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Death Valley II - Das Geheimnis von Raven Manison

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"Death Valley II - Das Geheimnis von Raven Manison"
Veröffentlicht am 16. März 2013, 44 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Death Valley II - Das Geheimnis von Raven Manison

Death Valley II - Das Geheimnis von Raven Manison

Das Geheimnis von Raven Manison

Als ich mich nach vier Stunden Fahrt aus dem offenen, harten Jeep herausquälte, tat mir alles weh und mein Rücken war klatschnass. Völlig überraschend endete hier auf dem Hügel der Westabzweig des Highways. Alte Absperrungen, zerbrochene Werkzeuge und das Wrack einer verrosteten Dampfwalze deuteten darauf hin, dass man die halbfertige Baustelle schon vor langer Zeit ganz plötzlich verlassen haben musste. Das erklärte auch, warum dieser Teil des Highways nicht im Straßenatlas auftauchte.

Heiße Luft flimmerte über dem Boden und ließ kleine Fata Morganen in Form von imaginären Wasserflächen, inmitten dieses steinigen, trockenen Unlandes, entstehen. Regen hätte der zerfurchte Boden bitter nötig gehabt, doch am Himmel sah man schon seit Wochen keine einzige Wolke. Die Hitze hatte Bäume und Sträucher verdorren lassen und so das Buschwerk vorerst daran gehindert, sich die unvollendete Straße gänzlich einzuverleiben.

Die Landkarte und das Lenkrad in der einen und den Schaltknüppel in der anderen Hand, hatte ich mich mühsam durch das Gebiet der Drayer Patchs hindurch manövriert. In meinem Haar und meiner Kleidung hing jede Menge rote Erde und mein Mund war voller Staub; ein Gefühl, das ich schon fast vergessen hatte.

Hier zwischen den Iron-Mountains, dem Wolfscreek und dem Bernstein-Canyon funktionierten kein Navigationsgerät, kein Sattelitenfernseher und auch kein Handy. So manches Sportflugzeug verschwand spurlos über dem Canyon und so mancher Truck blieb liegen, weil er die Entfernung zwischen den Tankstellen unterschätzte oder eine falsche Abfahrt nahm. Es gab Brummifahrer, die diese Gegend ‚das Bermudadreieck’ der Westcoast nannten.

Als ich zurückblickte, sah ich in der Ferne das gigantische Bergmassiv der Iron-Mountains. Davor ragten die mir wohlbekannten roten Sandsteinspitzen des Bernstein-Canyons aus der Erde. Wie genau dieser sagenumwobene Teil des Canyons in der alten Sprache der Indianer hieß, weiß heute keiner mehr, doch die direkte Übersetzung entsprach in etwa der Bedeutung von ‚Tal der Toten’. Die weißen Siedler nannten es später einfach nur ‚Death Valley’.

Das alles gehörte zu meinem, einst hier zurückgelassenen Leben. Ein Leben ohne Funknetz und ohne Fernsehen, ohne Jugendclub oder Kino. Diese Vergangenheit lag laut Kalender gerade erst drei Jahre zurück, ich dagegen empfand es als eine ganze Ewigkeit.

An dem Tag, an dem ich die Zusage der Universität bekam, verschwand völlig unerwartet mein surrealer Freund White Crow, zusammen mit meinem Lieblingspferd Satin. Der stille Indianer und Satin bedeuteten mir unendlich viel, doch so sehr ich sie damals auch suchte, ich bekam keine Gelegenheit mehr, mich von ihnen zu verabschieden. Deswegen, und nur deswegen, weinte ich die ganze Fahrt nach New York, wo eine modere, klimatisierte Zukunft auf mich wartete.

Während mein Bruder Jack, Mom und Dad sich für ein Leben fernab vom Großstadtstress entschieden hatten und ihr Glück auf der Farm meiner Großeltern, unweit des Wolfscreeks, fanden; bekam ich nun endlich das, was ich mir die letzten zwei Jahre so sehnlichst gewünscht hatte. Auf mich wartete eine Studienplatz in meiner Heimatstadt, ein möbliertes Zimmer direkt am Campus und vor allem: ein ‚Social Life’ mit Freunden, Internet und Mobiltelefon.

Mein Pech war es nur, Professor Smith von meinem Wissen über den Bernstein-Canyon so beeindruckt zu haben, dass er mir sofort eine Assistenzstelle in der Fachrichtung Hydrologie anbot. Eigentlich wollte ich in die Geotechnik, doch Prof. Smith besaß eine hochgradige Reputation und dieser Job bot ungeahnte Möglichkeiten. So mancher meiner Kommilitonen hätte dafür sicher einen Mord begangen, aber ehe das passieren konnte, fand ich mich zurück in den Drayer Patchs, wieder.

Der Professor brauchte Proben für eine Grundwasserstudie, seiner dritten Doktorarbeit in Folge, und ich Material für meine Bachelorarbeit.

„Wir müssen die Trockenperiode ausnutzen, Miss Jenny“, hatte Prof. Smith zu mir gesagt. „Ich bin überzeugt, dass eine veränderte Grundwasserströmung die Bodeneinbrüche verursacht. Wenn es erst einmal richtig regnet, werden noch mehr Feinteile ausgespült und neue Trichter kommen hinzu. Vielleicht bricht dann mehr weg, als uns lieb ist.“

Nach langem Wälzen von hydrologischen und geologischen Karten, markierte ich mir die bekannten Einbruchstellen und suchte nach einem Schema oder nach sonst irgendeiner Verbindung. Meine dritte Variante gab mir schließlich besonders zu denken - alle Linien trafen sich in einem Punkt: BADGER’S HILL.

Badger’s Hill lag westlich vom Wolfscreek; also nur ein paar Meilen Luftlinie vom Death Valley entfernt. Beides gehörte nicht gerade zu den Ausflugszielen der Westküste. Und, wie schon gesagt, auch laut Karte gab es hierher keine asphaltierte Straße, sondern nur einen schmalen Trail.

