Kurzgeschichte
Staub, Glassplitter und ein alter Fahrradsattel - Heimathafen

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"Staub, Glassplitter und ein alter Fahrradsattel - Heimathafen"
Veröffentlicht am 27. Juni 2008, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Manchmal bin ich so ermüdend heiter. Manchmal bin ich so erdrückend liebend.Manchmal liege ich verzagt am Glücke.Manchmal liege ich verzückt am Boden.
Staub, Glassplitter und ein alter Fahrradsattel - Heimathafen

Staub, Glassplitter und ein alter Fahrradsattel - Heimathafen

Beschreibung

Dichtung und Wahrheit treffen hier blindlings aufeinander. Ich verspreche Euch, dass noch ein paar weitere Episoden folgen. Ich denke, dass sich insbesondere ParadiseKiss freuen wird, weil sie gerne Kurzgeschichten liest--:)) Viel Spass Euch!!!

Heimathafen. Staub, Glassplitter und ein alter Fahrradsattel

 

Heute reißen sie alles nieder. Von dem kleinen Nachbarhäuschen bleiben morgen ein paar staubige Reste. Balken knistern, Fenster klirren, dort fliegen ein paar alte Bücher auf den Container. Bestimmt ist auch Tom Sawyer und Huckleberry Finn dabei. Oma Gretchen, das war die Mutter von Gustav und die Schwiegermutter von Barbara, die gleich nach ihrem Tode in das kleine Nachbarhäuschen einzogen, hat Bernd und mir so oft daraus vorgelesen. Gustav und Barbara bekamen auf diesen vierzig Quadratmetern Wohnfläche sieben Kinder und alle Neune lebten dort. Ich ging bald meine eigenen Weg, aber ein paar Namen fallen mir noch ein wie Heinrich, Manfred, Siegfried, Georg, Brigitte und Regina, die Zwillinge, und…wie hieß noch dieser Nachkömmling? Ich weiß es genau, es war ein Junge. Ich höre noch heute, wie die Barbara den ungefähr dreijährigen Hintern klopft, gleich unter unserem Küchenfenster, und krakeelt: „Du Schwein, Du blödes Schwein, Du…klopf, klopf, klopf…wie lange willst Du eigentlich noch in die Hosen scheißen?“…Klopf, klopf, klopf…, brüll, brüll, brüll… Und der kleine Mann schreit zwischen Schmerz und breit geklopfter Kacke: „Du Arschloch, Du!“ Jetzt klopft es viele, viele Male, und ich will euch, liebe Leser, die für den Vokabelschatz interessanten, aber hier unangebrachten Worte, vorenthalten.

Bestimmt ist bei den Büchern Huckleberry Finn dabei. Jedenfalls sehe ich zwischen all diesem Chaos wieder Oma Gretchen auf der Bank vor dem Hause im Abendlicht sitzen und lesen. Ich zu ihrer Linken und Bernd, mein bester Freund und Nachbarsjunge von der anderen Hausseite, auf ihrer rechten Seite. Nein, umgekehrt. Ich links, nein. Wenn du also von vorn auf uns schaust, dann ich links. Ansonsten an ihrem rechten Arm, denn auf der Seite grenzt der Gang ihres Häuschens mit meinem Elternhaus. Unsere Alten haben sich immer gefreut, wenn das Gretchen uns abends in die fremden, unheimlich abenteuerlichen Gefilde entführte, so kurz vor dem Zu-Bett-Gehen. Mann o Mann war das kribbelig und ich konnte so schön muschelig unter meiner warmen Federdecke in sicherer Umgebung einschlafen.

Heute, wo die letzten Steine fallen, erzählt mir meine 81jährige Mutter, dass das Oma Gretchen dafür, oder besser damit, sich so manchen kleinen kornigen Flachmann einlas, den sie täglich, bis ins hohe Alter, jeden Morgen auf nüchternen Magen trank. Prost, meine liebes Gretchen, mein liebes Oma Gretchen, ich denke an dich!

Weggestaubt, das alte Plumpsklo, dass jahrelang, sehr zum Ärgernis meiner Mutter, von Gustav, Barbara und dem kindlichen Rest der Familie sehr natürlich gehalten genutzt wurde. Im Winter war das ok. Da hatten wir noch richtig frostige Winter. Und Sommer? Ja, Sommer hatten wir auch schon. Aber für unsere Vorratskammer, die mit der vergitterten Belüftung zur Gangseite hin, zum Plumpsklo hin, lag, war das nicht immer die beste Belüftung…

Oma Gretchen, ihren Mann habe ich nicht mehr kennen gelernt, der blieb irgendwo in Russland, im Zweifel blieben sie alle vor Stalingrad, war eine reinliche alte Frau und lebte allein in den paar Quadratmetern in zwei Zimmerchen und einer klitzekleinen Küche. Jetzt ist sie schon über 51 Jahre in Gottes Hand im Schattenland und ihre Brombeeren blühen noch jedes Jahr und tragen Früchte, die uns schmecken. Beständig wie unsere Schneeglöckchen, die meine Mutter von ihrer Mutter vor ziemlich genau 60 Jahren mit in diesen, ihren Garten, als Aussteuer mitgebracht hat.

