Romane & Erzählungen
Der Fall Fiondrals - Band I (Komplettfassung)

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"Der Fall Fiondrals - Band I (Komplettfassung)"
Veröffentlicht am 17. März 2013, 640 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Wer w├Ąre ich hier, wenn nicht jemand, der seinen Visionen ein Zuhause geben will? Tue ich das gerade nicht, studiere ich Rechtswissenschaften und bem├╝he mich, nicht gleich jedes damit verbundene Klischee zu erf├╝llen (letzteres wom├Âglich nur mit mittelm├Ą├čigem Erfolg), oder fr├Âne in irgendeinem Pub meinen Lastern.
Der Fall Fiondrals - Band I (Komplettfassung)

Der Fall Fiondrals - Band I (Komplettfassung)

Beschreibung

Die Stadt Galor ragt als letzte Festung aus dem Tr├╝mmerfeld auf, in das die Invasion der Orks den Kontinent Fiondral verwandelt hat. Fl├╝chtlinge aus allen Ecken und Enden des Landes suchen Zuflucht hinter den dicken Mauern. Doch w├Ąhrend sich die feindlichen Heerscharen unter den hohen Zinnen sammeln, zerfressen Zwietracht und Hass die Reihen der Verteidiger, bis es schlie├člich an wenigen wackeren Streitern liegt, das Schicksal aller zu bestimmen. [Vorg├Ąnger-Projekt zu "Die Letzte Bastion"]

Prolog

15. Abendd├Ąmmerung. 49 n.V.
Pietro Merano schlenderte ├╝ber die kalkwei├čen Kieselsteine, die im mitt├Ąglichen Schein der Fr├╝hlingssonne gl├╝hten. Obgleich der Boden unter seinen nackten F├╝├čen brodelte, ging er ohne Hast. Lange M├Ąrsche hatten seine Sohlen gest├Ąhlt, dass er die Hitze kaum sp├╝rte. Stattdessen genoss er die frische K├╝stenbrise, das goldene Glitzern, mit dem sich die Sonne im kristallklaren Wasser spiegelte, das Kr├Ąchzen der M├Âwen, das von Fern durch den Wind wisperte. Er liebte die Ostk├╝ste, so wild und ungeb├Ąndigt, so weit entfernt von den St├Ądten, D├Ârfern, Burgen und Schl├Âssern mit ihren Regeln, ihrer Konformit├Ąt. Jedes Mal, wenn er zu Beginn des Winters nach Osten aufbrach, schmerzte es ihn, sie verlassen zu m├╝ssen, doch umso mehr frohlockte sein Herz, sobald er im Fr├╝hjahr zu jener windschiefen Bretterbude zur├╝ckkehren konnte. Auf der gesamten Reise hatte er jeden Abend vor dem Schlafengehen fiebrig gezittert, als sich die Erwartung der goldenen K├╝ste seiner Tr├Ąume bem├Ąchtigt hatte. Am gestrigen Tage war er endlich angekommen, hatte sein Fieber in einer einzigen Nacht kuriert und war am n├Ąchsten Tag gleich mit den ersten Sonnenstrahlen als ein komplett neuer Mensch aufgestanden. Den Morgen ├╝ber hatte er sein altes Boot wieder seetauglich gemacht, das er jeden Winter zur├╝cklassen musste. Marlene hie├č es, nach der Frau, die er geliebt hatte, bis sein Herz ihn fort getrieben hatte, an die Ostk├╝ste.
Der Kahn hatte dem Winter gut getrotzt und so war es ihm gelungen, die wenigen n├Âtigen Reparaturen noch vor dem Mittag abzuschlie├čen, sodass er nun den Kiel ├╝ber den Kies zerrte, dem azurblauen Meer entgegen.
Sein Herz schlug h├Âher, als das Wasser sich um seine F├╝├če schmiegte und Marlene von den Wellen getragen, leicht zu schwanken begann. Mit einem Freudenschrei sprang er an Bord, befreite seinen Leib von dem Leinenhemd, das ihn einschn├╝rte, lie├č die Sonne seine gegerbte Haut k├╝ssen. Ein altes Seemannslied pfeifend schwang er das Paddel, trieb Marlene hinaus auf die See, die so klar war, dass er jeden Kieselstein am Grund nachzeichnen konnte.
Der geschulte Blick seiner Augen, die so blau strahlten wie der Himmel selbst, folgte einer jeden Erhebung auf der Suche nach Muscheln oder Schw├Ąmmen. Aus den Tiefen der gl├Ąsernen See funkelte ein Universum unbekannter Farbenpracht. Goldgelbe Fische schossen zwischen den violetten Korallen hindurch, tiefgr├╝ne Algen reckten sich aus den Riffen empor, eine Mor├Ąne schl├Ąngelte sich feuerrot durch den sandigen Untergrund.
Schlie├člich machte er in die gewellten M├Ąuler mehrerer Muscheln aus, die sich wie gigantische Reliefs aus dem Grund erhoben.
Sogleich packte er seinen Anker, einen klobigen Steinbrocken, um den sich ein dickes Tau wand, und schleuderte ihn ├╝ber die Reling. Mit einem lauten Platschen glitt er ins Wasser hinab. Marlene wankte kurz, w├Ąhrend Pietro sich bereits seinen G├╝rtel anlegte. Eine Schnalle und zwei Taschen hingen daran herab, um ein schartiges Messer, Steine f├╝r den Abtrieb und Platz f├╝r Perlen, Schw├Ąmme oder Muschelfleisch zu beherbergen.
Er stellte sich an die Reling, f├╝llte seine Lungen mit Luft, flachte seinen Atem ab. Der erste Tauchgang war stets eine Herausforderung, aber eine Freude zugleich. Ein letztes Mal pumpte er die Seeluft in seine Brust, bevor er in das k├╝hle Nass glitt. Gezogen vom Gewicht der Steine sank er dem Grund entgegen, schnellte zu den Muscheln hin├╝ber und starrte auf die gewaltigen Kalkkiefer. Obwohl sie steinern und unbeweglich wirkten, f├╝rchtete er stets, dass die gewellten M├Ąuler zuschnappen k├Ânnten.
„Seemannsgarn!“, zischte er sich in Gedanken an, wissend, dass auch die Luft seiner ge├╝bten Lungen nicht ewig reichen w├╝rde. So fuhr er mit seiner Hand zwischen die steinernen Kiefer, lie├č seine Finger ├╝ber das samtige Innere gleiten. Kaum die H├Ąlfte hatte er ertastet, als seine Lungen ihn zum Auftauchen dr├Ąngten.
Er sch├╝ttete die Steine aus seiner Tasche auf den Grund, schnellte nach oben und durchbrach den Schirm des Wassers. Vor ihm trieb immer noch Marlene, an deren Reling sich ein Sack mit weiteren Steinen befand. Nachdem er einige Male tief durchgeatmet hatte, langte er hinein und f├╝llte seine Tasche erneut, um darauf wieder hinabtauchen zu k├Ânnen. Untern angelangt setzte er seine Suche im Maul der Muschel fort. Fast wollte er sie abschreiben, als seine Finger an etwas Hartes, Glattes stie├čen. Er langte tiefer hinein. Was auch immer er gefunden hatte, verbarg sich weit im Inneren der steinernen Kiefer. Schlie├člich umfing er es. Eine Perle, da war er sicher. So gro├č, dass er kaum die Hand darum schlie├čen konnte. Die Vernunft gebot ihm, ein weiteres Mal aufzutauchen, doch das Fieber hatte ihn ergriffen. Er riss und zerrte an ihr. Seine Finger glitten ab, schnitten sich an den verkalkten Kanten. Ein d├╝nner purpurner Schleier stieg vor ihm auf, bevor er sich in der Weite des Meeres verlor.
Pietro gab nicht auf, er versuchte es erneut, langte wieder zu und dieses Mal gelang es ihm, die Perle zu l├Âsen. Langsam glitt sie in seiner Hand aus dem Maul. Er klappte die Finger auseinander und makellose Schw├Ąrze funkelte ihm entgegen. Ihre Tiefe┬á verschluckte seinen Blick. Sie war riesig, unbezahlbar. Alles, was er in f├╝nf Jahren erwirtschaftet hatte, verblasste vor diesem Fund zur schieren Bedeutungslosigkeit. Seine Lungen pochten. Er musste auftauchen, doch als er seinen Blick von der Perle abwandte erkannte er, dass alles pl├Âtzlich ebenso dunkel war wie das Perlmutt. Als er nach oben blickte, prangerte dort ein gewaltiger Schatten in den Wellen, neben dem sich Marlenes Umrisse winzig ausnahmen.
„Ein so gro├čes Schiff so nah an der Ostk├╝ste?“, drang es durch seinen Kopf, aber er hatte keine Zeit, diesem Gedanken weiter nachzugehen, weil seine schwindenden Luftreserven ihn zum Auftauchen zwangen. So stie├č er sich hinauf und schnellte einige Meter vor dem gewaltigen Bug aus dem Wasser. Dar├╝ber ragten drei hohe Maste auf, deren schwere Einzelsegel sich im Wind bl├Ąhten, w├Ąhrend unz├Ąhlige Ruder aus der Schiffswand ins Wasser stie├čen.
Pietro war sich sicher, noch nie ein derart riesiges Schiff gesehen zu haben, und er fragte sich, was es hier zu suchen hatte, w├Ąhrend er hastig aus seinem Fahrwasser schwamm. Als er seine Augen auf den Horizont richtete, stockte ihm der Atem, denn er erkannte eine gewaltige Flotte, die sich ├╝ber sein gesamtes Blickfeld erstreckte. Hinter ihm ert├Ânte ein lautes Krachen, als Marlene unter dem Bug der Galeere zersplitterte. Er wollte schreien, doch besann sich eines Besseren und hob seinen Blick zur Reling.
Bevor er sich dazu dr├Ąngen konnte, abzutauchen, funkelte ihm bereits eine Pfeilspitze entgegen, die nach seinem Tod verlangte. Zischend schlug sie in seine Brust und fegte jede W├Ąrme der Sonne aus ihm. Der Kalte Ozean umfing ihn, verschluckte seinen purpurnen Lebenssaft. Die gewaltige schwarze Perle glitt ihm aus der Hand, sank zum Grund zur├╝ck.
Pietro Merano starb als ungerühmtes erstes Opfer eines Krieges, der noch tausende Leben fordern sollte. 

Kapitel 1: Galor

43. Gr├╝nwalden. 52 n.V.
Die Sonne verschwand hinter den kargen Klippen im Norden, tauchte den Himmel in ein tiefes Blutrot und sorgte daf├╝r, dass sich der Schleier der Dunkelheit langsam ├╝ber die Stadt Galor legte. Das Meer, welches die Halbinsel im Westen, Norden sowie im S├╝den umschloss, war ausnahmsweise ruhig und auch die Stra├čen zwischen den sandbraunen Stein- und Lehmbauten leerten sich langsam, w├Ąhrend einige Gl├Ąubige sich auf den Flachd├Ąchern ihrer Geb├Ąude sammelten, um Gebete zur Mondg├Âttin zu schicken.
Leutnant Ferren hingegen, ein st├Ąmmiger Kerl mit rostfarbenen Haaren und kantigem Gesicht, sa├č auf dem Balkon im zweiten Stock des Hauses, das er zusammen mit vier anderen Parteien bewohnte. Der lauwarme Abendwind fuhr angenehm unter sein weites, leicht verdrecktes Leinenhemd, wirbelte seine Haare auf, ├Ąnderte die Richtung und ├╝berlie├č ihn somit wieder der Schw├╝le.
Gelangweilt nahm er einen Schluck Bier aus dem Keramikkrug, der auf dem schlichten Holztisch vor ihm stand, bevor er seinen Blick auf die unsauber gepflasterte Stra├če sinken lie├č, auf der gerade zwei ger├╝stete Soldaten in Richtung Hafen marschierten, wobei sie ihn daran erinnerten, dass er morgen selbst wieder Wachdienst zu schieben hatte.
Die momentane Leere in den Stra├čen war, das wusste er, nur die Ruhe vor dem Sturm.
Bald w├╝rden wieder alle m├Âglichen Leute unter dem Nachthimmel zu finden sein, die sich an Orte begaben, an denen man ihrer Sorge Abhilfe schaffen konnte.
F├╝r Ferren jedoch, der sich geschworen hatte, als Unteroffizier treu seinen Richtlinien zu folgen, zumindest jenen, die er f├╝r sinnvoll hielt, blieb nur wenig, das er an einem freien Abend in dieser belagerten Stadt tun konnte.
Die Kneipen hatte man zur Nahrungsmittelrationierung geschlossen. ├ľffentliche Versammlungen waren gef├Ąhrlich, da es in dieser Stadt zu viele Leute gab, die sich gegenseitig viel zu wenig leiden konnten, um friedvoll miteinander auszukommen. Alkohol und Dunkelkraut waren als Disziplinarma├čnahme verboten worden, aber dass sich niemand daran hielt, st├Ârte niemanden.
Was ihm also noch blieb waren Gebete, B├╝cher, Briefe oder das einfache Sitzen und Warten auf dem Balkon.
Da er nicht an einen Gott glaubte und keine B├╝cher mehr besa├č, lehnte er nun in seinem Segeltuchsessel, w├Ąhrend er abwog, ob das Schreiben eines Briefes eine gute Idee oder pure Zeitverschwendung war.
Schlie├člich, als ihn der Anblick der sandsteinernen Fassaden an├Âdete, erhob er sich und kehrte in die k├╝hle Dunkelheit seines kleinen Gemachs zur├╝ck, wo er sich an seinen schmalen Tisch aus dunklem Holz setzte, ein vergilbtes St├╝ck Pergament herauskramte und ein verstaubtes Tintenfass sowie einen ausgefransten Federkiel heranzog, um mit dem Schreiben zu beginnen.
Doch kaum hatte er die Feder ins Tintenfass getaucht, entsann er sich, dass ihm niemand einfiel, an den er h├Ątte schreiben k├Ânnen, dass es keine M├Âglichkeit gab, einen Brief ohne ein Schiff ├╝ber einen Ozean zu schaffen, dass er letztlich nicht einmal wusste, wor├╝ber er schreiben sollte.
Dabei waren in den vergangenen Monaten durchaus viele Dinge geschehen, ├╝ber die zu berichten, sich gelohnt h├Ątte:
Den Menschen der Gebrochenen Welt waren zwei Kontinente bekannt, die sie Kalatar und Fiondral nannten. W├Ąhrend Kalatar der Ursprung der Menschheit, als solcher zivilisiert und in acht Nationen unterteilt war, hatte man Fiondral erst vor rund f├╝nfzig Jahren als eine unber├╝hrte Wildnis entdeckt, die der Mensch jedoch innerhalb der darauffolgenden Dekaden seinen Zwecken angepasst hatte, sodass den stolzen W├Ąldern St├Ądte und Pal├Ąste entwachsen waren.
Als einer der Erstkolonisten hatte Ferren eine Menge wahrlich interessanter Erfahrungen gemacht, bis es schlie├člich zu jener unvorhersehbaren Katastrophe gekommen war, die den ganzen Kontinent wie eine Welle des Grauens ├╝berzogen hatte.
An der Ostk├╝ste waren von einem Tag auf den anderen Orks aufgetaucht, eine den Menschen ├Ąhnliche Rasse, von der zuvor nur bel├Ąchelte Seher zu berichten gewagt hatten. Im Sturm waren sie wie die Heuschrecken ├╝ber Fiondral hergefallen, hatten erbarmungslos alles niedergem├Ąht, bis sie schlie├člich die Region um Galor, der westlichsten Stadt, erreicht hatten.
Galor, ein letztes Licht, strahlte aus dem Meer der allumfassenden Finsternis.
Und wer nicht gefallen war, oder all seine Ideale ├╝ber Bord geworfen und sich den Orks angeschlossen hatte, der sa├č nun, ebenso wie Ferren, dort fest.
Langsam begann er, die Feder ├╝ber das Pergament zu bewegen:

„Liebe Schwester,
Damals bedauerte ich, dass du nicht mit nach Fiondral kamst, in die neue Welt.
Jetzt freue ich mich, dass du geblieben bist. Du kannst dir nicht vorstellen, was hier passiert ist, was ich gesehen habe. Viel zu viel ist es, um es zu berichten, und ich denke, es ist so grausam, dass du es gar nicht h├Âren willst.
Die Orks sind jetzt hier. Vielleicht erinnerst du dich noch an die Schauerm├Ąrchen, aus denen uns Vater damals immer vorlas.
Tja, der Kerl, der die geschrieben hat, lag gar nicht so falsch mit ihrer Art und ihrem Aussehen.
Sie haben Beine, Arme, Oberk├Ârper, H├Ąnde, F├╝├če und Kopf wie die Menschen, doch sind bullig wie Stiere.
Manche sind stark wie mehrere der besten Soldaten.
Sie haben eine gr├Ąuliche Haut und einige Dinge den Tieren gleich: Manche haben Hauer, andere Knochenk├Ąmme auf den Sch├Ądeln, ich habe sogar schon welche mit H├Ârnern gesehen, kleine allerdings.
Aber mache dir keine Sorgen, ich bin jetzt in Galor“, Ferren setzte die Feder kurz ab, fuhr sich mit den H├Ąnden an die Schl├Ąfen und st├Âberte in seinem Geist nach einer passenden Formulierung, von der er glaubte, sie k├Ânne Hoffnung geben.
Schlie├člich entsann er sich einiger Worte und fuhr fort:
„…der st├Ąrksten Festung Fiondrals. Die acht Nationen Kalatars haben diese Stadt einst gemeinsam gebaut, wei├čt du. Und unter ihren Flaggen sammelt sich ein Heer, so gro├č, dass ich die Zahl seiner Streiter nicht einmal benennen kann.
Wir stehen hier Seite an Seite und haben die Hoffnung nicht verloren. Der Feind soll kommen, wir werden ihn schlagen.
Ich bin jetzt ├╝brigens Leutnant der delionischen Armee, Vater w├Ąre sicher stolz auf mich, wenn er davon w├╝sste.
Aber um auch dich zu tr├Âsten, lass dir gesagt sein, Offiziere haben eine h├Âhere ├ťberlebenschance.
Also, mach dir keine Sorgen, gr├╝├če Vater und Mutter von mir und wisse, dass ich dich liebe.
Dein Bruder
Ferren“

Als er mit dem Schreiben des Briefes fertig war, legte er unter pr├╝fendem Blick seine Zeigefinger an die Lippen, bevor er noch einmal jede Zeile durchlas und dabei in exakt dieser Stellung verharrte.
Es dauerte einige Zeit, bis er mit dem, was er zu Papier gebracht hatte, wirklich zufrieden war, dann richtete er sich auf und ├╝berlegte, wie er den Brief nach Kalatar schaffen konnte, obgleich eine Stimme aus dem hinteren Teil seines Kopfes ihm bereits sagte, dass dieses Unterfangen vollkommen sinnlos sei.
Letztlich entschloss er sich dazu, den gro├čen Taubenschlag aufzusuchen, der ein St├╝ck weiter n├Ârdlich am Ufer des Baskats, jenes Flusses, der in zwei Armen durch Galor floss, lag. Das Problem mit dem Taubenschlag war jedoch, dass er direkt an das Viertel der Ledrianer grenzte, die wahrlich nicht zu den besten Freunden der Delioner, seiner Landleute, geh├Ârten. Denn vor der Invasion der Orks waren die acht alliierten Nationen Kalatars noch mit voller Fahrt und traumwandlerischer Sicherheit auf einen eigenen Krieg zugesteuert. ┬áFerren vermutet sogar, dass dieser auf Kalatar bereits ausgebrochen war, was zumindest erkl├Ąrte, warum sie bisher keinerlei Verst├Ąrkungen oder Derartiges erhalten hatten. Zwar war aufgrund der orkischen Seeblockade, welche die gesamte Flotte Fiondrals zwar hatte aufl├Âsen aber nicht durchbrechen k├Ânnen, kein Hilfegesuch nach Kalatar gekommen, doch h├Ątte es auffallen m├╝ssen, dass weder Waren noch irgendwelche Nachrichten den Westkontinent innerhalb des letzten Jahres erreicht hatten.
Bevor der Leutnant sein kleines Gemach verlie├č, packte er die verschlissene, lederne Scheide, in der sein etwas mitgenommenes Kurzschwert ruhte, und band sie sich an den G├╝rtel.
„Man kann ja nie wissen, wer da drau├čen so ruml├Ąuft“, dacht er.
Auf der anderen Seite seiner Zimmert├╝r erstreckte sich ein schmales, finsteres Treppenhaus, dessen Decke von Staubf├Ąden sowie Spinnenweben geziert wurde und in dessen oberem Teil sich der unangenehme Essensgeruch sammelte, der aus den unteren Trakten aufstieg.
Als Ferren weiter ging, stie├č er mit dem Fu├č gegen irgendetwas und nur einen Sekundenbruchteil sp├Ąter durchzog ein stechender Schmerz seine rechten Zehen.
Ver├Ąrgert blickte er hinab, wobei er eine ├╝berdimensionierte, aus Holz und Draht zusammengebastelte Rattenfalle entdeckte, in die er gerade hineingestolpert war. Ohne einen weiteren Blick auf das Ger├Ąt geworfen zu haben, war er sich sicher, dass der Urheber dieses Unfugs nur der nogronische Gauner sein konnte, der im Keller des Geb├Ąudes hauste.
Zwar hatte Ferren in seinem Leben noch nicht allzu viel mit den Nogronern zu tun gehabt, stimmte aber trotzdem der weitverbreiteten Meinung zu, sie seien die H├Âhlenbewohner unter den Menschen der kalatarischen Nationen. Da ihre Heimat fast g├Ąnzlich von nebligen Dschungeln ├╝berzogen wurde, kamen sie erschreckend gut mit der Dunkelheit zurecht und sahen auch danach aus. Die meisten von ihnen hatten eine abartig k├Ąsig bleiche Hautfarbe und schlitzf├Ârmige Augen.
Ferren ging mittlerweile der Theorie nach, dass sie sich auch nicht allzu gerne wuschen, was zumindest ihren latenten Gestank und ihr ansonsten sehr schmieriges Aussehen erkl├Ąrte. Er f├╝rchtete au├čerdem, dass sein im Keller lebender Mitbewohner die Ratten nicht fangen wollte, weil er sie f├╝r Sch├Ądlinge hielt, sondern viel eher um den durch die Nahrungsmittelrationierung hervorgerufenen Hunger zu bek├Ąmpfen.
In der Tat stellte der Leutnant an jedem Tag, den er in dieser ├╝berbev├Âlkerten Stadt verbrachte, die erstaunliche Kreativit├Ąt seiner Mitmenschen fest. Sich von Ratten zu ern├Ąhren, war sicherlich eine Extreme, aber nur eine von vielen.
├ťber die Gasse, an der sein Haus lag, erreichte er die n├Ąchste breitere Stra├če, die den H├╝gel hinab zum Flussufer f├╝hrte. Im goldenen Schein der Fackeln und ├ľllampen trieb sich noch eine ganze Menge verschiedener Leute herum. Er beobachtete, wie zwei schlaksige Kerle in den Wappenr├Âcken Delions einen Bettler wegscheuchten, der sich dies widerstandslos gefallen lie├č.
Das Wappen Delions zeigte ein wei├čes Segelschiff auf hellgr├╝nem Grund und war in diesem Viertel auf R├Âcken, Revers, Kr├Ągen, Flaggen und Bannern zu sehen, da es eben das delionische Viertel war.
Weil Galor jedoch nach dem Eintreffen tausender Fl├╝chtlinge aus allen Regionen Fiondrals heillos ├╝berbev├Âlkert war, hatte man noch etliche Menschen anderer Nationen in diesem, wie auch jedem anderen, Distrikt untergebracht.
Als Ferren die Stra├če hinunterblickte, sah er ein Meer von goldenen Lichtern und dunklen Konturen, das am Fu├če des H├╝gels mit dem Fluss und dem dahinterliegenden, ledrianischen Viertel verschmolz. Schlecht erkennbar erhob sich an seinem Ufer der sogenannte Pastorenturm, der nur wenig h├Âher war als die umstehenden Geb├Ąude und ein gewei├čtes Kuppeldach besa├č, welches in der Dunkelheit der Nacht ein wenig hervorstach.
Auf seinem Weg die Stra├če hinab traf er noch auf die ein oder andere Gruppe von Leuten, zwei Soldaten auf Patrouille, ein paar junge Nogroner, einige unterbesch├Ąftigte H├Ąndler, Adlige, Bettler.
Ein St├╝ck tiefer grenzte der Pastorenturm an einen sandsteinernen H├Ąuserblock, vor dem ein einsamer Geiger den Vorbeigehenden seine kl├Ągliche Sinfonie darbot.
Der Turm war immer ge├Âffnet und man erz├Ąhlte, er sei einst eine kleine Kirche des Erl├Âserglaubens gewesen, in der nun alle m├Âglichen Dinge verkauft wurden, deren Handel nicht verboten war. Viel blieb nicht, denn die offizielle Anordnung des Hohen Rats Galors besagte, dass sowohl Waffen als auch Nahrungsmittel, Metalle, R├╝stungen und diverse Genussmittel zum Eigentum der Stadt geh├Ârten. Der Schwarzmarkt jedoch florierte und so versuchte jeder, doch noch etwas Geld zusammenzukratzen, um damit Dinge zu kaufen, die seinen knurrenden Magen f├╝llen oder seine bitteren Tr├Ąnen ersticken konnten.
Im Pastorenturm waren die Gesch├Ąfte allerdings schon eingestellt worden, sodass im gro├čen, kreisrunden Hauptraum des Erdgeschosses nur noch ein paar H├Ąndler ihre Verkaufsst├Ąnde aufr├Ąumten. ┬áFerren gr├╝├čte sie im Vorbeigehen, bevor er zu der verwitterten, steinernen Wendeltreppe hin├╝bertrat, die zum Obergeschoss f├╝hrte.
Als er jedoch am Fu├če der Treppe stand, kam ihm ein junger, leicht ger├╝steter Soldat Delions entgegen, mit dem er fast zusammengesto├čen w├Ąre.
„Ah, guten Abend, Leutnant“, salutierte er.
„Guten Abend…Soldat“, gr├╝├čte Ferren etwas verwirrt zur├╝ck.
„Man hat Euch nicht ├╝ber die heutige Aktion unterrichtet?“, fragte sein Gegen├╝ber in Anbetracht seines Gesichtsausdrucks.
„├ähm, nein“, gab er zur├╝ck.
„Der Besitzer des Taubenschlags wurde wegen Betruges verhaftet. Es hat sich herausgestellt, dass seine V├Âgel gar keine Brieftauben waren, sondern mit den Briefen einfach irgendwo hinflogen. Na ja, eigentlich h├Ątte jedem klar sein m├╝ssen, dass ein einfacher Vogel es nicht ├╝bers Meer nach Kalatar schafft, nicht wahr, Sir?“
„Ja, doch…nat├╝rlich“, pflichtete der Leutnant bei, w├Ąhrend er den Brief tiefer in die Tasche seiner Hose stopfte.
„Schon mies. Dieser Kerl hat all die Leute ausgebeutet, die sich nur ein wenig Hoffnung verschaffen wollten.“
„Nun, Hoffnung hat er ihnen m├Âglicherweise sogar gegeben. Ich muss dann mal weiter…Patrouille“, sagte er, salutierte zum Abschied und verlie├č den Turm wieder.
Auf der Stra├če angekommen, schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
„Wie konnte ich nur so dumm sein?“
Fast war er versucht, den Brief zu zerrei├čen und in den n├Ąchstbesten Kanal zu werfen, doch entsann er sich schlie├člich, dass es noch eine letzte M├Âglichkeit gab.
Flaschenpost.
„Das ist doch Schwachsinn“, sagte er sich, aber seine F├╝├če befanden sich schon auf dem Weg zum Hafen.
Galor war eine gro├če Stadt, durch die zwei Flussarme des Stromes Baskat flossen und die sich in zehn mehr oder weniger gro├če Viertel unterteilte.
Zum einen besa├č jede Nation ihren eigenen Distrikt, auch wenn sie sich diesen mittlerweile mit Fl├╝chtlingen aus diversen anderen Staaten teilen musste, weiterhin gab es den Hafen und zuletzt den Nordh├╝gel als autonome Viertel.
Auf dem Nordh├╝gel thronten hoch ├╝ber dem Hafen der Palast Galors, von dem aus der Hohe Rat ├╝ber die allgemeinen Geschicke der Stadt gebot, und der gro├če Sonnentempel, im dem die Messen des Erl├Âserglaubens abgehalten wurden.
Ferren jedoch marschierte den s├╝dlichen Baskatlauf entlang zum Hafen hinunter, wobei er zun├Ąchst das delionische Viertel verlie├č und das iskatische betrat.
Iskat war unter den acht Nationen Kalatars der Staat der Magier. Zwar wurden diese auch in allen anderen L├Ąndern geboren, doch geschah dies in Iskat mit gro├čer H├Ąufigkeit, weshalb man den dort lebenden Menschen nachsagte, die Magie im Blut zu haben. Au├čerdem gab es im Magierstaat die besten Ausbildungsm├Âglichkeiten f├╝r angehende Zauberer.
Dem iskatischen Viertel folgte das elipfische, das von den meist dunkelh├Ąutigen Bewohnern der W├╝stennation Elipf bev├Âlkert wurde und auf der Nordseite direkt an den Hafen grenzte.
Als Ferren sich der Br├╝cke n├Ąherte, die auf der Nordseite des Distrikts ├╝ber den Baskat in den Hafen f├╝hrte, peitschte ihm bereits eine wahre Flut lauter Rufe entgegen.
Wenig sp├Ąter konnte er zwei Gruppen ausmachen, die sich auf der Br├╝cke gegen├╝berstanden und sich in einer heftigen verbalen Konfrontation befanden.
Die erste Fraktion konnte er als eine Gruppe einfacher Zivilisten identifizieren, die dem Aussehen nach aus Elipf, Delion und Nogron stammten, wohingegen es sich bei der zweiten um einen Zug ledrianischer Soldaten handelte.
Diese trugen allesamt leichte, gl├Ąnzend silberne R├╝stungen ├╝ber schwarzer Kleidung und den Wappenrock Ledrias, welcher eine wei├čsilberne Lilie gekreuzt mit einem gleichfarbigen Schwert auf k├Ânigsblauem Grund zeigte.
W├Ąhrend die Zivilisten laut und w├╝tend ├╝ber die Soldaten schimpften, bildeten diese stumm eine Reihe auf der Br├╝cke, wobei sie Turmschilde und Speere beisammen hielten, sodass keiner passieren konnte.
Als Ferren die Br├╝cke erreichte, preschte auf der anderen Seite des Flusses ein Reiter aus der Dunkelheit, der auf einem edlen, gr├Ąulichen, elipfischen Ross sa├č, das sich in Bezug auf sein Aussehen am besten mit einem Vollblutaraber vergleichen lie├č. Bei dem Reiter handelte es sich um einen hageren, jungen Mann, der ein galantes, dunkelbraunes Samtjackett ├╝ber seinem schwarzen, uniformartigen Seidenhemd mit hohem Stehkragen trug.
Seine Haare waren seidig dunkelblond und seitlich gescheitelt, w├Ąhrend sein fahles Gesicht feine, elegante Z├╝ge besa├č. In seinen Augen, die zu sichelf├Ârmigen Schlitzen verengt waren, lauerte jedoch ein Ausdruck des Sinisteren, und obwohl Ferren ihn nicht kannte, hatte er das flaue Gef├╝hl, dass er nicht zu den Menschen geh├Ârte, denen man bedenkenlos den R├╝cken zuwenden konnte.
„Ruhe, P├Âbel!“, zischte er, nachdem er sein Ross hinter den Soldaten hatte einhalten lassen, „Die Streitkr├Ąfte Ledrias haben auf Befehl des Herzogs Montierre den Hafen besetzt und werden diesen bis zum Ende der Verhandlungen nicht r├Ąumen!“
Was der Reiter sagte, klang f├╝r Ferren durchaus einleuchtend.
Zwar wusste er nicht, worum es in den momentanen Verhandlungen des Hohen Rates eigentlich ging, doch hatte selbst er erfahren, dass sich Montierre und die beiden anderen Ratsmitglieder vollkommen uneinig waren. Die Besetzung des Hafens durch ledrianische Soldaten sprach daf├╝r, dass die Verhandlungen nun auf einer anderen Ebene fortgef├╝hrt wurden.
„Mit welchem Recht?“, schrie jemand aus der Menge.
„Mit dem des ledrianischen Adels, respektloser Bauer!“, blaffte der Reiter zur├╝ck, w├Ąhrend Ferren sich durch die menschliche Palisade k├Ąmpfte, die die Menge auf der Br├╝cke gebildet hatte.
Als er sich endlich durch verhakte Arme und Schwei├čgeruch in die erste Reihe geschlagen hatte, wandte er sich an den Reiter:
„Ich bin Leutnant Ferren aus Delion“, er deutete auf das Wappen an seinem Hemdkragen, „und verlange, zu erfahren, wer Ihr seid und was die Besetzung des Hafens bezwecken soll.“
„Ich bin Marquis Lucian de Nord und der Grund f├╝r die Besetzung des Hafens hat Euch nicht zu interessieren, delionische Ratte!“, zischte sein Gegen├╝ber, „Wichtig ist nur, dass wir jeden gnadenlos abschlachten werden, der versucht, das Hafenviertel zu betreten.“
„Ich denke, diese Leute hier w├╝rden mehr Verst├Ąndnis f├╝r Euer Handeln zeigen, wenn sie w├╝ssten, warum Ihr das tut“, rief eine junge Frau, die sich ebenfalls in die erste Reihe gek├Ąmpft hatte.
Sie war nicht sonderlich gro├č, besa├č ein dementsprechend feinz├╝giges Gesicht und schulterlange, blonde Haare. Ihrer wei├čblauen Robe zufolge war sie eine iskatische Novizin.
„Ich betone und wiederhole: Unsere Beweggr├╝nde gehen den P├Âbel einen Dreck an!“, fauchte de Nord, w├Ąhrend er seinen Kopf hob, um die ledrianischen Bogensch├╝tzen zu beobachten, die auf den D├Ąchern der umliegenden H├Ąuser Position bezogen. Anschlie├čend wandte er sich an einen der ihm unterstellten Fu├čsoldaten:
„Leutnant, Ihr habt Eure Befehle. Niemand kommt hier durch!“
„Wie Ihr befehlt, edler Herr“, rief sein Unteroffizier, wobei er stolz salutierte.
„Entschuldigt mich, aber es gibt noch andere Stra├čen, die danach verlangen, gesperrt zu werden. Richtet diesem Verbrecher Farruk aus, dass wir nicht gewillt sind, unseren Standpunkt zu ├╝berdenken“, lachte der Marquis anschlie├čend, bevor er seinem Pferd die Sporen gab und wieder in der Dunkelheit verschwand.
„Ihr habt es geh├Ârt!“, br├╝llte der ledrianische Unteroffizier, wobei er seine hocherhobene Hand senkte, was zur Folge hatte, dass seine Untergebenen ihre eisernen Speere nach vorne gegen die Menge richteten, „Zur├╝ck, oder wir spie├čen Euch auf!“
„Das k├Ânnt Ihr nicht machen!“, schrie ein J├╝ngling aus der Meute, worauf der Offizier nach vorne schnellte und ihn mit einem R├╝ckhandschlag auf den Boden bef├Ârderte.
„Dies ist meine letzte Warnung!“, fauchte er.
„Na los, zur├╝ck!“, befahl Ferren den ├╝brigen unter schmerzlichem Z├Ąhneknirschen.
Langsam trottete die Menge im R├╝ckw├Ąrtsgang von der Br├╝cke. Einige lie├čen die Schultern h├Ąngen, andere drohten den Soldaten, sie w├╝rden schon sehen, was sie davon h├Ątten.
„Na geht doch!“, gr├Âlte der ledrianische Leutnant, w├Ąhrend sich die Meute gem├Ąchlich verzog. „Das wird sich Farruk nicht bieten lassen“, fl├╝sterte die junge Novizin, die zuvor auf der Br├╝cke neben Ferren gestanden hatte.
Langsam senkte er seinen Blick auf ihre hellen, bernsteinfarbenen Augen.
„Nein, ganz sicher nicht“, sagte er gr├╝blerisch.
„Ich verstehe es einfach nicht. Die Orks stehen vor den Toren und diese Wahnsinnigen haben nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig zu bekriegen.“
„Ja…“, Ferren sprach gedehnt, „Wei├č der Geier, was im Hohen Rat vorgefallen ist.“
„Manchmal will ich das gar nicht wissen“, lachte sein Gegen├╝ber, „Was hat eigentlich ein delionischer Leutnant alleine zu dieser Zeit hier zu suchen?“
„Ich wollte…runter zum Strand…Nachtluft genie├čen“, stammelte Ferren, „Habe ein paar emsig kochende Nogroner bei mir im Haus wohnen. Und Ihr, Novizin?“
„Ich wollte zu einer Freundin ins Hafenviertel, aber ich glaube, das kann ich jetzt vergessen. Mein Name ist ├╝brigens Ariona.
„Ferren“, stellte sich dieser vor.
„Hm, was dagegen, wenn ich mit zum Strand komme?“, erkundigte sich die Novizin, „Ich muss irgendetwas tun, bevor ich vor Zorn auf diese eingebildeten Idioten noch einen Herzinfarkt bekomme.“
„Ja…├Ąh, ich meine nein. Nein, ich habe nichts dagegen“, stotterte Ferren.
„Wirklich nicht?“, Ariona hob eine Augenbraue.
„Nein, wirklich nicht“, best├Ątigte Ferren.
„Los, wir holen Steine und dann zeigen wir es diesen ledrianischen Bastarden!“, rief ein junger Elipfer, dem ein Teil der Meute in einen nahegelegenen Park folgte.
„Wir sollten besser hier verschwinden“, mahnte Ferren, worauf er sich auf den Weg zum Strand machte, der ein St├╝ck weiter s├╝dlich des Hafens am Ende des elipfischen Viertels lag.
Ariona folgte ihm.
Mit dem Ende des Abends, dem Verhallen der Gebete und dem Einbruch der Nacht hatten sich auch die Stra├čen rapide gef├╝llt, sodass nun ├╝berall Gruppen verschiedenster Personen umherliefen, laut gr├Âlten, tranken und rauchten, w├Ąhrend entweder die Stadtwache oder Landsm├Ąnner einer weniger freundlich gesinnten Nation versuchten, ihrem Treiben ein Ende zu bereiten.
Der Strand k├╝ndigte sich Ferren schon von weitem an, denn er war der mit Abstand lauteste Ort im elipfischen Viertel. Zwischen den sandbedeckten Bretterbuden der Fischer feierte allerhand Volk in ausgelassenster Stimmung, wobei eine gewaltige Wolke aus Dunkelkrautrauch den Ort vollkommen von der Au├čenwelt abschnitt.
„Eigentlich hatte ich mir erhofft, an diesem Ort etwas mehr Ruhe zu haben“, knurrte Ferren, nachdem er einen Hauch des Qualms eingesogen hatte, welcher bitter in seine Lungen stach.
„Habt Ihr nicht gewusst, dass ein Gro├čteil S├╝dstadt sich hier jeden Abend kollektiv die Kante gibt?“, fragte Ariona.
„Ehrlich gesagt, nein“, gestand der Leutnant und betrachtete das farbenfrohe Spektrum der Feiernden.
Da sah er sie jubeln, singen, tanzen und lachen, und mit einem Mal stiegen Tr├Ąnen in seine Augen, denn er vermochte sich nicht mehr zu entsinnen, wann er zuletzt ein L├Ącheln gesehen hatte. Seine Lungen schmerzten vom Qualm des Dunkelkrauts, doch der Schleier der Finsternis, der ├╝ber Land und Gem├╝t lag, tat sich j├Ąh in diesem Moment auf, ein strahlendes Licht fiel in seine Seele.
Kaum hatte er sich versehen, stand er zwischen zwei Nogronern und einem elipfischen Unteroffizier.
Auf die Frage, was man denn feiere, antwortete man ihm: „Den Sieg“ und „Die Freiheit“.
Sekunden sp├Ąter kam Ariona herbei, um ihm einen Krug Met in die Hand zu dr├╝cken, den er ansetzte und seinen Inhalt inhalierte. Noch einen Krug sp├Ąter h├╝llte ihn alles ein wie eine wohlige Wolke, in der Tanz, Gesang und Rauch verschwommen.
„Galor wird niemals fallen“, sagte eine Stimme in ihm und zum ersten Mal glaubte er daran.
Als ihm Sekunden sp├Ąter auffiel, dass er die Worte laut herausgeschrien hatte, gr├Âlten schon etliche Leute mit ihm, bevor sie ihre Kr├╝ge auf den Sieg hoben.

Nachdem Marquis Lucian de Nord seine Befehle ausgef├╝hrt und den Hafen der Stadt besetzt hatte, war er in das ledrianische Viertel zur├╝ckgekehrt, um dort seinem Befehlshaber Herzog Montierre zu berichten.
Ledria bildete zusammen mit Serpendria die Achse der erzkonservativen Monarchien unter den Staaten Kalatars, was ihnen auch die Bezeichnung „Alte K├Ânigreiche“ eingebracht hatte. Ihr Vertreter in Galor, Herzog Jean Montierre, residierte in der Botschaft der Ledrianer, welche ein gro├čes, rechteckiges Geb├Ąude mit r├Âtlichem, hohem Kuppeldach war, dessen wei├če, steinerne Fassade von etlichen Gravuren geziert wurde.
Die beiden schwer ger├╝steten Speertr├Ąger, welche vor dem Eingang Wache hielten, gr├╝├čten Lucian ├╝berschw├Ąnglich respektvoll, als er eintrat. Mit einem Schritt fand sich der Marquis in einem Paradies aus wei├čem Marmor wieder, das im Schein der ├ľllampen majest├Ątisch gl├Ąnzte. Wasser pl├Ątscherte unter wohltuendem Rauschen aus einem kleinen Terrassenbrunnen in der Mitte der Eingangshalle, w├Ąhrend sich etliche gr├╝ne Zierpflanzen die W├Ąnde hinaufschl├Ąngelten. Das ledrianische Wappen prangerte als Gravur oder auf Bannern im gesamten Saal und Lucian sah sich gezwungen, zu l├Ącheln, als er es erblickte.
Der h├╝bschen Empfangsdame, die hinter einer wei├čmarmornen Theke einige Dokumente durchsah, nickte er kurz zu, w├Ąhrend er die Halle durchquerte, um die breite Treppe gegen├╝ber dem Eingang hinaufzusteigen.
Am Ende dieser befand sich ein gro├čes Doppeltor, hinter dem der Beratungssaal der Ledrianer lag, den Lucian ohne zu z├Âgern betrat.
Der kreisrunde Saal, welcher ebenfalls eine gew├Âlbte Decke besa├č, lag im Dunkeln und schien bis auf eine einzige Person, welche am gro├čen, runden Tisch in der Mitte sa├č, g├Ąnzlich verlassen zu sein.
Als der Marquis eintrat, erhob sich die Gestalt vom Tisch, trat aus dem Schatten und gr├╝├čte ihn freundlich.
Vor ihm stand Herzog Montierre, ein ebenfalls noch junger, aber schmalschulteriger Mann. Zwar war er recht d├╝rr, wusste dies aber unter seinem schwarzen Filzmantel gut zu verbergen. Sein Gesicht besa├č noch jugendliche Z├╝ge, w├Ąhrend die dunklen Ringe unter seinen kleinen Augen ihm ein leicht melancholisches Aussehen verliehen.
„Lucian!“, rief er, „Du bist bereits zur├╝ck? Gab es Schwierigkeiten?“
„Nein, mein Freund, alles verlief nach Plan. Es gab keinen Widerstand und, soweit ich das beurteilen kann, auch keine Verwundeten“, gab der Marquis zur├╝ck, „Ich hoffe, diese Nachricht vermag, dich ein wenig zu beruhigen.“
„Das tut sie nat├╝rlich, obwohl ich stets daran denken muss, dass uns die schwersten Zeiten noch bevorstehen.“
„Dessen bin ich mir bewusst“, pflichtete Lucian bei, „Doch werden wir triumphieren, denn unser Pfad ist der Pfad des Herrn.“
„Der Pfad des Herrn…“, Montierre sch├╝ttelte ungl├Ąubig den Kopf, „Diese Welt l├Ąsst mich langsam an seinem gerechten Willen zweifeln.“
„Zweifel ist Gift“, entgegnete de Nord beil├Ąufig, w├Ąhrend er ein Kristallglas mit rotem Wein aus einer Karaffe f├╝llte.
„Ja, ich wei├č“, fl├╝sterte Montierre, wobei er seinen Blick zur Decke richtete, „Verzeiht mir, heiliger F├╝rst in Euren Hallen der Weisheit.“
„Hast du ├╝ber meinen Vorschlag nachgedacht?“, erkundigte sich de Nord, nachdem er einen Schluck aus seinem Weinglas genommen hatte.
„Tut mir leid, Freund, aber er erscheint mir immer noch sehr extrem.“
„Er ist extrem“, versicherte der Marquis, „Aber die Extreme ist unsere einzige Wahl, unsere einzige Rettung.“
„Ich f├╝rchte, ich bin nicht, bin noch nicht bereit, so weit zu gehen“, der Herzog sch├╝ttelte den Kopf.
Das Problem, von dem die beiden Adligen sprachen, war durchaus von entscheidender Wichtigkeit:
Im Hafen Galors lagen noch drei Schiffe, ├╝ber deren Verwendung der Hohe Rat sich derart uneinig war, dass Montierre letztlich beschlossen hatte, das gesamte Viertel von seinen Truppen besetzten zu lassen.
Kalif Farruk n├Ąmlich, der im Rat die sogenannten Oppositionsstaaten, Skatria, Elipf und Delion, vertrat, war der Ansicht, die Schiffe seien als Fluchtm├Âglichkeit f├╝r alle Adligen oder sonstigen wichtigen beziehungsweise hochrangigen Personen zu gebrauchen, wohingegen f├╝r Montierre einzig und allein die Wehrlosen das Recht hatten, Galor zu verlassen.
Ebenso wie es die Ehre gebot.
Die junge Prinzessin Filiana, die das letzte Ratsmitglied war, hatte sich von den beiden rasenden M├Ąnnern so verunsichern lassen, dass sie, um den Streit zu b├Ąndigen, gar nicht mehr ├╝ber die Schiffe verhandeln wollte.
In der Angst, Farruk k├Ânnte Filiana letztlich auf seine Seite ziehen, hatte Montierre Lucian de Nord auf dessen eigenen Vorschlag hin den Befehl erteilt, den Hafen zu besetzen.Der Marquis hatte ihm jedoch vorgeschlagen, alle Schiffe zu verbrennen, um das Problem ein f├╝r alle Mal aus der Welt zu schaffen.
„Wir werden keine andere Wahl haben, wenn die Elipfer milit├Ąrisch zur├╝ckschlagen“, beteuerte der Marquis.
„Das darf nicht passieren!“, rief Montierre, „Wenn wir anfangen, uns untereinander zu bekriegen, ist Galor schon verloren.“
„Das ist wahr. Aber bei diesen Wilden kann man sich nie sicher sein.“
„Lucian, Lucian“, lachte der Herzog, „dein Herz ist voller Hass.“
„Jene, die ich hasse, sind der Abschaum der Menschheit. Sie haben meinen Hass verdient“, zischte Lucian, worauf er sein Glas leerte.
„Ich w├╝nschte, Filiana w├╝rde sich f├╝r unsere Seite entscheiden“, sagte der Herzog schlie├člich.
„So, wie ich sie bisher erlebte, erschien sie mir zu ├Ąngstlich, um sich ├╝berhaupt f├╝r etwas zu entscheiden“, gab de Nord zur├╝ck, „allerdings kann ich auch nicht behaupten, sie sonderlich gut zu kennen. Wenn ich etwas anmerken darf: Du solltest dir lieber Gedanken um Farruk machen, der, sofern mich mein Gesp├╝r nicht t├Ąuscht, was es selten tut, alsbald hier auftauchen d├╝rfte.“
„Oh, er ist sicherlich schon auf dem Weg“, stimmte der Herzog zu.
„W├╝nschst du, dass ich dir bei der Audienz beistehe?“
„Nein, nein, mit diesem Scheinheiligen werde ich schon noch alleine fertig“, winkte Montierre ab, „Kehr du nur in den Hafen zur├╝ck. Es ist besser, wenn dort jemand nach dem Rechten sieht. Wir k├Ânnen uns kein unn├Âtiges Blutvergie├čen leisten.“
„Ich werde, wie immer, mein Bestes dazu beitragen. Aber nimm dich vor dieser anma├čenden Ratte in Acht. Ihm ist wohl nicht einmal das Leben seiner Mutter heilig, sofern er ├╝berhaupt eine hatte“, mit dieser letzten Beleidigung verlie├č der Marquis unter schnellen Schritten den Saal, w├Ąhrend der Herzog zur├╝ckblieb, um auf das elipfische Ratsmitglied zu warten.
Farruk traf tats├Ąchlich wenig sp├Ąter in der Botschaft ein und betrat, nachdem das amtliche Prozedere vonstattengegangen war, den Beratungssaal.
Bei dem Kalifen handelte es sich um einen gro├čen, athletischen Mann, der jedoch schon in jenes Alter gekommen war, da der Bart ergraute und das Haar sich lichtete.
Obwohl Elipf ein demokratischer Staat war, erinnerte die Bezeichnung der ├ämter immer noch an die feudalistischen Titel, weshalb es auch Farruk verg├Ânnt war, den des Kalifen anf├╝hren zu k├Ânnen.
„Montierre, mein ungewollter Freund“, rief er bereits, als er gerade in den Raum st├╝rmte, „Bitte sagt mir, dass die Besetzung des Hafens auf das eigenm├Ąchtige Handeln dieses Irren de Nord zur├╝ckzuf├╝hren ist.“
„Die Befehle, Kalif“, begann Montierre, ohne sich aus dem Schatten, in den er zur├╝ckgekehrt war, herauszubewegen, „gebe immer noch ich.“
„Das hei├čt, Ihr seid daf├╝r verantwortlich?“
„Offensichtlich.“
„So“, schnauzte Farruk, wobei er seinen prunkvollen Seidenkaftan glatt strich, „Ich dachte, wir f├╝hren unsere Verhandlungen mit Wort und Wahl, nicht mit Schwert und Stab. Aber ihr Monarchisten werdet es wohl nie verstehen.“
Der Kalif sch├╝ttelte verst├Ąndnislos den Kopf.
„Monarchisten?“, keuchte Montierre, „In der Tat, wir haben nie verstanden, warum man den Narren eine Entscheidung ├╝berlassen sollte, die nur die Weisen treffen k├Ânnen.“
„Heuchler seid ihr, versucht ihr doch stets, die Unterdr├╝ckung, die ihr aus├╝bt, zu rechtfertigen.“
„Wenn ich ein Heuchler bin, dann vermag kein Wort der kalatarischen Sprachen, Eure Charakterlosigkeit zu benennen, Farruk!“, zischte der Herzog, „Eurer Meinung nach sind alle Menschen gleich? Was gibt Euch dann das Recht, vor allen anderen aus dieser Stadt zu fl├╝chten?“
„Das versteht Ihr nicht, Montierre. Wenn Leute wie ich┬á ├╝berleben, dann ├╝berlebt auch das Feuer der Freiheit, das sich ├╝ber ganz Kalatar ausbreiten wird wie…“
„Schweigt! Ihr widert mich an!“, blaffte Montierre, „Die Freiheit, die Ihr proklamiert, f├╝hrt Euch und alle anderen, die an sie glauben, ins Verderben.“
„Weil sie der Ordnung Eures Gottes widerspricht, Herzog? Das ist doch nur eine Scharade, um die Dummen zu t├Ąuschen. Ihr glaubt doch nicht etwa selbst daran?“
„Mein Gott hat damit reichlich wenig zu tun, Kalif. Das Verderben, von dem ich sprach, ist nicht die drohende Unterwelt, Narr. Sie ist wesentlich greifbarer, n├Ąher. Ihr m├╝sst nur in den Spiegel blicken, um sie zu sehen.“
„Es gibt keinen Grund, Beleidigungen auszusprechen“, mahnte der Kalif.
„Dass die einzigen Worte, die verm├Âgen, Euch zu beschreiben, Beleidigungen sind, ist nicht mein Verschulden, Farruk. Nur die ach so hoch gelobte Freiheit sorgte doch letztlich daf├╝r, dass Abschaum wie Ihr zu so viel Macht kam. Es ist besch├Ąmend, zu wissen, dass ich in dieser Stadt auf derselben Stufe mit derartigen Narren stehen muss.“
„Ihr seht nur das, was Ihr sehen wollt, Herzog“, zischte Farruk, „Alle, die nicht den Gesetzen Eures Reiches und Eures Gottes folgen, sind f├╝r Euch also Dreck, ja? Habt Ihr nicht einmal dar├╝ber nachgedacht, dass Ihr Euch vielleicht geirrt habt? Dass die Worte Eures Gottes gar nicht so wahr sind?“
„Sprecht Eure Blasphemie irgendwo aus, aber nicht in meinen Hallen, zumal sie nichts zur Sache tut!“
„Sch├Ân, ich sehe ein, dass es vollkommen fruchtlos ist, mit einem Fanatiker vern├╝nftig verhandeln zu wollen…kommen wir also zu meinem eigentlichen Anliegen zur├╝ck“, der Kalif machte eine kurze Pause, „Entfernt Eure Truppen umgehend aus dem Hafenviertel!“
Der Herzog betrachtete Farruk kurz, bevor er l├Ąchelte und seine feingliedrigen H├Ąnde faltete.
„Nein“, entgegnete er.
„Sch├Ân!“, br├╝llte Farruk, „Dann werde ich Eure erb├Ąrmlichen Truppen eben mit Waffengewalt aus dem Viertel jagen!“
„Seid doch kein Narr, Farruk!“, fauchte Montierre, „Die Orks stehen vor den Toren. Das letzte, was wir brauchen, ist B├╝rgerkrieg.“
„Es ist nicht meine Schuld. Es ist nicht meine Schuld. Ihr“, der Kalif deutete mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf sein Gegen├╝ber, „habt das provoziert.“
„Euch hat anscheinend jede Vernunft verlassen“, der Herzog sch├╝ttelte den Kopf, „Aber das wagt Ihr nicht!“
„Ihr habt keine Wahl, Montierre. Verlasst den Hafen, oder Ihr werdet Schuld am Fall Galors tragen!“
Montierre lie├č sich langsam in seinen ledernen Sessel zur├╝cksinken, musterte sein Gegen├╝ber und atmete einmal tief durch, bevor er wieder die Stimme hob:
„Wenn auch nur einer Eurer Soldaten seine Waffe gegen einen der meinen hebt, dann werde ich alle Schiffe verbrennen lassen und keiner von uns kommt hier jemals lebend raus! Ich bin bereit, bereit, in den Tod zu gehen, Farruk. Was ist mit Euch?“
„Ihr…Ihr habt doch den Verstand verloren, Montierre“, keuchte Farruk.
„Nein, den Verstand habt Ihr verloren, als Ihr damit begannt, auf Eure niederen Instinkte zu h├Âren. Ich kann nicht leugnen, dass die Situation, in der wir uns befinden, schlimm ist, aber Ihr k├Ânnt nicht nur wenig, sondern offensichtlich gar nicht damit umgehen.“
„Pah, wir werden schon sehen, ob Ihr den Tod f├╝rchtet, Herzog. Ja, wir werden sehen“, lachte Farruk, bevor er sich mit wirbelndem Kaftan umdrehte und aus dem Saal st├╝rmte.
„Narr!“, zischte Montierre ihm hinterher, bevor er sich wieder in den Schatten zur├╝cksinken lie├č.

Ferren strauchelte mit vom Alkohol vernebelten Sinnen durch die niedrigen Sandd├╝nen des Strandes. Obwohl er kaum noch in der Lage war, klar zu sehen, steuerte er unbeirrt auf die gro├če, dunkle Felsformation zu, die sowohl den Strand als auch die Halbinsel im S├╝den begrenzte.
Schlie├člich stand er an jener Stelle, wo die D├╝nen in den dunkelbraunen Stein ├╝bergingen, und lie├č sich wenig elegant in den Sand sacken. Dort war nichts mehr zu sp├╝ren von der Ausgelassenheit des Festes, vom Qualm des Dunkelkrauts, vom Gestank des Erbrochenen. Nur aus der Entfernung hallten noch die lautesten Rufe der Feiernden.
W├Ąhrend die Wellen des Meeres, welches, mit dem dunklen Horizont verschmolzen, kaum mehr als eine einzige Wand g├Ąhnender Schw├Ąrze war, sanft gegen die Felsen schwappten, kramte der Leutnant den Brief wieder hervor, welchen er vor wenigen Stunden geschrieben hatte. Mit M├╝he entkorkte er die fast leere Metflasche, die er zuvor neben einem komat├Âsen Elipfer gefunden hatte, kippte den letzten Schluck seinen Rachen hinunter und begann dann, recht sorgsam das Papier hineinzuschieben.
Als er es letztlich fertig gebracht hatte, es g├Ąnzlich in der Flasche zu verstauen, stopfte er den Korken wieder auf deren Hals. Dann zog er seine ledernen Stiefel aus, erhob sich, torkelte ein paar Schritte vor, bis seine F├╝├če vom Meerwasser umschlungen wurden, und wollte gerade die Flasche in die See hinausschleudern, als eine Stimme hinter ihm ert├Ânte:
„Ah, Ferren. Da seid Ihr.“
Erschrocken zuckte der Leutnant zusammen, bevor er sich umdrehte und in die bernsteinfarbenen Augen Arionas blickte, die etwa einen Meter vor ihm und damit noch auf dem Sand stand.
„Oh…Ariona“, stammelte er, „Was macht Ihr hier?“
„Ich habe Euch gesucht“, gab die Novizin mit fragendem Gesichtsausdruck zur├╝ck, „Hinten gab es eine Schl├Ągerei zwischen ein paar Typen und einem Haufen Todesanbetern.“
„Todesanbeter?“, keuchte Ferren, wobei seine Hand an den Griff des Kurzschwertes fuhr, das er am G├╝rtel trug.
Zwar war es offiziell nicht verboten, an den Totengott Thanatos zu glauben, doch wurden seine Anh├Ąnger von den meisten Menschen der gebrochenen Welt abgrundtief gehasst. Dies war vor allem dem Dunklen Kult, einer brutalen, radikalen Gruppierung von fanatischen Todesanbetern, Nekromanten und sonstigen Schwarzmagiern zuzuschreiben, die vor rund f├╝nfhundert Jahren ganz Kalatar terrorisiert hatte.
Die Vertreter der einzelnen Nationen in Galor indes hatten sich unter der Hand dar├╝ber geeinigt, jede Form der Todesanbetung in der Stadt zu unterbinden, da sie um die Moral ihrer Truppen f├╝rchteten. Dennoch hatten sich seit der Invasion der Orks erstaunlich viele Menschen den Thanatoikern angeschlossen.
„Keine Sorge“, beschwichtigte Ariona, „ein paar Elipfer haben sie vertrieben.“
„Die Thanatoiker m├╝ssen inhaftiert werden!“, zischte Ferren, „Sie demoralisieren die B├╝rger Galors…und wahrscheinlich stecken sie auch noch hinter der Invasion der Orks.“
„Die Todesanbeter?“, Ariona stutze, „Warum glaubt Ihr das?“
„Nun ja, weil…viele sagen das, der ganze delionische Offiziersstab. Todesanbeter ganz klar. Diese tumben Orks h├Ątten eine Invasion wie diese doch nie auf die Reihe gekriegt.“
„Nein, ich glaube nicht, dass die Thanatoiker dahinter stecken. Seht mal, f├╝r die meisten von ihnen ist der Tod nur ein Teil des nat├╝rlichen Kreislaufes, den sie anbeten. So wie die G├Âttin des Mondkults als die Geb├Ąrerin, als Mutter, der Welt betrachtet wird.
Sie f├╝hren den Tod nicht auf unnat├╝rliche Weise herbei, um ihrem Gott zu dienen. Soweit ging nur der Dunkle Kult und den gibt es nicht mehr.“
Ferren schwieg zun├Ąchst, bevor er kopfnickend zustimmte:
„Aber wer sollte sonst daf├╝r verantwortlich sein?“
„Manche halten es f├╝r die S├╝hne, die sie aufgrund des moralischen Verfalls tun m├╝ssen. Die Monarchisten glauben, es sei eine Verschw├Ârung der Demokraten, und die Demokraten meinen, die Monarchisten stecken dahinter. Ganz ehrlich: Mit den Verd├Ąchtigungen hat die Situation, in der wir uns jetzt befinden, doch erst angefangen. Jetzt traut keiner mehr dem anderen.“
„Wohl wahr“, best├Ątigte der Leutnant, „Aber irgendwer muss Recht haben. Die Orks waren es jedenfalls nicht allein.“
„Ja, m├Âglich. Ziemlich sicher sogar. Aber ich f├╝rchte, hier Vermutungen zu ├Ąu├čern, w├Ąre gef├Ąhrlich.“
„Glaubt Ihr etwa, ich h├Ątte was damit zu tun?“, keuchte Ferren.
„Nein, Ihr nicht. Aber diese Stadt. Sie ist gef├Ąhrlich“, fl├╝sterte Ariona.
„Ich bin Wachoffizier. Das m├╝sst Ihr mir nicht erz├Ąhlen.“
„Ich f├╝rchte, von dem meisten wissen die Wachen nicht einmal etwas“, fl├╝sterte Ariona, „In dem Haus meiner Freundin im Hafenviertel lebten mal sechs Leute. Jetzt sind es nur noch drei. Sie glaubt, einer der Bewohner hat angefangen, die anderen zu vergiften, um die Chance zu erh├Âhen, einen Platz auf den Schiffen zu bekommen.“
„Ja, so was h├Âren wir ├Âfter. Aber wir k├Ânnen nicht allem nachgehen, zumal das Gericht ├╝berlastet und das Gef├Ąngnis voll ist. Letztlich m├╝ssen sich die Leute selbst helfen.“
„Ja, so lange, bis die kalatarischen Nationen endlich einsehen, dass sie einmal zusammenhalten m├╝ssen, um zu ├╝berleben.“
„Das wird niemals passieren“, lachte Ferren bitter im Zustand der Ern├╝chterung, wobei er die Flasche aufs Meer hinausschleuderte, „Entschuldigt mich“, fuhr er fort, „aber ich habe morgen Wachdienst und sollte nun besser schlafen gehen.“
Mit diesen Worten schl├╝pfte er wieder in seine Stiefel und zog an der Novizin vorbei, sodass diese allein am Strand zur├╝ckblieb.