Ein abscheuliches Quietschen riss mich aus meinen Gedanken. Nur mit Mühe konnte ich den Blick von den Sandsteinspitzen des Death Valleys lösen, aber schließlich schaffte ich es doch, mich umzudrehen. Mitten im Dornengestrüpp, auf der anderen Seite, erkannte ich ein großes, eisernes Tor, über dem geräuschvoll ein altes, verrostetes Schild mit der Aufschrift RAVEN MANISON schaukelte.

Der von vertrockneten Kletterpflanzen überwucherte, unansehnliche Eisenzaun verdeckte mir zunächst den Blick auf den Weg dahinter. Das Tor stand halb offen und erst als ich näher trat, sah ich, wohin diese Zufahrt führte. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Badger’s Hill je bewohnt war.

Raven Manison gehörte früher sicher zu jenen anheimelnden Villen im Viktorianischen Stil, die vor Prunk nur so strotzten und einem zeigten, was für ein armes Würstchen man doch war. Wenn auch heruntergekommen und verfallen, so versprühten die knarrende Holzveranda, die baufälligen Balkone und der löchrige Hexenhut-Turm einen ganz eigenen, unheimlichen Charme. Die blaue Farbe blätterte großflächig von den Brettern der Fassade, die Treppe zur Veranda schwankte bedrohlich und an den Fenstern schaukelten dicke Spinnen in ihren derben Netzen. Und obwohl mir dieser Anblick ein flaues Gefühl in der Magengegend verschaffte, besaß dieser Ort etwas, was mich magisch anzog.

Das Anwesen wirkte verlassen. Wahrscheinlich wohnte hier schon seit Jahrzehnten keiner mehr. Die Haustür war nicht verschlossen und so zog ich sie vorsichtig einen Spalt breit auf. Hier quietschte und knarrte aber auch wirklich alles!

Plötzlich hörte ich laute Stimmen aus der Halle. Ich zuckte zusammen. Scheinbar war es hier doch nicht so einsam, wie ich zunächst angenommen hatte. Leise schob ich mich durch das Tor und schlich hinein.

„Ich bin Bauingenieur und kein Zauberer, Misses Twirly!“, schimpfte ein älterer Herr mit grauen Schläfen, der mit einer hoch gewachsenen, wasserstoffblonden Frau im mittleren Alter heftig diskutierte. „Sie können diese Wand nicht entfernen lassen, ohne dass das ganze Haus bei der nächsten Windböe einfällt!“

„Aber Doktor Wimp versicherte mir, man könne die Ostseite in einen mehrstöckigen Wintergarten umbauen“, zeterte die Blondine.

Offensichtlich mit der Situation überfordert, reichte sie ihm nervös ein kariertes A4-Papier. Der untersetzte, kleine Mann blickte verdutzt auf die Zeichnung, drehte und wendete sie, sah dann zu den Fenstern, blickte auf seine Uhr, dann wieder auf das Blatt, bis er schließlich sagte: „Mrs. Twirly, das da ist die Nordseite, das Treppenhaus liegt im Osten. Wenn wir das abbrechen, kommen sie nicht mehr in die oberen Stockwerke. Obwohl, wegreißen müssen sie es sowieso, … erstmal. Es sei denn, sie wollen sich den Hals brechen. Am besten, sie lassen die ganze Hütte platt machen und stellen hier einen schicken Fertigteil-Bungalow auf.“

In diesem Augenblick wirbelte der kleine Mann herum, sah mich mit großen Augen an und drückte mir unwirsch das Papier in die Hand. Dabei fauchte er: „Sagen sie ihrem Chef, diesem Dr. Wimp, ich baue nicht nach Comics auf Toilettenpapier! Ich brauche ordentliche Baupläne. Und er soll sich ein Lexikon zulegen, in denen die Wörter ‚aussteifende Wand’ und ‚Ringanker’ vorkommen.“

Verwirrt sah ich ihn an und sagte: „Ich kenne keinen Dr. Wimp.“

„Sind sie nicht Miss Bustling, die Assistentin von Wimp?“

„Nein. Mein Name ist Jenny White. Ich komme von der Universität und nehme hier Boden- und Wasserproben“, sagte ich und zog meinen Auftragszettel aus der Tasche.

Der Herr sah sich den Schein sehr genau an, dann meinte er: „Die Universität macht also eine hydrologische Studie. Hätte mich auch gewundert, wenn Wimp wüsste, was ein Baugrundgutachten ist. Mein Name ist Billy Log. Ich soll dieses alte Gemäuer wieder bewohnbar machen. Aber Madame verschwendet ihr Geld ja lieber an Straßenkünstler, als an ordentliche Handwerker und Ingenieure!“

Er drehte Misses Twirly jetzt demonstrativ den Rücken zu und fragte freundlich: „Kann ich ihnen irgendwie weiterhelfen, Miss White?“

„Doktor Wimp ist Architekt!“, meldete sich die blonde Dame aus dem Hintergrund, die es nicht zulassen wollte, einfach so ignoriert zu werden. „Ich habe über zehntausend Dollar für diesen Entwurf bezahlt!“

Log winkte ab und sagte: „Das nächste Mal basteln sie besser Papierflugzeuge aus den Geldscheinen und lassen sie vom Turmfenster fliegen. Da haben sie mehr davon! Also, was kann ich für sie tun, junge Lady?“

„Haben sie zufällig alte hydrologische Karten von dieser Gegend oder Entwässerungspläne?“, fragte ich vorsichtig.

„Ha!“, lachte Mister Log bitter auf. „Hier gibt es keine Pläne! Weder alte, noch neue! Alles, was ich bekommen habe, ist das da!“

Dabei zeigte er auf das Blatt Papier in meiner Hand. Misses Twirly war sichtlich geknickt, und fühlte sich in der Rolle des blonden Dummchens überhaupt nicht wohl. Wie ich sie da so stehen sah, fiel mir ein, warum ich meine blonden Haare im ersten Studienjahr rotbraun gefärbt hatte. Später fand ich dann heraus, dass nur die unnatürlichen Blondinen naiv waren, keinesfalls die Echten! Misses Twirly war der lebende Beweis dafür.

„Als ich die Villa kaufte, erklärte mir der Gentleman, dass er sämtliche Unterlagen des Vorbesitzers in den Keller geschafft habe“, warf die Twirly eifrig ein, auffallend bemüht, wieder mit uns ins Gespräch zu kommen.

