
Ich veröffentliche als erstes nur das erste Kapitel und einen Teil des zweiten Kapitels. Noch dazu möchte ich mich schon mal im Voraus für ein paar Rechtschreibfehler entschuldigen, die mir sicher unterlaufen sind. Außerdem ist mir aufgefallen das es beim veröffentlichen alle meine Absätze durcheinandergehauen hat und es so schwer sein kann den Text gut zu lesen. Über positive sowie negative Kritik würde ich mich sehr freuen
                 1
Seine Augen öffneten sich langsam. Durch die Spalten der
geschlossenen Jalousien strahlten ein paar Sonnenstrahlen in das Schlafzimmer
hinein. Das Fenster stand offen und eine sanfte Briese zog durch den Raum. Er
brauchte das. Die frische Luft während er schlief. Seine Augenlieder wurden
allmählich schwer und fielen ihm schließlich wieder herunter. „Nur noch zehn
Minuten“, dachte er sich.
Plötzlich riss er seine Augen auf und kickte die Bettdecke
zurück. „Scheiße!“, schoss es ihm durch
den Kopf, „Ich hab verschlafen.“ Er sprang aus dem Bett und drehte seinen Kopf hastig
zu seinem Wecker, der leise vor sich hin dudelte. „8:25 Uhr.“ Ungefähr eineinhalb
Stunden später als er normalerweise aufstand und das schlimmste war, dass er
die beiden ersten Stunden Englisch hatte. Nun ja die schlimmste aller
Möglichkeiten war das jetzt nicht, da er dieses Fach eh hasste. Aber Nachsitzen
müsse er bestimmt. Also wieso dann überhaupt erst hingehen. Daheim bleiben konnte
er jedoch auch nicht, weil seine Mutter vor zwölf von der Arbeit kam und was
sollte er ihr dann erzählen. „Die letzte Stunde fiel aus?“ Nein. Diese Ausrede
hatte er erst gestern verwendet als er die Biologie Ex schwänzte. Also doch in
die Schule gehen.
Überstürzt kramte er die ersten paar Hefte zusammen, die er
sah, einen Block und wischte mit der Hand einen Haufen Stifte in seine Schultasche.
Noch ein kurzer Ausflug ins Bad, die Zahnbürste in den Mund geklemmt und wild
mit den Händen durch die Haare gefuchtelt. „Der perfekte Draufgänger Look“,
murmelte er vor sich hin.
Jetzt aber los. Zum Glück wohnte er nicht weit weg von der
Schule. Höchstens zehn Minuten. Okay bei seinem Tempo wohl eher zwanzig. Aber
genau deswegen hatte er ja ein Fahrrad. Um die Zeit aufzuholen die unter
anderem im Treppenhaus verlor. Seine Familie und er wohnten in einer Wohnung in
einem Mehrfamilienhaus im Dachgeschoss. Er hätte lieber im ersten Stock oder
noch besser im Erdgeschoss gewohnt, da der Weg von der Eingangstür zur Haustür
dann kürzer gewesen wäre.
Als er endlich an der Wohnungstür angekommen war und diese
grad einen kleinen Spalt öffnete betrachtete er sich zum ersten Mal an diesem
Morgen etwas genauer und stellte fest, dass er immer noch seine Schlafhose trug.
So konnte er natürlich nicht das Haus verlassen. Schnell lief er zurück, riss
seinen Schrank auf und griff die erstbeste kurze Hose und T-Shirt, das ihm ins
Auge fiel.
Keuchend bremste er ab und bog nach links in das Schulgelände
ein. Keiner war auf dem Pausenhof zu sehen. Wieso auch. Es war mittlerweile
kurz vor neun. Er hielt kurz Inne, nahm seine Sonnenbrille ab und stopfte sie
in seine Schultasche. Er blickte nach oben in die Baumkronen, der hier auf dem
Schulgelände wachsenden Bäume, die sich sanft im Wind hin und her neigten und
schloss für einen kurzen Moment seine Augen, atmete tief durch und genoss den
Wind, der ihn umwehte. Es war heiß. Einer der wärmsten Frühlingstage an die er
sich je erinnern konnte. Seine Schultasche klebte an seinem T-Shirt, welches mittlerweile
seinen ganzen Schweiß vom Rücken aufgesogen hatte. Aber das war jetzt auch
schon egal. Hauptsache er würde keine größeren Probleme, außer das Nachsitzen
wegen seines Zuspätkommens bekommen.
Mit der Schultasche unter dem Arm eingeklemmt betrat er das
Schulgebäude. Sein erster Blick fiel auf die Uhr, die nun schon Neun anzeigte.
Seine Hände wurden zittrig bei dem Gedanken eine Stunde zu spät zum Unterricht
zu kommen und deswegen letztendlich auch noch zum Direktor geschickt zu werden
oder noch schlimmer gleich vom Direktor abgefangen zu werden, der täglich um
diese Zeit seinen Kontrollgang im Schulhaus machte. Auch wenn er nicht zum
Direktor geschickt werden würden oder er ihn erwischte, wäre das dennoch ein gefundenes
Fressen für seine Englisch Lehrerin. Mrs. Carpenter, die er ohnehin nicht
mochte. Sie war eine aus England stammende Lehrkraft, die seiner Meinung nach
weder Deutsch noch Englisch richtig aussprechen konnte. Obwohl er selber nicht
gut in Englisch war, ganz besonders nicht in der Aussprache, reichten seine
Kenntnisse aber locker dafür aus, um festzustellen, dass sie irgendetwas bei
der Aussprache falsch machte. Er hätte sie sicher nicht als Lehrkraft sondern
als billige Aufgabenstellerin bezeichnet, obwohl das für seine Verhältnisse
wahrscheinlich immer noch zu höflich gewesen wäre. Das Klassenzimmer lag
natürlich so weit wie es nur irgendwie möglich war vom Eingang entfernt.