Kapitel 2: Verschw├Ârung

44. Gr├╝nwalden. 52 n.V.
Der n├Ąchste Morgen brach an und qu├Ąlte die verkaterten Bewohner Galors mit seinem glei├čenden Licht.
Auf den D├Ąchern sammelten sich die Anh├Ąnger des Mondkults zum Gebet, die Iurionisten, die an den allm├Ąchtigen Gerechtigkeitsgott glaubten, sowie die Anh├Ąnger des Erl├Âserglaubens str├Âmten zu ihren Kirchen. Diese waren die einzigen Orte, wo S├Ąufer und Schmuggler zusammen mit Offizieren und Soldaten in einer Bankreihe sa├čen, oder unter einem Dach standen, denn zumeist waren die Tempel bis zum letzten Stehplatz gef├╝llt.
Die Fischer machten ihre kleinen Boote klar, B├Ącker klopften sich den Mehlstaub von den H├Ąnden, Wachwechsel wurden vollzogen.
Ariona erwachte recht sp├Ąt, da sie noch bis in die fr├╝hen Morgenstunden hinein am Strand gefeiert hatte. Letztlich sprach auch nichts dagegen, seinen Rhythmus einige Stunden nach hinten zu verschieben, weil man als Novize in dieser Stadt so gut wie nichts zu tun hatte.
Ihr Bett befand sich in einem Schlafsaal im Keller einer ehemaligen Schule, den sie mit f├╝nf anderen Personen bewohnte. Trotz der etwas eigenartigen Umgebung war sie mit diesem Schlafplatz durchaus zufrieden, da es dort stets angenehm k├╝hl und die Betten, welche in Nischen standen, durchaus bequem waren. Ein ausgeblichener, mintgr├╝ner Vorhang sorgte f├╝r ein wenig Privatsph├Ąre.
├ťber ihre Mitbewohner war sie allerdings weniger erfreut, handelte es sich bei diesen doch um eine ausgekochte Zicke, einen zwanghaften Choleriker, einen ziemlich verschwiegenen Todesanbeter, einen wenig erfolgreichen Schmuggler und einen Paranoiker.
Nachdem sie sich angezogen hatte, schob sie den Vorhang zur Seite, sodass sie den Hauptraum betrachten konnte, welcher jedoch abgesehen von einer Person g├Ąnzlich verlassen war. Die Anwesenheit des schm├Ąchtigen, jungen Mannes, der am gro├čen, gusseisernen Ofen sa├č und irgendetwas r├Âstete, wunderte sie nicht weiter.
Pegry, so war sein Name, hatte diesen Keller schon seit Wochen nicht mehr verlassen, da er, zumindest glaubte sie das, f├╝rchtete, der Angriff auf Galor k├Ânne jeden Augenblick beginnen.
„Guten Morgen, Pegry“, gr├╝├čte sie.
„Morgen, wie?“, sagte er mit hastiger Stimme, nachdem er zun├Ąchst heftig zusammengezuckt war. Die dunklen Ringe unter seinen kleinen Augen indizierten, dass er schon sehr lange nicht mehr geschlafen hatte. Insgesamt erinnerte er Ariona stark an eine Ratte, auch wenn sie diesen Gedanken nicht gerade gerne hegte.
„Ja, es ist Morgen, glaube ich“, entgegnete Ariona.
„Kann sein…mir auch egal“, fiepte Pegry, „Hast du Ysil gesehen?“
„Wen?“
„Ysil…den Thanatoiker“, Pegry fl├╝sterte, wobei er sich mehrmals ├╝ber die Schulter sah.
„Ach, der“, st├Âhnte Ariona, wobei sie sich an die Schl├Ąfen fasste, „Nein, glaub‘ nicht.“
„Wann“, ihr Gegen├╝ber machte eine Pause, wie sie bei einem Stotternden vorkam, nur dass sie in seinem Fall bewusst wirkte, „hast du ihn zuletzt gesehen?“
„Keine Ahnung, Peg“, gab die Novizin zur├╝ck, „Du bist doch immer hier. Du musst es doch am besten wissen.“
„Ja, ja…ich“, der Mann starrte in die ausgl├╝hende Asche des Ofens, „Es muss schon drei Tage her sein…oder vier…f├╝nf vielleicht“, pl├Âtzlich verfiel er in eine Art verbale Raserei, „Zu lange, zu lange! Der heckt was aus, ja. Das sp├╝re ich.“
„Ich glaube, du warst einfach zu lange in diesem Loch, Peg“, entgegnete Ariona, nachdem sie erschrocken einen Satz zur├╝ck gemacht hatte.
„Nein, nein, nein…ich nicht“, zischte Pegry, bevor er aufsprang und zu Ysils verh├Ąngter Schlafnische hin├╝berschl├╝rfte.
„Du kannst doch nicht seine Sachen durchw├╝hlen, Peg! Was soll das ├╝berhaupt?“, wandte sie ein.
„Klar kann ich“, erwiderte er, wobei er den Vorhang mit einem heftigen Ruck zur Seite riss.
Als er die Schlafnische des Todesanbeters freigelegt hatte, konnte Ariona ebenfalls nicht mehr verhehlen, neugierig zu sein. Obwohl das Gemach Ysils von au├čen nicht anders aussah als ihr eigenes, trat sie n├Ąher heran, w├Ąhrend Pegry sich bereits rattenartig ├╝ber den niedrigen Holzschrank gebeugt hatte, um diesen genauer zu untersuchen. Einen Augenblick sp├Ąter riss er die oberste Schublade auf und schleuderte ihren Inhalt heraus, als w├╝rde er bei der Ber├╝hrung h├Âchsten Ekel empfinden. Es handelte sich jedoch lediglich um ein paar eher ├Ąrmliche Kleidungsst├╝cke, in denen Ariona Ysil auch schon einige Male gesehen hatte. Dem Aussehen des Stoffes zufolge scherte er sich recht wenig um die Instandhaltung seiner Kleidung.
„Ah, es ist ihm egal, wie sein Zeug aussieht. Hat wohl nicht vor, lange hier zu bleiben“, kr├Ąchzte Pegry und grabschte nach der n├Ąchsten Schublade.
„Wei├čt du, ich finde das nicht richtig…“, kommentierte Ariona, wobei sie gespannt auf den Inhalt hinabblickte, der sich ihr offenbarte.
„Die Worte des Schattens“, las der Suchende auf dem Titel eines sch├Ąbig eingebundenen Buches, „Das prophetische Werk der Todesanbeter.“
„Das hat so ziemlich jeder von denen“, wandte sie ein, „Kein Grund zur Sorge.“
„Das hier nicht. Das nicht!“, fauchte Pegry, wobei er ihr das Buch vor die F├╝├če schleuderte.
Auf den Innendeckel war mit schwarzer Tusche feins├Ąuberlich ein Zeichen gemalt, das aus zwei symmetrischen Dreiecken bestand, deren Spitzen sich ber├╝hrten, sodass sie wie eine einfache Sanduhr aussahen.
Arionas Augen weiteten sich, als sie es erblickte.
Dieses simple Symbol hatte zwei Jahrhunderte lang Tod, Hass, Gewalt und Angst verk├Ârpert: Das Siegel des Dunklen Kults.
„Das muss nichts hei├čen“, Ariona atmete langsam auf, „Vielen geben sich einfach zum Spa├č als Kultist aus…aber den Dunklen Kult gibt es nicht mehr.“
„Quatsch! Ich hab es immer gewusst, immer, immer“, rief Pegry, der bereits damit fortfuhr, akribisch Ysils Besitz zu durchw├╝hlen. Gebannt beobachtete Ariona, was er noch zu Tage f├Ârderte. Da waren Abschriften weiterer Werke der Thanatoiker, von denen einige noch zu dieser Zeit auf dem Index standen; ein paar Knochen, die Todesanbeter f├╝r gew├Âhnlich als Gl├╝cksbringer mit sich f├╝hrten; Knochenstaub, der f├╝r ihre Rituale genutzt wurde; ein Zierdolch, ebenfalls Symbol Thanatos‘; eine s├Ąuberlich verkorkte, kleine Flasche schwarzen Weins; letztlich jedoch nichts, das, in diesem Fall, ungew├Âhnlich gewesen w├Ąre.
Die letzte Schublade war jedoch verschlossen.
Ariona beobachtete Pegry, der sich die Finger bei dem Versuch wund schabte, sie aus dem Schrank zu rei├čen.
„Na, Pegry, wozu bist du ein Magier? Magier, ja!“, fauchte er sich selbst an, bevor er seine blutende Rechte mit ausgestrecktem Mittel- und Zeigefinger auf das Schloss richtete. Ein schwacher, blauer Lichtstrahl entwich seinen Fingerspitzen, traf es und lie├č den Verrieglungsmechanismus leise klicken.
Nachdem er das Schloss ge├Âffnet hatte, zog er die Schublade langsam aus dem Schrank.
Das, was er dabei ans Licht f├Ârderte, war sowohl f├╝r ihn als auch f├╝r Ariona erschreckend. Im kleinen Raum der Schublade wand sich um eine winzige Schale, die mit einer klebrigen, tief schwarzen Fl├╝ssigkeit gef├╝llt war, eine Schlange, Ariona vermutete, dass es eine Natter war. Obwohl sich ihre Haut bis zu einem Drittel des K├Ârpers aufgerollt hatte, sodass man das rohe Fleisch darunter sehen konnte, ihr Sch├Ądel stellenweise skelettiert war und ihr fleischige Ausw├╝chse entsprangen, schien sie dennoch am Leben zu sein.
„Nekromantie, eklige Nekromantie“, zischte Pegry, w├Ąhrend er in seiner rattenartigen Haltung die Schlange be├Ąugte, „Einfache Todesanbeter benutzen sie nicht, nein, nein.“, er lachte triumphierend.
„Nein, es widerspricht ihrem Glauben…der Dunkle Kult ist die einzige Glaubensform, die die Nekromantie vertritt“, stimmte Ariona betreten zu, „Verdammt, sieht so aus, als h├Ąttest du Recht gehabt, Peg. Ysil ist wohl mehr als ein gew├Âhnlicher Todesanbeter…ich frage mich nur, wie er dieses untote Exemplar erschaffen hat. Soweit ich wei├č, ist er kein Magier. Keine Nekromantie ohne magisches Talent.“
„Das, das ist Schwarzsaft, ja genau, Hexerei!“, keuchte Pegry in seiner Zischstimme, nachdem er der Fl├╝ssigkeit in der Schale gerochen hatte.
„Das kann nicht sein!“, erwiderte Ariona, bevor sie selbst an dem Sud roch. Dessen Verwesungsgestank war so intensiv, dass er sich sofort in ihre Atemwege brannte und Tr├Ąnen in ihre Augen schie├čen lie├č. Wie jeder, der auch nur ein bisschen von der Nekromantie geh├Ârt hatte, kannte sie das Hexenwerk, das sie vor Augen hatte. Schwarzsaft nannte man jenes Gift, das es vermochte, Lebewesen in willenlose, untote Kreaturen zu verwandeln.
„Die Weinflasche“, fl├╝sterte sie mit Unbehagen und diesmal war es nicht Pegry, der mit fieberhaftem Eifer etwas untersuchte, diesmal packte sie den Gegenstand, in diesem Fall die gut verkorkte Weinfalsche. Mit zittrigen H├Ąnden l├Âste sie das vergilbte Leinentuch, welches den Korken umgab, bevor sie auch diesen aus dem Flaschenhals zog. Der entweichende Geruch war so unertr├Ąglich, dass es keinen Zweifel gab: Dies war eine ganze Bouteille des nekromantischen Elixiers.
„Damit k├Ânnte man drei erwachsene M├Ąnner zu willenlosen Zombies machen“, keuchte Ariona fassungslos.
„Ja, ganz richtig, ganz richtig“, best├Ątigte Pegry, „Ysil! Er will uns alle umbringen! Alle, alle!“
„Ich werde das sofort der Wache melden.“
„Nein!“, keuchte der Novize, „Nicht der Wache, nicht der Wache! Die Wachen sind dumm und faul und ├╝berarbeitet. Sie w├╝rden nichts unternehmen, gar nichts.“
„Was schl├Ągst du dann vor, Peg? Sollen wir uns alleine mit einem Nekromanten anlegen?“, fragte Ariona, bevor sie schwer schluckte, da sie sich der Worte entsann, die Ferren am letzten Abend gesagt hatte:
Ja, so was h├Âren wir ├Âfter. Aber wir k├Ânnen nicht allem nachgehen, zumal das Gericht ├╝berlastet und das Gef├Ąngnis voll ist. Letztlich m├╝ssen sich die Leute selbst helfen.
„Ferren?“, sie sprach in Gedanken zu sich selbst, „Ja, Ferren. Er kennt mich, er k├Ânnte mir helfen, auch wenn die Wache ├╝berarbeitet ist.“
„Ich habe einen Freund bei der Wache im delionischen Viertel“, sagte sie Pegry.
„Ist er wirklich ein Freund? In dieser Stadt ist niemand dein Freund! Keine Freunde, nur Feinde!“, zischte ihr Gegen├╝ber.
„Pah, du musst ja nicht mitkommen“, erwiderte Ariona.
„Ich werde diesen Keller nicht verlassen. Nein, nie.“
„Dann erledige ich das selbst“, mit diesen Worten ergriff die Novizin die Flasche mit dem Schwarzsaft, stand auf und ging zur Treppe, um den Keller zu verlassen.
„Halt die Stellung, Peg!“, rief sie noch h├Âhnisch, w├Ąhrend sie die Stufen hinauf stieg.
Da es gerade Mittag war, kam das Verlassen des k├╝hlen Gem├Ąuers einem Hitzeschock gleich, sodass Ariona wankend und vom glei├čenden Licht geblendet auf die Stra├čen Galors trat. Dort war wenig los, weil es die meisten Bewohner der Stadt vorzogen, die Mittagsstunden ├╝ber an einem schattigen Pl├Ątzchen zu verharren. Geblendet bemerkte sie die beiden verlumpten Bettler nicht, die sie durchdringend musterten, als sie das Haus verlie├č.
Sie folgte ein paar verwinkelten Gassen bis zum Lauf des Baskats, wo sie beil├Ąufig einen Blick nach Westen warf. Dort f├╝hrten die ledrianischen Truppen, welche die Br├╝cken zum Hafenviertel besetzten, gerade einen Wachwechsel durch. Sie glaubte, Lucian de Nord irgendwo zwischen den Reihen der Soldaten auf seinem Pferd erkennen zu k├Ânnen, von wo aus er hochn├Ąsig die T├Ątigkeiten seiner Untergebenen inspizierte.
Schnell wandte sie ihren Blick ab und ging die Uferstra├če entlang in das delionische Viertel, wo sie jedoch feststellen musste, dass sie gar nicht wusste, wo Ferren genau stationiert war.
Als sie zwei delionische Soldaten auf Patrouille entdeckte, wandte sie sich an diese und bekam tats├Ąchlich eine recht genaue Beschreibung, wo sich der Wachturm befand, in dem Ferren Dienst hatte. Dummerweise war dieser ziemlich weit von ihrer jetzigen Position entfernt, sodass sie die Reise durch die engen Gassen des delionischen Viertels mit einem eher m├╝rrischen Gesichtsausdruck antrat.
Schlie├člich war sie durch so viele Stra├čen geirrt, dass sie durstig und mit der Feststellung, sich verlaufen zu haben, in den Eigenweiden des delionischen Viertel stand. Vom Strahlen der sengenden Sonne ausgelaugt, lehnte sie an einer Lehmwand, blickte in beide Richtungen der Gasse und fragte sich, ob sie tats├Ąchlich genau gleich aussahen.
Als sie pl├Âtzlich jemand ansprach, zuckte sie erschrocken zusammen, war doch zuvor niemand zu sehen gewesen. Das abrupte Auftauchen der Person erkl├Ąrte sie sich jedoch damit, dass es wahrscheinlich noch eine Seitengasse in der N├Ąhe gab, die man von ihrem Standpunkt aus nicht sehen konnte. Bei dem Neuank├Âmmling handelte es sich um einen gebr├Ąunten, athletischen, jungen Mann in einfacher Arbeiterkleidung.
„Habt Ihr Euch verlaufen, Novizin?“, fragte er, nachdem er sie h├Âflich gegr├╝├čt hatte.
„Das sieht so aus, ja“, best├Ątigte Ariona.
„Nun, ich mache Euch ein Angebot“, sagte ihr Gegen├╝ber langsam, fortw├Ąhrend mit h├Âflicher Stimme, „├ťbergebt mir die Flasche, die Ihr mit Euch f├╝hrt, und ich werde sogar die Freundlichkeit aufweisen, Euch wieder aus diesem Viertel heraus zu geleiten. Wohlbehalten, versteht sich.“
„Ihr wollt die Flasche? Wieso?“, ├Ąchzte Ariona, obwohl sie schon grob eine Ahnung hatte, was gerade vor sich ging.
„Scheinbar hat ein bisschen von Pegrys Paranoia auf mich abgef├Ąrbt“, dachte sie, w├Ąhrend sie bereits nach einem Zauber suchte, mit dem sie ihr Gegen├╝ber ├╝berw├Ąltigen konnte, „Wahrscheinlich wurde Ysils Haus ├╝berwacht. Sie haben mich mit der Flasche gesehen und sind mir bis hierher gefolgt.“
„Rein hypothetisch: Was w├╝rdet Ihr tun, w├╝rde ich Euch die Flasche nicht geben?“, fragte sie.
„Das wollt Ihr gar nicht wissen“, entgegnete der Mann.
„Das ├╝berzeugt mich nicht.“
„Nun, wenn das so ist…“, gab er zur├╝ck, wobei er seine Faust ballte.
Bevor er zuschlagen konnte, hatte sie ihn jedoch mit einem Sto├čzauber gegen die hinter ihm liegende Hauswand geschleudert. Mit einem leichten L├Ącheln betrachtete sie das Resultat ihrer Magie, um anschlie├čend davon zu eilen. Das ungute Gef├╝hl beschlich sie, beobachtet zu werden, und tats├Ąchlich erschien es ihr relativ unwahrscheinlich, dass der Angreifer alleine agierte, zumal normale Menschen Magiern im Kampf meist unterlegen waren.
Als sie sich fl├╝chtig umsah, konnte sie allerdings nichts entdecken, was letztlich dazu f├╝hrte, dass sie ihre Schritte noch beschleunigte. Dann sah sie aus dem Augenwinkel gerade noch eine Gestalt, die sich von einem niedrigen Balkon auf sie st├╝rzte, sodass sie um ein Haarbreit ausweichen konnte.
Bei ihrem Gegen├╝ber handelte es sich um eine wild aussehende Nogronerin, welche eine enganliegende Lederr├╝stung trug.
Bevor Ariona ihr einen Zauber auf den Hals hetzten konnte, hatte sie sich auch schon einen Tritt eingefangen, der sie gegen die n├Ąchste Hauswand schmetterte. Ihre Gegnerin holte nun zu einem Seitw├Ąrtsschlag aus.
Obwohl sie kaum noch atmen konnte, schaffte sie es doch, sich darunter hinweg zu ducken. Von der Wucht des Schlages mitgerissen, taumelte die K├Ąmpferin ein St├╝ck zur Seite, worauf Ariona ihr einen leichten Sto├č versetzte, der etwas Raum zwischen sie und ihre Gegnerin brachte.
Anschlie├čend schockte sie die Nogronerin mit einer Ladung elementarer Magie, was diese au├čer Gefecht setzte. Mit einem bangen Blick ├╝ber die Schulter, musste sie feststellen, dass sich der Mann, dem sie den Sto├čzauber versetzt hatte, bereits erholt hatte und in ihre Richtung sprintete. Hastig warf sie sich in eine Seitengasse und lief los. Sie musste jedoch feststellen, dass ihr Verfolger schnell aufholte.
„Was soll das?“, fragte sie sich, „Ich bin eine Magierin. Wieso laufe ich vor einem unbewaffneten Rohling davon, anstatt ihn aufzuhalten?“
Die magische Macht pochte geradezu in ihren H├Ąnden, bevor sie sich umdrehte und ihrem Verfolger einen erneuten Sto├čzauber entgegenschleuderte, der ihn frontal auf die Brust traf und einige Meter zur├╝ckschleuderte. Um ihm endg├╝ltig zu entgehen, bog sie in eine andere Gasse ein und nutzte dort eine Leiter, um auf die Flachd├Ącher der angrenzenden H├Ąuser zu gelangen.
Hier, so dachte sie, w├╝rde man sie sicherlich nicht finden.
Vom Laufen und Zauberwirken ersch├Âpft, stand sie zun├Ąchst, sich mit den H├Ąnden auf den Knien abst├╝tzend, auf dem Dach. Die Flasche Schwarzsaft, welche sie die ganze Zeit ├╝ber mitgeschleppt hatte, platzierte sie neben ihrem linken Fu├č.
Bevor sie auch nur einmal tief durchatmen konnte, traf sie pl├Âtzlich irgendetwas mit enormer Wucht frontal ins Gesicht. Ohne zu wissen, was sie da erwischt hatte, geschweige denn wo es hergekommen war, taumelte sie zur├╝ck und musste gleich noch einen Treffer ├Ąhnlicher H├Ąrte in die Magengegend einstecken, der sie einsacken lie├č. Panisch schlug sie um sich, konnte sie doch nicht erkennen, was sie angriff, weshalb sie der Attacke - und sie war sich sicher, dass es eine solche war - vollkommen wehrlos gegen├╝ber stand.
Dann glaubte sie, vor sich eine Art Verzerrung zu erkennen, so wie sie von hei├čer Luft beim Aufsteigen erzeugt wurde. Als sie genauer hinsah entdeckte, sie dass auch irgendetwas mit der Lichtreflektion nicht stimmte. Etwas Unwirkliches befand vor ihr, wie eine Fata Morgana, und mit einem Mal wusste sie, welcher Hexerei sie gegen├╝berstand.
Wer auch immer sie angriff, trug einen Tarnanzug, was Ariona umso mehr verwunderte, weil diese ebenso selten wie teuer waren. Bei ihnen handelte es sich um Ganzk├Ârperr├╝stungen aus leichtem, d├╝nnem und meist enganliegendem Stoff, der so verhext worden war, dass er seinem Tr├Ąger ann├Ąhernde Unsichtbarkeit gew├Ąhrte. Allerdings hatten die meisten Tarnanz├╝ge gravierende M├Ąngel, weshalb die Tatsache, dass sie ihren Angreifer nicht hatte erkennen k├Ânnen, auf ein ├Ąu├čerst qualitatives Exemplar hindeutete.
Nun, da sie wusste, wo ihr Gegen├╝ber in etwa stand, konnte sie ihm zumindest eine Ladung elementarer Magie in Form eines Feuerballs entgegenwerfen. Die Verzerrung breitete sich aus, was daf├╝r sprach, dass der Feind versuchte, auszuweichen. Ariona sprang sofort wieder auf und trat in die Gegend, wo sie den Angreifer vermutete.
Als sie traf, musste sie sich eingestehen, dass es merkw├╝rdig war, gegen einen nicht sichtbaren Widerstand zu treten. Zugleich wurden die Verzerrungen mit jedem Treffer st├Ąrker, bis der Getarnte schlie├člich ihren Fu├č zu packen bekam und sie von sich wegstie├č. Sie taumelte zur├╝ck und steckte, bevor sie ihr Gegen├╝ber erneut entdecken konnte, einen, wohl schlecht gezielten, Faustschlag in die Schultergegend ein. Dieser reichte jedoch, um sie kurz aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Dann geschah alles schneller, als sie es ├╝berhaupt wahrnehmen konnte. Ein stechender Schmerz in der Kniekehle, ihr linkes Bein gab nach, der Boden kam rasant schnell n├Ąher, irgendwie schaffte sie es, sich abzurollen, lag auf dem R├╝cken, sp├╝rte ein Paar kr├Ąftiger, kalter H├Ąnde an ihrer Kehle, wurde gew├╝rgt, versuchte, zu schreien, schlug panisch um sich. Entmutigt stellte sie fest, dass der Angreifer von den Schl├Ągen, die sie ihm verpasste, reichlich wenig beeindruckt war.
Langsam legte sich ein gr├Ąulicher Schleier ├╝ber ihre Augen, ihre Glieder wurden schwerer, der grauenhafte Druck an ihrer Kehle nahm zu und der Gedanken, irgendetwas tun zu m├╝ssen, brannte sich j├Ąh in ihren Sch├Ądel. Ihre Magie konnte ihr nicht helfen, denn ein jeder Zauber h├Ątte in diesem Zustand daf├╝r gesorgt, dass sie vor Ersch├Âpfung sofort in Ohnmacht gefallen w├Ąre.
Als sie ihre Hand nach einem weiteren erfolglosen Schlag zu Boden sinken lie├č, stie├č sie gegen die Schwarzsaft Flasche. Mit letzter Kraft packte sie das Gef├Ą├č und schmetterte es ihrem Peiniger in die Seite, doch entgegen all ihrer Hoffnungen brach die Flasche nicht, hielt stand.
Die Schw├Ąrze legte sich bereits sanft ├╝ber ihre Augen, doch ein letztes Mal brachte sie die Kraft auf, zuzuschlagen. Die Flasche prallte gegen die Rippen ihres unsichtbaren Feindes, das Glas brach, ein gellender Schrei ert├Ânte.
Instinktiv rollte sie sich zur Seite und rang, nun da sie von dem eisernen Griff um ihre Kehle befreit war, panisch nach Atem. Wie durch schwache Linsen nahm sie ihre Welt wahr. Das Blut pochte so kr├Ąftig in ihren Ohren, dass sie nichts mehr h├Âren konnte. Vor ihr taumelte, wand sich eine geschw├Ąrzte Gestalt, die geradezu qualmte.
Als ihr Blick sch├Ąrfer wurde, erkannte sie das Unheil, das sie angerichtet hatte:
Der Schwarzsaft hatte sich an etlichen Stellen durch den Tarnanzug des Angreifers gefressen und sich anschlie├čend einen Weg weiter in dessen K├Ârper gebahnt. Markersch├╝tternd schrie er, w├Ąhrend sich das nekrotische Elixier durch sein Fleisch brannte, bis er schlie├člich, r├╝ckw├Ąrts wankend, die Kante des Daches erreicht hatte, die er hinunter st├╝rzte.
Da Arionas Geh├Âr sich wieder erholt hatte, nahm sie die vielen Stimmen wahr, die pl├Âtzlich von der Stra├če herauf zum Dach schallten. Offensichtlich hatten die Schreie des Getarnten all jene aus ihren Verstecken gelockt, die vor der Mittagssonne Zuflucht gesucht hatten.
„Vom Dach gefallen“, h├Ârte sie.
„Sieht schlimm aus.“
„Nekromanten!“
„Schwarzsaft!“
„Da hoch! Wir m├╝ssen nachsehen!“
„Ich leg mich doch nicht mit einem Totenbeschw├Ârer an.“
„Wachen! Wachen!“
Dann setzten sich viele F├╝├če in Bewegung, und bevor sie auch nur an Flucht denken konnte, hatten die ersten Bewohner Galors das Dach erreicht. Kaum hatte sie sich versehen, war sie von etlichen M├Ąnnern und Frauen eingeschlossen.
„Die soll eine Nekromantin sein? Na ich wei├č nicht“, zweifelte ein dicklicher, junger Mann.
„Schnauze, Torben!“, blaffte sein geierartiger Nachbar, „Hast du schon mal einen gesehen? Einen Nekromanten? H├Ą?“
„Das ist bestimmt ein neuer Trick. Sie sieht harmlos aus, aber sie hat ein schwarzes Herz. Das rieche ich“, rief ein ├Ąlterer Mann.
„Sie hat diesen Kerl mit Schwarzsaft erledigt!“, klagte eine fettleibige Frau.
„Nein, ich…ich“, stotterte Ariona, nur um festzustellen, dass sie zum Sprechen viel zu ersch├Âpft war.
„Ruhe!“, befahl jemand, kurz bevor sich einige Soldaten in delionischen Wappenr├Âcken ihren Weg durch die Menge bahnten. Ihnen stand ein ├Ąlterer, aber r├╝stiger Offizier vor, der seine grauen Haare kurz trug und dessen k├Ârperbetonte Lederr├╝stung verriet, dass er noch einiges an Muskelmasse besa├č.
„Ist diese Novizin f├╝r den Angriff verantwortlich?“, erkundigte er sich.
„Ja, ich habe gesehen, wie sie den Kerl mit Schwarzsaft attackiert hat“, sagte jemand, und als Ariona sich zum Sprecher umwandte, erkannte sie die wild aussehende Nogronerin, gegen die sie vor kurzem gek├Ąmpft hatte.
„Sie…“, keuchte die Novizin, doch der Offizier schien sie nicht zu beachten.
„Noch jemand?“, fragte er, worauf sich pl├Âtzlich etliche Leute etwas zu Wort meldeten. Erstickt im Schwall der Worte, gebannt in den Fesseln der Ersch├Âpfung lie├č sie die Schultern sinken, bevor man sie grob abf├╝hrte.

Marquis de Nord sa├č bei reichhaltigem Buffet an einem Tropenholztisch auf der gro├čen, steinernen und reichlich begr├╝nten Dachterrasse der ledrianischen Botschaft.
W├Ąhrend er speiste, stand Herzog Montierre, ihm den R├╝cken zuwendend, an der Br├╝stung und blickte auf die Stadt hinaus. In die Ferne starrend, dachte er dar├╝ber nach, welche Meinung die Prinzessin Filiana, das dritte Ratsmitglied, wohl ├╝ber die Besetzung des Hafens haben w├╝rde. Der Grund f├╝r diese ├ťberlegungen war ihre dringende Anfrage um eine Audienz, die er jedoch bereits viel fr├╝her erwartet hatte.
De Nord verleibte sich gerade eine Schnitte mit serpendrianischem Kaviar ein, als Montierre sich zum ihm umdrehte und das Wort erhob:
„Lucian, ich muss dich um etwas bitten.“
„Hm?“, der Marquis verschluckte sich ├╝berrascht an seinem letzten Bissen, hustete kurz und fuhr dann fort, „Was gibt es denn?“
„Verzeih, aber ich w├╝rde es sehr begr├╝├čen, wenn du an meiner statt mit der Prinzessin sprechen w├╝rdest.“
„Was sollte das bezwecken?“, fragte de Nord beil├Ąufig, w├Ąhrend er mehr Kaviar auf sein Baguette schaufelte.
„Nun, du wei├čt, was ich f├╝r sie empfinde. Ich f├╝rchte einfach, dass ich…dass ich meine Interessen ihr gegen├╝ber nicht geb├╝hrend vertreten kann.“
„Du meinst wohl unsere Interessen“, korrigierte de Nord, nachdem er einen Schluck Wein genommen hatte.
„Gut, ich sprach von unseren Zielen“, fuhr der Herzog fort, „W├╝rdest du also mit Ihr sprechen?“
„Ich f├╝rchte, ich verstehe dein Problem nicht.“
„Nun, es ist nur so, dass unsere politischen Ziele Filiana nicht gefallen werden und das wiederum gef├Ąllt mir nicht“, erkl├Ąrte der Herzog, „Sagen wir mal, ich bin mir nicht sicher, ob ich stark genug bin, meinen Kurs auch ihr gegen├╝ber zu vertreten.“
„Du…du w├╝rdest Gottes Wort verraten f├╝r…ein erb├Ąrmliches Gef├╝hl?“, ├Ąchzte Lucian, „Wir sind in Galor, am Ende der Zeit, am Ende der Welt. Wir werden hier niemals lebend raus kommen, Jean, und du, du denkst an…Liebe?“
„Ich wei├č“, seufzte Montierre, „es ist verwerflich…“
„Gut erkannt“, lobte de Nord, „Zumal du der Herr eines kargen, verarmten Landstriches bist, w├Ąhrend durch ihre Adern k├Ânigliches Blut flie├čt.“
„Ja, du hast Recht, es ist nur…“, stotterte der Herzog, bevor sein Gegen├╝ber ihn unterbrach:
„Jean, wir werden sterben. Unsere Seelen und unsere Ehre sind alles, was wir noch besitzen, was wir noch retten k├Ânnen. Sollte es deine Intention sein, das wenige, das du noch hast, so kurz vor deinem Tod wirklich wegzuwerfen?“
„Nein. Das will ich wahrlich nicht. Und genau aus diesem Grund bitte ich dich darum, mit ihr zu reden.“
„Du wei├čt, wer ich einst war und wie ich dieses unterw├╝rfige Gehabe verachte, das ich ihr gegen├╝ber an den Tag legen muss?“, fluchte de Nord.
„Lucian…“, fl├╝sterte der Herzog, „Ich denke, du solltest langsam akzeptieren, dass die Zeiten, da man dich noch mit „Eure Hoheit“ ansprach, vorbei sind.“
„Nur, weil ich einen anderen Namen und einen anderen Titel trage, hei├čt das nicht…“, begann der Marquis, bevor der Herzog ihn unterbrach:
„Ich f├╝rchte schon. Im ├ťbrigen: Solltest du etwa f├╝r den Willen Gottes nicht auf deinen Hochmut verzichten wollen?“
„Nun, offensichtlich verlangt dieser, dass ich mit der gesch├Ątzten Prinzessin spreche“, zischte Lucian, w├Ąhrend er mit seinem halbvollen Weinglas gestikulierte, „Wer w├Ąre ich, w├╝rde ich mich dem widersetzen, dem einzigen, dem ich diene? Ich werde also mit ihr sprechen, mein Freund.“

Tats├Ąchlich wartete Lucian nicht allzu lange auf die Prinzessin, die er im Beratungssaal zu empfangen gedachte.
Etwa eine halbe Stunde, nachdem er den Herzog verlassen hatte, schwebte sie in ihrem langen, k├Ânigsblauen Kleid geradezu in den Saal. Im leichten Wind, der durch die Halle wehte, umspielte der seidige Stoff jede Kurve der gerade neunzehnj├Ąhrigen Hochadligen wie flie├čendes Wasser. Ihrer hellen, zarten Haut war die Sanftheit f├Ârmlich anzusehen, viel mehr noch schien sie aus sich selbst heraus zu strahlen, und ein jedes ihrer kupferroten Haare gl├Ąnzte im Licht der einfallenden Sonne.
De Nord blinzelte.
Das einzige, was sie mit ihm gemeinsam hatte, war die gr├╝ne Farbe ihrer Augen, doch w├Ąhrend seine wie immer zu sichelf├Ârmigen Schlitzen verengt waren, hatten ihre eine klare, mandelartige Form. Als sie ihn erkannt hatte, weiteten sich diese ├╝berrascht.
„Seid gegr├╝├čt…Marquis“, sagte sie, w├Ąhrend er sich vom Tisch erhob, um sie zu begr├╝├čen.
„Ihr ebenfalls, Eure Hoheit“, gab er unter einer angedeuteten Verbeugung zur├╝ck, „Ich nehme an, Ihr hattet den Herzog erwartet?“
„Ich muss wohl gestehen, dass dem so ist“, erkl├Ąrte sie, w├Ąhrend sie auf einem der bequem gepolsterten St├╝hle Platz nahm. De Nord setzte sich auf die ihr gegen├╝berliegende Seite.
„Ihr k├Ânnt versichert sein, dass ich die Interessen des Herzogs in seinem Willen vertrete“, versicherte er.
„Ja…ja, das glaube ich Euch aufs Wort“, sie l├Ąchelte.
„Oh, ich f├╝hle mich geehrt“, gab Lucian zur├╝ck, w├Ąhrend er eine Zigarette entz├╝ndete und sich anschlie├čend ein Glas roten Weins aus einer Kristallkaraffe einschenkte, „Ich scheine wahrlich meine Manieren vergessen zu haben. Verzeiht, ich h├Ątte Euch nat├╝rlich zuerst fragen sollen, ob ich Euch etwas anbieten...darf.“
„Nein, danke, f├╝r mich nichts, Marquis.“
„Dann ist meine Ehre ja gerettet“, lachte de Nord, worauf er einen Schluck von seinem Wein nahm, „Nun, ich nehme an, Ihr seid nicht grundlos hier?“
„Ja, das ist wahr…“, begann Filiana langsam, „Ich wei├č gar nicht, wo ich anfangen soll. Ihr habt den Hafen besetzt. Ist das wahr? Und Farruk droht mit einem Gegenschlag?“
„Nun, das trifft die Lage in der Tat ziemlich gut“, best├Ątigte Lucian gelassen.
„Es ist…soweit h├Ątte es gar nicht…“, stotterte sie und der Marquis glaubte, eine Tr├Ąne ├╝ber ihre Wange flie├čen zu sehen, „Verzeiht, das ist alles ein wenig viel f├╝r mich.“
„Verst├Ąndlich, Eure Hoheit. Der Krieg setzt den meisten ziemlich zu.“
„Es ist nur; ich hatte immer gedacht, der Feind w├Ąre da drau├čen, aber jetzt fangen wir hier schon fast an, uns gegenseitig die K├Âpfe einzuschlagen.“
„Ich sch├Ątze, wenn es Farruks Kopf ist, der dabei eingeschlagen wird, sind wir danach besser dran“, scherzte de Nord.
„Dazu darf es nicht kommen. Ich will nur nicht, dass wegen einer so banalen Sache ein Krieg innerhalb unserer eigenen Mauern ausbricht“, schluchzte Filiana.
„Die Ehre ist keinesfalls banal, Eure Hoheit“, entgegnete de Nord, „Sie lie├č uns, auch wenn wir es nicht gerne taten, keine andere Wahl, als den Weg der Konfrontation zu gehen, und sie bedingt auch, dass unser Standpunkt nicht verhandelbar ist.“
„Ist es Euer Standpunkt, der nicht verhandelbar ist, oder auch der des Herzogs?“, erkundigte sich die Prinzessin.
„Meine Worte w├Ąren auch die des Herzogs“, versicherte de Nord.
„Das Problem ist, eigentlich teile ich Eure Ansichten. Farruks Feigheit ist widerlich, und selbst wenn ich sterben m├╝sste, ich bliebe hier, um die Wehrlosen zu retten“, beteuerte Filiana, bevor ihre Stimme in eine leidliche, nicht anklagende Tonlage rutschte, „Aber ihr nutzt Wege, die ich f├╝r…f├╝r ebenso falsch halte. Wir d├╝rfen es nicht zum Kampf unter den acht Nationen kommen lassen, selbst wenn wir Farruk und alle Feiglinge daf├╝r gehen lassen m├╝ssen. Es ist doch unsere Pflicht, diese Stadt gemeinsam zu verteidigen, oder?“
„Ja, das ist wahr, Eure Hoheit“, best├Ątigte de Nord, „Doch ich f├╝rchte, uns w├╝rden wenige folgen, wenn sie den gleichen Ausweg h├Ątten wie Farruk, zumal nach dem Fall Galors niemand mehr von ihrer Ehrlosigkeit berichten k├Ânnte.“
„Ihr glaubt also, dass Galor fallen wird?“
„Seht sie Euch doch an, die ehrlosen, stinkenden Narren, voller Schw├Ąche, welche lieber r├Ąudig davonlaufen, als stolz zu sterben“, fluchte Lucian, „Mit ihnen kann man keine Stadt verteidigen.“
„Dann lasst sie gehen und wir verteidigen diese Stadt ohne sie!“, schlug die Prinzessin vor.
„Tut mir leid, Eure Hoheit, doch wir sind nicht bereit, eine solche Ungerechtigkeit walten zu lassen. Wir sind nicht bereit, diese ruchlosen Hunde gew├Ąhren lassen. Unsere Ehre werden wir bewahren.“
„Ihr…Ihr wollt Euch also lieber mit Farruks M├Ąnnern bekriegen, als sie gehen zu lassen.“
„Eure Hoheit, h├Ârt mir zu: Kein Ledrianer oder Serpendrianer in Galor will gegen seine eigenen Verb├╝ndeten k├Ąmpfen. Aber wir werden bis zum ├äu├čersten gehen, um Farruk dazu zu zwingen, seine verabscheuungsw├╝rdigen Pl├Ąne zu Gunsten der Ehre beizulegen.“
„Und Farruk w├╝rde genauso weit gehen, um sein Leben zu retten, f├╝rchte ich. Seht doch nur: Ihr alle steuert geradewegs auf das Verderben zu!“, warnte Filiana.
„Das Verderben?“, Lucian lachte hoch, nachdem er einen weiteren Schluck Wein genommen hatte, „Einige versuchen immer noch, davor wegzulaufen, andere verzweifeln, manche wollen es nicht wahr haben, viele ertr├Ąnken es im Alkohol oder lassen es im Rauch des Tabaks verblassen, wenige k├╝mmern sich darum, Dinge zu retten, die wichtiger sind als das Leben selbst, aber letztlich wissen sie es alle: Ihr Tod ist schon beschlossen.“
„Ihr sagt es so ruhig, als w├╝rde es Euch gar nicht k├╝mmern.“
„Auf mich wartete nie verwelkender Ruhm“, prophezeite de Nord.
„Ihr wollt also der Ehre wegen untergehen?“, fragte Filiana mit geweiteten Augen.
„Nicht wegen ihr, aber mit ihr“, versicherte Lucian.
„Und damit Ihr sie vor Eurem Tod nicht verliert, werdet Ihr Farruk nicht gew├Ąhren lassen?“
„Ich sehe, Ihr habt es begriffen“, lobte der Marquis.
„Das kann ich nicht zulassen“, sagte die Prinzessin langsam, wobei sie den Kopf sch├╝ttelte, „Sagt dem Herzog, dass ich im Rat f├╝r Farruks Position stimmen werde. Wenn das die einzige M├Âglichkeit ist, ein Blutvergie├čen zu vermeiden, dann…dann muss ich ihn gehen lassen.“
„Verzeiht, Prinzessin, aber ich f├╝rchte, Eure Wahl wird nichts ver├Ąndern“, entgegnete Lucian h├Âflich, „Wir werden Farruk gegen kein Urteil der Welt gehen lassen, weshalb auch das Wort des Rates in diesem Fall kein Gewicht mehr hat.“
„Dann…habe ich hier nichts mehr zu sagen“, schluchzte Filiana, bevor sie sich erhob, „Ich danke Euch f├╝r das Gespr├Ąch, Marquis de Nord, m├Âge Iurion ├╝ber Euch wachen.“
„Der Herr schert sich nicht um die Angelegenheiten des Diesseits. Doch ich bete daf├╝r, dass er auch Eurer Seele im Jenseits gn├Ądig ist“, verabschiedete de Nord.
„Freut mich, dass ich helfen konnte“, f├╝gte er unh├Ârbar hinzu, als die Prinzessin bereits den Raum verlie├č.

Ariona sah sich um, w├Ąhrend sie dem Gebr├╝ll des Hauptmanns schon gar nicht mehr zuh├Ârte.
Sie befand sich in einer tristen Kerkerzelle unterhalb eines delionischen Wachturms, in der es so feucht war, dass das Wasser mit der Monotonie eines Uhrwerks auf den Boden tropfte. Die W├Ąnde in ihrem modrigen, dunklen Blaugrau hatten, wie es ihr vorkam, die unsch├Âne Angewohnheit, jedes Mal ein St├╝ck n├Ąher zu r├╝cken, wenn sie gerade nicht hin sah. Unweigerlich fragte sie ich, ob dies noch dieselbe Zelle war, in die man sie vor ├╝ber einer Stunde gesteckt hatte.
„Woher hattet Ihr den Schwarzsaft?“, bellte der Hauptmann sie an.
„Das sagte ich doch bereits“, murmelte sie, wobei sie versuchte, energisch zu klingen, was ihr aber nicht gelang. Entgegen ihrer Hoffnungen hatte sie sich n├Ąmlich in der vergangenen Stunde kein bisschen von den Strapazen der K├Ąmpfe erholt, die hinter ihr lagen, „Mein Zimmergenosse Pegry fand sie, als er die Schlafnische seines Mitbewohners Ysil durchsuchte.“
„Euer Freund st├Âbert also in den Sachen anderer Leute rum?“, erkundigte sich ihr Gegen├╝ber.
„Seit er vor den Orks fliehen musste, ist er ein wenig paranoid.“
„So, so“, der Befrager lachte sp├Âttisch, „Und dann seid Ihr mit dem Schwarzsaft zun├Ąchst ins delionische Viertel gerannt, anstatt ihn gleich der Wache im iskatischen Distrikt zu ├╝bergeben.“
„Ich kenne jemanden bei der delionischen Wache. Leutnant Ferren, wie ich es Euch schon drei Mal gesagt habe. Ich w├╝rde gerne mit ihm sprechen.“
„Seht, Leutnant Ferren ist ein anst├Ąndiger delionischer Staatsb├╝rger. Er l├Ąsst sich nicht mit Todesanbetern ein.“
„Ich bin kein Todesanbeter!“, fauchte Ariona.
„Nat├╝rlich nicht“, der Hauptmann grinste schelmisch, was auf seinem altersfaltigen Gesicht einen allzu merkw├╝rdigen Ausdruck verlieh, „Ich frage Euch noch einmal: Was wolltet Ihr mit dem Schwarzsaft im delionischen Viertel?“
„Wollt Ihr mir eigentlich nicht zuh├Âren? Ich wollte ihn bei Leutnant Ferren abliefern, verdammt!“
„Abliefern? Wollt Ihr etwa behaupten, der Leutnant sei, Euer Komplize?“
„Das habe ich nicht…Ihr seid doch…das ist absurd!“, schrie sie.
„Das ist es wirklich“, pflichtete jemand von au├čerhalb der Zelle bei, worauf sie sofort einen Blick auf die rostbraune Gittert├╝r warf.
Im ged├Ąmpften Licht des Kerkers brauchte sie mehr als einen Blick, um zu erkennen, dass es sich bei der Gestalt hinter den korrodierten St├Ąben um Ferren handelte.
„Leutnant!“, blaffte der Hauptmann, „Warum unterbrecht Ihr mich bei einem Verh├Âr?“
„Ich h├Ârte, dass sie wegen Verdacht auf Anwendung von Schwarzmagie gefangen genommen wurde, und dachte, sie k├Ânnte vielleicht meine Hilfe brauchen.“
„Was macht dich so sicher, dass sie keine Nekromantin ist?“
„Ich kenne sie, Blaek. Hab sie vor zwei Monaten zum ersten Mal am Strand getroffen“, log Ferren.
„So…“, murmelte der Hauptmann, „Trotzdem, so lange es keine Beweise gibt, bleibt sie hier. Es gibt mehrere Zeugen, die gesehen haben, wie sie einen B├╝rger Galors mit einer Flasche Schwarzsaft attackiert hat.“
„Dieser B├╝rger trug einen Tarnanzug und hat versucht, mich umzubringen, um an die Flasche zu kommen!“, maulte Ariona.
„Ruhe, Gefangene!“, bellte Blaek, „Sch├Ân, Ferren, du bist ├╝ber den Fall informiert?“
„Ja.“
„Gut, wenn du deiner Freundin also helfen willst, dann such diesen Pegry! Wir brauchen seine Aussage.“
„Klar, mach ich“, gab der Leutnant zur├╝ck, worauf er sich bereits zum Gehen wandte.
„Halt nicht so schnell“, unterbrach der Hauptmann, „Du bist in dieser Sache befangen. Nimm also Raham mit. Der kann auf dich aufpassen.“
Ferren nickte, bevor er endg├╝ltig abzog.
Ariona blickte ihm mit m├╝den, aber weit aufgerissenen Augen hinterher.
Im Hauptraum des Wachturms oberhalb des Kerkers traf Ferren auf Leutnant Raham, der die Statur einer Vogelscheuche besa├č, zu der die schulterlangen, blonden Haare, welche schwarze Str├Ąhnen durchsetzten, jedoch vollkommen unpassend wirkten. Mit wenigen Worten besprachen sie, was nun zu tun war, bevor sie sich beide in Bewegung setzten.
W├Ąhrend sie auf dem Weg zu der Kellerwohnung waren, fragte Ferren sich, wieso er Ariona ├╝berhaupt half. Auch kam es ihm pl├Âtzlich enorm merkw├╝rdig vor, dass er Blaek einfach so belogen hatte, dass er sich nun f├╝r jemanden einsetzte, den er erst seit einem Tag kannte. Er erinnerte sich daran, dass sein Handeln eher einem Instinkt entsprungen war. Es war nicht bewusst gewesen, viel mehr hatte er geradezu mechanisch reagiert, ohne dass sein eigener Wille ├╝berhaupt Spielraum gehabt h├Ątte.
Mit einem leichten Z├Ąhneknirschen hob er seinen Blick auf den blauen Himmel und beschleunigte seine Schritte.
Die Uferstra├če war lang.

Pegry hockte im Halbdunkeln des Kellers verborgen hinter dem Vorhang einer Schlafnische, von wo aus er durch ein kleines Loch im Stoff in den Hauptraum sp├Ąhte. Dort stritten gerade zwei seiner Mitbewohner, die Zicke und der Choleriker, lauthals am Feuer, ohne zu wissen, dass er ├╝berhaupt anwesend war.
Dass Ariona seit ├╝ber zwei Stunden nicht zur├╝ckgekehrt war, hatte ein ungutes Gef├╝hl in ihm aufkommen lassen, dass ihn geradezu gezwungen hatte, sich in einer der Schlafnischen zu verstecken.
„Schwachsinn, Ilar!“, kreischte die Frau, „Ich habe den Ofen nicht ├╝ber die Nacht angelassen.“
„Schnauze, Zoe!“, blaffte ihr Gegen├╝ber, „So dumm ist hier doch sonst keiner.“
„Du kannst mich mal, Ilar!“
„Im Leben nicht! Ich sag dir was: Wenn der Ofen bei dieser Affenhitze noch einmal nachts an sein sollte, verfeuere ich deinen Arm, um mir mein n├Ąchstes Fr├╝hst├╝ck zu kochen!“
„Ich verfeuere gleich…“, begann Zoe, bevor laute Schritte auf der steinernen Treppe ert├Ânten, deren Frequenz auf das Eintreffen mehrerer Personen schlie├čen lie├č. Pegry hielt den Atem an, w├Ąhrend vier M├Ąnner den Keller betraten.
Als er ihren Vorsteher erkannte, wurde aus der b├Âsen Vorahnung bittere Gewissheit. Der grobschl├Ąchtige, breitschultrige Rohling war zweifelsohne Ysil, dessen verfinsterter Gesichtsausdruck nichts Gutes verhie├č.
Nachdem er sich kurz unter hektischen Kopfbewegungen umgesehen hatte, wandte er sich an die beiden Streith├Ąhne, die mit seinem Eintreffen v├Âllig verstummt waren.
„Habt ihr Pegry gesehen?“
„Verpiss dich!“, blaffte Ilar, „Und geh jemand anderem auf die Nerven!“
„Du hast echt ein Problem, Ilar“, stichelte Zoe, bevor sie sich an Ysil wandte, „Pegry? Ne, den hab ich nicht gesehen. Komisch eigentlich, der ist doch sonst immer hier.“
„Das ist wahr“, brummte Ysil, dessen Blick mittlerweile auf seine Schlafnische gefallen war, aus der immer noch die verw├╝steten Schubladen herausquollen.
„War einer von euch an meinen Sachen?“, fragte er mit dunkler Stimme.
„Ich pack deinen stinkenden Schei├č nicht an!“, Pegry musste nicht einmal hinsehen, um zu wissen, wer soeben gesprochen hatte.
„Ich garantiert auch nicht“, versicherte Zoe, „Vielleicht war’s Peg. Hat dir nicht getraut, oder so.“
„Ja, Peg, diese kleine Ratte“, zischte Ysil diabolisch, bevor er mit einem gewaltigen Satz auf Pegrys Schlafnische zust├╝rmte und deren Vorhang zur Seite riss.
Doch die Nische war leer.
„Wo versteckt sich dieser Hund?“, murmelte er, wobei er sich erneut umsah, w├Ąhrend seine drei Schergen sich den ├╝brigen Schlafnischen n├Ąherten.
„Ich versteh ja, dass du sauer bist, wegen dem da“, Zoe deutete auf Ysils verw├╝stete Schlafnische, „Aber kein Grund hier so die Welle zu machen.“
„Ihr geht mir alle gewaltig auf die Nerven, nogronisches Gaunerpack! Ich hau ab“, zischte Ilar, bevor er sich zur Treppe begab, wobei Ysil ihm finster hinterher blickte.
„Durchsucht die restlichen Nischen, los!“, befahl er, worauf seine Untergebenen sofort gehorchten.
„Hey!“, protestierte Zoe, als einer der drei den Vorhang vor ihrem Bett beinah abriss, „Lasst mein Zeug in Ruhe!“
„Klappe halten!“, schnauzte Ysil.
Pegry hatte das Gl├╝ck gehabt, sich in der Nische zu befinden, in der Ysils Lakaien noch nicht nachgesehen hatten. Gl├╝ck konnte man es jedoch auf den zweiten Blick nicht mehr nennen, da sie nun gemeinsam auf sein Versteck zukamen, um ihn zu enttarnen.
Bevor sie den Vorhang jedoch erreicht hatten, sprang er selbst heraus, was zur Folge hatte, dass die drei M├Ąnner erst einmal stehen blieben.
„Da kommt die Ratte aus ihrem Loch“, lachte Ysil, der immer noch neben Zoe stand.
„Ah, Ysil“, fiepte Pegry leise, um anschlie├čend die Lautst├Ąrke seiner Stimme zu vervierfachen: „Nekromant!“
„Was soll das, Peg?“, bellte sein Gegen├╝ber, worauf er sich an Zoe wandte.
„Du musst mir glauben, glauben, ja. Er ist ein Nekromant, Hexer, dunkler! Da sieh in die Schublade! Unheiliges Werk da drin, ja“, er deutete auf eine der herausgerissenen Schubladen.
„Ysil…“, begann Zoe, die jedoch nicht weiter kam, da sich ein kr├Ąftiges Paar H├Ąnde um ihren zierlichen Hals geschlossen hatte und ihr Genick wie eine Scheibe Zwieback brach.
„Und nun zu dir…“, fl├╝sterte Ysil mit einem breiten Grinsen auf den dicken Lippen, w├Ąhrend Zoes lebloser K├Ârper vor seinen F├╝├čen zu Boden sank.
„Ich werde dir gar nichts sagen, nichts, nein!“, schrie Pegry, w├Ąhrend er sich in eine Art Abwehrhaltung brachte. Ysil jedoch lachte nur h├Âhnisch, worauf er seinen Lakaien mit einem Handwink befahl, Pegry zu packen. Das brachte den paranoiden Novizen jedoch dazu, vollkommen, die Kontrolle zu verlieren.
Ohne irgendein Ziel zu haben, feuerte er in atemberaubender Geschwindigkeit diverse Zauber in den Raum, welche in einem wahren Feuerwerk von Lichtstrahlen explodierten. Obwohl er gar nicht bewusst zielen konnte, wurden seine Feinde zun├Ąchst von der schieren Flut der Magie ├╝berw├Ąltigt. Einer der Schergen wurde gar g├Ąnzlich erledigt, da ihn zuerst ein Sto├čzauber gegen die n├Ąchste Wand und anschlie├čend ein Feuerball ins Jenseits bef├Ârdert hatte. Die anderen kamen mit einigen Blessuren davon, was haupts├Ąchlich daran lag, dass der magische Sturm nicht allzu lange anhielt, da Pegry bald zu ersch├Âpft war, um weitere Zauber zu wirken.
Nachdem sich Ysil und seine zwei verbleibenden Begleiter wieder erholt hatte, wurde er an beiden Armen gepackt und wehrlos an die Wand gedr├╝ckt, wo Ysil sich vor ihm aufb├Ąumte.
„So, das war ja ganz lustig“, knurrte er, der selbst eine Platzwunde auf der massigen Stirn hatte, „Aber jetzt wird es ernst.“
Auf diese Worte packten die beiden Lakaien fester und nur einen Augenblick sp├Ąter schmetterte Ysil seine Faust in die Magengegend des Novizen. Dieser wollte sich nach vorne beugen, doch die H├Ąnde seiner Peiniger hielten ihn in eisernem Griff. Sein ganzer K├Ârper kr├╝mmte sich vor Schmerz und Galle stieg in seinen Rachen hinauf.
„Sag mir, wer wei├č noch davon!“, blaffte Ysil.
„Wovon?“, ├Ąchzte Pegry.
Ein weiterer Schlag ersch├╝tterte seine Nierengegend, doch dieser schien seinem Peiniger nicht zu reichen, denn die Linke traf ihn ein zweites Mal in den Magen. Galle und Blut sprudelten in seinen Mund. Er versuchte, sich aus dem Griff zu rei├čen, aber seine Bem├╝hungen waren fruchtlos.
„Nein, nein!“, fiepte er.
„Ich frage noch einmal“, Ysil klang geradezu gelassen, „Wer wei├č noch davon?“
„Diese Novizin…Ariona“, heulte Pegry.
„Und sonst?“
„Niemand.“
Und erneut pr├╝gelten die massigen F├Ąuste auf ihn ein, brachen seine Rippen, lie├čen seine Organe zerrei├čen. Der Schmerz war unertr├Ąglich, aber er war nicht f├Ąhig sich einen Zentimeter zu r├╝hren, nicht einmal Schreien konnte, da das Blut seine Kehle f├╝llte.
Als Ysil seinen Schlaghagel beendet hatte, gab er seinen Lakaien mit einem Handwink, das Zeichen Pegry loszulassen, worauf dieser wie ein Sandsack auf den Boden klatschte. Der Thanatoiker beugte sich ├╝ber ihn und zog den schlaffen Kopf des Gepeinigten an dessen Haaren zu seinem Gesicht heran.
„Sonst wei├č also wirklich niemand davon?“
„Nei…Nein“, ├Ąchzte Pegry, w├Ąhrend das Blut weiter aus seinem Mund sickerte.
„Schade“, lachte sein Peiniger, worauf er den Novizen mit einem Tritt auf den R├╝cken g├Ąnzlich zu Boden schmetterte.
„Na los!“, rief er seinen Schergen zu, „Zieht in wieder hoch!“
Und als man Pegry, der nicht einmal mehr selbstst├Ąndig stehen konnte, wieder an die Wand gepresst hatte, lachte Ysil diabolisch und zischte: „So mal sehen, wie lange du durchh├Ąltst.“
„Nein…bitte, nein, ich…“, heulte der Novize, bevor er in einem Hagel aus Tritten und Schl├Ągen erstickte, bis er letztlich nur noch ein matschiges, lebloses St├╝ck Fleisch war.
„Lasst diesen Fleischsack und euren Kumpel verschwinden“, wies Ysil seine Untergebenen an, w├Ąhrend er selbst mit einem gen├╝sslichen L├Ącheln seine blutigen F├Ąuste betrachteten.
Ohne mit der Wimper zu zucken, zerlegte einer der Schergen die Leichen Pegrys und seines Kameraden mit einem Messer in ihre Einzelteile, die er anschlie├čend im Ofen verfeuerte, w├Ąhrend der andere das Blut mit einem Lappen aufwischte.
Als damit fertig waren, konnte man tats├Ąchlich nicht mehr allzu viel von dem Unheil sehen, das dort geschehen war, sofern man von Zoes Leiche absah. Ysil wies seine Lakaien an, den Keller zu verlassen, sodass er alleine dort war, als Ferren und Raham eintrafen.
Diesen bot sich ein etwas verst├Ârender Anblick. Eine zierliche Frau, die tot auf dem Boden lag, und ein grobschl├Ąchtiger H├╝ne, der mit einer Platzwunde am Kopf daneben sa├č. Obwohl Ysil keine Anstalten machte, sich ihnen zu n├Ąhern, sondern sie nur mit schmerzverzerrtem Gesicht anstarrte, zog zumindest Ferren sofort seine Klinge.
„Auf den Boden!“, blaffte er, worauf sein Gegen├╝ber zun├Ąchst ├╝berrascht die Augenbrauen hoben, dann aber Folge leistete.
„Bist du Ysil?“
„Ja…ja“, keuchte dieser vom Boden, wobei er Anstalten machte, sich wieder zu erheben.
„Liegen bleiben!“, fauchte Ferren.
„Ich wei├č nicht. Ist das wirklich n├Âtig?“, wandte Raham ein.
„Solange nicht gekl├Ąrt ist, was hier vorgefallen ist, ist das allerdings n├Âtig!“, entgegnete sein Kamerad, bevor sich dieser an den H├╝nen wandte, „Also, was wei├čt du ├╝ber den Tod dieser Frau?“
„Pegry hat sie umgebracht. Dieser Wahnsinnige“, rief Ysil, „Zoe, so hei├čt sie, hat seinen Schrank durchsucht und dabei diese Schlange gefunden“, er deutete auf die Schubladen, die aus seinem eigenen Schrank gerissen worden waren, worauf Ferren Raham anwies, nachzusehen.
„Verdammt“, keuchte dieser, „Das ist eine untote Natter.“
„Ja, wirklich pervers“, kommentierte der H├╝ne.
„Aber diese Schlange wird sie wohl kaum umgebracht haben“, erwiderte Ferren, der die Spitze seines Schwertes best├Ąndig auf den Nacken seines Gegen├╝bers hielt.
„Nein, nat├╝rlich nicht“, gab der Befragte zur├╝ck, „Pegry kam pl├Âtzlich rein und hat sie…hat uns erwischt. Der kannte keine Gnade. Hat ihr einen Sto├čzauber direkt ins Gesicht geknallt. Ich habe noch nie gesehen, dass man einen Hals so verdrehen kann. Sie muss sofort tot gewesen sein. Mir hat er auch einen verpasst, aber ich bin, Iurion sei Dank, mit dieser Wunde davon gekommen. Ich war ohnm├Ąchtig. Der Kerl hat wahrscheinlich gedacht, ich sei auch tot. Wenn nicht, h├Ątte er mich sicher erledigt. Der ist eiskalt.“
„Klingt nach einem fanatischen Todesanbeter, wenn du mich fragst“, wandte Raham ein, „Mit einem normalen Sto├čzauber kann man kein Genick brechen. Das muss Schwarze Magie gewesen sein.“
„M├Âglich“, murmelte Ferren, bevor er sich wieder an Ysil wandte, „Eine Novizin namens Ariona gab an, dies sei dein Schrank und Pegry und sie h├Ątten die Schlange darin gefunden. Was sagst du dazu?“
„Ich…Ariona?“, stotterte der Rohling, „Die ist doch genauso gef├Ąhrlich, wie Pegry. W├╝rde mich nicht wundern, wenn sie mit dem gemeinsame Sache macht. Die h├Ąngen meistens zusammen rum. Ich habe mal gesehen, wie ihr ein anderer Novize quer kam. Sie hat ihm direkt einen Feuerball auf den Hals gesetzt. Das k├Ânnt Ihr mir glauben!“
„Du willst also behaupten, Ariona sei auch eine Nekromantin?“
„Nun ja, ich kann’s nicht mit Sicherheit sagen, aber sie‘s eine verdammt gute Magierin. Und Ihr wisst ja, was man sagt: Je m├Ąchtiger der Zauberer, umso gr├Â├čer die Versuchung, nach der Schwarzen Macht zu greifen.“
„Ich habe mit ihr gesprochen, sie kam mir nicht wie jemand vor, dessen Geist und K├Ârper von der Schwarzen Verderbnis belastet ist.“
„Ich sagte ja, dass sie gut ist. Sie sieht harmlos aus, ist nett. Der perfekte Schwarzmagier.“
„Recht hat er“, merkte Raham an, „Ich w├╝rde ein blondes M├Ądchen auch nicht f├╝r eine Hexe halten. Da wir sie allerdings mit einer Flasche Schwarzsaft erwischt haben, spricht doch alles f├╝r die Aussage dieses Mannes hier.“
„Schwarzsaft!“, rief Ysil, „Ich hab’s doch gewusst!“
„Nicht so schnell“, winkte Ferren ab, „Hast du eine Ahnung, wo Pegry jetzt sein k├Ânnte?“
„Na ja, weg auf jeden Fall“, antwortete Ysil, „Ich w├╝rde ja ins ledrianische oder serpendrianische Viertel gehen, wenn ich hier was verbrochen h├Ątte. Oder in den Hafen.“
„In den Hafen kommt zurzeit niemand“, entgegnete Ferren, „Wir nehmen dich trotzdem mit auf die Wache, bis die Unstimmigkeiten gekl├Ąrt sind.“
„Was? Aber ich habe doch gar nichts getan“, keuchte Ysil.
„Nennt uns einfach die Namen Eurer restlichen Mitbewohner“, sagte Raham ruhig, „Wir k├Ânnen dann ihre Aussagen aufnehmen und die Missverst├Ąndnisse m├Âglichst schnell aus der Welt schaffen.“
„Sch├Ân“, knurrte Ysil, „Ein gewisser Novize Ilar und ein Kerl namens Umbro.“
„Wo finden wir die?“, wollte Ferren wissen.
„Keine Ahnung. Umbro, den alten Schmuggler, wahrscheinlich ├╝berall, wo man verbotene Waren kaufen kann. Ilars Fl├╝che h├Ârt man ohnehin durch die ganze Stadt.“
„Gut“, murmelte Ferren, der sich anschlie├čend an seinen Kamerad wandte, „Du bringst den Kerl hier zu Blaek und ich warte hier, bis Ilar und Umbro zur├╝ckkommen.“
„Wie du willst. Aber Blaek wird nicht erfreut sein. Er meinte, ich soll dich nicht aus den Augen lassen.“
„Schei├č drauf!“

Was Raham widerfuhr, als er Ysil bei Blaek ablieferte, hatte er im Grunde bereits erwartet. Nachdem Blaek ihn angeschnauzt hatte, warum er denn jemanden aufgrund derart schwacher Beweislage direkt verhafte, durfte er den Gefangenen auch schon wieder freilassen.
Ziemlich genervt trat er den R├╝ckweg an und seine Laune besserte sich kaum, als er Ferren von den Ereignissen berichtete, der ohnehin schon gereizt war, da bisher weder Ilar noch Umbro im Keller aufgetaucht waren.
„Also sch├Ân“, fluchte Ferren schlie├člich, „Du bleibst hier und wartest und ich h├Ąnge mich an die Spur von diesem Ysil.“
„Aber Hauptmann Blaek sagte…“, begann Raham, bevor er lautstark unterbrochen wurde:
„Blaek ist heute Morgen mit dem falschen Fu├č aufgestanden! Dieser Ysil steckt da mit drin, das wei├č ich.“
„Ferren“, sagte Raham ruhig, „meinst du nicht, du steigerst dich da in etwas rein? Du denkst doch gar nicht daran, dass diese Ariona eine Nekromantin sein k├Ânnte, oder?“
„Sie ist keine Nekromantin!“, blaffte der Leutnant.
„Sch├Ân…ich will ja gar nicht wissen, was da zwischen euch gelaufen ist, aber ich finde, dass Blaek schon Recht hatte: Du bist befangen.“
„Ich wette, dass ist er auch! Ich werde jetzt diesen Ysil finden und ihn mir noch mal richtig vorkn├Âpfen“, zischte Ferren, bevor er aus dem Keller st├╝rmte.
„Was war das denn schon wieder?“, murmelte Raham, w├Ąhrend er sich auf einer kniehohen Steinmauer neben dem Ofen niederlie├č und ein arg mitgenommenes Buch ├╝ber ledrianische Rittersagen aus seinem ledernen Ranzen zog.

Kapitel 3: Blut und Bier

44. Gr├╝nwalden. 52 n.V.
Ferren hastete schon beinahe zehn Minuten durch irgendwelche Stra├čen,┬á als er schlie├člich au├čer Atem mitten in einer unbelebten Gasse an einem kleinen, sandsteinernen Brunnen anhielt, um seinen Durst zu stillen.
„Wie bin ich hier hin gekommen?“, fragte er sich, w├Ąhrend er sein verschwommenes Spiegelbild im Wasser des Brunnens betrachtete, „Wo will ich eigentlich hin? Oh verdammt, sollte Raham am Ende doch Recht haben? Was tue ich hier eigentlich? Helfe jemandem, der vielleicht schuldig ist, tue alles um ihr zu helfen“, pl├Âtzlich sah im klaren Wasser nicht mehr seine verzerrte Fratze, sondern Arionas bernsteinfarbene Augen, scharf und tief, „Nein, sie ist unschuldig. Ich glaube; ich wei├č, dass sie es ist. Was mache ich also? Ysil finden? Einen Mann, der sicher nicht gefunden werden will, in dieser Stadt, unm├Âglich. Ich muss, ich muss die anderen finden. Wenn er wirklich der Nekromant ist, wird er versuchen, sie an ihren Aussagen zu hindern, sie vielleicht sogar umbringen. Ich muss sie finden! Umbro…Schmuggler…Unterstadt.“
Mit diesen Gedanken riss er das delionische Wappen vom Kragen seines Hemds, den er damit ziemlich verunstaltete, schleuderte es in das Wasser des Brunnens, sprang auf und eilte los durch die vielen Gassen, bis er schlie├člich einen kleinen Park im delionischen Viertel erreichte, der fast an das iskatische grenzte. Auf der Ostseite befand sich ein mehrst├Âckiges Geb├Ąude mit br├Âckliger Fassade, vor dessen Eingang eine zerlumpte Markise aufgespannt war. Oberhalb davon verk├╝ndete ein h├Âlzernes Schild: "Blut und Bier". Zwar stand die dunkle, h├Âlzerne T├╝r offen, sodass man in das dahinterliegende Halbdunkel blicken konnte, doch hielt davor ein raubeiniger Mann Wache, der aufgrund seiner Kleidung wie ein Pirat auf dem Trockenen wirkte.
Als Ferren sich ihm n├Ąherte, fuhr er aus seinem Korksessel hoch und nahm ihn aus dem einen Auge, das er noch hatte, ins Visier.
„Halt, Junge!“, knurrte er, als der Leutnant den schattigen Bereich unter der Markise erreicht hatte, „Was willst du im Blut und Bier?"
„Verkaufen“, entgegnete Ferren schroff.
„So“, murmelte der Alte, nachdem er sein Gegen├╝ber erneut gemustert hatte, „Was denn?“
„Das hier“, gab der Leutnant zur├╝ck und zog kurz sein Kurzschwert aus der ledernen Scheide an seinem G├╝rtel.
„Ah, tjo, die Preise f├╝r Waffen sind gut…sagt man. Aber ich hab so das Gef├╝hl, dich schon mal bei der Stadtwache gesehen zu haben, Jungchen. War da vielleicht mal ein Wappen auf deinem Kragen, das du, sagen wir mal, abgerissen hast, bevor du her kamst?“
„Ich nicht. Das haben die mir abgerissen. Bin suspendiert. Hab ‘nem Schmuggler geholfen“, log Ferren.
„Wieso hilft ein Soldat ‘nem Schmuggler?“
„Die Bezahlung hat gestimmt.“
„Verstehe“, lachte der Alte, „Nun, f├╝r einen ehemaligen Wachmann haben wir hier Verwendung. Informationen werden gut gehandelt, wei├čt du. Immer rein in die gute Stube.“
„├äh ja, danke“, stotterte Ferren etwas ├╝berrascht, bevor er das "Blut und Bier" betrat.
In dem Laden war es angenehm k├╝hl und unangenehm dunkel, sodass man kaum erkennen konnte, wer dort in tiefen Sesseln an den runden Korbtischen sa├č, die durch halbdurchsichtige W├Ąnde aus Bastgeflecht voneinander getrennt waren. Dem Ger├Ąuschpegel zufolge war das Lokal trotz der vergleichsweise fr├╝hen Stunde gut besucht. ├ťberall vernahm Ferren das Klirren von Bierkr├╝gen oder Rumgl├Ąsern beim Zuprosten, polierte Dolche blitzten im Halbdunkeln, Zahlen und Trinkspr├╝che hallten durch den Raum, sinistere Stimmen handelten mit dem Tod.
Ferren bahnte sich seinen Weg durch das Labyrinth der Bastw├Ąnde bis zur Bar, die, von zwei Pechfackeln erleuchtet, der hellste Ort des Lokals war, allerdings nicht so hell, als dass man die Getr├Ąnke h├Ątte erkennen k├Ânnen, welche die h├╝bsche, junge, rothaarige Barfrau ausschenkte.
„Pia!“, grunzte ein schmierig wirkender, einarmiger Kerl, „Das hier ist kein Rum sondern irgendein skatrisches Mistzeug!“
„Ich f├╝rchte, das interessiert weder mich noch dich“, entgegnete die Bardame, bevor sie einem weiteren Gast sein Getr├Ąnk ├╝berreichte und sich dann Ferren zuwandte, „Neu hier?“
Er nickte.
„Was darf’s sein?“, fragte sie.
„Ich suche einen gewissen Umbro.“
„Hier gibt’s nur Getr├Ąnke“, erwiderte Pia.
„Gut, dann nehme ich ein Bier“, gab der Leutnant in der Hoffnung, danach mehr zu erfahren, zur├╝ck. Sekunden sp├Ąter wurde ein Zinnbecher mit einer undefinierbaren, braunen Br├╝he direkt vor seiner Nase auf den Tresen geknallt.
„Lasst mich raten: Die Leute kommen nicht zum Trinken her?“, grummelte er.
„Was soll das denn schon wieder hei├čen?“, zischte Pia.
„Ha, der Junge hat verdammt Recht!“, stimmte der Einarmige zu, „Die Stadtwache hat diesen Laden doch nur noch nicht auseinander genommen, weil das Ges├Âff hier selbst zum Konfiszieren zu schal ist.“
„Schnauze, Yarbart!“, blaffte die Bardame.
„Du suchst also Umbro?“, erkundigte sich der Einarmige bei Ferren.
„Korrekt“, gab dieser zur├╝ck.
„Komisch, bist schon der zweite, der heute nach ihm fragt. Der andere war so ein Muskelbrocken. Ekliger Typ.“
„Ich fand ihn hei├č“, kommentierte Pia.
„Du findest auch, dass das hier“, Yarbart hielt sein Rumglas in den Schein der Fackel, um dessen gr├╝nlichen Inhalt zu offenbaren, „was zu trinken ist“, er machte eine kurze Pause, bevor er sich wieder Ferren zuwandte, „Umbro ist normalerweise unten im Keller. Gleich da vorne die Treppe runter.“
„Danke“, verabschiedete sich der Leutnant, um anschlie├čend der Wegbeschreibung Yarbarts zu folgen.
Der Keller war im Vergleich zum Schankraum, durchaus gut beleuchtet, zumindest, wenn man von den Sitznischen im Randbereich absah, die sich um einen zentralen Kampfring gruppierten, der im Wesentlichen aus einer von Holzbarrikaden eingeschlossenen Sandfl├Ąche bestand. Eine mit Kreide beschriebene Schiefertafel am Eingang verk├╝ndete den Zeitpunkt der n├Ąchsten Faust-, Hunde- und Hahnenk├Ąmpfe.
W├Ąhrend ein schm├Ąchtiger, blonder Bursche die ├ťberreste des letzten Hahnenkampfes mit einer Kelle aus der Arena entfernte, wurde in den Sitznischen angeregt getuschelt. Aus den wenigen Wortfetzen, die er verstand, schloss Ferren, dass es haupts├Ąchlich um den Handel mit verbotenen Waren ging.
Neben dem Eingang sa├č an einem h├Âlzernen Tisch ein fettleibiger Mann, der mit einem bekritzelten Pergamentst├╝ck, einem Geldbeutel und einem Abakus hantierte.
„Entschuldigt“, sagte Ferren, „Ich suche einen Kerl namens Umbro.“
„Nische drei, linke Seite“, brummte der Mann, bevor er sich wieder dem Rechenschieber widmete.
„Ach“, rief er dem Leutnant hinterher, „Wenn Ihr ihn findet, sagt ihm, er soll seinen Gewinn abholen. Sonst behalte ich ihn.“
„Geht klar“, gab er zur├╝ck, bevor er weiter ging.
In Nische drei lag der dunkelh├Ąutige Umbro sehr l├Ąssig in seinem Korbsessel, etwas zu l├Ąssig, um noch am Leben zu sein, wie Ferren sehr bald feststellen musste. Auf dem Tisch vor im qualmten einige Stummel von Dunkelkrautzigaretten direkt neben zwei leeren Rumgl├Ąsern. Der Tote wies jedoch keinerlei Verletzungen auf, was Ferren stutzig machte, da er Ysil, sollte dieser wirklich daf├╝r verantwortlich sein, nicht f├╝r jemanden hielt, der derart subtil mordete.
Nachdem er ihn kurz betrachtet hatte, wandte Ferren sich wieder ab und kehrte zu dem Mann mit dem Abakus zur├╝ck.
„Sagt, wer serviert hier unten die Getr├Ąnke.“
„Pia kommt normalerweise vor und nach jedem Kampf einmal hier vorbei. Ansonsten bringen sich die Leute ihren Schnaps selbst von oben mit“, erkl├Ąrte sein Gegen├╝ber.
„Danke“, gab Ferren zur├╝ck und wandte sich erneut zum Gehen.
„Hey, was ist jetzt mit Umbro? Holt der seinen Gewinn noch ab?“
„Nein, der ist tot.“
„Was? Genial! Und wieder ein paar Taler mehr in der Tasche!“, jauchzte der Mann, bevor er dem blonden Burschen im Ring etwas zurief, das sich sehr nach „Philipp, Leiche in Nische drei“ anh├Ârte und Routine nicht vermissen lie├č. Zwar schmerzte es Ferren, m├Âgliche Spuren zur├╝ckzulassen, doch wollte er in diesem Lokal nicht allzu gerne als Angeh├Âriger der Stadtwache auffallen.
So kehrte er an den Tresen im Erdgeschoss zur├╝ck, wo sich Yarbart immer noch mit Pia stritt.
„Und, habt Ihr Umbro gefunden?“, erkundigte sich ersterer.
„Ja, er war allerdings tot“, gab er zur├╝ck.
„Das wundert mich nicht“, lachte sein Gegen├╝ber h├Ąmisch, „Der hat wahrscheinlich auch seinen Rum bei unserer bezaubernden Pia bestellt.“
„Quatsch nicht!“, schnauzte die Bardame, „Umbro kann sich den Rum gar nicht leisten. Der haut sein ganzes Geld f├╝r Hundewetten raus.“
„Das hei├čt, Ihr habt ihm nichts serviert?“, wollte Ferren wissen.
„Nein. Hab ich nicht“, zischelte Pia.
„Und dieser…gutaussehende Kerl, von dem Yarbart eben sprach, hat der was bestellt?“
„Was geht dich das eigentlich an, h├Ą?“, blaffte sie.
„Klar hat er“, mischte sich Yarbart ein, „Zwei Rum. Pia lie├č einen aufs Haus gehen. H├Ątte ich auch gerne mal.“
„Vergiss es, Yarbart!“
„Immer sch├Ân h├Âflich bleiben, Madam“, lachte der Einarmige, der sich anschlie├čend wieder zu Ferren drehte, „Umbro war ein Freund, was?“
„Ja, ja das war er.“
„Hm, Pia, sagte dieser Kerl dir nicht, du k├Ânntest, wenn du Feierabend hast, gerne mal bei ihm vorbei schauen?“
„Hat er nicht!“
„Oh doch, das hat er. Maurergasse F├╝nfunddrei├čig, delionisches Viertel, wenn ich mich recht erinnere. Er wollte gegen Abend da sein“, murmelte Yarbart, w├Ąhrend Ferren zur Kenntnis nahm, dass es sich dabei keinesfalls um die Adresse des Wohnkellers handelte, in dem Ariona, Pegry und die anderen hausten.
„Danke, du hast was gut bei mir“, gab er zur├╝ck, wobei er Yarbart auf die Schulter klopfte.
„Nichts zu danken. Aber komm blo├č nicht auf die Idee, mir hier ‘nen Rum auszugeben.“
„Keine Sorge, hab ich nicht vor“, lachte der Leutnant.
„Ihr Volltrottel habt mir gerade den Abend versaut!“, kreischte Pia.
„Ich hab dich nur davor bewahrt, mit ‘nem M├Ârder in die Kiste zu steigen“, rechtfertigte sich Yarbart.
„Schwachkopf!“
„Ich gehe dann mal“, sagte Ferren leise, bevor er die beiden Streith├Ąhne allein zur├╝cklie├č.
Da es noch nicht Abend, sondern erst sp├Ąter Nachmittag war, machte er sich zun├Ąchst auf den Weg zu Raham, der, wie er vermutete, immer noch im Wohnkeller wartete.

