
Blutige Gedanken
Ich muss schreien, ich weiss nicht warum; ich musste aber lange schreien….
Alles, was ich gesehen habe, konnte ich mir selbst nicht erklären, ich befand mich plötzlich irgendwo, wo ich noch nie war, wo ich mich nicht wohl fühlte.
Ich befand mich in einem unbekannten Land.
Das Wetter war neblich, die Bäume waren nicht mehr grün, die waren wahrscheinlich nie grün gewesen. Ich konnte es nicht verstehen.
Ich will doch gar nicht hier sein. Wo bin ich? Warum bin ich hier? Ich muss doch aufpassen.
Ich träume, ja, ich weiss es jetzt, ich träume nur.
Eins, zwei, drei....ich bin wach, ich muss wach werden. Alles ist noch immer neblich.
Die Welt, die ich kannte, kann ich nicht mehr erkennen, die Leute, die ich liebte, die sind nicht mehr da, ....ich bin ganz alleine.
Ich träume nicht...das ganze ist die Realität, die Realität, die ich bis jetzt nicht kannte. War ich mein ganzes Leben blind? Warum sehe ich plötzlich etwas, was ich nie gesehen habe?.....
Ich kenne die Antwort nicht, ich bin verzfeifelt, ich versuche gerade einen Schritt nach vorne zu machen, ich versuche jemanden oder etwas zu finden.
Ich sehe aber gar nichts, was ich bis jetzt kannte. Alles ist weg. Mein Leben, meine Freunde, meine Visionen, ich bin irgendwo, wo ich nie sein wollte, ich fühle etwas, was ich nie fühlen wollte, ich rieche etwas, was ich nie riechen wollte.
Ich kann mich kaum bewegen!!!
Meine Beine werden immer kleiner, winzig klein, aber warum? Soll es etwas bedeuten? Will mir jemand damit sagen, dass ich stehen bleiben soll?, dass ich mich nicht mehr bewegen soll? Warum aber, ich kann doch nicht in der Mitte vom Nix stehen bleiben.
Ich muss weinen, die Tränen der Verzweifeltheit fließen runter, ich weiss nicht mehr was ich machen soll. Es sind doch blutige Tränen, die ich weine.
Ich muss was unternehmen, ich kann doch nicht mehr stehen bleiben.
Ich versuche mich zu bewegen. Es geht aber nicht, meine Beine sind noch immer so klein und noch immer so schwer.
Ich höre Stimmen, Stimmen, die ich noch nie gehört habe, Stimmen, die ich nicht kenne. Nein, es sind keine Stimmen, es sind aber auch keine Geräusche, es ist doch nur der Wind, der Wind, der jetzt so stark ist, dass meine Hände sich beginnen zu bewegen. Ich spüre aber meine Beine nicht mehr, ich stehe im Schnee. Ich spüre die Kälte, die Kälte, die ich noch nie gespürt hatte, die Kälte, die mich plötzlich beherrscht.
Ich versuch es jetzt noch einmal, ich versuche jetzt noch einmal mich nach vorne zu bewegen, es geht aber nicht, die Kälte erlaubt mir nicht etwas zu machen. Ich will hier weg, ich will nach Hause, ich will in die Welt zurück, wo es keine Leute mit kurzen Beinen und blutigen Tränen gibt. Es geht aber nicht, ich wurde verurteilt, ich wurde für mein ganzes Leben verurteilt.
In der Weite sehe ich das Wasser, das blaue Wasser, das Wasser ist so blau, dass es funkelt. Ich glaub meinen eigenen Augen nicht mehr, ich glaub meinen eigenen Sinnen nicht mehr, ich bin müde, ich bin so müde, dass ich nicht mehr nachdenken kann.
Ich muss es zum Wasser schaffen, ich muss es auf jeden Fall zum Wasser schaffen.
Ich bin verwirrt, ich bin so verwirrt.
Womit habe ich das alles verdient?
Auf einmal bin ich wieder zu Hause. Wo ist denn aber mein Zuhause? Ich weiss es selbst nicht, ich hatte doch nie mein Zuhause, ich war doch immer überall Zuhause.