„Wahrscheinlich“, so dachte er sich, „ Hat das irgendwas mit dem Body Maß Index
der Schüler zu tun. Also sprich alle Schüler einer Klasse, also eigentlich nur
deren geschätztes Körpergewicht wird zusammengezählt und dann durch die Anzahl
der Klassenmitglieder geteilt und in Kategorien eingeteilt. Die im Durchschnitt
fetteste Klasse kommt dann in die vom Eingang am weitesten entfernten
Klassenzimmer, um auf dem Weg dann abnehmen zu können. So funktioniere das
bestimmt.“ Er war aber nicht fett. Okay er hatte vielleicht ein zwei Kilo zu
viel auf den Rippen, aber diese bringe er bis zur Badesaison locker wieder
runter. Aber sicher nicht zu fett.
Oben im zweiten Stock angekommen verging ihm die Lust auf den
Unterricht noch mehr und jeder Schritt, den er dem Klassenzimmer näher kam,
verstärkte diesen Faktor nochmals. Ein typischer Schüler. Ab der ersten Klasse
nimmt die Motivation exponential ab und die Leistungskurve sinkt konstant in
den Keller. Oh ja und er hatte einen tiefen Keller.
Er klopfte zweimal an die Tür und betrat den Raum. Die halbe
Klasse lachte. Er schmunzelte kurz, nickte der Klasse begrüßend zu und drehte
sich zu seiner Lehrerinn, um die er am liebsten einen großen Bogen gemacht
hätte.
Sie stand mit verschränkten Armen und hinuntergezogenen
Mundwinkel vor ihm. Sie war stink sauer. Er sog Luft durch die Zähne ein, überlegte
fieberhaft was er nun sagen sollte und  stammelte schließlich so etwas Ähnliches wie
eine Entschuldigungsversuch: „Sorry, verschlafen“
„Sorry!?“, brüllte sie ihn an.
Sie biss die Zähne zusammen und starrte ihn noch
einvernehmlicher an als sie es ohnehin schon tat. Ben stellte sich auf eine der
schlimmsten Strafpredigten ein, die er jemals zu hören bekam. Schlimmer als die
von seinem Vater, als er damals Steine vom Balkon warf und damit den
Wintergarten ihrer Nachbarn in ein Scherbenmeer verwandelte, konnte sie unmöglich
werden, doch es sollte anders kommen als er erwartet hatte. Sie atmete tief ein
und zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. Fragend, was jetzt wohl auf ihn
zukommen würde, blickte er sie an und sah in die letzte Reihe, wo sein aus
dieser Situation vermeintlich rettender Platz war. Er trat von einem Fuß auf
den anderen und unsicher was er machen sollte wagte er einen ersten Schritt in
Richtung seines Stuhls. Den nächsten. Und noch einen. Er hatte es geschafft.
Sogar ohne jegliche Strafe. Was für ein Glück er doch wieder hatte.
„One moment please, Ben!“, stoppte sie ihn.
„Shit“, flüsterte er, blieb ruckartig stehen und drehte sich
zu ihr um. Er hasste sie einfach. Genau wegen so was. Zu allem Überfluss kam
noch hinzu, dass sie einen unglaublich schrägen Klamotten Stil und eine
Kurhaarfrisur hatte. Nicht dass er Frauen mit kürzeren Frisuren nicht als schön
empfand, aber bei dieser Art von Frisur hätte ihn sicher niemand verachtet wenn
er von sich gegeben hätte wie hässlich er sie fand.
„Typisch Engländer“, dachte er sich.
„Was gibt es denn?“, fragte er voller Ironie.
„Well Ben“, begann sie, „Why did you
come so late, today?”
Okay wenn es weiter nichts ist.
„Also …“, fang er an.
„No, no”, antwortete sie, „In English
please, Ben“
Oh je. Auch das noch. Er war zwar ein guter Schüler, naja so
gut nun auch wieder nicht aber er war noch nie durchgefallen und das wäre ja
schon mal was. Ach ja, eine eins in Sport hatte er natürlich schon jedes Jahr
im Zeugnis. Aber Englisch war nicht so sein Ding. Er war in der zehnten Klasse
und selten stand eine bessere Zensur als vier neben dem Fach Englisch im Zeugnis.
Und jetzt sollte er antworten? Auf Englisch? Eine der beiden Aufforderungen
wäre seines Ermessens schon genug gewesen, vor allem in der Früh, aber wer würde
ihn schon nach seiner Meinung fragen.
„Yeah … Mrs. Carpenter“, begann er und benötigte dafür
schon fast eine Ewigkeit, „Well, my alarm-clock don´t rang“
„Doesn´t Ben. Doesn´t“, korrigierte sie ihn.
Ein paar aus der Klasse lachten. Ein verachtender Blick von
Ben und sie alle verstummten. Niemand mochte Klugscheißer.
„Take a seat and thank you Ben“
„Thanks for what?“, wollte er wissen.
