Kinderbücher
Der Fichtel

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"Der Fichtel "
Veröffentlicht am 03. Mai 2013, 2 Seiten
Kategorie Kinderbücher
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Der Fichtel

Der Fichtel

Der Fichtel

Der Fichtel

 

Als ich ein kleines Mädchen war, wohnten wir bei meiner Großmutter Greta in einem idyllischen Holzhaus. Forster’s Lodge stand direkt am Waldrand, unterhalb des Moorgebirges, umgeben von einem bunten Garten voller Heil- und Unkräuter. Zu Sträußen gebunden, trockneten diese im Winter am Steinbackofen in der Küche. Die Rückseite des Ofens wärmte auch die kleine, gemütliche Stube nebenan und das Ofenrohr die Schlafkammern im Dach.

Auf meinem Nachttisch stand eine kleine Schneekugel, die Oma abends mit einer Kerze zum Leuchten brachte, wenn sie mir Geschichten über gute Waldfeen und garstige Waldkobolde erzählte. Diese bösen Fichtel hausten im Hochmoor unter knochigen Fichtenwurzeln, trugen Tarnkappen und lockten mit Schwefellichtern verirrte Wanderer in den Sumpf.

Als ich in die Schule kam, zogen wir in die Stadt. Heimlich nahm ich die Märchenkugel mit und wenn wir das Wochenende im Forsthaus verbrachten, stellte ich sie zurück an mein Bett. Während des Studiums, konnte ich Oma leider nur noch Weihnachten besuchen. Aber wann immer ich Sehnsucht nach Forster’s Lodge hatte, sah ich mir die Kugel an und dachte an Omas Erzählungen.

Greta telefonierte nicht gerne, doch von heut auf morgen rief sie fast täglich an und klagte, dass sie immer vergesslicher würde. Zuerst suchte sie nur belanglosen Kram, wie Socken oder Stifte. Ihnen folgten Schmuck, Kreditkarten und Handwerkszeug. Als sie schließlich ihre Schlüssel verlor und sich beim Fenstereinschlagen verletzte, beschloss ich, meine große Literaturbelegarbeit im Forsthaus zu schreiben.

Dort diente mir das breite Fensterbrett zur Veranda als Arbeitsplatz, wo ich tagsüber im kühlen Schatten sitzen konnte. Wurde es draußen ungemütlich, brauchte ich nur die Seite zu wechseln und das Fenster zu schließen.

An solch einem Schlechtwettertag kam Greta mit dem Wäschekorb in die Stube und sagte: „Ach Lyn, ich habe keine Socken mehr.“

„Wieso, der Korb ist doch voll davon?“, wunderte ich mich.

„Ja, aber nicht ein gleiches Paar!“

Ich grinste: „Na und? Sieht doch keiner.“

„Stimmt!“

Als sie mit der Wäsche fertig war, begann Oma in der Küche Äpfel zu schälen. Eine halbe Stunde später, stand sie wieder neben mir und fragte: „Weißt du, wo der Einkochtopf ist?“

„Vorratskammer, linkes Regal!“

„Nein, da ist er nicht.“

Seufzend stand ich auf und schaute nach. Ich hatte gestern die Einweckgläser samt Topf abgewaschen, nur dort, wo ich alles hingestellt hatte, klaffte jetzt eine große Lücke.

Plötzlich raschelte es auf dem oberen Brett. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, tastete das Regal ab und bekam etwas zu fassen. Blitzschnell zog ich meine Hand nach unten und hielt eine kleine, rote Zipfelmütze in meinen Fingern. Sofort nahm ich den Besen und fegte alles hinunter.

‚FLUTSCH!’, klatschte etwas auf meinen Kopf. Instinktiv griff ich zu und ein wütender, grauhaariger Zwerg, in Teekannengröße, zappelte vor meinem erstaunten Gesicht.

Er schlug mit den Füßen um sich und schrie: „Gib mir meine Mütze zurück!“

Ich steckte die Mütze in meine Hosentasche und wollte die Möhren beiseite schieben, um den kleinen Kerl dort abzusetzen.

„Wer bist du denn?“, wollte wissen.

„Ein Fichtel, du blöde Kuh! Her mit der Mütze!“

„Du bist aber unfreundlich!“, sagte ich ärgerlich und anstatt ihn loszulassen, griff ich nach unserem alten Vogelkäfig, warf den verdatterten Fichtel hinein und brachte ein Vorhängeschloss an.

„Sobald du etwas netter bist, reden wir weiter!“, knurrte ich.

Da klappte der kleine Kerl seine spitzen Ohren ein und murmelte: „Entschuldige bitte, Herrin.“

„Wo ist der Topf?“

„Im Dach, hinter der Wandverkleidung.“

Als ich dort nachsah, traf mich fast der Schlag; der gesamte Kniestock war voll mit Omas Sachen!

„Bitte, ich hätte gern meine Kopfbedeckung wieder“, bat er erneut, als ich den Käfig in mein Schlafzimmer hängte.