Die Bäume sind älter geworden, die Häuser sind langsam verschwunden, es gibt überall nur Ruinen. Die Welt hat sich geändert, die Leute sind verschwunden, ich bin wieder ganz alleine, ich befinde mich irgendwo in der Welt, die mir bekannt vorkommt, die aber so unbekannt ist, die aber so anders geworden ist.
Ich sehe die Resten von Häusern, in denen meine Freunde gewohnt haben, ich erinnere mich an alles, was wir zusammen erlebt haben, alles ist zurück, ich spüre die Wärme, ich spüre die Zufriedenheit, ich spüre etwas, was ich schon lange nicht gespürt habe.
Ich schreite fort.
Es ist doch unglaublich, es kommt mir so wunderschön vor, dass ich mich wieder bewegen kann. Was war es denn mit meinen Beinen? Warum sind die für so lange stehengeblieben?...
Ich kann endlich zum Wasser, zum Wasser, dass ich schon seit so langer Zeit erreichen will, zum Wasser, das etwas geheimnisvolles verbirgt, zum Wasser, das mich lockt.
Es ist aber weiter weg als ich gedacht habe, es ist so weit weg, dass ich es heute nicht mehr schaffen kann. Ich werde eine kurze Pause machen, ich brauche die Pause, ich musste doch so lange laufen.
Da steht doch ein Gebäude, ein sehr großes Gebäude, das ist doch ein Mönchenkloster. Das habe ich aber bis jetzt nicht gesehen. Wie ist es möglich, dass hier plötzlich ein Mönchenkloster aufgetaucht ist?
Ich brauch noch mehr, ich brauch noch viel mehr.....
Ich stehe vor der Holztür des Mönchenklosters. Ich will rein, ich weiss, dass da rein etwas versteckt ist. Ich weiss, dass genau da eine Antwort auf alle meine Fragen zu finden ist. Ich muss versuchen die Tür aufzumachen. Es kommt mir aber so schwer vor, die Tür ist so schwer, ich kann die nicht öffnen.
Ich will schon weg, ich muss weg. Nein, ich versuche es noch einmal. Die Tür geht doch auf. Ich beginne zu lachen, ich muss lachen, weil ich es nicht glauben kann. Ich bin fast drinnen. Überall stehen riesige Säulen, die blutige Tränen weinen.
Drei Mönche kommen langsam zu mir und wollen nichts sagen, fragen gar nicht danach, wer ich bin, woher ich komme und was ich hier mache.
Bald wird mir mein Zimmer gezeigt, ein kleines Zimmer, in dem ein altes Barockbett steht, auf den Wänden haengen Malereien und Erscheinungen aus dem Leben Jesu. Malereien, die mich so intensiv beeimflussen, Malereien, die so blutig und schwarz sind. Ich fühle mich in diesem Zimmer nicht gut, ich fühle mich unangenehm, ich spüre die Kälte, eiskalte Kälte.
Ich brauch noch mehr, ich brauch noch viel mehr.....
Jetzt kommt mir alles so schön vor, ich sehe nur Blumen, Blumen, die wie verzaubert beginnen zu blühen, die Blumen, die schwarz-rot sind, die Blumen, die auf keiner Wiese wachsen.
Ich laufe durch das Kloster, ich war doch noch nie in einem Kloster, ich will alles sehen, ich will alles entdecken. Ich habe das Gefühl, dass ich hierher gehöre.
Ich sehe aber keine Menschen, die Mönchen sind verschwunden, die Blumen sind auch weg. Nur die Kälte und Dunkelheit sind geblieben.
Da ruft mich plötzlich jemand. Ich bin so froh, wer bist du? Was machst du hier? Gehörst du auch zu den Mönchen? Ich kriege aber keine Antwort. Der Unbekannte fasst mich mit seiner weichen und nassen Hand an und zeigt mir die Richtung.
Ich brauch noch mehr, ich brauch noch viel mehr.....
Ich fühle auf einmal nichts mehr. Ich fühle mich glücklich. Ich sehe meine Mutter, meine Mutter, die ich so vermisst habe.
Wir reden, wir reden ganz lange miteinander, ich fühle mich noch immer glücklich, ich fühle mich noch immer so wie ich mich immer fühlen wollte. Auf einmal ist sie weg.
Ich muss weiter, das war das letzte was sie gesagt hat: Du musst weiter.
Draußen schneit es, draußen kann man nichts sehen, draußen sind die Wolken verschwunden, draußen gibt es kerine Pflanzen mehr, draußen kommt bald die Dämmerung.