„Your teaching post.“
So war sie. Kopfschüttelnd ging er nach hinten in die letzte
Reihe. Sein Blick starr auf die Wand gerichtet. Die Diskussion wie unfair das
sei hatte er sich gleich gespart. Wäre er doch lieber von Anfang an rechtzeitig
aufgestanden oder noch besser wäre er gar nicht erst aufgestanden und hätte bis
zum Mittag geschlafen.
Er sahs ganz hinten rechts. Eigentlich ein schöner Platz.
Direkt am Fenster, wo er immer hinaus auf die stark befahrene Hauptstraße und
die umliegenden Häuser schauen konnte. Oft fragte er sich wo all die Menschen,
die dort in ihren Autos saßen und die Straße hinauf oder hinab fuhren,
hinwollten. Ob ihre Ziele wohl schöner seien als seine wenn er das Haus verließ?
Das konnte er nicht wissen. Aber er konnte es sich erträumen.
Früher ging er gerne in die Schule. Aber seitdem er auf dem
Gymnasium war gefiel es ihm immer weniger. Das einzige worauf er sich noch
freute, wenn er das Haus verließ um in die Schule zu fahren, waren seine
Freunde, mit denen er täglich Unterricht hatte. Ben war weder ein beliebter noch
unbeliebter Schüler. Bis auf seine Besten vier Freunde hatte er fast keine
anderen in seiner Jahrgangsstufe. Ihn störte das jedoch nicht weiter. Er verstand
sich zwar mit vielen anderen Schülern aus anderen Klassen, zählte sie aber
nicht zu seinen Freunden. Es waren mehr Bekannte für ihn. Typische
Schulkameraden, mit denen er seit Jahren ab dem letzten Klingeln eines jeden
Schultages nichts mehr zu tun hatte und auch nicht haben wollte. Das wichtigste
für ihn war, dass er jedes Jahr zusammen mit seinen Freunden in die Selbe
Klasse kam. Noah und er kannten sich inzwischen schon über zehn Jahre. Von der
ersten Klasse an, waren sie Freunde. Jacob kam erst in der fünften Klasse dazu
und Benjamin wählte in der Achten, mittlerweile sein absolutes Hassfach, Französisch.
„Du schaffst es immer wieder dich selber in Schwierigkeiten
zu bringen“, grinste Noah von der anderen Bank zu ihm herüber.
Ben schluckte verlegen und überlegte einen Augenblick. Dann
streckte er sich ein Stückchen über die Bank und zischte: „Halt dein Maul“
Noah gefiel das. Er lachte und lehnte sich tief in seinen
Stuhl zurück.
„Hey“, rief er ohne sich zu scheuen den Unterricht zu stören,
„Hast du mir eigentlich mein Mathebuch von zu Hause mitgebracht?“
Mrs. Carpenter ließ ihre Kreide krachend in die Tafelrinne
fallen.
Ben schlug mit seiner rechten Faust auf den Tisch: „Bist du
behindert?“
„War ja nur eine Frage“, antwortete er ohne leiser zu werden.
„Ach so“, rief Ben jetzt auch zu ihm herüber, als er merkte
das Noahs Ziel lediglich die Störung des Unterrichts war, „Wenn es weiter
nichts ist“
„What´s wrong with you, guys?“, brüllte Mrs. Carpenter quer
durch das Klassenzimmer. Sie stützte ihre Hände vor lauter Wut so stark auf das
Pult, sodass ihre Knöchel weiß hervortraten.
„Nothing“, verneinten Ben und Noah ohne sich jeglicher Schuld
bewusst zu sein.
„Well guys. At the next time you can do that quiter than
now!“, ermahnte sie die Zwei.
Sie ließ den Druck der auf ihren Händen lastete, die sie mit
voller Kraft auf das Pult stemmte, allmählich nach und drehte sich wieder zur
Tafel zurück.
„Oh man“, seufzte Ben, legte seinen Arm auf den Tisch und
senkte seinen Kopf. Das war zwar nicht die gemütlichste Sitzstellung, aber
immerhin konnte er sich so ein bisschen entspannen und gleichzeitig seine „Das
ist mir völlig egal, Frau Lehrerin“ Einstellung verkörpern. Dann sah er nach
vorn und versuchte wenigstens ein bisschen dem Unterricht zu folgen.
„Ring!“, schrillte die Glocke zur Pause. Es war kurz nach
zehn und Bens Magen knurrte schon seit einer halben Stunde. Er war zu jeder
Pause hungrig.
„Hey Leute!“, wandte sich Ben an deine Freunde, die alle
gerade aufstanden und sich regten und streckten als hätten sie die ganze Nacht
geschlafen, „Ab zum Kiosk“
„Hast du nichts zum Essen dabei?“, fragte Noah.
„Ich hab doch heute verschlafen“, seufzte Ben.
Noah bückte sich und kramte eine grüne Plastikbox aus seiner
Tasche. Die Box, ohne sie überhaupt erst geöffnet zu haben, vermittelte den
Eindruck, als hätte sie jahrelang in Noahs Schultasche gelegen. Die Vorstellung
etwas daraus zu essen löste bei Ben schon fast einen Würgereiz aus. Oder auch
nur daran zu riechen.
„Lass mal“, bat er ihn und schüttelte fassungslos, wie man
eine solche Box auch nur in die Schule mitnehmen konnte den Kopf, „Gehen wir
lieber zum Kiosk“
Sie trotteten los. Vor dem Klassenzimmer zogen sie sich alle
noch die Hose ein gutes Stück herab, damit jeder auch ihre Boxsershort, sehen
konnte wenn sie die Arme hoben und ihre Oberteile nach oben sausten.