Ariona sa├č derweil wieder in der Verh├Ârzelle der delionischen Wache. Zwar hatte man sie kurzzeitig in eine andere Zelle verlegt, wo sie sich einige Zeit lang hatte ausruhen k├Ânnen, doch war sie vor wenigen Minuten wieder in diese zur├╝ckgeschleift worden. Nun sa├č sie, mit st├Ąhlernen Schellen fixiert, in einem massiven Holzstuhl und wartete wenig sehns├╝chtig darauf, dass ihr Befrager eintraf.
Dies geschah wenig sp├Ąter, als Blaek gefolgt von einem Novizen der Wache die Zelle betrat, was Ariona nicht weiter wunderte, da der Hauptmann, nun da sie wieder halbwegs bei Kr├Ąften war, sicherlich ihre magischen F├Ąhigkeiten f├╝rchtete.
„Novizin Ariona“, sagte er mit einem h├Ąmischen L├Ącheln, w├Ąhrend er ihr gegen├╝ber an dem kleinen, zerfurchten und obendrein noch morschen Holztisch Platz nahm, wohingegen sich sein Begleiter in einer Ecke nahe des Eingangs aufhielt.
„Gibt es irgendetwas Neues, oder wollt Ihr Euch zum achten Mal meine Geschichte anh├Âren?“, fragte sie.
„Auf Eure L├╝gen kann ich verzichten“, entgegnete Blaek, „Im ├ťbrigen gibt es etwas Neues.“
„Ihr habt also Pegry befragt?“
„Nein“, lachte ihr Gegen├╝ber, „Euer Freund Pegry hat diesen Kerl, den ihr verd├Ąchtigt habt, wie hie├č er noch gleich…Ysil genau. Jedenfalls hat Euer Freund ihn angegriffen und eine Zimmergenossin, eine gewisse Zoe, umgebracht und ist danach geflohen.“
„Pegry? Das ist doch Schwachsinn!“, donnerte Ariona.
„Das glaube ich kaum. In seinem Schrank fanden wir eine untote Natter. Euer Freund war eindeutig ein Nekromant. Genau wie Ihr es seid, nicht wahr?“
„Das ist doch…das war nicht Pegrys sondern Ysils Schrank!“, schrie die Novizin.
„Ja, nat├╝rlich. Wisst Ihr, wir haben einige Leute befragt und alle sagten, Pegry habe sich haupts├Ąchlich in seinem Keller aufgehalten. Wahrscheinlich, um an seinen schwarzmagischen Experimenten zu arbeiten.“
„Quatsch! Pegry war paranoid. Er glaubte, die Stadt k├Ânne jeden Augenblick angegriffen werden. Deshalb hat er sich in dem Keller versteckt.“┬á┬á┬á┬á┬á
„Wirklich eine r├╝hrende Geschichte“, sagte Blaek, dem die Falschheit seines Mitleids ins Gesicht geschrieben stand.
„Aber Ysil glaubt Ihr? Was f├╝r ein Spiel wird hier eigentlich gespielt? Fragt doch einfach Ilar oder Umbro. Die werden Euch versichern, dass es sich bei dem Schrank, in dem die Schlange war, um Ysils handelt“, fluchte sie.
„Ysil behauptete genau das Gegenteil.“
„Dann sucht die beiden doch und fragt sie!“, blaffte Ariona.
„Nun, leider sind all unsere Truppen mit der Suche nach dem Fl├╝chtigen Pegry besch├Ąftigt. Er gilt als ├Ąu├čerst gef├Ąhrlich.“
„Der w├╝rde keiner Fliege was zu Leide tun!“
Der Hauptmann l├Ąchelte erneut.
„Nun, Novizin, es w├Ąre an der Zeit zu gestehen. Damit k├Ânntet Ihr Euch einige Strapazen ersparen.“
„Gestehen? Das soll wohl ein Witz sein!“, zischte sie.
„Wenn da so ist“, murmelte Blaek, wobei er grinste, aufstand und seine Hand zu einer Faust ballte.
„Moment mal, was soll das…weg von mir!“, kreischte Ariona, w├Ąhrend er sich ihr weiter n├Ąherte.
Bevor er sie erreichte, wirkte sie jedoch einen Sto├čzauber auf ihn, den der Novize im Hintergrund allerdings schon erwartet hatte, weshalb es ihm gelang, Blaek mit einem Schild aus blassviolettem Licht zu sch├╝tzen, der ihren Zauber absorbierte.
„Angriff auf einen Hauptmann der Wache. Ihr macht Euch wahrlich nicht gut“, spottete Blaek, w├Ąhrend der Schild um ihn langsam verblasste. Dann schlug er zu. Direkt ins Gesicht und so hart, dass Arionas Hinterkopf gegen die Stuhllehne knallte. Hei├č f├╝hlte sie das Blut ihren Nacken hinab flie├čen.
„Ihr verdammter Bastard!“, heulte sie.
„Beleidigung eines vereidigten Dieners Delions“, lachte er und schmetterte seine Faust in ihren Magen, wobei ihn der Novize mit belustigtem Gesichtsausdruck beobachtete.
„Seht: Ihr m├╝sst nur gestehen und alles ist vorbei“, sagte er, nachdem sie sich halbwegs gefangen hatte.
„Leck mich!“, blaffte sie, was ihr einen Schlag in die Nierengegend einbrachte. Dieser war derart hart, dass ihr kurzzeitig schwarz vor Augen wurde. Mit Tr├Ąnen auf den Lidern rappelte sie an den st├Ąhlernen Schellen, die sich jedoch keinen Zentimeter bewegten, was dem Novizen ein erneutes Lachen abverlangte.
„Es gibt keinen Weg hier raus“, kommentierte Blaek, „Und wir fangen gerade erst an.“
„Na mach doch!“, forderte sie ihn auf, worauf er zu einem weiteren Schlag ausholte. Diesmal konterte sie jedoch und feuerte ihm einen Schnittzauber direkt in den Oberschenkel, auf den der Novize nicht gewesen vorbereitet war. Der Hauptmann heulte laut auf, Blut spritzte ├╝ber ihre Robe und sein Schlag verfehlte. Seiner Standkraft beraubt kippte er seitw├Ąrts auf den Tisch, den Ariona jedoch mit einem Zauber wegstie├č, sodass er vor ihr auf den Boden klatschte, wo sie ihm genau ins Gesicht trat.
Endlich griff der Novize ein, indem er den Stuhl mit samt Ariona umwarf, sodass sie auf dem R├╝cken lag und vom sonstigen Geschehen nichts mehr mitbekam.
„Diese Schlampe!“, schrie Blaek, „Na warte, dir zeig ich’s!“
Mit diesen Worten beugte er sich ├╝ber sie und schmetterte seine Faust in ihr Gesicht. Einmal, zweimal, dreimal. Sie f├╝hlte, wie ihre Nase brach, ihre Lippen aufplatzten und Blut ├╝ber ihr ganzes Gesicht rann.
Dann pr├╝gelte er auf ihren Unterleib ein, bis sie sich ├╝bergeben musste, doch da ihr Kopf am Stuhl fixiert war, floss alles in ihre Luftr├Âhre zur├╝ck. Hustend rang sie nach Atem, doch es gab keine Erl├Âsung und Blaek trieb seine Faust erneut in ihren Bauch, bis der Novize pl├Âtzlich rief:
„Sir, sie erstickt. Tot n├╝tzt sie uns nichts!“
„Sch├Ân!“, br├╝llte der Hauptmann, wobei er ihr noch einen letzten, heftigen Schlag in die Rippen versetzte.
Dann richtete er den Stuhl wieder auf und l├Âste die Scharniere an Hals sowie Handgelenken, um sie anschlie├čend vorw├Ąrts auf den kalten Steinboden zu schleudern, wo sie, sich kr├╝mmend, das Erbrochene aushustete.
„Erb├Ąrmlich“, zischte er, bevor er an ihr vorbei aus der Zelle heraus humpelte.
„Bring sie in ihre Zelle zur├╝ck!“, befahl er dem Novizen noch.

Als Ferren den Wohnkeller betrat fand er Raham immer noch auf der steinernen Mauer sitzend vor, wo er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf rieb.
„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Ferren.
„Dieser Ilar ist hier aufgetaucht“, murmelte sein Gegen├╝ber.
„Ja, und?“
„Er war zuerst sogar noch ganz kooperativ. Etwas unh├Âflich vielleicht. Er gab an, dass diese Nische mit der toten Natter Ysils sei und er hat mir seine Version der Geschichte um Pegry erz├Ąhlt.“
„Immer raus damit!“
„Also laut ihm kam Ysil mit drei anderen Typen hier an, als er sich gerade mit Zoe gestritten hat. Ysil suchte wohl Pegry, der aber laut Ilar nicht da war, was merkw├╝rdig war, weil der wohl so gut wie nie den Keller verl├Ąsst. Ysil muss wohl ziemlich sauer gewesen sein, weil jemand seine Schlafnische durchw├╝hlt hat. Er muss wohl drauf gekommen sein, dass es Pegry war und hat den drei Kerlen befohlen, den Keller nach ihm zu durchsuchen. Ilar ist dann wohl abgehauen“, berichtete Raham.
„Und was ist mit deinem Kopf passiert?“, erkundigte sich Ferren.
„Nun, als ich Ilar dann sagte, er solle mich wegen seiner Aussage mit auf die Wache begleiten, sagte er mir, meine Mutter gehe dem ├Ąltesten Gewerbe der Welt nach, verpasste mir einen Sto├čzauber und verschwand.“
„Komische Leute“, kommentiere Ferren.
„Da sagst du was“, stimmte sein Kamerad zu, wobei er sich erneut den Hinterkopf rieb.
„Aber immerhin wissen wir jetzt, dass die Schlange Ysils Werk war.“
„Ganz ehrlich“, entgegnete Raham, „Diesem Ilar w├╝rde ich auch nicht trauen. Au├čerdem ist er abgehauen. Hast du noch irgendwas herausgefunden?“
„Ich habe Umbro gefunden. Dummerweise wurde er ermordet. Alles deutet auf Ysil hin.“
„Deutet wirklich alles auf Ysil hin, oder willst du nur, dass alles auf ihn hindeutet?“
„Ich bin objektiv!“, zischte Ferren.
„Wie du meinst.“
„Am besten gehst du zur Wache zur├╝ck und erstattest Blaek Bericht“, schlug der Leutnant vor, „Ich gehe noch einer Spur nach.“
„Sch├Ân“, murrte Raham, „Aber sag mir wenigstens, wohin du gehst.“
„Maurergasse F├╝nfunddrei├čig.“

Das gesuchte Haus in der engen Gasse war, wie alle nebenstehenden Geb├Ąude auch, dreist├Âckig und besa├č ein Flachdach sowie die ├╝berall gleiche sandfarbene Fassade. Zwei steinerne Blumenk├╝bel, aus denen irgendein verdorrtes Gestr├╝pp sprie├čte, das wohl schon lange kein Wasser mehr gesehen hatte, flankierten die dunkle, massivh├Âlzerne Eingangst├╝r.
Ferren blieb kurz davor stehen und ├╝berlegte, was er, ausgehend von seinen Hypothesen, ├╝ber den Kreis der Nekromanten wusste.
Da war zun├Ąchst die Tatsache, dass der sich dem Ende zuneigende Tag allzu schlecht f├╝r die Thanatoiker verlaufen war. Faktisch waren sie nicht nur in Gefahr gelaufen, enttarnt zu werden, sondern hatten beim Versuch, ihr Auffliegen zu verhindern, mehrere Leute und sogar einen Tarnanzug verloren.
Als er sich dessen bewusst wurde, trat er an die T├╝r heran, griff mit Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand in die vertrocknete Erde der Blumenk├╝bel und begann, sich damit das Sanduhrsymbol auf den Unterarm zu malen.
„Ich werde morgen eher zum Hauptmann bef├Ârdert, als dass das h├Ąlt“, murmelte er mit einem Blick auf sein wenig beeindruckendes Werk.
Dennoch klopfte er einen Augenblick sp├Ąter mehrere Male kr├Ąftig gegen die T├╝r.
Von Innen ert├Ânte das Fluchen einer hohen Stimme:
„Wenn das wieder eine von Ysils Nutten ist, dann schlitz ich ihr die Kehle auf und diesem Hurenbock danach auch!“
Sekunden sp├Ąter wurde die T├╝r ge├Âffnet und Ferren hatte den alten, hageren Mann dahinter kaum erblicken k├Ânnen, als dieser bereits blaffte:
„Verpiss dich, du Hure, dein Adonis ist nicht hier…oh, Verzeihung.“
„├ähm…keine Ursache“, gab der Leutnant nicht weniger erstaunt zur├╝ck, w├Ąhrend sein Blick von der ├╝berdimensionalen Hakennase seines Gegen├╝ber gebannt wurde.
„Entschuldigt, ich hatte jemand anderes erwartet“, sagte der Alte, der pl├Âtzlich in einer unversch├Ąmt h├Âflichen Stimmlage sprach.
„Offensichtlich“, lachte Ferren.
„W├╝rdet Ihr, mein Herr, mir mitteilen, was Ihr hier wollt?“
„Ich bin der Neue“, antwortete er, w├Ąhrend er zugleich seinen Unterarm mit dem ├Ąrmlichen Sanduhrsymbol entbl├Â├čte.
„Der Neue?“, sein Gegen├╝ber stutzte.
„Ja, Ysil hat mich geschickt. Es gab heute eine Menge Chaos. Er dachte wohl, ihr k├Ânntet Unterst├╝tzung brauchen“, erkl├Ąrte Ferren, wobei er in hoher Frequenz mit seinen Fingern gegen seinen Oberschenkel tippte.
„Wenn Ysil Euch geschickt hat, dann hat er Euch doch sicherlich auch meinen Namen verraten.“
„Namen?“
„Ja, wie ich hei├če, verdammt!“, knurrte der Alte.
„Warum kann er mir nicht einfach glauben?“, dachte der Leutnant, bevor er die Mundwinkel zu einem ├╝bellaunigen L├Ącheln verzog, blitzschnell den Kopf seines Gegen├╝bers packte und diesen derart hart gegen den T├╝rrahmen schlug, dass der alte Mann sofort ohnm├Ąchtig wurde.
„Was tue ich hier eigentlich?“, fragte er sich, w├Ąhrend sein K├Ârper damit besch├Ąftigt war, den Ohnm├Ąchtigen aus dem Eingang zu r├Ąumen, einzutreten und die T├╝r hinter sich zu schlie├čen. Vor ihm lag ein langer, schmaler Flur, der mit dunklen Holzbohlen ausgelegt war und in den sich kaum ein Licht verirrte. Die wenigen Sonnenstrahlen, die dennoch einfielen, beleuchteten etliche Staubk├Ârner, die wie ein Schwarm tr├Ąger Insekten langsam durch die Luft taumelten. Nur schwerlich konnte er erkennen, dass es zwei gegen├╝berliegende Ausg├Ąnge gab, w├Ąhrend der Flur selbst in einen Raum m├╝ndete, den er nicht einsehen konnte.
Langsam ging er vorw├Ąrts, bis zu der Stelle, an der die beiden Ausg├Ąnge lagen. Davor hielt er ein, da er f├╝rchtete, entdeckt zu werden.
„Sevagus“, rief pl├Âtzlich jemand aus dem linken Eingang, „Wer war das?“
Ferren stockte, unwissend, was er nun tun sollte. Seine Kehle war trocken, sein Geist geradezu leer.
„Wie konnte ich mich nur in diese Situation begeben?“
„Sevagus?“, die Stimme ert├Ânte erneut, besa├č jedoch einen bedrohlichen, geradezu unheilvollen Tonfall, der ihn dazu zwang, seine Gedanken schneller zu ordnen.
„Irgendwas muss es doch geben…irgendwas…“, rann es durch seinen Kopf, bevor ihm schlie├člich ein j├Ąher Einfall erfasste wie eine Sturmflut.
„Ja...ja, eine von Ysils Nutten, wie ich sagte. Hab sie rausgeworfen“, gab er zur├╝ck, wobei er versuchte, die Stimme des Alten, so gut wie m├Âglich, zu imitieren.
„Ah, gut. Putz dir mal die Ohren!“, blaffte sein verborgener Gespr├Ąchspartner, bevor er seine Stimme senkte, um sich mit einer anderen Person zu unterhalten, wobei er allerdings immer noch gut h├Ârbar war.
„Ysil soll gar nicht erst wieder kommen. Dieser elende Versager ist doch erst Schuld an der Schei├če, die hier heute abgelaufen ist“, die sp├Âttischen Worte drangen mit leichtem Widerhall in den verstaubten Flur.
„Wohl wahr“, gab der Gespr├Ąchspartner zur├╝ck, welcher die raue Stimme eines Hedonisten besa├č, der Tabak und Alkohol bevorzugte.
„Kelrayass wird uns umbringen, wenn er davon erf├Ąhrt.“
„Nein.“
„Klar.“
„Er wird uns erst foltern und dann umbringen und danach macht er uns wahrscheinlich zu seinen untoten Lakaien.“
„Schei├če!“
„Genau.“
„Ich wei├č echt nicht, warum ich bei diesem Dreck hier mitgemacht hab.“
„Hoffnung wahrscheinlich. Hattest Angst vor dem Tod, wie jeder hier.“
„Kelrayass versprach uns einen Ausweg, aber ich meine, hast du Calderons Leiche gesehen? Der Schwarzsaft hat fast nichts von ihm ├╝bergelassen und der Tarnanzug hat ihm kein bisschen geholfen. Mit diesen Kr├Ąften will ich gar nichts zu tun haben.“
„Hast du aber schon.“
„Ja, Schei├če, Mann! Und raus kommt man da auch nicht. Wenn wir auffliegen, erledigt uns die Stadtwache, und wenn wir versagen, macht Kelrayass uns kalt.“
„Aber wenn wir es schaffen, kommen wir hier lebend raus und werden belohnt.“
„Daran glaubst du wirklich?“
„Klar.“
„Ich w├╝nschte, ich k├Ânnte das. Ich w├╝nschte, ich h├Ątte keine Zweifel.“
„Dunkelkraut?“
„H├Ą, was?“
„Ob du eine von den Zigaretten willst.“
„Von dem Dunkelkrautzeug? Das benebelt doch total.“
„Eben.“
„Ach das ist doch…ja, immer her damit!“
Das kurze Zischen von Flammen ert├Ânte und es dauerte kaum eine halbe Minute, bis der ganze Flur von dem bei├čenden Qualm des Halluzinogens erf├╝llt wurde.
Eine weitere Minute sp├Ąter war Ferren sich sicher, dass er gefahrlos an den beiden Rauchenden vorbeischleichen konnte. Er warf einen kurzen Blick in den mittlerweile ziemlich verqualmten K├╝chenraum, wo zwei M├Ąnner, die im Rauch nur Silhouetten waren, gemeinsam an einem gro├čen Tisch in Mitten des Zimmers sa├čen. Auf der rechten Seite des Flurs befand sich eine schmale, h├Âlzerne Treppe, die sowohl nach oben als auch in den Keller f├╝hrte.
„Hey! Was zum Henker soll!“, blaffte eine Stimme aus dem Raum am Ende des Flurs, worauf laute Schritte schnell n├Ąher kamen.
Instinktiv sprang Ferren in das Treppenhaus, nur Sekunden bevor ein hochgewachsener Mann an ihm vorbeizog, der den Wappenrock Xendoras‘ trug, welcher eine goldene Sonne auf schwarzem Grund zeigte. Der Leutnant war ein wenig verwundert, da man Xendor eher selten im delionischen Viertel antraf und der Mann sehr nach einem Soldaten aussah.
„Ah, h├Ątte ich mir doch denken k├Ânnen, dass ihr verdammten Thanatoiker f├╝r diesen Unfug verantwortlich seid!“, blaffte dieser, nachdem er die K├╝che betreten hatte.
„Nur mit der Ruhe, Mann.“
„Schnauze! Wie kommt ihr eigentlich dazu, an einem Tag wie dem heutigen, wo von jedem die volle Aufmerksamkeit gefordert wird, dieses Dreckszeug zu rauchen, h├Ą? Undiszipliniertes Pack!“
„Ich…wir dachten.“
„Das Denken solltet ihr anderen ├╝berlassen. Und jetzt geht in den Keller und ├╝berpr├╝ft den Fortschritt!“
„Ich werde ganz sicher gar nichts tun. Und au├čerdem: Seit wann gibst du hier Befehle?“
„Seitdem Calderon weg ist, muss ja irgendwer diesen Laden zusammenhalten. Und nun tut, was ich sage, oder ich werde euch dazu zwingen und glaubt mir, das wollt ihr nicht.“
Mit diesen Worten drehte sich der Soldat auf dem Absatz um und ging unter dem Scheppern seiner schweren Kettenstiefel zur├╝ck in den Raum am Ende des Flurs.
Ferren hechte darauf die Treppe hinauf, da er erwartete, dass die beiden Todesanbeter bald in seine Richtung kommen w├╝rden. Ein wenig verwirrt dar├╝ber, dass er scheinbar eine Operation aufgedeckt hatte, an der nicht nur die Thanatoiker beteiligt waren, stieg er die Treppe hinauf. Es war ihm allerdings klar, dass er, um aufzudecken, was wirklich dahinter steckte, den Keller des Hauses untersuchen musste. Da das jedoch im Moment offensichtlich zu gef├Ąhrlich war, beschloss er, sich zun├Ąchst im Obergeschoss umzusehen.
Die Gr├Â├če der Raume und die H├Âhe der Decken verliehen dem Geb├Ąude ein durchaus edles Aussehen, das allerdings dadurch beschmutzt wurde, dass eine Menge Leute sich offensichtlich nicht darum gek├╝mmert hatten, ihren Dreck zu beseitigen. So lagen einige Schlammklumpen sowie Steinbrocken auf dem zerkratzten Parkett, w├Ąhrend die Kerzen, die wohl einst aus ihren irdenen Wandleuchtern heraus eine wohlige Atmosph├Ąre verbreitet hatten, bis auf die Stummel heruntergebrannt waren. Oberhalb der Treppe lag ein weiterer schmaler Flur, aus dem eine T├╝r weiter geradeaus und eine andere nach rechts f├╝hrte.
Nachdem er die gewaltige Dreckspur betrachtet hatte, die vom Flur aus zum linken Eingang f├╝hrte, beschloss er der Sicherheit wegen, weiter geradeaus zu gehen. Hinter der T├╝r erstreckte ein abgedunkelter Lagerraum, der eine ganze Menge wild durcheinander gew├╝rfelter Gegenst├Ąnde beherbergte. Da waren zerbrochene Schaufeln und Spitzhacken, Schlachtermesser, einige recht gut gepflegte Waffen, Regale mit kleinen, verstaubten Glasflaschen, die allesamt von feiner Handschrift etikettiert waren.
Alchemistische Reagenzien, wie Ferren vermutete.
Weiter hinten erhoben sich noch mehr Regale, in denen meist angebrochenen Weinflaschen lagen. Auch ein paar F├Ąsser mit Bier sowie St├Ąnder mit P├Âkelfleisch waren vorhanden, die im Gegensatz zu den vielen bereits benutzten Grabungswerkzeugen jedoch weniger Ferrens Aufmerksamkeit forderten. Das Lager m├╝ndete in einen kleineren Raum, der aufgrund der etlichen Glaskolben, die auf Holztischen zu seltsamen Apparaturen zusammengezimmert waren, wie ein alchemistisches Labor wirkte. Aus dem bei├čenden Verwesungsgeruch, welcher einer jeden ├ľffnung der Apparatur entstieg, folgerte Ferren, dass die Nekromanten hier den Schwarzsaft gebraut hatten. W├Ąhrend einige geleerte Weinflaschen im hinteren Teil des Raumes zur Abf├╝llung bereit standen, suchte man das nekromantische Elixier vergebens. Scheinbar hatten die Thanatoiker daf├╝r gesorgt, dass bei der Durchsuchung dieser R├Ąumlichkeiten nichts Belastendes zu finden sein w├╝rde.
Vorsichtig schlich der Leutnant sich ins n├Ąchste Zimmer, bei dem es sich um einen Schlafsaal handelte, in dem man zw├Âlf Betten in drei parallelen Reihen angeordnet hatte. Diese waren jedoch allesamt leer, weshalb nur die verdreckten Kleider, welche an offenen Garderoben in der N├Ąhe der Betten hingen davon zeugten, dass dieser Raum bewohnt war.
„Wie bei der skatrischen Minengesellschaft“, murmelte Ferren, wobei er sich an einen eher unsch├Ânen Arbeitsaufenthalt im Nordreich erinnern musste.
├ťber den zweiten Ausgang des Schlafsaals gelangte er wieder ins Treppenhaus, wo er aus dem Erdgeschoss das Fluchen der beiden Thanatoiker h├Ârte, die sich gerade wieder in die K├╝che zur├╝ckzogen. Achtsam schlich er hinab und stahl sich in einem passenden Augenblick in den Keller. Dort passierte er zun├Ąchst unter vorsichtigen Seitenblicken ein gro├čes Gew├Âlbe, das mit Kisten zugestellt war und von wenigen Fackeln nur sp├Ąrlich beleuchtet wurde. Dennoch g├Ąhnte ein schwarzes Loch in der steinernen Wand, die das Gew├Âlbe nach hinten begrenzte. Das Klingen von Metall auf Stein schallte begleitet von einem latenten Verwesungsgeruch heraus.
Nach einem bangen Blick ├╝ber die Schulter ging er vorsichtig und mit gezogenem Schwert weiter, bis er den Rand der Bresche erreichte, welche in die Wand geschlagen war. Dort angekommen, musste er feststellen, dass der Verwesungsgeruch merklich st├Ąrker wurde, so stark, dass er sich gezwungen sah, sein Hemd ├╝ber Mund und Nase zu ziehen.
Langsam schlich er weiter in den dunklen Gang hinein, in dem nur ein paar sp├Ąrlich gestreute Fackeln gegen die eindringliche Finsternis fochten und an wenigen Stellen die rohen Felsw├Ąnde beleuchteten. Leicht absch├╝ssig f├╝hrte der schmale Tunnel weiter in den Fels hinein, auf dem Galor gebaut war. Schlie├člich glaubte Ferren sich beinahe an seinem Ende zu befinden, wof├╝r sprach, dass sich der Verwesungsgeruch trotz seiner improvisierten Atemmaske ins Unertr├Ągliche gesteigert hatte.
Er glitt um eine letzte Biegung und sah sich am Ende des Stollens, wo auf engstem Raum vier finstere Gestalten damit besch├Ąftigt waren, ihre Spitzhacken unaufh├Ârlich im Stein zu versenken, um den Tunnel weiter zu vergr├Â├čern. Zwar sahen die Arbeiter auf den ersten Blick aus wie Menschen, doch musste der Leutnant alsbald feststellen, dass ihre Haut bereits verwest war und tiefe Fleischwunden in ihren K├Ârpern klafften.
Entgegen der weitl├Ąufigen Meinung, Untote bes├Ą├čen das Bestreben, allem Lebenden den Garaus zu machen, schienen sich diese vier Zombies reichlich wenig f├╝r den Eindringling zu interessieren.
Generell lie├č sich zwischen zwei Arten von Untoten unterscheiden: Den niederen, welche keinen eigenen Willen besa├čen und somit g├Ąnzlich ihrem Sch├Âpfer unterworfen waren, und den hohen, die immer noch ├╝ber einen freien Geist verf├╝gten, sehr m├Ąchtig, aber auch selten waren.
Ferren vermutete, dass der Nekromant, der f├╝r die Sch├Âpfung dieser Zombies verantwortlich war, ihnen lediglich den Befehl gegeben hatte, den Tunnel zu graben und sich ansonsten friedlich zu verhalten. Doch als er die untoten Kreaturen betrachtete, musste er erkennen, was in diesem Haus eigentlich vor sich ging. Hatte er hinter allem, was geschehenen war, noch die Planung eines nekromantischen Anschlags vermutet, fand er nun etwas Anderes, Gr├Â├čeres, Schlimmeres.
„Dieser Tunnel f├╝hrt aus Galor hinaus, unter dem Hauptwall hindurch. Die Todesanbeter arbeiten mit den Orks zusammen!“, die Erkenntnis str├Âmte durch seine Gedanken wie eine Sturmflut, „Sie k├Ânnten durch diesen Tunnel hinein und an allen Verteidigungen vorbei und die Todesanbeter…das ist gar nicht allein ihr Werk. Dieser Kerl vorhin hatte mit Thanatos gar nichts am Hut. Er war…da stecken noch andere dahinter!“
Sein Herz pochte durch seine Rippen und er war sich sicher, seine Beine w├╝rden explodieren, wenn er jetzt nicht losrannte, und genau das tat er. Den Stollen, war er auch recht lang, hatte er binnen Sekunden hinter sich gelassen. W├Ąhrend die Zombies gem├Ąchlich weiter auf den Stein eindroschen,┬á hechtete er die Treppe hinauf, st├╝rzte fast in den Flur, entsann sich der Wachen zu sp├Ąt und h├Ârte schon ihre Rufe in seinen Ohren.
„Wer ist da?
Ohne zu antworten, zog er sein Schwert, was die beiden Thanatoiker aus der K├╝che dazu verleitete, sich mit einem h├Âlzernen Schlagstock und einem Brotmesser zu bewaffnen.
„Eindringling!“, kreischte der mit dem Messer, wohingegen sein Kumpan sofort auf Ferren losst├╝rmte.
Dieser wehrte den ersten Abw├Ąrtshieb mit einer hohen Parade ab, bevor er seine Faust in der Magengegend seines Gegen├╝bers versenkte. Der Todesanbeter taumelte darauf benommen zur├╝ck, w├Ąhrend sich der n├Ąchste auf den Leutnant st├╝rzte, der jedoch den Reichweitenvorteil seiner Waffe ausnutzte und die Klinge im rechten Lungenfl├╝gel seines Feindes versenkte. Heftig prallte der schlaffe, blut├╝berstr├Âmte K├Ârper des Thanatoikers gegen ihn und schmetterte ihn so r├╝cklings gegen die Wand.
„Was soll das?“, br├╝llte eine dritte Person.
Nachdem er den Leichnam des Todesanbeters von sich gsto├čen hatte, konnte er die letzte Person erkennen, die sich im Flur befand. Es handelte sich um den xendorischen Soldaten, der bereits sein Breitschwert gezogen hatte.
Bevor dieser ihn jedoch erreichen konnte, setzte Ferren den zweiten Todesanbeter, der sich gerade wieder erheben wollte mit einem heftigen Tritt ins Gesicht, bei dem der Hinterkopf seines Gegen├╝bers gegen die Wand schmetterte, au├čer Gefecht.┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á
„Dieser Kerl war sowieso wertlos“, spottete der letzte.
Einen kurzen Moment lang standen er und Ferren sich einfach nur gegen├╝ber, um sich zu be├Ąugen. Ein ausgebildeter K├Ąmpfer der Xendor, das wusste er, w├╝rde eine gr├Â├čere Herausforderung werden, als die Thanatoiker es gewesen waren, eine t├Âdliche, wenn er Pech haben sollte.
Unvermittelt sprang der Soldat auf ihn zu, wobei er zugleich einen Abw├Ąrtshieb mit seinem Breitschwert ausf├╝hrte, dem er jedoch entging, indem er einen Satz zur├╝ck machte. Die Klinge fuhr in den Boden, wo sie eine der Bohlen zerschmetterte.
Blitzschnell setzte der Leutnant einen Ausfall nach vorne, um die offene Deckung seines Feindes zu nutzen. Dieser sah, dass er keine Zeit mehr hatte, sein Schwert wieder aus dem Parkett zu ziehen, weshalb er es loslie├č und zur├╝ckwisch.
Ferren verfehlte ihn zwar, legte aber ein ├╝berlegenes L├Ącheln auf, als er sah, dass er seinen Gegner auf taktische Art entwaffnet hatte.
„Ergibt dich! Leg dich auf den Boden und du ├╝berlebst“, rief Ferren dem Xendor zu, welcher sich hastig zu allen Seiten umsah, wobei er langsam zur├╝ckwich.
„Du ├Ąnderst nichts!“, zischte er pl├Âtzlich, riss einen Dolch hinter seinem R├╝cken hervor und schleuderte ihn.
Er sah nicht viel mehr als einen silbernen Strahl, dem┬á auszuweichen unm├Âglich war, bevor ein immenser Schmerz in seine Schulter stach und ihn in die Knie zwang.
Dann erkannte er nur noch, dass der Xendor ebenso schnell wie das Wurfgeschoss auf ihn zu kam, mit dem Kopf voran. Er wurde von der Wucht mitgerissen und gegen die hinter ihm liegende Wand geschmettert. Sein Schwert glitt ihm aus der Hand.  
Sekunden sp├Ąter steckte er einen rechten Haken gegen die Schl├Ąfe ein, welcher ihn fast in die Ohnmacht trieb.
Doch bevor sein Gegner ein weiteres Mal zuschlagen konnte, versenkte er seine Faust in dessen Unterleib. Kreischend wich der Soldat zur├╝ck, worauf Ferren ihm sofort gegen sein Standbein trat und ihn so zu Fall brachte. Mit einem markersch├╝tternden Schmerzensschrei riss er den Dolch aus seiner Schulter, wobei das Blut in einer Welle auf den Boden spritzte.
Sein Gegner versuchte derweil, zu seinem Schwert zur├╝ck zu robben, doch er hechtete hinterher, schmetterte ihn zu Boden, erhob sich ├╝ber seinen Kopf und f├╝hrte den Dolch an die Kehle des Xendor. Dieser krallte sich in seinen Unterarm, zerfetzte die Haut mit seinen gelblichen Fingern├Ągeln, biss sogar zu, als sich die Klinge ihm bedrohlich n├Ąherte.
Der Schmerz war so stark, dass Ferren die Waffe fallen lassen musste, doch nutze er seine freie Hand, um seinem Feind einen Schlag auf den Hinterkopf zu verpassen, der ihn mit dem Gesicht in die Bohlen schmetterte.
Erneut ergriff der Leutnant den Dolch und stach ihn in den Hals des Xendor, der sich noch einmal erhob, um dann mit einem letzten Ächzten auf den Boden zurückzusacken.
Ferren rollte sich wieder vom R├╝cken des Gefallenen herunter und blieb schweratmend auf den Dielen liegen, w├Ąhrend das Blut immer noch aus Schulter und Unterarm rann. Alles drehte sich um ihn her, sodass es beinahe so wirkte, als vollzogen die Staubk├Ârner im fahlen Licht ├╝ber ihm einen makabren Walzer, bei dem sie im Takt seines schwachen Herzschlags auf und ab tanzten.
„Ich kann hier nicht bleiben, nicht hier bleiben und verbluten“, keuchte er, nachdem er schon einige Zeit auf dem Boden gelegen hatte, „Steh auf!“
Langsam erhob er sich, wobei er feststellte, dass er sich in aufrechter Position besser f├╝hlte, als erwartet. Gem├Ąchlich schleppte er sich, das Schwert des Gefallenen hinter sich her schleifend, auf die T├╝r zu. Als er n├Ąher kam, konnte er Stimmen h├Âren, die durch das Holz der Pforte zu ihm drangen. Schnell hob er die Klinge, um sich in Angriffsposition zu bringen, auch wenn ihn das in einen t├╝ckischen Schwindelzustand versetzte.
Das Schloss klickte leise, die T├╝r wurde ge├Âffnet, das Licht blendete ihn und er sah nur die Silhouetten zweier M├Ąnner.
„Das ist Ferren.“
„Ferren?“, es war die Stimme des Hauptmanns.
„Blaek?“, fragte er, wobei er sich sch├╝tzend die Hand vor seine Augen hielt.
„Blaek…“, ein neuer Gedanke rann durch seinen Kopf, „Er hat die T├╝r nicht aufgebrochen. Er hat sie aufgeschlossen!“
„Du…“, keuchte er.
„Ferren!“, rief Blaek, in dessen Stimmfall pl├Âtzlich eine Note der ├ťberraschung lag, bevor er zu ihm her├╝bereilte, um ihn zu st├╝tzten, „Wie bist du hier hergekommen?“
„Spar die die Heuchelei!“, blaffte der Leutnant, nachdem er den zweiten Mann mit einem kurzen Blick als Novizen der Stadtwache identifiziert hatte.
W├Ąhrend Blaek noch verwundert das Maul aufriss, schmetterte Ferren seine Faust auf den bandagierten Oberschenkel seines Vorgesetzten, worauf dieser sofort aufschrie und zu Boden sackte.
„Dieser Bastard wird doch noch zu einem Problem“, zischte der Novize, w├Ąhrend er ihm einen Feuerball auf den Hals hetzte. Er wich ihm jedoch aus, sodass der Flammenblitz statt seines Kopfs die Wand neben ihm verkohlte.
Das Adrenalin hatte allen Schwindel von seinen Augen gefegt, allen Schmerz ertr├Ąnkt, und statt des schwachen Herzschlags schmetterte sein Blut wie ein Trommelwirbel in seinen Venen. Er selbst bestimmte nichts mehr, stattdessen griff alles wie automatisiert ineinander. Seine Beine trugen ihn, so schnell sie konnten ins Treppenhaus und eilten von dort aus bis aufs Dach hinauf, w├Ąhrend der Novize ihm hinterher rannte.
„Du durchkreuzt unsere Pl├Ąne nicht, Ferren!“, h├Ârte er Blaek noch hinter sich schreien.
Da er nicht glaubte, in seinem angeschlagenen Zustand eine Chance gegen den Novizen zu haben, sprintete er ├╝ber die angrenzenden D├Ącher bis an den Rand und sprang. Etwa einen Meter fiel er, bevor er unsanft auf einem niedrigeren Geb├Ąude aufkam.
Zwei Blitzbolzen zerschmetterten die Ziegel hinter ihm.
Von seinen Fehlschl├Ągen erz├╝rnt, verzichtete der Novize auf elementare Magie und gebrauchte die direkte. Sein unfehlbarer Zauber traf Ferren, worauf die Zeit f├╝r einen Moment stillzustehen schien, in der unglaubliche Kr├Ąfte an jeder Faser seines K├Ârpers zerrten.
Er versucht, sich dagegen zu stemmen, doch er war zu schwach, und dann ging alles rasend schnell.
Die Kr├Ąfte wurden so stark, dass sie ihn von den F├╝├čen rissen und vom Dach fegten wie ein einzelnes Blatt im Wind eines Orkans.
Er segelte ├╝ber die Br├╝stung, sah den Boden etwa vier Meter unter sich und dachte, dass nicht einmal mehr Zeit f├╝r ein letztes Gebet sein w├╝rde.
Dann jedoch prallte er mit dem Oberk├Ârper voran in die Krone eines Zierbaums, st├╝rzte durch das Ge├Ąst und landete langsam, aber unsanft auf der gepflasterten Stra├če.
Ein letztes Mal rappelte er sich auf, sodass es ihm gelang, in eine der angrenzenden Gassen zu fliehen, bevor der Novize die Kante des Daches erreichen konnte. Ersch├Âpft aber sicher st├╝tzte er sich gegen die sandbraune Fassade eines Hauses.
W├Ąhrend sein Herz bis zum Hals pochte, sickerte immer noch Blut aus seinen Wunden.
„Ich muss das verbinden und dann…Ariona! Ich muss sie aus dem Gef├Ąngnis holen. Narr, wie willst du das anstellen? Ich muss das verbinden, sonst verblute ich“, seine Gedanken ├╝berschlugen sich, bevor er sich wieder aufraffte und dem blutroten Sonnenuntergang entgegenhinkte.

Kapitel 4: Der Richter

44. Gr├╝nwalden. 52 n.V.
Lucian de Nord sa├č auf der begr├╝nten Terrasse einer Villa am Hafenviertel, welche direkt an das Meer grenzte, und blickte ├╝ber die Br├╝stung hinweg auf die gl├Ąnzend schwarze See. Nachdem er sein Weinglas auf dem marmornen Tisch abgestellt hatte, hob er den Blick auf die drei Schiffe, die ruhig im Wasser des Hafens trieben.
Ver├Ąchtlich l├Ąchelte er, w├Ąhrend er noch einmal rekapitulierte, was in den letzten zwei Stunden geschehen war.
Als er das tat, fiel ihm auf, dass es gar nicht viel war, zumindest nicht im Verh├Ąltnis zu den m├Âglichen Auswirkungen. Vor eben jenen zwei Stunden hatte ein Bote der Prinzessin Filiana dem Herzog eine pers├Ânliche Einladung ├╝berbracht, was dazu gef├╝hrt hatte, dass dieser sich innerhalb der n├Ąchsten halben Stunde aus der ledrianischen Botschaft gestohlen hatte. Lucian war darauf sofort in sein Palais am Hafen geritten, wo er nun schon seit einiger Zeit sa├č und gem├Ąchlich seinen Wein trank.
„Schwach“, kommentierte er in Gedanken, die Taten des Herzogs, „Und kindisch zugleich. Dieser Narr wird sich auch noch von ihr umgarnen lassen, bis er so eingesponnen ist, dass er die Wahrheit nicht mehr sehen kann. Wird er nachgeben?“, der Marquis lachte sp├Âttisch, „Oh ja, das wird er! Aber nein, dieses Spiel spielt sie nicht mit mir. Diese Rechnung geht nicht auf, denn niemand setzt sich ├╝ber mich hinweg! ├ťber Montierre vielleicht, aber nicht ├╝ber mich! Ich verliere nie!“, dann hob er die Stimme und begann zu schreien, „Unteroffizier! Schafft mir sofort Tymaleaux hierher!“
„Nat├╝rlich, Eure Hoheit“, gab ein ger├╝steter Soldat zur├╝ck, der bislang am Rande der Terrasse Wache gehalten hatte, worauf er sich entfernte.
Wenig sp├Ąter kehrte er in Begleitung eines recht massigen Mannes zur├╝ck, dessen dunkelblaues Samtjackett einige Weinflecken aufwies.
„Tymaleaux, Tymaleaux“, lachte Lucian freundlich, w├Ąhrend sein Gegen├╝ber langsam ├╝ber die Terrasse zu ihm hin wankte, „Was sollen die Leute blo├č von meinem Heerf├╝hrer halten?“
„T‘schuldigt, Eure Hoheit. Ich komme gerade aus dem…“, begann Tymaleaux, wobei er sich seine verfilzten, goldblonden Haare aus der pockennarbigen Stirn wischte.
„Danke, aber so genau will ich das gar nicht wissen“, gab der Marquis zur├╝ck.
„Nat├╝rlich nicht. Verzeiht“, sein Gegen├╝ber verbeugte sich, „Wie kann ich dienlich sein?“
„Wenn ich dir nun den Befehl geben w├╝rde, die Schiffe zu verbrennen, wie lange w├╝rde das dauern?“, fragte de Nord.
„Meint Ihr, bis sie brennen oder bis sie verbrannt sind?“
„Sagen wir, es reicht, wenn sie brennen.“
„Wir haben letzte Nacht schon alles vorbereitet. Wenn nicht wieder einer dieser Idioten auf seinem Posten einschl├Ąft, dann steht alles in weniger als einer Minute in Flammen…wenn Ihr es w├╝nscht.“
„Exzellent“, lobte der Marquis, „Nun h├Âr zu: Sollte der Herzog den Befehl geben, die Truppen aus dem Hafen abzuziehen, wirst du daf├╝r sorgen, dass von den Schiffen nicht mehr als ein Haufen auf dem Meer treibender Asche zur├╝ckbleibt.“
„Es wird mir ein Vergn├╝gen sein“, best├Ątigte Tymaleaux, w├Ąhrend seine volumin├Âsen Wangen sich langsam rot f├Ąrbten, „Aber sagt, Eure Hoheit, w├Ąre das nicht Hochverrat?“
„Nicht, wenn ich es dir vorher befehle“, zischte Lucian.
„Ihr setzt Euch also ├╝ber den Herzog hinweg?“
„Ich tue das nicht gerne, aber es muss sein“, erkl├Ąrte der Marquis, „Nun geh und sorge daf├╝r, dass alles reibungslos abl├Ąuft.“
„Nat├╝rlich“, gab Tymaleaux zur├╝ck, bevor er sich verbeugte und zur├╝ckzog.
De Nord verweilte an seinem Tisch und genoss den trockenen, roten Wein.

Leutnant Raham marschierte gefolgt von einem Speertr├Ąger der delionischen Wache durch das n├Ąchtliche, iskatische Viertel, wo er in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden Steckbriefe, die das Gesicht Ferrens zeigten, an H├Ąuserw├Ąnde schlug. Die Anklage lautete auf Mord, Insubordination, Behinderung der Ermittlungen, Angriff auf die Stadtwache und zu guter Letzt auf Hochverrat. Das Kopfgeld war so l├Ącherlich hoch, dass es den Leutnant zu der ├ťberlegung verleitete, ob in seiner Dienstzeit ├╝berhaupt schon einmal eine derart gro├če Summe ausgestellt worden war.
„Wo sollen wir noch einen anbringen?“, fragte der den Speertr├Ąger, nachdem er einen Steckbrief an einen Baum genagelt hatte, der in der Mitte eines kleinen Platzes emporwuchs.
„Moment“, gab der Soldat zur├╝ck, worauf er eine Liste aus seiner Tasche kramte, „Zwei Gassen weiter ist ein Brunnen.“
„Sehr sch├Ân“, st├Âhnte Raham, wobei er den Hammer zur├╝ck in eine Lasche an seinem G├╝rtel steckte und weiter ging.
W├Ąhrend er durch die dunklen Gassen zog, fragte er sich, was Ferren wohl dazu verleitet hatte, doch bevor er eine Antwort fand, wurde er von der schieren Surrealit├Ąt der Situation ├╝berw├Ąltigt.
„Ferren bringt keine Leute um. Gut er mag etwas hitzk├Âpfig gewesen sein, aber er ist doch kein Todesanbeter. Er hat die Kerle immer verachtet, hat immer das getan, was er sollte, und er ist vor allen Dingen kein M├Ârder!“, dachte er, „Und dann ist da Blaek, der auf einmal Gefangene fast zu Tode pr├╝gelt. Irgendwie passt hier gar nichts mehr.“
Schlie├člich war der Brunnen erreicht, der sich in Mitten eines kleinen Rondells befand.
„Wie viele noch?“, fragte Raham, w├Ąhrend er sich daran machte, einen Nagel in den Fugen des oberen Brunnenteils zu versenken.
„Noch sechs“, antwortete der Soldat. Dann ert├Ânte ein recht dumpfes Schlagen von Holz auf Metall, das den Leutnant dazu verleitete, sich umzudrehen.
Was er sah, f├╝hrte dazu, dass er die Augen weit aufriss.
Etwa zwei Meter vor ihm lag der Speertr├Ąger der L├Ąnge nach auf dem Boden, w├Ąhrend s ein kleines Rinnsal roten Bluts durch die Fugen zwischen den Pflastersteinen sickerte. Hinter dem ohnm├Ąchtigen Wachmann erhob sich, einen h├Âlzernen Schlagstock in der Hand haltend, Ferren.
Raham lie├č reglos seinen Blick auf ihn sinken. Blutdurchdrungene Bandagen verunzierten Schulter sowie Unterarm und die Art, wie er sich gegen die Hauswand neben ihm st├╝tzte, verriet, dass seine Kr├Ąfte sich dem Ende entgegenneigten. Eine Zeit lang standen sie sich beide gegen├╝ber, der eine mit der Hand auf dem Schwert griff, der andere mit gehobenem Schlagstock.
Schlie├člich war es Raham, der seine Hand locker zum Gru├č hob, worauf auch Ferren seine Waffe senkte.
„Dachte doch, dass du vern├╝nftig bist“, lachte der angeschlagene Leutnant.
„Vern├╝nftig?“, spottete Raham, „Wenn ich wollte, k├Ânnte ich dich festnehmen, in deinem Zustand.“
„Aber du tust es nicht“, entgegnete Ferren, „Das nenne ich vern├╝nftig.“
„Ja. Denn ich glaube wirklich nicht, dass du getan hast, wof├╝r Blaek dich anklagt.“
„Nun, da muss ich dich entt├Ąuschen. Die meisten Sachen davon habe ich wirklich getan.“
„Was?“, keuchte Raham, worauf seine Hand sofort wieder zum Schwertgriff schnellte.
„Keine Sorge“, beschwichtigte Ferren, „Ich hatte einen guten Grund.“
Damit begann er zu berichten, was geschehen war, nachdem er Raham verlassen hatte. Er erz├Ąhlte von dem Versteck der Todesanbeter, von den Untoten, vom Tunnel, von den K├Ąmpfen, von Blaeks Verrat und seiner Flucht, w├Ąhrend Raham zugleich ihn dar├╝ber informierte, was sich auf der Wache ereignet hatte.
„Er hat sie gefoltert?“, schrie Ferren, nachdem er von Arionas Schicksal erfahren hatte.
„Ja…das hatte er“, best├Ątigte Raham matt.
„Wir m├╝ssen etwas unternehmen!“
„Das steht au├čer Frage. Ich habe nur keine Ahnung, wie wir gegen Blaek ankommen sollen. Du bist ein gesuchter Verbrecher, in einem, sagen wir, unguten k├Ârperlichen Zustand, und ich nur ein einfacher Leutnant. Blaek ist der Hauptmann der Wache. Gut, er hat sich in letzter Zeit einiges geleistet, aber seine Befehle werden immer noch befolgt.“
„Wir m├╝ssen Ariona erst mal aus dieser Todesfalle befreien. Dann sehen wir weiter.“
„Und wie willst du das anstellen?“
„Ich?“, lachte Ferren, „Wie sollte ich denn in die Wache kommen? Du musst das machen.“
„Warum war das klar…“, seufzte Raham, „Ich sehe ja ein, dass du sie nicht in Blaeks N├Ąhe haben willst, aber ich kann sie ja schlecht aus den Kerkern rausholen, die von zwei Dutzend delionischen Soldaten bewacht werden.“
„Die dir nichts tun werden“, erwiderte sein Gegen├╝ber, „Wenn Blaek seine Schicht beendet, wirst du den Kerker betreten und Ariona einfach hinausf├╝hren. Den Wachen sagst du, dass sie in ein Magiergef├Ąngnis der Iskaten verlegt wird, weil wir nicht gen├╝gend Zauberer haben, um sie im Zaum zu halten.“
„Das klingt zu einfach, als dass es wirklich funktionieren k├Ânnte. Wahrscheinlich hat Blaek einen Verr├Ąter als Wache vor ihrer Zelle abgestellt.“
„Wir m├╝ssen es versuchen! Eine andere Chance haben wir nicht!“
„Also gut. Mal angenommen, ich schaffe es, Ariona da raus zu bringen, wie soll es dann weitergehen?“
„Du schaffst sie erst mal zur Taverne Blut und Bier, ich werde dort auf euch warten.“
„Blaek wird die Wachen verzehnfachen, wenn er davon Wind bekommt.“
„Bis dahin m├╝ssen wir aus der S├╝dstadt raus“, erkl├Ąrte Ferren.
„Die finden dich auch in den anderen drei Bezirken“, dementierte Raham.
„Nicht im Hafen.“
„Der Hafen? Gute Idee, wenn da nicht noch die ledrianischen Soldaten w├Ąren, die den Befehl haben, jeden zu t├Âten, der den Hafen betreten will.“
„Die Ledrianer erwarten, dass sie von eine gr├Â├čeren milit├Ąrischen Einheit angegriffen werden. Sie versuchen nicht, den Hafen gegen Einzelpersonen abzuriegeln.“
„Wie du meinst“, murmelte Raham, w├Ąhrend er langsam hin und her wanderte, „Aber das ist deine Sache. Ich muss Ariona ja nur aus den Kerkern holen und sie zum Blut und Bier schaffen.“
„Korrekt“, best├Ątigte Ferren, „Wenn alles glatt l├Ąuft, bekommst du dabei nicht einmal Schwierigkeiten.“
Sein Gegen├╝ber zischte: „Sch├Ân w├Ąr’s.“
Ein bitteres L├Ącheln und einen kurzen H├Ąndeschlag sp├Ąter hatten sich die beiden schon wieder getrennt.
W├Ąhrend Ferren durch die Gassen zum Blut und Bier schlich, waren seine Gedanken leer; alle Sinne, alle Reserven darauf konzentriert, nicht aufzufallen und den Kontakt mit Wachen zu vermeiden. Er schlich um eine Ecke, hastete ├╝ber die n├Ąchste Kreuzung, ein banger Blick ├╝ber die Schulter, ein weiterer Schritt in Richtung der Kneipe, das alles wiederholte sich etliche Male und doch glaubte er, als er den Platz vor dem Blut und Bier endlich erreicht hatte, gerade erst losgegangen zu sein.
Seine brennenden Lungen sprachen gegen diese Theorie und verlangten eindringlich nach ein wenig Erholung.
Er lie├č sich auf eine der steinernen B├Ąnke sinken und pl├Âtzlich brach die Ersch├Âpfung wie eine Sturmflut ├╝ber ihn hinein. Ein jeder Muskel zerrte, bettelte um Entspannung, die Augen brannten, sehnten sich nach Dunkelheit, der Geist suchte Erl├Âsung von den fieberhaften Tr├Ąumen der letzten Stunden.
Als der Gebetsruf eines Mondkultisten von einem der anliegenden D├Ącher erschallte, wurde Ferren wieder aus seiner Trance gerissen.
„Ist das wirklich einen Tag her? Habe ich wirklich gestern noch auf meinem Balkon gesessen, ein Bier getrunken und einen Brief geschrieben? Wo bin ich eigentlich? Was mache ich hier? Ich kann doch kein gesuchter Verbrecher sein, das alles kann doch gar nicht passiert sein. Nicht an einem Tag“, seine Gedanken rasten, „Doch, du Narr! Das ist passiert. Und du steckst mitten drin. Ich…stecke mitten drin. Ich und Raham und Ariona. Ariona…“
F├╝r einen Moment lang schienen seine Gedanken zu schweigen, sodass es still war in seinem Kopf.
W├Ąhrend V├Âgel zwitscherten und Grillen zirpten, wurde ihm klar, dass dies nicht mehr dieselbe Stadt war, in die er vor Monaten geflohen war, dass das Pflaster nicht mehr dasselbe war, ├╝ber das er gestern noch spaziert war, und er war nicht mehr derselbe Mensch, seit er in ihre bernsteinfarbenen Augen geblickt hatte.
„Verdammt, Raham! Wo steckst du?“
Er erhob sich, um sich umzusehen.
„Nein, das geht furchtbar schief! Sie haben ihn aufgehalten. Blaek wird daf├╝r gesorgt haben, dass sie niemand raus holen kann. Und ich schicke Raham auch noch da rein. H├Âhle des L├Âwen, verdammt. Das funktioniert nicht, kann nicht funktionieren.“
Die Zeit verging wie Teer. Die Grillen zirpten weiter, w├Ąhrend die Gebete der Mondkultisten verhallten und die V├Âgel weiter zogen. Obgleich die Muskeln des Leutnants gerade noch nach Ruhe geschrien hatten, waren sie nun zum Zerrei├čen gespannt, dass sie ihn zwangen, umherzuwandern wie ein kopfloses Huhn. Ruhelos irrte er ├╝ber das Pflaster, wobei er seine Blicke stets zum Rand des Platzes warf, um dort die Kegel der ├ľllampen nach Bewegungen abzusuchen.
Obwohl die Sonne schon seit mehr als einer Stunde untergegangen war, herrschte doch eine unertr├Ągliche Schw├╝le und der gnadenlose Wind erbarmte sich keiner B├Âe┬á
Dann jedoch entdeckten Ferrens Augen zwei Gestalten, die langsam zwischen den Lichtkegel hindurchschlichen.
Sein Herz pochte durch seinen Brustkorb, als sie sich der Bank n├Ąherten, vor der er stand.
Schlie├člich waren sie ihm so nah, dass er sie erkennen konnte, und ein einziger Blick brachte die Erl├Âsung, nach der sich K├Ârper und Geist so gesehnt hatten. Vor ihm standen Raham und Ariona, die beide ziemlich mitgenommen aussahen. Arionas Blessuren stammten noch von der Folter, der Blaek sie unterzogen hatte, w├Ąhrend Raham sich seine Wunden, wie Ferren in dem darauffolgenden Gespr├Ąch erfuhr, in einem Kampf mit dem Novizen zugezogen hatte, der darauf bestanden hatte, ihn und Ariona zu begleiten.
„Dieser Hundesohn wird daf├╝r bezahlen, dass er dir das angetan hat“, zischte Ferren, nachdem er voller Entsetzten┬á Arionas geschwollenes und mit Bluterg├╝ssen ├╝bers├Ątes Gesicht erblickt hatte.
„Ich…gestern sa├č ich noch am Strand und habe…gefeiert. Jetzt bin ich…hier, auf der Flucht“, stotterte sie.
„Wir kommen da raus“, versprach Ferren, „Sobald wir im Hafen sind, ist das alles vorbei.“
„Ich zerst├Âre eure Illusionen ja nur ungern“, wandte Raham ein, „Aber eure Flucht ist nicht alles. Wenn die Todesanbeter wirklich einen Tunnel aus Galor heraus graben wollen, dann m├╝ssen wir sie aufhalten! Im ├ťbrigen kann ich gleich mitkommen. Sobald der Novize wieder zu sich kommt und die rauskriegen, was ich gemacht habe, bin ich genauso ein Verbrecher wie ihr.“
„Wir k├Ânnten zu den Ledrianern gehen“, schlug Ariona vor, „Sie hassen die Todesanbeter.“
„Ja, leider hassen sie aber auch die Delioner“, merkte Raham an, „Die helfen uns ganz sicher nicht.“
„Wenn wir es bis ins Nordviertel schaffen, k├Ânnen wir es dem Rat melden. Der unternimmt bestimmt etwas“, erwiderte Ferren, „Aber erst mal m├╝ssen wir in den Hafen, bevor Blaeks Bluthunde uns finden.“
Darauf gab es allgemeine, wenn auch recht verhaltene Zustimmung.
Die drei debattierten noch einige Zeit dar├╝ber, wie genau sie es anstellen sollten, ins Hafenviertel zu gelangen, wobei sich schlie├člich die urspr├╝nglich von Raham stammende Idee durchsetzte, zwischen den Br├╝cken durch den Baskat zu schwimmen und auf der anderen Seite die Befestigungen zu erklimmen, ohne dass die Ledrianer davon Wind bekamen.
Dies gestaltete sich zun├Ąchst als durchaus einfach, was haupts├Ąchlich der schlechten Wasserversorgung im S├╝dviertel zu verdanken war. Dieses besa├č n├Ąmlich im Gegensatz zum n├Ârdlichen und mittleren Bezirk keine Kanalisation oder Wasserleitungen, weshalb man in die steinerne Befestigung des Baskatstroms kleine Becken eingelassen hatte, in denen die B├╝rger des S├╝dviertels sich oder ihre Kleider waschen konnten. So war es relativ leicht, den Fluss zu erreichen.
Als Ferren jedoch aus dem Becken hinausschwamm, musste er feststellen, dass der Strom wesentlich heftiger an ihm riss als erwartet. Zudem gab es an der gegen├╝berliegenden Befestigung keinen Ansatzpunkt, an dem ein Hinaufklettern m├Âglich gewesen w├Ąre.
„Verdammt!“, br├╝llte Ferren, w├Ąhrend er ausgiebig rudernd versuchte, gegen die Str├Âmung anzuk├Ąmpfen.
„Ich f├╝rchte, Ariona wird das in ihrem Zustand nicht schaffen“, wandte Raham ein.
„Was ich schaffe und was nicht, bestimme immer noch ich selbst“, brummte sie.
„Selbst wenn“, keuchte Ferren, „Wir kommen nie wieder aus diesem verdammten Fluss raus.“
„Falls ich es r├╝ber schaffe, kann ich uns mit Magie die Br├╝stung hoch bringen“, schlug die Novizin vor.
„Dann hilf ihr r├╝ber, Raham.“
„Schon klar“, seufzte dieser, worauf er Seite an Seite mit ihr ebenfalls in den Fluss sprang. Tats├Ąchlich musste er einiges an Kraft aufwenden, um Ariona, deren k├Ârperlicher Zustand ziemlich schlecht war, ├╝ber Wasser zu halten.
Auf halber Strecke kam ihnen Ferren entgegen, mit dessen Hilfe sie es dennoch auf die andere Seite schafften.
„Haltet euch an mir fest“, wies Ariona die beiden Soldaten an, worauf diese gleichsam ihre Taille umschlangen.
Anschlie├čend warf sie ein magisches Seil aus bl├Ąulichem Licht an den oberen Rand der Befestigung, das sie langsam verk├╝rzte, um sich und die beiden anderen nach oben zu ziehen. Zwar war es f├╝r Ferren und Raham mehr als schwierig, sich an Arionas zierlicher Statur festzuhalten, jedoch gelang es ihnen tats├Ąchlich, die Br├╝stung zu ├╝berwinden.
Oben angekommen st├╝rzten sie allesamt keuchend und nass auf das Pflaster.
Dann geschah alles rasend schnell.
Raham sah nur noch, wie eine dunkle Gestalt ├╝ber ihn hinwegsegelt, auf Ariona landete und diese zu Boden dr├╝ckte. Von irgendwoher tauchte ein vollger├╝steter, ledrianischer Soldat auf, der einen Tritt gegen Ferrens Kinnlade schmetterte, was diesen sofort au├čer Gefecht setzte.
„Hey, ich ergebe mich!“, rief er, w├Ąhrend immer mehr Ledrianer in ihren silbergl├Ąnzenden R├╝stungen auftauchten.
„Ist auch besser so, delionischer Saboteur!“, entgegnete ein grobschl├Ąchtiger Mann, den Raham aufgrund des dunkelblauen Federbuschs auf seinem schweren Helm f├╝r einen Offizier hielt. Einen Augenblick sp├Ąter wurde er von zwei Soldaten gepackt, ein Lederriemen band seine H├Ąnde zusammen, so fest, dass er ins Fleisch schnitt.
„Schafft sie weg!“, befahl der Offizier, worauf die ├╝brigen Soldaten Ariona, Ferren und Raham durch einige der angrenzenden Gassen schleiften, bis sie ein gr├Â├čeres Haus erreichten, dessen Fassade zwei ledrianische Banner zierten.
Grob stie├č man ihn durch die Eingangshalle.
„In den Keller!“
Ein Soldat ├Âffnete eine T├╝r, man schubste ihn hindurch, schleuderte Ariona und Ferren hinterher. Er st├╝rzte eine h├Âlzerne Treppe hinab, in einen dunklen, feuchten Gang mit rohen Steinw├Ąnden, an den hinter rostigen Gittern einige Lagerzellen grenzten. Die Soldaten kamen sofort hinterher, ├Âffneten eine Zelle, dr├Ąngten ihn hinein, schleiften auch Ariona und Ferren durch die T├╝r.
Dann ├Âffnete man ihm die Fesseln, allerdings nur, um sie anschlie├čend durch einen eisernen Ring in der Wand zu ziehen und sie wieder festzubinden. Ferren und Ariona wurden ebenfalls angebunden, sodass sie wie nasse S├Ącke an der Wand hingen.
„Zwei Mann bleiben hier! Ich werde bald mit dem Marquis zur├╝ck sein“, rief der Offizier, worauf alle au├čer zwei Speertr├Ąger den Keller wieder verlie├čen.
„Das lief ja gut“, schnaubte Raham, dem jedoch niemand Geh├Âr schenkte, da Ariona und Ferren immer noch ohnm├Ąchtig waren, w├Ąhrend die Wachen ihn absolut nicht beachteten.
In den n├Ąchsten Minuten zermarterte sich der junge Leutnant den Kopf ├╝ber seine Aussichten.
„Bestenfalls sperrt man uns nur ein“, hoffte er, „In Ledria und Serpendria wird dummerweise fast jedes Vergehen mit dem Tode bestraft.“
Schlie├člich ert├Ânten wieder Schritte auf der h├Âlzernen Treppe und wenig sp├Ąter tauchten zwei weitere Personen auf dem Hauptgang vor der Zelle auf. Dabei handelte es sich um den h├╝nenhaften Offizier, der bei ihrer Gefangennahme das Kommando gef├╝hrt hatte, sowie Lucian de Nord, der einen langen, ledernen Mantel ├╝ber dem ledrianischen Wappenrock trug.
„Das“, begann der Marquis, nachdem er die drei Gefangenen kurz taxiert hatte, mit ruhiger, aber dennoch stechender Stimmlage „sollen also die Saboteure sein, deren Gefangennahme Euch dazu veranlasst hat, von einem delionischen Angriff auf den Hafen auszugehen, Vigard?“
„Nun ja, sie haben versucht, sich in den Hafen zu schleichen, edler Herr“, gab Leutnant Vigard zur├╝ck.
„Bei Gott, ein verwundeter Offizier, eine zusammengeschlagene Novizin und dieser H├Ąnfling stellen doch keine Gefahr f├╝r uns dar.“
„Nat├╝rlich nicht. Ich hatte nur bef├╝rchtet, es k├Ânne sich um eine Art Vorhut handeln oder ein Ablenkungsman├Âver. Daher rief ich Euch, edler Herr.“
„Scheinbar hatte ich Euch aufgetragen, mir jede Unregelm├Ą├čigkeit zu melden?“, fragte de Nord, w├Ąhrend er sich eine Zigarette ansteckte.
„Das hattet Ihr“, best├Ątigte Vigard.
„Gut. Schafft sie nach oben! Ich gedenke, mich ein wenig mit ihnen zu unterhalten“, sagte Lucian, bevor er sich umdrehte und den Keller verlie├č.
„Nat├╝rlich“, gab der Unteroffizier zur├╝ck, worauf er den beiden Speertr├Ągern ein Handzeichen gab. Diese begannen darauf, die Gefangenen einzeln nach oben zu f├╝hren beziehungsweise zu schleifen, wobei sie sich zuletzt um Raham k├╝mmerten. Man f├╝hrte ihn in einen verrauchten Speisesaal, in dessen Mitte sich eine lange Tafel aus dunklem Holz erstreckte. Der Raum wurde scheinbar von den ledrianischen Wachen als Kantine genutzt, weshalb eine ganze Menge von ihnen anwesend war.
Ferren und Ariona hatte man auf zwei der h├Âlzernen Lehnst├╝hle gesetzt, wo sie von den Soldaten wie Marionetten aufrecht gehalten wurden. Auch Raham presste man geradezu in einen der Stuhl, wo er jedoch ohne weitere Fixierung verbleiben durfte.
Als der Marquis eintrat, wurde es pl├Âtzlich totenstill, ein jeder Soldat nahm Haltung an. Der Koch, welcher ebenfalls den ledrianischen Wappenrock trug, eilte sofort herbei, um dem Marquis Wein anzubieten, den dieser jedoch mit einem einfachen Handwink ablehnte. Stattdessen wandte er sich an Vigard:
„Gebt ihnen den Azurgeist.“
„Edler Herr, meint Ihr nicht, wir sollten vorsichtig sein, was die Novizin angeht…“
„Habt Ihr etwa Angst, Vigard?“, lachte de Nord, „Ich glaube, es w├Ąre vermessen, diese Novizin zu f├╝rchten. Den Azurgeist, na los!“
„Nat├╝rlich, edler Herr“, sagte der Unteroffizier devot, worauf er die Wachen Ferrens und Arionas damit instruierte, diesen den Mund zu ├Âffnen. Anschlie├čend lie├č er sich vom Koch eine halbleere Phiole ├╝berreichen, deren Inhalt in einem tiefen Azurblau strahlte.
Bei der Azurgeist genannten Fl├╝ssigkeit handelte es sich um ein alchemistisches Elixier, welches die Macht besa├č, k├Ârperliche und geistige Kr├Ąfte in enormer Geschwindigkeit zu regenerieren. Dies zeigte sich, als Ferren sofort die Augen aufschlug, nachdem Vigard ihm nur einen einzigen Tropfen in den Rachen gegossen hatte. Ariona widerfuhr dasselbe Schicksal.
„Wo…wo bin ich?“, keuchte Ferren, w├Ąhrend sie sich nur mit funkelnden Augen umsah.
„Dort, wo Ihr hinwolltet, wie ich sch├Ątze. Im Hafenviertel Galors“, antwortete Lucian, „Ich bin…“
„Marquis de Nord“, vollendete Ferren.
„Ganz recht“, lachte dieser, „Ich habe das Gef├╝hl, Euch schon einmal begegnet zu sein. Allerdings erachtete ich Euch augenscheinlich als nicht wichtig genug, mir Euren Namen zu merken.“
„Leutnant Ferren.“
„So? Nun, ich muss gestehen, es interessiert mich reichlich wenig, wer ihr seid. F├╝r mich ist lediglich von Bedeutung, was ihr in meinem Viertel zu suchen habt.“
„Eurem Viertel?“, ├Ąchzte Ariona, „Galor geh├Ârt…“
„Maul halten!“, blaffte einer der Soldaten.
„Vielleicht nicht die beste Ausdrucksweise, aber im Kern doch sehr passend“, kommentierte Lucian, „Was f├╝hrte euch also her, in diesen Teil Galors, in dem ihr doch augenscheinlich nicht willkommen seid? Zumal in diesem Zustand.“
„Wir wurden Opfer einer Intrige“, begann Ferren.
„Intrige?“, lachte de Nord, „Nun, das wundert mich nicht. Immerhin wei├č jeder Mensch der Alten K├Ânigreiche, dass den Angeh├Ârigen der Oppositionsstaaten die Ehre fremd ist.“
„Ihr glaubt uns also?“, wollte Raham wissen.
„Nein, aber eure Geschichte ist sicherlich am├╝sant. Fahrt also fort!“
Damit begannen Ferren und Ariona, dem Marquis all das zu erz├Ąhlen, was sich an diesem einen Tag ereignet hatte, angefangen bei der Entlarvung des Okkultisten Ysil bis hin zur Flucht aus dem S├╝dviertel. De Nord folgte geradezu gebannt ihren Worten, lie├č sich trockenen Wein bringen, als Ariona von ihrer Folter berichtete, und lachte lauthals bei der Beschreibung des Kampfes, den Ferren gegen Blaek ausgetragen hat.
„Am├╝sant, wie ich bereits vermutet hatte“, sagte er schlie├člich, wobei er die H├Ąnde faltete.
„Es ist die Wahrheit!“, zischte Ariona.
„Nun, es mag euch vielleicht ├╝berraschen, aber ich glaube euch in der Tat. Obgleich es sehr verwunderlich scheint, dass ein Delioner derartige Heldentaten vollbracht haben soll. Ihr sagtet, das Haus mit dem Tunnel befinde sich im delionischen Viertel?“
„Ja…das ist wahr“, stammelte Ferren.
„Es k├Ânnte m├Âglicherweise zu Komplikationen kommen, aber das werde ich wohl in Kauf nehmen m├╝ssen“, sagte der Marquis mehr zu sich selbst, bevor er sich an den Unteroffizier wandte, „Vigard, stellt mir eine Truppe der zehn besten M├Ąnner zusammen, die in diesem Viertel stationiert sind, und lasst mein Ross satteln!“, er drehte sich wieder zu Ferren, „Ihr werdet uns zu diesem Haus f├╝hren, auf dass wir die Pl├Ąne unseres Feindes durchkreuzen k├Ânnen. Seid allerdings gewarnt. Ich glaube euch zwar, sollte sich aber herausstellen, dass ihr mich bel├╝gt, m├╝sste ich auf den Artikel der Ehrennotwehr zur├╝ckgreifen. Ich nehme an, ihr seid f├Ąhig, euch auszumalen, wie das f├╝r euch ausgehen w├╝rde.“
„Nat├╝rlich“, schluckte er.
„Sch├Ân. Ich denke, ihr solltet euch ein wenig ausruhen. Martin hier“, Lucian deutete auf den Koch, „wird Euch als G├Ąste bewirten, wie es in unserer Heimat ├╝blich ist. Die Truppen sollten wohl in einer halben Stunde einsatzbereit sein. Ich empfehle mich bis dahin.“
Mit diesen Worten verlie├č der Marquis zusammen mit Vigard und einigen anderen Soldaten die Kantine, sodass letztlich nur noch die drei Gefangenen, der Koch Martin sowie drei Wachen zur├╝ckblieben.
„Wohlan. Ihr seht hungrig aus“, rief Martin, „Ich nehme an, hier hat niemand etwas gegen Fasan einzuwenden?“
„Fasan?“, keuchte Ariona, „Die Ledrianer versorgen ihre Soldaten mit Fasan? Habt Ihr im Entferntesten eine Ahnung, wovon ich mich in den letzten Monaten…“, an dieser Stelle war Raham so geistesgegenw├Ąrtig, sie zu unterbrechen:
„Kommt der Fasan aus Ledria oder Serpendria?“
„Serpendria“, gab Martin zur├╝ck, „Unsere Waffenbr├╝der waren so freundlich, uns w├Ąhrend der Besetzung mit Essen und Getr├Ąnken zu versorgen. Apropos Getr├Ąnke…ich habe hier noch einen ├Ąu├čerst guten Chateau Travelle…"