Aber Mr. Log warf ihr einen derart vernichtenden Blick zu, dass sie zusammenzuckte und sofort ängstlich verstummte.

Mit mühsam unterdrückter Wut donnerte er: „Ich habe sie mehrmals nach Bestandsplänen gefragt! Warum rücken sie erst jetzt damit raus? Vielleicht finden wir etwas, was uns nützlich sein könnte.“

„Da muss man aber doch in den Keller“, antwortete Misses Twirly zaghaft.

„Und?“, wollte Log wissen.

„Da ist es dunkel, die Lichtleitung ist defekt.“

Emotionslos öffnete Mr. Log seinen Aktenkoffer, nahm eine Taschenlampe heraus und noch bevor er etwas zu mir sagen konnte, hatte auch ich meine Stirnlampe aus dem Rucksack geholt und sie mir über den Kopf gezogen. Log nickte zufrieden, ging zur Wand, öffnete einen hölzernen Sicherungskasten und griff sich eine der Notfallkerzen. Die zündete er mit seinem Feuerzeug an und drückte sie unvermittelt Misses Twirly in die Hand.

Dann fragte er: „Und wo ist das Problem?“

Völlig überrumpelt führte Misses Twirly uns zur Kellertreppe. Schon als sie die Tür öffnete, kam uns ein fauliger, muffiger Geruch entgegen. Die Dunkelheit war hier sicher das geringste Problem.

Mit Log an der Spitze stiegen wir langsam die quietschende Holztreppe nach unten. Die Twirly stöckelten unsicher hinter mir her. Ihre Absätze machten auf dem alten Holz ein so fieses Geräusch, das es mir bis in die letzte Hirnwindung kroch und ich eine Gänsehaut bekam.

Es gab kein Geländer, also ließ ich meine Hand an der kalten Wand entlang gleiten, um Halt und Orientierung nicht zu verlieren.

Blop, blop; irgendwo tropfte Wasser.

„Ziemlich feucht hier unten“, stellte Log fest und schwenkte seine Lampe an den Wänden entlang. „Haben sie sich schon einmal gefragt, ob sie einen Wasserrohrbruch haben?“

Patsch!

„Verdammt!“

Patsch!

„Hier gibt es keine Wasserleitung. Dr. Whimp meinte, ich müsste erst einen Antrag stellen, dass man mir eine Pipeline legt“, flötete Misses Twirly hinter mir.

Patsch! Mein linker Fuß war nass. Patsch! Der rechte auch. Log und ich standen knöcheltief im Wasser.

Ratsch!

„Ahh! Autsch!“, kreischte die Blondine hinter mir.

Doch noch ehe ich reagieren konnte, hatte ich ihre spitzen Absätze in meiner Kniekehle. Erschrocken suchte ich nach Halt, rutschte aber an der klitschigen Wand ab, bekam stattdessen Mr. Log zu fassen und ratsch, lagen wir alle drei im stinkenden Wasser.

Ich musste gar nicht selbst fluchen, das übernahm Billy. Die Hälfte seiner Ausdrücke hätte ich nie laut ausgesprochen, die andere Hälfte kannte ich überhaupt nicht.

Nachdem wir uns alle mehr oder weniger beruhigt hatten und wieder auf unseren nassen Füßen standen, sah Log mich fragend an. Ich zuckte mit den Schultern.

Misses Twirlys Kerze war jetzt unbrauchbar und sie griff Hilfe suchend nach meiner Hand. Langsam tasteten wir uns durch den dunklen Gang vorwärts, bis wir in einem Raum mit vielen  hohen Regalen ankamen. Log begann dort sofort nach Unterlagen zu suchen, doch alles um uns herum, fühlte sich entsetzlich klamm und feucht an, so dass ich mich ekelte, hier überhaupt etwas anzufassen.

Mit Misses Twirly an der Hand fehlte mir aber auch die Bewegungsfreiheit dazu. Um den Raum zu erforschen, drehte ich mit meinem Kopf langsam die Stirnlampe. Das Kellergewölbe war aus Granit gemauert, ein Gestein, was hier nicht sehr häufig vorkam. In einer Ecke des Raumes stand ein großer, geschliffener Marmortisch über dem ein verrostetes Eisenregal mit eigenartigen Gefäßen hing. Der Form und Beschriftung nach, handelte es sich um äußerst giftige Chemikalien. Darunter gab es eine Halterung mit unterschiedlichen Messern und seltsamen Instrumenten, die ich nicht einordnen konnte. Neben dem eigenartigen Gestank, fiel mir jetzt noch ein gäriger, saurer Beigeruch auf.

Unweit des Arbeitstisches stand ein aus Ofenkacheln gesetzter Bottich, von etwa 3 Fuß Durchmesser und ungefähr 2 Fuß Höhe. So etwas kannte ich bisher noch nicht. Vielleicht ein Waschkessel? Eigenartig. Die Öffnung hatte jemand mit einer Stahlplatte verschlossen und mit einer dicken Gummimasse abgedichtet. Das schien aber offenbar nicht gereicht zu haben, denn außerdem lagen noch mehrere Granitblöcke als Beschwerung oben auf.

Farblose, fast durchsichtige Moose überzogen die ganze Fläche und vor allem die Fugen waren vollständig mit bizarren, transparenten Flechten bedeckt, die sich leichenfingergleich dort festkrallten. Als ich mir die Sache genauer betrachtete, erkannte ich, dass aus den ausgeplatzten Ritzen unablässig klares Wasser heraus quoll. Handelte es sich bei dem Ding etwa um einen Brunnen oder gar um eine Quelle? Ich sah mich nach Mr. Log um. Was würde er wohl dazu sagen?

Plötzlich verspürte ich einen Schmerz in meinem linken Unterarm. Ich zuckte zusammen. Aber es war nur die andere Hand von Misses Twirly, die mir ihre lackierten, spitzen Fingernägel ins Fleisch bohrte.

„Da unten hat sich etwas bewegt“, wisperte sie mit heiserer Stimme.

