Romane & Erzählungen
Der Ewigsommer - kleine Leseprobe

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"Der Ewigsommer - kleine Leseprobe "
Veröffentlicht am 09. November 2012, 12 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Der Ewigsommer - kleine Leseprobe

Der Ewigsommer - kleine Leseprobe

Beschreibung

Was braucht es zum Glücklichsein? Einen Lottogewinn? Einen Flug zum Mond? Oder genügen einfach zwei Wochen Urlaub mit seinen besten Freunden am Ballermann? Sie sind jung, frei, gut aussehend und in der Band. Betrunken sind sie sowieso, wenn nicht vom Alkohol, dann von der wieder gefundenen Freiheit. Leben heisst Veränderung und wenn nicht jetzt, wann dann? Für die einen ist es nur Urlaub, für Gerrit wird es die Geschichte seines Lebens. Für diese Geschichte braucht es Mut. Es könnte sein, dass man seine Freundin verlässt. Den Job kündigt. Und die Badehose einpackt. http://www.buchhandel.de/detailansicht.aspx?isbn=9783905891072

Noch drei Minuten

Noch drei Minuten und die Sonne geht auf. Nur noch drei Minuten. Ja, in drei Minuten ist es soweit. Die unzähligen Postkarten, die irgendwo am Kühlschrank hängen, auf dem Tisch liegen und dann doch im Altpapier landen, sind im Vergleich zu diesem Moment blass und schal.Mallorca schläft.  Der Sand liegt kühl auf meinen von den zu engen Schuhen befreiten Füssen. Die Temperatur ist angenehm und ein leichter, lieblicher Wind geht. Noch drei Minuten. Wie lange muss man eigentlich eine Postkarte aufbewahren, bevor man sie wegwerfen darf? Noch drei Minuten. Am Strand hat es ein paar vereinzelte Jogger. Die ersten Hunde gehen mit ihren Herrchen spazieren. Es ist ein friedlicher Moment. Ich sitze da und schliesse meine Augen. Ich fühle Mallorca. Noch drei Minuten. Die Insel wird von ihrem kurzen Schlaf erwachen. All die Wunden, die ihr zugefügt worden sind, verheilen. Man kann alte Narben sehen, aber sie hat verziehen. Die Insel hat ihr lachendes Gesicht behalten. Sie ist unheimlich schön und stolz. Sie ist die Königin. Sie ist das „Königreich Mallorca“. Die Sonne schleicht über das Wasser zum Strand. Kämpft sich durch den Sand zu meinen Füssen über die Beine zu meiner Brust, in mein Gesicht und weit darüber hinaus. Der neue Tag ist da. Ich springe auf und atme die salzige Luft in die Lunge. Drehe mich auf alle Seiten. Fühle mich leicht und übermotiviert, so dass ich einen Handstand oder Purzelbaum wagen möchte. Meine steifen Glieder halten mich zum Glück davon ab. Ich schlendere in den nächsten „Supermercado“ und kaufe die „Bild“ und ein Brötchen. „Buenos dias, señorita“, begrüsse ich die Frau an der Kasse und ein herzliches „Hola! Estas bien?“ kommt zurück. „Gracias, ob la di ob la da“, erwidere ich melodisch zu meinem eigenen Erstaunen. Unglaublich! Plötzlich kann ich auch noch Spanisch? Ich versuche, ihr in der Euphorie der neu gewonnenen Sprache das Lied von Mickie Krause, das gerade im Radio läuft, von Deutsch auf Spanisch zu übersetzen. „Finger in den Po, Mexiko“ - aber dafür reichen meine Spanisch-Kenntnisse noch nicht, wie wir leider zusammen feststellen müssen. Ich gehe gemächlich die Promenade entlang und setze mich auf eine Bank, die etwas versetzt zum Strand liegt. Ich lese die Schlagzeilen, aber nichts davon will hängen bleiben. Zu sehr bin ich mit mir selber beschäftigt. Die Geschichten aus der alten Welt scheinen mich nicht mehr zu interessieren. Ich strecke die Beine und lege meine Arme über die Lehne so weit nach hinten, bis ich sie verkeilen kann. Ich habe der Königin beim Schlafen zugesehen. Ich war dabei, als sie aufgewacht ist. Selbst, als sie sich die Augen gerieben hat, war ich da. Mein Kopf ist leer und aufgeräumt. Mallorca tut mir gut.