W├Ąhrend die drei sich von Martin bewirten lie├čen, sa├č Herzog Jean Montierre an einem kleinen, runden Steintisch auf dem recht gro├čen Balkon der xendorischen Botschaft, genoss die angenehm k├╝hle Nachtluft und wartete auf Prinzessin Filiana.Diese erschien wenig sp├Ąter in einem langen, silbrigen Kleid aus feinster Seide.
„Verzeiht, Herzog, dass ich Euch warten lie├č. Ich hatte Eure Ankunft erst am morgigen Tage erwartet“, sagte sie.
„Oh, ich habe gerne gewartet, Eure Hoheit“, gab Montierre zur├╝ck, wobei er aufstand und sich verbeugte, „Falls dieser Zeitpunkt Euch ungelegen sein sollte, kann ich gerne morgen zur├╝ckkehren.“
„Nein, bleibt nur, Herzog. Je eher desto besser“, sie nahm Platz, worauf auch er sich wieder setzte, „Kann ich Euch etwas anbieten? Wein, Tabak?“
„Oh, ich bin zu Dank verpflichtet, Eure Hoheit. Doch nichts der Gleichen.“
„Ihr seid ein bescheidener Mann, Jean Montierre. Ganz im Gegensatz zu Eurem Vertrauten de Nord, wie mir scheint.“
„Der Charakter des Marquis mag den einen oder anderen Makel aufweisen, jedoch verh├Ąlt er sich ebenso, wie man es von einem ledrianischen Adligen erwartet. Und wenn er zu seinem Wort auch nur aus Hochmut steht, er steht dazu, und das ist in Galor schon mal etwas Gutes.“
„Und doch schien mir in all seinen Geb├Ąrden mehr zu liegen als die Arroganz eines einfachen Adligen, viel mehr die W├╝rde eines K├Ânigs.“
„Ein K├Ânig ist er wahrlich nicht. Ich muss gestehen, bevor ich ihn kannte, hatte ich noch nie von der Familie de Nord geh├Ârt“, berichtete der Herzog, „Aber das mag nichts hei├čen. Ich belege daheim keine besonders wichtige Position am K├Ânigshof. In den f├╝nfundsiebzig Jahren meines Lebens war ich kaum zehn Mal in Velorien.“
Das Alter des Herzogs war in Bezug auf sein durchaus jung wirkendes ├äu├čeres nicht sonderlich erstaunlich, da Menschen der Gebrochenen Welt durchschnittlich zweihundert Jahre alt wurden, obwohl ein Jahr der gebrochenen Welt 408 Tage besa├č, und sich das Alter auf das ├äu├čere eines jeden Kalatariers anders auswirkte. So ver├Ąnderten sich manche vom drei├čigsten bis zum hundertf├╝nfzigsten Lebensjahr absolut nicht, w├Ąhrend andere schon mit dem f├╝nfzigsten starke Alterserscheinungen zeigten.
Jedoch wurde auch von Menschen berichtet, die ├╝ber dreihundert Jahre im Diesseits verweilt hatten.
„Allerdings“, fuhr Montierre fort, „hoffe ich, dass de Nord nicht der Grund Eurer Einladung war.“
„Nein, das war er in der Tat nicht“, gab die Prinzessin mit einem verlegenen L├Ącheln zur├╝ck, „Allerdings tat auch er etwas zu diesem Treffen dazu, denn es sind seine Worte, die ich gerne aus Eurem Mund h├Âren w├╝rde. Ich weigere mich n├Ąmlich, zu glauben, dass sie den Euren entsprechen, Herzog.“
„Ich hatte bereits bef├╝rchtete, dass Euch unsere Ziele nicht gefallen w├╝rden, Eure Hoheit.“
„Nicht gefallen?“, keuchte Filiana, „Montierre, Ihr und der Marquis setzt euch ├╝ber alles hinweg, was in Galor einmal Bedeutung hatte! Sollte nun selbst die Stimme des Rates, meine Stimme, nicht mehr von Belang sein?“
„Nein, nat├╝rlich…Eure Hoheit, Eure Stimme ist stets von Belang“, versicherte der Herzog.
„Dann h├Ârt auch auf sie!“, rief Filiana, „Herzog, wie k├Ânnt Ihr, wie k├Ânnt Ihr f├╝r die Hoffnung auf einen Lohn im Jenseits jede Moral im Diesseits brechen?“
„Ich ma├če mich ungern an, Eure Worte in Frage zu stellen, Eure Hoheit, doch unser Handeln ist keinesfalls unmoralisch. Es ist eigentlich genau das, was der Iurionismus in diesem Fall vorsieht.“
„Ledrianer, Serpendrianer…ihr und euer Iurionismus, der alles so sch├Ân rechtfertigt: Arroganz, Rassismus, Morde“, seufzte Filiana.
„Aber, Eure Hoheit, der Iurionismus rechtfertigt unter keinen Umst├Ąnden…“, erwiderte der Herzog rasch, „Gut, er, er mag drakonisch erscheinen mit all seinen Blutsurteilen…und ich teile auch nicht all seine Ansichten, ganz sicher nicht…aber sein Kern, einen jeden Menschen nur nach seinen moralischen Werten zu richten und die Ideale ├╝ber alles andere zu stellen, den halte ich f├╝r wahrer, als es Erl├Âserglauben oder Mondkult je sein k├Ânnten.“
„Ich…ich hatte Euch immer f├╝r einen vern├╝nftigen, f├╝r einen guten Mann gehalten, Jean. Nicht so wie de Nord, aber…aber augenscheinlich seid Ihr genauso ein Fanatiker wie er“, schluchzte die Prinzessin, w├Ąhrend vereinzelte Tr├Ąnen ├╝ber ihre Wangen rannen. Der Herzog betrachtete sie kurz mit geweiteten Augen, bevor er mit schwacher, melancholischer Stimme fortfuhr:
„Ihr haltet mich f├╝r…? Aber wie k├Ânnte ich denn…?“, er hielt erneut inne, schniefte, blickte mit glasigen Augen zum Himmel, bis er sie schlie├člich wieder auf Filiana senkte, „Ich bitte, offen zu Euch sprechen zu d├╝rfen, Eure Hoheit.“
„Das ist nichts, um das Ihr bitten m├╝sst. Eigentlich hatte ich das von einer ehrenhaften Person wie Euch erwartet.“
„Nun, es ist…ich wei├č nicht, wo ich beginnen soll“, stammelte Jean, „Ich stecke, in einer Sackgasse, Eure Hoheit. Ich stehe auf einem Platz, auf dem ich nicht verweilen kann. Etliche Wege f├╝hren von ihm weg, doch jeder von ihnen ist der falsche. Jeder von ihnen wird wieder nur auf einen anderen Platz f├╝hren, der dem ersten um nichts nachsteht. Und wen auch immer ich nach dem Weg frage, der gibt mir einen Rat, aber ich wei├č, dass er falsch ist, dass in jedem Rat doch nur der Eigennutz steckt. Entweder wollen sie einen guten Platz im Jenseits oder einen Platz auf den Schiffen…sie sind alle gleich. Ich wei├č nicht weiter; nicht, auf wen ich noch h├Âren soll…“
„H├Ârt auf Euer Herz, Herzog!“, sagte Filiana unter kurzem Augenaufschlag.
Doch Montierre lachte nur sp├Âttisch:
„Wisst Ihr, was der Iurionismus ├╝ber das Herz sagt, Eure Hoheit? Er sagt, es sei der kreat├╝rliche Teil des Menschen, die triebhafte Schw├Ąche. Wahrer Mensch ist nur der, der auf seinen Willen h├Ârt und auf Gottes heiliges Prinzip.“
„Aber wie kann jemand einen Willen haben, ohne ein Herz zu besitzen? Wonach wollt Ihr streben, wenn nicht nach dem, was Euer Herz sagt? W├Ąret Ihr nicht ohne Euer Herz ein Schiff auf dem weiten Ozean, ohne Karte, ohne Kompass?“
„Ich…wei├č es nicht“, gestand Montierre, „Ich f├╝rchte, ich brauche Zeit, dar├╝ber nachzudenken.“
„Aber wir haben keine Zeit!“, dr├Ąngte Filiana, „Farruk kocht vor Wut und ich f├╝rchte, dass auch de Nords Hass mitnichten kleiner wird.“
„Wahrlich nicht“, seufzte der Herzog, „Wie ich bereits sagte: Jeder Ausweg ist falsch.“
„Dann m├╝ssen wir vielleicht einen falschen Weg gehen, zumindest einen, der weniger falsch ist, als die anderen.“
„Das mag sein, doch Eure Hoheit, ich brauche Zeit!“
„Dann geben wir ihnen wenigstens etwas, Herzog. Lasst uns ihnen zumindest etwas in Aussicht stellen. Ein Ball am Ende dieser Woche, was sagt Ihr? Wir werden dann bekannt geben, wie wir uns entschieden haben.“
„Ein Ball trotz der Nahrungsmittelrationierung? Nun ja, das w├╝rde sicherlich nicht nur Farruk gefallen…meinetwegen, sofern Ihr nicht von mir verlangt, mich auch noch darum zu k├╝mmern.“
„Nein Herzog, seid unbesorgt, das werde freilich ich ├╝bernehmen. Versucht Ihr nur, eine Entscheidung zu treffen, eine gute Entscheidung.“
„Seid versichert, Eure Hoheit, ich werde mein Bestes geben“, versicherte er, erhob sich, k├╝sste ihre Hand und wandte sich anschlie├čend zum Gehen.

Merkw├╝rdigerweise schien es niemanden zu interessieren, dass zehn vollger├╝stete, ledrianische Soldaten gemeinsam mit dem Marquis, der hoch zu Ross sa├č, von Ferren quer durch das delionische Viertel gef├╝hrt wurden, sodass sie recht schnell in die N├Ąhe des Hauses gelangten, in dem die Todesanbeter mit ihrem Tunnelbau begonnen hatten. Dort wagten es dann doch drei delionische Wachsoldaten, sich der Gruppe in den Weg zustellen.
„Halt!“, br├╝llte ihr Feldwebel, bevor er auf Ferren deutete, „Das ist ein gesuchter Verbrecher.“
„Er steht“, begann Lucian, „unter dem Schutz des Marquis de Nord, dessen Urteilskraft ihr nat├╝rlich gerne anzweifeln d├╝rft. In Anbetracht meiner bewaffneten und ├Ąu├čerst elit├Ąren Garde w├╝rde ich euch davon allerdings abraten.“
„├ähm ja, dann…“, stotterte sein Gegen├╝ber, „sagt uns wenigstens, was Euch dazu bringt, mit Euren Truppen in diesem Viertel herumzustreifen.“
„Ich bin dabei, ein Nest von Nekromanten und Verschw├Ârern auszuheben und ihr solltet mir dabei besser nicht Weg stehen, P├Âbel!“, blaffte der Marquis.
„Ihr wisst es?“, das Gesicht des Feldwebels wurde pl├Âtzlich fahl, dann wandte er sich an seine Kameraden, „Wir halten sie auf! Peterson lauf! Erstatte auf der Wache Bericht ├╝ber einen ledrianischen Angriff!“
Auf diesen Befehl hin st├╝rmte einer der Delioner los, w├Ąhrend die anderen beiden ihre Speere gegen die Ledrianer richteten.
„Also das ist“, lachte Lucian, „wirklich erb├Ąrmlich.“
Mit diesen Worten zog er eine Pistolenarmbrust, die an seinem G├╝rtel befestigt war und erschoss einen der Verteidiger.
W├Ąhrend seine Soldaten den zweiten niederrangen, gab er seinem Pferd die Sporen, holte den Fl├╝chtenden ein und trat ihn zu Boden.
„Eine Beleidigung“, spottete er, nachdem er nachgeladen hatte, und jagte dem letzten Feind einen Bolzen ins Genick. Ferren sah ihn unh├Ârbare Worte murmeln, w├Ąhrend die Soldaten die Leichen der Delioner zum Stra├čenrand schafften.
Anschlie├čend zogen sie weiter und schafften es tats├Ąchlich, das gesuchte Haus ohne weitere Unterbrechungen zu erreichen. Davor wies de Nord vier seiner Soldaten an, wachezuhalten, wohingegen er selbst mit dem Rest seiner Truppen und Ferren das Geb├Ąude betrat.
Der Flur sah noch genauso aus wie zu dem Zeitpunkt, als der delionische Leutnant von dort geflohen war. Lediglich das Blut, welches die Leichen des xendorischen Soldaten und des Thanatoikers umringte, war mittlerweile geronnen.
„Halt, wer ist da?“, rief pl├Âtzlich jemand, worauf ein einfach gekleideter Mann aus der K├╝che st├╝rmte, dem der Marquis jedoch sofort einen Bolzen in die Kehle feuerte, worauf er mit einem ekelhaften Gurgeln zu Boden ging und diesen erneut mit Blut tr├Ąnkte.
„Sichert das Geb├Ąude!“, befahl er wobei er sein silbergl├Ąnzendes Langschwert zog, dessen schmale Klinge im fahlen Licht gl├Ąnzte. Auch die Smaragde, die Griff und Parierstange zierten, funkelten aus ihren gr├╝nen Tiefen. Mit einem Stich ins Genick erl├Âste er den W├Ąchter von seinem Leid, w├Ąhrend die Soldaten an ihm vorbei in die anderen R├Ąume des Hauses st├╝rmten.
Er und Ferren verweilten im Flur, bis einer der Ledrianer zur├╝ckkehrte und berichtete, dass man sonst niemandem im Geb├Ąude gefunden hatte.
Darauf lie├č sich der Marquis vom delionischen Leutnant in den Tunnel f├╝hren, wo er einen fl├╝chtigen Blick auf die Zombies warf.
„Ich habe genug gesehen“, zischte er, „Eure Geschichte, Leutnant Ferren, scheint also wahr zu sein. Man mag Euch keinen Glauben schenken, doch kann ich Euch versichern, dass man auf meine Worte h├Âren wird. Ich werde also noch vor Sonnenaufgang den stellvertretenden Anf├╝hrer Eurer Nation und den Hohen Rat Galors ├╝ber diese Entdeckung in Kenntnis setzten“, de Nord wandte sich an einen seiner Soldaten, „F├╝nf von Euch bleiben hier und bewachen das Haus! Die Zombies werden nicht anger├╝hrt! Der Rest eskortiert Leutnant Ferren zur├╝ck ins Hafenviertel“, er senkte seine Stimme, um wieder zu ihm zu sprechen, „Ruht Euch ein wenig aus. Ich denke, Ihr, Leutnant Raham und diese Novizin werdet unseren Triumph morgen ungern durch den Schleier der M├╝digkeit betrachten wollen. Weggetreten!“

Der n├Ąchste Morgen kam so fr├╝h, dass Ferren glaubte, gerade erst eingeschlafen zu sein, als ihn ein ledrianischer Soldat aus seinen Tr├Ąumen riss.
„Auf den Flur und da auf den Leutnant warten!“, blaffte dieser, bevor er das Zimmer wieder verlie├č.
Ferren blieb allein zur├╝ck, warf einen Blick auf die br├Âckligen W├Ąnde, erhob sich dann aus seinem Bett, kleidete sich in Windeseile an und taumelte noch schlaftrunken aus dem Raum heraus.
„Verdammte Delioner“, h├Ârte er zwei Wachsoldaten tuscheln, „war doch klar, dass die mit den Thanatoikern zusammenarbeiten.“
„Ja, ehrlose allesamt. Diese Oppositionsstaaten. Iurion wird sie zerschlagen!“
„Das wird wohl nie aufh├Âren“, seufzte eine wohl bekannte Stimme.
Der Leutnant wandte sich sofort von den beiden Ledrianern ab, drehte sich um und erblickte Ariona, die aus einem der anliegenden Zimmer gekommen war.
„Ah, guten Morgen Ariona“, gr├╝├čte er.
„Morgen“, gab sie zur├╝ck, w├Ąhrend ihm auffiel, dass all ihre Wunden und Blessuren verschwunden waren, sodass ihr Gesicht wieder vollkommen makellos wirkte, als w├Ąre nie etwas gewesen, als h├Ątte der gestrige Tag nie stattgefunden.
„Du…du bist…was ist mit deinen Wunden passiert?“, stotterte er.
„Ach das…“, sie l├Ąchelte, „Ich habe sie mit Magie geheilt. Hab die ganze Nacht dran gesessen. Und wie erging es dir mit dem Marquis? Sag schon!“, ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten.
„Er hat ein paar Verr├Ąter eliminiert, das Haus durchsucht und versprochen, den Rat und den delionischen Anf├╝hrer zu konsultieren“, berichtete er.
„Hm, von ihm h├Ątte ich eher erwartet, dass er das ganze Viertel ├╝berrennt und dann erst nach den Verd├Ąchtigen sucht“, spottete sie.
„Nein, er erschien mir ruhig. Ich verstehe immer noch nicht, warum er uns geholfen hat. Ganz offensichtlich hasst er die Delioner.“
„Er ist Iurionist. Er muss Gerechtigkeit schaffen, sonst darf er sich nicht mehr zu der h├Âheren Menschenrasse z├Ąhlen. Glaubt mir, unser Wohlergehen interessiert ihn kein bisschen.“
„Du bist schonungslos“, lachte Ferren.
„Mag sein“, sie zuckte die Achseln, „Wo ist eigentlich dein Freund Raham?“
„Der ist unten in der K├╝che und genie├čt Martins ausgiebiges Fr├╝hst├╝ck“, erschallte Vigards Stimme hinter ihnen. Als sie sich umdrehten, stand dieser in voller R├╝stung vor ihnen.
„Ich f├╝rchte“, fuhr er fort, „euch wird diese Ehre nicht zuteil. Der Marquis erwartet uns umgehend in der ledrianischen Botschaft.“┬á┬á
„Dann mal los!“ rief Ferren, „Ich kann es kaum erwarten, Blaeks Gesichtsausdruck zu sehen. Dieses Verr├Ąterschwein.“
Nachdem sie Raham in der K├╝che endlich von seinem Omelett getrennt hatten, machten sie sich eskortiert von einigen ledrianischen Soldaten unter dem Befehl Vigards auf den Weg ins ledrianische Viertel. Dort waren im Gegensatz zu den meisten anderen Distrikten beinahe alle Geb├Ąude aus wei├čem Stein gebaut, den etliche Lilienbanner zierten. Auch gab es hier nur wenige verwinkelte Gassen, daf├╝r gro├če Alleen, die von Zypressen flankiert wurden.
In Anbetracht ihrer Wappenr├Âcke straften die Bewohner des Viertels, ausschlie├člich Ledrianer und Serpendrianer, Ferren und Raham mit finsteren Blicken.
Das gewaltige Geb├Ąude der ledrianischen Botschaft erhob sich genau in Mitten des Viertels auf einem weiten, gepflasterten Platz, auf den die zentrale Allee f├╝hrte. Hinter pr├Ąchtigen Blumenbeeten und flankiert von gewaltigen Statuen Iurions, die einen gesichtslosen Engel mit ausgebreiteten Fl├╝geln, Vollr├╝stung und Richtschwert zeigten, befand sich der Eingang der Botschaft.
Als sie die Eingangshalle betraten, schlug ihnen eine Sturmflut von Jubelrufen entgegen, die jedoch nicht ihnen galten, sondern Marquis de Nord, der in bester Pfauenmanier quer durch die Halle stolzierte und sich dabei von seinen ledrianischen Mitb├╝rgen auf dem Balkongang der zweiten Etage feiern lie├č, w├Ąhrend Lilienbl├╝ten auf ihn herabrieselten.
„Habt Dank, meine Br├╝der!“, rief der Marquis, wobei er sich zu allen Seiten hin verbeugte, „Ein Hoch auf Iurion! Ein Hoch auf Ledria!“
„Ein Hoch auf Ledria!“, schallte es von den R├Ąngen zur├╝ck.
„Der Mann der Stunde“, spottete Ariona unh├Ârbar, w├Ąhrend sie die Halle durchschritten.
„Vigard, Vigard“, gr├╝├čte Lucian, „und unsere drei G├Ąste. Ich nehme an, ihr wollt die Gefangenen sehen, die uns der gro├čz├╝gige, delionische Kapit├Ąn ├╝berlie├č?“
„Nat├╝rlich“, gab Ariona zur├╝ck.
„Es w├Ąre uns eine Ehre“, f├╝gte Raham schnell hinzu.
„Wohlan denn, folgt mir!“, dr├Ąngte Lucian, worauf er sich zu einer T├╝r begab, hinter der eine Treppe in den ger├Ąumigen Keller der Botschaft f├╝hrte. Dort standen sowohl Hauptmann Blaek als auch der muskul├Âse Okkultist Ysil, der in das von Ledrianern besetzte Haus zur├╝ckgekehrt und ebenfalls gefangengenommen worden war, in einer Zelle am Pranger.
„Verdammte Hure!“, blaffte Blaek, als er Ariona erblickte, „Ich h├Ątte dich umbringen sollen, als ich es konnte.“
„Ihr scheint Eure Manieren zu vergessen, Hauptmann“, spottete de Nord, „Sofern Ihr je welche hattet, was ich zu bezweifeln wage.“
„Wir werden ja sehen, wer zuletzt lacht!“, entgegnete der gefangene Hauptmann.
„Tja, ich kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass Ihr es nicht sein werdet“, lachte Lucian, „Es sein denn, es gel├Ąnge Euch, Euer L├Ącheln auf Eurer Fratze zu verewigen in dem Moment, da man Euch enthauptet.“
„Pah, ich bin Delioner. Ihr k├Ânnt mir gar nichts!“
„Das m├Âgt Ihr sein“, erwiderte der Marquis, „allerdings befindet Ihr Euch hier auf ledrianischem Boden und ich kann Euch versichern, dass man Euch nach ledrianischem Recht bestrafen wird. Seht es ein, Blaek“, Lucian klopfte ihm beinahe br├╝derlich auf die Schulter, „Ihr tragt Euren Kopf alsbald nicht mehr auf den Schultern.“
„Wir sind hier in Galor!“, keuchte Ariona, „In Galor werden Menschen immer noch eingesperrt und nicht exekutiert.“
„Das ist wahr“, best├Ątigte de Nord freundlich, „gegen├╝ber Menschen lassen wir Gnade walten“, pl├Âtzlich klang seine Stimme scharf wie ein Rasiermesser, „aber Insekten werden zerquetscht!“
Darauf herrschte Totenstille, bis sich der Marquis an Ysil wandte:
„Ihr sagt gar nichts? Nun, es w├╝rde mich nicht wundern, wenn Ihr gar zu dumm w├Ąrt, Euch zu artikulieren. Doch wartet nur, des Henkers Axt wird Euch schon einen Laut entlocken.“
„Der Meister wird Euch zerfetzten!“, blaffte Ysil.
„Auf diesen Versuch warte ich sehnlichst“, lachte de Nord, bevor er sich abwandte, „Lasst unseren G├Ąsten ein paar Minuten mit den Gefangenen, Vigard. Danach geleitet sie in ihr Viertel zur├╝ck. Ich habe den Rat geben, die Audienz mit ihnen um ihrer Ruhe wegen auf morgen zu verschieben. Was auch immer ihr mit diesen beiden Hunden anstellt, beachtet, dass in Ledria Folter ein noch h├Âheres Verbrechen als Landverrat ist. Ich empfehle mich.“
Auf diese Worte verlie├čen sowohl der Marquis als auch Vigard sowie die restlichen Wachen die Zelle, sodass Ariona, Ferren und Raham allein mit den Gefangenen zur├╝ckblieben.
Sekunden sp├Ąter st├╝rzte Ariona Ysil entgegen.
„Was hast du mit Pegry gemacht, du Schwein?“
„Pegry? Wer war das nochmal?“, murmelte Ysil, worauf Ariona ihm eine schallende Ohrfeige verpasste.
„Glaub mir, kleines M├Ądchen, das tut mir nicht weh. Pass lieber auf, dass deine Ledrianerfreunde das nicht mitbekommen“, lachte er, „Aber da ich sowieso sterbe, kann ich es dir ja verraten. Vielleicht freut es dich. Ich habe diesen Idioten zu einem stinkenden Fleischklumpen zusammengepr├╝gelt und ihn anschlie├čend verbrannt.“
„Das ist“, keuchte Ariona, „der erste Tag, an dem ich hoffe, dass es Iurions Inferno im Jenseits wirklich gibt! Ich hoffe, du verbrennst darin! F├╝r immer!“
Sie wandte sich ab, drehte sich dann aber noch einmal um, spuckte dem Gefangenen ins Gesicht und stolzierte zur T├╝r hin├╝ber.
W├Ąhrenddessen trat Raham zu seinem ehemaligen Vorgesetzten Blaek hin├╝ber:
„Tja, Sir…├Ąhm, ich frage mich, warum. Ihr wart immer prinzipientreu, anst├Ąndig, wie mir schien. Was wolltet Ihr damit erreichen?“
„Galor ist dem Untergang geweiht!“, rief der Hauptmann, „Ihr alle und die ganze Welt! Ich h├Ątte ├╝berlebt, wenn unser glorreicher Plan aufgegangen w├Ąre. Aber seht euch vor, mein Tod ├Ąndert nichts. Ihr ├Ąndert nichts!“
„J├Ąmmerlicher Feigling!“, spottete Ariona, „Was sagst du dazu, Ferren?“
Als sie jedoch Ferren ansah, bemerkte sie, dass er wie erstarrt wirkte. Seine Augen waren glasig, sein Gesicht ermattet.
„Ferren?“, fragte sie, „Ist alles in Ordnung?“
„Hm?“, murmelte er, bevor er nach kurzer Pause fortfuhr, „Ja, doch es geht mir gut. Ich habe nur gerade dar├╝ber nachgedacht, was der Marquis ├╝ber Menschen und Insekten gesagt hat.“
„Iurionistengeschwafel“, spottete Ariona, bevor sie sich wieder Ysil zuwandte.
Ferren hingegen schenkte ihren Worten keine Beachtung und versank wieder in Gedanken.

Er war etliche Jahre j├╝nger, ein stinkender, ungepflegter Laufbursche, der im eisigen Nordreich Skatria weit weg von seiner Heimat f├╝r die Ledrianer arbeitete. Die ganze Geschichte lag so weit zur├╝ck, dass Skatria noch nicht einmal ein eigener Staat war, sondern unter ledrianischer Besatzung stand, dass noch kein Frieden unter den acht Nationen herrschte und ihr gro├čer Friedenspakt, die sogenannte Vereinigung, mit der eine neue Zeitrechnung beginnen sollte, noch in ferner Zukunft zu liegen schien.
Langsam trottete er ├╝ber eine unbefestigte Stra├če in einem Dorf, dessen Namen er wieder vergessen sollte.
Obwohl der Fr├╝hling bereits begonnen hatte, schnitt die bittere K├Ąlte bis in Mark und ein eisiger, milchig wei├čer Nebel lag wie ein Totenschleier ├╝ber dem ganzen Land, sodass man kaum die einfachen Stroh- und Holzh├╝tten erkennen konnte, die in einigem Abstand den Wegesrand s├Ąumten. Etliche Meter ├╝ber ihm und eine ganze Strecke weiter n├Ârdliche stie├čen die Zacken der Gebirgsketten wie Speerspitzen aus der klammen Umarmung des Nebels.
Mit jedem Schritt n├Ąherte er sich dem Dorfplatz, der noch hinter den wei├čen Schwaden verborgen lag, wohingegen die Rufe, Schreie, das unterschwellige Wimmern immer lauter wurden.
Die schneidende Stimme eines Herolds zerriss wie jeden Morgen die Luft:
„Eure Triebe sind Schw├Ąche! Legt sie ab! Die Schwachen erwartet das Inferno! Legt sie ab, oder fallt in die Schw├Ąrze!“
Der Nebel lichtete sich und aus der versammelten Masse des Dorfes erhob sich in Mitten des Dorfplatzes ein gewaltiges Schafott, von welchem der Herold auf die Menge hinabblickten, w├Ąhrend vollger├╝stete ledrianische Soldaten die ersten Verurteilten hinauff├╝hrten. Es war jeden Morgen die gleiche Prozedur, seit Prinz Lemorgant, der ledrianische Staathalter Skatrias, damit begonnen hatte, den, wie er es nannte, wahren Iurionismus zu verbreiten.
Der Ruf des Herolds ert├Ânte:
„Garrep Hedul, wegen Gewalt gegen Wehrlose zum Tode durch den Strick verurteilt. Milan Ortov, wegen Anwendung von Schwarzmagie zum Tode durch Enthauptung verurteilt, Lenique Brura, wegen Diebstahls heiliger Objekte und Entweihung religi├Âser Orte zum Tode durch Enthauptung verurteilt. Ivan Zarevski, wegen Entw├╝rdigung einer Person zum Tode durch den Strick verurteilt. Vollstreckt den Willen des Herrn!“
Dieser Ruf kam f├╝r die vier in schwarze Kutten geh├╝llten Gestalten dem Befehl gleich, ihrer Arbeit nachzugehen. W├Ąhrend zwei von ihnen den betreffenden Personen Stricke um den Hals legten, f├╝hrten die anderen beiden die zur Enthauptung bestimmten Gefangenen zu den Guillotinen.
Ferren wandte sich ab, obwohl er diese Prozedur schon derart oft gesehen hatte, dass er nicht einmal mehr Ekel empfand. Er ging weiter, ohne hinter sich hysterische Schreie zu h├Âren. Selbst als das dumpfe Aufschlagen eines abgetrennten Sch├Ądels auf Stein ert├Ânte, blieb die Menge ruhig.
Nur das unterschwellige Wimmern verblieb.

Die ledrianischen Besatzer waren kurz vor der Vereinigung und der skatrischen Staatsgr├╝ndung in einer Volksrevolution zur├╝ckgeschlagen worden. Prinz Lemorgant, so hie├č es, hatte man auf seiner Flucht einen Pfeil direkt in die Brust geschossen.
Da die skatrischen Revolution├Ąre jedoch nie seine Leiche gefunden hatten, rankten sich seit jeher Ger├╝chte um den gefallenen Prinzen von Skatria. Manche behaupteten, er habe kein Herz und sei deshalb nicht durch den Pfeil gestorben, andere meinten, der Getroffene sei nur ein Doppelg├Ąnger gewesen. Die wenigsten gingen davon aus, dass Prinz Lemorgant wirklich gestorben war.

Kapitel 5: Der Ball

49. Gr├╝nwalden. 52 n.V.
In Galor verliefen die n├Ąchsten Tage ruhig. W├Ąhrend das Haus mit dem halbfertigen Tunnel von einem Regiment delionischer Soldaten besetzt wurde, der Hafen weiterhin unter Kontrolle der Ledrianer blieb und de Nord als gro├čer Held gefeiert wurde, begannen die Vorbereitungen f├╝r den Ball im Stadtpalast, der Hand in Hand mit einigen ├Âffentlichen Festen in allen Distrikten ablaufen sollte, da ein Platz im Palast nur der gehobenen Gesellschaft vorbehalten war.
Nach dem Meister, jener omin├Âsen Person, die die Thanatoiker Kelrayass genannt hatten, fragte niemand mehr, denn Ariona und die beiden Leutnants zogen es vor, sich in den n├Ąchsten Tagen von den zur├╝ckliegenden Strapazen zu erholen.
W├Ąhrend Ferren noch in einem magischen Hospital der Iskaten lag, wurde Raham zum neuen Hauptmann der Wache bef├Ârdert, dessen erste Amtshandlung darin bestand, die Suche nach Ilar fortzusetzten, um die ganze Geschichte der Verschw├Ârung endlich zu beenden.
Blaek und Ysil schlug man auf dem Platz vor der ledrianischen Botschaft feierlich die K├Âpfe ab.
Gleichzeitig wurden von allen Seiten und Nationen her die Rufe nach einer zentral verwalteten Armee Galors laut, da die einzelnen Nationen bislang eher autonom handelten, wenn man von ihrer Verbindung durch den Rat absah. Prinzessin Filiana stellte sich jedoch dagegen, da sie, nach eigener Aussage, bef├╝rchtete, die Vergabe der ├ämter k├Ânnte den Konflikt zwischen den Oppositionsstaaten und den Alten K├Ânigreichen weiter anheizen.
So kam schlie├člich der Tag des Balls, ohne dass es weitere Zwischenf├Ąlle gab.
Gegen Abend fanden sich die gutbetuchten Kreise Galors im Stadtpalast ein, jenem festungsartigen, gewaltigen Geb├Ąude aus dunkelbraunem, gl├Ąnzenden Stein, welches auf dem Nordh├╝gel ├╝ber der Stadt thronte. Zwei rundliche Ausl├Ąufer, die an kleine T├╝rme erinnerten flankierten das gro├če Eingangstor, ├╝ber dem die Banner der acht Nationen Kalatars prangerten.
Als Herzog Montierre den Nordh├╝gel mit seiner Eskorte ledrianischer Soldaten erreichte, schloss ein Reiter zu ihnen auf, den er bald als seinen engsten Vertrauten de Nord erkannte.
„Guten Abend, Marquis“, gr├╝├čte er.
„Seid ebenfalls gegr├╝├čt, Herzog“, gab Lucian zur├╝ck, w├Ąhrend die Gardisten ihren Ring um Montierre etwas erweiterten, sodass der Marquis sein Pferd in gem├Ąchlichem Schritt neben ihm f├╝hren konnte.
„Man munkelt“, fuhr er leise fort, „dass heute, was die Schiffe anbelangt, eine Entscheidung verk├╝ndet wird. Ich nehme doch an, diese Entscheidung wird nur eine Best├Ątigung unserer Position sein?“
„Das wird sie sein“, best├Ątigte Jean eilig, „Im ├ťbrigen begl├╝ckw├╝nsche ich Euch zu Euren Heldentaten, Marquis.“
„Habt Dank, Herzog. Dennoch tat ich nichts, was von mir nicht zu erwarten gewesen w├Ąre“, entgegnete Lucian, „Entschuldigt mich, aber ich muss noch einige Wachen f├╝r den heutigen Abend instruieren.“
„Tut das. Wir w├Ąren sonst alle sehr um unsere Sicherheit besorgt“, stimmte Montierre zu, bevor der Marquis sich wieder von der Gruppe entfernte und sein Pferd die steile Stra├če zum Nordh├╝gel hinauftraben lie├č.
Am Eingang des Palastes erwarteten den Herzog einige Wachen der Xendor in ihren goldverzierten R├╝stungen, die ihn jedoch einlie├čen, ohne seine Einladung sehen zu wollen. Einigen weniger bekannten Adligen aus Nogron, die kurz nach ihm eintrafen, erging es jedoch anders.
Die gewaltige, mit glasierten Ziegeln ausgelegte Eingangshalle verlief einmal komplett durch den Palast und bildete somit den Weg zu den dahinterliegenden G├Ąrten. Eine steinerne Treppe auf der linken Seite f├╝hrte in die oberen Etagen, in die sich jedoch erst wenige Leute begaben, weshalb ein Gro├čteil der G├Ąste sich noch im Atrium ballte, wo einige Kellner Wein und Kaviar verteilten. Kaum hatte er die Halle betreten, l├Âste sich ein Mann in gl├Ąnzendem, azurblauem Kaftan aus der Menge und kam mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.
„Montierre, mein Freund!“, rief Farruk mit breitem L├Ącheln auf dem Gesicht, „Darf ich hoffen, dass in Eurem Herzen doch noch das Gute gesiegt hat?“
„Hoffen darf man immer“, gab der Herzog zur├╝ck, wobei er dem Kalifen br├╝derlich auf die Schulter klopfte.
Dann lie├č er seinen Blick ├╝ber die Menge schweifen, um jenes schlitzf├Ârmige, giftgr├╝ne Augenpaar zu suchen. Dort stand er: Lucian de Nord, ihm abgewandt, mit einigen Serpendrianern plaudernd.
Montierre senkte seine Stimme:
„Wenn mich nichts aufh├Ąlt, werdet Ihr bekommen, was Ihr wolltet.“
„Das…“, Farruk stockte mit geweiteten Augen, „ist wundervoll! Ihr h├Ârt auf die Freiheit, ein gro├čer Geist f├╝r einen Ledrianer. Ihr saht ├╝ber den Tellerrand des Iurionismus hinaus und erkanntet…“
„Gott verh├╝te, Farruk, dass ich aus denselben Motiven handle wie Ihr“, entgegnete der Herzog, „Ich habe keinesfalls vor, mit Euch gleichzuziehen. Ich werde hier siegen oder fallen. Mein Sinneswandel ist lediglich der Einsicht zu verdanken, dass ich damit die meisten Menschen retten kann.“
„So…“, der Kalif musterte den Herzog kurz, bevor er seine Stimme zu einem schallenden Jubel hob, „Wie dem auch sei, dies ist ein wundervoller Abend! Etul, bringt mehr Wein. Lasst uns feiern!“
„Lasst es verhalten angehen, Kalif. Einige Leute wissen noch nichts, von meiner Entscheidung“, erwiderte Jean, bevor er sich abwandte.
Wenig sp├Ąter ert├Ânte der Ruf eines Herolds, der die G├Ąste dazu aufforderte, sich in den Ballsaal im dritten Obergeschoss zu begeben, worauf der Gro├čteil der Anwesenden Folge leistete.
Nachdem sie einige Treppen hinter sich gelassen hatten, erreichten auch Herzog Montierre und sein Gefolge den Ballsaal. Vor ihm erstreckte sich unter der gew├Âlbten Decke, von der kristallene Kronleuchter herabhingen, eine gro├če Fl├Ąche voller runder Tische, an denen bereits lautstark geplaudert wurde. An der rechten Wand der Halle befand sich eine gewaltige, bogenf├Ârmige Theke aus Wurzelholz, an der die Bediensteten des Palastes gro├če Mengen an Spirituosen ausschenkten.
Der hintere, freie Teil des Raumes bildete die Tanzfl├Ąche, in deren hinterster Ecke sich ein kleines Orchester der Xendor positioniert hatte, welches an diesem Abend f├╝r die musikalische Untermalung sorgen sollte. Auf der linken Seite dagegen erhob sich ein h├Âlzernes Podest f├╝r Redner, ├╝ber dem die Loge der Ratsmitglieder lag.
Prinzessin Filiana hielt sich bei den drei dort stehenden, goldenen Lehnsesseln auf, wo sie einige Bedienstete unterwies.
W├Ąhrend sich Montierre dort hinbegab, hielten sich Raham und Ferren, die man, ebenso wie Ariona, aufgrund ihrer Heldentaten in den Stadtpalast eingeladen hatte, an der Bar auf.
Wenn man von seinem rechten Arm absah, den er immer noch in einer Verbandsschlinge trug, war Ferren wieder g├Ąnzlich genesen. In wei├čen Seidenhemden und frischen, delionischen Wappenr├Âcken, die das Fraktionsoberhaupt der Delioner eigens f├╝r sie herausgegeben hatte, wirkten die beiden auch wesentlich edler, als sie es noch vor ein paar Tagen getan hatten.
W├Ąhrend Raham von der h├╝bschen Bedienung einen randvoll gef├╝llten und aufwendig gravierten Bierkrug aus Zinn entgegennahm, lie├č Ferren seinen Blick ├╝ber die Menge schweifen. Er entdeckte de Nord, der sich im Kreise einige Adliger bei einem der Tische aufhielt, den Herzog, der mittlerweile mit der Prinzessin sprach, ein paar bekannte Gesichter wichtiger Personen und auch Ariona, die in ihrem schlichten, mattwei├čen Sari besonders aus der Menge hervorstach.
Er schluckte, als er sah, wie sich mit einem athletischen Mann unterhielt, dessen lange, feuerrote Haarm├Ąhne nicht weniger auff├Ąllig war als ihr Sari. Das L├Ącheln auf ihrem Gesicht verriet, dass sie sich durchaus am├╝sierte.
„Wer ist das?“, fragte Ferren und deutete auf ihren Gespr├Ąchspartner.
„Wer…ach, der“, seufzte Raham, „Das ist Olaf, einer von unseren Leuten. Man nennt ihn den Sch├Ânen.“
Den Sch├Ânen, dass ich nicht lache“, zischte sein Gegen├╝ber, „Du bist doch jetzt Hauptmann der Wache, oder?“
„Richtig“, best├Ątigte er und deutete auf das klobige, goldene Insignie, welches er an einer Kette um den Hals trug.
„Sch├Ân“, brummte Ferren, „Dann tu einem Freund einen Gefallen und schick diesen Olaf als Abl├Âsung zur Tunnelwache.“
„Weil er mit Ariona redet?“
„Frag nicht.“
„Aber ich kann doch nicht…“
„Tu es einfach!“, blaffte Ferren.
„Also gut“, murmelte Raham, bevor er sich auf den Weg zu Olaf machte.
Er hatte jedoch kaum zwei Schritte getan, als die Stimme der Prinzessin vom Rednerpodest her erschallte, worauf das unterschwellige Gemurmel im ganzen Raum, sofort erstarb:
„Seid gegr├╝├čt, hohe B├╝rger Galors! Seid herzlichst gegr├╝├čt an diesem wundervollen Abend. Wie ich sehe, genie├čt ein jeder von euch bereits das reichhaltige Angebot unserer Speisen und Getr├Ąnke. Ich w├╝nsche, allerseits guten Appetit und einen Toast auf unsere Stadt, auf Galor, die letzte Festung Fiondrals.“
„Ein Hoch auf Galor!“, schallte es aus einigen Kehlen.
„Doch“, mahnte Filiana, „sind wir heute nicht nur des Genusses wegen hier. Nein, wir sind hier, weil es etwas zu verk├╝nden gibt, etwas, das einen jeden in diesem Saal interessieren d├╝rfte. Wie sicherlich alle vernommen haben, gibt es immer noch Streitigkeiten zwischen den acht Nationen und das, obwohl die Orks vor den Toren stehen, obwohl wir nur dann eine Chance haben, wenn wir uns gemeinsam dem Sturm stellen. Hand in Hand! Ledrianer und Delioner, Serpendrianer und Elipfer, Nogroner und Iskaten, Xendor und Skatrier.
Ich wei├č, es ist viel verlangt, ├╝ber die Mauern des generationen├╝bergreifenden Hasses zu springen, aber wir m├╝ssen diesen Sprung wagen! Der Rat mag in der Vergangenheit nicht das beste Beispiel f├╝r die Zusammenarbeit der acht Nationen gewesen sein, aber auch das wird sich ├Ąndern. Und deshalb setzten wir heute Abend ein Zeichen. Ein Zeichen f├╝r Einheit, ein Zeichen f├╝r unsere St├Ąrke“, sie legte ihr rechte Hand auf die Brust und rief laut: „M├Âge Galor niemals fallen!“
„Wenn sie glaubt, ich w├╝rde wegen der paar Worte gleich der Bruder eines jeden stinkenden Skatriers sein, hat sie sich geschnitten“, fl├╝sterte man am Tisch de Nords.
„Ich bitte“, fuhr Filiana fort, „Herzog Montierre, Oberhaupt der Ledrianer und Ratsmitglied f├╝r die Alten K├Ânigreiche, nach vorne.“
Jean leistete dieser Bitte mit einer leichten Verz├Âgerung Folge, sodass es etwas dauerte, bis er schlendernd das Podest und die Prinzessin erreicht hatte.
„B├╝rger Galors!“, seine Stimme klang rau und war keinesfalls ├╝berschw├Ąnglich laut, „Ich gebe hiermit bekannt, dass die Besetzung des Hafens durch ledrianische Truppen ab dem morgigen Tag beendet ist. Wir sind mit dem Kalifen Farruk ├╝bereingekommen, dass die H├Ąlfte der Pl├Ątze auf den Schiffen den wehrlosen Kindern, Frauen und Alten Galors zur Verf├╝gung gestellt wird. Die ├╝brigen Pl├Ątze werden von den Anf├╝hrern der acht Nationen so besetzt, wie sie es f├╝r richtig erachten.“
Auf diese Worte schallte dem Herzog gellender Jubel entgegen, den er jedoch gar nicht h├Ârte.
Sein Blick fiel auf die Tische, an denen seine Landsm├Ąnner sa├čen, auf ihre vor Entt├Ąuschung verzerrten Gesichter.
Als die Prinzessin den Ball f├╝r er├Âffnet erkl├Ąrt hatte und die ersten G├Ąste auf die Tanzfl├Ąche gestr├Âmt waren, hatten einige von ihnen den Saal bereits verlassen.
De Nord jedoch nicht.
Kaum war der Beifall abgeklungen und die Menge auf den Saal verteilt, bahnte er sich seinen Weg zur Loge der Ratsmitglieder. Der Ehrenwache gebot er mit einem einfachen Handzeichen, ihn passieren zu lassen. Seine schwarzen, ledernen Soldatenstiefel schlugen schwer auf das Parkett, als er sich Montierres Sessel n├Ąherte.
„Auf zwei Worte, Herzog“, zischte er.
„Lucian, ich bitte dich…“
„Sofort!“, blaffte er zur├╝ck, wobei er mit dem ausgestreckten linken Arm auf eine T├╝r wies, die von der Loge zu einem Seitengang f├╝hrte.
„Ihr werdet den Herzog doch heil zur├╝ck bringen?“, wandte Farruk von der Seite her ein.
„Schweig, Made!“, zischte de Nord, wobei er noch einmal auf die T├╝r deutete, was den Herzog dazu bewegte, sich zu erheben und hindurchzugehen. Dahinter lag ein schn├Ârkelloser, dunkler Gang mit kalten, rohen Steinw├Ąnden.
Der Marquis schlug die T├╝r hinter sich zu.
„Ich“, begann er mit schneidender Stimme, „nehme nicht an, dass ich dir befehlen muss, das auf der Stelle zu revidieren.“
„Das werde ich nicht“, erwiderte der Herzog.
„Narr! Ich will gar nicht wissen, was diese Hexe in deinen Sch├Ądel gepflanzt hat, aber ich wei├č, dass ich diese Wendung nicht akzeptieren kann und dass dir das klar war! Ich verstehe wirklich nicht, warum du dich in eine derart l├Ącherliche Lage bringst.“
„L├Ącherlich?“
„F├╝r gew├Âhnlich ist es l├Ącherlich, eine derart wichtige Aussage innerhalb weniger Minuten wieder zu revidieren.“
„Ich f├╝rchte, du hast mich nicht verstanden. Ich werde gar nichts zur├╝cknehmen!“, fauchte der Herzog, worauf Lucian ihn am Kragen packte und gegen die Wand schmetterte.
„Oh doch, das wirst du! Denn du stehst nur hier, weil ich es so will! Solltest du etwa vergessen haben, dass ich den h├Âheren Platz in der Hierarchie belege, Herzog Jean Montierre, dessen Besitz man nicht einmal auf der Landkarte findet?
„Ich f├╝rchte, Ihr irrt, Marquis de Nord.“
„Willst du mich verspotten, Jean! Durch meine Adern flie├čt k├Ânigliches Blut, ich bin der Prinz von…“
„Sch├Ân. Wenn du das bist, dann gehe da raus und sag es den Leuten. Sag ihnen, wer du bist und dass du ab heute die Geschicke der Ledrianer verwaltest! Ich halte dich nicht auf.“
„Du…“, stockte Lucian.
„Ich war lange genug deine Marionette. Aber du vergisst, dass der Puppenspieler ohne sein Instrument eine Niete ist! Du k├Ąmst nicht mal aus diesem Saal raus, w├╝rdest du aus dem Schatten tr├Ąten.“
„Es ist“, begann de Nord mit einem gelassenen L├Ącheln, „geradezu arrogant, zu glauben, mich ├╝bertrumpfen, gar austricksen zu k├Ânnen. Mit deiner Entscheidung ├Ąnderst du nichts, Jean, denn du vergisst, welche Soldaten deine Befehle ausf├╝hren sollen. Du vergisst, wem die Loyalit├Ąt der Ledrianer geb├╝hrt. Wenn du die Besetzung des Hafens aufheben willst, nur zu. Der sehr gesch├Ątzte Major Tymaleaux hat Befehl, in diesem Fall alle Schiffe sofort verbrennen zu lassen. Du solltest einsehen, dass du nicht gewinnen kannst. Gib dich geschlagen, ich bin bereit, zu verzeihen. Revidiere, was du gesagt hast, und alles ist vergeben!“
„So weit w├╝rdest du gehen? So blind bist du geworden? Ach, ich verga├č: So blind bist du immer schon gewesen!“
„Es ist stets am├╝sant, wenn die Blinden die Sehenden blind schimpfen, Herzog. Ich gebe dir als Freund den Rat: Denk dar├╝ber nach, aus welchem Grund du handelst, und dann sage mir noch einmal, dass ich blind bin.“
„Mag sein, dass Gottes heiliges Prinzip nicht mehr das einzige meines Handelns ist, aber mein Herz sagt mir, dass dein Weg falsch ist, und so sehr irren kann ich mich nicht!“
„Das Herz…schwach!“, zischte Lucian, „Aber mag es sein, was es will. Du vergisst, dass du nicht triumphieren kannst, denn, was rechtschaffen ist, wird niemals fallen!“
Mit diesen Worten drehte sich der Marquis unter einem Wirbeln seines k├Ânigsblauen Umhangs um und st├╝rmte zur T├╝r.
„Wenn du versuchst, den Ball zu verlassen, werden die Xendor dich aufhalten!“, rief der Herzog ihm nach.
„Das ├Ąndert gar nichts. Es z├Âgert das Unvermeidbare allerh├Âchstens etwas hinaus.“
„Ist dir eigentlich nicht klar, dass du, wenn du die Schiffe verbrennst auch den Wehrlosen ihre Fluchtm├Âglichkeit nimmst?“
„Es geht nicht darum, dass ich sie verbrennen will, sondern dass ich sie verbrennen k├Ânnte. Solange sie in meiner Hand sind, habe ich den entscheidenden Trumpf in diesem Spiel und ich werde ihn einsetzten, auf dass diese Schiffe keinen einzigen kampff├Ąhigen Feigling von diesem Kontinent schaffen, daf├╝r aber so viele Wehrlose wie m├Âglich. Ebenso, wie wir es geplant hatten.“
„Wenn deswegen in Galor der B├╝rgerkrieg ausbricht, rettest du niemanden! Und glaub mir, er wird ausbrechen, wenn du meine L├Âsung blockieren solltest. Lucian, wir sind Iurions Auserw├Ąhlte, es ist unsere Aufgabe, diesen Konflikt zu l├Âsen und zwar ohne dabei das Blut etlicher Unschuldiger zu vergie├čen.“
„Das Blut, das vergossen w├╝rde, w├Ąre nicht das Blut Unschuldiger. Es w├Ąre…“, begann de Nord, bevor ein ledrianischer Unteroffizier in den Gang durch die T├╝r platzte.
„Ich hoffe, daf├╝r gibt es eine Erkl├Ąrung“, zischte der Marquis ihn an.
„Ja, edler Herr“, gab der Unteroffizier zur├╝ck, „Ein Angriff im delionischen Viertel! Die Orks sind durch den Tunnel gekommen.“
„Die Orks?“, keuchte Lucian, „Ich werde sofort zum Hafen reiten und den Delioner mit meinen Truppen zur Hilfe kommen.“
„Sollten wir nicht…“, begann der Herzog, doch der Marquis unterbrach ihn:
„Du bleibst hier! Ich werde mich schon darum k├╝mmern. Und sollte irgendeiner dieser erb├Ąrmlichen Xendor auch nur daran denken, mich aufzuhalten, schlage ich ihm eigenh├Ąndig den Kopf ab!“
Mit diesen Worten verlie├č Lucian gefolgt vom Unteroffizier den Gang und trat in den Ballsaal, wo die ausgelassene Stimmung davon k├╝ndete, dass der Angriff noch nicht ├Âffentlich gemacht worden war.
Die Treppen zur Eingangshalle hechtete er hinunter, lie├č die fragenden G├Ąste dort unbehelligt stehen, eilte zu den St├Ąllen, wo sein Pferd bereits gesattelt stand. Sekunden sp├Ąter galoppierte er den H├╝gel hinab und durchquerte das Viertel der Xendor.
Im Hafen konsultierte er seinen Untergeben Tymaleaux, der sofort alle verf├╝gbaren Truppen mobilisierte, sodass die Docks beinahe unbesetzt zur├╝ckblieben, w├Ąhrend de Nord mit seinen Soldaten zum delionischen Viertel zog.
Am Br├╝cken├╝bergang erwartete ihn bereits Olaf, der eine recht lange, aber nicht tiefe Schnittwunde auf seiner rechten Wange und Blutspritzer auf seinem Wappenrock hatte, zusammen mit einer gro├čen Gruppe Soldaten, die scheinbar aus allen Distrikten der Stadt stammten.
„Ich h├Ârte von einem Angriff und verlange sofort einen Bericht!“, rief de Nord, der auf jeglichen Gru├č verzichtete.
„Sir, der Stollen da unten, er…wurde von der anderen Seite durchbrochen und Orks, sie str├Âmten in die Katakomben. Wir konnten sie aber aufhalten und den Tunnel sprengen. Gefahr besteht keine mehr.“
„Es besteht keine Gefahr mehr...“, murmelte der Marquis, „Handelte es sich um einen gr├Â├čeren Angriff?“
„├ähm, nein“, antwortete Olaf, „Es war eher ein Sp├Ąhtrupp.“
„Das ergibt, bei Iurion, keinen Sinn“, zischte Lucian, „Wozu gr├Ąbt man einen Tunnel, um dann einen Sp├Ąhtrupp statt eines Regiment hindurch zu schicken, das den Feind auf jeden Fall erledigt?“ er wandte sich an zwei Soldaten, die neben ihm standen, „Woher kommt ihr?“
„Wir hatten unseren Wachposten in dem kleinen Turm am S├╝dende der Promenade, bevor wir abgezogen wurden. Aber einer h├Ąlt dort noch die Stellung.“
„Ich habe beinahe alle Truppen aus dem Hafen abgezogen“, keuchte de Nord, wobei er sich zitternd an die Stirn fasste, „Wir sollten beten, dass es sich bei dem Angriff nicht um eine Ablenkung handelt! Alle Mann sofort wieder auf ihre Posten!“
Noch bevor er geendet hatte, erschallte bereits von irgendwoher der Ruf: „Feuer im Hafen!“

Im Ballsaal wurde nicht mehr getanzt, die Musik des Orchesters war verstummt und nur ein unterschwelliges, d├╝steres Gemurmel beherrschte die Halle. Ratlose Fragen drangen durch die Luft, die Aufregung knisterte geradezu.
„Ist de Nord daf├╝r verantwortlich?“, blaffte Farruk, der neben dem Herzog stand.
„Ich hoffe nicht“,┬á murmelte dieser, worauf er sich zum Balkon auf der S├╝dseite des Palastes begab. Dort war es so voll, dass er sich nur unter Einsatz seiner Ellbogen bis zur Br├╝stung vork├Ąmpfen konnten.
Im Hafen oberhalb des perlschwarzen Spiegels, den das Meer zu dieser Stunde bildete, tanzten in graziler Sch├Ânheiten drei Feuerb├Ąlle auf den Wellen. Die letzte Hoffnung Galors, ein Haufen Asche, den bald schon der unbarmherzige Ozean verschlingen w├╝rde.
Tr├Ąnen prasselten auf den Stein der Br├╝stung, verst├Ąndnislose Schreie zerrissen die Luft.
„Ich habe genug gesehen“, verk├╝ndete er, worauf er sich umdrehte und sich seinen Weg zur├╝ck zum Eingang bahnte.
Wenig sp├Ąter trafen er und Farruk im Hafenviertel auf de Nord, der gerade mit seinen Truppen zur├╝ckkehrte.
Es dauerte nicht mehr lange, bis sie die Promenade erreichten, von wo aus sie gerade noch mit ansehen konnten, wie das Meer die letzten brennenden Balken verschluckte. Um selbst im Falle eines Angriffs auf den Hafen sicher zu sein, hatte Lucian die Schiffe ein St├╝ck davor auf See ankern lassen.
„Es ist mir unbegreiflich, wie jemand die Schiffe anz├╝nden konnte. Selbst die ├╝brigen Wachen h├Ątten ihn aufhalten m├╝ssen!“, keuchte er.
„Vielleicht sollten sie ja niemanden aufhalten“, stichelte Farruk, „Vielleicht seid Ihr ja daf├╝r verantwortlich.“
„Seid versichert, w├Ąre ich das, h├Ątte ich es aus Stolz zuvor angek├╝ndigt!“, entgegnete der Marquis, bevor er sich an einen der ledrianischen Soldaten wandte, „Wo ist Tymaleaux? Ich will ihn sofort sprechen.“
„Ich wei├č es nicht, Sire. Als ich ihn das letzte Mal sah, wollte er hier runter, zur Promenade“, antwortete der Soldat.
„Hier…hier bin ich“, ein Keuchen ert├Ânte, und als sich alle dem Pier zuwandten, von dem es kam, war eine einzelne dunkle Gestalt zu erkennen, die sich von dem schwarzen Horizont absetzte. Tymaleaux wankte ├╝ber den steinernen Pier. Zwei Pfeile steckten in seiner Schulter und Blut tr├Ąnkte sein dunkelblaues Samtjackett mehr, als es die Weinflecken je getan hatten.
„Verdammt, Tymaleaux!“, keuchte de Nord, worauf er diesem entgegeneilte, um ihn zu st├╝tzten. Wie ein nasser Sack st├╝rzte er in die Arme des Marquis, w├Ąhrend einige Soldaten herbeieilten, um zu helfen.
„Sag mir, mein Freund, was ist geschehen?“, fragte Lucian, nachdem auch Montierre und Farruk n├Ąher herangekommen waren.
„Mehrere M├Ąnner...kamen aus dem Nichts. Schwarze Kapuzen…konnte Gesichter nicht erkennen. Haben die Wachen get├Âtet…waren schnell. Haben mich…auch erwischt…konnte sie nicht aufhalten. Verzeiht, Eure Hoheit“, ├Ąchzte der Angeschossene.
„Alles ist vergeben, Freund. Bringt ihn sofort zu einem Heiler!“, befahl de Nord.
W├Ąhrend man den verwundeten Tymaleaux fortschaffte, wandte sich der Marquis den Blick zum Boden und fl├╝sterte: „Schw├Ąrze. Ein letztes Gl├╝hen erlischt. Sie werden alle versinken. Herr, sei ihren Seelen gn├Ądig.“
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Montierre.
„Ich muss gestehen, ich f├╝rchte, in dieser Stadt keinen einzigen Freund mehr zu haben. Schon gar nicht jetzt. Ich werde morgen noch zur Front abreisen. Hier gibt es f├╝r mich nichts mehr zu retten“, sagte der Marquis, bevor er sich abwandte.
„Du willst nach Baskat?“, keuchte der Herzog.
„Ihr lauft vor Eurer Schuld davon!“, spottete der Kalif.
„Selbst wenn ich mir etwas h├Ątte zuschulden kommen lassen, w├Ąre es sinnlos davor zu fliehen, w├╝rde es mich doch sp├Ątestens mit meinem Tod einholen, und allzu lange wird wohl keiner von uns mehr leben“, sprach Lucian, bevor er sich abwandte und ging.
„Ist das sein Werk?“, fragte Farruk den Herzog.
„Das wage ich, zu bezweifeln“, entgegnete dieser, w├Ąhrend er sich einem Unteroffizier zudrehte, „Gebt den M├Ąnnern den Befehl zum Abr├╝cken! Die Blockade des Hafens ist aufgehoben.“

Kapitel 6: Von Helden und Verr├Ątern

50. Gr├╝nwalden. 52 n.V.
Doch zu Lucians Abreise sollte es nicht mehr kommen, da noch in derselben Nacht ein Bote die Tore erreichte und die Nachricht vom Fall Baskats ├╝berbrachte, einem Dorf westlich von Galor, das dessen letzten Au├čenposten dargestellt hatte.
Denjenigen, die ihre Sinne nicht mit Alkohol und Dunkelkraut vernebeln mussten, um die Realit├Ąt zu ertragen, wurde recht schnell klar, dass die Zeit der Feste und Feiern nun endg├╝ltig vorbei war.
Die Orks kamen und mit ihnen eine schwarze Wolke der Angst, die sich wie ein Totenschleier auf die Gem├╝ter der Menschen legte.
Pl├Âtzlich war jedes Ringen um Individualit├Ąt verklungen, von Hass wurde nicht mehr gesprochen, sogar das Ger├╝cht, de Nord stecke hinter der Zerst├Ârung der Schiffe verflog ebenso schnell, wie es aufgekommen war.
Farruk lie├č sich drei Tage lang vertreten, bevor er wieder auf die Bildfl├Ąche, um von Ehre und W├╝rde zu reden, als h├Ątte ihn ein Blitz getroffen.
Binnen einer Woche wurde der Plan einer zentralverwalteten Armee Galors in die Tat umgesetzt und pl├Âtzlich durfte sich, sogar mit Farruks Zustimmung, Herzog Jean Montierre Hochgeneral von Galor nennen.
Ging man abends durch die Stra├čen Galors, so traf man keine betrunkenen Adligen mehr, keine p├Âbelnden Jugendlichen, keine Rassisten, die sich von den gegen├╝berliegenden Stra├čenseiten her verspotteten. Vor den H├Ąusern lehrten Veteranen J├╝nglinge das K├Ąmpfen, nagelten Handwerker Fenster mit Brettern zu, schnitzten betagte M├Ąnner Speere, webten Weiber Wamse.

An einem warmen Sp├Ątsommerabend blickten Jean Montierre und Prinzessin Filiana vom Balkon der xendorischen Botschaft auf ein gesch├Ąftiges Viertel hinab.
„Wir haben es geschafft. Die acht Nationen sind sich einmal einig“, schw├Ąrmte Filiana, wobei sie sich tief in ihren Bastsessel sinken lie├č.
„Ja, ich denke, wir werden einen guten Kampf geben“, stimmte Montierre zu, „doch gewinnen werden wir ihn wahrscheinlich nicht.“
„M├╝ssen wir das denn?“, fragte die Prinzessin, „Es ist schon am├╝sant: Die Verr├Ąter, oder wer auch immer die Schiffe angez├╝ndet hat, dachten ganz sicher nicht, dass sie damit das erreichen w├╝rden.“
„Nein, wahrlich nicht“, lachte der Herzog, „H├Ątte ich wetten m├╝ssen, ich h├Ątte mein ganzes Verm├Âgen darauf gesetzt, dass nach der Zerst├Ârung der Schiffe hier der B├╝rgerkrieg ausbricht.“
„Und de Nord gelyncht wird“, f├╝gte Filiana hinzu, „Aber stattdessen wird er pl├Âtzlich verehrt.“
„Er wusste die ganze Zeit ├╝ber, dass er sterben w├╝rde, und danach hat er gehandelt. Jetzt, wo allen klar wird, dass sie wahrscheinlich nicht mehr allzu lange leben werden, begreifen sie sein Handeln. Jetzt gibt es nur noch die Ehre zu retten, wie er immer sagte.“
„Ihr sprecht wahrlich so, als g├Ąbe es nicht den Hauch einer Siegeschance f├╝r Galor.“
„Es tut mir leid, wenn ich Euch entt├Ąuschen muss, Prinzessin, aber den gibt es auch nicht“, dementierte Jean, „Ja, Galor mag stark sein und randvoll mit Menschen, die bis an ihr Ende k├Ąmpfen w├╝rden - vor allem nat├╝rlich, weil sie gar keine andere Wahl haben - aber uns steht ein gewaltiges Heer gegen├╝ber, das bereits einen ganzen Kontinent ├╝berrannt hat, und wir wissen noch nicht einmal, wer es anf├╝hrt. Aber wir wissen, dass sie Schwarzmagier und wahrscheinlich noch Schlimmeres auf ihrer Seite haben. Von einem Sieg auszugehen, w├Ąre arrogant.“
„Es gibt also keine Hoffnung?“, fragte Filiana.
„Ich f├╝rchte, nicht“, gab der Herzog zur├╝ck, w├Ąhrend ein Page auf den Balkon trat.
„Eure Hoheit, verzeiht, dass ich st├Âre, doch der Marquis de Nord verlangt eine Audienz beim Hohen Rat. Er besteht darauf, ihn binnen einer Stunde einzuberufen.“
„Seit wann befiehlt ein Marquis de Nord dem Rat, was er zu tun hat?“
„Er sprach davon, eine L├Âsung gefunden zu haben“, erkl├Ąrte der Laufbursche.
„Eine L├Âsung wof├╝r?“, erkundigte sich Filiana.
„Das wollte er nicht sagen.“
„Nicht? Lasst ihm ausrichten, dass ich bereit bin, ihn anzuh├Âren“, gab sie zur├╝ck.
„Ich ebenfalls“, f├╝gte Montierre hinzu.

Da Farruk sein Einverst├Ąndnis bereits gegeben hatte, kam es tats├Ąchlich dazu, dass der Hohe Rat Galors den Marquis binnen einer Stunde im marmornen Audienzsaal des Stadtpalastes empfing. Aus drei goldenen Thronen blickten sie auf den galanten Adligen in seinem dunklen Samtjackett hinab.
„Seid gegr├╝├čt, Marquis Lucian de Nord“, begann Prinzessin Filiana, worauf ihr Gegen├╝ber eine leichte Verbeugung andeutete.
„Ich nehme an, Ihr habt den Rat nicht ohne Grund einberufen?“, fuhr der Herzog fort.
„Ihr verspracht mir eine L├Âsung f├╝r unsere Probleme. Eine Fluchtm├Âglichkeit von diesem Kontinent!“, donnerte Farruk.
„Dann wisst Ihr mehr als ich“, gestand Montierre.
„Das habe ich in der Tat“, sagte de Nord.
„Moment“, unterbrach die Prinzessin, „Die L├Âsung, von der Ihr spracht, betrifft den Sieg Galors?“
„Ich sprach von Flucht, nicht von Sieg“, korrigierte Lucian.
„Gleichviel!“, rief der Kalif, „Wie lauten Eure Pl├Ąne, Marquis? Geraderaus damit!“
„Nun, ich sollte vielleicht zun├Ąchst anmerken, dass es sich bei meinen Pl├Ąnen nicht um ein sicheres Unterfangen handelt. Es ist keine greifbare L├Âsung; nichts, das man ohne Anstrengung erreichen k├Ânnte; keine g├Âttliche Intervention; ein Himmelfahrtkommando im besten Sinne.“
„Ich bitte Euch, Marquis, kommt zum Punkt“, unterbrach die Prinzessin.
„Wie Ihr w├╝nscht“, entgegnete der Marquis, „Als ich in der vergangenen Woche die Truppenberichte vom Beginn der Invasion durchst├Âberte, um genauere Angaben zu den Waffen unserer Feinde zu finden, stie├č ich auf einen interessanten Vermerk. Die Orks nutzten f├╝r ihre Seeblockade haupts├Ąchliche kleinere Galeeren und Schiffe, die sie von den Menschen erbeutet hatten. Ihre Landetruppen kamen jedoch mit gewaltigen Segelschiffen nach Fiondral, die bis zum Ende der Aufzeichnungen noch bei den Landezonen vor der Ostk├╝ste lagen. Die Orks sind primitiv. Den Beschreibungen, die den Aufzeichnungen beilagen, konnte ich entnehmen, dass f├╝nf M├Ąnner ausreichen, um ein solches Schiff zu segeln. Wenn man dabei Magier einsetzt, ist es sogar mit einer deutlich geringeren Anzahl machbar. Auf der anderen Seite sind die Schiffe jedoch so gro├č, dass es m├Âglich sein sollte, ganz Galor mit drei von ihnen zu evakuieren.
Mein Plan sieht also folgender Ma├čen aus:
Ihr unterstellt f├╝nfundvierzig Soldaten, die besten M├Ąnner und Frauen Galors, meinem Befehl und ich garantiere daf├╝r, bei meiner Ehre, dass diese Schiffe in den Hafen dieser Stadt einlaufen werden.“
Der Wind wehte sanft durch den Saal, die untergehende, blutrote Sonne warf ihre letzten Strahlen durch seine Fenster und brachte den wei├čen Marmor zum Gl├Ąnzen. Farruk grinste wie ein Kind, Montierre neigte den Kopf, die Prinzessin taxierte de Nord nachdenklich.
„Euch ist klar, dass zwischen Galor und der Ostk├╝ste Fiondrals tausende Meilen Feindesland liegen?“, fragte sie.
„Selbst mir ist der Fall Fiondrals nicht entgangen“, spottete de Nord, „Aber unsere letzten Kundschafter berichten, dass die Hauptstreitmacht der Orks bereits weiter vorger├╝ckt ist. Mein erster Schritt best├╝nde darin, den Tunnel wieder ausheben zu lassen, um durch ihn hinter die feindlichen Linien zu gelangen. Dort w├╝rden wir uns in drei Gruppen aufteilen, die, aus nur f├╝nfzehn Personen bestehend, hinter den feindlichen Linien kaum auffallen sollten.
Ihr vergesst, dass Fiondrals Weiten keine orkische Festung sind. Hinter der feindlichen Hauptstreitmacht liegt verw├╝stetes Land, besiegte St├Ądte und D├Ârfer, deren Bewohner zu jedem loyal sind, der ihnen eine Klinge an die Kehle h├Ąlt. Wir werden dort keinen Heerscharen von Orks und Verr├Ątern gegen├╝berstehen. Ein paar J├Ągern vielleicht. Wer wei├č, ob es ├╝berhaupt zum Kampf kommt.“
„Die Mondg├Âttin sei gepriesen!“, keuchte Farruk, „Vergesst all meinen Spott ├╝ber Euch, Marquis! Ihr seid brillant!“
„Brauchen wir denn nicht jeden Krieger hier in Galor?“, zweifelte Filiana.
„Also, ich denke, f├╝nfundvierzig sind zu entbehren, wo diese Stadt doch mehrere tausend Einwohner hat“, erwiderte Montierre.
„Aber Ihr seid euch sicher, Marquis, dass drei Schiffe ausreichen werden?“, fragte Farruk.
„Nun, die Schiffe werden nicht vor den Orks hier sein. Sie werden reichen, wenn ich die Verluste richtig kalkuliert habe.“
„Verluste?“, ├Ąchzte die Prinzessin.
„W├Ąhrend ich f├╝r die Rettung sorge“, sprach Lucian, „ist es Aufgabe des Rates, daf├╝r zu sorgen, dass noch etwas da ist, das man retten kann. Haltet diese Stadt, bis ich zur├╝ck bin!“
„Wir sollten vielleicht erst ├╝ber Euren Vorschlag abstimmen, bevor wir uns Gedanken darum machen, wer was verteidigt“, wandte sie ein.
„Meinen Segen habt Ihr, de Nord“, verk├╝ndete der Kalif, „Und ich hoffe, auch den aller Menschen und aller G├Âtter.“
„Ich wei├č nicht“, widersprach Filiana, „Sollen wir wirklich unsere besten M├Ąnner opfern? K├Ânnen wir Galor nicht halten, die Orks zur├╝ckschlagen? Das alles erscheint mir zu wage, zu wage. Nein, ich kann dem nicht zustimmen.“
„Und Ihr, Herzog?“, wandte sich de Nord an Montierre.
„Setzt diesem Plan noch eine vierte Gruppe hinzu, die die Orks aus dem Hinterhalt sabotiert, und Ihr habt meine Stimme, Marquis.“
„Das sollte sich einrichten lassen“, best├Ątigte Lucian.
„Exzellent!“, klatschte Farruk, „Betrachtet Euren Plan als bewilligt!“
„Wohlan denn“, rief de Nord, „Veranlasst, dass die Anf├╝hrer der acht Nationen mir ihre besten M├Ąnner zur Verf├╝gung stellen! Wenn wir nach Vorschlag des Herzogs noch drei Saboteure hinzuf├╝gen, sind das sechs Streiter aus jeder Nation. Ich verlange, dass es sich bei einem F├╝nftel der gesamten Truppe um Magier handelt!“
„Ich werde daf├╝r sorgen, Marquis“, versprach Jean Montierre.
„Und ich k├╝mmere mich um den Tunnel. Er wird bei Eurer Abreise wieder begehbar sein. Verlasst Euch darauf“, f├╝gte Farruk hinzu.
Darauf verbeugte sich de Nord erneut kaum merkbar und zog sich zur├╝ck.