Der Kiosk war gleich neben der Haupttreppe. Ein eigener Raum
mit weißen Regalen, mehreren alten Kühlschränken, ein paar Tischen und Stühlen zählte
dazu. An der Wand über der Ausgabetheke stand dick mit Acrylfarben „Kiosk“
gepinselt.
Benjamin und Jacob liefen zum Vertretungsplan, Ben und Noah stellten
sich derweil schon einmal an der Schlange vor dem Kiosk an.
„Weißt du“, begann Noah, „Ich hätte meine tolle Brotzeit an
deiner Stelle dankbar angenommen“
„Ach Ja?“, fragte Ben und presste seine Augen zu einem
Schlitz zusammen, „Warum hast du sie dann nicht selber gegessen?“
„Schmeckt scheiße“, spaßte Noah.
Beide lachten sie nun. Ben hielt sich die Hand vor den Mund,
um sein Lachen besser in Zaum halten zu können. Noah lehnte sich hingegen an
die Wand und grinste nur breit in alle Richtungen.
„Da!“, unterbrach Noah ich sein Gelächter.
„Was da?“, erkundigte sich Ben.
„Na kuck doch“
Da war sie. Ein unglaublich hübsches Mädchen. Noah wusste,
als einziger, wie sehr Ben ihr hinterherguckte. Sie war neu auf der Schule.
Erst seit diesem Halbjahr. Ihre Eltern zogen mit ihr nach Weihnachten in die
Stadt, weil ihrem Vater hier ein besserer Arbeitsplatz in Aussicht gestellt
wurde. Sie wohnte nicht weit weg von ihm. Gerade einmal ein paar hundert Meter.
Er hatte sie schon öfter in seiner Gegend gesehen und erst vor kurzem erfahren
wo sie wohnte. Aber er traute sich einfach nicht sie anzusprechen. Er wusste
den Grund selber nicht. Es war lächerlich. Sonst hatte er bei so was nie
Probleme gehabt, aber bei ihr war es anders.
Sie guckte in den Boden. Wahrscheinlich wartete sie auf
jemanden. Sie war noch sehr neu auf der Schule, fand sich noch nicht so zurecht
hier und hatte noch nicht viele neue Freunde gefunden, bis auf ein paar Mädchen
aus ihrer neuen Klasse. Sie war ein sehr offenes und nettes Mädchen.
Sie stand seitlich zu ihm. So konnte er perfekt in ihr Profil
und auf ihre langen braunen Haare sehen. Ihre Haare waren besonders. Er fand
sie besonders. Sie waren nicht einfach nur glatt und nicht einfach nur braun.
Sie waren ein bisschen gewellt und die Sonne hatte ein paar Strähnen ausgeblichen.
Das gefiel ihm richtig gut.
Plötzlich, als hätte sie ihn bemerkt, wie er sie ansah, hob
sie den Kopf und blickte in seine Richtung. Sie sah ihn direkt an. Sein Herz
schien ihm fast stehen zu bleiben. So kuckte er zumindest. Sie lächelte. Es war
komisch. Nein es war nicht komisch, es war schön. Er hatte zwar schon einmal
eine Freundin gehabt, aber das war damals alles anders. Das fühlte sich nicht
so an wie jetzt. Jetzt war es magisch. Obwohl es nur dieses eine Lächeln war. Er
lächelte zurück. Seine Gedanken waren leer für einen Augenblick. Alles um ihn
herum hatte er vergessen. Außer sie und sich selbst.
„Sag mal bist du taub!“, brüllte der Kioskbesitzer ihn an,
streckte seinen Kopf aus dem kleinen Ausgabefenster und hob drohend die Hand.
„Was?“, stammelte Ben vor sich hin.
„Du bist dran! Hier warten auch noch andere! Oder soll ich
deine Mama anrufen was du essen magst?“
Noah, der alles mitverfolgt hatte, amüsierte sich prächtig.
„Also ich“, lachte er und räusperte sich dann, „ Also ich
nehme ne Käsebreze und Ben“, er deutete auf ihn, „Der nimmt ne Wurstsemmel,
oder?“
Ben drehte sich an die kleine Ausgabethecke. „Ja genau… Danke“,
stammelte er immer noch und nahm seine Wurstsemmel hastig entgegen.
Gleich danach drehte er sich wieder um. Sie sah ihn nicht mehr
an. Um sie standen jetzt ein paar andere Mädchen herum, die in der Zwischenzeit
gekommen waren. Er mochte sie nicht. Das heißt er wusste nicht ob er sie mögen
sollte. Sie sahen ihn oft komisch an wenn er zu ihnen herüberguckte. Aber ob
sie ihn wirklich nicht mochten? Gar hassten? Das wusste er nicht. Er glaubte
aber, dass das so war.
„Morgen entfällt wiedermal nichts in dem Saftladen“, klagte
Benjamin, als Jacob und er zu Noah und Ben vor dem Kiosk stießen.
„Sag das lieber nicht zu laut“, mahnte Noah ihn und drehte
seinen Kopf ein stückweit in die entgegengesetzte Richtung.
Benjamin tat es ihm gleich.
