Beschreibung
Wie viel von uns geht verloren auf unserem Weg durchs Leben?
Wortflug
Langsam streicht sie über die Einbände, ihr Atem ist langsam, der Blick suchend. Leise gleiten ihre Füße zwischen den Türmen aus Gedanken entlang, niemand bemerkt die junge Frau mit den dunkelbraunen gelockten Haaren, den Sommersprossen und dem ernsten Gesichtsausdruck. Traurig und voll Sehnsucht tastet sie nach den richtigen Worten. Warum sie sich in diesen kleinen Laden gegangen ist weiß sie nicht mehr. Es war ganz zufällig. Sie bleibt stehen und zieht einen der Träume aus dem Regal. Plötzlich passiert etwas, dass sie nicht erwartete hätte. Die Regale werden zu Bäumen und die graue Stadt hinter dem Fenster verwandelt sich in eine Ebene. Die Wände geben den Blick frei auf die Berge, hinter denen das Meer liegen muss. Zum ersten Mal seit langer Zeit kann sie wieder atmen, wieder fühlen, riechen und schmecken, der Ort an dem sie sich jetzt befindet, kommt ihr seltsam vertraut vor. Vor sich hört sie das Rauschen des Wassers und ihre Füße tragen sie über das Unterholz, heraus aus dem dunklen Kiefernwald, über das Graß und die Blumen, hin zum kleinen Wasserfall. Sie kennt diesen Fluss, das weiß sie ganz sicher.
An seinem Ufer sitzt ein kleines Mädchen, mit einem hellen, freundlichen Gesicht. „Wo warst du so lange?“, fragt das kleine Mädchen. Verwirrt blickt die junge Frau in tiefe dunkelbraune Augen „Es tut mir leid, aber wer bist du?“ „Du hast mich vergessen.“ Antwortet das kleine Mädchen schnippisch und die junge Frau weiß, dass es Recht hat. "Als du gegangen bist, konntest du mir noch nicht mal in die Augen sehen" das kleine Mädchen ist nun ernster, "Aber weißt du, ich hab dich gelassen, weil ich wusste, dass du einfach nur Zeit brauchst. Ich wusste, dass du zurückkehren würdest." Ihre Augen leuchten und auf ihrem schmalen Gesicht zeichnet sich ein Lächeln ab. „Wer bist du?“, fragt die junge Frau erneut. Das kleine Mädchen lacht nur und ihre kleinen Füße tänzeln über die Steine, hin zum anderen Ufer. „Du wirst dich erinnern.“, ruft es der jungen Frau noch zu, bevor es singend und hüpfend zwischen den Büschen verschwindet.
„Tut mir leid, wir schließen jetzt“, sagt die freundlich lächelnde Buchhändlerin. Die junge Frau, aus ihrem Traum gerissen, blickt verwirrt auf. Sie hat nicht bemerkt, dass ihr bis zum Ende des Buches lediglich ein Paar Seiten fehlen. „Ja, entschuldigen sie ich..“ „Sie haben sich nur in den Worten verloren.“, beendet die Buchhändlerin den Satz. „Ich sehe, sie haben etwas gefunden“ „ja habe ich, ein Buch aus meiner Kindheit.“ Die Buchhändlerin blickt auf den Titel. „Oh ja, das habe ich meinen Kindern auch vorgelesen. Ein Wunderbares Buch.“ „Ich nehme es“
In der Bahn nachhause betrachtet sich die junge Frau in der spiegelnden Fläche der Fenster und versucht sich noch immer daran zu erinnern, woher sie das kleinen Mädchen und den Wald mit dem Fluss kennt. Sie greift in ihre Tasche und als sie über den rauen Einband streicht, leuchten ihre Augen und auf ihrem schmalen Gesicht zeichnet sich ein Lächeln ab.