Eine weitere Wendung der Stimmung hinter den Mauern Galors blieb jedoch aus.
Obwohl Sp├Ąher vermeldeten, dass das orkische Heer einige Meilen vor Galor gestoppt hatte und nichts auf einen Angriff schlie├čen lie├č, und de Nord bereits ihre Rettung pries, wich der Totenschleier der Furcht nicht von den Gesichtern der B├╝rger. Es wurde wenig geredet, nicht mehr gefeiert. Oft gab man illegale G├╝ter freiwillig zur├╝ck. Der Schwarzmarkt erlebte seine schw├Ąrzesten Stunden.
Die Messen waren gef├╝llt und abends hallten die Gebete der Mondkultisten lauter gen Himmel als je zuvor.
Misstrauen starrte aus jedem Augenpaar, waren die Verr├Ąter, die hinter der Zerst├Ârung der Schiffe steckten, doch immer noch nicht gefunden worden.
Alle Hoffnung und aller Glaube konnten nicht dar├╝ber hinwegtr├Âsten, dass achtundvierzig B├╝rgern Galors in den n├Ąchsten Tagen Todesbotschaften ausgestellt wurden.
Ferren, den man nach dem Aufdecken des Thanatoikerrings und seinen zahlreichen L├Ądierungen vorl├Ąufig beurlaubt hatte, sa├č auf seinem Balkon, starrte die sandsteinernen Fassaden an und trank ein Bier, w├Ąhrend der Himmel milchig grau, verhangen von Wolken das Sommerende ank├╝ndigte. Eine angehnehme K├Ąlte lag ├╝ber der Stadt, welche die Erinnerungen an die qu├Ąlende Schw├╝le der vergangenen Tage verblassen lie├č.
W├Ąhrend er einen weiteren Schluck aus seinem Bierkrug nahm, ert├Ânte ein Klopfen an der T├╝r seiner Behausung.
Langsam, wenn gleich auch etwas verwundert, erhob er sich, um durch die Dunkelheit des Zimmers zum Eingang zu schreiten. Dort legte er seine Rechte auf den Griff seines Kurzschwerts und ├Âffnete┬á die T├╝r nur einen kleinen Spalt.
„Leg das Schwert weg. Ich bin’s, Raham“, schallte es durch den Spalt.
Mit einem kurzen Blick versicherte sich Ferren, dass die besagte Person tats├Ąchlich vor der T├╝r stand, bevor er ├Âffnete.
„Du wirst langsam paranoid“, entgegnete Raham, w├Ąhrend er eintrat und sein Gastgeber sich in Richtung des Balkons zur├╝ckzog.
„Die Verr├Ąter wurden noch nicht gefasst und haben einen begr├╝ndeten Hass auf mich.“
„Die Verr├Ąter zu fassen, gestaltet sich als schwierig“, merkte der Hauptmann der Wache an, „Besonders, wenn man niemandem vertrauen kann. Ich bin immer noch dabei unsere Reihen von den ehemaligen Sympathisanten Blaeks zu s├Ąubern.“
„Was suchst du dann bei mir?“
„Gar nichts…abgesehen von dir selbst nat├╝rlich.“
„So?“
„Ja“, gestand Raham, wobei er die Arme h├Ąngen lie├č, „Schlechte Neuigkeiten…sofern du an deinem Leben h├Ąngst.“
„Was zum…“, keuchte Ferren, w├Ąhrend sein Freund ihm einen Brief ├╝bergab, dessen Wachssiegel das Wappen Delions zierte.
„Von Kapit├Ąn Lagon h├Âchst pers├Ânlich“, erkl├Ąrte der Hauptmann.
„Du wei├čt aber, was drin steht?“
„Ein Versetzungsbefehl zu einem Sp├Ąhtrupp, die Galor verlassen wird.“
„Die Rettungsmission?“
„Jeder, mit dem ich dar├╝ber sprach, nannte es Himmelfahrtskommando“, gestand Raham.
„Schei├če“, ├Ąchzte Ferren, „Und womit habe ich das verdient?“
„Mit deinen au├čerordentlichen Leistungen bei der Aushebung des Thanatoikerrings.“
„Man sagt also, dass niemand von dieser Mission zur├╝ckkommen wird?“, fragte der Leutnant langsam.
„Nein es…die meisten nehmen es mit Fassung.“
„Aber sie glauben nicht, dass sie ├╝berleben werden?“
„Sie glauben bestimmt daran. Es ist nur…“
„L├╝g mich nicht an!“, blaffte Ferren, „Sag mir: Gibt es in dieser Stadt irgendwen, der das hier“, er wedelte mit dem Brief vor der Nase seines Kameraden herum, „nicht f├╝r ein Todesurteil h├Ąlt?“
„Ja, den gibt es“, antwortete Raham betreten, „Lucian de Nord.“
„De Nord…ich, ich muss…ich muss mit…wei├čt du, ob Ariona noch in dem Keller wohnt?“
„Das fragst du mich? Ich dachte du w├╝sstest…“
„Ach, verdammt!“, blaffte Ferren, sprang auf, knallte die T├╝r zu und lie├č den Hauptmann allein zur├╝ck.
„Er h├Ątte mir wenigstens sagen k├Ânnen, wo der Schl├╝ssel f├╝r die T├╝r ist“, sagte Raham, w├Ąhrend er sich kopfsch├╝ttelnd umsah.

Ferren rannte, dass neben ihm H├Ąuserfassenden und Zierb├Ąume zu einer verwischten Mixtur aus Sandbraun und Laubgr├╝n verschmolzen, rannte, dass es sich anf├╝hlte als w├╝rden seine Schienbeine aus den Gelenken springen, dass seine F├╝├če wie wei├če Glut brannten, als er schlie├člich vor dem Eingang des Wohnkellers stand.
Keuchend lehnte er sich gegen die Mauer neben der T├╝r, w├Ąhrend sein Herz schmerzend in seiner Brust schlug.
Eine einziges Wort formte sich auf seinen Lippen: „Warum?“
Erneut hatte er das Gef├╝hl, von sich selbst ausgetrickst zu werden, sich seinem eigenen Willen zu widersetzen.
Seine Hand ├Âffnete die T├╝r, seine schmerzenden F├╝├če trugen ihn die Treppe hinunter.
Als er den Wohnkeller erreichte, fuhr ihm ein eisiger Wind entgegen. Die Nischen waren allesamt leer, die Kohle im Ofen vergl├╝ht, aus ge├Âffneten Schr├Ąnken und Schubladen glotze ihn die Leere an.
Nichts und niemand war mehr an diesem Ort.
Ächzend schlug Ferren mit der blanken Faust gegen die rohe Steinwand, ohne dabei eine Miene zu verziehen.
Als er sich umdrehte, entdeckte er jedoch den einzige Gegenstand, den man nicht aus den Nischen entfernt hatte.
Ein vereinsamter, lederner Ranzen lehnte an der kniehohen Mauer, die den Eingang flankierte. Der Leutnant beugte sich zu ihm hinunter, um mit seiner Linken ├╝ber die ledernen Riemen zu streichen.
Er wollte ihn gerade ├Âffnen, als eine Stimme von der Treppe her erschallte:
„Hallo? Ist da jemand?“
Ferren brauchte keine Sekunde, um zu erkennen, wessen Stimme es war.
„Ariona?“, rief er zur├╝ck, w├Ąhrend seine Gesichtsz├╝ge sich entspannten.
„Ferren? Bist du das?“, fragte sie, w├Ąhrend bereits Schritte auf der steinernen Treppe ert├Ânte. Wenig sp├Ąter erreichte sie das Ende und betrat den Kellerraum, wo der Leutnant noch auf sie wartete.
„Ferren, was machst du hier?“
„Ich…muss mit dir reden“, begann er, w├Ąhrend sich Brennen aus seiner Haut ausbreitete, gegen das die Schmerzen in seinen Schienbeinen geradezu l├Ącherlich waren. Den Brief zu z├╝cken, kam einer unertr├Ąglichen Qual gleich.
„Wei├čt du, was das ist?“, fragte er langsam.
„Ich kann’s mir denken“, gab sie zur├╝ck, „Ich habe auch einen bekommen?“
„Was?“
Der Leutnant keuchte. Aus dem Feuer war eisige K├Ąlte geworden.
Langsam fuhr Ariona fort:
„Sie sagen, es sei der Tod.“
„Wenn…wenn niemand daran glauben w├╝rde, dass wir es schaffen k├Ânnen, dann h├Ątten sie uns nicht losgeschickt.“
„Nein“, lachte Ariona sp├Âttisch, „der Rat hat nur eingewilligt, weil er hofft, dass wir ihn retten k├Ânnen. Glauben tun sie es nicht. Nur ein Fanatiker k├Ânnte daran glauben, dass die Rettung Galors m├Âglich ist.“
„De Nord.“
„Ja, genau.“
„Aber du wirst einwilligen?“, wollte Ferren wissen.
„Hast du den Brief ├╝berhaupt schon gelesen? Das ist keine Frage, sondern ein Befehl. Na ja, ob ich hier sterbe oder da drau├čen, was macht das schon f├╝r einen Unterschied?“
„Was ist wenn wir uns weigern?“, schlug Ferren vor.
„Schlechte Idee. Das w├Ąre Befehlsverweigerung, daf├╝r sperrt man uns bestenfalls ein. Sollte die Verweigerung jedoch gegen de Nord gelten, werden wir wahrscheinlich auch noch hingerichtet“, zischte Ariona.
„Tot also?“, fragte der Leutnant mit einem bitteren L├Ącheln.
„Ja“, stimmte Ariona heftig nickend zu, „Ich glaube, ich werde zum Strand gehen. Bevor ich sterbe, will ich noch einmal feiern, noch einmal trinken, tanzen…“
„Ich f├╝rchte, daraus wird nichts“, entgegnete Ferren leise, „Am Strand ist nichts mehr los. Wenn du Menschenmassen suchst, solltest du in die Kirchen gehen.“
„Die Kirchen…“, Ariona lachte sp├Âttisch, bevor sie sich wieder direkt Ferren zuwandte, „Hat nicht jeder Offizier noch eine Flasche guten Weins in seinem Gemach, f├╝r schlechte Zeiten?“
„Mag sein“, l├Ąchelte Ferren.
„Wollen wir deine nicht ├Âffnen? Eine bessere Gelegenheit wirst du nicht mehr bekommen.“
„Die Flasche, was…ja…ja, warum nicht“, stotterte der Leutnant, worauf ihn Ariona an der Hand nahm und aus dem Keller f├╝hrte.

┬áTage sp├Ąter sa├čen beide in ziemlicher Ern├╝chterung in einem Aufenthaltsraum des ehemaligen Thanatoikergeb├Ąudes, wo Ferren gerade seine neuen st├Ąhlernen Armschienen festzurrte. Der Rat Galors hatte alle Streiter, die der Rettungsmission angeh├Ârten, mit der besten Ausr├╝stung ausstatten lassen, die sich in der Stadt hatte finden lassen. Daher besa├č der Leutnant nun eine ├Ąu├čerst komfortable, braune Lederr├╝stung, die an Schl├╝sselstellen, wie dem Brustbereich, Schultern, Unterarmen und Oberschenkeln mit leichten Metallplatten verst├Ąrkt war.
Au├čerdem war es ihm nun verg├Ânnt, ein Schwert zu f├╝hren, das seine alte, schartige Klinge in H├Ąrte, Balance und Sch├Ąrfe um einen geradezu unnennbar gro├čen Wert ├╝bertraf.
Ariona hingegen hatte man mit einer hellgrauen Robe aus Diamantfaden ausgestattet, der etwa die H├Ąrte eines st├Ąhlernen Kettenhemds, jedoch das Gewicht normalen Stoffes besa├č.
„Jetzt ist es also so weit“, murmelte Ferren, w├Ąhrend ein g├Ąnzlich schwarz gekleideter Mann an der T├╝r vorbei schlurfte.
Es handelte sich um eine der drei Personen, die sich selbst Assassinen nannten, und den Auftrag besa├čen, hinter den feindlichen Linien gr├Â├čtm├Âglichen Schaden an Soldaten und Kriegsger├Ąt zu verursachen. Ferren hatte allerdings bisher nur zwei von ihnen gesehen, da der dritte, wie man sagte, nie seinen Tarnanzug ablegte.
Au├čer den Assassinen geh├Ârten noch eine ganze Menge anderer Leute dem Sto├čtrupp an. Da waren bullige Krieger aus Skatria, der h├╝nenhafte Olaf aus Delion, einige Kampfm├Ânche des Erl├Âserglaubens, ledrianische Edelm├Ąnner, nogronische Meuchelm├Ârder, iskatische Magier, serpendrianische Ritter, weitere delionische Marinesoldaten, elipfische W├╝stenk├Ąmpfer, xendorische Bogensch├╝tzten.
Ferren starrte auf die gl├Ąnzende Klinge seines Schwertes und betrachtete die verzerrte Spieglung seines Gesichts, als pl├Âtzlich eine Stimme vom Eingang her erschallte. Dort war ein junger M├Ânch in brauner Robe erschienen, der jegliches Haar von seinem Kopf geschoren hatte.
„Entschuldigt“, sagte er, „Ich bin Bruder Janus und eigentlich nur hier, um den Segen des Erl├Âsers ├╝ber meine Gef├Ąhrten zu sprechen.“
„Das ist freundlich“, gab der Leutnant zur├╝ck.
„Glaubt Ihr wirklich, dass es irgendwo, eine allm├Ąchtige Person gibt, die gerade uns retten will?“, entgegnete Ariona scharf.
„Lasst das besser nicht die Iurionisten h├Âren“, lachte Janus freundlich, „Sonst seid Ihr schneller Euren Kopf los, als Ihr es glaubt.“
Noch w├Ąhrend er sprach, trat ein weiterer Mann an, der jedoch um einiges ├Ąlter war, als Janus, was man an seiner zerzausten, dunkelgrauen Haarm├Ąhne und dem gleichfarbigen Vollbart gut erkennen konnte.
Tiefe Furchen gruben sich durch sein Gesicht und dennoch wirkte er in seiner eisenbeschlagenen Fellr├╝stung weitaus r├╝stiger, als die meisten K├Ąmpfer, die Ferren bisher gesehen hatte.
„Major Dragan“, gr├╝├čte der M├Ânch.
„De Nord will alle unten im Hauptsaal sehen. Es geht los“, knurrte der Alte, bevor er wieder davonstapfte.
„Wir sind schon unterwegs“, gab der M├Ânch zur├╝ck, worauf auch Ferren und Ariona sich erhoben, um den beiden M├Ąnnern ins Erdgeschoss zu folgen, wo ein m├Ąchtiger Menschenstrom in den gro├čen Saal am Ende des Flurs flutete.
Dort stand hocherhoben auf einem Stapel h├Âlzerner Kisten, wo ihn alle sehen konnten, Marquis Lucian de Nord, der sein elegantes Samtjackett gegen eine nicht weniger gutaussehende, nachtschwarze Lederr├╝stung getauscht hatte, die von einem filigranen, silbernen Metallgeflecht geziert wurde. ├ťber dieser trug er den k├Ânigsblauen Wappenrock Ledrias sowie einen gleichfarbigen, bodenlagen Umhang.
Den meisten Krieger, die Lucian sahen, klappte die Kinnlade herunter und ihre Gesichter erstarrten zu ungl├Ąubigen Fratzen.
Zun├Ąchst war Ferren nicht klar, welchen Grund dies hatte, bis er selbst erkannte, dass es sich bei dem Leder, aus dem die R├╝stung des Marquis gefertigt war, nicht um die Haut irgendeines Tieres sondern um die eines schwarzen Drachen handelte.
Die Drachen Kalatars waren jedoch bereits vor etlichen Generationen vertrieben oder g├Ąnzlich ausgerottet worden.
Die schiere Gier auf die Z├Ąhne, H├Ârner, Klauen, Herzen und Haut dieser majest├Ątischen Gesch├Âpfe hatte tausende Menschen dazu gebracht, den t├Âdlichen Kampf mit ihnen aufzunehmen.
Wenige waren mit reicher Beute zur├╝ckgekehrt, aus der man anschlie├čend eine Reihe m├Ąchtiger Artefakte gefertigt hatte, zu denen auch mehrere Drachenhautr├╝stungen geh├Ârten.
Obgleich nahezu unzerst├Ârbar, waren die meisten von ihnen mit der Zeit verloren gegangen, sodass sich nur noch wenige in den H├Ąnden hochrangiger M├Ąnner befanden, bei denen es sich meist um┬á Mitglieder von Herrscherfamilien handelte.
„Drachenhaut“, keuchte jemand leise.
„Ich habe in Brogalon an der Seite des Marquis gek├Ąmpft“, berichtete ein ├Ąlterer Mann, „Ich sage euch, keine Klinge kann diesen Mann verletzen.“
„Wenn jeder von uns so eine R├╝stung h├Ątte, h├Ątten wir die Orks schon an der Ostk├╝ste ins Meer zur├╝ckgetrieben“, wandte ein anderer ein, bevor Tymaleaux, der neben de Nord stand, sich mittlerweile von seinen Wunden erholt hatte und ebenfalls den ledrianischen Wappenrock sowie eine leichte, silberne R├╝stung trug, das Wort ergriff.
„Ruhe, Soldaten! Der Marquis hat euch etwas zu sagen“, blaffte er, worauf die Worte und das staunende Keuchen langsam verhallten.
„Habt Dank“, gab der Marquis zur├╝ck, „Ich gestehe, ├╝berrascht zu sein. Ja, ich bin tats├Ąchlich ├╝berrascht, dass ein jeder von euch heute hier steht. Ihr seid tats├Ąchlich hier, obwohl man euch eure Befehle ausstellte wie Todesurteile, obwohl euch die Priester eure Sterbesakramente schon verlesen haben, obwohl man euch da drau├čen schon als Todgeweihte bezeichnet und letztlich obwohl ihr selbst aus tiefstem Herzen wisst, dass sie Recht haben.
Ja, es mag sein, dass eure Tage auf dieser Welt gez├Ąhlt sind, dass jeder Schritt nach Osten ein Spatenstich mehr zu eurem Grab ist, und doch werdet ihr jeden dieser Schritte gehen, ohne dass auch nur ein Hauch von Zweifel in euren Gesichtern geschrieben steht, denn euch erwartet mehr, als dieses Leben je einem Menschen zu bieten vermochte.
Ich verspreche euch die Ewigkeit!
Wenn ihr einst vor dem Herrn steht, so wird er euch nicht fragen, wer ihr seid oder was ihr getan habt; er wird euch mit tosenden Posaunen empfangen, denn euer Ruhm wird euch bis ins Himmelreich vorauseilen, und noch in tausenden Jahren wird man auf Kalatar eure Namen preisen und den Kinder von den Bergen Skatrias bis zu den sonnigen Weiten Xendoras und den delionischen Inseln von euren Heldentaten erz├Ąhlen!
Und ja, man wird von uns berichten, denn wir werden daf├╝r sorgen, dass die letzten ehrenhaften Menschen Fiondrals den Orks entkommen k├Ânnen.
Wir m├Âgen sterben, aber ich wei├č, dass wir nicht scheitern werden!
Hebt eure Waffen, Streiter Galors! Hebt eure Waffen auf Galor, auf den Sieg, auf die Ewigkeit!“
„Auf die Ewigkeit!“, hallte es ihm aus siebenundvierzig Kehlen entgegnen, w├Ąhrend Speere, B├Âgen, Schwerter, Schilde und ├äxte in die H├Âhe stie├čen und pl├Âtzlich war es unbedeutend, dass keiner an ihren Erfolg geglaubte hatte, denn de Nord glaubte daran, mit einer Reinheit und Eindringlichkeit, dass in diesem Moment niemand an der Wahrheit seiner Worte zweifeln konnte.
„Truppenf├╝hrer!“, rief Tymaleaux, nachdem der Jubel abgeklungen war, „Sammelt eure Verb├Ąnde! Major Dragan, Ihr ├╝bernehmt die Vorhut!“
So gingen sie los, mit Leichtigkeit, mit lachenden Gesichtern, mit stolzgeschwellter Brust.
„Jetzt zeigen wir’s den Orks!“, lachte einer der Nogroner.
„Ja, denen schlagen wir ihre hohlen Fressen ein!“, stimmte ein Skatrier zu.
„Mund halten und in Formation bleiben!“, befahl ein ledrianischer Offizier, w├Ąhrend sich die Menge in den Keller und den schmalen Tunnel schob. Dort jedoch wandelte sich die wabernde Meute zu einer milit├Ąrisch organisierten Formation, denen einige Sp├Ąher voran gingen.
Danach folgte ein Trupp skatrischer Nahk├Ąmpfer, dahinter de Nord mit seinen ledrianischen Landsleuten und ihnen dicht auf den Fersen der gesamte Rest. Der Tunnel schien endlos, ein schwarzer Schlund, in den sie ohne Widerwillen hinabstiegen, und doch schien es Ferren, als w├╝rde er durch Wasser waten, w├Ąhrend die Schw├Ąrze den Keller hinter ihm verschluckte.
So traten sie die Reise an, eingezw├Ąngt zwischen rohen Felsmauern, den Ellbogen ihrer Kameraden und der allumfassenden Finsternis, gegen die ihre Pechfackeln einen aussichtslosen Kampf fochten.
Er ging mittlerweile dem h├╝nenhaften F├Ąhrtenleser Olaf hinterher, dessen rote Haarm├Ąhne wenigsten ein bisschen Farbe in das triste Halbdunkel brachte.
Ariona befand sich w├Ąhrenddessen bei ihren iskatischen Landsleuten.
Der Gang wollte nicht enden, und als seine F├╝├če schon in seinen Stiefeln brannten, funkelte ihnen immer noch kein Licht entgegen.
Langsam kam finsteres Gemurmel auf, das von den Offizieren mit zischenden Befehlen in die Stille zur├╝ckgepeitscht wurde.
Dann endlich wurde das Kommando durch die Reihen gefl├╝stert wurde, die Fackeln zu l├Âschen, sich ruhig zu verhalten und die Waffen zu ziehen.
Kurz darauf wurde verlautet, anzuhalten, und so verbrachten sie eine lange Zeit in der Dunkelheit.
Wasser tropfte, Schritte entfernten sich, verhallten. Stille weitete ihre Herrschaft aus, bis schlie├člich mit einem leisen Klicken die Schritte zur├╝ckkehrten. Irgendwo weiter vorne wurde gemurmelt, schlie├člich wagte man es, den Marschbefehl zu rufen, worauf sich der gesamte Zug wieder in Bewegung setzte.
Langsam ging es voran, das Glitzern am Ende des Ganges wurde zu einem Funkeln, einem kleinen Licht, schlie├člich zu einem grell, blendenden Strahlen, das sie zwang, ihre Augen zu schlie├čen.
Blind stolperten sie eine unsaubere Steintreppe hinauf.

„Dragan, sichert den Ort und kehrt dann sofort hierher zur├╝ck“, befahl de Nord, w├Ąhrend Ferren es gerade erst geschafft hatte, seine Umgebung zu erfassen.
Er stand vor einem verdreckten, kaum befestigten Loch, das man einfach so in die Erde geschlagen hatte, am Rande eines kleinen Dorfes, ├╝ber dem ein milchig blasser Himmel hing.
Als eine Windb├Âe heranfegte, riss sie die Bl├Ątter aus dem bereits leicht br├Ąunlichen Kleid der B├Ąume. Der Sommer, so erkannte Ferren, war endg├╝ltig vorbei.
Erst jetzt bemerkte er die vier bulligen Orkleichen, die um den Tunneleingang herum langen und langsam ausbluteten.
„Alle Mann sammeln! Verteilt euch auf eure Gruppen! Je schneller desto besser!“, rief Tymaleaux.
„Weg da!“, blaffte ein h├Ąsslicher Skatrier, mit kahl geschorenem, bleichem Sch├Ądel, w├Ąhrend er an dem Leutnant vorbei zog und ihn dabei fast zu Boden rempelte.
„Hey, ich bin Offizier, Arschloch!“, fluchte er.
„Na und, aber nicht meiner“, h├Âhnte sein Gegen├╝ber und schloss zu den ├╝brigen Skatriern auf, die sich daran machten, das Dorf zu sichern.
„Gut gemacht, Marquis!“, lobte einer der ledrianischen Offiziere, nachdem sie au├čer H├Ârweite waren, „Ich werde in Zukunft auch immer zuerst einen Skatrier vorschicken.“
„Tymaleaux, beginnt damit, die Gruppen aufzustellen“, befahl de Nord, „Ich erwarte, dass sie marschbereit sind, sobald die Skatrier zur├╝ckkehren.“
„Nat├╝rlich, Sir“, gab Tymaleaux zur├╝ck, worauf de Nord sich auf einem, eigens f├╝r ihn ausgeklappten Stuhl niederlie├č und sich ein Glas Wein einschenken lie├č.
„Ich glaub’s ja nicht“, ert├Ânte Arionas Stimme hinter Ferren, w├Ąhrend Tymaleaux einen gewissen Major Jarred herbeirief.
Bei diesem handelte es sich um einen athletischen, dunkelh├Ąutigen Elipfer, der zwar eine keine Haare mehr auf seinem Haupt, daf├╝r aber einen recht buschigen, schwarzen Vollbart besa├č.
Anschlie├čend begann Lucians Adjutant damit, die Namen der M├Ąnner und Frauen zu verlesen, die sich Jarreds sowie Dragans Gruppe anschlie├čend sollten.
Da weder Ariona noch Ferren diesen zugeteilt wurden, schlossen sie, dass sie zur letzten Gruppe geh├Âren mussten, die de Nord pers├Ânlich unterstellt war. Mit dabei waren ein noch junger, ledrianischer Hauptmann namens Renault, Olaf der Sch├Âne, Tymaleaux, eine xendorische Bogensch├╝tzin namens Kalira, Bruder Janus und noch ein paar andere.
Als die Skatrier zur├╝ckkehrten, wurden ihnen noch drei weitere Personen zugeteilt, bei denen es sich um einen vermummten Magier, einen etwas ├Ąlteren Skatrier namens Slemov und ebenjenen Mann handelte, der Ferren zuvor angerempelt hatte.
Dieser trug, wie der Leutnant jetzt wusste, den Namen Dimitri.
Nachdem alle Gruppen vollst├Ąndig waren und man jedem Soldaten ein metallenes Insignie ├╝berreicht hatte, wandte sich de Nord noch einmal an die beiden anderen Befehlshaber, Jarred und Dragan.
„Wohlan denn, marschieren wir los. Ich w├╝nsche euch alles Gl├╝ck der Welt, von dem ich annehme, dass wir es brauchen werden.“
„So auch euch“, gab Jarred zur├╝ck, w├Ąhrend Dragan schwieg.
„Bewegt euch!“, befahl der Marquis unter einer wegwischenden Handbewegung, was dazu f├╝hrte, dass sich die drei Gruppen trennten und in unterschiedliche Richtungen davonmarschierten.
Zun├Ąchst durchquerten sie einige ├╝berwucherte Felder, um die sich wohl schon l├Ąngere Zeit niemand mehr gek├╝mmert hatte.
„Wenn Ihr irgendetwas Essbares findet, sammelt es ein“, wies Tymaleaux sie an, „Ihr habt sicherlich mitbekommen, dass wir mit recht knappen Vorr├Ąten losgezogen sind.“
„Wieso eigentlich?“, fragte Olaf.
„Weil das hier keine Kampfmission ist“, erkl├Ąrte Renault, „Wir versuchen, so schnell wie m├Âglich und mit geringen Verlusten die Ostk├╝ste zu erreichen. ├ťberm├Ą├čiges Gep├Ąck w├╝rde uns dabei nur behindern.“
„Ich hatte erwartet, dass dieser Umstand hier bereits jedem bekannt w├Ąre“, kommentierte de Nord, w├Ąhrend er sich durch einige hochgewachsene Maisstauden k├Ąmpfte.
„Dann nehme ich mir doch gleich einen Maiskolben mit“, lie├č Olaf verlauten, bevor er nach einer der Stauden griff.
„Sir, das Feld endet da vorne“, verk├╝ndete Renault.
„Gut, ich nehme an, dass dahinter eine Stra├če liegt?“, erkundigte sich Lucian.
„Ich werde auf der Karte nachsehen“, gab der Hauptmann zur├╝ck.
„Gott, Renault“, rief Tymaleaux, „Bis Ihr dieses Feld auf Eurer Karte gefunden habt, ist es Mitternacht. Ich habe eine bessere Idee. Ilar! Macht Eure Vogelgestalt und seht nach, was uns da erwartet.“
Ferren schluckte, als er den Namen des aufgerufenen Magiers h├Ârte. Hastig sah er sich um, doch das Gesicht des Gesuchten erblickte er unter seinen Kameraden nicht.
„Ich bin kein Gestaltenwandler…Sir“, entgegnete der vermummte Magier, der mit den anderen Skatriern zu der Gruppe gesto├čen war.
„Du…“, zischte Ferren, wobei er jedoch von Tymaleaux ├╝bert├Ânt wurde:
„Sch├Ân, dann ├╝bernehmt Ihr das Truzos“, er wandte sich an den schmierigen, serpendrianischen Magier, der eine prunkvollbestickte, dunkle Seidenrobe trug.
„Pardon, Monsieur, aber ich werde mich nicht in ein Tier verwandeln. Das ist meiner unw├╝rdig.“
„Truzos!“, blaffte Renault, „Das war ein Befehl.“
„Wenn Ihr es wirklich w├╝nschen solltet…“
„Ach, vergesst es. Ich mache das!“, fauchte Ariona, worauf sie loslief.
Einige Meter weiter sprang sie in die Luft.
Dann zuckte es einen wei├čer Lichtblitz durch die Stauden, ihre Extremit├Ąten verdrehten sich mit enormer Geschwindigkeit und in unnat├╝rlichen Winkeln, bevor sie stark zusammenschrumpfte und sich schlie├člich in eine strahlend wei├če Taube verwandelt hatte.
Mit wenigen Fl├╝gelschl├Ągen war sie den Stauden, der Schw├╝le des Feldes und dem Gerede ihrer Kameraden entkommen. ├ťber ihr hing nur der milchig wei├če Himmel, unter ihr ruhte das herbstbraune Land und vor ihr erstreckten sich die unendlichen Weiten Fiondrals.
In ihrem gesamten Sichtfeld ordneten sich Felder und kleine D├Ârfer bis zum Horizont, wobei sie hin und wieder von Waldst├╝cken oder orkischen Feldlagern unterbrochen wurden.
Sie flog eine Schleife warf einen Blick auf die K├╝ste, wo sich die T├╝rme Galors erhoben und nach Norden, zu den Bergen und W├Ąldern, in denen sich laut ihren Informationen die Lager der Orks befinden sollten.
Erst nachdem sie sich alles angesehen hatte und noch ein wenig durch den wogenden Wind gesegelt war, betrachtete sie das Feld, welches tats├Ąchlich in eine Stra├če m├╝ndete.
Diese war vollkommen verlassen und f├╝hrte durch etliche andere Felder zu einem Dorf weiter s├╝dlich.
Langsam lie├č sie sich wieder sinken und landete, da sie sich nicht weiter durch das Feld schlagen wollte, direkt auf der Stra├če.
Nachdem sie sich zur├╝ckverwandelt hatte, rief sie in der Maisstauden Mauer hinein:
„Die Stra├če ist sicher!“
Tats├Ąchlich verlie├čen wenig sp├Ąter zun├Ąchst die Skatrier das Feld, denen der Rest der Gruppe folgte.
„Was habt Ihr gesehen, Novizin?“, wollte Tymaleaux wissen.
„Es gibt keine sichtbaren Feindbewegungen in dieser Gegend. Im Osten befinden sich noch weitere Felder und dahinter ein kleines Waldst├╝ck. Im S├╝den f├╝hrt die Stra├če zu einem kleinen Dorf und im Norden wieder zu dem Ort in der N├Ąhe des Tunnels.“
„Sch├Ân, ich denke wir sollten der Stra├če folgen, dann sind wir schneller, als wir es ├╝ber die Felder w├Ąren“, sagte Renault.
„Nein“, entgegnete der Marquis, „Wir werden uns weiter gen Osten┬á durch diese Felder schlagen.“
„Doch, edler Herr“, wandte Tymaleaux ein, „das w├╝rde uns eine Menge Zeit kosten.“
„Dennoch ziehe ich es vor, unentdeckt zu bleiben, was uns ganz sicher nicht gelingen w├╝rde, suchten wir gleich das erst beste Dorf auf. Ihr solltet besser nicht vergessen, dass wir uns hier im Feindesland befinden.“
„Nat├╝rlich, Sir“, gab sein Adjutant zur├╝ck, bevor er sich an die Skatrier wandte, „Slemov, Ihr habt die Worte des Marquis‘ vernommen, bewegt Euch mit Euren Leuten in dieses Feld, der Rest folgt.“
„Hat es einen Grund, dass wir immer die Vorhut sind?“, fragte Dimitri.
„Es hat einen Grund, dass Befehle nicht hinterfragt werden sollen, Soldat!“, fauchte Renault, „Setzt Euch in Bewegung!“
Damit folgte Dimitri seinen Gef├Ąhrten Slemov und Ilar ├╝ber die niedrige Steinmauer auf der anderen Seite der Stra├če, hinter der das n├Ąchste Feld begann.
„Edler Herr, d├╝rfte ich Euch eine Frage stellen?“, wandte sich Ferren an Lucian, w├Ąhrend sie ebenfalls die Mauer ├╝berschritten.┬á┬á
„Es sei Euch erlaubt, Leutnant.“
„Dieser Ilar…wenn er der Mann ist, f├╝r den ich ihn halte, dann wird er von der delionischen Wache immer noch wegen einiger Ungereimtheiten in Bezug auf die Thanatoiker gesucht. Wieso wurde er f├╝r diese Mission rekrutiert?“
„Unter den Skatriern gibt es nur wenige Magier. Wahrscheinlich mussten sie ihn nehmen“, gab Hauptmann Renault dazu.
„Skatrische Magier sind allesamt untalentiert“, lachte Truzos.
„Aber ich meine“, fuhr Ferren fort, „dieser Mann k├Ânnte ein Verr├Ąter sein? Da h├Ątte man doch lieber irgendeinen einfachen Soldaten mitnehmen sollen. Nicht ihn.“
„Ich gestehe ein, dass Ihr Recht haben k├Ânntet“, best├Ątigte de Nord, „Ihr habt daher meine ausdr├╝ckliche Anweisung, ein Auge auf den Novizen Ilar zu werfen.“
„Vielen Dank, Sire.“
„Sollte Euch etwas auffallen, lasst es mich wissen“, wies der Marquis ihn an.
„Sir, ich f├╝rchte, wir kriegen Magda nicht ├╝ber die Mauer!“, rief Bruder Janus von der Steinmauer her.
„Ariona, Truzos! Geht zur├╝ck und seht zu, wie ihr helfen k├Ânnt. Danach schlie├čt wieder zu uns auf!“, befahl de Nord.
„Wohlan denn, versucht, mit mir Schritt zu halten, Novizin“, sagte Truzos und machte kehrt, worauf Ariona ihm z├Ąhneknirschend folgte.
Obwohl sie nur wenige Meter von der Mauer trennten, konnte sie aufgrund der hochgewachsenen Maisstauden doch nicht bis dort sehen.
Als sie die Pflanzen endlich ├╝berwunden hatten, entdeckten sie Kalira, Janus und Olaf, die sich um ihr Lastenpony Magda gruppiert hatten, welches es nicht ├╝ber die Mauer schaffte.
„Wenn wir das ganze Zeug hier abladen, schafft sie es vielleicht von alleine dr├╝ber“, vermutete Janus.
„Wir k├Ânnten versuchen, es dar├╝ber zu heben“, schlug Olaf vor.
„Ganz sicher nicht“, dementierte Kalira.
„Ich kann es mit einem Sto├čzauber r├╝ber schleudern“, merkte Truzos an.
„Das lasst Ihr bleiben!“, fauchte Ariona, „Wir sprengen einfach ein Loch in die Wand. Das Abladen dauert zu lange. Die anderen sind schon vorgegangen.“
„Sch├Ân“, knurrte Truzos, „Schafft das Vieh da weg und bringt euch in Sicherheit!“
„Ihr solltet es vermeiden, dabei allzu viel L├Ąrm zu verursachen“, merkte Kalira an.
„Habt Ihr schon mal eine leise Explosion geh├Ârt?“, blaffte der Serpendrianer.
„Ich meinte ja nur…“, murmelte die Sch├╝tzin, w├Ąhrend Janus und Olaf das Pony von der Mauer wegf├╝hrten.
„Reicht das?“, erkundigte sich der M├Ânch, nachdem er die andere Stra├čenseite erreicht hatte.
„Was wei├č ich“, sabbelte der Serpendrianer, bevor er einen Flammenball gegen die Mauer feuerte, der sofort detonierte, als er sein Ziel fand.
Der Knall war ohrenbet├Ąubend, Steine und Staub flogen durch die Luft, die Druckwelle warf sogar den Magier selbst zu Boden.
„So mein Werk hier ist vollbracht“, sagte er, rappelte sich wieder auf, klopfte den Staub von seiner Robe und verschwand im Feld.
„Idiot!“, zischte Ariona ihm hinterher.
„Wenn die Orks in der N├Ąhe sind, wissen sie jetzt, wo wir sind“, seufzte Kalira.
„Na komm, wir kriegen dich schon wieder auf die Beine“, fl├╝sterte Janus dem Pony zu, w├Ąhrend er es zusammen mit Olaf beim Aufstehen st├╝tzte.
„Wir sollten uns beeilen, sonst verlieren wir die anderen“, wandte Ariona ein.
„Sind schon dabei“, best├Ątigte der M├Ânch, „Geht ruhig vor, ich f├╝hre Magda.“
„Ich bilde die Nachhut“, sagte die Bogensch├╝tzen.

Da de Nord das Marschtempo seiner Truppe gedrosselt hatte, gelang es ihnen tats├Ąchlich recht schnell, wieder aufzuholen, sodass sie sich gemeinsam weiter durch die Felder schlugen.
Ariona kundschaftete noch ein paarmal f├╝r sie die Gegend aus, bis es schlie├člich Abend wurde und die Nacht ├╝ber das Land herein brach.
Als sie zwischen den Feldern auf ein kleines, verlassenes Geh├Âft stie├čen, befahl de Nord, dort das Nachtlager aufzuschlagen.
W├Ąhrend die Skatrier die Umgebung nach Feinden absuchten, betrat der Marquis mit den anderen beiden Ledrianern das heruntergekommene Geh├Âft. Das Geb├Ąude war ebenso wie das Mobiliar noch recht gut erhalten, jedoch k├╝ndete eine dicke Staubschicht, die alle Gegenst├Ąnde ├╝berwucherte, davon, dass dort schon lange niemand mehr gewesen war.┬á┬á┬á
„Sobald die Skatrier zur├╝ck sind, k├Ânnen sie erst einmal hier sauber machen“, spottete Renault.
„Ihr scheint zu vergessen, Hauptmann, dass es f├╝r jeden Menschen eine Grenze gibt. Unsere nordischen Freunde m├Âgen sich als Kanonenfutter verwenden lassen, allerdings f├╝rchte ich, dass der Befehl, diesen Raum zu putzen, in einer Insubordination enden w├╝rde“, entgegnete de Nord.
„Ich w├╝rde lieber drau├čen schlafen als in diesem Dreck“, zischte der Hauptmann.
„Unsere Magier k├Ânnen doch sicher helfen“, lachte Tymaleaux, „Truzos! Ich brauche jemanden, der den Staub hier entfernt.“
„Pardon, aber ich bin ein Genie und keine Putzfrau!“, blaffte der Serpendrianer von drau├čen zur├╝ck.
„Novizin Ariona, sorgt daf├╝r, dass dieser Raum in f├╝nf Minuten bewohnbar ist!“, befahl Renault, bevor er das Geh├Âft wieder verlie├č.
„Putzen…“, zischte Ariona, w├Ąhrend Tymaleaux und de Nord dem Hauptmann folgten, „Gott, wie ich sie hasse!“
„Befolgt besser ihre Befehle. Ich mag sie auch nicht, aber sie haben hier leider das Sagen“, fl├╝sterte Bruder Janus ihr zu, bevor er sich daran machte, einen h├Âlzernen Tisch mit dem ├ärmel seiner Kutte abzuwischen.
„Lasst nur, M├Ânch. Ich komme damit noch ganz gut alleine klar“, entgegnete Ariona.
„Nun, davon bin ich ├╝berzeugt“, lachte der Geistliche, worauf er sich zum Ausgang begab, „Ich w├╝nsche dennoch gutes Gelingen.“
Als die Skatrier zur├╝ckkehrten, hatte Ariona es tats├Ąchlich geschafft, das Haus in einen einigerma├čen passablen Zustand zu bringen.
Wenig sp├Ąter wurde ein Feuer im Kamin entz├╝ndet, um das sich die meisten der Streiter gesellten, w├Ąhrend die Ledrianer sich in den ersten Stock zur├╝ckzogen, wo es noch ein paar nutzbare Betten gab.
Die Skatrier waren drau├čen zur Wache eingeteilt und Bruder Janus beaufsichtigte Magda beim Grasen, bevor er sie schlie├člich am Geh├Âft festband, um selbst ins Innere zur├╝ckkehren zu k├Ânnen.
Wenig sp├Ąter kam Hauptmann Renault nach unten, um die Verteilung der Nachtwache bekannt zu geben.
Tymaleaux ├╝bernahm dabei als Wachoffizier die erste, Ferren erhielt die zweite, Renault selbst die letzte.
Anschlie├čend suchte sich jeder der drei Offiziere zwei weitere Soldaten aus, die mit ihnen die Wache ├╝bernehmen sollten.
„Keine Sorge, ich lasse dich schlafen“, fl├╝sterte Ferren Ariona zu, bevor er sich f├╝r Olaf und Kalira entschied.
W├Ąhrend Tymaleaux mit seinen Begleitern die Wache ├╝bernahm, wurde das Feuer des Kamins zur Glut und die Gesellschaft, die sich darum gebildet hatte, l├Âste sich langsam auf. Die meisten zogen sich in irgendwelche Ecken oder separate R├Ąume zur├╝ck, um sich dort mit dem wenigen, das sie mitf├╝hrten, ein annehmbares Nachtlager zu errichten.
Ferren breitete seine Bastmatte neben dem Kamin aus, legte seine R├╝stung ab und kuschelte sich in seine Wolldecke. Dann blieb er reglos liegen, lauschte dem Knistern der Glut, dem Atmen seiner Kameraden, dem Ruf eines Nachtvogels in der Ferne, dem Wind, der sanft durch die Felder strich.
„Das ist alles zu einfach“, sagte er sich, „So leicht kann es nicht sein. Wo sind die Orks? Die Verr├Ąter, die Heerscharen? Hier ist nichts, gar nichts…versuch, zu schlafen…sie werden kommen….Ariona…“
Sekunden sp├Ąter war er auch schon in der sanften Umarmung des Traumes versunken.

Als ihn das laute Zischen des nogronischen Speertr├Ągers Baraj dieser wieder entriss, glaubte er, kaum eine Stunde geruht zu haben.
„Was wollt Ihr?“, nuschelte der Leutnant.
„Ich ├╝bergebe Euch den Wachbefehl“, entgegnete der Soldat.
„Der Wachbefehl…wird normalerweise vom Offizier ├╝bergeben. Wo ist Tymaleaux?“
„Schon oben. Schlafen wahrscheinlich“, knurrte Baraj.
„Sch├Ân…“, murmelte Ferren, w├Ąhrend er sich aufraffte.
Baraj stampfte an ihm vorbei.
„W├╝nsche auch eine gute Nacht!“, zischte er ihm hinterher, bevor er sich daran machte, Olaf und Kalira zu wecken.
Die Bogensch├╝tzin brauchte nur wenige Sekunden, um vollst├Ąndig wach zu werden, wohingegen es bei Olaf eine halbe Ewigkeit dauerte.
„Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich mich auf dem Dach positioniere, Leutnant? Von da aus sollte ich die ganze Gegend im Blick haben“, fragte sie, w├Ąhrend sie ihre Lederr├╝stung anlegte.
„Nein, absolut nicht“, gab Ferren zur├╝ck, wobei er Olaf eine Ohrfeige verpasste, die ihn endg├╝ltig aus der Traumwelt bef├Ârderte.
„Aua“, murmelte er dumpf.
„Aufwachen und Posten beziehen!“, befahl der Leutnant, „Du nimmst die Nordseite!“
Wenig sp├Ąter befanden sie sich drau├čen, wo es im Vergleich zu den letzten Tagen erstaunlich kalt war. Die Ger├Ąuschkulisse beeindruckte ihn. Grillen zirpten, Pflanzen raschelten im Wind, Nachtv├Âgel sangen.
Er richtete seinen Blick auf die Felder, die vor ihm nur eine schwarze, wabernde Wand bildeten, in der rein gar nichts zu erkennen war.
So sa├č er da, auf einer Bank an der S├╝dseite des Geh├Âfts, w├Ąhrend seine Gedanken durch ein ganz anderes, schier unendliches Universum streiften.
Dann aber ert├Ânte ein Ger├Ąusch, ein klirrendes, lautes Scheppern von der Westseite, das den Leutnant dazu brachte, sich sofort zu erheben und sein Schwert zu ziehen.
„Die anderen wecken?“, dachte er mit einem Blick zur T├╝r, „Schei├č drauf!“
Er rannte los, st├╝rmte um die Ecke und sah sich nur wieder mit der allumfassenden Finsternis konfrontiert.
Eine Sekunde verharrte er, bis ein Knirschen von den Dachziegeln her ert├Ânte, dann ein dumpfes Aufprallen.
Langsam schlich er, seine Klinge fest in H├Ąnden haltend vorw├Ąrts.
„Seid Ihr das, Ferren?“, h├Ârte er Kaliras Stimme.
„Ja…“, knurrte er zur├╝ck, wobei er das Schwert sinken lie├č.
Zugleich kam die Waldl├Ąuferin hinter einem Stapel h├Âlzerner Kisten hervor.
„Wart Ihr das?“, fragte sie.
„Was?“, entgegnete er.
„Dieses Scheppern.“
„Das habt Ihr auch geh├Ârt?“, erkundigte er sich.
„Nat├╝rlich“, antwortete sie, „Ich konnte aber nichts sehen. Deshalb habe ich das Dach verlassen.“
„Glaubt Ihr, dass irgendetwas im Gange ist?“
„Ich wei├č nicht, Leutnant. Sonst ist hier doch nichts.“
„Ja…Tarnanz├╝ge vielleicht.“
„Glaubt Ihr wirklich, unsere Feinde haben so etwas?“
„Ich hoffe, nicht“, sagte Ferren mit einem bitteren L├Ącheln, „Ich werde mal nach Olaf sehen. Haltet die Augen offen.“
„Werde ich, Leutnant“, versprach sie, worauf er an ihr vorbei und zur├╝ck in die Dunkelheit ging.
Olaf der Sch├Âne hatte, wie er kurz darauf feststellen sollte, von der ganzen Aufregung absolut nichts mitbekommen.
Mit dieser eher beunruhigenden Erkenntnis kehrte Ferren auf seinen Wachposten zur├╝ck, wo er verweilte, bis die Sanduhr das zweite Mal durchgelaufen war.
Darauf schickte er Olaf, Renault zu wecken, sodass der Wachwechsel vollzogen werden konnte.
Anschlie├čend legte er sich selbst noch an den Kamin, ohne jedoch Schlaf zu finden.

Der Aufbruch kam noch vor den ersten Strahlen der Sonne.
Nachdem man de Nord und die ├╝brigen Streiter geweckt, das Gebiet erneut gesichert, eine kurze Lagebesprechung und ein noch k├╝rzeres Fr├╝hst├╝ck abgehalten hatte, wurde der Marsch fortgesetzt. Wie bereits am Vortag scheute der Marquis offene Wege, sodass sie sich weiter durch Wiesen, W├Ąlder und Felder schlagen mussten.
Am Nachmittag kamen sie jedoch in die N├Ąhe eines orkischen Wachpostens, worauf de Nord den Zug stoppen lie├č, um sich mit Renault und Tymaleaux zu beraten, w├Ąhrend die anderen ein St├╝ck entfernt an einem gro├čen Felsen kampieren.
„Die Beratung ist sinnlos“, sagte Slemov mit einem L├Ącheln, „Die schicken eh wieder uns vor.“
„Schei├če!“, schnauzte Ilar, „Den Dreck lass ich mir nicht gefallen. Ich werde Renault in den Arsch treten, wenn er mich noch einmal auf irgendeinen verkackten Erkundungslauf schickt.“
„Das ist keine gute Idee“, erwiderte Janus.
„Ach, was? Wieso denn nicht, h├Ą?“, schnauzte Ilar.
„Nun ja, in Ledria…“, begann der M├Ânch, bevor Ariona ihn unterbrach:
„…steht auf alles die Todesstrafe. Wir wissen es. Aber die k├Ânnen es sich nicht leisten, einen ihrer Gefolgsleute umzubringen. Nicht hier.“
„Die schneiden euch die Kehlen durch, ohne mit der Wimper zu zucken“, pflichtete Baraj selbstgef├Ąllig bei, „F├╝r die seid ihr menschlicher Abfall.“
„Ich w├╝rde zu gerne sehen, wie eine von diesen Ledrianerschwuchteln versucht, mir die Kehle aufzuschneiden“, h├Âhnte Dimitri.
„Ich kann keine Beleidigung gegen├╝ber einem Offizier dulden“, wandte Ferren ein.
„Was willst du denn?“, blaffte Dimitri, worauf Ilar ihm sp├Âttischen Beifall gab.
„Ich bin Leutnant und ich befehle und empfehle euch, bis zum Ende der Beratung die Klappe zu halten“, zischte er.
„Ferren“, wandte Ariona ein, „Sie haben Recht. Die Ledrianer benutzen sie absichtlich als Kanonenfutter. Das ist nicht gerecht.“
„Sie sind einfache Soldaten. Als sie zu dieser Mission einwilligten, war ihnen klar, dass es zu etwas derartigem kommen w├╝rde.“
„Ich bin nicht der lebende Schutzschild von diesen Lackaffen!“, fauchte Dimitri, wobei er Ferren am Kragen packte.
„Ich f├╝rchte, Ihr seid genau das, Dimitri, zumindest, wenn ich es von Euch verlange“, erklang de Nords Stimme, womit sie die Ankunft der Offiziere ank├╝ndigte.
Der Skatrier lie├č sofort von Ferren ab.
„Was ist das?“, zischte Renault, dessen Hand bereits auf seinem Schwertgriff lag, „Meuterei?“
„Ich werde dir…“, begann Ilar, bevor Janus ihn unterbrach:
„Unsere skatrischen Kameraden haben lediglich ihre Befremdung dar├╝ber ge├Ąu├čert, dass Ihr sie stets als Vorhut einsetzt.“
„Interessant“, murmelte Lucian, w├Ąhrend er langsam an den Ilar und Dimitri vorbei ging, wobei ihm die Blicke der anderen folgten.
„Slemov“, rief er schlie├člich den dritten Skatrier, der sich bis jetzt zur├╝ckgehalten hatte, „Wenn ich euch nun befehlen w├╝rde, das orkische Lager auszukundschaften, was w├Ąre Eure Antwort?“
Slemov schwieg zun├Ąchst, wobei er de Nord musterte, bis er sich schlie├člich r├Ąusperte und antwortete:
„Mit Vergn├╝gen, Sire.“
„Interessant“, fuhr der Marquis fort, bevor er sich wieder an Ilar und Dimitri wandte, „Seht, solange ihr nicht gesteht, j├Ąmmerliche Feiglinge zu sein, ist euer Standpunkt offensichtlich unverst├Ąndlich.“
Mit einem L├Ącheln beobachtete er, wie Dimitri die Z├Ąhne fletschte, einen halben Schritt vortrat, aber dann langsam wieder auf seine alte Position zur├╝ckkehrte.
„Wenn ihr also keinen Memmen seid, dann geht jetzt los und sichert das Lager!“, befahl Renault.
„Das“, fl├╝sterte Dimitri, „ist das letzte Mal.“
Darauf spuckte er auf den Boden und schloss sich Slemov an, der bereits vorausgeeilt war.
De Nord blickte ihnen mit einem fadenscheinigen L├Ącheln hinterher, wobei er leise sprach:
„Ich w├╝nschte, sie w├╝rden einfach meine Befehle befolgen.“
„Das ist doch Schwachsinn“, fauchte Ariona, „Hier geht es doch nicht um Befehle. Ihr“, sie deutete mit ihrem Zeigefinger auf die drei Ledrianer, „seid verdammte Rassisten.“
„Haltet den Mund, Novizin!“, zischte Renault, „Ihr habt hier gar nichts zu sagen.“
„Seht Euch vor“, warnte Tymaleaux, „Man k├Ânnte Euch das als Beleidigung auslegen.“
„Legt es aus wie Ihr wollt!“, entgegnete sie, „Und Ihr sagt gar nichts dazu, Marquis?“
„Ich bin es lediglich leid, mich diesbez├╝glich erkl├Ąren zu m├╝ssen“, gab Lucian freundlich zur├╝ck, „Renault, erkl├Ąrt es ihr bei Gelegenheit! Jetzt sollten wir jedoch noch ein St├╝ck vorr├╝cken.“
„Ihr habt es geh├Ârt!“, f├╝gte Tymaleaux laut an, „Bewegt euch!“
Damit setzte sich die Gruppe erneut in Bewegung, um den┬á┬á vor ihr liegenden Pinienwald zu betreten. Die herbstliche K├Ąlte hatte ein wenig nachgelassen, der Duft von Harz durchdrang die Luft und ein jeder Schritt federte sanft auf den Nadeln, die den Boden bedeckten.
Sie waren noch nicht allzu weit in den Wald eingedrungen, als ihnen Slemov bereits entgegenkam.
„Das Lager ist leerger├Ąumt. Anscheinend waren die Assassinen vor uns dort“, berichtete dieser, worauf de Nord den Marsch fortsetzten lie├č. Schlie├člich lichteten sich die B├Ąume und sie erreichten eine vollkommen abgeholzte Senke, auf deren Nordseite sich ein kleinerer H├╝gel der matten Sonne entgegenreckte. Vor ihnen erhoben sich die schwellenden Ruinen eines verbrannten Wachturms, aus denen wenige geschw├Ąrzte Planken wie die Finger eines Skelettes zum milchigen Himmel hinaufragten. Um ihn herum gruppierten sich einige zerschnittene Zelte. Abgehakte Baumst├Ąmme, von der Hitze der Sonne zerborsten, zierten den Weg ├╝ber das zertrampelte Gras zum Lager, wo die Kadaver der Orks zu Haufen lagen, w├Ąhrend sich die Kr├Ąhen an ihnen labten, ohne Notiz von den Neuank├Âmmlingen zu nehmen.
Dimitri tanzte gr├Âlend, eine orkische Feldfalsche in H├Ąnden haltend, auf einem Leichenhaufen herum.
„Schade…ein Kampf h├Ątte etwas Fahrt in dieses allzu langweilige Unterfangen gebracht“, klagte Truzos, „Auch wenn diese hirnlosen Kreaturen sicherlich keine Gegner abgegeben h├Ątten.“
„Hauptmann Renault, w├╝rdet ihr bitte diesen Narren davon abhalten, die Leichen der Gefallenen zu entweihen“, wandte sich der Marquis an den Offizier.
„Aber nat├╝rlich, Sire“, gab dieser zur├╝ck, bevor er die Stimme hob, „Schwachkopf! Komm sofort da runter!“
„Was denn? Sind doch nur Orks?“, rief der Skatrier, w├Ąhrend er langsam von dem H├╝gel hinunterstieg und dabei einen abgetrennten Orksch├Ądel von sich wegkickte, sodass er im hohen Bogen durch die Luft sirrte.
„Bruder Janus“, verlangte Lucian, „ein Gebet f├╝r die Toten.“
„Aber es sind Orks“, wandte Kalira ein.
„Wie Iurion uns anwies, werden wir auch unseren Feinden die Ehre erweisen, das Jenseits in W├╝rde zu betreten, selbst wenn es Orks sind“, entgegnete de Nord, „Schlie├čt sie in Eure Gebete ein, Bruder! Ich erwarte, dass die Leichen danach verbrannt werden.“
So sammelten sie sich um das ausgebrannte Lagerfeuer in der Mitte des Postens, wo Bruder Janus ein Gebet des Erl├Âserglaubens und Renault eines f├╝r die Iurionisten sprach.
Anschlie├čend wurde Ariona, Ilar und Truzos befohlen, die orkischen Leichen mittels Magie zu verbrennen, was letzterer allerdings nicht f├╝r n├Âtig hielt.
Als sie fertig waren, entfachte man das Lagerfeuer, um das sich einige der Gef├Ąhrten gesellten, w├Ąhrend de Nord andere aussandte, die Gegend nach Nahrungsmitteln zu durchsuchen.

„Hier ist es so sch├Ân, dass man fast vergessen m├Âchte, in welcher Situation wir uns befinden“, schw├Ąrmte Janus, der zusammen mit Olaf, Kalira, Ferren und Ariona durch den Wald wanderte.
„Das m├Âchte ich eigentlich ├╝berall vergessen“, murmelte Olaf.
„Ich verstehe einfach nicht“, begann Ariona nach einem Blick ├╝ber die Schulter, „was in den K├Âpfen dieser verfluchten Ledrianer vor sich geht, sofern es dort ├╝berhaupt irgendeine Aktivit├Ąt gibt.“
„De Nord tut, was er tun muss“, wandte Ferren ein.
„Du unterst├╝tzt das auch noch?“, keuchte die Novizin, worauf ihr Gegen├╝ber zun├Ąchst schwieg.
„Ich…nein, das nicht…aber es ist doch so, dass“, stotterte er schlie├člich, „dass er sich der Loyalit├Ąt seiner Streiter sicher sein muss.“
„Pah, Loyalit├Ąt“, h├Âhnte Ariona, „Wenn die Skatrier ├╝berhaupt mal loyal zu ihm waren, dann sind sie es sp├Ątestens jetzt nicht mehr.“
„Also, Slemov wirkte auf mich loyal“, sprach Janus, w├Ąhrend er einen Pinienzapfen vom Boden aufhob, „Die anderen beiden…nun ja, nat├╝rlich ist es falsch, was der Marquis mit ihnen macht, aber sie sind genauso von ihrem geschichtlichen Hass zerfressen, wie die Ledrianer auch.“
„Die Skatrier haben auch allen Grund dazu. Die Ledrianer haben sie zwanzig Jahre lang unterdr├╝ckt. Habt ihr je von dem geh├Ârt, was dieser Prinz Lemorgant dort angerichtet hat?“
„Das ist doch schon mehr als siebzig Jahre her“, wandte Kalira ein.
„Trotzdem kennt jeder Prinz Lemorgant und seine Geschichte“, merkte Janus an, „F├╝r die einen steht er ganz oben auf der Liste der Menschen, die am besten nie geboren worden w├Ąren, f├╝r die anderen ist er ein Held…einige Iurionisten sahen ihn sogar als Propheten.“
„Ich war da…“, f├╝gte Ferren langsam hinzu, w├Ąhrend er ein paar nahe stehende, kahle B├Ąume untersuchte, „es war nicht das Blutvergie├čen, das man sich vorstellt. Ich wei├č, dass das, was dort getan wurde, schrecklich war…aber es war eben kein Hass, es war kein Rassismus. Jeder Verbrecher bekam seinen fairen Prozess. Die meisten wurden hingerichtet. So wie Iurion es verlangte, w├╝rden die Ledrianer sagen. Ihr Rechtssystem war ├Ąu├čerst effektiv und in Skatria gab es viele Verbrecher.“
Tats├Ąchlich hatte einst ein damals noch junger Adliger namens Lemorgant an der Spitze der ledrianischen Truppen das skatrische Reich erobert, worauf ihn der ledrianische K├Ânig zum Prinzen und Statthalter von Skatria ernannte hatte, obwohl er kein Angeh├Âriger des K├Ânigshauses gewesen war.
Anschlie├čend hatte er, wie der Iurionismus es verlangte, damit begonnen, das Land von Menschen zu s├Ąubern, denen Moral fremd war, und so war jeder, der sich einer schlimmeren Untat als dem gemeinen Diebstahl schuldig gemacht hatte, aufs Schafott gestellt worden.
„Was auch immer die Iurionisten sagen; nichts rechtfertigt den Mord an einem Menschen.“
„Also, zwischen Exekution und Mord…“, begann Janus.
„Alles einerlei!“, blaffte Ariona, „Lasst uns zur├╝ckgehen!“
„Wenn wir mit den paar Pinienkernen zur├╝ckkommen, schickt Renault uns gleich nochmal los“, entgegnete der M├Ânch.
„Recht hat er“, stimmte Ferren zu.
„Ich werde trotzdem zur├╝ckgehen“, maulte die Novizin.
„Ich werde sie begleiten“, f├╝gte Kalira hinzu, „Nicht, dass ich mich vor der Arbeit dr├╝cken will. Aber hier sollte niemand alleine rumlaufen.“
„Schon in Ordnung“, sagte der M├Ânch freundlich, „Aber nehmt schon mal diesen Sack Kerne mit, sonst l├Ąsst Renault euch noch auspeitschen.“
Somit entfernten sich die beiden Frauen von der Gruppe, w├Ąhrend Olaf, Ferren und Janus weiter durch den Wald streiften.
„Die Sonne geht langsam unter“, stellte Olaf mit einem Blick zum Himmel fest.
„Ach was“, murmelte Ferren der mit gebeugter K├Ârperhaltung langsam durch die Reihen der B├Ąume schritt.
„Wir m├╝ssen mindestens noch diesen Sack vollkriegen“, wandte Janus ein, „Also sch├Ân weitersuchen.“

W├Ąhrenddessen sa├č Lucian de Nord etwas abseits vom Feuer vor einem der zerfetzten Zelte auf einem sonnengetrockneten Baumstamm und verzeichnete ihre Position auf einer Landkarte, wobei er zugleich einige Notizen in ein kleines Buch schrieb.
Er hatte gerade ihren Standpunkt markiert, als sich Major Tymaleaux mit einer Feldflasche orkischen Brandweins vom Lagerfeuer her n├Ąherte.
„Tymaleaux“, gr├╝├čte der Marquis.
„Auch einen Schluck?“, fragte dieser.
„Ich hoffe, du erwartest nicht von mir, dass ich dieses orkische Ges├Âff trinke.“
„Es schmeckt besser, als man denkt“, entgegnete der Major.
„Ich hielt deinen Geschmack, was solche Dinge anging, immer schon f├╝r etwas obskur und du zeigtest stets gro├čes Talent daf├╝r, mich immer wieder darin zu best├Ątigen.“
„Jeder ist eben anders“, r├╝lpste Tymaleaux.
„Offensichtlich“, sagte Lucian angewidert, „was ich in den meisten F├Ąllen durchaus begr├╝├če. Aber ich nehme nicht an, dass du ausschlie├člich hergekommen bist, um mir etwas von diesem widerlichen Gebr├Ąu anzubieten.“
„Das ist allerdings korrekt“, best├Ątigte Tymaleaux, „Ich dachte, wir k├Ânnten eben auf diesen H├╝gel hinauf gehen und uns das Gel├Ąnde ansehen. Der Wachturm steht ja nicht mehr.“
„Ich f├╝rchte, mir entzieht sich der Sinn“, erwiderte Lucian, „Wenn ich das Gebiet auskundschaften will, schicke ich einen Magier.“
„Ja, aber mal ehrlich: Truzos ist zu stolz, sich in ein Tier zu verwandeln, Ilar ist ein Skatrier und diese Ariona erst…“, sagte der Major, „Sollten wir uns nicht selbst ein Bild von der Sache machen? Was kann es schon schaden? Au├čerdem stinkt es in dieser Orkgrube schlimmer als in einem skatrischen Bordell.“
„Vielleicht so

Kapitel 7: Verderbnis

Die Spur der Orks hatte die kleine Gruppe um Ferren in ein zerkl├╝ftetes Schluchtengebiet gef├╝hrt, in dem ebenfalls Pinien die Flora dominierten.
„Der Weg ist breit“, stellte Olaf fest, w├Ąhrend sie einer erstaunlich gut befestigten Stra├če folgten, die sich um die etlichen, felsigen H├╝gel schlang.
„Ach was“, blaffte Ilar, der, obwohl er im Schatten ging, h├Ąufig blinzelte.
„Ich glaube, er f├╝rchtet, dass wir hier Patrouillen begegnen k├Ânnten“, merkte Janus an, der sich gegen eine Pinie lehnte.
Auch Ferren hielt kurz inne und blinzelte, um wieder etwas Klarheit in sein verschwommenes Sichtfeld zu bringen. Nun da er still stand, schmerzten seine Muskeln, als h├Ątte man tausend Nadeln darin versenkt.
Seine Augen brannten, sehnten sich nach der k├╝hlen Dunkelheit, seine F├╝├če sp├╝rte er schon fast nicht mehr.
Er sah, wie Janus ersch├Âpft an dem Baum lehnte, sah Olaf tief g├Ąhnen und Ilar, der sich auf einem Stein niederlie├č.
„Sir“, sprach der M├Ânch schlie├člich, „Wir sind schon seit fast zwei Tagen auf den Beinen…ohne Schlaf. Wir sollten rasten.“
„Richtig“, stimmte Ilar zu, „Diese beschissenen Steine bohren sich langsam durch meine Schuhsohlen.“
„Ich bin auch m├╝de“, lie├č Olaf verlauten.
Ferren jedoch blickte starr auf den Weg vor ihnen.
„Wir k├Ânnen nicht…“, sagte er und machte bereits einen Schritt weiter.
Doch noch in der Bewegung stach ein sengender Schmerz wie ein Sch├╝reisen durch seine Kniekehlen und sein K├Ârper sagte:
„Nein, nicht weiter.“
„Ich muss!“, erwiderte er, wobei er einen weiteren Schritt versuchte, bei dem er jedoch fast zu Boden st├╝rzte.
„Nicht weiter…“
Er taumelte, schaffte es gerade noch, sich wieder zu fangen, als auch schon Janus herbeieilte und ihm helfend die Hand entgegenstreckte.
„Danke…Bruder“, keuchte er, w├Ąhrend der M├Ânch ihn zu einem Baum f├╝hrte.
An das starke, feste Holz gelehnt, lie├čen seine Schmerzen etwas nach und w├Ąhrend ├╝ber ihm einige V├Âgel zwitscherten, ordnete sich langsam der Scherbenhaufen seiner Gedanken.
„Ja…“, sagte er gedehnt, „Ihr habt Recht. Wir sollten rasten. Allerdings nicht gleich an der Stra├če.“
„Hier ist ein Pfad“, vermeldete Olaf.
„Pfad?“, ├Ąchzte Ilar, wobei er auf einen Streifen niedriger Grashalme blickte, der sich zwischen einigen Steinen hindurch tiefer in die Schlucht schl├Ąngelte, „Das ist bestenfalls f├╝r eine stinkende, elipfische Bergziege ein Pfad.“
„Nein, das ist ein Pfad“, erwiderte Olaf, „Auch f├╝r Menschen.“
„Pass mal auf!“, blaffte Ilar, „Wenn du glaubst, dass ich da runter gehe, dann…“
„Ilar“, unterbrach Janus mit freundlichem Unterton, „lasst es gut sein und folgt unserem Kameraden. Bald soll Euch Ruhe verg├Ânnt sein.“
„Ruhe, Ruhe“, ├Ąffte der Magier, „Die hab ich im Grab, wo ich dank unseres F├Ąhrtenlesers auch sehr bald sein werde.“
„Ilar! Klappe halten!“, befahl Ferren, „Olaf, Ihr geht voran!“
So geschah es. Doch als sie den Pfad beschritten, mussten sie feststellen, dass ihr cholerischer Magier mit seiner Vermutung alles andere als falsch gelegen hatte. Unter dem Gras lagen zu Haufe lockere Steine, die sofort wegrutschten, sobald man auch nur eine Zehenspitze darauf setzte.
Hastig stolperten sie von einem Fehltritt in den n├Ąchsten, handelten sich die ein oder andere Blessur ein und erreichten schlie├člich noch ersch├Âpfter als zuvor eine kleine Lichtung, die auf einem gro├čen Felsen oberhalb eines ausgetrockneten Flusslaufes lag, der sich ├╝ber Jahre hinweg durch den dunklen Stein gefressen hatte.
„Hier rasten wir!“, sagte Ilar unerbittlich.
„Ja, der Platz ist gut zum Rasten“, stimmte Olaf zu.
„Selbst wenn es der Kerker von Murngard w├Ąre…“, zischte der Magier, w├Ąhrend er bereits seine Bastmatte ausbreitete.
„Ah, diese Luft“, schw├Ąrmte der M├Ânch, der, am Rande des Felsens stehend, ├╝ber die Wipfel der B├Ąume und die zerkl├╝fteten Schluchten hinwegblickte.
Nachdem sie sich aus Matten, Ge├Ąst und Farn ein recht ansehnliches Lager geschaffen hatten, teilte Ferren die Wachen ein.
Da er die erste selbst ├╝bernahm, legten sich seine Gef├Ąhrten schlafen.
Ilar war der erste, der zu Schnarchen begann, alsbald fielen auch Olafs Augen zu. Zuletzt wurde Janus vom Schlaf ├╝bermannt.
Der Wind strich sanft durch die Nadeln der Pinien, zischte zwischen den zerkl├╝fteten Felsen. Von fern erschallte das Kr├Ąchzen einiger Kr├Ąhen, w├Ąhrend zugleich Grillen zirpten, irgendwo rauschte ein Fluss, das Ge├Ąst knackte leise.
Ferren sa├č aufrecht in Mitten des Lagers, lie├č seinen Blick ├╝ber die scheinbar unbelebte Gegend schweifen, und f├╝hlte sich pl├Âtzlich allein. Nun da er sa├č, schrie sein K├Ârper wieder nach Bewegung, seine Muskeln brannten in jedem unbewegten Moment und ├Ąchzten zugleich nach Ruhe, wenn sie angespannt wurden.
K├Ârper und Geist zerrissen, konnte, durfte, wollte er nicht rasten.
„In jeder Sekunde entfernt sie sich ein St├╝ck weiter. Gleitet aus meinen H├Ąnden…“