 

Etwas später finde ich mich auf dem Bauch liegend mit allen Vieren von mir gestreckt im Bett wieder. Das Handy brummt, und ich werde unsanft aus dem Schlaf gerissen. Wo bin ich? Wer bin ich? Meine Hand greift ins Leere und sucht nach dem Presslufthammer. Ich sehe alles unscharf und versuche durch Zusammenkneifen der Augen etwas Klarheit in mein Leben zu bringen. Meine Finger drücken tapsig die SMS ab. Die Nummer ist mir unbekannt. „Hallo, mein Süsser, wie versprochen, gebe ich dir meinen Standort durch. Wir liegen am Ballermann 6, zweite Reihe direkt beim Wasser. Komm auch, das wird lustig.“ Ja, um Himmelswillen, wer ist sie? Ich weiss es nicht, und wieso hat die meine Nummer? Ich starre an die Decke. Hm -  gestern? Wo war ich? Essen mit Iris... dann Bierkönig... und dann später alleine am Strand. Beim besten Willen kann ich mich nicht mehr erinnern, wem ich meine Nummer gegeben habe. Ich schreibe mal vorsichtig zurück. „Habe Kopfschmerzen, bleibe im Bett.“ So, jetzt habe ich den ganzen Tag Ruhe. Hilfe, mein Handy lebt! Es hüpft und dreht sich im Kreise. Ich gehe ran und melde mich mit: „Import, Export, Jahnsen.“ Kurze Stille, nur noch Meeresrauschen.

„Hallo? Bist du’s, Gerrit?“ –

„Nö!“

Nach einem kurzen Moment: „Klaaar! Guten Morgen, ich bin es, die Janine“.

„Janine?“

Bevor ich richtig denken kann, geht es los. Sie redet und redet. Langsam, aber sicher weiss ich auch wieder, wer sie ist. Ich verspreche zu kommen, nur schon, damit ich das Gespräch beenden kann. Der Blick in den Spiegel lässt mich erschaudern. Das bring ich nie mehr hin, denke ich mir. Ohne Hilfe von Prof. Mang, dem Schönheitschirurgen vom Bodensee, mit Filiale auf Mallorca, wird das nichts. Botox spritzen reicht da nicht mehr. Ich muss das Zeug schon saufen. Meine Zunge wäre für jeden Buschpiloten eine Herausforderung gewesen, wenn er hier seine Maschine hätte landen müssen. Ich putze meine Zähne mit Stahlwolle und Benzin und spüle das Ganze mit Rohrfrei. Langsam arbeitet sich das Muster des Kissens aus meinem Gesicht. In meine fahlen, abgehangenen Wangen kommt wieder etwas Form rein. Das ist nichts für Schwache, die sich beim Haareföhnen hinsetzen müssen. Das ist Porno. Kein „Malen nach Zahlen“, sondern die ganz grosse Kunst. Wenn dir jemand so die Sonnencreme auftragen kann, dass du die Augen schliessen musst und in diesem Schwarz ein Glitzern sehen kannst, dann kann man geschmeidig sagen, das ist der Wahnsinn. Ihre feine Handfläche mit der kühlen Creme auf meiner heissen Haut. Es kühlt und zieht sich gierig ein. Ihre Hände kreisen auf meinem Körper, meine Gedanken kreisen um sie.

„Soll ich dich auch eincremen?“, frage ich entspannt.

„Nein, danke, lass mal“, klingt es schroff.

„Mache ich aber gerne“, sage ich etwas enttäuscht.

„Das glaub ich dir.“

Dabei wühlt sie in ihrer grossen Badetasche. Mich wundert, dass sie nicht noch ein Einfamilienhaus oder ein Auto aus ihr hervorzaubert. Vier Flaschen Sonnencreme stehen etwas verloren im Sand. Ich schaue sie fragend an.