„Wo?“, flüsterte ich zurück.

„An meinen Füßen.“

Ich leuchtete nach unten, konnte aber außer dem schlammigen Wasser, in dem meine nassen Schuhe quietschten, nichts sehen. Dafür sah ich Log. Er hatte einen bauchigen Bastkorb auf die Marmorplatte gehoben und untersuchte ihn. Irgendwie kamen mir die Zeichen darauf bekannt vor. Ich löste meine Hand von Misses Twirly und lief zu Billy Log hinüber.

„Seien sie vorsichtig, Mister Log!“, rief ich. „Das sollten wir besser nicht öffnen!“

„Du kannst mich Billy nennen, Jenny. Wieso glaubst du, dieser Korb sei gefährlich? Der ist doch seit Jahrzehnten nicht benutzt worden. Wäre eine Schlange drinnen, müsste sie schon längst verreckt sein, oder?“

„Das ist es nicht“, antwortete ich. „Es sind die Zeichen, die hier eingeflochten sind, sie bedeuten TOD oder tödliche Gefahr! Das sind indianische Symbole.“

„Woher kennst du die Zeichen der Indianer?“

„Habe ich irgendwo gelesen“, log ich.

Wenn White Crow hier wäre, könnte er sicherlich noch mehr dazu sagen. War er aber nicht! Vielleicht streifte er mit dem Himmelspferd Satin irgendwo zwischen dem Canyon und den Nordlichtern umher, rastlos zwischen Jenseits und Diesseits gefangen.

„Ich riskiere es einfach!“, sagte Log lachend und begann mit seinem Taschenmesser die Schlingen, am Korb zu lösen. Instinktiv trat ich einen Schritt zurück. Dabei sah ich mich besorgt nach der Dame des Hauses um, doch ich konnte die Twirly nirgends entdecken.

In dem Augenblick als Billy die letzte Schlaufe des Korbes löste, entwich daraus ein eiskalter Luftzug, wie wenn man ein Gefäß mit Trockeneis öffnet.

Im gleichen Atemzug hörte ich die Twirly markerschütternd schreien. Erschrocken lief ich sofort zurück zur Treppe. Doch noch ehe ich den Treppenabsatz erreichen konnte, gab es einen lauten Knall und zu meinem Entsetzen stürzte die ganze Stiege in sich zusammen. Im spärlichen Lichtschein sah ich, wie Misses Twirly auf den nassen Boden geschleudert wurde und panisch um sich schlug. Aber was dann passierte, schockte mich noch mehr!

Eine ganze Sippe weißer Ratten kam unter den Trümmern hervor gekrochen. Sie bissen sich an dem strampelnden Körper fest und zerrten ihn davon. Ich griff nach einem herumliegenden Holzstück und wollte sofort hinterher, doch Billy riss mich zurück und rief: „Lass es sein! Sie ist schon tot!“

Sein Griff war so effektiv, dass ich keine Chance hatte, zu entkommen. Schwer atmend ließ ich mich zurück fallen. Als er merkte, dass ich keinen Widerstand mehr leistete, ließ er los und sagte keuchend: „Das sind weiße Coyotenratten. Ihr Biss, lähmt ihre Opfer mit einem Gift, das schon nach zehn Minuten tödlich wirkt. So viel ich weiß, gab es da nie ein Gegengift.“

„Kojotenratten? Habe ich noch nie gehört“, ächzte ich und schob seinen Arm von meinem Hals.

Bill wiegte den Kopf und erklärte: „Leben normalerweise in Erdhöhlen, die Viecher. Sie vertragen keine UV-Strahlung und keinen normalen Sauerstoff. Aber seit dem letzten Erdbeben sind sie trotz Ozonloch hier und da wieder aufgetaucht.“

„Was hat das denn mit den Erdbeben zu tun?“, fragte ich irritiert.

„Die Indianer sagen, die Himmelpferde vermissen ein Mitglied ihrer Herde und suchen so verzweifelt danach, dass ihr Trampeln die Erde erzittern und die Höhlen einstürzen lässt. Wenn die Pferde dann zu den Nordlichtern zurückkehren, bringen sie die ganze Atmosphäre so durcheinander, dass die Ratten den Untergrund für eine kurze Zeit verlassen können, um sich ein neues Zuhause zu suchen. Das ist natürlich Blödsinn!“

Ich stutzte. Die Sage von den Himmelspferden kannte ich. Und ich ahnte auch, wem sie vermissten.

„Was machen wir jetzt?“, fragte ich Billy mit zitternder Stimme, den Knüppel noch immer in meiner Hand. „Die ganze Treppe ist eingestürzt und hier ist nichts, was uns als Leiter dienen könnte.“

Log sah sich nach allen Seiten um und fand ebenfalls nichts Brauchbares. Schließlich sagte er: „Wir suchen erst mal nach Bauplänen. Vielleicht finden wir auf ihnen ja noch einen anderen Ausgang.“

Während ich mit schlotternden Knien und zitternden Händen die Schubladen durchstöberte, ging Billy zurück zu den Regalen. Schließlich fand ich eine große Ledermappe, mit jeder Menge Blaupausen. Um Platz zu machen, nahm ich ohne nachzudenken den Korb vom Tisch. Als ich dabei einen Blick hinein warf, traute ich meinen Augen nicht. Der Korb war voll mit präparierten Skalpen.

Warum auch immer, ich traute mich nicht, sie mit bloßen Händen anzufassen. Da fiel mir ein, dass ich in einer der Schubladen Handschuhe aus Ölpapier gesehen hatte. Sie waren mir aufgefallen, weil sie aus so ungewöhnlichem Material bestanden. Man hatte sie zuerst mit derbem Zwirn zusammengesteppt und anschließend die Naht gewissenhaft verklebt.

Meine Hände zitterten noch immer, als ich mir die Handschuhe überstreifte und einen Haarstreifen nach dem anderen aus dem Korb holte. Während ich sie sorgfältig neben die Mappe legte, wurde mir auch klar, wozu die Instrumente und Chemikalien hier dienten. Wer auch immer es gewesen sein mochte, hatte die Skalpe akribisch präpariert. Und nicht nur das, sie waren sogar sortiert und beschriftet. Bei jedem neuen Skalp, den ich nahm, spürte ich ein Vibrieren unter mir, so als ob sich etwas von unten gegen den Boden werfen würde.