Die Reitergruppe erreichte den mittleren Norden, ein weites, k├╝hles H├╝gelland, das von dem dunkelgr├╝nen Mantel m├Ąchtiger Nadelw├Ąlder ├╝berzogen wurde. ├ťber die dunkel gepflasterte Stra├če gelangten sie unter Vanessas F├╝hrung durch ein kleines Dorf.
Ein paar Soldaten, die an dem Weg Wache hielten, gr├╝├čten die vorbei ziehenden Reiter respektvoll, wohingegen die meist alten Bewohner des Ortes ihnen eher ver├Ąchtliche Blicke zuwarfen.
Nur de Nord wurde von beiden Parteien mit der gleichen Verwunderung betrachtet, der er eine kalte Ver├Ąchtlichkeit entgegensetzte.
Als er seinen Blick vom gemeinen Volk abwandte, sah er die gewaltigen, bewaldeten Gipfel der n├Ârdlichen Vorgebirge ├╝ber ihm thronen, unter denen an einem Hang ein schneewei├čes Anwesen aus dem Dunkelgr├╝n des Waldes hervorstach. Ein schmaler Weg wandte sich hinauf.
Ihr Ziel, wie der Marquis glaubte.
Tats├Ąchlich bog Vanessa alsbald von der Stra├če ab, um jenem steilen Weg zu folgen, den ihre ersch├Âpften Pferde nur langsam beschreiten konnten, und w├Ąhrend die Reiter untereinander tuschelten, entdeckte de Nord einige Wacht├╝rme, welche fast unsichtbar in die Reihen der B├Ąume eingegliedert waren und sich den Hang hinauf, bis zu einem schweren, schmiedeeisernen Gittertor zogen, das in einen gewei├čten, niedrigen Steinwall eingelassen war.
Vier Speertr├Ąger in schweren R├╝stungen kamen ihnen in Reih und Glied entgegen, sodass sie gezwungen waren, einzuhalten.
„Gebt Euch zu erkennen!“, forderte einer der Soldaten.
„Ich bin Leutnant Vanessa Firani aus der Elitegarde des Lords“, gab sie zur├╝ck, „Ich bringe seinen Gast.“
„Wie lautet Eure Parole?“, fragte die Wache unbeirrt.
Es war still. Kein Wind rauschte durch die Wipfel der B├Ąume, die V├Âgel schwiegen, w├Ąhrend die Bogensch├╝tzen still atmend von ihren T├╝rmen auf die Ank├Âmmlinge hinabblickten. Einige graue Wolken verd├╝sterten den Himmel. Das Wetter im Norden war bereits zum Herbstbeginn schlecht.
„Lemorgant“, antwortete sie schlie├člich und die Sehnen der B├Âgen, die auf die Gruppe gerichtet waren, entspannten sich.
„Wie ├╝beraus passend“, kommentierte Lucian, w├Ąhrend der W├Ąchter eine Art Notizblock aus seiner ledernen G├╝rteltasche kramte. Nachdem er diesen kurz durchpfl├╝gt hatte, hob er den Blick wieder zum Leutnant:
„Die Parole ist in Ordnung. Sie gilt allerdings nur f├╝r Euch und den Ge…Gast. Der Rest Eures Trupps wird hiermit von Eurem Kommando entbunden und an die Front beordert.“
„Bitte was?“, keuchte Vanessa.
„Na klasse“, seufzte einer der Reiter.
„Es ist des Lords pers├Ânlicher Befehl“, beharrte der W├Ąchter.
„Ihr habt es geh├Ârt, Jungs“, wandte sich Vanessas F├Ąhnrich an den Rest des Trupps, „Sieht so aus, als h├Ątte unser h├╝bscher Leutnant jetzt was Besseres zu tun. Also auf, auf!“
Mit diesen Worten wendete er sein Pferd und galoppierte┬á den Weg wieder hinab, w├Ąhrend sich ihm die ├╝brigen zaghaft anschlossen.
„Eure Waffen“, verlangte der Wachmann, nachdem sie verschwunden waren.
„Ihr solltet wissen, dass man mein Schwert nur von meiner Hand trennen kann, indem man diese von meinem K├Ârper trennt“, entgegnete de Nord.
„Seid nicht dumm!“, zischte der Leutnant, w├Ąhrend der W├Ąchter ihn noch taxierte.
Dann hob er die Stimme:
„Wir wurden vor dieser Antwort bereits gewarnt“, murmelte er, „In diesem Fall soll es Euch erlaubt sein, Euer Schwert weiter zu tragen, Eure Armbrust jedoch…“
„Hier habt Ihr sie!“, unterbrach de Nord forsch, wobei er sie einem der Speertr├Ąger zuwarf. Dieser lie├č gar seine Lanze fallen, um die Waffe aufzufangen.
W├Ąhrend der eiserne Speer klirrend zu Boden fiel, drehte sich der Vorsteher mit einem bedeutungsvollen Blick wieder zu Vanessa:
„Eure Waffen bitte.“
Sie stutze einen Moment, hob eine Augenbraue und zischte dann zur├╝ck:
„Das kann doch nur ein Witz sein! Er darf sein Schwert behalten und ich…“
„Die Befehle des Lords sind klar“ unterbrach ihr Gegen├╝ber.
De Nord lachte leise, als sie ihr Schwert, ihre Armbrust und einen zuvor versteckten Parierdolch abgab.
Anschlie├čend warf sie ihm einen allzu finsteren Blick zu.
Nachdem man auf Befehl des Vorstehers das Tor ge├Âffnet hatte, kamen zwei weitere Speertr├Ąger herbei, um Lucian und Vanessa in die wei├če Villa zu geleiten.
„In Anbetracht Eurer Parole nehme ich an, dass Ihr wisst, wer ich bin“, fragte de Nord, w├Ąhrend sie durch die gr├╝nen Parkanlagen auf den Eingang zugingen.
„Ich habe es mir gedacht“, antwortete Vanessa.
„Ich finde es verwunderlich, welche Gelassenheit Ihr dar├╝ber zeigt“, Lucian wirkte geradezu beleidigt.
„Euer Freund Tymaleaux…“
„Er ist nicht mein Freund, sondern ein bemitleidenswertes Insekt“, unterbrach der Marquis.
„Wie auch immer“, fuhr sie fort, „Er erw├Ąhnte Eure Maskerade, als er mit den Thanatoikern ├╝ber seinen Verrat verhandelte. So kamen wir darauf“, sie machte eine kurze Pause, „Ich muss allerdings sagen: Als ich Euch zuerst gesehen habe, habe ich daran gezweifelt, ob Ihr es wirklich seid.“
„Was gibt es daran zu bezweifeln?“, keuchte Lucian.
„Nun, Ihr seid jung…ich h├Ątte mir den gefallenen Prinzen ├Ąlter vorgestellt. Au├čerdem hatte ich gedacht, er w├Ąre tot.“
„Was augenscheinlich nicht der Wahrheit entspricht.“
„Ja, wohl war“, seufzte sie, „Nach dem ersten Gespr├Ąch mit Euch, war mir klar, dass Ihr Lemorgant sein musstet. Niemand sonst h├Ątte so st├Ârrisch sein k├Ânnen. Ich wundere mich ein wenig, dass wir Euch nicht in Ketten herbringen mussten.“
„H├Ątte ich erwogen, mich zu wehren, h├Ąttet ihr eine Leiche zur├╝ckbringen oder den Sch├Âpfer um Gnade anflehen k├Ânnen“, entgegnete er, worauf sie sp├Âttisch l├Ąchelte.
Als sie die schwere, dunkle Doppelt├╝r erreichten, wurde diese sogleich ge├Âffnet, sodass sie die gewaltige Eingangshalle betreten konnten, die den Botschaften in Galor um nichts nachstand. Den einzigen gravierenden Unterschied stellten die blutroten Banner dar, die im Luftzug sanft an den W├Ąnden wogten. Eine grobgestickte, schwarze Zackenkrone prangerte auf ihnen.
„Das Wappen der Verr├Ąter“, erkl├Ąrte Vanessa, die Lucians Blick gefolgt war.
„Nichts, worauf man stolz sein k├Ânnte“, zischte er, bevor er sich von ihr abwandte und den Speertr├Ągern in das n├Ąchste Zimmer folgte.
Kopfsch├╝ttelnd ging sie hinterher.
Vor ihnen erstreckte sich ein gewaltiger Saal, der auf der R├╝ckseite durch eine wei├če S├Ąulenwand in eine breite Terrasse auf der R├╝ckseite des Anwesens m├╝ndete.
Die Wachen f├╝hrten Lucian und Vanessa zwischen den m├Ąchtigen S├Ąulen hindurch ins Freie, wo auf dem wei├čen, gl├Ąnzenden Stein ein h├Âlzerner Thron hinter einem ebenfalls steinernen Tisch stand. Wie Statuen ragten reglose W├Ąchter am Rande der Terrasse auf, wort- und regungslos.
Bewegung ging lediglich von der Person aus, die sich, auf dem Thron sitzend, bereits an den reichhaltigen Speisen bediente, mit denen man den Tisch ├╝berh├Ąuft hatte.
Zwei weitere, niedrige St├╝hle standen ebenfalls dort.
„Ah, unsere G├Ąste!“, rief die Gestalt am Tisch und winkte eifrig, „Kommt heran, kommt setzt euch!“
Langsam gingen Vanessa und Lucian ├╝ber die Terrasse, w├Ąhrend die beiden Speertr├Ąger hinter ihnen zur├╝ckblieben.
Dennoch wurden sie von einem Dutzend Augenpaaren verfolgt.
Als sie den Tisch erreichten, war die Person auf dem Thron endlich deutlich zu erkennen.
Es handelte sich um einen Mann h├Âheren Alters mit verfilzten, graumelierten Haaren und gewaltiger Hakennase. Allerdings kleidete er sich elegant mit einem wei├čen Seidenhemd, ├╝ber dem er eine schwarze Robe aus dem gleichen Stoff trug.
Dennoch wirkte das silberne Tiara auf seinem ungepflegten Haar g├Ąnzlich deplatziert.
Neben ihm ragte reglos ein bulliger H├╝ne auf, der geradezu aus seiner Lederr├╝stung herauszuplatzen schien.
Ein blutroter Mantel lag ├╝ber seinen Schultern.
„Bitte, bitte setzt euch“, forderte der Sitzende seine G├Ąste auf, w├Ąhrend er seine silberne Gabel in einem H├Ąhnchenschenkel versenkte, der auf einem goldbekr├Ąnzten Tablett vor ihm lag.
Die beiden Ank├Âmmlinge leisteten seiner Bitte wortlos Folge.
„Oh, ich habe mich gar nicht vorgestellt“, schmatzte er, „Ich bin…“
Er verstummte, offensichtlich um einen Bissen herunter zu schlucken, worauf der H├╝ne an seiner Seite sofort das Wort ergriff:
„Das ist Lord Navaras, Oberkommandeur der Verr├Ąter und k├╝nftiger Kaiser Fiondrals.“
„Ja, Kryleg. Gut ausgedr├╝ckt“, lobte Navaras, nachdem er sich seinen Mund mit einer seidenen Serviette abgeputzt hatte, „Bitte, greift zu!“, er deutete auf das Essen.
De Nord langte sofort nach dem Fasan, um anschlie├čend noch Kaviar auf seinen Teller zu schaufeln, wohingegen Vanessa reglos auf ihrem Stuhl verharrte.
„Ist es“, fuhr der Lord fort, nachdem er einen weiteren Bissen genommen hatte, „Euch lieber bei eurem derzeitigen Namen zu bleiben, oder fordert Ihr die Euch geb├╝hrende, k├Ânigliche W├╝rde ein?“
„Wenn mir schon einmal verg├Ânnt ist, sie fordern zu k├Ânnen, w├Ąre ich ein Narr, es nicht zu tun“, gab Lucian zur├╝ck.
„Wie Ihr w├╝nscht, Prinz Lemorgant“, sprach Navaras langsam, „Ich hei├če Euch also auf meinem bescheidenen Anwesen willkommen…Eure Hoheit.“
„Ich will nicht unh├Âflich erscheinen“, erwiderte der gefallene Prinz, „Aber ich bin hier, weil man mir einen Handel und Antworten versprach. Ich will nat├╝rlich nicht verhehlen, dass Ihr einen ganz annehmbaren Geschmack besitzt, was Speisen angeht, aber ich w├╝sste sie gerne mit ein paar Antworten vers├╝├čt.“
„Nun, wie Ihr wollt. Ihr sollt eure Antworten bekommen“, sagte Navaras nach einem Schluck Wein, um anschlie├čend ein leichtes L├Ącheln aufzusetzen, sich noch einen Bissen H├Ąhnchen einzuverleiben und dann erst mit seinem Bericht zu beginnen:

Vor etwa f├╝nfzig Jahren war er noch ein junges, aber aufstrebendes Mitglied der Ost-Kalatarischen H├Ąndlergilde, dem bedeutendsten, privaten Unternehmen Kalatars.
Obwohl er einer serpendrianischen Adelsfamilie entstammte, war er nicht reich, denn er hatte seinen gesamten Besitzt hinter sich lassen m├╝ssen, als man ihn des Hochverrats angeklagt und zur Flucht gezwungen hatte. Er konnte es den serpendrianischen Beh├Ârden jedoch nicht verdenken, denn ihre Anschuldigungen, er habe geheime Staatsinformationen an die H├Ąndlergilde verkauft, entsprachen durchaus der Wahrheit. In all dem Trubel und der Aufregung ├╝ber die Besiedlung des neu entdeckten Fiondrals, war es ihm jedoch gelungen, in Elipf Zuflucht zu finden.
Da er sich ├╝ber die Jahre bereits ein hohes Ansehen bei der Gilde verschafft hatte, wurde er alsbald zu einer Schl├╝sselfigur in einem ebenso genialen, wie diabolischen Plan, der zu einem gro├čen Teil seiner eigenen Brillanz entsprungen war.
Die Grundidee dabei war durchaus simpel:
W├Ąhrend alle anderen kaufm├Ąnnischen Organisationen immense Geldsummen in den Aufbau Fiondrals pumpten, von dem sie sich gewaltigen Profit erhofften, r├╝hrte die Ost-Kalatarische H├Ąndlergilde keinen Finger.
Von nun an galt es, auszuharren, dem Hungertod zu entgehen und auf das kommende Unheil zu warten, ein Unheil, das ihnen von der zweiten Partei versichert wurde, die am Plan beteiligt war: Dem Dunklen Kult.
„Wer den wirklichen gro├čen Profit will, darf bei seinen Gesch├Ąftspartnern nicht w├Ąhlerisch sein“, pflegte Navaras zu sagen, um die Zweifel seiner Mitverschw├Ârer zu b├Ąndigen.
Welche Motive die Todesanbeter bei der ganzen Sache hatten, war ihm seit jeher zweifelhaft.
Zwar h├Ârte er das ein oder andere Mal von einer Prophezeiung, doch in der Annahme, er k├Ânne ihr okkultes Geschwafel ohnehin nicht verstehen, fragte er nie weiter nach.
F├╝r ihn besa├č es lediglich Relevanz, dass die Thanatoiker zu dem vereinbarten Zeitpunkt die Orks nach Fiondral brachten und die Invasion begannen. Wie sie diese sagenumwobene, verschollene Rasse aus dem Hut gezaubert hatten oder woher sie wussten, dass die Sagen ├╝ber sie wirklich der Wahrheit entsprachen, war f├╝r ihn nie von Bedeutung gewesen.
Seine Aufgabe bestand lediglich darin, das Heer zu f├╝hren, was ihm mithilfe der Thanatoiker, die von der Orks wie des Urteil Iurions gef├╝rchtet wurden, durchaus gut belang.
Im Folgenden ging es ihm weniger, um die territoriale Eroberung Fiondrals als um die damit einhergehende Ausl├Âschung aller Handelsressourcen.
Die anderen H├Ąndlergilden sollten jeden Kupferschilling verlieren, den sie in den Aufbau des neuen Kontinents gesteckt hatten.
So war dieser unter seiner F├╝hrung von den orkischen Heerscharen ├╝berrannt worden, die nun vor den Toren Galors standen.

„Wollt Ihr damit andeuten, Ihr h├Ąttet das alles des Geldes wegen getan?“, erkundigte sich Lemorgant, nachdem Navaras mit seinem Bericht geendet hatte.
„Wof├╝r sonst?“, lachte dieser, „Die Ost-Kalatarische H├Ąndlergilde kann sich von dem Profit die Welt kaufen. Alle anderen Gesellschaften sind zerschlagen. Sie hat das Monopol auf alles!“
„Ihr seid Euch aber der Tatsache bewusst, dass kein Kupferschilling, kein Silbertaler, keine Golddrake, ja nicht die Summe aller, die es auf der Welt gibt, den Schaden zahlen kann, den Ihr verursacht habt, die Leben, die Eure Pl├Ąne dahingerafft haben?“, zischte der Prinz.
„Das ist der Lauf der Dinge“, murmelte Navaras, „In diesem Spiel gewinnt nur der, der jede Regel missachtet.“
„Ja, so verh├Ąlt es sich offensichtlich“, gestand Lemorgant, wobei er einen gro├čen Schluck aus seinem Weinkelch nahm.
„Aber, ich kann Euch bes├Ąnftigen. Ich habe nun andere Ambitionen als das Geld und das Wohl der Gilde“, versicherte der Lord.
„Ich muss gestehen, Ihr ├╝berrascht mich“, spottete der Prinz.
Navaras lachte.
„Oh ja“, sprach er dann, „Was will ich mit der Ost-Kalatarischen H├Ąndlergilde, wenn ich Kaiser von Fiondral sein kann?“
„Das ist in der Tat eine berechtigte Frage. Aber ich nehme an, ich w├Ąre nicht hier, wenn dieser Plan nicht meine Hilfe erfordern w├╝rde?“
„Eben das tut er. Nun, meine Lage ist im Grunde folgende: Ich kommandiere ein riesiges Heer von Verr├Ątern und da ich die Orks immer mal wieder ins offene Messer laufen lassen habe, bin ich ihnen geradezu ebenb├╝rtig. Allerdings sind da noch die Thanatoiker.“
Er machte eine gedankenschwere Pause, bevor er fortfuhr:
„Sie besitzen eine ziemlich…einsch├╝chternde Macht, auf die sich ihr Meister Ventro st├╝tzt. Es hei├čt, er k├Ânne damit unsterbliche Krieger schaffen. Das w├╝rde meinen politischen Ambitionen nat├╝rlich ein ziemliches Hindernis sein.“
„Offensichtlich“, kommentierte der gefallene Prinz, bevor er sich ein Baguettest├╝ck mit Kaviar einverleibte.
„Aus einer sicheren Quelle wei├č ich, dass sich der Kern dieser Macht in Narbenfels befindet. Da sich Ventro allerdings mit seinem F├╝hrungsstab an der Front aufh├Ąlt, ist sie mehr oder weniger ungesch├╝tzt.“
„Es w├╝rde mich wahrlich ├╝berraschen, wenn Ihr nicht von mir fordern w├╝rdet, diese Quelle zu zerst├Âren“, gestand Lemorgant.
„Das fordere ich in der Tat“, best├Ątigte Navaras, „Ich kann keine meiner eigenen Einheiten damit betrauen, da Ventro meinen Plan sonst sicher erkennen und zunichte machen w├╝rde. Ihr jedoch…nun, man sagt Euch gewisse Dinge nach und offensichtlich, habt Ihr einen Schuss ins Herz ├╝berlebt. Dem Tod von der Schippe gesprungen, so zu sagen. Ich denke, die Ausl├Âschung von Narbenfels sollte Euch m├Âglich sein.“
Lemorgant sah ihn sp├Âttisch l├Ąchelnd an, bevor er die d├╝nnen, blassen Lippen ├Âffnete:
„Bevor ich“, sprach er mit der K├Ąlte eines Grabes, „mit dem erb├Ąrmlichsten St├╝ck menschlichen Drecks, das mir je unter die Augen gekommen ist, verhandle, springe ich ├╝ber diesen Tisch, um Euch die Kehle aufzuschlitzen oder bei dem Versuch zu sterben.“
Der H├╝ne an der Seite des Lords starrte grimmig wie ein knurrender Wachhund auf den Prinzen herab, w├Ąhrend seine Hand auf dem Griff seines Breitschwertes ruhte.
„Aber, aber“, entgegnete Navaras, „Noch habe ich Euch doch gar kein Angebot gemacht.“
„Ich bin nicht geneigt…“, begann Lemorgant, doch der Lord unterbrach ihn:
„Ja, ich wei├č, dass Iurionisten nicht mit…“, er r├Ąusperte sich, „Untermenschen verhandeln, aber in diesem Fall biete ich Euch nichts geringeres an als das ├ťberleben Galors. Zumindest das seiner Bewohner.“
„Erkl├Ąrt Euch!“, blaffte der Prinz.
„Ich werde, die Gruppen, die zu den orkischen Schiffen ausgesandt wurden, nicht verfolgen lassen, und den Angriff auf Galor so weit herausz├Âgern, wie ich kann. Dennoch werde ich beides nicht endg├╝ltig verhindern k├Ânnen“, erkl├Ąrte Navaras.
„Solltet Ihr etwa andeuten, dass Euch am Fall Galors nichts gelegen ist?“, hakte der Prinz nach.
„Die Todesanbeter wollen es in Tr├╝mmern sehen, aber f├╝r mich ist es kein wirtschaftliches Ziel“, gestand der Lord, „Sie schwafeln von irgendeiner Prophezeiung, aber wenn es nach mir ginge, h├Ątte ich euch die Schiffe f├╝r eure Flucht geschenkt. Krieg ist so…unentspannend.“
Navaras und Lemorgant sa├čen sich eine Zeit lang schweigend gegen├╝ber, w├Ąhrend Vanessa ihren Blick immer wieder vom einen auf den anderen schweifen lie├č.
„Was“, begann der Prinz schlie├člich, „sollte mir die Gewissheit verschaffen, dass Ihr Euer Wort haltet?“Der Lord zuckte mit den Schultern:
„Nun, Ihr m├╝sst mir schon glauben, dass ich meine, was ich sage. Das nennt man Vertrauen, soweit ich wei├č.“
„Wenn ich Euch zitieren darf, Lord“, h├Âhnte Lemorgant, "In diesem Spiel gewinnt nur der, der jede Regel missachtet."
„Ach das…“, ein besch├Ąmtes L├Ącheln zierte das Gesicht des baldigen Kaisers, „Nun ja, das ist nat├╝rlich wahr, aber, wie Ihr seht, in diesem Fall einmal nicht zutreffend. Wenn ich Galor zerst├Âre, habe ich keinen Vorteil. Wenn es kapituliert und flieht schon. Denkt an all die Menschen, die Ihr retten k├Ânntet, Eure Hoheit. Selbst wenn ich mein Wort nicht hielte: Wem w├╝rde es schaden, g├Ąbe es ein paar Schwarzmagier weniger auf der Welt?“
Der Prinz schwieg, sodass Stille herrschte, bis es schlie├člich aus Vanessa herausbrach:
„Verdammt, Lemorgant! Seht Ihr nicht, was euch geboten wird? Jeder Narr an Eurer Stelle w├Ąre schon lange auf das Angebot meines Meisters eingegangen. Reden Iurionisten nicht immer von Gerechtigkeit? Wo ist es denn gerecht, wenn tausende Menschen sterben, nur weil Ihr von den Ketten Eurer Ehre umschlungen seid.“
Erneut lachte Lemorgant sp├Âttisch und zischte:
„Ehre…Ihr solltet nicht von Worten sprechen, deren Bedeutung sich Euch entziehen!“
„Ehre ist die Achtung, die die Gesellschaft einem Menschen f├╝r sein Verhalten entgegenbringt. Was w├╝rden die Menschen wohl sagen, w├╝ssten sie von Eurer Entscheidung?“, keuchte sie, worauf der Prinz ver├Ąchtlich auf sie herabsah.
„Die Antwort eines Narren“, zischelte er, „denn sie ist nur die halbe Wahrheit und damit nicht besser als eine volle L├╝ge! Ich nehme an, Ihr k├Ânnt Euch gar nicht vorstellen, dass die Ehre vor allem unter dem eigenen Auge gewonnen oder verloren wird.
Sie liegt nicht nur im Blick eines jeden Betrachters, sondern ebenso in dem des eigenen Spiegelbildes.“
„Ich muss schon sagen: Ihr seid eine harte Nuss“, lachte Navaras, der damit begonnen hatte, sich einige Weintrauben einzuverleiben.
„Es ist sinnlos“, protestierte Vanessa, wobei sie mit den Schultern zuckte.
„Es verh├Ąlt sich so, dass Ihr irrt“, entgegnete Lemorgant, dessen Augen so fest zusammen gepresst waren, dass man sie beinahe nicht mehr erkennen konnte, weshalb sein Gesicht einer w├Ąchsernen Maske glich, „Ich bin geneigt, auf Euer Angebot einzugehen, Navaras.“
„So?“, ├Ąchzte der Lord, wobei er sich an einer Traube verschluckte und lauthals hustete.
„Ihr…“, keuchte Vanessa.
„Ja, ich, Prinz Lemorgant, besiegle diesen frevelhaften Pakt“, best├Ątigte ihr Gegen├╝ber.
Dem Lord gelang es endlich, die verschluckte Traube wieder auf seinen Teller zu rotzen. Mit einem ekelhaften Ger├Ąusch spuckte er noch etwas Schleimiges hinterher, putzte sich dann den Mund mit seinem Seidentuch ab und fl├╝sterte „Verzeiht“, bevor er die Stimme hob:
„Das ist…erfreulich, Eure Hoheit. Ich habe vollstes Vertrauen in Euer Wort und“, er blickte zu Vanessa, „in Eure Loyalit├Ąt.“
„Wie meinen mein Herr?“, entgegnete sie mit geweiteten Augen.
„Ihr werdet den Prinzen begleiten. Er mag ein m├Ąchtiger Krieger sein, doch ich betraue ihn ungerne alleine mit der Ausl├Âschung dieser Hexer. Ihr sollt ihm eine Hilfe sein“, erkl├Ąrte Navaras, worauf er seine H├Ąnde faltete und seine beiden G├Ąste beobachtete, die ihn entgeistert anstarrten.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mit dem Nekromantengesindel bestens alleine zurechtkommen werde“, entgegnete Lemorgant schlie├člich.
„Untersch├Ątzt sie besser nicht, Eure Hoheit.“
„Oh, seid versichert, Lord, das tue ich keinesfalls“, h├Âhnte der Prinz.
„Es ist und bleibt mein ausdr├╝cklicher Wunsch, dass Vanessa Euch begleitet“, beharrte Navaras.
„Wie Ihr w├╝nscht“, sprach sein gegen├╝ber langsam, „Ich garantiere jedoch nicht daf├╝r, dass ich sie heil wieder zur├╝ckbringen kann.“
„Ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen!“, blaffte der Leutnant, worauf Lemorgant sie kurz betrachtete und anschlie├čend fadenscheinig l├Ąchelte.
Dennoch akzeptierte er den Willen des Lords, der das Gespr├Ąch damit als beendet ansah.
Er lie├č den Tisch abr├Ąumen, Vanessa ihre Waffen wieder zukommen und sie sowie den Prinzen anschlie├čend in den Westfl├╝gel seines Anwesens bringen, wo er zwei Zimmer f├╝r seine G├Ąste vorbereitet hatte.
Die Villa des Lords sollte ihnen jedoch nur f├╝r einen einzigen Tag eine Zuflucht sein, denn ihre Abreise war bereits f├╝r den n├Ąchsten Morgen geplant.

Ferren stand in Mitten der Dunkelheit, die alles in ihrem eisigen Griff hielt, sodass zu beiden Seiten des Weges nichts als Schw├Ąrze lag, und doch wusste er, dass die gezackte Felswand zu seiner Linken hunderte Meter in die Tiefe f├╝hrte. Er konnte gerade noch Olafs Fersen erkennen, die sich unbeirrt einen Weg durch die Finsternis bahnten.
„Kann er eigentlich irgendwas sehen? Oder l├Ąuft er einfach nur drauf los?“, fragte sich der Leutnant, w├Ąhrend er Ilars Atem bereits im Nacken sp├╝rte.
Der hinter ihm gehende Magier hatte anscheinend ein noch schlechteres Auge f├╝r diese schattenhafte Welt, da er ihm bereits des ├ľfteren in die Hacken getreten hatte.
„Gottverschissene Dunkelheit!“, fluchte er, „Ich habe mir den Zeh an…“
„Klappe, Ilar!“, fl├╝sterte Ferren, der sich bereits seit ihrem Abmarsch w├╝nschte, es k├Ânnte einfach nur totenstill sein.
Stattdessen ert├Ânte dauernd irgendetwas. Ihre ged├Ąmpften Schritte auf dem nadelbedeckten Pfad, ein h├Ârbarer Atemzug, das Zirpen irgendeines Insekts, der Ruf eines verborgenen Nachtvogels, das Fallen kleiner Felssplitter, Knacken, Klackern, Knistern ├╝berall. Es war ihm, als folgte ihnen ein Schatten auf Schritt und Tritt.
Er blickte in die Finsternis und die zerkl├╝fteten Felsen starrten aus leeren, schatten├╝berlagerten Augenh├Âhlen zur├╝ck.
„Welcher Bastard sollte mich schon h├Âren?“, protestierte der Magier nun mit leiser Stimme, „Die verdammten, schweinek├Âpfigen Orks sind doch sicher noch Meilen entfernt.“
„Vielleicht haben sie Wachposten abgestellt“, wandte Janus ein.
„Diese Idioten? Nie!“, entgegnete Ilar, worauf Ferren sie wieder zur Ruhe aufrief.
Stille. Zumindest f├╝r einen Moment, denn innerhalb einer Sekunde heulte ein Uhu, und nachdem sein Ruf verklungen war, stimmten einige Grillen eine Sinfonie des Zirpens an.
Vor Ferren erschien pl├Âtzlich eine schwarze Wand, die er viel zu sp├Ąt wahrnahm, um ihr ausweichen zu k├Ânnen.
Er knallte genau in sie hinein.
Zwei Schmerzensschreie ert├Ânten, Ilar stie├č in seinen R├╝cken, fluchte.
Mittlerweile glaubte der Leutnant, dass er einfach nur gegen seinen Kameraden Olaf gelaufen war, der unvermittelt gestoppt hatte.
„Was sollte das?“, keuchte er immer noch ged├Ąmpft, w├Ąhrend er sich gegen die harte Felswand zu seiner Rechten st├╝tzte und krampfhaft versuchte, nicht daran zu denken, dass er auch in den Abgrund auf der linken Seite h├Ątte st├╝rzen k├Ânnen.
„Ich habe etwas geh├Ârt“, antwortete Olaf.
„Wenn du diesen beschissenen Drecksvogel meinst, den hat hier jeder geh├Ârt“, maulte Ilar.
„Klappe!“, herrschte Ferren ihn an, bevor er sich an Olaf wandte, „Was habt Ihr geh├Ârt?“
„Stimmen, ein St├╝ck vor uns. Oben auf dem Fels, bei der Stra├če.“
„Die Orks?“, erkundigte sich Janus.
„Die Schei├čviecher sind doch niemals hier!“
„Olaf, bringt uns wieder auf die Stra├če!“, verlangte der Leutnant.
„Das ist schwer. Hier ist nur Fels“, entgegnete dieser.
„Ihr seid ein verdammter F├Ąhrtenleser!“
„Es ist dunkel“, entschuldigte sich Olaf.
„Was du nicht sagst“, h├Âhnte der Magier.
„Bring uns einfach da rauf!“, wiederholte Ferren.
„Ich versuch’s“, war die Antwort.
Anschlie├čend tappte der Sp├Ąher weiter mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Dunkelheit, wobei Ferren sich an seine Fersen heftete.
W├Ąhrend sie jenem schmalen, kaum sichtbaren Pfad folgten, der ein St├╝ck unterhalb der eigentlichen Stra├če an der Felswand verlief, wurden die Stimmen lauter, sodass auch die anderen sie h├Âren konnten.
Es waren gutturale Laute, die zun├Ąchst nur wie ein Fl├╝stern durch die W├Ąnde der B├Ąume und Felsen drangen, dann aber stets deutlicher wurden.
„Orks“, dachte Ferren, bevor Olaf erneut abrupt einhielt.
Er deutete in die Finsternis zu seiner Rechten.
„Dort k├Ânnen wir hoch“, erkl├Ąrte er und nur einen Augenblick sp├Ąter war seine schattenhafte Silhouette g├Ąnzlich verschwunden.
Langsam tastete sich Ferren am Fels entlang, lie├č seine Hand ├╝ber die zerfressene Oberfl├Ąche gleiten und setzte vorsichtig einen Schritt vor den anderen, bis dort pl├Âtzlich kein Fels mehr war. Vorsichtig wandte er sich nach rechts, wo sich eine Art Breche in der Felswand befand, die steil nach oben f├╝hrte.
Nachdem er behutsam einen Schritt hineingesetzt hatte, stellte er fest, dass es sich um eine Treppe handelte, die man einfach in den Stein geschlagen hatte.
Einige Stufen ├╝ber ihm, glaubte er, Olaf erkennen zu k├Ânnen.
„Vorsichtig sein!“, warnte der Sp├Ąher, „Die Stufen sind sehr klein und steil.“
Ferren hatte selbiges bereits bef├╝rchtet.
Mit den H├Ąnden an die Au├čenw├Ąnde der Breche gest├╝tzt folgte er langsam dem Verlauf der Stiege, wobei jeder Meter ein Schritt ins Ungewisse war.
„Welcher verdammte Vollidiot hat diese…“, fluchte Ilar, bevor er erneut zum Schweigen aufgerufen wurde.
Es dauerte fast zehn Minuten, bis sie die kurze Treppe hinter sich gelassen hatten und sich in einer Ansammlung von Pinien wiederfanden, die am Rande der Stra├če wuchsen.
Nicht mehr eingekesselt von den Felsw├Ąnden der Schlucht erbarmte sich die Nacht einer kleinen Aufhellung.
„Man kann die Hand wieder vor Augen sehen“, lobte Ilar, w├Ąhrend sie langsam durch die lichten Reihen der B├Ąume schlichen.
Dabei folgten ihre Blicke dem Lauf der Stra├če, die sich im fahlen Licht des Halbmondes wie eine gl├Ąnzend, graue Schlange um die Felsspitzen zog.
Ein einziger, entfernter heller Punkt verlieh dem Reptil sein Auge, ein Lagerfeuer in der finsteren Nacht. Es stach so heftig aus der Dunkelheit hervor, dass man gar nicht weggucken konnte, es zwang die Blicke auf sich und warf sein warmes Licht auf ein kleines Lager, in dessen Mitte es sich befand. Dieses bestand lediglich aus zwei Zelten, dem Feuer selbst und einigen dunklen Objekten, die wie nasse S├Ącke auf dem Boden herumlagen, und bei denen es sich, wie die vier Gef├Ąhrten bald feststellten, um schlafende Orks handelte.
Am Lagerfeuer standen noch einige Gestalten, manche bullig, andere mit menschlichen Z├╝gen, und das Fl├╝stern, das sie in der Schlucht geh├Ârt hatten, war nun zu einem lauten Gr├Âlen und Schreien geworden.
„Da sind sie“, sagte Ferren, wobei er heftig aufatmete, „K├Ânnt ihr erkennen, ob sie Gefangene haben?“
Janus blinzelte und blickte in die Ferne, bevor er seufzte:
„Bei der Entfernung und den Lichtverh├Ąltnissen…unm├Âglich. Wir k├Ânnten noch ein St├╝ck weiter vorr├╝cken, ohne dass sie uns entdecken.“
„Ich gehe ganz bestimmt nicht noch n├Ąher an diese stinkenden Schl├Ąger heran. Ich bin ihnen gerade erst entkommen, verdammt, und ihr wollt, dass ich ihnen hinterher laufe?“, keuchte Ilar.
„Ihr habt es erfasst, Magier“, lachte der M├Ânch, w├Ąhrend sich Ferren an Olaf wandte:
„K├Ânnt Ihr uns noch n├Ąher heranbringen?“
„Ja“, best├Ątigte dieser.
„Dann geht voran.“
„Wir gehen. An der Felswand. Auf der anderen Stra├čenseite“, erkl├Ąrte der H├╝ne, bevor er ├╝ber die Stra├če huschte.
Die anderen folgten ihm, sodass sie sich langsam dem Lager n├Ąherten.
Ferren jedoch zweifelte daran, dass dies wirklich jene Orks waren, die sie einen Tag zuvor ├╝berfallen hatten.
„Sind sie wirklich so langsam marschiert?“, fragte er sich, „Das k├Ânnen sie niemals sein! Nein, sie sind es nicht, sie…“
„Da steht ein Wagen mit einem K├Ąfig drauf“, bemerkte Olaf, wobei er vorsichtig in die hintere Ecke des Lagers deutete, wo tats├Ąchlich ein Karren mit einem h├Âlzernen K├Ąfig stand, gerade so gro├č, dass ein paar erwachsene Menschen hinein passten.
Da sie n├Ąher gekommen waren, konnte man nun auch die Gestalten am Feuer erkennen, bei denen es sich um drei Orks und vier Menschen handelte.
Den Orks stand ein besonders gro├čes und h├Ąssliches Exemplar vor, das mit zweien der M├Ąnner diskutierte, wohingegen die ├╝brigen nur wortlos daneben standen.
W├Ąhrend es sich bei einem der beiden M├Ąnner um Tymaleaux handelte, was den vier Beobachtern jedoch entging, war der andere ein hochgewachsener Kerl, der einen nachtschwarzen Mantel trug, welchen das Sanduhrsymbol zierte. Offensichtlich ein Offizier der Todesanbeter.
„Ich wollen nur meinen Lohn“, forderte der Orks, „Haben Leben riskiert, meins und meine M├Ąnner.“
„Ihr bekommt gar nichts, Ork!“, blaffte der Offizier, „Unsere Richtlinien sind klar. Die Magierin wird den Nekromanten ├╝berstellt und zwar lebend.“
„Ich sie nicht t├Âten. Wollen nur meinen Spa├č.“
„Widerliche Bestie!“, harschte der Thanatoiker ihn an.
„Nun, sie sieht schon recht gut aus…“, wandte Tymaleaux ein.
„Was f├╝r den Ork gilt, gilt auch f├╝r Euch, Schwein! Die Novizin wird nicht anger├╝hrt! Unsere Meister wollen sie unversehrt.“
„Unversehrt oder jungfr├Ąulich?“, hakte der Ledrianer mit einem schmierigen Grinsen nach.
„Schweigt! Das Gespr├Ąch ist beendet!“, zischte sein Gegen├╝ber und wandte sich ab.
Darauf jedoch hob der Ork wieder seine gutturale Stimme:
„Ihr mich nicht abhalten. Ich bekommen sie, oder ich t├Âten euch und nehmen sie“, langsam zog er sein rostiges Falchion.
W├Ąhrend Tymaleaux einen Schritt zur Seite machte, drehte sich der Todesanbeter wieder um.
„Das wollt Ihr nicht wirklich, Kreatur!“
Der Ork setzte unbeeindruckt einen Schritt nach vorne, dann riss er mit einem diabolischen Grinsen auf seiner entstellten Fratze das Falchion in die H├Âhe, bereit einen t├Âdlichen Abw├Ąrtshieb auszuf├╝hren.
„Er darf ihn nicht t├Âten. Er darf nicht gewinnen. Wenn die Thanatoiker tot sind dann…ich muss etwas unternehmen, ich…“, raste es durch Ferrens Kopf.
Doch der Ork sollte nicht mehr zu seinem Angriff kommen, denn sein Gegen├╝ber beschwor in einer l├Ąssig peitschenden Bewegung eine zischende Flamme, die nicht feurig rot, sondern fahl, gespenstisch gr├╝n war. In einer einzigen durchgehende Bewegung fuhr der Flammenschweif durch die Brust der Bestie, w├Ąhrend der gr├╝ne Schein pl├Âtzlich aus ihrem Mund, den Augen und Nasenl├Âchern strahlte, als w├╝rde sie innerlich verbrennen, und genauso klang auch ihr Schmerzensschrei.
Binnen Sekunden erhoben sich die schlafenden Orks vom Boden, sahen grunzend umher, starrten eine Weile auf ihren Anf├╝hrer, der mittlerweile rauchend zu Boden gesunken war, ballten die F├Ąuste.
„Vergesst nie“, begann der Thanatoiker, „warum ihr hier seid! Vergesst nie, warum ihr uns dient!“
„Er Recht haben. Nicht k├Ąmpfen gegen Feuer“, rief einer der Orks.
„Made! T├Âten alle!“, br├╝llte ein anderer.
Darauf wurden noch mehr Waffen gezogen, Worte verklangen und es ert├Ânte der Gesang von Stahl untermalt mit den Schmerzensschreien derer, die von der Schwarzen Magie zugrunde gerichtet wurden.
Das Schauspiel war grauenhaft anzusehen und ergab f├╝r die vier Beobachter keinerlei Sinn, denn der Kampf schien sich zu einem Gemetzel unter den Orks zu wandeln, aus dem sich die Todesanbeter und Tymaleaux immer weiter zur├╝ckzogen.
F├╝r Ferren sah es so aus, als w├╝rde jeder gegen jeden k├Ąmpfen, eine brutale Schl├Ąger- und Stecherei, die nur durch Blut beendet werden konnte.
Er sah, wie einige Orks zu Boden geworfen wurden, um anschlie├čend von ihren eigenen Kumpanen mit Kolben zu Brei geschlagen zu werden. Sie traten, stachen und schlugen so lange, bis ihre Gegner tot waren, oder gar noch l├Ąnger.
Dann endete der Kampf ebenso pl├Âtzlich wie er begonnen hatte, die Sieger zogen sich zur├╝ck und legten sich schlafen, w├Ąhrend ihre toten Kameraden aus leeren Augen in den schwarzen Himmel hinaufstarrten.
„Was beim verdammten, fauligen Atem des Erl├Âsers war das?“, keuchte Ilar.
„Ich habe keine Ahnung“, gestand Ferren gleicherma├čen geschockt.
„Das“, erkl├Ąrte Janus, „ist das orkische Rechtssystem. Diese Kreaturen kennen kein Gericht. Wenn es also eine Meinungsverschiedenheit gibt, wird sie so gekl├Ąrt. Ich sch├Ątze, gerade haben jene, die gegen die Thanatoiker waren, gegen deren Sympathisanten verloren.“
„Aber das ist doch viel zu brutal f├╝r eine Entscheidung“, klagte Olaf.
„Ich denke, diese dreckigen Mistviecher machen das eher zum Spa├č“, Ilar spuckte auf den Boden.
„Umso besser f├╝r uns“, merkte Ferren an, „Jetzt stehen weniger Feinde zwischen uns und unseren Kameraden.“
„Das sind immer noch zu viele“, wandte der M├Ânch ein, „Zumal sie mindestens einen Schwarzmagier dabei haben.“
„Mit diesem Bastard werde ich schon fertig“, blaffte ihr Magier.
„Mit Schwarzmagie legt man sich besser nicht an, wenn es sich vermeiden l├Ąsst“, dementierte Janus, worauf Olaf nickend zustimmte.
„Was schlagt Ihr also vor, Bruder?“, erkundigte sich der Leutnant.
„Ich w├╝rde meinen, wir folgen ihnen weiter. Irgendwo m├╝ssen sie die Gefangenen ja schlie├člich hinbringen.“
„Ja, wahrscheinlich an einen Ort, der wesentlich besser befestigt ist, als dieses Lager“, entgegnete Ilar, „Ich sage: Wir schlagen jetzt zu!“
„Nein…wir folgen ihnen“, sagte Ferren matt, „Der Feind ist da am schw├Ąchsten, wo er sich am sichersten f├╝hlt.“
„Das w├╝rde ich meinen“, stimmte der M├Ânch zu, worauf sie beschlossen, zu ruhen, bis die Orks weiterzogen, was bereits fr├╝h am n├Ąchsten Morgen der Fall war.

┬áRaham sa├č mit gesenktem Kopf im B├╝ro des Wachhauptmanns von Delion, bekleidet mit einem reich dekorierten Wappenrock, der ihm zu weit war, in einem Stuhl, der f├╝r seine schmalen Schultern zu breit war, am Ende eines korridor├Ąhnlichen Raumes, den er mit seinen matten Augen kaum ganz erfassen konnte.
W├Ąhrend seine Rechte von Kr├Ąmpfen geplagt wurde, die dem Schreiben etlicher Berichte entsprungen waren, sehnten sich seine F├╝├če nach einem der altgedienten Patrouilleng├Ąnge durch das Viertel.
Doch stattdessen zwang ihn die Pflicht in diesem d├Ąmmrigen Raum zu verharren, Berichte durchzusehen und Schl├╝sse zu ziehen, sofern es m├Âglich war.
„Immerhin“, dachte er sich, „war es Hochgeneral Montierre selbst, der mich damit betraut hat.“
Und die Worte des Herzogs hallten in seinem Sch├Ądel wider:
„Hauptmann Raham, es ist von ├Ąu├čerster Wichtigkeit, dass auch die letzten Reste des Verr├Ąterrings und des Dunklen Kults in Galor aufgedeckt werden. Von ├Ąu├čerster Wichtigkeit.“
War er zun├Ąchst noch energisch an die Arbeit gegangen, hatte er sich alsbald in einer Sackgasse wiederfinden m├╝ssen.
Die meisten Mitverschw├Ârer waren tot und Blaek sowie Ysil hatte man noch vor einem ausf├╝hrlichen Verh├Âr hingerichtet. Er glaubte allerdings nicht, dass sie sich allzu kooperativ gezeigt h├Ątten, und ertappte sich des ├ľfteren dabei, mit dem Kurs der Ledrianer zu sympathisieren.
„F├╝r das, was sie Ferren und Ariona angetan haben, ist der Tod eine gerechte Strafe. Weitergebracht hat mich das allerdings nicht…“
Zwar wusste er mittlerweile, dass Ilar sich unter den M├Ąnnern des Himmelfahrtkommandos befand, war aber durch Befragung derer, die sich seine Freunde schimpften, zu dem Schluss gekommen, dass der Angriff auf ihn in Bezug auf Ilars sonstiges Verhalten als eine vollkommen normale Reaktion zu bezeichnen war.
Die einzige Spur, die sich wie ein pechschwarzer Faden durch alle Aktivit├Ąten der Verr├Ąter zog, war Kelrayass, der ebenso bewunderte wie gef├╝rchtete Anf├╝hrer des Thanatoikerrings.
Doch Kelrayass war eben nur ein Name, ein Phantom, eine sinistere Krankheit, die man zwar sp├╝ren, aber nicht benennen konnte.
Wen auch immer man fragte, niemand kannte ihn, und trotzdem hatte man das Gef├╝hl, der eiskalte Blick dieses Mannes l├Ąge auf allem.
„Er ist hier“, dachte Raham noch, bevor ein lautes Klopfen an der massiven Holzt├╝r seines B├╝ros erschallte.
Einen Moment lang starrte er wie benommen auf das Schloss, wobei seine Finger ├╝ber den Griff seines Schwertes glitten.
„Hier ist Leutnant Vigard“, schallte es durch das Holz, „Ich muss mit Euch sprechen.“
Hastig blickte Raham zu seinem Schreibtisch hinab, sch├╝ttelte kurz den Kopf und hob die Stimme:
„Tretet ein, die T├╝r ist offen!“
Als der ledrianische Leutnant eintrat, war das leise Rascheln seiner silbernen Kettenr├╝stung zu vernehmen, die er unter seinem Wappenrock trug. Seinen Offiziershelm mit dem gewaltigen k├Ânigsblauen Federbusch hatte er sich unter den Arm geklemmt.
„Setzt Euch doch“, sagte Raham freundlich, wobei er ├╝ber die Gipfel der Aktenstapel hinweg auf einen der niedrigen Lehnst├╝hle vor seinem Schreibtisch deutete.
Der Leutnant trat heran, stellte seinen Helm vor sich auf dem Schreibtisch ab, wo sich zwischen zwei Patrouillenb├╝chern ein freier Platz fand, und setzte sich.
„Was gibt es denn?“, erkundigte sich der Hauptmann.
„Nun“, r├Ąusperte sich Vigard, bevor er damit begann, von einer Entdeckung zu berichten, die eine Schwester des Iurionischen Ordens bei der Totensalbung jener Soldaten gemacht hatte, die am Hafen gefallen waren.
„Ihr fiel auf“, erkl├Ąrte der Leutnant, „dass die meisten von ihnen durch Sch├╝sse in die Brust get├Âtet wurden.“┬á
Der Hauptmann blickte ihn durchdringend an und sch├╝rzte die Lippen.
„Ist das ungew├Âhnlich?“, wollte er wissen.
„Nur bedingt“, entgegnete Vigard, „Einen ledrianischen Elitesoldaten frontal zu attackieren, ist eine eher heikle Angelegenheit. Es kann vorkommen, dass die Soldaten dagegen nichts unternehmen k├Ânnen…aber bei so vielen, die zumal auf einen Angriff aus dem Hinterhalt gefasst waren. Was ich sagen will ist: Wir gehen davon aus, dass sie den oder die T├Ąter gekannt haben.“
„Ihr meint also, die Verr├Ąter stammen aus Euren eigenen Reihen?“, Raham sprach langsam und ged├Ąmpft.
„Nein, ich halte die meisten Ledrianer f├╝r durchweg loyal…aber da gibt es noch eine Sache. Jeder Soldat, den die Brustsch├╝sse nicht erledigt hatten, wurde nachher mit einem Schuss in die Stirn erledigt. Aber Major Tymaleaux, der einzige, der nicht einmal eine R├╝stung trug, kommt mit zwei Treffern in die Schulter davon…das passt nicht.“
„Das hei├čt, dieser Tyma…Tymaleaux k├Ânnte zu den Verr├Ątern geh├Âren?“
„Das kann ich nat├╝rlich auch nur vermuten. Sagen wir, unter den ledrianischen Offizieren genie├čt er einen, nun ja“, Vigard r├Ąusperte sich, „zweifelhaften Ruf.“
Tats├Ąchlich war Major Tymaleaux, als er w├Ąhrend der Eroberung Skatrias noch unter Lemorgant gedient hatte, ein angesehener Offizier der Krone gewesen.
Nach dem Fall Skatrias und der Aufl├Âsung beziehungsweise Zerschlagung von Lemorgants Streitkr├Ąften, war seine Karriere jedoch steil bergab gegangen, sodass man am ledrianischen Hofe schlie├člich gespottet hatte, sein Leben habe sich zu einer einzigen Kneipentour gewandelt.
Schlie├člich war er unehrenhaft entlassen worden, nachdem er im Vollrausch einen serpendrianischen Hochadligen beleidigt hatte.
Kurz nach der Entdeckung Fiondrals war er aus unbekannten Gr├╝nden rehabilitiert worden, um anschlie├čend im Korps eines gewissen Marquis Lucian de Nord zu dienen.
Seine Vergangenheit war ihm dorthin allerdings ebenso gefolgt wie seine Alkoholsucht und die stetige Schnapsfahne.
Die beiden Offiziere einigten sich im Folgenden darauf, der Spur weiter nachzugehen, auch wenn sie sich nicht viel davon erhofften, da sich der einzige Verd├Ąchtige, den sie hatten, nicht mehr in Galor befand.
Allerdings gingen sie beide davon aus, dass Tymaleaux nicht alleine f├╝r das Massaker am Hafen und die Versenkung der Schiffe verantwortlich war.

Da der Weg nach Narbenfels lang war und sie unerkannt reisen mussten, sahen sich Vanessa Firani sowie Prinz Lemorgant am Abend dieses Tages dazu gezwungen, unter freiem Himmel auf einer Bergwiese am Rande eines Tannenw├Ąldchens zu rasten.
Ihre Pferde┬á lie├čen sie frei auf der Weide grasen, denn der lange Holzzaun, der am Rande der Wiese verlief und als einziges ├╝berhaupt darauf hindeutete, dass dort irgendwann einmal Menschen gelebt hatten, war vollkommen morsch, weshalb man an ihm nicht einmal mehr eine Katze h├Ątte anbinden k├Ânnen. Vanessas braune Stute grase auf der Weide, Lemorgants Schimmel blickte zu den Gipfeln hinauf, der Leutnant sch├Ąrfte seine Klinge, der Prinz notierte etwas in seinem Logbuch.
Seine Feder fuhr noch unbeirrt ├╝ber die Seiten, als das Knirschen des Wetzsteins pl├Âtzlich verklang und Vanessa langsam ihren Kopf hob:
„Wie ist es eigentlich in Galor?“, erkundigte sie sich.
Der Prinz wandte sich ihr bedenklich zu, wobei er fast ├╝berrascht wirkte, hatten sie doch auf ihrer bisherigen Reise kaum drei Worte gewechselt.
„Bitte was?“
„Ich wollte wissen, wie es in Galor ist“, wiederholte sie, w├Ąhrend sie ihre Klinge zur├╝ck in die Schwertscheide schob, „Ich meine, es ist die letzte freie Stadt auf Fiondral.“
Lemorgant betrachtete sie geradezu gelangweilt aus seinen Augenschlitzen heraus.
„Ich muss gestehen, dass sich mir der Sinn Eurer Frage entzieht“, entgegnete er schlie├člich, „da Galor doch nur eine einfache Stadt ist, aus Stein und Holz.“
„Stellt Euch nicht dumm!“, maulte Vanessa, „Gibt es dort noch Hoffnung? Oder nur noch Verzweiflung? Was denken, was f├╝hlen die Menschen dort?“
„Ich hoffe, Ihr erwartet nicht, dass ich dar├╝ber mit einem Offizier unserer Feinde spreche“, h├Âhnte er.
„Wollt Ihr den Abend wieder schweigend verbringen?“
„Selbst nachdem ich einige Jahre mit einer falschen Identit├Ąt lebte, versp├╝re ich wahrlich nicht den dringlichen Zwang, mit Euch ein Gespr├Ąch zu f├╝hren“, erkl├Ąrte der Prinz.
„Ihr Iurionisten seid alle gleich“, spottete Vanessa, „Allesamt arrogant und in den meisten F├Ąllen auch noch rassistisch.“
Lemorgant l├Ąchelte, w├Ąhrend er sich, auf einer Bastmatte sitzend, an einen Baumstumpf lehnte.
„Ich nehme an, Ihr k├Ânnt Euch gar nicht vorstellen, wie oft mir dieser weitverbreitete Irrtum schon untergekommen ist“, seufzte er mit gespielter Theatralik.
„Irrtum?“, ├Ąchzte der Leutnant, „Betrachtet Euch doch selbst! Ihr seid das beste Beispiel daf├╝r, dass es kein Irrtum ist. Ich meine, was unterscheidet Euch von uns? War Euer Feldzug in Skatria besser als der Krieg, den wir f├╝hren?“
„Ihr erdreistet Euch dieser Frage?“, zischte der Prinz, wobei ein stechendes Funkeln in seinen Augen blitzte, „Unser Feldzug war heilig. Wir hatten ein Ziel, welches so weit ├╝ber Eure erb├Ąrmliche Gier hinausgeht, dass Ihr es Euch nicht einmal vorstellen k├Ânnt! Skatria war ein Barbarenstaat, eine entartete Anarchie, in der sich die M├Ąchtigen alles nahmen, was sie wollten, ohne dabei jegliche Skrupel zu zeigen.“
„Ah“, Vanessa r├Ąusperte sich bedeutungsschwer, bevor sie mit einer sp├Âttisch gehobenen Augenbrauen fortfuhr „der Zweck heiligt also alle Mittel, was?“
„Das tut er absolut nicht“, dementierte Lemorgant unter einer wegwischenden Armbewegung, „Wir haben trotz unseres erhabenen Ziels kein Leid verursacht.“
„Was?“, ihre Augen weiteten sich und ein verst├Ąndnisloses Lachen sprudelte durch ihre breiten Lippen, „Ihr habt Krieg gef├╝hrt und tausende Menschen ermordet.“
„Exekutiert“, berichtigte Lemorgant beil├Ąufig, w├Ąhrend er mit der Hand ein paar Kr├╝mel von seinen Armschienen entfernte, „die w├╝rdevolle Hinrichtung einer Person verursacht kein direktes Leid. Wir ├╝berstellen den Verurteilten nur einem h├Âheren Gericht. Was jene Schergen, die sich Soldaten der skatrischen Clans schimpften, angeht, so haben diese sich f├╝r den Krieg gemeldet und wussten um ihr Schicksal. Wir begegneten ihnen weder mit Gnade noch mit Grausamkeit.“
„Euer Glaube ist seltsam“, warf sie ihm entgegen.
„Offensichtlich wissen die meisten Menschen nicht allzu viel ├╝ber ihn, was wohl auch der Grund f├╝r all die Narreteien ist, die ich mir fortlaufend gefallen lassen muss.“
„Vielleicht w├╝rde man mehr verstehen, wenn man das Wort dieser Religion wenigstens in ihren Tempeln predigen w├╝rde“, Vanessas Stimme triefte erneut vor Hohn, w├Ąhrend sie sprach.
Zwar gab neben den monumentalen Statuen auch prunkvolle Tempel, Kl├Âster und Kapellen Iurions, doch wer in ihnen einen Prediger oder Priester des Gerechtigkeitsgottes suchte, der begab sich auf eine vergebliche Reise.
Iurionisten kamen nur zum Beten oder der Geselligkeit wegen an ihre heiligen Orte, die jedoch nur jenen zug├Ąnglich waren, welche zuvor ein Aufnahmejahr in einem Kloster verbracht hatten.
„Nun, es verh├Ąlt sich so, dass unser Glaube keine Priester braucht“, erwiderte der gefallene Prinz, „ebenso wenig, wie er eine Predigt oder ein Buch ben├Âtigt, denn das Wort Iurions ist bereits in unseren Geist gebrannt, und wer es erst vernommen hat, den empfangen wir mit offenen Armen.“
Sie zischelte etwas, als Lemorgant geendet hatte, bevor sie erneut die Stimme hob:
„Merkw├╝rdiger Kram…ich glaube, ich werde es nie verstehen.“
„Solltet Ihr mir Intoleranz vorgeworfen haben? Ihr scheint ebenso nicht den Willen zu besitzen, Euch mit meiner Meinung auseinanderzusetzten. Warum sollte Ich also gewillt sein, Euren Standpunkt, den der Verr├Ąter, f├╝r gerechtfertigt zu halten?“, sprach er leise, „Wobei ich nat├╝rlich anmerken muss, dass es keinen Weg gibt, Eure Taten zu rechtfertigen, unabh├Ąngig davon, wie lange man dar├╝ber nachdenkt.“
„Sch├Ân, dass Ihr mir immer wieder vorzuhalten versucht, wie falsch mein Handeln angeblich sein soll.“
„Womit ich augenscheinlich an geschlossene T├╝ren klopfe“, diesmal war es sein Gesicht, das sich zu einem h├Ąmischen L├Ącheln verzog, „M├Âglicherweise solltet Ihr Euch fragen, warum Ihr Euch den Verr├Ątern angeschlossen habt. Ich nehme an, Ihr werdet, sofern Ihr ehrlich zu Euch selbst seid, erkennen, dass Eure Ziele nur Euch selbst betreffen und somit verwerflich sind.“
„Wisst Ihr…“, begann sie, w├Ąhrend sie wieder den Wetzstein ansetzte, „ich verbringe den Abend lieber schweigend.“
„Es ist mir ein Vergn├╝gen“, gab Lemorgant geradezu h├Âflich zur├╝ck, worauf er sich zur├╝cklehnte und wieder damit begann, in seinem Logbuch zu bl├Ąttern.

Der Gebirgspass, dem die Gruppe um Ferren gefolgt war, hatte sie und den Gefangenentransport der Orks zu einem kleinen Ort gef├╝hrt, der von einer ziemlich mitgenommenen Palisade umringt wurde. Wo auch immer man hinblickte, waren noch die stummen Zeuge des Kampfes verblieben, der vor Monaten um dieses Dorf gef├╝hrt worden war.
Zerschmetterte Belagerungsmaschinen zierten die Stra├če zum eingest├╝rzten Stadttor, die Felder den Ort herum waren oftmals bis zum Boden niedergebrannt worden, in der Palisade klafften gewaltige Einrisse und die Ruinen einiger Wacht├╝rme ragten zum milchigen Herbsthimmel empor.
Auf den Feldern, die nun mehr ├Âde Fl├Ąchen verbrannter Erde waren, rasteten vor den ausgebrannten oder eingest├╝rzten Ruinen einiger H├Ąuser etliche Orks und Verr├Ąter, wobei letztere in Zelten oder den Ruinen selbst kampierten, die ├╝brigen schliefen, wie es f├╝r ihre Spezies ├╝blich war, auf dem Boden.
Aus der Entfernung wirkte das Gel├Ąnde im fahlen Licht des fr├╝hen Morgens wie ein gewaltiger Ameisenhaufen, in den sich der Gefangenentransport langsam hinein schl├Ąngelte.
„Klasse Idee“, spottete Ilar, der, wie seine Kameraden auch, auf einem H├╝gel nahe den Ruinen einer alten Windm├╝hle sa├č und auf das Dorf hinabblickte, „Statt sie einfach in der Schlucht zu erledigen, sind wir jetzt in diesem Drecksloch hier, wo es eine ganze Legion dieser stinkenden Bastarde gibt.“
„Auch wenn es eher selten ist, muss ich unserem Magier diesmal wohl zustimmen“, pflichtete Janus bei.
„Tjo, das sind echt viele“, kommentierte Olaf.
„Aber sie werden uns, ohne zu fragen, Einlass gew├Ąhren“, grinste Ferren, worauf ihn seine drei Kameraden entgeistert anstarrten.
„Ihr habt meine ungeteilte Aufmerksamkeit, Leutnant“, gab der M├Ânch mit einem L├Ącheln zur├╝ck, worauf Ferren damit begann, einen Plan zu erl├Ąutern, der ihm bereits in der Schlucht gekommen war.
Ihm war aufgefallen, dass ihre Feinde ein sehr einfaches System zur Identifizierung ihrer eigenen Verb├╝ndeten benutzen: Die Orks erkannte man schlichtweg daran, dass sie Orks waren, und die Verr├Ąter an ihren blutroten Kleidungsst├╝cken, wohingegen die Schergen der Thanatoiker kein Erkennungszeichen besa├čen, sondern sich einfach dadurch auswiesen, dass sie sich in Begleitung eines Todesanbeters befanden.
Somit kam Ferren zu jenem simplen Vorschlag, die dunkle Kutte des M├Ânches mit einem Sanduhr Symbol zu versehen, damit dieser ihrer Gruppe vorstehen konnte.
„Ich wei├č nicht…“, murmelte Janus, „Ich…ich bin ein Diener des Erl├Âsers, wir und die Thanatoiker sind Todfeinde…ich kann doch nicht meine Robe mit…“
„Nein! Nie im Leben! Nie!“, protestierte Ilar, „Wir laufen unseren Feinden direkt in ihre behaarten Arme. Das k├Ânnt ihr vergessen, nicht mit mir! Nie!“
„Also ich finde den Vorschlag gut“, stimmte Olaf zu.
„Weil dein Gehirn allenfalls mit dem einer nogronischen Kanalratte vergleichbar ist“, zischte der Magier.
„Ruhe!“, herrschte Ferren ihn an, bevor er sich langsam an Janus wandte, „Nun Bruder, das ist nat├╝rlich Eure Entscheidung, aber ich flehe Euch an, eine andere M├Âglichkeit haben wir nicht.“
„So ist es offensichtlich“, murmelte der M├Ânch, „Und da es einem guten Zweck dient, soll es geschehen.“
F├╝r einen kurzen Augenblick starrte der Leutnant in die dunklen Augen seines Gegen├╝bers, nickte dann dankbar und wandte sich anschlie├čend an Olaf:
„Nehmt Nadel und Faden, stickt ein paar Sanduhren auf diese Robe!“
„Nat├╝rlich“, gab der Sp├Ąher sofort zur├╝ck, worauf er sich ans Werk machte, das er wenig sp├Ąter beendet hatte.
Mit einem Blick auf die Kutte des M├Ânchs stellte Ferren fest, dass seine T├Ąuschung weniger schlecht aussah, als er erwartet hatte.
„Das funktioniert niemals…“, wiederholte Ilar.
„Und ob“, widersprach der Leutnant, der darauf den Befehl gab, sich in Bewegung zu setzen.
Langsam marschierten sie den grasbewachsenen H├╝gel hinab auf die gepflasterte Stra├če, die direkt in den Rachen der Bestie f├╝hrte.
Einige Meter weiter befanden sie sich schon am Eingang des Feldlagers, wo zwei Speertr├Ąger mit blutroten Armbinden ├╝ber den Verkehr auf der Stra├če wachten.
Pr├╝fend musterten sie die Ank├Âmmlinge, w├Ąhrend Ilars Gesicht von einem unterdr├╝ckten Wutanfall k├╝ndete.
Janus z├Âgerte f├╝r einen Moment, ging dann jedoch kraftvoll weiter, wobei er durch den Schleier seiner Kapuze, die er sich tief in Gesicht gezogen hatte, die Soldaten anherrschte:
„Ihr steht mir besser nicht im Weg!“
Den beiden klappte fast die Kinnlade herunter.
„Nat├╝rlich nicht“, versicherte einer von ihnen hastig und mit schwankender Stimmlage, w├Ąhrend Ferrens Gruppe bereits an ihnen vorbei zog.
„Gut gemacht“, lobte er leise, als sie weiter ├╝ber die Stra├če zogen, die zu beiden Seiten von kampierenden Orks verunziert wurde.
Gestank, Geschrei, das hohle Grunzen dieser Kreaturen beherrschte die ganze Gegend ebenso wie die Gewalt, die ihr gesamtes Zusammenleben zu regeln schien.
Wenn etwas gewaschen werden musste, so schlug man sich darum, wer das tun hatte. Wenn es einen guten Schlafplatz gab, so schlug man sich darum. Wenn es um Frauen, Essen oder Rang ging, schlug man sich.
Ihre Schritte wurden langsamer, w├Ąhrend sie sich durch den Sumpf der Grausamkeiten k├Ąmpften, und es war ihnen, als fielen etliche Blicke auf sie, aus den Gr├Ąben, Schlafpl├Ątzen, von den Lagerfeuern, den Zelteing├Ąngen und Wacht├╝rmen. Aus der Menge stachen etliche Augenpaare hervor, milchig wei├č, die nur darauf warteten, ihre l├Ącherliche Tarnung zu durchschauen.
Doch die meisten Betrachter entdeckten die gestickte Sanduhr, verzogen das Gesicht zu einer grimmigen Fratze, spuckten auf den Boden und wandten sich ab.
So kamen sie voran und n├Ąherten sich allm├Ąhlich dem eingest├╝rzten Stadttor, bis sich pl├Âtzlich einige Gestalten aus der dunkelgrauen Masse am Wegesrand l├Âsten.
Es handelte sich um drei verdreckte Soldaten, die allesamt zerschlissene, dunkle Lederr├╝stungen sowie blutrote Armbinden trugen und eine junge, noch dreckigere Frau mit sich zerrten, die gerade noch mit einem zerfetzten Kleid bedeckt war.
Sie wehrte sich nicht, sondern hing reglos in den Armen ihrer Peiniger, dass man sie fast f├╝r eine Leiche halten konnte.
Die Gruppe kam frontal auf sie zu, ├╝berquerte den Stra├čengraben, die zerschunden Beine der Frau klatschten auf das Pflaster.
Als die Verr├Ąter direkt vor ihnen vorbei zogen, blieb Janus abrupt stehen, w├Ąhrend Olaf und Ferren das Szenario mit verfinsterten Augen betrachteten.
So fest er konnte presste der Leutnant seine Handfl├Ąche in die Lederriemen seines Schwertgriffs.
„Was glotzt ihr denn so?“, blaffte einer der Soldaten, „Sie ist keine Magiern.“
F├╝r Ferren ergaben diese Worte keinen Sinn. Er starrte sie einfach nur an, w├Ąhrend sie die Frau wieder in den Sumpf des Feldlagers auf der anderen Stra├čenseite zerrten.
„Wir sollten helfen“, meldete sich Olaf.
„Bist du bescheuert?“, presste Ilar durch seine Lippen.
„Das w├╝rde uns zu sehr in Gefahr bringen“, dementierte Janus, bevor er den n├Ąchsten Schritt in Richtung des Stadttors setzte. Die anderen folgten z├Âgerlich, wobei sie noch einmal einen Blick ├╝ber die Schulter warfen.
Doch die Frau war bereits nicht mehr zu sehen, versunken in jenem dunkelgrauen Meer aus Dreck, Gewalt und Gestank.
Sie gingen weiter, ein Schritt nach dem anderen f├╝hrte sie n├Ąher zum eingest├╝rzten Stadttor, um das sie schlie├člich herumgehen mussten, da es unpassierbar war. Ein gewaltiges Katapultgeschoss war frontal in das Mauerwerk gekracht und hatte dieses eingerissen, sodass ein provisorisches Tor neben dem alten den Zugang zur Stadt gew├Ąhrte.
Dabei handelte es sich lediglich um eine etwas breitere Breche in der Palisade, die von einigen Speertr├Ągern der Verr├Ąter bewacht wurde, welche Ferren und seine Begleiter jedoch kopfnickend passieren lie├čen.
Vor ihnen erstreckte sich das Dorf, welches dem Feldlager an Dreck, Gestank und Gewalt um nichts nachstand. An allen Ecken standen streitend Orks und Verr├Ąter, der Boden war vom sauren Regen ausgewaschen, und wo auch immer man einen Fu├č hinsetzte, folgte der bei├čende Qualm der Schmiedefeuer.
Laut klangen die H├Ąmmer der Schmiede, die Tag und Nacht neue Waffen f├╝r das gewaltige Feindesheer schufen.
Beile fertigten Balken f├╝r Belagerungsmaschinen und Mei├čel schufen deren klobige Geschosse, die nur jenen einen Schluss zulie├čen:
Der Feind bereitet sich darauf vor, gegen Galor zu ziehen.
„Das…“, begann Ilar, als sie das Dorf erreicht hatten, „war einfacher als gedacht“, er starrte auf die Wachen der Verr├Ąter zur├╝ck, „Idioten!“
„Die Frage ist nur, wo wir unsere gefangenen Kameraden finden“, murmelte Janus, w├Ąhrend er seinen Blick ├╝ber die Mauern der Lehmh├Ąuser schweifen lie├č.
Ohne einen Plan oder ein festes Ziel irrten sie weiter durch das Dorf, wobei sie auf etliche Verr├Ąter trafen, bei denen es sich ebenso um junge wie alte M├Ąnner aber nur ├Ąu├čerst selten um Frauen handelte.
W├Ąhrend sie durch die geschundenen

Kapitel 8: Narbenfels

14. Mondweihe. 52 n.V.
Die Gegend, in der die Festung der Todesanbeter lag, war ein dunkler und unwirtlicher Ort, ├╝ber dem schwer die schwarzen, milchigen Wolken hingen, die sich an diesem Nachmittag aber keines Regentropfens erbarmten. Den Wegesrand s├Ąumten Siedlungen, die man errichtet und wieder abgebrochen hatte, Felder die bestellt und wieder verdorrt waren, steinerne Statuen, deren Gesichter der saure Regen zu entstellten Fratzen zerfressen hatte, verdorrte B├Ąume, nur noch H├╝llen ohne Kern.
Am Ende der Stra├če, die dunkles Gestr├╝pp ├╝berwucherte, thronte ein gewaltiges Felsmassiv, aus dem sich die Ruinen eines alten, steinernen Turms erhoben, wie eine Hand, die sich ein letztes Mal aus dem Sumpf streckt, in dem sie versank:
Narbenfels, kein Name h├Ątte jenes zerkl├╝ftete Massiv besser treffen k├Ânnen, ein von Schwefel und dem messerscharfen Wind zerfressener Berg, der eine tote Landschaft ├╝berschattete.
Vanessa und Lemorgant f├╝hrten ihre Pferde bis an den Rand des Massivs, wo sich ein letztes verlassenes Dorf befand, in dem sie rasten wollten. Da das Licht selbst fahl war, wirkte alles seltsam blass, die alten Fassaden, die morschen Holzbalken, die zerbrochenen Pflastersteine, die matten Scheiben. Obwohl jedes Leben diesen Ort verlassen hatte, schien die Leere doch eine eigene Existenz zu besitzen, die aus jedem g├Ąhnenden Eingang und jedem verdunkelten Fenster starrte.
Nachdem sie ihre Pferde angebunden hatten, kehrten die beiden Gef├Ąhrten in einen alten Gasthof ein, der unter den umstehenden Geb├Ąuden noch den besten Eindruck machte. Hinter der T├╝r erwartete sie ein sch├Ąbig m├Âblierter Schankraum, den etliche Staubf├Ąden und Spinnenweben zierten, obwohl keine einzige Spinne zu sehen war.
Alle Regale hatte man s├Ąuberlich geleert, sodass es keine Flaschen oder Konserven verblieben waren. Lediglich aus einem gro├čen, leicht angesengten Fass tropfte in langatmiger Frequenz ein wenig schales Wasser. Wer auch immer diesen Ort einst bewohnt und wieder verlassen hatte, war selbst dazu bereit gewesen, die Kerzen aus ihren St├Ąndern zu entfernen und mitzunehmen.
Nachdem Lemorgant seinen Blick ├╝ber die heruntergekommene Einrichtung hatte schweifen lassen, ging er zu einem Tisch hin├╝ber und trat heftig gegen einen daneben stehenden Stuhl, der darauf um- aber nicht auseinanderfiel.
„Was soll das?“, zischte Vanessa.
„Ich habe mir lediglich Gewissheit dar├╝ber verschafft, dass ich nicht einbreche, wenn ich mich auf diesem Stuhl niederlasse“, erkl├Ąrte der Prinz, w├Ąhrend er den Stuhl wieder aufstellte, um sich anschlie├čend darauf zu setzen.
„Ihr h├Ąttet damit jemanden auf uns aufmerksam machen k├Ânnen“, entgegnete sie.
„Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass die Todesanbeter diesen Landstrich ├╝berwachen“, h├Âhnte er, w├Ąhrend er eine Weinflasche entkorkte, die er zuvor aus einer Satteltasche seines Schimmels entnommen hatte.
„Sie w├Ąren dumm, wenn sie es nicht tun w├╝rden“, konterte Vanessa, deren Blicke weiterhin an den W├Ąnden des Schankraum zirkelten.
„Ich nehme an, sie halten ihre Pr├Ąsenz und diese Gegend f├╝r abschreckend genug. Au├čerdem haben sie hier keine Feinde, zumindest keine, von denen sie w├╝ssten“, gab er gelassen bei einem Schluck roten Weins zur├╝ck.
„Denkt Ihr, Ihr k├Ânnt einfach in Narbenfels herein spazieren, ohne dass Euch jemand aufh├Ąlt?“, sie hob sp├Âttisch eine Augenbraue.
„Ich muss gestehen, eben das lag mir im Sinn“, lachte er.
„Das ist irrsinnig!“
„Habt Ihr einen anderen Vorschlag?“
„In der Tat…ich werde das Gebiet f├╝r Euch auskundschaften, damit wir nicht blind in das Maul des L├Âwen laufen“, antwortete sie.
„So? Solltet Ihr mich wirklich gerade davon abhalten wollen, weiter nach Narbenfels zu ziehen, nun aber planen, alleine dorthin zu gehen?“
„Im Gegensatz zu Euch besitze ich das hier“, sagte sie mit einem Grinsen, bevor sie mit der Linken in ihren Rucksack griff und erstaunlicherweise nichts herauszog.
„Euer Gehabe ist kindisch“, zischte Lemorgant, bevor er wahrnahm, dass sich unterhalb ihrer Hand kaum sichtbare Schlieren bewegten, wie sie vom Aufsteigen erw├Ąrmter Luft verursacht wurden.
Einen Moment lang stockte er, um anschlie├čend wieder das Wort zu ergreifen:
„Ein Tarnanzug also.“
Sie nickte neckisch:
„Jetzt habt Ihr wohl nichts mehr gegen meinen Vorschlag?“
„So verh├Ąlt es sich“, gestand der Prinz, worauf sie andeutete, dass sie sich nun zur├╝ck- und umziehen w├╝rde.
Als sie ging, k├╝ndigten dies nur ein schwacher Luftzug und ein h├Ąmisches „Bis sp├Ąter“ an.