„Oh“, er verdrehte die Augen, „Direktor Prickly“
Noah schnalzte einmal mit der Zunge: „Siehst du“
Noch nicht einmal fünf Meter von ihnen entfernt, am Haupteingang
stehend, in ein Gespräch mit einem anderen Lehrer vertieft stand Direktor
Prickly. Er war Mitte fünfzig, groß, ein bisschen fester und hatte schon
deutlich weniger Haare auf dem Kopf als wie zu seinen besten Zeiten. Eine
Person an der Schule, die fast kein Schüler mochte. Das größte Problem, das die
meisten Schüler mit ihm hatten war, dass er Fehler an allem und jedem suchte
und ständig auf Kleinigkeiten rumritt. Er war noch nicht lange Direktor an der
Schule. Früher arbeitete er bei der Armee, aber als der alte Direktor die
Schule verließ um in den Ruhestand zu gehen, schrieb die verbliebene
Schulleitung die Stelle neu aus. Eigentlich hätte Prickly gar nicht erst
genommen werden dürfen, das wussten sie alle. Weder hatte er ein Lehramt
studiert noch eine pädagogische Ausbildung absolviert. Aber das hatte keinen
interessiert. Seit Ben in die Achte Klasse kam wütete Prickly an der Schule.
Ben verfolgte damals schon seinen typischen Arbeitstag. Als erstes, also so
gegen neun, wenn er mit seinem dicken Mercedes auf den Lehrerparkplatz rollte,
ließ er sich eine Menge Zeit beim Aussteigen, sodass alle Schüler und Lehrer,
die um dieser Zeit im Ostblock waren ihn wunderbar zusehen konnten. Angeberisch
präsentierte er nahezu seine Innenausstattung, indem er erstmal die Tür offen
stehen ließ und hinter Richtung Kofferraum schlenderte, um seinen Aktenkoffer
daraus zu hohlen. Ben erinnerte sich noch genau an den Tag, als Direktor
Prickly den Hausmeister darum bat seinen Privatparkplatz zu vergrößern, damit
er, nach Bens Erachten, sein Auto jeden Tag aufs Neue von einem anderen Winkel
präsentieren konnte. Das Nächste was er jeden Tag mit Genuss tat, war einmal im
Schulhaus auf und ab zu gehen um eventuelle Zuspätkommer abfangen zu können. Danach
verkroch er sich meistens in seinem Büro und tat so als würde er arbeiten. Zum
Glück hatte er Ben heute Morgen nicht erwischt, als er um kurz nach neun in die
Schule kam. Als erstes hätte er ihm eine Predigt darüber gehalten, wie
respektlos und pflichtbewusst die Jugend heutzutage wäre, dann hätte er ihm
wahrscheinlich viel Spaß beim heutigen Unterricht gewunschen und ihn darum
gebeten am Ende des Tages doch noch einmal bei ihm vorbeizuschauen, um die
endgültige Strafe zu erhalten. Ben hätte ihm natürlich fröhlich zugestimmt und allein
deswegen schon vier Wochen nachgesessen. Aber nach Ende des Unterrichts wäre er
garantiert nicht freiwillig zu ihm gekommen. Dort hätte man ihn schon hintragen
müssen.
Ben musterte Direktor Prickly kurz. Sein Anzug war grau und
mit dünnen schwarzen Längsstreifen versehen. Darunter trug er ein schwarzes
seidiges Hemd. Sein Jackett war offen. Nicht wie für gewöhnlich an fast allen
Tagen, an denen sein Jackett geschlossen war und er einen militärischen
Anstecker bei sich, an die Brust gesteckt, hatte. An diesen Tagen jedoch trug
er andere Anzüge. Anzüge, die mehr nach Militär aussahen. Heute aber nicht.
Die vier wendeten sich ab und versuchten ihre Pause an einem
weitestgehend lehrerfreien Ort zu verbringen. Sie entschieden sich für den
hinteren Pausenhof. Die Hitze war unerträglich, als sie das Schulgebäude
verließen. Die Sonne brannte nur so vom
Himmel herab auf den kleinen künstlich angelegten Weiher und auf den
gepflasterten Pausenhof. Das meiste Gras war verbrannt. Nur wenige Stellen in
den Schatten der Bäume waren noch grün. Beinahe gleichzeitig zogen Ben und
Jacob ihre Sonnenbrillen aus den Hosentaschen. Noah wedelte sich per Hand Luft
ins Gesicht und Benjamin zog wie verrückt an seinem T-Shirt in der Hoffnung
sich selbst zu kühlen. Kaum ein Patz draußen war noch unbesetzt. Obwohl es so
unglaublich heiß war, zogen es die meisten Schüler vor ihre Pause heute draußen
zu verbringen.
„Der Schatten bei dem Baum sieht doch ganz einladend aus“,
schlug Noah vor und stolzierte gleichdarauf los.
„Da hat er allerdings Recht“, stimmte Benjamin zu.
Es war nicht wirklich angenehmer. Das einzige was besser war,
war das die Sonne nicht so wahnsinnig auf ihre Köpfe brannte. Zu viert standen
sie in einem Kreis und schwiegen sich gegenseitig an. Das machten sie immer so,
bis einer von ihnen ein Gespräch begann. Aber niemand hatte Lust über
irgendetwas zu reden.