 „Ist was?“

 „Neiiin.”

 Bei ihr scheint der Anspruch grösser zu sein. Für das Gesicht ein Sonnenblocker Schutzfaktor 40. Für das Dekolleté Schutzfaktor 25. Für die Beine und Arme 20 und für den Bauch und Rücken 15, da die verschiedenen Stellen an ihrem Körper schon unterschiedlich lang der Sonne ausgesetzt waren.

„Ich habe System“, informiert mich eine zittrige Stimme, die durch das Einreiben und Sprechen gleichzeitig beeinträchtigt ist.

Da kann ich nur staunen. Mich hat sie mit einem Mittel komplett eingeschmiert und mir noch das Gefühl gegeben, das sei gut so. Sie will auf die „Party-Banane“ und hat damit nicht mich gemeint. Meine kleine Janine versucht mich zum kollektiven Suizid zu überreden. Nicht einmal die Girls von „Tutti Frutti“ könnten mich dazu bewegen, mich von einem Boot ziehen zu lassen, während ich hinten auf einem Gummischlauch sitze.

„Ach komm, sei kein Spielverderber!“

Ich überlege kurz: „Doch.“

Ich springe ja nicht einmal von einem 1- Meterbrett, ich bin doch kein Selbstmörder.

„Dann gehen wir halt Fallschirmspringen?“

Dabei meint sie vermutlich „Paragleiten“. Ein Boot zieht zwei bekloppte Menschen, die sich freiwillig an einen Fallschirm binden lassen.

Was will die bloss von mir? Welchen Teil von dem „Nein“ hat sie eigentlich nicht verstanden, das N oder das Ein? Wir kennen uns erst seit gestern Abend, und jetzt will sie schon mit mir Sachen machen, die man eigentlich erst am Ende einer Beziehung macht. Diese Frau ist extrem anstrengend, und ich spüre, zu unterschiedlich sind die Interessen. Jetzt hat sie diesen Hundedoofblick aufgesetzt und schmollt. Sie liegt ver-krampft neben mir. Jedes Sandkorn in ihrer Nähe wird verjagt. Ich getraue mich nicht, ihr zu nahe zu kommen. Ich versuche, dem Ver-krampften etwas Lockerheit zu geben und rufe in den Wind hinaus.

„Ist das nicht herrlich hier?“

Ohne Umwege schlägt der Wind meine Worte Janine direkt ins Gesicht. Ihr Kopf kippt zu mir: „Scheiss Sand, scheiss Wind.“

Oje, wo bleibt die zarte Frau, die mich so schön eingecremt hat?

„Scheiss Sonne, scheiss Urlaub!“, faucht es.

Ich schaue ihr auf den Mund und denke mir dabei, hört das denn nie auf? Ich beschliesse, mich in Zukunft wieder selber einzucremen, und ich muss sagen, auch meine Hände sind ganz schön zart. Sie steht hastig auf, nimmt ihr Badetuch so vom Boden, dass alle im Umkreis von zehn Metern voller Sand sind, und faucht: „Ich halte das nicht aus, ich gehe an den Pool.“

Ich sage nichts und winke ihr wortlos hinterher. Dabei erinnert mich ihre Orangenhaut daran, etwas mehr Vitamine zu mir zu nehmen. Endlich kehrt Ruhe ein, und es ist einfach nur noch schön. Ich habe sie nie wieder gesehen. Aber auch nicht wirklich vermisst.

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ewigsommer

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GerLINDE Hallo ewigsommer - Eine köstliche Geschichte, die mich sehr zum Schmunzeln brachte. Schön geschrieben. Du könntest glatt hier beim Schreibwettbewerb "Storybattle" im FORUM, auch mal mitschreiben. Allerdings mit einem vorgegebenem Thema und mit vorgegebenen Wörtern.... Na, wäre das was?

Eine schöne Urlaubs-Nacherholungszeit wünscht Dir
Gerlinde
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