Sie stauben alles weg, diese vier jungen Leute, die keinerlei Erinnerung an den alten Küchenherd haben, der jetzt auf den Container fliegt und von dem sogar noch Bernd und ich so manchen Bratapfel geschmort und mit geheimnisvollen Gewürzen aus fernen Ländern bestäubt, lecker, lecker, lecker, verschmatzt haben. Und wir alle hinein…die Erbsensuppe. Die Erbsensuppe. Denn außer Vorlesen konnte das Oma Gretchen eine wunderbare Erbsensuppe kochen. Ein Geheimrezept. Dann saßen wir sieben Leutchen, später durften auch Gustav und Barbara, sie wohnten dann noch in irgendsoeinem anderen Haus, noch ohne Kinder, dabei sein. Bei uns in der Küche, denn drüben reichte es mal gerade so für den Herd. Vater und Otto, Bernds Vater, holten dann den riesengroßen schweren Topf aus Gretchens Küche zu uns rüber auf unseren Herd…und dann ging es los. Das war ein Geschlürfe und Geschmatze und die Schweinepfoten und die beiden Schweineköpfe und die Zehen und die Nasen und die Ohren und die Backen und die alle diese schlabberigen und fetten und schwartigen Genüsse flutschten hinab in die Mägen und ein riesiger Knochenberg entstand in der Mitte des Tisches. Und dazu Senf, Senf, Senf. Das war ein Ritual, und ich war immer höchst angetan von dem Schweinekiefer, der dort lag und nicht mehr zubeißen konnte mit seinen abgekochten, aber ungeputzten Zähnen. Meine Mutter und Oma Gretchen aßen am liebsten die Schnauze mit den beiden markstückgroßen Löchern darin…und auch ich bekam immer meinen Teil davon. Wow.

Der etwas ältere Bauarbeiter, der sich als Peter vorstellt…jetzt weiß ich es wieder, der jüngste, beklopfte Hosenscheißer hieß Peter… steckt sich eine Marlboro an und hat doch wohl gemerkt, dass ich ein wenig gedankenverloren den Abrissarbeiten zugeschaut habe. Warum ich ihn dennoch recht kurz und knapp, so richtig wasserkantenmäßig norddeutsch habe abfahren lassen? Was weiß ich, was in mir vorging.

Ich gehe jedenfalls ins Haus zurück, die Treppe hinauf in mein Kinderzimmer. Ja, es ist trotz meiner 60 Lenze immer noch mein Kinderzimmer, es liegt genau über meinem Geburtszimmer; schaue aus dem Fenster in den Garten und sehe gerade noch, wie nebenan sich einer von den vier Banausen, den Bauarbeitern, über ein kleines, altes, blaues Kinderfahrrad lustig macht und es mit zwei, drei Tritten ins endgültige Aus befördert. Vielleicht hätte ich doch zur Toilette gehen sollen, um ein wenig zu Onanieren, um mir zu zeigen, dass ich doch schon ein erwachsener, älterer Herr bin. Vielleicht hätte ich auch einfach voraus zum alten Kirchturm und zu den Fliederbäumen schauen sollen. Vielleicht sollte ich es auch sehen.

Oh, wie war ich stark. Oh, wie waren meine Alten stolz, dass ich mich so freute. Zwei kleine Räder an einem blauen Rahmen und ein silberner Lenker luden mich ein. Toll, toll, toll. Ich höre immer noch meinen längst verstorbenen Vater hinter mir her keuchen. Die Straße auf, die Straße ab, mit einer Hand an meinem Rücken und dann? Plötzlich? Und dann fuhr ich plötzlich ganz alleine auf diesen fünf Zentimetern Bodenhaftung voran. Ganz alleine auf einem Fahrrad. Obwohl meine Mutter nur zugesehen hatte, war ihr Kopf roter als bei meinem abgehetzten Vater und beide, händeringend und glücklich, schauten mir zu. Der Sturz und das Scheppern, direkt vor den Füßen der beiden treuen Alten, mein aufgeschlagenes rechtes Knie, die klassische Schürfwunde an der Stirn und manch andere verheilte und jetzt aufgebrochene Narbe, läuten mir im Moment heftig nach.