Die restlichen Unterrichtsstunden an diesem Tag schienen nie
aufhören zu wollen. Obwohl Ben über eine Stunde zu spät kam, zog sich der
Vormittagsunterricht ins unermessliche. Zwei Stunden musste er nach der Pause
noch absitzen, bis sein Unterricht endete. Eine Stunde Geschichte und eine
Stunde Chemie. Aber er konnte sich nicht auf den Unterricht konzentrieren. Er
wollte sich gar nicht erst darauf konzentrieren. Ständig waren seine Gedanken bei
dem Mädchen von der Pause. Auch wenn es nur dieser eine kurze Augenblick war,
als sich ihre Augen trafen und sich die Beiden anlächelten, wollte Ben dieser einfach
nicht aus dem Kopf schwinden. Dachte sie vielleicht auch gerade daran? Sie hieß
Nea. Das wusste er von Noah. Und sie war in der Gleichen Jahrgangsstufe wie er.
Ob sie ihn mochte? Wusste sie überhaupt wer er war?
„So“, durchbrach schließlich eine Stimme seine Gedanken, „Sie
alle lesen daheim noch einmal die Buchseiten fünfundsechzig und sechsundsechzig.
Ja ?“
Ein Seufzer durchquerte die Reihen.
„Jetzt aber!“, beschwerte sich Mr. Carrington, „Sie tun ja
gar so als müssten sie nie Hausaufgaben machen“
Er gehörte zum alten Eisen unter den Lehrern an der Schule.
Ben schätze ihn mindestens auf sechzig Jahre. Mr. Carrington war einer der
besten Lehrer, die sie dieses Jahr hatten. Er wusste gut Bescheid über das was
er unterrichtete und war auch immer für einen kleinen Spaß zu haben. Ben zählte
ihn zu seinen Lieblingslehrer. Gut davon gab es nicht viele. Höchsten fünf
Stück. Aber er gehörte dazu. Viele Schüler mochten ihn. Er hatte etwas an sich
was ihn sympathisch machte. Nicht etwa seine Garderobe, die sich meistens aus
einer Anzughose, einem Karo Hemd  und
einem alten Jackett aus den Siebzigern oder Achtzigern, manchmal aber auch
einen ursprünglich weißen, mittlerweile aber ausgewaschenen grauen Mantel aus
der Chemie zusammensetzte. Oder war es genau das was ihn auszeichnete? Mr.
Carrington spielte früher in der Fußballmannschaft der Lehrer, die jedes Jahr
am Sommerfest gegen die aktuelle elfte Klasse antrat. Seine Position war damals
das Mittelfeld. Jedenfalls dachte Ben das mal von ihm erzählt bekommen zu
haben. Er spielte, weit vor Bens Zeit an dieser Schule, in der Mannschaft.
Jedes Jahr aber, in dem ein Fußballtunier stattfand, stand Mr. Carrington am
Spielfeldrand und fand immer wieder aufs Neue Gefallen daran das Spiel zu
beobachten. Manchmal erzählte er einzelne Fetzen von den damaligen Spielen, in
denen er selbst aktiv war, während des Unterrichts.
„Wir machen heute ein paar Minuten früher Schluss“, stellt
Mr. Carrington fest als er seinen Ärmel nach hinten krempelte und auf seine
Armbanduhr kuckte. Es war eine schöne Uhr. Ein Geschenk von seiner Frau. Sie war
vergoldet, hatte ein weißes Ziffernblatt und war an einem braunen Lederband fixiert.
Ben kramte seine Unterlagen zusammen und stopfte sie in
seinen Rucksack. Mühsam zog er den Reisverschluss zu. Er war einer der letzten
die den Chemiesaal verließen. Krachend fiel die Tür in Schloss und wurde von
innen versperrt.
Sie fuhren immer zusammen Heim, aber nie gemeinsam in die Schule.
Lange brauchten sie nicht nach Hause. Sie wohnten alle in der Nähe von einander,
sodass keiner von ihnen länger als ein paar Minuten alleine fahren musste.
„Ist das eine Hitze heute“, jammerte Noah, der gerade sein
Fahrradschloss aufgesperrt hatte und sich schweißgebadet mit offen stehenden
Mund aufrichtete. Er schwang sich auf sein Fahrrad, stieß sich locker mit den
Füßen vom Boden ab und rollte so wenige Meter nach vorne, bis zu dem Schatten
eines Baumes, wo Ben bereits breitgrinsend stand.
„Ist dir zu warm?“, fragte Ben neugierig.
Mit einem Murren und Seufzer als Antwort musste sich Ben
allerdings schon zufrieden geben.
„Wo sind eigentlich die andern Beiden?“, hackte Ben
hinterher.
Noah stütze sich auf seinem Fahrradrahmen auf: „Ich glaub die
stehen vorne beim Haupteingang“
„Hey!“
Mit quietschenden Bremsen blieb sie unter dem Baum links
neben Noah stehen. Sie fuhr ein altes dunkelgrünes Holländerrad. Der Lack war
an vielen Stellen abgeblättert und die graue Farbe des Metalls kam dort schon zum
Vorschein. Sie lächelte Noah an, als dieser auf sie aufmerksam wurde. Einer
seiner ersten Blicke wanderte von ihren schlanken Beinen hoch, bis zu ihrer
hellblauen Jeanshotpan. Dann erst in ihr Gesicht. Ihre Augenfarbe war blau und
sie hatte lange blonde Haare, die sie zu einem Dutt zusammenflocht.
„Hi“
Verlegen betätigte sie ihre kaputte Fahrradklingel, die bei
jeder Bewegung vor sich hin knirschte: „Naja. Also heute ist ja Freitag“
„Das ist richtig“, unterbrach sie Noah, der ihre Verlegenheit
sichtlich genoss.