Ferrens Trupp lagerte irgendwo mitten in der Wildnis, ohne dass jemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, wo sich dieser Ort auf der Karte befand, aber zumindest hofften sie, dass es ihren Verfolgern genauso ging. Beim Verlassen der Stadt war ihre Maskerade aufgeflogen und sie hatten sich im Anschluss eine halsbrecherische Verfolgung mit einigen Reitern der Verr├Ąter liefern m├╝ssen, denen sie jedoch aufgrund ihrer beiden Magier entkommen waren.
In ihrem Lager, das auf einer Lichtung in Mitten eines weiten Laubwaldes lag, wurde bereits wieder ├╝ber die Orks gescherzt, w├Ąhrend Slemov und Ilar beil├Ąufig Geschichten aus ihrer Heimat erz├Ąhlten, die sogar Baraj ein L├Ącheln entlockten.
Ferren hingegen stand zusammen mit Janus am Rande der Lichtung, wo der M├Ânch ihm zuvor von den Geschehnissen im Hauptquartier der Verr├Ąter und somit auch von Olafs Tod berichtet hatte.
„Ja, er ist gefallen“, hatte Janus ihm mit bitterer Stimme er├Âffnet, „und es tut mir leid, aber ich hoffe, Ihr versteht mich, wenn ich dar├╝ber, nicht…noch nicht sprechen m├Âchte. Ich kann Euch aber versichern, dass er sein Leben…sein Leben im Dienste Galors gab.“
Die Antwort des M├Ânches war mitnichten das gewesen, was der Leutnant sich erhofft hatte, doch trotz langen Nachhakens hatte sein Gegen├╝ber ihm jede weitere Antwort verwehrt.
„Ich werde dann mal nach Slemovs Wunde sehen, wenn Ihr erlaubt“, sagte Janus.
„Nat├╝rlich, Bruder“, gab Ferren matt zur├╝ck, worauf sich der M├Ânch unter einer Verbeugung zu den anderen begab.
Der Leutnant hingegen lie├č sich auf einen Buchenstumpf sinken, von dem aus er in das Lager zur├╝ckstarrte.
„Sieben gute K├Ąmpfer hat diese Mission schon das Leben gekostet“, dachte er, „Und noch sind wir endlos weit von der Ostk├╝ste entfernt…wie kann ich noch glauben, dass jemals einer von uns diesen Strand erreichen wird?“
Resignierend senkte er den Blick zu Boden und starrte in das saftgr├╝ne Gras, weshalb er nicht bemerkte, dass sich ihm jemand gen├Ąhert hatte.
„Hey“, sagte eine sanfte Stimme, die ihm sehr wohl bekannt war. Er musste gar nicht hinsehen, um zu wissen, dass es Ariona war, die nun neben ihm stand.
Dennoch tat er es.
„Hey“, gab er gedehnt zur├╝ck, w├Ąhrend er sich wieder von dem Buchenstumpf erhob und sie ansah.
Er starrte sie an, sie starrte zur├╝ck, und f├╝r einen Moment war es vollkommen belanglos, wie aussichtslos die Lage war. Bitterkeit, Verdruss, Zweifel, Angst, Trauer und Zorn flogen dahin, bevor sie sich nur einen Augenblick sp├Ąter in den Armen lagen.
„Du…du hast mir das Leben gerettet“, fl├╝sterte sie in sein Ohr.
„Keine Ursache“, entgegnete er l├Ąchelnd, „Au├čerdem tat es verdammt gut, in Tymaleaux‘ Visage zu pr├╝geln.“
Sie lachte ihn an, worauf sie sich wieder auf dem Stumpf niederlie├čen, auf dem eng zusammenr├╝cken mussten, um beide draufzupassen.
„Dieser Bastard hat es verdient“, seufzte Ariona zufrieden, „Schade, dass er entkommen konnte.“
„Tja“, murmelte Ferren, w├Ąhrend er sie im Arm hielt und zum Himmel blickte, „Beim n├Ąchste Mal.“
Dann sprudelte es nur so aus ihm heraus. Sie unterhielten sich ├╝ber alles M├Âgliche, ├╝ber seine Zeit in Skatria und ihr Leben in Iskat, ├╝ber die Flucht nach Galor, ├╝ber die Religionen, die Ledrianer und die Invasion.
Irgendwann lenkte Ariona das Gespr├Ąch wieder auf die j├╝ngsten Ereignisse zur├╝ck und erz├Ąhlte Ferren, was ihr im Kerker mit dem Todesanbeter widerfahren war.
„Du hast gegen einen Todesanbeter gek├Ąmpft und hast ihn besiegt?“, ├Ąchzte Ferren, „Das ist unglaublich!“
„Ja, es ist…nein…es, das alles h├Ątte eigentlich gar nicht, gar nicht so passieren d├╝rfen“, stotterte sie, „Ich wei├č nicht…ich bin nur eine Novizin, das ergibt alles keinen Sinn.“
„Du meinst die Sache mit dieser, dieser Seelen…Seelenklinge?“, erkundigte er sich.
„Ja, genau…ich kann mir da einfach keinen Reim darauf machen. Ich wei├č nicht viel ├╝ber Seelenmagie…damit besch├Ąftigen sich ausgebildete Magier, aber doch keine Novizen“, erkl├Ąrte sie.
„Dann frag doch Ilar oder Truzos“, schlug er nach kurzem Nachdenken vor, bei dem er sich eingestehen m├╝sste, als normaler Soldat gar nichts ├╝ber Schwarze Magie zu wissen. Auch der Name Algaz kam ihm mitnichten bekannt vor.
„Hm, Ilar ist selbst nur ein Novize und Truzos ist ein verdammter Idiot. Er w├╝rde mich auslachen, wenn ich ihn danach frage.“
„Einen Versuch ist es doch wert“, wandte er ein.
„Hm“, sie seufzte gedehnt, w├Ąhrend sie sich st├Ąrker an seinen Arm lehnte, „Ja, du hast wahrscheinlich Recht…ich werde ihn fragen. Irgendwann.“

Die Nacht vermochte kaum, die Entstellungen zu kaschieren, welche die Natur und die schwarze Verderbnis Narbenfels zugef├╝gt hatten, denn mit ihr war das fahle Licht des Vollmondes erschienen und hatte sich ├╝ber den zerkl├╝fteten Landstrich gelegt wie ein Leichentuch, sodass alles nun noch gespenstischer und lebloser wirkte als am Nachmittag.
Lemorgant stand unterhalb einer rauen, aschgrauen Felswand und starrte auf das gewaltige Abflussrohr, welches aus dem Stein hervorragte. Versperrt mit einem rostigen Eisengitter wirkte es wie ein augenloser Schlund, aus dem sich langsam ein Rinnsal stinkender, schlammiger Br├╝he in ein ausgetrocknetes Kiesbecken darunter ergoss.
Es war still, totenstill.
Offenkundig gab es an diesem Ort weder Nachtv├Âgel noch Grillen oder sonst irgendein Tier, sodass das einzige, was der Prinz h├Âren konnte, das Tropfen der schlammigen Br├╝he aus dem gewaltigen Abflussrohr war, gelegentlich unterbrochen von Vanessas leisen Atemz├╝gen. Er konnte sie nicht sehen, vermutete aber, dass sie etwa einen Meter rechts von ihm am Kiesgraben stand.
Sie war vor etwa einer halben Stunde zum Gasthaus zur├╝ckgekehrt und hatte ihm berichtet, einen unbewachten Weg in den Narbenfels gefunden zu haben, worauf sie sich zu diesem Ort begeben hatten, einem Kanal, der laut Vanessa in die Tiefen des verkl├╝fteten Massivs f├╝hrte.
Der Prinz betrachtete das rostige Gitter, welches den Eingang versperrte, abwertend, wobei er feststellte, dass einige der Gitterstreben stark verbogen waren. Anscheinend hatte die schlammige Fl├╝ssigkeit sie so stark zerfressen, dass man sie einfach auseinanderschieben konnte. So, sch├Ątzte er, hatte Vanessa sich bei ihrer Erkundungstour Zutritt zu den Kan├Ąlen dahinter verschafft.
„Ich lasse Euch gerne den Vortritt“, sprach er einfach geraderaus, da er nicht genau wusste, wo sich seine Gef├Ąhrtin momentan befand.
„Wie Ihr w├╝nscht, Prinz“, zischte sie von seiner Rechten her, worauf die kaum sichtbare Luftanomalie, die einzig auf ihre Anwesenheit hindeutete, in Richtung der R├Âhre verschwand.
Lemorgant folgte dem Flimmern, zw├Ąngte sich durch die Gitterst├Ąbe und fand sich in einem ├╝bel riechenden, modrigen Kanal wieder, dessen W├Ąnde aus kaltem, grauem Stein waren. Licht gab es keins, sodass der Gang schon nach wenigen Metern g├Ąnzlich von der Dunkelheit verschluckt wurde.
„Hattet Ihr einen Grund daf├╝r, mir nicht zu sagen, dass wir eine Fackel brauchen w├╝rden?“, blaffte er.
„Nein“, schallte ihre neckische Stimme ein ganzen St├╝ck vor ihm, „Kommt nach, ihr verliert mich noch.“
Ohne zu z├Âgern begab sich der Prinz in das Universum von Dunkelheit und Gestank.
Das Fehlen des Lichtes schien den bei├čenden Verwesungsgeruch, der von der schlammigen G├╝lle ausging, nur noch zu verst├Ąrken, aber er w├╝rde ihn, so wusste er, nicht aufhalten. Schnellen Schrittes stapfte er in seinen schweren Drachenlederstiefeln durch den Stollen, w├Ąhrend Vanessas ged├Ąmpfte Schritte wenige Meter vor ihm erklangen.
Der Kanal f├╝hrte tief in den Fels hinein und Lemorgant schien es, als w├╝rde sich der Leichengestank mit jedem Meter, den sie weiter vordrangen, st├Ąrker in seine Atemwege bei├čen. Schlie├člich, als es fast unertr├Ąglich war, begann der Gang anzusteigen.
„Macht Euch auf was gefasst“, warnte Vanessa, w├Ąhrend sie der Stiege folgten.
Tats├Ąchlich stellte der Prinz sehr bald fest, dass sie mit ihrer Warnung keineswegs untertrieben hatte. Er trat ├╝ber die Schwelle, womit er sich am Boden einer trichterf├Ârmigen Grotte wiederfand.
Der Verwesungsgeruch war hier sogar noch st├Ąrker als in der R├Âhre, denn schon auf dem fahlen Fels am Boden der Grotte klebte geronnenes Blut und einige kleinere Leichenteile zierten den Grund. ├ťber ihren K├Âpfen hing auf halber H├Âhe der H├Âhle ein Netz aus groben, armdicken Tauen, das die grauenhafte Last etlicher Leichen trug. Mit leeren Augenh├Âhlen blickten sie aus ihren entstellten, leblosen Gesichtern zum Grund hinab, wo Vanessa und Lemorgant reglos wie Statuen standen.
Verstohlen sah sie in sein Gesicht, dessen blasse Haut und die finstere Augen keine Gem├╝tsregung verrieten.
Der Prinz starrte mit demselben toten Ausdruck zu den Leichen hinauf wie sie auf ihn hinab. Dann entdeckte er eine fahle Gestalt, die langsam zwischen den Kadaverhaufen umherschlurfte. Nachdem er sie ein wenig beobachtet hatte, erkannte er, dass es sich um einen grotesken Ork mit ausgeblichener Haut handelte.
Darauf reagierte er prompt, indem er seine Pistolenarmbrust zog, anlegte und nur eine Sekunde sp├Ąter feuerte. Der Pfeil zerriss Luft und Fleisch, sodass den Leichenbergen bald ein weiterer Kadaver hinzugef├╝gt wurde.
W├Ąhrend der Prinz noch seine Waffe nachlud, um sie anschlie├čend wieder in die Halterung an seinem G├╝rtel zur├╝ck zu stecken, erklomm Vanessa bereits mit blo├čen H├Ąnden die schartige Wand der Grotte, ohne dass er sie in ihrem Tarnanzug bemerkte.
„Ich gehe hoch“, gab sie zu verstehen.
Als sie das Netz schlie├člich von unten erreicht hatte, z├Âgerte sie jedoch. Etwas in ihrem Inneren hielt sie davon ab, den letzten Griff zu tun und sich auf die Taue hinauf zu ziehen. Nicht wissend, ob es nun der pure Ekel, der bei├čende Verwesungsgeruch oder die schiere Angst vor dem, das dort oben noch warten konnte, war, hing sie reglos an der Felswand, bis sie schlie├člich langsam eine Hand um das armdicke Tau ├╝ber ihr schloss. Geronnenes, schw├Ąrzliches Blut bedeckte dessen ganze Oberfl├Ąche.
Achtsam zog sie sich hinauf, worauf sie sich in einer Wolke des Verwesungsgeruchs wieder fand, die alles zu umgeben sich. Ihre Augen verdrehten sich, der Gestank schickte sie zu Boden und es gelang ihr gerade noch, sich mit letzter Kraft in eines der Taue zu krallen, um nicht in die Grube zur├╝ckzust├╝rzen. Es dauerte eine Zeit, bis sie es schaffte, sich wieder aufzurappeln.
Die Hand sch├╝tzend vor Mund und Nase haltend, stolperte sie zwischen den Kadaverhaufen hindurch, wobei sie nach jedem wackligen Schritt einen Blick ├╝ber ihre Schulter warf.
„Hat sich da gerade etwas bewegt? Da hat mich doch jemand angesehen“, sie verharrte, w├Ąhrend sie ihren Blick ├╝ber die unz├Ąhligen Leichen schweifen lie├č. Sie waren allesamt nackt, der Gro├čteil von ihnen weiblich. Im fahlen Halbdunkel der Grotte wirkte ihre Haut farblos, ihre Extremit├Ąten waren oftmals auf groteske Weise verdreht, mit weit aufgerissenen Lidern starrten sie aus pupillenlosen, milchig wei├čen Augen ins Leere.
Vanessa Firani hatte schon einiges gesehen, doch nun stockte ihr Atem. Unter dem enganliegenden Stoff des Tarnanzugs perlte kalter Schwei├č auf ihrer Haut, aus der jede Farbe gewichen war. Keuchend nahm sie einen tiefen Atemzug, der Unmengen bestialisch stinkender Faulgase in ihre Lungen bef├Ârderte.
Sofort presste sich die Schw├Ąrze auf ihre Augen, bevor sie den Boden unter den F├╝├čen verlor und zur Seite wegkippte. Sie sah und sp├╝rte nichts mehr, als ihr K├Ârper der L├Ąnge nach auf die dicken Taue klatschte.
„Madam Firani?“, ert├Ânte Lemorgants Stimme noch, „Ihr gedenkt doch nicht etwa, mich hier unten warten zu lassen?“
Entgegen seiner Erwartungen gab es keine h├Âhnische Antwort, stattdessen herrschte weiterhin Stille.
„Nutzlos!“, kommentierte der Prinz, nachdem er eine Weile gewartet hatte, leise, bevor er selbst zu der rauen Felswand hin├╝ber trat, seine behandschuhten H├Ąnde in den Rissen ├╝ber ihm versenkte und sich langsam nach oben zog.
Obwohl Drachenhaut in Relation zu den meisten R├╝stungsmaterialien extrem leicht war, hing sie doch zusammen mit Wappenrock, Umhang und Waffen schwer an Lemorgant, sodass sein Aufstieg eine recht unangenehme und langwierige Prozedur wurde, zumal er sich nicht sonderlich gut aufs Klettern verstand. Dennoch schaffte er es schlie├člich, das Netz zu erklimmen.
Gem├Ąchlich sog er die Faulgase durch seine N├╝stern ein und blies sie wie den Qualm einer Zigarette wieder aus seinem Mund heraus, ohne dabei auch nur einen Hauch von Ekel zu zeigen.
„Dieser Gestank wird mich nicht aufhalten“, spottete er in Gedanken, w├Ąhrend er die Grotte nach seiner Gef├Ąhrtin absuchte.
Sekunden sp├Ąter entsann er sich jedoch, dass seine Augen ihm bei dieser Suche nichts n├╝tzen w├╝rden, trug Vanessa doch immer noch ihren Tarnanzug.
Missmutig setzte er vorsichtig einen Schritt nach vorne ├╝ber das Netz und betrachtete beil├Ąufig einen der Leichenhaufen, wobei ihm, neben den blinden Augen auch noch eine lange, pechschwarze Narbe auf der Herzseite auffiel, die einen jeden Kadaver brandmarkte. Langsam ging er weiter, bis er mit seinem schweren Drachenhautstiefel gegen einen unsichtbaren Widerstand trat.
Mit sp├Âttisch verzogener Miene ging er in die Hocke, um anschlie├čend mit der behandschuhten Linken ├╝ber die Konturen des nicht sichtbaren Objektes zu streichen.
Vorsichtig ertastete er Vanessas Kopf, von dem er anschlie├čend die hauchd├╝nne Maske des Tarnanzugs l├Âste. Nachdem er ihr h├╝bsches Gesicht freigelegt hatte, griff er in die kleine, lederne Tasche, die seitlich an seinem G├╝rtel befestigt war und f├Ârderte eine Phiole mit Azurgeist zu Tage.
Anschlie├čend klappte er den Mund des Leutnants auf und tr├Ąufelte eine geringe Menge des Elixiers hinein.
Ein strahlend, azurblaues Licht riss Vanessa je aus der Schw├Ąrze, die sie gefangen hielt. Ihr ganzer K├Ârper verkrampfte sich, w├Ąhrend sie f├╝r einen Moment in einem wolkenlosen Himmel zu schweben schien. Dann war alles vorbei und die Realit├Ąt brach mit ihrem fahlen Licht sowie dem Leichengeruch wie eine Sturmflut ├╝ber sie hinweg.
Nachdem Lemorgant ihr wortlos beim Aufstehen geholfen hatte, ging er weiter.
Sie hielt f├╝r einen Moment inne, bevor sie sich die Maske ├╝bers Gesicht zog und dem Prinz folgte, bis sie zwei Leichen erreichten, die abseits der Kadaverhaufen lagen. Bei einer davon handelte es sich um den Ork, den Lemorgant zuvor erschossen hatte. Hatte er von unten noch wie ein normaler Vertreter seiner Rasse gewirkt, zeigte sich nun, dass auch seine Haut ausgeblichen war, dass er zwar vor Muskeln strotzte, aber dennoch vollkommen abgemagert war. Einige schwarze Geschw├╝re quollen aus seiner erblichenen Haut, w├Ąhrend seine Augen ebenfalls von den dunklen Abszessen durchzogen wurden, dass sie fast g├Ąnzlich schwarz waren.
Vor der Kreatur lag die unbekleidete, verdreckte Leiche einer Frau, an deren Armen und Oberschenkeln tiefe Bisswunden klafften.
„Sie fressen die Leichen“, keuchte Vanessa angeekelt.
„Leichen, die von der schwarzen Verderbnis durchdrungen sind“, fl├╝sterte Lemorgant, „Offensichtlich z├╝chten sich die Thanatoiker ihre eigenen Monster. Aber ich nehme nicht an, dass sie all diese Menschen get├Âtet haben, um sie an die Orks zu verf├╝ttern. Ich w├╝rde doch meinen, dass etwas anderes dahinter steckt. “
„Was auch immer es ist. Erledigen wir die Quelle des ├ťbels und dann verschwinden wir hier“, zischte sie.
„Wenn wir w├╝ssten, was die Quelle des ├ťbels w├Ąre“, sinnierte der Prinz, bevor er ├╝ber den ausblutenden Ork hinweg zu einem in den Fels geschlagenen Ausgang deutete, „Nach Euch.“
Vanessa setzte sich darauf sofort in Bewegung, wobei sie dankbar war, endlich den Leichen und dem Gestank entfliehen zu k├Ânnen.
Lemorgant, der mittlerweile anhand der Luftverzerrung erkennen konnte, wo sie sich ungef├Ąhr befand, folgte in einigem Abstand. Obwohl der Tunnel eng war und die Holzbohlen auf seinem Boden die unangenehme Angewohnheit hatten, bei jedem Schritt, den man auf sie setzte, ein leises Quietschen von sich zu geben, war er doch, wie Vanessa fand, eine ungemeine Verbesserung zur Grotte.
Der Verwesungsgeruch verfl├╝chtigte sich mit jedem Schritt, den sie tiefer in den dunklen Stollen setzte, w├Ąhrend vereinzelte Fackeln an den W├Ąnden etwas W├Ąrme und Licht spendeten. Leicht ansteigend f├╝hrte der Gang um eine Biegung, vor der Vanessa einhielt und sich an den hinter ihr gehenden Prinzen wandte:
„Ihr wartet kurz!“
„Mit Vergn├╝gen“, gab Lemorgant zur├╝ck, worauf sie weiter ging.
Nachdem sie um die Biegung geschritten war, strahlte ihr ein fahles Licht entgegen, das aus dem h├Âher gelegenen Ende des Tunnels drang, wo sich dessen W├Ąnde zu einem schmalen Durchgang zusammenquetschten. Obwohl das Strahlen kaum Kraft besa├č, blendete es ihre von der Dunkelheit gezeichneten Augen, sodass sie mehrmals stolperte, als sie sich langsam die Stiege hinauf k├Ąmpfte. Hinter dem Durchgang fand sie sich in einer finsteren Halle wieder, die vom bleichen Mondlicht erhellt wurde, das durch ein marmorverkleidetes Loch in der Decke fiel, sodass es wie aus einem gewaltigen, milchig wei├čen Auge in die H├Âhle hinabstarrte.┬á
Das gespenstische Strahlen offenbarte etliche fahle Gestalten, die zusammengekauert auf dem Boden, auf Matten oder im Dreck lagen, w├Ąhrend sich zwischen ihnen mehrere gewaltige Marmors├Ąulen erhoben, welche die Decke der Halle st├╝tzten und auf ein kleines Podest an ihrem Ende zu f├╝hrten, auf dem sich ein steinernes Tor erhob, dessen Rahmen von etliche Sanduhrsymbolen geziert wurde. Vanessa stockte der Atem, als sie zwei M├Ąnner in nachtschwarzen Roben entdeckte, die mit begierigen Blicken eine der fahlen Figuren durch das Portal f├╝hrten.
F├╝r einen Moment blieb ihr Blick an den M├Ąnnern haften, die zweifelsohne Schwarzmagier waren. Schwulstige, fleischige Narben prangerten auf ihren Sch├Ądeln, schwarze Ausw├╝chse klafften aus Kiefern und Schultern, die Gesichter waren in grausamer Weise verzerrt. Einer der beiden M├Ąnner, die schon mehr Kreaturen waren, hielt vor dem Tor inne und lie├č seinen Blick durch die Halle schweifen, wobei seine Augen, welche die dunklen Geschw├╝re g├Ąnzlich verschlungen hatten, f├╝r einen kurzen Augenblick an Vanessa h├Ąngen blieben.
Ein eisiger Schock durchfuhr ihren ganzen K├Ârper, w├Ąhrend sie in die schwarzen H├Âhlen starrte. Dann wandte sich der Mann ab, schob die Gestalt sanft durch das Tor und verlie├č die Halle. Sein Kamerad folgte ihm.
Langsam ging Vanessa einen Schritt weiter vor, wobei sie versuchte, die Gestalten am Boden nicht anzusehen.
Der Schock aus der Grotte sa├č noch so tief in ihren Eingeweiden, dass sie sich keinen weiteren zumuten wollte. Ihr Blick folgte dem felsigen Untergrund zum Tor. Der Weg war frei.
Behutsam setzte sie einen Fu├č vor den anderen, w├Ąhrend ihre Augen sich an die finstere, schartige Steindecke heften.
„Ich sehe nichts, und was auch immer in dieser Halle lauert, sieht mich auch nicht“, sagte sie sich immer wieder auf dem Weg zum Podest.
Doch pl├Âtzlich sah sie im Augenwinkel etwas Bleiches durch die Dunkelheit huschen.
W├Ąhrend sie noch gegen den Drang ank├Ąmpfte, hinzusehen, wurde die Erscheinung auch schon wieder von der Finsternis verschluckt. Daf├╝r drang ein leises R├Âcheln in Vanessas Ohren, das schwere Ziehen von Luft in Lungen. Sie stockte, verhielt sich ganz ruhig, wagte kaum, zu atmen, und lauschte. Nachdem sie das R├Âcheln noch zwei weitere Male geh├Ârt hatte, war sie sich sicher: Wer auch immer es verursachte, stand direkt hinter ihr. Zeitgleich flutete die Erkenntnis ihren Geist, dass ihr nunmehr nur die M├Âglichkeiten blieben, loszulaufen oder sich umzudrehen.
„Ich kann nicht laufen“, sagte sie sich, „Lemorgant ist bestimmt schon am Eingang.“
„Du musst“, entgegnete eine andere Stimme, „Schei├č auf Lemorgant!“
„Nein, nicht…noch nicht“, fasste sie schlie├člich den Entschluss, bevor sie sich umdrehte und in zwei milchig wei├če Pupillen starrte, die einfach durch sie hindurchglotzen. Das f├╝rchterliche Augenpaar geh├Ârte einer jungen Frau, die jedoch vollkommen unbekleidet war. Ihre Haut war verdreckt und zu einem Aschgrau ausgeblichen, w├Ąhrend ihre Haare jede Farbe verloren hatten, sodass sie nur noch wie geisterhafte F├Ąden im wirkten. Eine lange, pechschwarze Narbe klaffte ├╝ber ihrer Brust.
Vanessa starrte die Gestalt an und setzte langsam einen Schritt zur├╝ck, ohne dass es eine Reaktion von Seiten ihres Gegen├╝bers gab.
Erneut musterte sie die Frau, bevor sie langsam die Stimme hob:
„K├Ânnt ihr mich sehen?“
Die Gestalt neigte den Kopf, wobei ihr verdrecktes Gesicht jedoch keinerlei Regung zeigte. Offenbar hatte sie Vanessa geh├Ârt, unternahm aber nichts.
„Sie kann Euch nicht sehen, sie kann Euch vielleicht sp├╝ren, aber nichts gegen Euch unternehmen“, erklang eine kalte Stimme, mit der sich Lemorgant ank├╝ndigte, welcher kurz darauf aus der Dunkelheit auftauchte.
Die Frau wandte sich ihm zu und musterte ihn, ohne ihre Position zu verlassen.
„Was meint Ihr damit?“, fragte Vanessa fl├╝sternd.
„Diese Kreatur“, antwortete der Prinz mit einem abwertenden Blick auf die Frau, „wurde ihrer Seele beraubt. Sie lebt noch und kann Eindr├╝cke verarbeiten, ohne jedoch ein Empfinden oder einen Willen zu besitzen. Dies hier ist ein leerer K├Ârper, ein gefangenes Bewusstsein.“
„Wie ist das m├Âglich?“, erkundigte sich Vanessa.
„Wenn ein Mensch durch den Angriff mit einer Seelenklinge direkt get├Âtet wird, verliert er seine eigene Seele, sodass diese kernlose Existenz zur├╝ckbleibt.“
„K├Ânnten die Todesanbeter sie gegen uns einsetzen?“
„Das nehme ich nicht an“, entgegnete Lemorgant, „Seelenlose wehren sich nicht und befolgen keine Befehle. Sie vegetieren einfach nur vor sich hin, ein verabscheuungsw├╝rdiges Dasein.“
„Dann benutzen die Thanatoiker sie nur, um sich mit ihnen zu vergn├╝gen“, Vanessa spuckte angewidert auf den Boden.
„Ich glaube nicht, dass das der einzige Zweck dieses Unterfanges ist. Allerdings m├╝sstet Ihr als Offizier der Verr├Ąter doch irgendetwas ├╝ber diese ganzen Frauen wissen.“
„Nein, ich…“, begann sie, bevor ihr j├Ąh etwas klar wurde, „Doch…die Thanatoiker machen Jagd auf weibliche Magier. Jeden, den die Verr├Ąter fangen, m├╝ssen sie bei ihnen abliefern, sie d├╝rfen sie auf keinen Fall t├Âten. Ich…ich habe mich immer gefragt, was mit ihnen passiert…“, sie hielt betreten inne, „Das ist es also.“
„Ich nehme an, das ist von Bedeutung, wenn die Todesanbeter einen derartigen Aufwand betreiben, um all diese Magierinnen mit Seelenklingen zu t├Âten“, murmelte der Prinz, bevor er die Stimme hob, „Wohlan denn, lasst es uns zu Ende bringen!“
Mit diesen Worten zog er seine Armbrust, starrte die Seelenlose f├╝r einen fl├╝chtigen Augenblick an und dr├╝ckte ab. Der Pfeil zerriss Luft und Fleisch, bevor der Kadaver der Frau mit einem dumpfen Knall zu Boden fiel. W├Ąhrend Lemorgant seine Waffe zur├╝ck in die Halterung am G├╝rtel steckte, zeigte sein Gesicht kein Zeichen von Trauer oder Schmerz, stattdessen wirkte er beinahe gl├╝cklich.
„Ihr k├Ânnt das einfach so tun, ohne etwas dabei zu empfinden?“, fragte Vanessa.
„Was sollte ich auch empfinden? Ich tat das Richtige, beendete das w├╝rdelose Dasein dieser Frau und bewahrte ihr Andenken vor einer Sch├Ąndung durch die Weiterexzistenz ihres entw├╝rdigten K├Ârpers. Ich habe ihre Ehre gerettet.“
„Ihr habt sie get├Âtet“, beharrte sie.┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á
„Ihr werdet das nie verstehen“, zischte er zur├╝ck, „Bewegt Euch!“
Mit einem finsteren Blick auf ihren Begleiter, den er nicht wahrnehmen konnte, setzte sie sich in Bewegung, wobei sie derart laut auftrat, dass der Prinz h├Âren konnte, wie sie sich entfernte.
Vorsichtig tastete sie sich durch das Tor aus wei├čem Marmor, welches im Mondlicht fahl leuchtete und von den Thanatoikern unverschlossen zur├╝ckgelassen worden war. Sie erwartet, auch hinter dieser Pforte auf sinistere Kreaturen zu treffen, doch dem war nicht so. Der kurze, in den Fels geschlagene Gang hinter dem Tor m├╝ndete schnell in einer unsauber gearbeiteten Steintreppe, die sich mit einigen Biegungen nach oben wand.
W├Ąhrend Vanessa die steilen Stufen erklomm, drangen allm├Ąhlich Laute in ihre Ohren, die mit jedem Schritt an Lautst├Ąrke gewannen, bis sie zu einer wahren Flut der Ger├Ąusche geworden waren. Es klang wie die Ger├Ąuschkulisse einer gutbesuchten Kneipe, die jedoch von Echos und der schwarzen Verderbnis, welche auch die Stimmen der Schwarzmagier ver├Ąnderte, grauenhaft verzerrt wurde. Ein abgesetzter Krug hallte etliche Male wieder, das Lachen eines Nekromanten drang wie ein Schmerzensschrei durch den rauen Fels, das Klimpern von W├╝rfeln erf├╝llte die H├Âhle wie das L├Ąuten von Totenglocken.
Vanessa tat den letzten Schritt ├╝ber die Schwelle mit einer unertr├Ąglichen Schwere.
Der Korridor vor ihr war sauber verkleidet und mit einem blutroten, etwas ausgefransten Teppich ausgelegt, w├Ąhrend aus den angrenzenden R├Ąumen das wohlige Licht von Kaminfeuern strahlte. Im Schein einer Fackel sa├čen zwei weniger entstellte Schwarzmagier an einem Tisch am Anfang des Ganges, spielten ein W├╝rfelspiel und tranken dabei roten Wein aus Zinnbechern. Als sie eintrat, entleerte einer der beiden gerade die Weinfalsche in seinem Humpen.┬á Langsam starrte er mit einem seinen leicht geschw├Ąrzten Augen auf den Boden des Gef├Ą├čes, bevor er einen unverst├Ąndlichen Zischlaut ausstie├č. Sein Kumpan begann lauthals, zu lachen, bevor ein bulliger, entstellter Ork mit einer neuen Flasche aus einer T├╝r weiter hinten im Korridor erschien und sie wenig elegant den beiden Todesanbetern servierte.
„So l├Ąsst es sich leben“, kommentierte der Lachende, w├Ąhrend die Kreatur wieder davon zog.
Wenig vorsichtig ging der Leutnant an den beiden Thanatoikern vorbei, die beide zu sehr mit sich selbst, ihrem Spiel und ihrem Wein besch├Ąftigt waren, um das leise Federn ihrer Schritte zu h├Âren, welches ohnehin von dem verzerrten St├Âhnen ├╝bert├Ânt wurde, das aus einer┬á verschlossenen Zelle drang, in der sich, wie sie vermutete, gerade ein Todesanbeter mit einer Seelenlosen vergn├╝gte.
„Hassil!“, blaffte pl├Âtzlich einer der beiden Spielenden zur T├╝r hin, „Was auch immer du da tust, mach es leise!“
Dennoch wurde es mitnichten stiller.
Als sie an den beiden Spielern vorbeigezogen war, hielt Vanessa inne und betrachtete verstohlen den ihr zugewandten R├╝cken.
„Ich muss sie irgendwie aus dem Weg r├Ąumen, damit Lemorgant hier vorbei kann“, dachte sie.┬á
Obwohl Schwarzmagier ├Ąu├čerst m├Ąchtig waren, glaubte sie doch, die beiden mit Hilfe ihres Tarnanzugs und des ├ťberraschungsmoments ausschalten zu k├Ânnen. Sie sah sich kurz um, wobei die unz├Ąhligen M├Âglichkeiten, die beiden zu t├Âten, so pfeilschnell in ihren Geist drangen, dass es ihren Mund zu einem m├Ârderischen L├Ącheln verzog. Sie entschied sich f├╝r eine effiziente, schnelle und leise Methode, f├╝r die sie einen letzten Schritt auf den Thanatoiker zu trat. Dieses Mal achtete sie penibel darauf, unh├Ârbar zu sein, doch pl├Âtzlich hob der Thanatoiker an der anderen Seite des Tisches seinen Kopf.
Seine geschw├Ąrzten Augen bleiben an den ihren h├Ąngen, seine Kinnlade senkte sich ├╝berrascht, sie starrten sich einen Moment lang an. Unf├Ąhig zu atmen, gel├Ąhmt vom eisigen Blick des Schwarzmagiers, fragte sie sich, ob er sie wirklich sehen konnte.
Dann jedoch senkte er den Blick und w├╝rfelte.
Vanessa atmete vorsichtig auf.
Sie musste schnell und pr├Ązise sein, w├╝rde sie einen der beiden zum Zug kommen lassen, oder zu viel L├Ąrm machen, so w├╝rde es, das wusste sie, sowohl f├╝r sie selbst als auch den Prinzen t├Âdlich enden. Entschlossen senkte sie ihre H├Ąnde, sodass sie auf Kopfh├Âhe ihres Ziels in der Schwebe blieben, ohne dass das ahnungslose Opfer etwas bemerkte. Im n├Ąchsten Moment sp├╝rte der Thanatoiker nur noch, wie sich der sanfte Stoff des Tarnanzugs auf seine Ohren legte, dann hatte sie ihn gepackt und drehte seinen Kopf in einem Ruck herum. Das Brechen seines Genicks erklang wie das Fallen der W├╝rfel, die sein Gegen├╝ber gerade auf dem Tisch verteilte.
Der zweite Todesanbeter hatte gerade seinen Wurf gemacht, als sein Kumpan leblos in seinem Stuhl zusammensackte. Erschrocken und verwirrt zugleich, riss er den Mund auf, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, wobei er die Verzerrung, die pfeilschnell auf ihn zu raste, kaum noch wahrnahm. Eine gewaltige Druckwelle, schmetterte gegen seine Kehle, lie├č seinen Hilferuf im Keim ersticken, und schickte ihn mit einem letzten R├Âcheln ins Jenseits. Fast w├Ąre er mit dem Stuhl zu Boden gefallen, doch Vanessa war schnell genug herbeigeeilt, um ihn aufzufangen und somit gr├Â├čeren L├Ąrm zu vermeiden.
Schnell atmend horchte sie auf, doch au├čer dem verzerrten St├Âhnen war nichts zu h├Âren.
„Gut gemacht“, lobte sie sich selbst, bevor sie sich auf den Weg zur├╝ck zur Treppe machte, an deren Ende bereits Lemorgant wartete.
„Der Weg ist frei“, fl├╝sterte sie ihm zu und setzte sich gleich wieder in Bewegung.
„Nichts anderes hatte ich erwartet“, lie├č er verlauten und erklomm ebenfalls die Stufen. Als sie im Korridor an den beiden Leichen vorbei gingen, beobachtete sie ihn, dessen Blick lange an den Toten haftete. Doch in seinem fahlen Gesicht regte sich kein Muskel, sodass sie sich mehr denn je fragte, ob dieser Mann ein Heiliger oder ein Monster war.
Schnellen Schrittes marschierten sie ├╝ber die schwarzen, kalten Fliesen des Korridors, der auf einen dunkle, h├Âlzerne Doppelt├╝r zuf├╝hrte. Ein gespenstisch fahlgr├╝nes Licht kroch unter dem Tor hindurch.
„Ich sollte voraus gehen“, schlug der Leutnant vor.
„Das solltet Ihr nicht“, erwiderte Lemorgant, „denn hinter diesem Tor wird uns erwarten, was wir suchen.“
„Wie Ihr meint“, zischelte sie, „Ich lasse Euch gerne den Vortritt.“
„Es ist mir ein Vergn├╝gen“, versicherte er, wobei er mit gro├čen Schritten auf das Tor zuging, welches er mit einer einzigen, m├Ąchtigen Armbewegung aufstie├č.
Verborgen folgte ihm Vanessa.
Als die beiden Fl├╝gel der T├╝r auseinander gerissen wurden, strahlte ihr das fahlgr├╝ne Licht mit einer derartigen Intensit├Ąt entgegen, dass sie die Augenlider zusammenpressen musste. Verschwommen erkannte sie die Umrisse einer riesigen Halle aus schwarzem Stein, welche einen kreisrunden Grundriss besa├č und ├╝ber der ein m├Ąchtiges Kuppeldach hing. Der dunkle Boden fiel zur Mitte hin ab, aus der eine mehrere Meter hohe, schwarze S├Ąule von gewaltigem Ausma├č empor wuchs, deren kr├Ânender Abschluss eine strahlende Kugel aus jenem gespenstisch gr├╝nen Licht war. Um das Podest herum gruppierten sich einige niedrige steinerne Aufbauten, die teilweise alchemistische Apparaturen, grobe Werkzeuge und letztlich auch einige reglose K├Ârper beherbergten. W├Ąhrend ihr Blick zum Sockel der S├Ąule in der Mitte fuhr, nahm sie kaum den Windzug war, der an ihr vorbei zog.
Zu bizarr war das, was es dort unten zu sehen gab.
Vor dem Sockel befand sich ein zum Eingang hin ausgelegter Thron, auf dem eine schattenhafte, reglose Gestalt verharrte, die von zwei weiteren Personen flankiert wurde. Bei einer davon handelte es sich um einen glatzk├Âpfigen, ├╝bel entstellten Schwarzmagier, dessen vollkommen von Geschw├╝ren ├╝berwucherter Kiefer bereits durch seine fahle Haut gedrungen war.┬á┬á┬á┬á┬á
Die zweite Person schien jedoch kein menschliches Wesen mehr zu sein. Zwar besa├č sie die verzerrten Z├╝ge eines Mannes, bestand jedoch aus einem fahl wei├čen Licht, sodass sie nicht viel mehr war als eine verzerrte Erscheinung, der jegliche Details fehlten.
Zuletzt fiel Vanessas Blick auf den Rundgang, der an der Wand der Halle entlang f├╝hrte, an der einige entartete Orks Wache hielten. Alles deutete darauf hin, dass man sie bereits erwartet hatte.
Dann enth├╝llten sich vor ihr zwei aschfahle Gesichter, die einfach so in der Luft zu schweben schienen.
„Tarnanz├╝ge!“, rann es durch ihren Geist, „Sie sind uns die ganze Zeit ├╝ber gefolgt!“
„Seid gegr├╝├čt“, sprach die geisterhafte Gestalt neben dem Thron mit einer Stimme, die so grauenhaft verzerrt war, dass sich Vanessas Eingeweide kr├╝mmten.

Der Morgen war kalt und der Himmel glotze aus blinden, milchigen Augen auf Ariona hinab, w├Ąhrend sie langsam durch den aschgrauen Sand kroch, aus dem sich kein einziger Grashalm erhob. Jedes Licht war fahl, jede B├Âe wie ein eisiger Dolchsto├č. Wie oft hatte sie versucht aufzustehen? Wie oft war sie von jener unerkl├Ąrlichen, unbezwingbaren Macht in den Staub zur├╝ckgepresst worden?
Ein weiteres Mal stemmte sie sich dagegen, hob mit letzter Anstrengung den Kopf und blickte in die Ferne. Bis zum Horizont erstreckte sich die graue Ein├Âde, umringte sie von allen Seiten und schien niemals enden zu wollen. Doch nur wenige Meter vor ihr erhob sich ein Grabstein aus der W├╝ste, an dem eine dunkle Gestalt sa├č und mit einem Mei├čel einen Namen hineinritzte.
Eine ├╝berirdische Anziehungskraft ging von dem Stein aus, ein Sog, ein tiefes Verlangen, eine Sucht.
„Du musst es schaffen!“, sagte sie sich, bevor eine kalte, verzerrte Stimme in ihrem Kopf erschallte, die definitiv nicht ihre eigene war:
„Warum all der Aufwand, nur um dein eigenes Grab zu erreichen?“
Die unerkl├Ąrliche Last auf ihren Schultern nahm pl├Âtzlich enorm zu, schmetterte sie in den Staub und presste die Luft aus ihren Lungen. ┬áIhre Rippen knacksten, doch sie bohrte ihre kleinen Finger in den grauen Sand, um sich weiter zu ziehen.
„Z├Ąher, als ich erwartet hatte“, zischte die Stimme, „Letztlich werden dein Leid und deine M├╝hen nur meinen Triumph vers├╝├čen. Sieh all die Opfer und stelle dir selbst die Frage: Waren sie es wert?“
Als seine Worte endeten, wurde sie mit dem Gesicht in den Boden geschlagen, dass sie nur noch Schw├Ąrze sah, bis die Last, die auf ihr lag, sich langsam milderte, wodurch sie sich wieder ein St├╝ck erheben konnte. Einige Meter vor ihr befand sich immer noch der Mann mit dem Grabstein, der jedoch nun nicht mehr von einer grauen Ein├Âde, sondern von Bergen aus ├╝bel zugerichteten Leichen umgeben wurde. ├ťbelkeit flutete ihren Rachen, sie wandte den Blick gen Boden, krabbelte weiter, bis sie die erste Leiche erreichte.
Sie konnte nicht anders, als in ihr Gesicht zu blicken, und Ferren starrte aus toten Augen zur├╝ck. Tr├Ąnen str├Âmten ├╝ber ihr Gesicht. Sie zwang sich, wegzusehen, doch wo sie auch hinblickte, prangerten die hohlen, verwesenden Fratzen von Freunden und Bekannten.
„Sie trifft keine Schuld. Sie alle starben deinetwegen!“, blaffte die Stimme.
„Nein!“, kreischte sie, bevor sie die unerkl├Ąrliche Macht erneut in den Boden schmetterte und sie in der Schw├Ąrze versank. ┬á
Die Novizin erwachte. Schwei├č perlte auf ihrer Stirn und Tr├Ąnen trieften aus ihren Augen, w├Ąhrend sie zum schwarzen, wolkenverhangenen Himmel hinaufblickte und sich fragte, ob dies einfach nur ein Alptraum gewesen war. Sekunden sp├Ąter drehte sie sich zur Seite und erkannte Ferren, der selig schnarchend in seinem Lager ein St├╝ck neben ihr ruhte.
„Wodurch unterscheidet sich eine Vision von einem Traum?“, fragte sie sich.
„Das war nur ein Traum, nur ein Traum“, sagte ein Teil von ihr, der ersch├Âpft von den Strapazen der letzten Tage nach Schlaf verlangte.
Doch die Angst hielt sie wach, die Angst, alles noch einmal zu durchleben, zur├╝ckzukehren in diesen Alptraum, der, wie sie sich alsbald eingestand, keiner war.
„Es war eine Vision, muss eine Vision sein“, dachte sie, „Alles ist zu…zu real f├╝r einen Traum. Es war als w├Ąre ich wirklich dort gewesen…dort…“
Diese eine ├ťberlegung war der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum ├ťberlaufen brachte und die D├Ąmme, mit denen sie sich vor all dem gesch├╝tzt hatte, was ihr widerfahren war, brechen lie├č. All die unbeantworteten Fragen str├Âmten ├╝ber sie hinweg wie eine Sturmflut und verlangten begierig nach einer Antwort, die sie nicht geben konnte. Es dr├Ąngte sich ihr der Zwang auf, nach Hilfe zu suchen, dass sie keine andere Wahl hatte, denn es blieb ihr nur eine M├Âglichkeit.
Sie musste Truzos fragen.
„Wenn ich ihn jetzt wecke, lacht er mich nicht nur aus, sondern bringt mich auch noch um“, murmelte sie nach einem erneuten Blick zum schwarzen Himmel und musste missmutig feststellen, dass sie nicht anders konnte, als bis zum n├Ąchsten Morgen zu warten. Doch schlafen wollte sie nicht, denn die Angst hielt sie wach und f├╝hrte sie wie eine Marionette hinaus aus ihrem Lager in den Wald.
„Irgendwas muss ich ja tun“, sagte sie sich distanziert von jeder Vernunft, w├Ąhrend sie zwischen die Reihen der B├Ąume trat, ohne zu bemerken, dass ihr Lager nicht das einzige war, das diese Nacht leer blieb.

„Ich bin Kelrayass“, Worte, die wie Eis aus dem kaum erkennbaren Mund der verzerrten Gestalt drangen und die Luft im Raum fast zum Gefrieren brachten. Obwohl Lemorgant stolz und unbeirrt geradeaus starrte, war ihm durchaus bewusst, in welch prek├Ąrer Situation sie sich befanden. Insgesamt standen ihnen etwa zehn Gegner gegen├╝ber, ein Schwarzmagier, zwei Todesanbeter in Tarnanz├╝gen und einige verdorbene Orks.
Die geisterhafte Gestalt, die sich Kelrayass nannte, z├Ąhlte er bewusst nicht mit, denn bei ihr handelte es sich um etwas, dass man, wie er wusste, einen Seelensplitter nannte, ein Geisterhaftes Abbild eines Schwarzmagiers, das jedoch ├╝ber keinerlei physischen oder magischen Kr├Ąfte verf├╝gte und nur dann gef├Ąhrlich werden konnte, wenn sein Urheber die Position mit ihm tauschte. Dabei jedoch handelte es sich um ein magisches Werk von derartiger Komplexit├Ąt, dass es die meisten Hexer umgehend in die Ohnmacht bef├Ârderte. Doch obwohl der Prinz nicht davon ausging, dass sich Kelrayass selbst an diesem Ort zeigen w├╝rde, musste er sich eingestehen, dass es durchaus schlecht f├╝r sie aussah.
„Kooperation ist ebenso wenig eine Option wie Kapitulation“, zischte eine Stimme in seinen Gedanken, w├Ąhrend er seine Finger auf den Griff seines Schwertes presste. Zugleich erhob Kelrayass‘ Phantom erneut die Stimme:
„Wie Ihr seht haben wir Euch bereits erwartet, Prinz Lemorgant. Euch und wer auch immer Euer unsichtbarer Begleiter ist.“
„Ihr seid es also, den man Kelrayass nennt“, gab Lemorgant zur├╝ck, w├Ąhrend Vanessa sich in Schweigen h├╝llte. Dann fuhr er sp├Âttisch fort: „Ich muss gestehen, ein wenig verwirrt zu sein, sagten meine eigenen Leute mir doch, ihr w├Ąret der Anf├╝hrer des Dunklen Kults, wohingegen die Verr├Ąter einem gewissen Ventro diese Position zusprechen.“
Sein Gegen├╝ber lachte kalt und verzerrt:
„Ventro ist nur eine Figur in diesem Spiel. Er mag bedeutend sein, ein Turm, eine Dame, ein K├Ânig vielleicht, doch selbst der K├Ânig ist und bleibt eine Figur, die nicht das Spiel bestimmt.“
„Demnach seid Ihr der, der die Figuren zieht.“
„Ja, es mag sein, dass ich einige Spielz├╝ge bestimme, doch letztlich bin auch ich, wie jeder von uns, nur eine Figur, ein Teil eines gro├čen Plans.“
„Ein Diener Eures Gottes“, kn├╝pfte Lemorgant an.
„So ist es…doch bin ich wahrlich mehr seine Hand als sein Diener“, sprach der Seelensplitter, „Und als eine solche, wei├č ich auch, dass Ihr von Navaras geschickt wurdet. Navaras, der selbst nur ein Bauer in diesem Spiel ist, der nicht versteht, was er ├╝berhaupt tut, der die Ziele nicht kennt, der nur sein erb├Ąrmliches Geld sieht. Ihr seid ein Mann mit Idealen, Prinz Lemorgant, Ihr habt niemals wirklich in Erw├Ągung gezogen, mit diesem Narren gemeinsame Sache zu machen.“
„Mitnichten“, best├Ątigte der Prinz, „Sie sind nur Insekten, die danach verlangen, zerquetscht zu werden.“
„So ist es“, lachte Kelrayass, wobei eine unterschwellige Freude mitschwang, „Wir jedoch, Ihr und ich, Iurionisten und Thanatoiker verfolgen dasselbe Ziel. Wir m├Âgen auf anderen Pfaden wandern, doch letztlich f├╝hren sie uns wieder zusammen. Wir wissen, was die Zukunft bringen wird und dass wir es ├Ąndern m├╝ssen.“
„Ich muss gestehen, nicht zu wissen, wovon ihr sprecht“, entgegnete Lemorgant.
„Nein, das wisst Ihr nicht. Denn Ihr habt es noch nicht gesehen. Lasst mich Euch die Zukunft zeigen, wie sie uns bevorsteht, und Ihr werdet einsehen, dass wir unsere Zwist ├╝berwinden und an einem Strang ziehen m├╝ssen.“
„Kelrayass“, begann der Prinz mit kalter Stimme, „Es ist vollkommen gleich, f├╝r welches Ziel Ihr k├Ąmpft, denn die Art, auf die Ihr es zu erreichen sucht, macht uns bereits zu Feinden.“
„Ihr Idiot!“, zischte Vanessa ihm ins Ohr, „Kooperiert mit ihnen oder sie bringen uns um!“
„Tja“, seufzte Kelrayass, „wie bedauerlich, dass ein Mann von Ehre stets zu seinem Wort steht. Aber ich vertraue darauf, dass das Schicksal uns derselben Sache dienen l├Ąsst“, er wandte sich unangek├╝ndigt an den Schwarzmagier neben ihm, „Boltrac, tut, was n├Âtig ist!“
Seine verzerrten Worte klangen noch in Vanessas Ohren, als er sich bereits abgewandt hatte und in der Dunkelheit verschwand. W├Ąhrend diese ihn langsam verschlang, hob der entstellte Schwarzmagier seine klauenartige, von Geschw├╝ren ├╝berwucherte Rechte, mit der auf Lemorgant deutete.
„Zerlegt ihn!“
Die Orks hoben ihre b├Âsartig gezackten Klingen, die beiden Thanatoiker zogen ihre Masken wieder ├╝ber ihre Gesichter, was sie erneut vollkommen unsichtbar machte, Lemorgants juwelenbesetztes Schwert funkelte im fahl gr├╝nen Licht. Vanessa stand nur da und warf unschl├╝ssig, was sie tun sollte, einen Blick auf den Prinzen. Im gespenstischen Leuchten wirkte sein Gesicht wie eine Maske, die ebenso aschfahl war wie die Haut des Schwarzmagiers.
Dann unvermittelt zog er seine Armbrust mit der Linken, im Bruchteil einer Sekunde hatte er abgedr├╝ckt und der Bolzen zerriss die Luft. Ein Schrei ert├Ânte, bevor Blut aus dem Nichts spritze, worauf sich ein Mann in einem schwarzen Anzug enttarnte, der mit einer Wunde im Bauch zu Boden ging. Sein Schmerzensheulen ging jedoch im Br├╝llen der Orks unter, die sich von dem Rundgang hinab in die Halle st├╝rzten.
Lemorgant wandte sich ihnen zu, wurde dann jedoch von einem heftigen Sto├č gegen die Schulter getroffen, der ihn ins Taumeln brachte. Der zweite getarnte Thanatoiker hatte ihn erwischt. Er rappelte sich auf, f├╝hrte noch aus der Drehung einen Seitw├Ąrtshieb aus, der jedoch ins Leere ging.
Drei Orks kamen von der linken Seite, zwei von der rechten, weshalb er zun├Ąchst dorthin auswich. Die erste Kreatur preschte ihm entgegen. Speichel rann aus ihrem schwarzen Maul, aus dem gelbe Z├Ąhne wie Backsteine ragten, ihr gezacktes Scimitar hatte sie hoch erhoben, aus ihren geschw├Ąrzten Augen starrte der blanke Wahnsinn.
Der Prinz jedoch verengte berechnend seine Pupillen, duckte sich unter dem Abw├Ąrtshieb der Bestie hinweg, drehte sich um und trennte ihr hinterr├╝cks den Schwertarm an der Schulter ab. W├Ąhrend dickes, schwarzes Blut aus der Wunde rann, drehte sich der Ork einfach um, ohne dass seine Fratze auch nur die geringste Empfindung von Schmerz verriet.
M├╝helos wich der Prinz dem Schlag der verbleibenden Faust aus, bevor er den Sch├Ądel seines Gegners l├Ąngs aufspaltete, was diesem endlich den Garaus machte.
Der n├Ąchste Ork hatte ihn fast erreicht, stolperte dann jedoch ├╝ber einen nicht sichtbaren Widerstand, ging zu Boden und wurde anschlie├čend hart gegen den Kopf getroffen. Unbeeindruckt wollte er sich wieder erheben, wurde aber von Lemorgant mit einem Stich ins Genick niedergestreckt. Dann jedoch traf ihn der getarnte Todesanbeter erneut mit einem Schlag in den R├╝cken, wieder taumelte er, sah noch einen der Orks von links heranpreschen und schaffte es nicht mehr, sein Schwert┬á zur Parade zu heben.
Die Kreatur schmetterte ihre Klinge in seine Seite, wobei ihn die ungeheure Kraft des Unwesens von den F├╝├čen riss und gegen den n├Ąchsten Steinaufbau schleuderte.
Er blickte an sich herunter.
Wo das Scimitar ihn getroffen hatte, war sein Wappenrock zerfetzt, ein Teil der filigranen Silberverzierung seiner R├╝stung war abgebr├Âckelt, die Drachenhaut hingegen hatte nicht einmal einen Kratzer. Doch obwohl sie ihn vor Schnitten und Stichen sch├╝tzte, vermochte sie nicht, die unnat├╝rliche Wucht der orkischen Angriffe abzufangen. Dass dieser Treffer seine Rippen nicht zertr├╝mmert hatte, war, so glaubte er, nur der Gunst seines Gottes zu verdanken.
Er hob den Blick und starrte in die schwarzen Augen der Bestie, die geradewegs auf ihn zu raste.
Dann sah er, wie sie pl├Âtzlich einhielt und h├Ąufig zu zucken begann, als w├╝rde jemand in hoher Geschwindigkeit auf sie einschlagen. Er nutze den Moment, den Vanessa ihm verschafft hatte, um seine Armbrust nachzuladen.
„Aus der Schusslinie!“, blaffte er, bevor er sich wieder erhob und den Ork mit einem gezielten Schuss in die Kehle ins Jenseits bef├Ârderte. W├Ąhrend der Getroffene blutend gurgelnd zu Boden sank, jagten die beiden verbleibenden Orks einfach ├╝ber ihn hinweg.
„Zielt auf den Kopf, ihr hirnlosen Kreaturen!“, zischte der Schwarzmagier, der das Geschehen lediglich beobachtete.
Lemorgant fragte sich darauf, ob die Orks seinen Rat ├╝berhaupt verstanden hatten, da ihre Vorgehensweise sich keinesfalls ver├Ąnderte.
Sie verharrten lediglich kurz in ihrem Ansturm, um anschlie├čend weiter vor zu sprinten. Kaum hatte der erste den Prinzen erreicht, holte er zu einem heftigen Seitenhieb aus, den Lemorgant mit seiner Klinge zu parieren gedachte. Doch die Wucht des Angriffes war ├╝berw├Ąltigend, sie prallte gegen seine Klinge, zerrte sie unaufhaltsam aus seinen H├Ąnden, einen Augenblick sp├Ąter klirrte Stahl auf Stein und er prallte erneut r├╝cklings gegen einen kalten, steinernen Aufbau.
Muskelbepackt b├Ąumte sich die fahle Bestie vor ihm auf, hob das Scimitar, welches im gespenstischen Licht gl├Ąnzte, um es im Sch├Ądel des Prinzen zu versenken. Dieser jedoch schnellte in eben jenem Moment nach vorne, als der Ork seinen m├Ârderischen Abw├Ąrtshieb ausf├╝hren wollte. Die Klinge sirrte durch die Luft, ohne ihr Ziel zu finden, w├Ąhrend Lemorgant, der seine Armbrust fallen gelassen hatte, seinen letzten Trumpf, einen silbernen, gekr├╝mmten Langdolch, zog.
Auge in Auge mit der verdorbenen Kreatur befand er sich nun mit der k├╝rzeren, leichteren Waffe im Vorteil. Er z├Âgerte nicht, hob den Dolch und wollte ihn gerade durch die Kehle seines Gegen├╝bers ziehen, als ein weiterer harter Sto├č ihn in die Seite erwischte, taumeln lie├č und seinen Angriff ins Nichts lenkte.
Verwundert rappelte er sich wieder auf, brachte sich in Abwehrposition und fragte sich einen Moment, ob der verliebende Todesanbeter wieder zugeschlagen hatte, bevor er erkannte, was wirklich geschehen war. Vor ihm sackte grade der Ork zusammen, dem er die Kehle hatte durchtrennen wollen, w├Ąhrend sein letzter Kamerad seine gezackte Klinge aus dessen Leichnam herauszog. Der andere Ork hatte seinen Waffenbruder einfach get├Âtet, um Lemorgant mit seinem Angriff zu treffen. Obwohl ihn die Ehrlosigkeit seiner Feinde anwiderte, beobachtete er das Geschehen doch mit scharfer Miene. Er sah das todess├╝chtige Funkeln in den schwarzen Augen der Kreatur, als diese sich mitleidlos ├╝ber ihren gefallenen Mitstreiter hinwegsetzte.
„Wo sind Vanessa und der andere Thanatoiker?“, fragte er sich noch, w├Ąhrend er langsam zur├╝ckwich.
Eine Sekunde sp├Ąter traf ihn eine unsichtbare Faust direkt ins Gesicht. Er wankte zur├╝ck, sp├╝rte das Blut aus seiner Nase ├╝ber sein Kinn rinnen, steckte noch einen weiteren Schlag in die Nieren ein, sackte weiter zur├╝ck, kassierte erneut eine schmetternde Rechte ins Gesicht, zumindest glaubte er, dass es eine Rechte war.
Schw├Ąrze presste sich auf seine Augen, er sp├╝rte einen weiteren Schlag auf die Brust.
„Das war’s f├╝r dich, verdammter Prinz!“, br├╝llte eine kalte Stimme.
„Nein!“, harschte er sich an, „Das ist nicht das Ende! Was rechtschaffen ist, wird niemals fallen!“
Obwohl er nichts sehen konnte, schnellte er mit aller Kraft nach vorne, krachte heftig in einen starken Widerstand.
„Nicht hart genug f├╝r einen Stein“, dachte er und f├╝hrte mit seinem Dolch einen horizontalen Streich aus.
Schmerzensschreie f├╝llten seine Ohren und warmes Blut benetzte seine Handschuhe, w├Ąhrend seine Augen sich langsam von dem Schlag erholten.
Vor ihm war der Thanatoiker zu Boden gesackt, enttarnt durch den Riss in seinem Anzug. Blut sprudelte zwischen seinen Fingern hindurch, die er verzweifelt auf die lange Wunde in seinem Bauch presste.
„Empfange den Gnadensto├č!“, zischte Lemorgant, worauf er seinen Dolch durch die Sch├Ądeldecke seines Feindes h├Ąmmerte und ihn anschlie├čend von sich wegtrat.
Dahinter kam der verbleibende Ork zum Vorschein. Schnell rennend, im m├Ârderischen Ansturm begriffen, mit weit aufgerissenen, tiefschwarzen Augen preschte er unaufhaltbar auf den Prinzen zu, der nur noch wenige Meter von ihm entfernt war.
Dann jedoch rauschte die Anomalie wie ein kaum erkennbarer Blitz durch die Luft, prallte seitlich gegen den Ork, warf ihn zu Boden und kugelte ├╝ber ihn hinweg. Das Scimitar glitt aus den H├Ąnden der Kreatur, schlitterte ├╝ber den kalten Steinboden und blieb geradewegs zu Lemorgants F├╝├čen liegen, der mit einem finsteren L├Ącheln den Dolch zur├╝ck in seine Halterung am G├╝rtel gleiten lie├č, um die Waffe des Orks aufzuheben, dem er sodann gelassen entgegenschlenderte. Unbeirrt versuchte die Bestie, sich wieder auf die Beine zu hieven, doch weit kam sie nicht, denn der Prinz schlug ihr mit einem einzigen Hieb den fahlen Sch├Ądel von den Schultern.
„M├Âge der Herr dir gn├Ądig sein“, sprach er leise, bevor er sich jenem Punkt zuwandte, wo Vanessa seinen Gegner gestoppt hatte.
M├╝hsam raffte sie ihren K├Ârper auf, den der Zusammenprall mit der Bestie arg zerr├╝ttet hatte. Ihre Glieder schmerzten und als sie an sich hinunter sah, flackerte der Tarnanzug vor ihren Augen. Da sie nach dem Aufprall ├╝ber den Boden gerutscht war, hatte sich seine Oberfl├Ąche abgerieben, was seine Wirksamkeit stark einschr├Ąnkte.
Missmutig hob sie den Blick, worauf dieser sofort auf Lemorgants fahles Gesicht fiel. Blut tropfte von seinem Kinn, benetzte seine blassen Lippen, ein breiter Riss klaffte in seinem pr├Ąchtigen Wappenrock, doch seine R├╝stung wies keinen Kratzer auf.
Sie sah ├╝ber ihn hinweg, wobei sie den dunkelgekleideten Schwarzmagier entdeckte, der immer noch neben dem Thron stand, von wo aus er seinen Schergen beim Sterben zugesehen hatte.
„Einer noch“, dachte sie, bevor Boltrac seine Stimme hob.
„Eine ├Ąu├čerst beeindruckende Vorstellung“, lachte er, dessen Stimme die Verderbnis zu einem grauenhaften Kreischen verzerrt hatte, „Aber das hat jetzt sein Ende.“
„Allerdings, denn ich gedenke, diese Farce mit Eurer Hinrichtung zu beenden“, zischte Lemorgant, worauf er sich langsam, aber zielstrebig mit zum Boden gesenkten Scimitar auf den Schwarzmagier zu bewegte.
„Ich erledige das alleine“, fl├╝sterte er Vanessa zu.
„Wartet nur, ich werde Euch Eure Arroganz ausbrennen!“, schrie Boltrac, bevor er die bleichen, unf├Ârmigen Arme hoch ├╝ber den Kopf reckte. Zwischen seinen schwulstigen H├Ąnden entstand eine Kugel nachtschwarzer Flammen, die wild pulsierte, bis der Magier sie schlie├člich freigab. Mit einem ohrenbet├Ąubenden Zischen raste das schwarzmagische Geschoss auf den Prinzen zu, der unbeirrt weiter ging.
Vanessa riss verst├Ąndnislos den Mund auf, w├Ąhrend sie das groteske Schauspiel regungslos wie eine Statue betrachtete. Sie sp├╝rte die geballte Kraft des Zaubers noch dort, wo sie stand, wusste, dass man schwarzer Magie nicht ausweichen konnte, und es wurde ihr zur bitteren Gewissheit: Der Prinz w├╝rde diesen Angriff nicht ├╝berleben.
Mit unbeschreiblicher Macht schlug der Feuerball in seine Brust ein, schwarze Flammen z├╝ngelten um den Ledrianer, bedeckten ihn und h├╝llten ihn f├╝r einen Moment g├Ąnzlich ein, sodass er nicht mehr war als ein schwarzer Schatten.
Dann jedoch war es der Thanatoiker der vor Schmerz aufschrie und aus dessen entstelltem Gesicht Todesqualen sprachen, wohingegen Lemorgant die schwarzen Flammen mit einer einzigen Bewegung von sich absch├╝ttelte, worauf diese augenblicklich verschwanden, ohne auch nur die Spur einer Verletzung auf ihm zu hinterlassen.
W├Ąhrend er eine Hand schmerzhaft verkrampft in seine eigene Brust krallte, taumelte der Todesanbeter zur├╝ck, bevor er sich erneut aufb├Ąumte.
„Das schafft Ihr nicht noch einmal!“, seine gellende Stimme zerriss die Stille begleitet von einer Font├Ąne gespenstisch gr├╝ner Lichtblitze, die allesamt auf Lemorgant entgegenzuckten.
Ohne einzuhalten, marschierte er in das dichte Geflecht der Strahlen, die sich in Lawinen farbenfrohen Funken ergossen, als sie ihn ber├╝hrten. Jeder Strahl, der explodierte, entlockte dem Schwarzmagier einen neuen Schmerzensschrei, jeder Funken lie├č ihn weiter zur├╝cksacken, dem schattenhaften Thron, der gewaltigen S├Ąule, seinem Ende entgegen.
„Das…das kann nicht sein“, heulte er, als der Prinz ihn fast erreicht hatte, „Ich kann nicht…der Meister w├╝rde nicht zulassen, er w├╝rde nie…“
Lemorgant befand sich fast in Reichweite, sodass ihm seine innere Stimme sagte, es sei an der Zeit, die Waffe zu heben, um zum finalen Sto├č anzusetzen. Aus den pechschwarzen Augen des Thanatoikers glotze der pure Unglauben, die stinkende Angst. Er musste wissen, dass es kein Entkommen gab, weder in dieser Welt noch in der n├Ąchsten.
Doch pl├Âtzlich weiteten sich die Augen des Hexers, dass der blanke Wahnsinn dem Prinzen entgegenstarrte.
Mit einem hysterischen Gackern grabschte der Todesanbeter an den Hals der schattenhaften Gestalt auf dem steinernen Thron, die Lemorgant endlich deutlich erkennen konnte.
Auf dem kalten, dunklen Stein sa├č mit rostigen N├Ągeln und Ketten fixiert eine arg verweste Leiche, aus deren linker Gesichtsh├Ąlfte bereits jedes Fleisch gewichen war. Der Rest besa├č eine ekelhaft dunkelbraune, leicht gr├Ąuliche T├Ânung, aus der modrige Knochen hervorstachen, w├Ąhrend die Haare wie ausgeblichene, nicht geisterhafte F├Ąden schimmerten. Vor ihrer Brust jedoch prangerte ein klobiger Kristallsch├Ądel, der an einer dunklen Kette um ihren Hals befestigt war.
Eben diese Kette packte der Thanatoiker l├Âste sie und legte sie blitzschnell um seinen eigenen Hals, was jedoch keinen noch so unbedeutenden Effekt zeigte.
„Ich bin unbeeindruckt“, kommentierte der Prinz, der kurz innegehalten hatte, um das Geschehen zu betrachten.
„Dann seht und staunt!“, fauchte Boltrac, wobei er erneut die Arme in die Luft riss. Erneut f├╝llte ein unertr├Ąglich lautes Zischen den Raum, das diesmal jedoch von einem gespenstischen Heulen untermalt wurde. Die gro├če Kugel aus gespenstisch gr├╝nem Licht, welche ├╝ber der S├Ąule thronte, erstrahlte pl├Âtzlich in blendender Helligkeit, bevor ein tentakelartiger Strahl aus ihr hervorbrach und den Kristallsch├Ądel flutete. Dann riss der Strahl ab, worauf die Kugel wieder ein wenig verblasste.
Als Vanessas geblendete Augen sich erholt hatten, konnte sie jedoch eine zweite Lichtquelle ausmachen, die Boltracs ├╝berwuchertes Gesicht beleuchtete. Sie brauchte nur einen Augenblick, um zu erkennen, dass es der Sch├Ądel war, der nun in demselben gespenstischen Licht strahlte wie die unheimliche Kugel.
„Schlagt nur zu, Prinz!“, forderte der Hexer.
„Ihr scheint wahrlich ein Narr zu sein, Euch auf eine Macht zu verlassen, die bereits zweimal versagt hat“, spottete Lemorgant, bevor er das Scimitar hob und es dem Thanatoiker geradewegs ins Herz rammte.
Dieser leistete keinen Widerstand, als die breite, schartige Klinge durch seinen Brustkorb brach und eine gr├Ąssliche Wunde in sein fahles Fleisch riss. Doch kein Blut rann aus ihr, nachdem der Prinz seine Klinge wieder aus dem K├Ârper des Todesanbeters gezogen hatte, dessen schwarze Augen nun m├Ârderisch funkelten, berauscht von der Macht.
W├Ąhrend Vanessa noch fassungslos beobachtete, wie der klaffende Riss auf seiner Brust einfach verschwand, schnellte er nach vorne und schmetterte den Prinzen mit unglaublicher Wucht von sich weg. Es riss ihn von den F├╝├čen und schleuderte ihn r├╝cklings auf den Boden, von wo aus er sich abrollte, sodass er binnen eines Augenblicks wieder auf den Beinen war.
Lemorgant hob erneut die schwere Klinge und auch dieses Mal schien Boltrac nicht an eine Parade zu denken, als er zuschlug. Das Scimitar raste in den Hals des Thanatoikers, w├Ąhrend der Prinz so viel Kraft auf den Hieb verwand, dass er am Ende von seinem Ziel abgewandt stand. Er schnaubte kurz, bevor er merkte, dass das Gewicht in seiner Schwerthand deutlich nachgelassen hatte. Erstaunt starrte er auf den Griff des Scimitars, aus dem nur noch ein St├╝ck der Klinge ragte, dampfend und eingeschmolzen.
Als er wieder zu Boltrac blickte, lachte dieser, dessen Wunden im Nu verheilt waren, voller Wahnsinn.
„Ich bin unsterblich!“, schrie er, wobei er Lemorgant einen weiteren Sto├č unnat├╝rlicher Kraft versetzte, der ihn erneut auf die Fliesen katapultierte.
„So verh├Ąlt es sich absolut nicht!“, ├Ąchzte der Prinz, worauf er seinen Dolch zog und ├╝ber den glatten Boden hinter Boltrac gleiten lie├č.
Dieser blickte ihm kurz nach, gackerte sp├Âttisch, nachdem nichts geschehen war, wandte sich wieder Lemorgant zu und blickte pl├Âtzlich auf die gl├Ąnzende Spitze eines Bolzens.
Nur einen Augenblick sp├Ąter wurde abgedr├╝ckt und das Geschoss raste auf den Thanatoiker zu, genau in den kristallenen Sch├Ądel vor seiner Brust. Doch statt das schwarzmagische Artefakt in tausend Teile zerbersten zu lassen, vergl├╝hte der Pfeil in einer einzigen Stichflamme, als er den Kristall ber├╝hrte.
„Du brauchst schon mehr als eine kleine Armbrust, um mich zu erledigen!“, h├Âhnte Boltrac, doch der Prinz lachte nur, w├Ąhrend er aus zu Schlitzen verengten Augen geradezu durch ihn hindurch zu starren schien.
Tats├Ąchlich jedoch beobachtete er Vanessa, deren Tarnanzug sich wieder von der Kollision mit dem Boden erholt hatte, sodass sie nunmehr als ein kaum sichtbares Flackern hinter dem Hexer schwebte. Ein t├Âdliches Funkeln, das mit Geisterhand den Dolch f├╝hrte, den der Prinz hinter Boltrac hatte gleiten lassen. Langsam streckte sie die Klinge nach vorne, ihre Hand f├╝hrte nur eine Intention, nur ein Ziel.
„Durchtrenne die Kette und der Tr├Ąger verliert den Sch├Ądel und die Macht“, rann es durch ihren Kopf, w├Ąhrend sie dar├╝ber nachdachte, dass diese Option schon ein wenig zu einfach war, zumal Boltrac sie noch nicht bemerkt hatte, stattdessen etwas in Lemorgants Richtung br├╝llte, das sie nicht verstand.
In einer einzigen, keinesfalls zittrigen Bewegung schob sie den Dolch sanft zwischen den K├Ârper des Todesanbeters und die Kette, ohne dass dieser etwas davon merkte.
Dabei sah sie nicht, dass auch diese von einem schwachen g