„Sobald Großmutter schläft, bringst du alles wieder in Ordnung!“

„Dazu bräuchte ich meine Mütze. Bitte!“

„Kein Wort mehr!“

Nachdem Greta zu Bett gegangen war, setzte ich mich wieder an meinen Laptop. Bis etwa drei Uhr früh wirbelte der Fichtel durchs Haus und räumte auf. Anschließend verschwand er irgendwo im Gebälk und ich fiel todmüde, so wie ich war, ins Bett.

Als ich morgens unter die Dusche wollte, fand ich seine Mütze in meiner Hosentasche. Die hatte ich ihm eigentlich zurück geben wollen! Doch ich überlegte mir, dass dann die Stehlerei sicher weitergehen würde. So einfach durfte ich es dem Wicht nicht machen!

Mit der Begründung, ich sei eher ein Nachtmensch, verlegte ich meine Arbeitszeit und ließ ihn das Haus putzen, Holz stapeln, Früchte einkochen und den Abwasch machen. Sogar die Wäsche bügelte er ohne zu murren. Großmutter staunte nicht schlecht, was ich alles in der Nacht schaffte.

Bevor ich morgens schlafen ging, bekam ich von dem Fichtel immer noch eine Nacken- und eine Fußmassage, ein Kräuterbad und frische Ringelblumensalbe für meine Haut. Manchmal dachte ich daran, ihm die Mütze wiederzugeben, allerdings wollte ich auf diese Annehmlichkeiten keinesfalls verzichten.

 

Am Tag meiner Abreise suchte ich vergeblich nach dem Kobold. Während ich das Dach durchforschte, hörte ich draußen plötzlich ein seltsames Knirschen, dann ein lautes Rauschen, auf das ein gellender Schrei folgte. Ich rannte zum Fenster und erblickte einen umgestürzten Baum, unter dem meine wimmernde Großmutter lag.

Nachdem ich den Notruf gewählt hatte, ging alles sehr schnell. Die Feuerwehr befreite Greta und die Ambulanz brachte sie ins Hospital. Ihre gebrochene Hüfte wurde operiert und wenig später kam sie in eine Kurklinik.

Während meine Eltern sich um Greta kümmerten, büffelte ich für die Abschlussprüfungen. Sogar Weihnachten verbrachte ich in der Bibliothek. Als ich dort schließlich mittags meinen Rucksack packte, hielt ich unvermittelt die Koboldmütze in der Hand. Die hatte ich ja völlig vergessen!

Trotz des starken Schneefalls brach ich sofort zum Forsthaus auf. Allerdings erwartete mich dort ein Bild des Grauens. Zwei weitere riesige Bäume waren umgestürzt und hatten das Haus völlig zertrümmert.

In jeder mir nur zugänglichen Ecke suchte ich den Kobold - umsonst. Nach langen, erfolglosen Rufen fiel mein Blick auf die Moorberge. War er etwa dorthin zurückgekehrt? Die Dunkelheit brach herein und ich entschied, im Schuppen zu warten. Doch es passierte nichts. Nach einer kalten, schlaflosen Nacht im Heu, wanderte ich dann bei Tagesanbruch in Richtung Hochmoor.

 

Dicke Nebelschwaden hingen im Morgengrauen über dem dunklen Fichtenwald und je tiefer ich vordrang, desto unheimlicher empfand sie das Knarren der Bäume und das Knirschen des Schnees unter meinen Füßen; von Sumpfland gab es weit und breit keine Spur.

Plötzlich sah ich vor mir kleine Lichter hin- und herhuschen. Weit konnte es also nicht mehr sein. Mit einem langen Stock prüfte ich jetzt vor jedem Schritt den Boden. Immer mehr Stellen gaben nach.

Schließlich gelangte ich auf eine Lichtung voller Morast. Unheimliche Gasblasen und fauliger Gestank stiegen nach oben und machten ein Weitergehen unmöglich.

Ich zog die Mütze heraus und rief: „Fichtel, ich habe deine Mütze!“

Plötzlich begann es vor meinen Füßen zu gluckern und aus den Blasen formte sich ein Zwerg.

„Gib mir die Mütze!“, forderte er.

„Nein, ich gebe sie nur MEINEM Fichtel.“

„Deinem Fichtel? Wer ist denn das?“

Ich zuckte zusammen. Richtig, ich wusste ja noch nicht einmal seinen Namen.

„Kennst du denn keinen, der seine Mütze vermisst?“

Der Fichtel zog eine Grimasse und sagte: „Fichtel, die ihre Mütze verlieren, müssen demjenigen dienen, der sie besitzt. Sie können sich nicht mehr unsichtbar machen und in Fichtenwurzeln verstecken. Hausfichtel, die ihr Haus verlieren, müssen in den Sumpf zurück.“

„Was geschieht mit ihnen?“, erkundigte ich mich.

Wieder griente der Kobold: „Das kommt darauf an, wie viele Schätze sie ranschaffen. Sind es zuwenig, müssen sie im Moor solange Fackelgas für die Lichtfichtel einfangen, bis sie im Schlamm ersticken.“

„Aber seine Schätze sind noch im Haus, er konnte sie nicht mitnehmen, weil Bäume drauf gestürzt sind“, erwiderte ich verzweifelt.