„Ich schmeiß morgen eine kleine Party und da wollte ich dich
fragen ob du vielleicht auch kommen magst?“
Ihre Augen wanderten von der Klingel in die seinen. Noah
hatte dunkelbraune Augen. Schöne, vertrauenswürdige Augen. Wie die Augen eines
Rehes.
„Ab wann denn?“, er schmiss seine Augenbrauen ein wenig in
die Höhe.
Sie schob ihre Unterlippe nach vorn und überlegte.
So gegen neun“, meinte sie dann.
Ben und Noah warteten nur noch kurze Zeit auf Jacob und
Benjamin, die ihre Fahrräder, von vorne vom Haupteingang, zu ihnen schoben. Auf
dem Rückweg erklärte Noah den Beiden dann was sie morgen Abend, Samstag, alle
machten. Noahs Vorschlag zu Alice Party zu gehen, das Mädchen aus ihrer
Jahrgangsstufe, welche ihn vor wenigen Minuten einlud, stieß auf keinerlei
Einwand. Sogar ganz im Gegenteil. Sie alle waren begeistert. Benjamin von ihnen
am meisten. Zusammen gingen sie früher in dieselbe Klasse, doch sie nahm
damals, anders wie er, Latein weiter und blieb in der Klasse, unterdessen
Benjamin sie wechselte.
Ben und Noah fuhren immer ein Stück weiter als Benjamin und
Jacob. Nicht weit. Lediglich ein paar hundert Meter. Benjamin und Jacob waren Nachbarn,
aber erst als Benjamin Französisch wählte und zu ihnen in die Klasse kam,
verstanden sie sich besser. Davor gingen sie einander einfach aus dem Weg,
mittlerweile jedoch verbrachten sie oft ihre Freizeit miteinander. Wurden
Freunde. Im Sommer waren sie oft bei Benjamin. Seine Familie lebte, anders als
Bens, in einem Haus mit großem Garten, wo sie, alle vier, gerne ihre Zeit
verbrachten.
Ben und Noah begleiteten die Anderen bis fast vor deren
Haustür. Sie bogen dann bloß noch nach rechts in ihre Straße ein. Dagegen
mussten Ben und Noah die große Hauptstraße weiterhin hinunterfahren, solange
bis sich ihre Wege an einer Kreuzung, die dann meistens von einer Tram
überquert wurde wenn sie kamen, trennten und in entgegengesetzte Richtungen
fuhren.
Der Schlüssel drehte sich einmal im Kreis, das Schloss
knarzte und die Tür wurde mit einem sachten Fußtritt aufgestoßen. Ben zog den
Schlüssel ab, schmiss ihn auf die Kommode und trottete ausgelaugt zum Sofa.
Stöhnend ließ er sich fallen. Er senkte erschöpft seinen Kopf und hob sein
T-Shirt an, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Die Hitze war
unerträglich. Sogar in ihrer Wohnung war es ihm viel zu warm. Im Wohnzimmer,
gleich neben ihm, lief laut das Radio. Ein Ventilator wäre ihm deutlich lieber
gewesen. Ben seufzte und lehnte sich zurück.
„Na, wie war dein Tag?“, fragte ihn seine Mutter während sie
mit einem prall gefüllten Wäschekorb vom Bad aus auf den Balkon spazierte. Sie
war ziemlich gut gelaunt, trotz der Hitze und trotz der restlichen
Schmutzwäsche die dort vor der Tür lag.
Ben schloss die Augen und gähnte lauthals: „Wunderbar“
„Ach ja?“, sie runzelte die Stirn, „Das hört sich aber nicht
so an“
„Ja wie soll es auch anders sein?“, jammerte er, „Stink
langweilig. Wie immer halt. Du sag mal, warum ist der scheiß Radio so laut
aufgedreht?“
„Dich dürfte das doch gar nicht stören?“, beschwerte sich
seine Mutter während sie begann die ersten paar Oberteile aus dem Wäschekorb zu
holen und sie auseinander zu zupfen, „So laut wie du deine Musik immer
aufdrehst“
„Bevor ich es vergesse“, er streckte sich krampfhaft und ließ
sich wieder zurück in die Couch fallen, „Ich bin morgen Abend auf einer Party
von einer aus meiner Schule“
Seine Mutter warf ihm von draußen einen irritierten Blick zu,
als sie sich bückte und einen durchnässten Socken aus dem Wäschekorb herauszog.
Sie schüttelte energisch den Kopf: „Junge. Hast du eigentlich
nie etwas für die Schule zu tun? Hausaufgaben oder so? Bisschen lernen?“
Sie machte eine kurze Pause: „Und wie heißt sie überhaupt?“
„Kennst du eh nicht. Und ganz ehrlich“, Ben schmunzelte, „Ne
hab ich nicht“
„Aja. Wirst es schon irgendwann merken“, murmelte sie und
steckte ihren Kopf in den Wäschekorb um den anderen abhanden gekommenen Socken
zu suchen.
Ben stand auf. Er verzog ruckartig sein Gesicht. Sein ganzer
Schweiß war nun von seiner Unterhose aufgezogen worden. Er hasste das.
„Hey Mama!“, rief er raus auf den Balkon.
„Ja?!“, sie hob für einen Moment fragend den Kopf und warf
Ben einen schnellen Blick zu.