In einem Lederfetzen eingewickelt, fand ich ein Notizbuch zwischen dessen Seiten, neben getrockneten Blättern, auch noch drei gesonderte Skalpe lagen. Auf ihren Markierungen konnte ich einen Mond, eine Schlange und eine Krähe erkennen. Außerdem standen in dem Notizheft jede Menge indianische Symbole und Zeichnungen mit einer englischen Übersetzung und sogar einer primitiven Lautschrift.

‚Geister und Seelen aus dem Jenseits holen und wieder zurückschicken’, stand dort geschrieben. Unwillkürlich musste ich lächeln. Hoffentlich hatte derjenige nicht geglaubt, er könne damit in der Halloweennacht gruselig Spukgestalten heraufbeschwören.

Plötzlich fiel mir wieder eine alte Geschichte ein, die Großvater einmal am Lagerfeuer erzählt hatte. Ein Landvermesser namens Eduard Pilgrim soll bei den Indianern Land gegen die Skalpe ihrer Feinde eingetauscht haben. Wenig später verkaufte er eine große Menge äußerst seltener Bernsteindiamanten an die dänische Krone und machte damit ein Vermögen. Aber das reichte ihm nicht. Die Briten boten das Doppelte und er suchte weiter. Doch die Indianer wollten ihm kein weiteres Land mehr geben. Dennoch hatte er es irgendwie geschafft, die Bernsteindiamanten weiter abzubauen, ohne dass ihn die Indianer daran hindern konnten. Schließlich heiratete er eine Prinzessin aus einem alten Adelsgeschlecht und brachte sie mit in die Drayer Patchs. Von ihr sagte man, sie sei entweder eine Hexe oder vom Teufel besessen gewesen. Denn Edurad Pilgrim verschwand plötzlich, ohne jede Spur, so wie alle anderen Männer, die je ihr Haus betreten haben. Langsam begriff ich, dass eben jenes Haus Raven Manison sein musste.

Am Lichtschein hinter mir, sah ich, dass Billy zurückkam. Er trug eine große Box mit alten Aktenordnern und stellte sie auf einen Hocker. Instinktiv steckte ich das Notizbuch in meine Jackentasche, schob die anderen Skalpe zurück in den Korb und öffnete die Mappe, um Billy zu zeigen, was ich gefunden hatte.

„Das ist genau das, was wir brauchen!“, rief Log und begann die Blätter zu sortieren. „Das hier ist der Kellergrundriss. Hier ist, äh war, die Treppe und da“, er deutete mit der Hand in die entgegen gesetzte Richtung, „müsste noch ein Ausgang sein.“

Ich folgte mit den Augen seinem Finger und schüttelte den Kopf: „Das ist ein Abwasserkanal, Billy!“

„Ja, aber der hat einen Durchmesser von 5 Fuß!“ Log zeigte auf die Bemaßung. „Da passen wir bequem durch.“

„Bequem? Durch Schlamm und was sonst noch, gefolgt von weißen Killerratten?“, mich begann die ganze Sache anzuwidern.

Ich konnte es zwar nicht genau sehen, doch ich glaubte, er grinste, als er sagte: „Die Twirly reicht den Ratten erst mal für ’ne Weile. Aber wir können auch gern nach deinem Plan vorgehen.“

Ich seufzte, denn ich hatte nicht mal ansatzweise eine Idee. Kopfschüttelnd sah ich mir den Grundriss noch einmal an.

„Wo kommen wir denn da eigentlich raus?“, fragte ich.

Billy zog eine der anderen Karten hervor und sagte: „Hier irgendwo in einem der Gullys auf der Straße.“

„Warum wurde die eigentlich nicht fertig gebaut?“

„Keine Ahnung, ein Kumpel von mir ist immer mit der Gulaschkanone zu der Baustelle hochgefahren, aber eines Tages, sagte er, war plötzlich keiner mehr da. Niemand weiß, warum.“

„Komisch. Die wurden doch nicht etwa von den weißen Ratten gefressen?“

„Nein, die kommen nicht so ohne weiteres ans Tageslicht. Wie ich schon sagte, sie …“

„… vertragen kein UV-Licht“, ergänzte ich, um zu versichern, dass ich zugehört hatte.

Während ich noch überlegte, ob nicht ein paar dieser Kreaturen doch resistent dagegen sein könnten, glitt mein Blick weiter über das Papier.

„Was ist das?“, fragte ich Billy. Der Abwasserkanal besaß nach zirka fünfzehn Yard eine Abzweigung, von der eine andere Haltung scharf links abbog.

„Das hat jemand nachträglich eingezeichnet. Vielleicht ein Überlauf oder eine Entlüftung. Wir sollten das mal genauer untersuchen. Aber erst schauen wir uns hier richtig um, vielleicht finden wir ja noch etwas Interessantes.“

„M.J. Hundt“, las ich laut vor. Das war der Name, der auf der Mappe mit den Blaupausen stand. „War das der ehemalige Besitzer, dieser Hundt?“

„Frag mich was Leichteres, Mädchen. Ich weiß nur, dass der letzte Eigentümer sich erhängt hat, weil er glaubte, Stimmen zu hören.“

„So ein Unsinn!“, sagte ich; begann aber genau in diese Richtung nachzudenken. Wenn die Seelen dieser Skalpe noch nicht den Weg in die Ewigen Jagdgründe gefunden hatten, konnte es durchaus sein, dass sie hier noch immer auf ihre Erlösung warteten. Vielleicht konnten sie sogar, wie White Crow, körperliche Gestalt annehmen.

Billy stieß die Blätter zusammen und legte sie in die Mappe zurück.

„Was war eigentlich in dem Korb?“, fragte er und noch ehe ich ihn stoppen konnte, griff er hinein.