„Du weißt seinen Namen nicht! Gib mir die Mütze!“

„Nein, das werde ich nicht tun!“

Da machte der Kobold einen Satz und wollte mir die Mütze entreißen. Ich erschrak und verpasste ihm mit meiner rechten Hand einen derartigen Schlag, dass er viele Meter weit ins Moor segelte. Dabei fiel auch ihm die Mütze vom Kopf. Schnell angelte ich sie mir mit dem Stock und befahl: „Bringe mich zu meinem Fichtel und zwar so, dass ich nicht einsinke!“

Widerwillig zeigte mir der Kobold den Weg zu den Gasfeldern. Ich erschrak. Mein kleiner Freund sah krank und traurig aus. Und als er mich sah, begann er zu fluchten und zu schimpfen.

„Alles hast du mir genommen; meine Schätze, mein Heim! Verschwinde!“, brüllte er.

Erst jetzt wurde mir richtig klar, was ich da angerichtet hatte.

„Es tut mir leid“, sagte ich und legte ihm die Mütze hin.

„Ich habe alles gemacht, was du wolltest. Wie eine Königin habe ich dich behandelt, doch meine Mütze hast du mir nicht zurück gegeben!“, schrie er weiter.

„Ich ahnte nicht, dass so etwas passiert! Komm heim, dann kannst du all deine Schätze ins Moor schaffen“, schlug ich ihm vor.

„Die Schätze waren meine Lebensversicherung, falls Greta eines Tages weggeht. Der große Moorgeist hätte mich dann sicher im Forsthaus wohnen lassen, bis eine neue Familie einzieht. Doch nun ist Greta fort, das Haus ist zerstört und ich kann mich nicht vom Moor freikaufen!“

Niedergeschlagen und voller Schuldgefühle holte ich aus meinem Rucksack die Glaskugel heraus.

„Das ist Gretas Märchenkugel. Sie ist mein größter Schatz. Gib sie dem Moorgeist, vielleicht lässt er dich dann gehen!“, schluchzte ich betroffen.

„Ich will aber nicht zurück!“, brüllte der Wicht mich an.

Betäubt drehte ich mich um und ging einfach fort. Ich wollte ihn nicht mehr sehen. Ich wollte NIEMANDEN mehr sehen!

 

Es dauerte etwa drei Monate und fünfundzwanzig Therapiesitzungen, bis ich mich aus meiner Lethargie befreit hatte und mein Therapeut mir die Existenz von Fichteln nicht mehr auszureden versuchte.

Nach den Prüfungen lud ich meine Kommilitonen zum Campen in den Fichtenwald ein. Zusammen schafften wir es, das Forsthaus noch vor der Rückkehr meiner Großmutter wieder aufzubauen.

 

Um das Hochmoor mache ich seitdem einen großen Bogen. Damit ich Oma helfen kann, habe ich das Praktikum bei der New York Times abgelehnt. Leider hat das auch der Lotos-Verlag mit meinen Koboldgeschichten getan. Zerknüllt landete die Absage im Papierkorb und ich setzte mich wieder ans Notebook auf die Veranda. Vielleicht kann ich ja jemanden für ein Kräuterbuch interessieren.

„Vielleicht waren es aber nur nicht die RICHTIGEN Fichtelgeschichten!“, sagt da jemand, der gerade aus dem Papierkorb kriecht und meine Märchenkugel in der Hand hält.

„Ich kenne jede Menge davon. Mein Name ist übrigens Fritz, aber für die Familie bin ich Fritzchen.“

 

©KateJadzia 2012

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KateJadzia Vielen Dank Euch allen! - Ich freue mich, dass Euch mein Fichtel gefallen hat. Das sppornt mich an, weiter zu schreiben.

LG Kate
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KateJadzia Re: Hallo Frau Grimm.... -
Zitat: (Original von erato am 24.05.2013 - 16:16 Uhr) ......................................dieser Ausflug in die Welt
der Fantasien hat mir sehr gefallen, liebe Kate,
schön dich gefunden zu haben.
LG Thomas


Ich freue mich auch, lieber Thomas! Danke fürs Lesen
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erato Hallo Frau Grimm.... - ......................................dieser Ausflug in die Welt
der Fantasien hat mir sehr gefallen, liebe Kate,
schön dich gefunden zu haben.
LG Thomas
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Rehkitz Das hat sich richtig gelohnt mal bei dir herein zu schauen. Solch eine wunderbare Geschichte. Werde öfter bei dir vorbeischauen.
Einen schönen Tag,
ganz liebe Grüße Rehkitz
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rolandreaders Ein modernes Märchen. - Da hat der kleine Kerl aber ganz schön leiden müssen, nur weil er etwas unhöflich war.
Die Geschichte ist gut erzählt und hat alles, was ein Märchen so braucht.
Hat mir gefallen.
L.G.Roland.
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Maylies Tolle Geschichte, - sie müsste nur noch ein wenig länger sein!
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