Ich muss zurück in das Zimmer, in das kleine Zimmer.
Auf einmal klopft jemand auf die Tür. Unbekannte Personen mit verhüllten Gesichtern. Was wollt ihr von mir?
Nein, nein.............
Mein Geschrei der Verzweifelheit breitete sich langsam durch alle Räume aus. Die Unübertragbarkeit dieser Verzweifelheit wurde immer intensiver und ich konnte einfach nicht mehr.
Ich brauch noch mehr, ich brauch noch viel mehr.....
Ich schreite fort.
Das Leben, das ich jetzt hier lebe kenne ich doch nicht. Ich habe keine Ahnung wo ich bin, ich habe keine Ahnung wer ich bin!
Ich erkenne meine eigene Hände nicht, ich erkenne meine eigene Beine nicht.
Das Gesicht im Spiegel ist doch gar nicht mein Gesicht. Dieses Gesicht habe ich doch nie gesehen. Dieses Gesicht ist viel älter, dieses Gesicht ist doch nicht mein Gesicht!!!
Doch, ich weiss es jetzt, ich weiss es jetzt. Es ist mein Gesicht, ich sehe doch nichts anderes als mich selbst in der Zukunft.
Wie ist es möglich? Bin ich tod? Bin ich ohnmächtig geworden? Träume ich?
Nein, der Spiegel zeigt mir nur Wahrheit, mein Spiegel zeigt mir die wahre Wahrheit.
Ich habe die letzten zwanzig Jahre nur das gesehen, was ich sehen wollte. Ich war die ganze Zeit blind und jetzt ist mir nichts mehr geblieben. Alle meine Freunde sind weg, alle meine Bekannten und Verwandten sind auf einmal verschwunden. Ich bin alleine geblieben, alleine mit meinen eigenen schrecklichen Gedanken.
Ich brauch noch mehr, ich brauch noch viel mehr.....
Die Geister, die ich jetzt sehen, die Umgebung, die ich jetzt nicht mehr wahrnehme, das Ganze hat sich verändert, das Ganze ist jetzt zur Realität geworden. Ich warte auf jemanden, der mich auf die andere Seite bring, ich warte auf jemanden, der mich retten kann. Es kommt aber keiner, es kommt gar keine Licht, es kommen gar keine Leute, es kommt gar nichts lebendiges zu mir.
Ich muss warten, ich muss weiterwarten, ich habe keine andere Möglichkeit, ich habe keine andere Wahl.
Ich brauch noch mehr, ich brauch noch viel mehr.....
Hey, du da! Wer bist du? Was machst du hier?
Nein, das war doch nur eine Hallucination. Nein, nein, ich sehe tote Menschen, ich sehe Menschen, die für ihr ganzes Leben verurteilt wurden, ich sehe Menschen, die zum ewigen Leiden verurteilt wurden.
Die Tränen, die die weinen sind blutige Tränen. Überall wird geschrien, ich kann es nicht mehr aushalten, stopp!, stopp!
Ich springe ins Wasser mit der Hoffnung, dass das ganze aufhört, mit der Hoffnung, dass ich wieder aufwache und erfahre, dass das Ganze nur ein Traum war.
Meine Beine sinken ganz langsam, meine Hände kann ich kaum mehr spüren, mein Körper ist federleicht geworden.
Das wars? Bin ich jetzt tod? Muss ich nicht mehr leiden?
Ich brauch noch mehr, ich brauch noch viel mehr.....
Ich bin in einem Märchenland aufgewacht. Meine Mutter begrüßt mich, meine Freunde kommen mir entgegen, ich kann es nicht glauben, ich bin doch im Himmel, im ewigen Himmel, aber wie ist es möglich?
Ist dies die Realität?
Keiner sagt was zu mir, keiner scheint ja überrascht zu sein, keiner kommt mir verdächtig vor. Ich versuche meine Mutter zu umarmen, ich versuche mit meinen Freunden zu reden. Es geht aber nicht, ich bin nur eine Seele, ohne Körper.
Ich schreite fort....
| adventor89 ... - ... ein fesselnder Bericht ... über diese faszinierenden Gedankenbilder. Sie sind hautnah erlebbar. Viele Grüße Michael |