Ich stürme nach unten vor die Haustür. Der kümmerliche Rest Blech und Rost und Blau, mit dem Sattel, den vor Jahr und Tag bestimmt auch Peter beschissen hat, liegt verbogen auf dem Container, gleich neben dem alten Herd und neben unserem Lieblingsbuch. Ich habe es gewusst. Die Entscheidung fällt für den alten Sattel. Ich spüre die Glassplitter in meinen Fußsohlen erst später, als ich himmelwärts blickend wieder aus meinem Fenster schaue. Meine Hausschuhe vergaß ich anzuziehen, dafür lacht mich aber von der Fensterbank aus mein alter Fahrradsattel an.

Mal sehen, vielleicht erzähle ich euch eines Tages auch mehr. Ach ja. Ich sollte gleich noch erzählen, dass das Fahrrad von einem Kinderkarussell abgeschweißt wurde. Mein Vater, der Mauermann, hatte dafür einen ganzen Tag an dem von ihm erfundenen „Drei-Kammer-System“ einer hauseigenen Kläranlage gewerkelt und der Herr eines Karussells und einer der ersten Spülklosetts, hatte diesen Lohn ihm für dieses Wunderwerk der Reinheit gewährt. Vielleicht hätte ich dem Peter doch eins zwischen Marlboro und Augenbrauen dreschen sollen. Einfach so. Einfach so für meine Erinnerung. Du Ar.....ch.

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Manchmal bin ich so ermüdend heiter. Manchmal bin ich so erdrückend liebend.Manchmal liege ich verzagt am Glücke.Manchmal liege ich verzückt am Boden.

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Rattenfaenger Re: Hallo Karl-Heinz -
Zitat: (Original von ConnyB am 20.07.2008 - 13:56 Uhr) Mir gefällt Dein Schreibstil, Deine Gedanken wie sie da aus Dir heraus sprudeln, habe die Geschichte sehr gerne gelesen :)!! *****
vlg, Conny


Hallo, liebe Conny, einen lieben Dank nach Thun --:))
vlg
Karl-Heinz
Vor langer Zeit - Antworten
ConnyB Hallo Karl-Heinz - Mir gefällt Dein Schreibstil, Deine Gedanken wie sie da aus Dir heraus sprudeln, habe die Geschichte sehr gerne gelesen :)!! *****
vlg, Conny
Vor langer Zeit - Antworten
Rattenfaenger Re: Staub ... -
Zitat: (Original von MarianneK am 29.06.2008 - 14:10 Uhr) Wenn man bei so etwas zuschaut kommen Erinnerungen hoch, an die man längst nicht mehr gedacht hat, aber auch Wut wie lieblos bei der Entsorgung mit Gegenständen umgegangen wird. Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen, obwohl es an manchen Stellen chaotisch wirkt, aber gerade deswegen habe ich es gerne gelesen- *****

Lieben Gruß Marianne



Hallo, liebe Marianne,
ich danke Dir sehr. Ja, klar, die Gefühle sind ins Chaos geraten. Schön, dass es mir gelungen ist, das zu Dir "rüber" zu bringen.
Lieben Gruß zurück
Karl-Heinz
Vor langer Zeit - Antworten
MarianneK Staub ... - Wenn man bei so etwas zuschaut kommen Erinnerungen hoch, an die man längst nicht mehr gedacht hat, aber auch Wut wie lieblos bei der Entsorgung mit Gegenständen umgegangen wird. Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen, obwohl es an manchen Stellen chaotisch wirkt, aber gerade deswegen habe ich es gerne gelesen- *****

Lieben Gruß Marianne

Vor langer Zeit - Antworten
FSBlaireau Re: Re: Ich glaube da spielt Wut -
Zitat: (Original von Rattenfaenger am 28.06.2008 - 09:47 Uhr)
Zitat: (Original von FSBlaireau am 28.06.2008 - 00:09 Uhr) eine große Rolle!!!! VHG DF


Hallo, mein Lieber, ich freue mich zu Deinem Kommentar und Deinen Punkten. Wollte zu der Geschichte ein anderes Titelbild laden. Hat nicht geklappt. Muss ich noch üben wohl. Na, versuche ich später noch einmal.
LG
DKH

Alles klar mein lieber KH. Viele Grüße DF
Vor langer Zeit - Antworten
Rattenfaenger Re: Ich glaube da spielt Wut -
Zitat: (Original von FSBlaireau am 28.06.2008 - 00:09 Uhr) eine große Rolle!!!! VHG DF


Hallo, mein Lieber, ich freue mich zu Deinem Kommentar und Deinen Punkten. Wollte zu der Geschichte ein anderes Titelbild laden. Hat nicht geklappt. Muss ich noch üben wohl. Na, versuche ich später noch einmal.
LG
DKH
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FSBlaireau Ich glaube da spielt Wut - eine große Rolle!!!! VHG DF
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