„Nicht anfassen!“, schrie ich, doch es war zu spät. Als Billy die Skalpe berührte, gingen sie in Flammen auf und seine Hand fing Feuer. Billy warf sich zu Boden und versuchte, das Feuer im Wasser zu ersticken. Doch es half nichts. Diese Flammen schienen unter Wasser weiter zu brennen. Hautfetzen, die sich lösten, schwammen wie Schwimmkerzen auf dem Wasser und erhellten den Raum.

Doch noch bevor ich etwas tun konnte, gab es eine Explosion und der Verschluss des Brunnens sprang auf. Steinbrocken flogen durch die Luft und eine gewaltige Fontäne schoss empor. Eine mächtige Flutwelle ergoss sich in das Verließ. Ich versuchte mich festzuhalten, doch die Strömung war so stark, dass ich fortgerissen wurde. Panisch wollte ich mich irgendwo festkrallen, doch es gelang mir kaum meinen Kopf über Wasser zu halten. Immer und immer wieder wurde ich von den Fluten überspült. Immerfort schluckte ich das eiskalte Wasser, dass ich hektisch versuchte auszuspucken, wenn mein Kopf wieder auftauchte. Zwischen all dem Husten und Speien, hörte ich in der Ferne heftiges Wasserrauschen und Billys Hilfeschreie. Ich selbst wurde an die gegenüberliegende Wand geschleudert. Erneut versuchte ich irgendwo Halt zu finden, doch nach was ich auch griff, meine Hände waren viel zu klamm und zu steif, um mich festzuhalten. Billy hörte ich inzwischen nicht mehr. Ein wilder Strudel erfasste mich und zog mich in einen Tunnel mit glitschigen Steinen, an denen allerlei ekelige Sachen hingen.

‚Das ist das Ende’, sagte ich zu mir. Mein Verstand war plötzlich völlig objektiv und glasklar. Das hier würde ich nicht überleben.

Unvermittelt aber änderte die Strömung ihre Richtung und ich bekam ein Eisengitter zu fassen. Das musste der Überlauf sein! Mit letzter Kraft zwängte ich meinen Körper durch das Gitter und zog mich über eine Mauer. Zu meinem großen Glück war es hier trocken. Hinter dem Schaft begann eine scheinbar endlose Röhre, durch die ich geradeso hindurchpasste.

Wenn ich daran dachte, dass ich die Unterwasserstirnlampe nur gekauft hatte, weil es keine normalen Taschenlampen mehr gab und ich noch überlegte, ob ich bis zur nächsten Lieferung warten sollte oder nicht, dann wurde mir irgendwie kotzübel. Wegen zehn Dollar Geiz, würde ich hier dann nämlich im Dunkeln stehen oder besser gesagt im Dunkeln kriechen. Hauptsache sie funktionierte noch eine Weile.

Während ich durch dieses enge Rohr robbte, hatte ich ständig das Gefühl, mich würde irgendetwas verfolgen. Auch dieser eisige Luftzug schien allgegenwärtig. Frische Luft konnte es nicht sein, denn das Atmen fiel mir immer schwerer und trotz meiner nassen Sachen begann ich zu schwitzen. Langsam bekam ich Kopfschmerzen. Das Gefühl für Zeit und Raum kam mir dabei völlig abhanden.

Plötzlich verlor ich den Halt und stürzte in die Tiefe. Gelandet bin ich im Schlamm. Ich konnte von Glück sagen, dass ich die Handschuhe noch trug, sonst hätte ich mir wahrscheinlich die Handflächen noch mehr aufgerissen. Ich betrachtete meine Hände. Das Ölpapier hing in Fetzen an meinen Fingern. Meine Unterarme brannten.

Keuchend richtete ich mich auf. Als ich nach oben blickte, stellte ich fest, dass ich gar nicht so tief gefallen war. Wo, zum Teufel, war ich hier? Wieder spürte ich die kalte Luft. Ich sah hölzerne Aussteifungen und alte verrostete Schienen. Das hier war keine natürliche Höhle, das war ein alter Bergstollen. Als ich aufstehen wollte, bemerkte ich, dass meine Beine zitterten und mein Herz raste. Mir wurde schwindlig und auf einmal war alles im Nebel.

Aus diesem Nebel formte sich eine Gestalt. Ein Mann im Ledergewand mit einem üppigen Federschmuck kam auf mich zu und sagte: „Jetzt ist es soweit. Du stirbst, Jenny. Doch wenn Du mir sagst, wo ich Silbermond finde, dann schicke ich Dich in die Welt der Lebenden zurück.“

„Silbermond?“, fragte ich. „Wer ist, das? Ich kenne ihn nicht.“

Und das stimmte auch. Ich kannte Silbermond nicht, doch ich wusste, dass sie einst die Braut von White Crow war.

„Du trägst ihre Kette“, sagte er und deutete auf meinen Hals. Den Schmuck aus Bären-, Wolfs- und anderen Zähnen hatte ich im Death Valley gefunden, als ich dort einst nach White Crow suchte.

„Die Frau, der diese Kette gehörte, ist bei einem Steinschlag ungekommen“, erklärte ich.

„Das ist sie nicht. Ich habe in den Jagdgründen auf der anderen Seite jeden Stein umgedreht, ohne sie zu finden. Eine Ewigkeit hatte ich dort schon nach ihr gesucht, bis mich dieser verwünschte Zauber wieder hierher brachte.“

„Welcher Zauber?“, wollte ich wissen.

„Ein uralter Spruch, um die Vorfahren herbeizurufen, wenn man Rat von Ihnen benötigt. Dazu ist immer ein Teil von dessen Körper nötig. Ein Knochen, ein Haar, ein Fingernagel. Jedoch gebietet es der Anstand, den Geist der Ahnen spätestens beim nächsten Mond wieder freizulassen. Aber noch immer werde ich in dieser Zwischenwelt festgehalten, doch auch hier habe ich Silbermond nicht gefunden. Nur ihren verfluchten Liebhaber und der will mir auch nicht sagen, wo sie ist!“

„White Crow ist hier?“, entfuhr es mir, unfähig mich zurückzuhalten. Ich wusste sofort, dass das ein schwerwiegender Fehler gewesen war. Zu meinem Horror wurde mir jetzt klar, wer da vor mir stand; Klappernde Schlange, der Medizinmann. Er hatte Silbermond und White Crow damals verflucht, weil Silbermond den Krieger White Crow heiraten wollte und nicht ihn.