„Wohin soll ich denn die Wäsche legen?“
„Warte“, überlegte sie und kniff die Augen zusammen, „Leg sie
doch einfach vor die Badezimmertür zu dem Rest“
„Okay, mach ich“
„Du!“, schrie sie ihm noch hinterher, „Kannst du gleich die
andere Wäsche, die dort liegt, in die Waschmaschine stecken und sie einschalten?“
„Sehe ich so aus als könnte ich eine Waschmaschine bedienen?“
„Dann lass es bleiben“, beklagte sie sich und steckte ihren
Kopf wieder zurück in den Wäschekorb.
Nachdem er seine durchgeschwitzten Klamotten gewechselt hatte
und zu seiner Mutter auf die Dachterrasse begab, war diese beinahe schon fertig
die Wäsche aufzuhängen. Nur noch wenige seiner Sachen und die seines Vaters
lagen auf dem Boden des Korbs.
„Hast du deine alten Sachen hingelegt wo ich es dir gesagt
habe?“, erkundigte sich seine Mutter ohne ihn überhaupt einmal anzusehen.
Ben nickte: „Ja“
„Essen steht in der Küche“
Das Essen war meist schon fertig wenn Ben von der Schule nach
Hause kam. Seine Mutter fing immer gleich nach der Arbeit zu kochen an, sodass
sie Beide zusammen essen konnten, sobald Ben daheim auftauchte. Heute gab es Lasagne.
Ein Gericht das er gerne aß. Zum Essen saßen sie sich nach draußen, unter die
Markise. Dort war es noch aushalten. Â Ein
leichter Wind streifte über die Dachterrasse und stieß die Wäsche sanft nach
vorne und hinten. Ben schluckte ein Stück Lasagne hinunter. Er lehnte sich in
seinen Stuhl und blickte in die Richtung aus der der Wind kam. Am vorher noch
so schönen blauen Himmel hatten sich bereits einige dickere Quellwolken
gebildet. Ob es heute noch regnen würde? Es sah ganz danach aus.
 2
Der erste Tropfen fiel auf die Windschutzscheibe. Dann der Zweite, Dritte und Vierte. Die
Wolken über ihm waren grau und ehe er sich´s versah prasselte der Regen nur so
vom Himmel herab. Ein kurzer Handgriff und der vordere Scheibenwischer zauberte
ihm wieder eine einigermaßen freie Sicht. Hinten besaß er keinen. Dafür war
sein Auto zu alt. Das Licht hatte er ohnehin bevor er losgefahren war
angeknipst. Er machte sich lang und spähte durch die Scheibe auf die beiden
Lichtkegel auf der Straße vor ihm. Der Rechte leuchtete ein wenig schlechter
als der Linke. Wann hatte er nochmal zuletzt die Glühbirnen dort vorne
ausgetauscht? Er ließ die linke Hand vom Lenkrad ab und fuhr sich nachdenklich
über die Wangen. War das nicht? Nein. Da hatte er sie schon längst gewechselt.
Aber wann dann? Er hatte es vergessen. Er liebte das Autofahren. Allerdings
nicht bei so einem Wetter. Sein Arbeitsweg war nicht lang. Höchstens fünfzehn
Kilometer. Der größte Teil davon führte ihn noch dazu über die Landstraße. Dann
noch durch einen Tunnel und über ein, zwei Kreuzungen. Jetzt fuhr er diesen Weg
zurück. Er fuhr nach Haus. Bei diesen Verhältnissen noch dazu. Schlechte
Straßen und Platzregen. Für ihn war das jedoch keine allzu große
Herausforderung. Er fuhr diesen alten Karren schon ewig. Mindestens zwanzig
Jahre. Obwohl er sich mittlerweile fast alle drei Monate in einer Autowerkstatt
wiederfand, wollte er es nicht verkaufen. Es war ihm ans Herz gewachsen. Und
vor allem was hieß verkaufen? Er bekäme ja nichts mehr für diesen Wagen. Sie
wohnten außerhalb der Stadt. Nicht weit. „Tack. Tack. Tack“, machte es als er
den Blinker setzte und nach rechts in ihre Hofeinfahrt einfuhr. Das Auto
stoppte. Mit einem Ruck öffnete sich die Garage, und als das Tor fast an seinem
höchsten Punkt angelangt war setzte er sein Wagen wieder in Bewegung.
Erst als
sich die Garage wieder verschlossen hatte und es um ihn herum allmählich still
wurde öffnete er die Tür und setzte einen Fuß nach draußen. Bevor er auch sein
zweites Bein aus dem Wagen setzte, drehte er sich um und griff mit der rechten
Hand nach seiner Tasche, die auf dem Beifahrersitz lag.
Die
Hintertür der Garage führte in den Flur. Sein Jackett hing er noch schnell an
die Garderobe, ehe er das Kuvert entdeckte, das oben auf einem Hocker direkt
daneben lag. Nachdenklich drehte er es in seinen Händen, zuvor er die Adresse
kontrollierte. „Carrington“ Die stimmte. Aber der Rest fehlte. Weder Straße
noch Postleitzahl waren auf dem bräunlichen Kuvert zu finden. Allein der Name
war dort angegeben. Er wurde noch nicht einmal auf ein kleines Stück weißes
Papier geschrieben und dann aufgelebt, so wie das bei ihnen üblich war, sondern
wie mit einer Schreibmaschine geschrieben, direkt eingestanzt. Merkwürdig. Er
ließ ihn erstmal in seiner Tasche verschwinden mit dem Hintergedanken seine
Frau zu befragen, ob sie Post erwartet hätte und dieser vielleicht zu ihr
gehöre oder sie wisse was es damit aus sich hat.
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