zeit - Antworten
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