„Du kennst sie also doch!“

„Nein, ich kenne nur White Crow!“, rief ich laut und hoffte mein Freund oder Satin könnten mich hören.

„Gib mir die Kette und dann lasse ich dich gehen“, befahl Klappernde Schlange.

„Zuerst will ich wissen, wo White Crow ist!“, forderte ich.

Meine Entschlossenheit, schien den Medizinmann zu beeindrucken. Er nickte und sagte: „Komm mit.“

Er führte mich durch den Stollen bis hin zu einer Tropfsteinhöhle, an deren Wänden man Kristalle von Bernsteindiamanten erkennen konnte. Auch auf dem Fußboden lagen abgeplatzte, bizarre Gebilde dieses seltenen Kristalls. Kalt war es hier und ungemütlich. Dicke Steinsäulen hingen von der Decke herunter oder wuchsen aus dem Boden.

Satin war an einem der Stalagmiten festgebunden und in einer Nische, die mit Stalagnaten vergittert war, saß White Crow. Sein Gesicht wurde blass, als er mich zusammen mit dem Medizinmann sah. Satin wieherte freudig und versuchte sich loszureißen. Doch mir war klar; es war nicht nur das Seil, was ihn an die Steinsäule band.

„Was willst du von ihr?“, fragte White Crow leise.

„Nichts. Du bist, derjenige, den ich vernichten will“, antwortete der Medizinmann mit einem hämischen Lachen. Dann fuhr er fort: „Über dich und Silbermond habe ich keine direkte Macht, aber das Mädchen hier, weilt gerade noch so unter den Lebenden. Sie wird dafür sorgen, dass weder du, noch Silbermond die ewigen Jagdgründe erreichen!“

„Wie willst du das anstellen?“, fragte ich.

Doch der Medizinmann ging gar nicht darauf ein, sagte aber: „Gib mir die Kette, dann kannst du zurück ins Leben. Was kümmert dich ein Krieger, der schon seit einer Ewigkeit auf eine andere Liebste wartet?“

Er hatte Recht. White Crow hatte mir nie gesagt, dass er mich liebt. Er hatte nie beteuert, wir wären Freunde oder gehörten auch sonst irgendwie zusammen. Und war es nicht auch die Pflicht eines Kriegers, ein Leben oder einen Tod lang seiner Frau nach zu trauern?

Es schien, als könne White Crow Gedanken lesen, als er rief: „Er hat recht, aber überlasse ihm die Kette nicht bedingungslos! Gib sie ihm erst, wenn du wieder unter den Lebenden weilst!“

„Nein!“, schrie ich. „Ich werde dich und Satin mitnehmen.“

„Dann wirst du sterben und den Rest der Ewigkeit hier in dieser Höhle verbringen!“, versuchte White Crow mir klar zu machen.

Sicher stimmte auch das. Doch noch wollte ich nicht aufgeben und wandte mich wieder an Klappernde Schlange: „Ich habe außer der Kette noch etwas, das ich dir für die Freiheit von White Crow und dem Pferd anbiete. Du bekommst das hier sofort “, dabei zog ich das Notizheft heraus, schlug die Seite mit dem Mond auf und hielt ihm die Haare hin, „und wenn wir drei unbeschadet wieder im Death Valley sind, auch die Kette.“

„Was ist das?“, wollte White Crow wissen.

Klappernde Schlange aber, erkannte gleich, worum es ging und rief: „Oh, ich weiß was das ist! Das ist einer der Skalps, die uns der Weiße für unser Land bezahlt hat. Völlig wertlos!“

„Auch der von Silbermond?“, wollte ich wissen.

Ich konnte sehen, wie White Crow sich vor Schmerz zusammenkrampfte. Seine Hände umfassten die steinernen Gitterstäbe und sein gequälter, schmerzverzogener Blick schrie lautlos: ‚Warum tust du mir das an!’

Ich sah aber auch die Gier in den Augen des Medizinmannes, der nur allzu gern glauben wollte, was er da sah.

‚Bitte, dreh dich um!’, flehte ich innerlich und als Klappernde Schlange auf mich zukam, sagte ich mit fester Stimme: „Erst, wenn beide frei sind! Die Kette, wenn wir im Death Valley ankommen.“

Und tatsächlich; er drehte sich um, hob einen seiner Rasselstäbe auf und murmelte einen Zauberspruch, der die Steinsäulen in sich zusammenfallen ließ.

Nun lief in meinem Kopf alles rasend schnell ab. Ich sah vor meinem geistigen Auge die Schriftzeichen auf dem Korb, die Lautschrift aus dem Notizbuch, alles bruchstückartig, wie bei einer Fotoserie; und auch ich begann vor mich hinzumurmeln.

Als er fertig war, bewegte ich mich zum Ausgang und reichte der Klapperschlange den Skalp. Hoffentlich hatte ich alles richtig ausgesprochen.

Hatte ich! Im gleichen Moment, als der Medizinmann den Skalp berührte, fing auch er Feuer. Doch diesmal war es anders, als bei Billy. Die Flammen waren grün und violett und unwahrscheinlich hoch. Schreiend begann sich Klappernde Schlange in Rauch aufzulösen.

Und während er schrie und fluchte; schwang sich White Crow auf Satin, zerrte mich hinauf und trieb das Pferd durch den Minenschacht. Der Stollen hinter uns explodierte, wie eine gewaltige Raketensalve.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Explosionen es waren. Ich schloss die Augen und klammerte mich an White Crow. Bei jedem neuen Knall zuckte ich zusammen und krallte mich noch fester an ihn.

Die Stelle, an der ich wieder zu Bewusstsein kam, kannte ich ganz genau. Vor vielen Jahren stand hier ein Tipi und wir genossen den Zauber der Zwischenwelt. Einen Ort, den unsere Seelen geschaffen hatten, als sie der Strom des Schicksals zusammenführte.

Aber jetzt saß White Crow apathisch auf einem Stein und starrte in den Himmel. Als er bemerkte, dass ich wach war, fragte er: „Wie geht es Dir?“

„Ich weiß nicht“, antwortete ich.

Kopfschmerzen dieser Art kannte ich nur vom Morgen nach der Erstsemesterparty, außerdem hatte ich Durst und sah alles bloß schemenhaft und verschwommen.

„Das hättest du nicht tun sollen“, sagte er leise.

„Was?“

„Klappernder Schlange einen Skalp geben, egal von wem. Er besitzt genug Magie, um sich dessen zu bemächtigen, einerlei, wo derjenige gerade ist.“

Ich lachte bitter auf und sagte: „Dann ist er ja in guten Händen. Denn wenn ich das richtig erkannt habe, dann war es sein eigener.“

White Crow sah mich mit Verwunderung an und sagte: „Das kann nicht sein, ich habe ihn sterben sehen.“

„Hast du auch gesehen, wie er bestattet wurde?“

„Nein, da war ich schon unterwegs zum Canyon, um Silbermond zu treffen. Das war einen Mond bevor sie ihren Stamm verlassen wollte.“

Ich zuckte mit den Schultern und stellte fest: „Also wissen wir nicht, was wirklich passiert ist.“

„Offensichtlich nicht“, seufzte White Crow.

Ich sah zu Satin und dachte nach, dann sagte ich: „Legenden sind wie Puzzles. Sie bestehen aus vielen Einzelteilen und manchmal fehlt einfach eins und oft setzen wir sie auch falsch zusammen.“

Wieder holte ich aus meiner Tasche das Buch heraus und hielt ihm eine der Haarsträhnen hin: „Ich bin mir sicher, dass ich ihm seinen eigenen Skalp gegeben habe, sonst hätte der Spruch nicht funktioniert. DAS hier, könnten die Haare von Silbermond sein.“

White Crow starrte mich an, als wäre er dem Großen Manitu persönlich begegnet; gerührt nahm er meine Hände und küsste mich auf die Stirn.

„Darf ich sie nach Hause bringen“, fragte er mich.

Ich fand es merkwürdig, dass er um Erlaubnis fragte und antwortete: „Ja natürlich, aber woher willst du wissen, dass sie auch tatsächlich von Silbermond sind?“

Lächelnd strich er über die Haarsträhne und sagte: „Ich weiß es.“

Satin brachte mich nach Hause. Von meinen Eltern erfuhr ich, dass es unten, in den alten Minen zwischen Badger’s Hill und Death Valley eine Reihe von Gasexplosionen gegeben hatte.

Meine Recherchen in alten Dokumenten ergaben, dass Pilgrim tatsächlich eine Prinzessin von Hundt heiratete, welche aber hier in der Einöde den Verstand verlor und sich mit Geisterbeschwörung die Zeit vertrieb. Pilgrim soll damals bei einem Grubenunglück umgekommen sein und daraufhin habe seine Frau das Anwesen nicht mehr verlassen. Wahrscheinlich fand sie die Gerätschaften ihres Mannes und begann damit zu experimentieren.

Ob es stimmt, dass alle Männer spurlos verschwanden, die je Budger's Hill betraten, habe ich nie erfahren. Fakt ist aber, dass Doktor Wimp bei einem Sturm von einem Baum erschlagen wurde und Billy Log, nebst Misses Twirly offiziell für tot erklärt wurden, als ein alter Stollen unter Raven Manison einstürzte.

Geotechnischen Untersuchungen ergaben in diesem Bereich eine besonders hohe Konzentration von Kohlendioxyd- und Methangas. Außerdem fand man auf der anderen Seite des Hügels einen unverzeichneten, artesischen Brunnen.

Aus alten Polizeiberichten erfuhr ich, dass eben dieses Methangas in die Kanalisation gelangte und durch Schweißarbeiten beim Bau des Highways vor Badger’s Hill entzündet wurde. Die Bauarbeiter kannten die unheimlichen Gerüchte über das Anwesen und als sie die großen Stichflammen aus den Gullys lodern sahen, ergriffen sie sofort die Flucht. Zwei Monate später wechselte die Regierung und das Geld für den Highwayausbau der Westroute wurde gestrichen.

Ich schloss meine Untersuchungen ab, kam aber zu dem Ergebnis, dass Grubengasexplosionen, keine Grundwasserströme, die Geländeeinbrüche verursachten. Deshalb schrieb ich meine Bachelorarbeit nicht über die Veränderung der Hydromorphologie der Drayer Patchs, sondern über die Entstehung von Bernsteindiamanten und ihre physikalischen Eigenschaften. Professor Smith wurde die Leitung der Sektion Geotechnik übertragen, die als einziger Fachbereich der Welt, gleich mehrere Exemplare dieser seltenen Kristalle besitzt.

Gestern habe ich meine Masterarbeit verteidigt.

Professor Smith hatte dafür gesorgt, dass ich meinen Vortrag über die Bernsteindiamanten an jeder renommierten Universität der USA und in Europa halten konnte. Kurz danach bekam ich über zwanzig Stellenangebote aus aller Welt. Daraus soll ich mir nun also eine passende Zukunft basteln. Vielen Dank auch!

Kevin hat schon zweimal angerufen und gefragt, ob ich nun endlich in den Club komme und die restlichen Weinflaschen mitbringe.

 

Zwei Stunden später liegen nur noch zwei Angebote vor mir auf dem Tisch,

der Rest ist im Papierkorb. Und während ich hier noch grübele, feiern die Anderen unten auf dem Campus ihren Abschluss mit viel Alkohol und grölenden Gesang. Kevin wirft kleine Kieselsteine gegen mein Fenster.

 

Es ist schon früh am morgen. Unten vor der Haustür ist gerade ein Rettungswagen angekommen. Weitere vier Stunden sind vergangen und noch immer liegen die zwei Angebote auf dem Tisch; plus vier leere Weinflaschen.

International Geological Research Centre New York und Drayer Patchs National Park Preserve, die Kopfbögen kann ich gerade noch lesen. Eine Weinflasche ist noch im Kühlschrank.

 

©KateJadzia2013

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KateJadzia

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Maylies Sehr spannend - Der Autor freut sich über deinen Kommentar.warte schon auf DV III
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