Kapitel 9: Assassinen

15. Mondweihe. 52 n.V.

 

Die Sonne schob sich gerade ├╝ber den Horizont und bedeckte die Welt mit ihrem tiefen, blutroten Licht, als Baraj, der die letzte Nachtwache schob, Ferren weckte. Nachdem der Leutnant in milit├Ąrischer Schnelligkeit erwacht war, lie├č er seine Mitstreiter wecken, sofern dies notwendig war. Einige waren schon vor Sonnenaufgang im Lager herumgeirrt, wie Janus, der f├╝r Slemov, den die Schmerzen wach hielten, im Wald nach Heilkr├Ąutern suchte, und Ariona, die tats├Ąchlich die ganze Nacht ├╝ber durch die Gegend gewandelt war.
Als die ersten Strahlen der Sonne in ihre geschwollenen, blutunterlaufenen Augen blitzten, stach ein sengender Schmerz durch ihren Sch├Ądel. Dennoch lie├č sie ihren gequ├Ąlten Blick ├╝ber das Lager schweifen, um nach Truzos zu suchen, den sie in seinem Nachtlager entdeckte, wo er immer noch beharrlich vor sich hin schnarchte, obwohl Baraj gerade versuchte, ihn aus dem Schlaf zu rei├čen. Doch bevor sie beobachten konnte, wie der Magier wach wurde, stand pl├Âtzlich Ferren vor ihr und versperrte ihr die Sicht.
„Alles klar?“, erkundigte er sich.
„Ja, alles in Ordnung“, best├Ątigte sie matt.
„Du siehst m├╝de aus.“
„Hab schlecht geschlafen“, murmelte sie, „Nach allem, was war.“
„Hm ja, das ist alles etwas viel“, seufzte er, „Ich wei├č noch nicht genau, wie es weiter gehen sollte, tja, ich…hab zu tun, wir…reden sp├Ąter.“
Mit diesen gestammelten Worten zog er ab und durchstreifte erneut das Lager, sodass Ariona Truzos wieder in ihrem Blickfeld hatte. Er hatte sich bereits erhoben und strich seine kunstvoll bestickte Robe glatt, wobei er Baraj etwas Unverst├Ąndliches hinterher fluchte.
Anschlie├čend warf er einen verfinsterten Blick durch das Lager, bevor er sich wieder auf seiner Bastmatte niederlie├č, ein Buch z├╝ckte und darin las. Seit dem ├ťberfall und der Befreiung hatte er sich meist von den anderen ferngehalten und sprach allerh├Âchstens mit Janus.┬á Ariona n├Ąherte sich ihm langsam und unwissend, wie sie ein Gespr├Ąch mit ihm beginnen sollte, wo seine schlechte Laune doch jedem entgegensprang, der es wagte, in sein Gesicht zu sehen. Schon wollte sie einen Schritt zur├╝cktreten, das Gespr├Ąch auf sp├Ąter verschieben.
„Nein, du musst“, wurde ihr klar, w├Ąhrend sie beobachtete, wie ihre F├╝├če sie weiter zu ihm trugen und ihre Lippen ein freundliches „Guten Morgen“ formten.
„Was wollt Ihr?“, blaffte der Serpendrianer, ohne den Gru├č zu erwidern.
„Ich habe eine Frage“, erkl├Ąrte sie langsam.
„Die Sonne ist gerade erst aufgegangen. Kann das nicht bis sp├Ąter warten?“
„Nein, es ist wichtig“, versicherte sie, worauf er sie kurz absch├Ątzig musterte.
„Ich glaube nicht“, h├Âhnte er anschlie├čend.
„Verdammt, Truzos, k├Ânnt Ihr vielleicht ein einziges Mal von Eurem hohen Ross herunterkommen und mir einfach nur zuh├Âren?“, schnauzte sie.
„Also sch├Ân…versucht, mich nicht allzu sehr zu langweilen“, seufzte der Magier, worauf sie sich neben ihm auf der Bastmatte niederlie├č und begann, von dem zu berichten, was ihr widerfahren war, wobei sie versuchte, so n├╝chtern zu wirken, wie es nur m├Âglich war.
Als sie geendet hatte, starrte ihr aus Truzos‘ Gesicht der blanke Hohn entgegen.
„Ihr habt offensichtlich einen Hirnschaden erlitten“, spottet er, „Einen derartigen Angriff ├╝berlebt man nicht. Wahrscheinlich habt Ihr eine einfache Waffe f├╝r eine Seelenklinge gehalten und wurdet dann von einem fehlgeleiteten Zauber erwischt.“
„Es war eine Seelenklinge, da bin ich mir sicher“, fauchte Ariona.
„Ach ja? Ich liege doch richtig, wenn ich annehme, dass Ihr eine einfache Novizin seid, nicht wahr? Und wahrscheinlich habt Ihr zuvor nie eine Seelenklinge gesehen, wie?“
„Ich kann eine Seelenklinge sehr wohl von einer einfachen Waffe unterscheiden!“
„Ja, das denken sie alle. Denken, dass sie etwas von Schwarzmagie verstehen, weil sie einmal einem Thanatoiker gegen├╝berstanden, denken, dass sie weise oder stark sind, nur weil sie es nach Galor geschafft haben. Dabei sind gute M├Ąnner daf├╝r gestorben, dass sie ├╝berleben konnten“, zischte der Serpendrianer.
„Wieso nehmt Ihr das so pers├Ânlich? Ich habe Euch doch nur eine allgemeine Frage gestellt“, maulte sie.
„Einen Schwachsinn habt Ihr!“, schallte es ihr entgegen, „Den Angriff mit einer Seelenklinge ├╝berlebt man nicht. Ihr w├Ąrt jetzt ein willenloses St├╝ck Fleisch, wenn Euer Bericht stimmen w├╝rde.“
„Aber das bin ich nicht und ich will wissen warum“, beharrte sie.
„Haltet Ihr Euch f├╝r etwas Besonderes, nur weil Ihr diesem Todesanbeter entkommen seid? Ich sage Euch, Ihr seid nicht besser als das gew├Âhnliche Fu├čvolk. Wenn Ihr vor sechs Monaten nach einem orkischen Hinterhalt tot in einem Stra├čengraben gelegen h├Ąttet, dann s├Ąhe die Welt heute auch nicht anders aus. Ihr wollt Antworten auf Eure Hirngespinste? Dann sucht einen Priester! Ich kann Euch jedenfalls nicht helfen. Und jetzt bel├Ąstigt mich nicht l├Ąnger!“
Seine Worte waren klar wie Wasser, das aus einem Eisblock schmolz, und schnitten mit ihrer eisigen Intensit├Ąt in Arionas Seele, dass es ihr physisch wehtat. Langsam taumelte sie zur├╝ck, wobei ihr sein absch├Ątziges L├Ącheln folgte.
„Serpendrianer…Ledrianer…die sind alle gleich. Solche Idioten. Er wei├č, dass ich Recht habe, aber er ist zu eingebildet, es zuzugeben“, sagte sie sich selbst, womit sie jedoch nicht vermochte, die Flut der Tr├Ąnen aufzuhalten, die in ihre Augen quoll. Sie wusste nicht, womit Truzos sie derart hatte verletzen k├Ânnen, doch sie wusste, dass er die letzte Chance auf Antworten gewesen war, und sie fragte sich, was sie nun ├╝berhaupt noch wusste.
„Bin ich wirklich eine kranke Irre, die ihre Tr├Ąume f├╝r Visionen h├Ąlt, die glaubt, etwas Besonderes zu sein und den g├Ąngigen, magischen Theorien zu widersprechen?“, rann es j├Ąh durch ihren Geist und Wogen des Zweifels brachen ├╝ber sie hinweg. Sie taumelte, die M├╝digkeit schwemmte ihre Sicht dahin, der Boden n├Ąherte sie ihr mit beeindruckender Schnelligkeit.
Pl├Âtzlich packte sie jemand unsanft an der Schulter, womit er jedoch verhindert, dass sie g├Ąnzlich einsackte. Grob raffte er sie auf, wobei sie erkannte, dass es sich um Baraj handelte.
„Alles in Ordnung mit Euch?“, erkundigte er sich.
„Ja…ich…schlecht geschlafen“, stammelte sie, worauf er sie wieder loslie├č und sie fast noch einmal zusammenbrach.
„Zweifel ist Gift!“, hallte Lucians h├Âhnisch lachende Stimme durch ihren Sch├Ądel.

Zur gleichen Zeit irrte Ferren durch das Lager, w├Ąhrend sein Blick suchend ├╝ber die K├Âpfe seiner Mitstreiter huschte. Er schritt langsam voran, sah Baraj und Ariona, die ein St├╝ck voneinander entfernt standen, Truzos, der noch in seinem Lager sa├č, Janus, der Slemovs Wunde versorgte, Ilar, der die beiden Pferde betrachtete, welche ein St├╝ck weiter angebunden waren. Doch der Blick des Leutnants fand nicht das, was er suchte, bis er sich schlie├člich eingestand, dass er es gar nicht finden konnte.
Es wurde ihm klar, dass die K├Âpfe, die er aufsp├╝ren wollte, verschwunden waren. Kein de Nord, der ebenso weise wie arrogant ihre Mission ├╝berwachte, kein Tymaleaux, der sp├Âttisch Befehle br├╝llte, kein Renault, der mit Karte und Logbuch aufwarten konnte, kein Olaf, der ihm selbst in tiefster Nacht die Richtung wies.
„Jetzt ist es an dir“, sagte er sich, „Jetzt triffst du die Entscheidungen.“
„Aber welche?“, fragte er sich zugleich.
„Weg hier und weiter nach Osten“, die n├╝chterne Antwort drang j├Ąh in seinen Kopf, „Osten…“
Aber er wusste auch, dass er vor seinen Kameraden nicht wie ein planloser Idiot wirken durfte, dass er sich wie die anderen Offiziere verhalten musste, die entweder nie einen Fehler begangen oder nie dazu gestanden hatten. De Nord, Renault, Tymaleaux waren keine M├Ąnner gewesen, denen der Geruch des Versagens anhaftete.
„Osten…“, echote es durch seinen Sch├Ądel, „Ich muss wissen, wo Osten ist!“
Mit diesem Entschluss lie├č er seinen Blick erneut ├╝ber die Reihen seiner Gef├Ąhrten schweifen, wobei er nun jedoch ein klares Ziel hatte. Als er nach Janus suchte, zermarterte er sich zugleich den Kopf ├╝ber die Widerspr├╝chlichkeit seiner Situation
„Ein Soldat, ein Offizier, fragt einen M├Ânch nach der Himmelrichtung.“
Er wandte sich dem Geistlichen zu, der sich mittlerweile von Slemov entfernt hatte, und seine Beine trugen ihn ├╝ber das Meer der Kontroversen, die Kluft zwischen den beiden M├Ąnnern.
„Bruder, habt Ihr einen Moment Zeit f├╝r mich?“, erkundigte er sich.
„Nat├╝rlich“, gab der M├Ânch freundlich zur├╝ck, „Was kann ich f├╝r Euch tun, Leutnant?“
„Wir ├Ąhm…m├╝ssen weg von hier“, stammelte er, „In Richtung Osten, aber ich…ich habe keine Ahnung, wo Osten ist.“
Janus starrt ihn kurz an, bevor er seinen Kopf mit einem leichten Grinsen gen Himmel wandte, an dem noch einige Sterne hingen, deren schwaches Licht langsam von der Sonne ├╝berstrahlt wurde. Der Geistliche drehte sich ein wenig, warf einen fl├╝chtigen Blick in eine andere Himmelrichtung und streckte dann seinen linken Arm aus, sodass er weit ├╝ber die Wipfel der B├Ąume deutete:
„In etwa diese Richtung.“
„Habt Dank“, gab Ferren zur├╝ck, reckte sich, betrachtete kurz die tapferen Recken, die vom einstigen Zug de Nords ├╝brig geblieben waren, und hob dann seine Stimme, die laut wie kr├Ąftig durch das Lager schallte:
„Sachen packen und sammeln! Wir marschieren in zehn Minuten ab!“
Sofort brach eine Welle der Hektik ├╝ber das Lager, denn nicht jeder in Ferrens Trupp strotzte wie Baraj vor Disziplin, der schon marschbereit gewesen war, bevor der Leutnant den Befehl gegeben hatte. Doch wo immer es an etwas mangelte, schien es pl├Âtzlich eine helfende Hand zu geben, auch wenn diese dem fluchenden Ilar geh├Ârte.
Mit Hilfe von Muskelkraft und Magie schaffte man Slemov auf eines der beiden Pferde, da er kaum selbst gehen konnte.
Ariona, die, so fand Ferren, ebenfalls sehr ersch├Âpft wirkte, durfte sich vom zweiten tragen lassen, wohingegen alle ├╝brigen sich auf die Kraft ihrer eigenen Beine verlassen mussten, da sie den Karren auf ihrer Flucht au├čerhalb des Waldes zur├╝ckgelassen hatten, denn es war unm├Âglich gewesen, das sperrige Gef├Ąhrt durch die dichten Reihen der B├Ąume zu man├Âvrieren.
Truzos warf dem Leutnant einen finsteren Blick entgegen, w├Ąhrend dieser Ariona beim Aufsatteln half, und wandte sich anschlie├čend ab. Als die Novizin sicher auf dem R├╝cken des Gauls sa├č, blickte Ferren erneut auf den Rest seines Trupps und f├╝nf wettergegerbte Gesichter starrten erwartungsvoll zur├╝ck. Der Moment war durchzogen mit einem Hauch von Ewigkeit, er funkelte in Janus‘ hoffnungsvollen Augen, klang in Ilars ├╝blichem Spott mit, sprach aus Slemovs angespanntem Gesicht, aus Truzos‘ ver├Ąchtlichem Schnauben, aus Barajs diszipliniertem Blick.
„M├Ąnner“, wandte sich Ferren an sie, „wir haben harte Schl├Ąge eingesteckt. Wir haben unsere Kameraden fallen sehen und unsere Anf├╝hrer verloren“, er starrte auf Slemov und Baraj, denen die Verr├Ąter nicht mehr gelassen hatten als ihre lumpenhafte Kleidung, „man hat uns unsere Waffen und R├╝stungen genommen, uns gefangen, uns verfolgt und doch stehen wir noch hier! Wir stehen hier, wir atmen, wir leben! Und so lange wir das tun, lebt auch die Hoffnung weiter. Lasst uns weiterziehen und zu Ende bringen, wof├╝r unsere Freunde bereits ihr Leben gaben. F├╝r Galor!“
„Ja, f├╝r Galor“, murmelte Janus mit Bitterkeit.
„F├╝r Galor!“, gr├Âlten Slemov, Ilar und Baraj, und als ihr Rufen verklungen war, gab Ferren den Befehl zum Abmarsch.
So verlie├čen sie die Lichtung und der herbstbraune Wald verschluckte sie, nur um sie Stunden sp├Ąter in einem wundersamen Landstrich wieder auszuspucken. Die Reihen der B├Ąume endeten j├Ąh, wo sie in ein Feld aus verdorrten St├╝mpfen ├╝bergingen, die wie Grabsteine aus der schlammigen Erde ragten. Die abgeholzte Ebene zog sich bis zu einem kiesbelagerten Flussufer hinab, welches windschiefe Bretterbuden zierten. Wo man hin sah, erhoben sich niedrige, h├Âlzerne Schilder mit verblassten Aufschriften aus der Erde, von denen manche noch verk├╝ndeten:
„Eigentum der skatrischen Minengesellschaft.“
„Dieser Grund geh├Ârt Maglir Garek. Bei unbefugtem Betreten wird sofort geschossen.“
„Dieses Land ist Besitz der delionischen Goldarbeiterzunft.“
„Neu-Delion“, entsann sich Ferren des Namens dieser Provinz, die einst so prall mit Leben gef├╝llt gewesen war wie ein Bierkrug in einer guten, skatrischen Kneipe.
Er erinnerte sich an jene Zeit, als an Fl├╝ssen wie diesem zu jeder Tageszeit Menschen aller Nationen gesessen und nach Gold gesucht hatten. Er erinnerte sich an all die Halunken, Sch├╝rfer, Schwindler, Gl├╝cksritter, Unternehmer und Abenteurer, die zwischen den Tannenw├Ąldern und Flussl├Ąufen nach dem Sinn ihres Lebens gesucht hatten.
Er erinnerte sich, dass er selbst einst einer von ihnen gewesen war. Mochten die Menschen hier auch die Natur ausgebeutet haben, hatten sie ihr nie ihre raue Sch├Ânheit geraubt. Wo man B├Ąume gef├Ąllt und Fl├╝sse gestaut hatte, war das Zwitschern der V├Âgel oder das Pl├Ątschern des Baches bald durch den s├╝├čen Duft brennenden Tabaks und das fr├Âhliche Gr├Âlen angetrunkener Kneipeng├Ąste ersetzt worden.
Pl├Âtzlich sah Ferren sich selbst wieder unter ihnen.
Er trat ├╝ber die Schwelle und ein warmer Luftzug h├╝llte ihn ein. Er schlug sich durch Gemurmel und Zigarrenqualm an den runden Tischen vorbei, wo raubeinige Gesellen um ihr gesch├╝rftes Gold pokerten, w├Ąhrend ein paar Gaukler die Gastst├Ątte mit dem Klang rauer Stimmen und Fideln f├╝llten.
An der Theke verlangte er eilig nach einem Bier, neben ihm z├Ąhlte ein schmieriger H├Ąndler mit einem habgierigen L├Ącheln den Inhalt seines prallen Geldsacks, ein heruntergekommener Mann blickte von seinem Glas mit Gerstenbrand auf, glotze in das Funkeln der Goldraken, ein h├╝bsches M├Ądchen tanzte zwischen den Tischen zum Spiel der Fideln.
Alle wogten in der Hoffnung des Gl├╝cks, lachten, tanzten, gr├Âlten und doch erweckten sie in Ferren nicht einen Funken Freude, denn in seiner Kehle steckte mit der Bitterkeit von Erbrochenem die Gewissheit ├╝ber das Zuk├╝nftige. Tr├Ąnen schossen ihm in die Augen, als er dem M├Ądchen beim Tanzen zusah, wissend, dass sie in einigen Monaten von Orks vergewaltigt in einem Stra├čengraben liegen w├╝rde. Er sah die Draken des schmierigen H├Ąndlers benetzt mit dessen eigenem Blut ├╝ber das Pflaster einer brennenden Stadt verteilt, sah den Mann, der jetzt noch seinen Gerstenbrand trank, als Verr├Ąter eine Axt gegen seine einstigen Freunde schwingen, sah die Kartenspieler ausbluten nach einem Hinterhalt der Thanatoiker.
Die Realit├Ąt sog ihn zur├╝ck und er war entsetzt vom Tod, der sich die Landschaft einverleibt hatte wie ein gutes Fr├╝hst├╝ck. Die Menschen hatten das Leben der Natur vernichtet, um es durch ihr eigenes zu ersetzten, doch die Invasion hatte nur Leere zur├╝ckgelassen, in der Bretterbuden und Besitzschilder wie Relikte einer l├Ąngst vergangenen Zeit von der Endlichkeit mahnten.
Aus dem ausgewaschenen Boden stemmten sich hingegen die ersten gr├╝nen Grashalme empor, womit sie davon k├╝ndeten, dass der Landstrich irgendwann wieder seine urspr├╝ngliche Sch├Ânheit zur├╝ckerlangen w├╝rde.
„Vielleicht h├Ątte man es nie ├Ąndern sollen“, dachte Ferren, bevor er seine Kameraden weiter in Richtung des Flusses f├╝hrte.
├ťber die leichte Str├Âmung des Bachs ging es zur├╝ck auf den Kies, anschlie├čend hinauf auf einen gerodeten H├╝gel, an dessen Fu├č eine Stra├če verlief, ges├Ąumt von den morschen Holzschildern, die den Grund verstorbener Besitzer absteckten. Der Weg lenkte sie durch die Landschaft, vorbei an leerstehenden Tavernen sowie verlassenen Holzf├Ąllerposten der untergehenden Sonne und einem kleinen, unangetasteten Waldst├╝ck entgegen.
Je n├Ąher sie den B├Ąumen kamen, umso weniger Schilder s├Ąumten den Wegesrand, bis sie schlie├člich einen halb zerschmetterten Steinblock erreichten, den eine verwitterte Aufschrift zierte.
„Refugium der Erl├Âserbruderschaft“, entzifferte Janus die dunklen Buchstaben, „Dieser Weg f├╝hrt zu einem Kloster des Erl├Âserglaubens…ich bezweifle, dass es noch bewohnt ist.“
„Die Thanatoiker hassen den Erl├Âserglauben noch st├Ąrker als sie die Iurionisten hassen“, raunte Ariona, „Da lebt bestimmt niemand mehr.“
„Ein verlassenes Kloster k├Ânnte ein guter Ort f├╝r unsere Nachtruhe sein. Wir sollten dem Weg folgen“, schlug Slemov vor.
„Ich brauch nur einen verschissenen Platz zum Sitzen“, wandte Ilar ein.
„Also gut, gehen wir weiter“, befahl Ferren, worauf sich der Trupp wieder in Bewegung setzte.
Der Pfad schl├Ąngelte sich durch die Reihen der B├Ąume, bis er sie zu einem stillen See f├╝hrte, der einsam in Mitten des W├Ąldchens ruhte. Einige Geb├Ąude aus wei├čem Stein ├╝berschatteten ihn und machten den Eindruck, perfekt in die Idylle des Ortes zu passen, sie dr├Ąngten sich nicht hervor, sondern lagen dezent im Hintergrund. Einzig die gewaltigen Risse, die in dem edlen Gem├Ąuer klafften, stachen jedem Betrachter sofort ins Auge, ebenso wie die Sanduhrsymbole, die unsauber geritzt auf etlichen Steinen prangerten. Das Refugium war tats├Ąchlich vollkommen verlassen, da die Todesanbeter jeden get├Âtet oder verschleppt hatten, der sich dorthin zur├╝ckgezogen hatte.
„Los Leute, sichert das Gebiet!“, befahl Ferren, worauf seine Kameraden ausschw├Ąrmten, um die Geb├Ąude und den Waldrand in der N├Ąhe des kleinen Sees zu durchsuchen, w├Ąhrend er zusammen mit Ariona und Slemov bei einem eingest├╝rzten Turm zur├╝ckblieb.
Wenig sp├Ąter kehrten die Kundschafter zur├╝ck, um zu berichten, dass das Refugium sicher war. Im Folgenden verstreuten sie sich ├╝ber die ganze Anlage, manche suchten nach einem guten Schlafplatz, andere wollten lieber unter der violett roten D├Ąmmerung am See sitzen, um einen Tag langer M├Ąrsche und Strapazen ausklingen zu lassen.
Janus, Ariona und Slemov hatten sich auf einem Plateau aus wei├čem Stein zueinander gesellt, das etwa einen Meter ├╝ber dem See thronte und eine wundervolle Aussicht ├╝ber selbigen bot. Von den vier steinernen B├Ąnken, die den M├Ânchen dort zum Sitzen gedient hatten, waren zwei vollkommen zerschmettert worden. Ariona lag flach mit dem R├╝cken auf einer der unbesch├Ądigten und Slemov lehnte sich, auf dem Boden sitzend an die andere, w├Ąhrend Janus an der niedrigen Br├╝stung stand, von wo aus er auf das Gew├Ąsser hinausblickte.
„Wart Ihr zuvor schon einmal hier, Bruder?“, erkundigte sich Slemov.
„Nein, war ich nicht“, entgegnete der M├Ânch, „Aber mir ist von diesem Ort berichtet worden.“
„Es muss sch├Ân hier gewesen sein, als noch jeder Stein auf dem anderen stand“, sinnierte Ariona.
„Es ist immer noch sch├Ân hier“, gab Janus zur├╝ck, wobei er sich vom See abwandte, sich umdrehte und direkt auf ein riesiges Sanduhrsymbol starrte, das eine S├Ąule am anderen Ende des Plateaus entstellte.
„Die Thanatoiker m├╝ssen Euren Glauben wirklich hassen“, sagte Slemov, der seinem Blick gefolgt war.
„Nun ja, es ist haupts├Ąchlich der Dunkle Kult, der uns hasst“, erkl├Ąrte der Geistliche, „Wie unsere gesch├Ątzte Novizin schon sagte: Er verachtet uns noch mehr als die Iurionisten.“
„Das ist merkw├╝rdig, dabei waren es doch die Iurionisten, die ihn zerschlagen haben.“
„Ja, die Iurionisten sind ├╝berall da, wo Unrecht getan wird, um ein paar Leute hinzurichten und sich dann wie die gr├Â├čten Helden aufzuspielen“, zischte Ariona.
„Hat der Erl├Âserglauben denn selbst nichts gegen den Dunklen Kult unternommen?“, wollte Slemov wissen.
„Er durfte nicht“, maulte die Novizin, „Er ist pazifistisch und hat lediglich versucht, sich zu verteidigen, was gegen eine Horde marodierender Nekromanten nat├╝rlich kaum funktioniert hat.“
„Ja…wir brauchten die Iurionisten.“
„Das mutet alles recht seltsam an“, wandte der Skatrier ein.
„Glaubt ihr denn nicht an einen Gott?“, erkundigte sich Janus.
„Doch irgendwo schon…aber seit der ledrianischen Besatzung sind wir Skatrier der Religion eher…abgeneigt.“
„Verst├Ąndlich“, f├╝gte Ariona an, „Iurionisten bauen nur Schei├če. Sie bringen Leute um, weil sie glauben, es sei Gottes Wille. Weil sie glauben, sie hinzurichten sei etwas anderes, als sie abzuschlachten, nur weil vorher ein Urteil dar├╝ber gesprochen wurde. Ihr habt es doch selbst gesehen, de Nord, Tymaleaux, Renault…waren die etwa gute Menschen?“
„Nun, soll Tymaleaux nicht gesagt haben, de Nord h├Ątte uns nicht verraten und bis an sein Ende gegen ihn gek├Ąmpft?“, entgegnete Janus.
„Macht ihn das jetzt besser?“, fauchte die Novizin, „Renault hat uns auch nicht verraten, aber er hat Dimitri erschossen, nur weil er glaubte, die Ehre w├╝rde ihm das gebieten.“
„Die Ehre“, seufzte Slemov, „Manche verstehen sie, manche nicht. Renault war ein Idiot…Dimitri auch…aber de Nord…de Nord hat es verstanden. Wenn ihr ihm eine Klinge an die Kehle gehalten und versichert h├Ąttet, dass er mit seinem Tod alle Wehrlosen auf diesem Kontinent retten k├Ânnte, er h├Ątte nicht ├╝ber seine Antwort nachdenken m├╝ssen.“
„Pah, er ist ein arroganter Mistkerl mit einem Herz voller Verachtung“, fluchte die Novizin.
„Verachtung muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein“, erwiderte der M├Ânch, „Es kommt nur darauf an, wen man verachtet und aus welchem Grund.“
„Und Ihr wollt dem Erl├Âserglauben angeh├Âren, der niemanden, keinen Menschen, kein Tier, gleich seiner Taten verurteilt?“, fragte Ariona sp├Âttisch.
„Oh ja, ich geh├Âre dem Erl├Âserglauben an“, best├Ątigte Janus, „Aber ich muss gestehen, dass ich mit den Iurionisten sympathisiere…ich meine, wenn wir den Pazifismus des Erl├Âserglaubens wirklich praktizieren w├╝rden, h├Ątten wir uns bei Beginn der Invasion allesamt wehrlos abschlachten lassen m├╝ssen. Einen f├╝hlenden Menschen mag das aufhalten, aber ein von der Verderbnis zerfressener Schwarzmagier w├╝rde mit jedem Sch├Ądel, den er abtrennt, lauter lachen.“
„Ja, das w├Ąre ziemlich sinnlos“, lachte der Skatrier bitter, bevor er eine kurze Pause einlegte, „Pazifismus…woran glaubt ihr vom Erl├Âserglauben eigentlich?“
„Das ist recht simpel. Wir glauben, dass eines Tages ein Erl├Âser kommen wird und aus dieser Welt das Paradies erschafft. Allerdings wird auch von einer gro├čen Schlacht gegen die finsteren M├Ąchte berichtet.“
„Das klingt simpel…wird ├╝ber den Erl├Âser und die Zeit seiner Ankunft denn nichts gesagt?“
„Nein, nur dass in seiner Welt jedem vergeben wird, sodass jeder gleichberechtigt und gl├╝cklich an der Seite der anderen leben wird, aber dieses Paradies m├╝ssen wir selbst besorgen, indem wir den Kampf gegen die Finsternis gewinnen“, erkl├Ąrte der Geistliche.
„Tja“, seufzte Slemov, „Da bleibe ich lieber bei meiner Religionslosigkeit.“
„Ist auch besser so“, raunte Ariona.
„Das muss jeder selbst wissen“, schloss Janus, „Ich f├╝r meinen Teil werde mich nun zur├╝ckziehen. Es war ein langer Tag.“
Damit erhob sich der M├Ânch, verbeugte sich kurz und zog davon, worauf auch Slemov andeutete, dass er nun lieber schlafen w├╝rde, womit er Ariona alleine zur├╝cklie├č, die noch ein wenig auf dem Plateau verweilte, um auf den nunmehr vollkommen schwarzen See hinauszublicken.

Etliche Meilen entfernt schlugen Tymaleaux‘ schwere Stiefel im Takt seines Gangs auf den zerkratzten Parkettboden des sch├Ąbigen Korridors, der sich vor ihm erstreckte. W├Ąhrend er schnurgerade auf die T├╝r an dessen Ende zumarschierte, h├╝llte ihn der Gestank des Todes ein, der aus den angrenzenden Zellen sickerte und davon k├╝ndete, welche Art von Magie diesen Ort in ihren eisernen Klammergriff genommen hatte.
Der Major beschleunigte seine Schritte, womit er dem Gestank jedoch nicht entfliehen konnte. Tats├Ąchlich schien er sich zum Ende des Korridors hin immer weiter zuzuspitzen, sodass der Ledrianer, die Schwelle der letzten T├╝r mit wachsendem Ekel ├╝bertrat. Der dahinterliegende Raum war abgedunkelt und wurde von einem sch├Ąbigen, modrigen Mobiliar beherrscht, in dessen Mitte eine knorrige Gestalt an einem klobigen Schreibtisch thronte. Der Kadavergestank wurde von einem ├╝berschw├Ąnglichen Lavendelduft in Schach gehalten, der Tymaleaux sofort umschlang. Ihm gegen├╝ber sa├č Ventro, ein gebrechlicher, alter Mann, mit schneewei├čen Haaren, der so abgemagert war, dass er mehr wie ein Skelett wirkte. Auf seiner Haut jedoch klafften keine fleischigen Narben, keine Geschw├╝re durchzogen seine grauen Augen, kein Wahnsinn sprach aus seinen eingefallenen Gesichtsz├╝gen und so wirkte er frei von der schwarzen Verderbnis wie ein Heiliger unter den entstellten Schwarzmagiern, die diesen Ort bewohnten. Tats├Ąchlich besa├č der Oberbefehlshaber der Thanatoiker nicht die geringste Spur eines magischen Talents, was ihn, wie Tymaleaux gelernt hatte, f├╝r den Dunklen Kult umso wertvoller machte, denn Schwarzmagier waren zwar m├Ąchtig, gaben aber in den meisten F├Ąllen keine guten Anf├╝hrer ab, da ihr Verstand zumeist der Verderbnis zum Opfer fiel.
Ventro musterte Tymaleaux kurz, bevor er auf einen modrigen Stuhl vor seinem Schreibtisch deutete:
„Setzt Euch, Major. Der Meister wird bald eintreffen. Denkt nur daran: Ihr sprecht, wenn Ihr gefragt werdet, und schweigt still, wenn nicht.“
„Nat├╝rlich“, stimmte der Ledrianer zu und tats├Ąchlich sollte kaum mehr eine Minute vergehen, bis eine verzerrte, fahl wei├če Gestalt durch die linke Wand des Raumes trat.
„Seid gegr├╝├čt, ehrw├╝rdiger Kelrayass“, rief Tymaleaux sofort, w├Ąhrend Ventro den Ank├Âmmling musterte und schwieg.
„Ihr ebenfalls, Major“, gab die Erscheinung mit ihrer grauenhaft verzerrten Stimme zur├╝ck.
„Wir haben dieses Treffen nicht einberufen, um H├Âflichkeiten auszutauschen“, knurrte Ventro, „Wie steht es um Euren Plan, Kelrayass?“
„Bestens“, sprach dieser, wobei sein eisiges Lachen den gesamten Raum wie ein schneidender Polarwind f├╝llte, „Dieser Narr Navaras hat genau das getan, was wir f├╝r ihn vorsahen und auch Prinz Lemorgant erledigte seine Rolle gut. Dummerweise konnte er Navaras‘ erb├Ąrmlicher Schergin entkommen, aber das spielt nun keine Rolle mehr.“
„Das hei├čt, Aphaelon ist nun endg├╝ltig vernichtet?“, seufzte Ventro.
„Nicht vollst├Ąndig…aber zum gr├Â├čten Teil.“
„Er war ein gro├čer Mann. Vielen unserer Anh├Ąnger w├╝rde nicht gefallen, wenn sie w├╝ssten, dass wir daf├╝r verantwortlich sind“, zischelte der Alte.
„Spart Euch die Sentimentalit├Ąt“, fauchte Kelrayass, „Aphaelon war ein Narr, der ├╝berhaupt erst an unserer Situation schuld ist. Aber wenn Ihr das nicht einsehen wollt, dann tr├Âstet Euch wenigstens damit, dass nicht wir es waren, die ihn letztlich vernichteten.“
„Wie k├Ânnt Ihr so reden? Aphaelon hat die Zukunft gesehen, er war es, der den Dunklen Kult schuf und die Welt in Schrecken versetzte!“
„Nur um sich dann in eine l├Ącherliche Leuchtkugel zu verwandeln, weil er zu schwach war, den letzten Schritt zu gehen“, kn├╝pfte Kelrayass sp├Âttisch an, „Er mag eine bedeutende Person gewesen sein, aber er wurde nutzlos.“
„Wie Ihr meint“, Ventros Stimme knurrte wie die eines Hundes, „Was mit Aphaelon geschah, k├╝mmert mich nicht, solange Ihr einhaltet, was Ihr verspracht.“
„Glaubt mir, das werde ich“, gelobte die Erscheinung, „Und nun vergesst jene, die der Vergangenheit angeh├Âren, um Eure Konzentration auf die Zukunft zu richten.“
Tats├Ąchlich hatte Prinz Lemorgant in Narbenfels weit mehr als nur ein schwarzmagisches Artefakt vernichtet. Die leuchtende Kugel war der magische ├ťberrest des ersten Hohepriester Thanatos‘ gewesen, des Sch├Âpfer des Dunklen Kults, des gr├Â├čten Hexer aller Zeiten, eines Mannes namens Aphaelon, der vor ├╝ber f├╝nfhundert Jahren kurz vor der Zerschlagung des Kults urpl├Âtzlich von der Bildfl├Ąche verschwunden war.
Was genau ihm widerfahren war, wusste niemand, doch gingen jene Thanatoiker, die sich mit der Kugel besch├Ąftigt hatten, davon aus, dass die schwarze Verderbnis seinen K├Ârper g├Ąnzlich verzehrt und von ihm nicht mehr als jene magische Sph├Ąre ├╝brig gelassen hatte, eine k├Ârperlose Seele, gebunden an das Diesseits.
„Also sch├Ân“, murmelte der Alte, „wenden wir uns der Gegenwart zu. Ihr sagtet, Ihr h├Ąttet ihn gefunden?“
„Das habe ich“, best├Ątigte Kelrayass, „Aber ich kann das schwerlich alleine zu Ende bringen. Und da“, er wandte sich an Tymaleaux, der bisher, wie man ihm aufgetragen hatte, keinen Mucks von sich gegeben hatte, „kommt Ihr ins Spiel, Major. Ihr werdet einen Trupp erw├Ąhlter Thanatoiker anf├╝hren und Euren alten Sp├Ąhtrupp endg├╝ltig vernichten!“
„Es w├Ąre mir eine Ehre, Meister“, gelobte der Verr├Ąter.
„Nichts anderes hatte ich erwartet“, r├╝hmte Kelrayass, „Ihr werdet ihnen mit Eurem Trupp nach Neu-Delion folgen, sie finden und dann meine Anweisungen befolgen.“┬á┬á
„Finden?“, knurrte Ventro, „Warum sollte der Major sie finden m├╝ssen, wo Ihr Euch doch unter ihnen verbergt?“
„Ich f├╝rchte, Ihr k├Ânnt Euch in Ermangelung des magischen Talents gar nicht vorstellen, wie kompliziert es ist, diesen Zauber zu wirken. Zudem muss ich mich immer aus dem Lager schleichen, um das zu tun, und ihr k├Ânnt mir glauben, dass jeder normale Mensch nur bei dem Versuch, das zu vollbringen, was ich tagt├Ąglich tue, in Ohnmacht fallen w├╝rde.“
„Also sch├Ân…“, seufzte Ventro, bevor er sich an Tymaleaux wandte, „Dann findet sie!“
„Das werde ich.“
„Unser derzeitiger Aufenthaltsort ist das Refugium des Erl├Âserglaubens in Neu-Delion. Ventro sollte wissen, wo es liegt…aber nun zu unserer letzten Angelegenheit…“, lachte die Erscheinung, „Major Tymaleaux f├╝r Eure ausgezeichneten Dienste, Eure Empfehlung des Prinzen f├╝r unsere Pl├Ąne und im Hinblick auf Eure zuk├╝nftigen Aufgaben entlohnen wir Euch mit unbeschreiblicher Macht, einer Macht, die Euch in die Reihen der Unsterblichen erheben wird! Ventro, ich bitte Euch…“
„Nat├╝rlich…Meister“, murmelte der Alte, aus dessen Miene der Neid klaffte, bevor er sich erhob und langsam zu einem m├Ąchtigen Schrank hin├╝berschlurfte, bei dem es sich um das einzige M├Âbelst├╝ck im Raum handelte, das einen einigerma├čen soliden Eindruck machte.
Tymaleaux stockte der Atem, w├Ąhrend er dabei zusah, wie Ventro einen gro├čen, rostigen Schl├╝sselbund von seinem G├╝rtel nahm, hastig einen besonders schweren Schl├╝ssel aus den Reihen der metallenen Rohlinge klaubte und ihn ins Schloss stach.┬á Als er die beiden schweren Fl├╝gelt├╝ren ├Âffnete, blitzte zun├Ąchst ein schwacher Strahl fahl gr├╝nen Lichts in den Raum, der sich ├╝ber das alte Mobiliar legte und es mit seiner gespenstischen Aura verschleierte. Tymaleaux starrte regungslos in den Schrank hinein, in die leeren Augenh├Âhlen der drei kristallenen Sch├Ądel, die feins├Ąuberlich auf einem Brett in seinem Inneren aufgereiht waren, perfekt geschliffen, perfekt geordnet.
Als sich das fahle Strahlen auf sein Gesicht legte, entsann er sich seiner Vergangenheit, er entsann sich der stinkenden, skatrischen Kneipen und der etlichen warmen N├Ąchte, die er in nogronischen Bordellen verbracht hatte, seines glorreichen Feldzugs an Seiten Lemorgants, seines Hasses gegen die Ungerechtigkeit. Er erinnerte sich an seinen Aufstieg, an seinen Fall, an den Gestank von Erbrochenem, an den Hohn seiner alten Kameraden, wie ihm das Gel├Ąchter entgegenschallte, an ihr selbstgerechtes Getue, und f├╝hlte, den Hass auf die Gerechtigkeit sein Herz verweben.
„Es ist egal“, hallte eine Stimme durch seinen Sch├Ądel, „wo du deine Gl├╝ckseligkeit findest.“
W├Ąhrend seine Erinnerungen ihn durch l├Ąngst vergangene Zeiten trugen, sah er, dass Ventro bereits den mittleren Sch├Ądel aus dem Schrank genommen hatte und nun zu ihm her├╝berhinkte. Pl├Âtzlich stand er genau vor ihm und drehte das Artefakt bedenklich in den H├Ąnden, sodass die leeren Augen nun vom Verr├Ąter wegstarrten. Stattdessen streckte sich ihm die schwere, ebenfalls von gespenstischen Strahlen umflochtene Kette entgegen.
„Nehmt, was Euch zusteht“, forderte Ventro.
„Nehmt die Macht eines Gottes!“, f├╝gte Kelrayass hinzu.
Und er nahm.
Gierig langte er nach der Kette, legte sie sich in einer einzigen hastigen Bewegung um den Hals, verankerte geschickt die Scharniere in seinem Nacken, worauf ihn das gespenstische Licht selbst einh├╝llte. Blendend strahlte es durch seinen ganzen K├Ârper, eine Flutwelle unbeschreiblicher Macht, deren Wogen bis in seine Fingerspitzen peitschten. Visionen rasten durch seinen Sch├Ądel, zeigten ihm Zukunft und Vergangenheit eines Menschen, der glorreicher war, als er selbst. Sie k├╝ndeten von der Bedeutsamkeit ihrer Sache, in der er nur ein Zahnrad war und dennoch eines, das die ganze Maschine zum Stoppen bringen konnte.
Machterf├╝llt hob er die H├Ąnde, ballte die F├Ąuste, ein Rausch, eine Sucht, die danach gellte, befriedigt zu werden. Schr├Ąnke, Tische, St├╝hle, das gesamte Mobiliar ragte ihm entgegen und verlangte, von seiner g├Âttlichen Macht zerschmettert zu werden. Er grabschte in das Feuer der einen Kerze, die auf Ventros modrigem Schreibtisch einen aussichtslosen Kampf gegen die Finsternis focht.
Die Flammen h├╝llten seine Finger ein und versengten sein Fleisch, ohne dass er Schmerz empfand, ohne dass sie ihm schadeten, denn als er sie wieder aus dem Feuer herauszog, verheilten seine Wunden innerhalb von Sekunden. Kelrayass betrachtete ihn und er glaubte, auf dem verzerrten Gesicht der Erscheinung sogar ein L├Ącheln erkennen zu k├Ânnen.
„Wie ich sehe, seid Ihr zufrieden“, sprach der Geisterhafte.
„Ja, Meister…das bin ich“, versicherte Tymaleaux gedehnt.
„Sehr sch├Ân“, lobte Kelrayass, „Aber nun h├Ârt mir zu!“
„W├Ąhrend Ihr, Tymaleaux, nach dem Trupp Ferrens sucht, werdet Ihr, Ventro, mit der Belagerung und Zerst├Ârung Galors beginnen.“
Der alte Mann wandte sich seinem Meister zu, wobei eine Mischung aus Hohn und ├ťberraschung aus seinem eingefallenen Gesicht starrte.
„Galor?“, fragte er unsicher, „Warum sollten wir Galor noch zerst├Âren, jetzt wo wir wissen, dass er nicht dort ist.“
„Galor spielt eine wichtige Rolle in unseren Pl├Ąnen und ist in vielerlei Hinsicht unsere R├╝ckversicherung. Au├čerdem hatte dieser Idiot Navaras einmal Recht, als er sagte, man m├╝sse die Orks dezimieren, damit wir diesen Kontinent nach dem Fall der Allianz in Griff haben.“
„Wie Ihr meint, Meister“, knurrte Ventro, „Was soll ich tun?“
„Das sagte ich bereits“, zischte die Erscheinung, „Vernichtet Galor! Ich habe vollstes Vertrauen in Eure F├Ąhigkeiten. Beruft den Kriegsrat ein, schickt die Orks und Navaras M├Ąnner an die Front, sorgt daf├╝r, dass so viele wie m├Âglich von ihnen sterben.“
„Ich werde tun, was von mir verlangt wird“, versicherte der Alte.
„Sehr sch├Ân, ich werde derweil…“, Kelrayass‘ Worte verhallten, worauf sein Seelensplitter regungslos verharrte.
„Was ist los, Meister?“, erkundigte sich Ventro erwartungsvoll, w├Ąhrend Tymaleaux unverwandt auf die Erscheinung starrte.
„Ich f├╝rchte, entdeckt worden zu sein…ich werde euch wieder kontaktieren, sobald es mir m├Âglich ist. Befolgt meine Befehle!“, noch w├Ąhrend er sprach, begann sein Seelensplitter zu verblassen, bis er g├Ąnzlich verschwunden war.

Ilar starrte in den sternenbehangenen Himmel, der sich auf dem ruhigen, vollkommen glatten See widerspiegelte, dass es wirkte, als ruhten hunderte silberne Sch├Ątze in dem stillen Gew├Ąsser. Selbst die sp├Ątesten V├Âgel hatten sich zur Nachtruhe begeben und den Grillen schien das Klima in der Gegend zu missfallen, denn es herrschte Stille, sofern man von dem leisen Schnarchen absah, das von Zeit zu Zeit durch die gewei├čten Gem├Ąuer hallte.
Der Magier spazierte durch die Ruinen der gewaltigen Bauten, die verfallenen Kreuzg├Ąnge und die eingest├╝rzten T├╝rme, begleitet vom Funkeln der Sterne
„Glotzt mich nicht an!“, zischte er, w├Ąhrend er weiter zog, wohl wissend, dass er seine Wache eigentlich am Eingang des alten Kasinos halten sollte, in dem die meisten seiner Kameraden schliefen.
„Hier ist sowieso niemand au├čer den verfluchten Sternen“, dachte er, „Wieso sollte ich da auf dem schei├čkalten Stein rumsitzen? Vielleicht haben die Pl├╝nderer noch etwas Wein ├╝bergelassen…“
Mit diesem Einfall zog er weiter in Richtung des Waldrandes, vor dem ein Geb├Ąude aus dem Boden ragte, das er seiner Gr├Â├če und Bauart nach f├╝r ein Lagerhaus hielt. Ein gewaltiger, pechschwarzer Brandfleck, der auf der Au├čenmauer klaffte, k├╝ndete davon, dass die Thanatoiker bei der Sch├Ąndung dieses Ortes auch davor nicht haltgemacht hatten.
Der Magier blickte tief in den geschw├Ąrzten Stein, in den das Feuer bizarre Formen geschmolzen hatte, sodass es f├╝r einen Moment wirkte, als w├╝rden ihn verzerrte Fratzen und diabolische Mienen aus dem Ru├č heraus anstarrten. Er stand regungslos da, w├Ąhrend er der Geschichte lauschte, die die geschmolzene Mimik ├╝ber Zerst├Ârung und Hass erz├Ąhlte.
„Ich bin zu m├╝de! Verschissene Nachtwache!“, harschte er sich an, worauf er einen letzten Blick in die finstere Wand des Waldes warf, die sich hinter dem Geb├Ąude aufb├Ąumte. Anschlie├čend wandte er sich ab, blickte auf das im Sternenlicht ruhende Refugium und machte sich auf den Weg zur├╝ck zum Kasino. Er hatte kaum zwei Schritte auf dem gewei├čten Pflasterweg getan, als ein markersch├╝tternder Schmerzensschrei ihn einholte und ihn wie eine Flutwelle niederschmetterte. Gebeugt wirbelte er herum, wobei er so auf einen Angriff gefasst war, dass feurige, magische Funken aus seinen Fingerspitzen rieselten.
Doch er starrte nur der undurchdringlichen, schwarzen Wand entgegen, die der Wald am Ende des Weges aufzog wie ein eiserner, eisiger Vorhang. Er wusste nicht wie lange er hineingestarrte hatte, als ihm pl├Âtzlich auffiel, dass dort noch mehr lauerte als die blanke Schw├Ąrze. Ein kaltes, gespenstisch gr├╝nes Licht sickerte durch die Reihen der B├Ąume, schwach und weit entfernt, umringt von der eisigen Dunkelheit.
„Schei├če, Mann!“, keuchte Ilar, als er es sah, drehte sich um und rannte.

Ferren war bereits wach gewesen, bevor ihn die au├čerordentlich kr├Ąftigen H├Ąnde des Magiers am Kragen packten und durchsch├╝ttelten. Ilars Schritte auf dem blanken Stein waren wie Glockenschl├Ąge durch das Kasino gehallt, was ihn, Slemov und Ariona sofort geweckt hatte.
„Wacht auf, Leutnant, wacht auf, verdammt!“, br├╝llte Ilar ihm entgegen, wobei ihn der Hauch skatrischen Brandweins fast wieder in die Traumwelt zur├╝ckbef├Ârderte.
„Ich bin wach“, keuchte Ferren durch den Dunst, „Was ist los?“
„Ich hab einen Schrei geh├Ârt, einen Schrei aus dem verschissenen Wald und da war dieses Licht…“
„Ihr seht doch Gespenster…“, g├Ąhnte Ariona ├╝bellaunig.┬á┬á┬á
„Was f├╝r ein Licht?“, erkundigte sich der Leutnant.
„Keine Ahnung…so ein verfluchtes, kaltes Leuchten…gr├╝n war es, ja gr├╝n, verdammt!“, fauchte Ilar.
„Ja, fahl gr├╝n“, best├Ątigte Janus, der ungesehen am Ende der Halle erschienen war, was Ferren verwunderte, da er, Baraj und Truzos in einer Kapelle etwas weiter ├Âstlich im Refugium geruht hatten, „Ich habe den Schrei ebenfalls geh├Ârt und sah das Licht im Wald, aber es hat sich entfernt. Ich habe Truzos und Baraj geweckt, sie sollten bald hier sein.“
Wie der M├Ânch angek├╝ndigt hatte, trafen ihre Kameraden wenig sp├Ąter ein, wobei ihre Gesichter durchaus nicht verheimlichten, was sie von ihrer Situation hielten.
„Ein Angriff?“, erkundigte sich Baraj.
„Nein, nur ein Schrei, soweit wir wissen“, dementierte Ferren.
„Vielleicht kommt da noch was“, vermutete Slemov.
„W├Ąre ziemlich d├Ąmlich, uns vor einem Angriff derart zu warnen“, entgegnete Truzos.
„Ja, das klingt eher nach einer Falle“, stimmte Janus zu.
„Oder es ist irgendein perverses Spiel dieser kranken Schwarzmagier“, warf Ariona ein.
„Fest steht, wenn wer geschrien hat, war da auch jemand“, sagte Slemov.
„Da hat jemand geschrien, verflucht nochmal. Wie ein verdammtes, abgestochenes Schwein“, fluchte Ilar.
„Sehen wir doch nach“, schlug Ariona vor.
„Schwachsinn!“, blaffte Truzos, „Damit rennen wir denen direkt in die Arme. Geht ruhig, wenn Ihr wollt, aber ich bleibe hier.“
„Wir werden alle hier bleiben“, sagte Ferren so laut, dass er sowohl das Gemurmel als auch die Zweifel seiner Kameraden ├╝bert├Ânte, „Wir bleiben alle hier, in diesem Raum, mit stetig zwei Mann als Wache. Morgen fr├╝h k├Ânnen wir immer noch nachsehen, was sich da drau├čen ereignet hat.“
„Das ist richtig“, stimmte der M├Ânch zu.
„Klingt nach einem Plan“, brummte Baraj.
Um die erste Nachtwache h├Ątte man sich streiten m├╝ssen, denn alle waren noch auf den Beinen und schienen nach der Aufregung der letzten Minuten jeder M├╝digkeit beraubt, weshalb Ferren die W├Ąchter notgedrungen selbst bestimmte.
„Schlafen? Jetzt?“, h├Ârte er Truzos ver├Ąchtlich murmeln, w├Ąhrend er sich selbst zu seinem Lager zur├╝ckbegab, wobei er an Slemov und Ilar vorbeiging, die mit einer Flasche orkischen Brandweins hantierten.
„Sollen sie es nehmen, wie sie wollen“, dachte er, „Ich werde mich wieder hinlegen.“
Und so lie├č er sich auf seine Bastmatte fallen, um all den Gedanken zu entkommen, die sich in seinem Kopf verflochten.
Schon plagten ihn Zweifel ├╝ber seine Entscheidung, bei der Einteilung der Nachtwachen.
„Ich h├Ątte Ariona schlafen lassen sollen“, pfl├╝gte es durch seinen Sch├Ądel, „Sie ist nur eine Novizin und das alles nicht gewohnt. Das Marschieren nimmt sie sehr mit.“
„Du wei├čt ganz genau, warum du ihr den Gefallen tun willst“, schallte eine vor Kritik triefende Stimme zur├╝ck, „Hier geht es nicht um ihre Ersch├Âpfung, sondern um deine Gef├╝hle! Das ist falsch! Du bist Offizier, du musst dich davon trennen, du musst das ablegen.“
„Ablegen…“, die Worte des Herolds auf dem Schafott in den skatrischen Bergen echoten aus blutigen Erinnerungen:
„Eure Triebe sind Schw├Ąche! Legt sie ab! Die Schwachen erwartet das Inferno! Legt sie ab, oder fallt in die Schw├Ąrze!“
„In die Schw├Ąrze…“
Der Schlaf umh├╝llte ihn sanft und trug ihn mit wiegender Hand aus der eisigen, eisernen Realit├Ąt hinaus.
Er schlief traumlos und tief, bis Baraj ihn als Bote des anbrechenden Tages mit st├Ąhlerner Stimme aus der wohligen Umarmung riss. An diesem Morgen brauchte selbst er lange, um sich aus den Nachwirkungen des Schlafes zu k├Ąmpfen, sodass sich die Welt um ihn herum nur sehr langsam aufklarte. Verschwommen lag das Kasino vor ihm, in dem die fahlen Figuren seiner Kameraden auf dem Boden sa├čen, sich leise unterhielten oder von ihren k├╝mmerlichen Vorr├Ąten a├čen. Sein Blick ruhte nur f├╝r eine Sekunde auf der Szenerie, bevor er sich dem Nogroner zuwandte, den er damit beauftragte, Slemov und Janus zu ihm zu schicken.
Da Baraj sofort gehorchte und auch die anderen beiden nicht z├Âgerlich waren, sah sich Ferren alsbald seinen gesuchten Kameraden gegen├╝ber.
„Bruder“, begann der Leutnant, „ich werde in der n├Ąchsten Viertelstunde mit Slemov und Ilar in den Wald aufbrechen…ihr wisst ja warum. Nun, was ich sagen will: Ich ├╝bertrage Euch w├Ąhrend meiner Abwesenheit den Befehl. Sollten wir bis Mittag nicht zur├╝ck sein,┬á zieht Ihr weiter…und sucht nicht nach uns.“
„Sir, meint Ihr wirklich…“, murmelte der M├Ânch.
„Ja, das ist die sicherste L├Âsung“, entgegnete Ferren sofort, um sich anschlie├čend dem Skatrier zuzuwenden, „Erkl├Ąrt Ilar, worum es geht! Wie gesagt, ich will in einer Viertelstunde aufbrechen.“
„Nat├╝rlich“, best├Ątigte Slemov, worauf er und Janus sich entfernten.
Sie hatten sich gerade umgedreht, als Ariona bereits an ihnen vorbei zog, direkt auf den Leutnant zu.
„Du l├Ąsst mich hier zur├╝ck?“, fl├╝sterte sie scharf, wobei ihr Gesichtsausdruck davon k├╝ndete, dass sie jedes einzelne seiner Worte geh├Ârt und mit gr├Â├čtem Argwohn aufgefasst hatte.
„Ariona, ich…“, stammelte Ferren.
„Mein magisches Talent ist gr├Â├čer als Ilars! Warum nimmst du ihn an meiner Stelle mit?“
„Es ist die beste L├Âsung, wenn…ich kann Ilar doch schlecht hier mit Truzos und Baraj zur├╝cklassen.“
„Aber mich?“, blaffte sie.
„Verdammt Ariona!“, es fiel ihm schwer diese Worte so leise zu sprechen, dass die anderen ihn nicht h├Âren konnten, „Der Erl├Âser wei├č, was gestern Nacht in diesem Wald war. Schwarzmagier, wenn man Ilar und Janus glauben kann, und das tue ich. Ich will dich da nicht mit rein schleppen.“
„Aber du gehst. Du gehst ohne mich. Was ist, wenn Ilar dich nicht sch├╝tzen kann? Wenn ihr nicht zur├╝ckkommt? Dann bin ich alleine mit Truzos und Baraj und…“
„Ich komme zur├╝ck, das verspreche ich“, erwiderte er.
„Pah“, h├Âhnte sie, „Das haben schon so viele Leute gesagt. Sie alle haben gro├če Reden geschwungen. Was hat es ihnen gebracht? De Nord sprach von der Unsterblichkeit, bevor wir Galor verlie├čen. Jetzt ist er tot!“
„Bitte...“, flehte Ferren, w├Ąhrend er in ihre bernsteinernen Augen starrte, die pl├Âtzlich eisig und st├Ąhlern wirkten, „vertrau mir einfach.“
„Ich…“, begann Ariona, bevor sie von Slemov und Ilar unterbrochen wurde, die gerade zu ihnen gesto├čen waren.
„Wir w├Ąren so weit, Sir“, vermeldete Slemov.
„Ja, verschissen bin ich soweit, auf mein eigenes Begr├Ąbnis zu gehen. Verfluchte Schei├če!“, maulte Ilar.
„Sch├Ân. Gehen wir!“, knurrte Ferren und zog schnurstracks an Ariona vorbei, dass die beiden Skatrier gar nicht hinterherkamen.
„Ferren“, rief sie ihm nach, „Ja, ich…vertraue dir.“
Seine Schritte wurden langsamer, sein Atem flacher, der eiserne Knoten in seinem Herzen l├Âste sich und das Brennen in seinen Fingern├Ągeln str├Âmte nunmehr als eine wohlige W├Ąrme durch seinen K├Ârper.
„Ja“, dachte er, als er gefolgt von Ilar und Slemov das Kasino verlie├č, „Ich werde zur├╝ckkehren.“

Herzog Jean Montierre war im sonst menschenleeren Beratungssaal der ledrianischen Botschaft tief in seinen Sessel gesunken, so geschw├Ącht von der M├╝digkeit, dass er sich in die Lehne krallen musste, um ├╝berhaupt noch auf den Tisch und die Pl├Ąne blickten konnte, die sich darauf stapelten.
Eine weitere Nacht war einfach so dahingezogen, war verklungen zwischen Truppenzahlen, den Zeilen toter Chronisten, den Worten von Kriegsberichten. Einzig die Narbe der M├╝digkeit, die sie in Montierres K├Ârper geschlagen hatte, k├╝ndete davon, dass es diese Nacht wirklich gegeben hatte.
Eine j├Ąhe ├ťbelkeit kroch seine Kehle herauf, worauf er hastig nach der dunkeln Weinflasche tastete, die ein kleines St├╝ck von ihm entfernt auf dem Tisch ruhte. Durch den Schleier der M├╝digkeit stie├čen seine Finger gegen etwas filigranes, gl├Ąsernes, das ihnen sogleich entglitt und mit einem lauten Scheppern zu Boden fiel. Als sich Scherben ├╝ber seine schweren Stiefel ergossen und ein paar letzte Weintropfen in das vergilbte Pergament eines Schlachtberichts flossen, realisierte er, dass er sein Glas vom Tisch gesto├čen hatte. Unbeirrt langte er nach der Flasche und goss den k├╝mmerlichen, dunklen Restinhalt in seinen Hals, wo der liebliche Geschmack die ├ťbelkeit davonflutete. Schwer atmend rieb er sich die Augen, ohne dass seine Sicht dadurch klarer wurde, w├Ąhrend seine Gedanken einen wirren Tanz in seinem Kopf vollf├╝hrten. Aus Zahlen und Namen entstiegen Orks und Menschen, die sich gegenseitig die K├Âpfe einschlugen, Nekromanten, umschlungen von ihrer sinisteren Magie, unsterbliche Krieger…
„Unsterbliche Krieger“, hallte es aus seinem Mund, wobei ihm wieder klar wurde, was ihn die ganze Nacht ├╝ber wach gehalten hatte. Ein Chronist hatte von der Schlacht bei Valgors Grad, hoch im n├Ârdlichen Gebirge berichtet, bei der ein K├Ąmpfer gesichtet worden war, dem Klingen und Pfeile nichts anhaben konnten. Ein leuchtender Kristallsch├Ądel habe um seinen Hals gehangen, hie├č es in dem Bericht.
Montierre musste sich jedoch eingestehen, dass er trotz seiner n├Ąchtlichen Recherche kaum etwas ├╝ber diesen unheimlichen K├Ąmpfer wusste, zumal es kaum Berichte aus dem Norden gab, da die Orks bei ihrer Invasion einen Keil zwischen die n├Ârdlichen und die s├╝dlichen Provinzen getrieben hatten.
Er wusste nicht einmal, ob die Feste Winterbruch, der man die Uneinnehmbarkeit nachsagte, gefallen war oder noch standhielt. 
„Au├čerhalb der Stadt“, stellte er fest, „endet der gesamte Kosmos…“
In einem erneuten Anfall von M├╝digkeit sank er r├╝cklings in den Sessel und er w├Ąre sicherlich sofort eingeschlafen, h├Ątte nicht in ebenjenem Moment ein lautes Klopfen an der schweren Doppelt├╝r die Stille im Saal zerrissen.
„Herzog Montierre…seid Ihr dort drin?“, die Stimme Amelies, der h├╝bschen Empfangsdame, hallte dumpf durch das dicke Holz.
„Ja…“, Jean unterdr├╝ckte ein G├Ąhnen, „ich bin hier. Kommt ruhig rein.“
Langsam schoben sich die schweren Fl├╝gel der T├╝r auseinander, wobei es der zierlichen Frau sichtlich schwer fiel, sich gegen das massive Holz zu stemmen. Letztlich gelang es ihr jedoch, sich in ihrem schlichten, aber h├╝bschen, lachsfarbenen Kleid durch den Spalt in den Beratungsraum zu zw├Ąngen. Als sie den Herzog sah, weitete sich ihr Gesicht vor Entsetzten, welches sich in Betretenheit wandelte, nachdem sie feststellte, dass ihm dies durchaus nicht entgangen war.
„Verzeiht, Herzog, aber Ihr seht…“, begann sie.
„Furchtbar aus…ich wei├č“, unterbrach er, wobei er gerade noch ein L├Ącheln auf seinen blassen Lippen zustande brachte.
„Habt Ihr…schon wieder die ganze Nacht?“, fragte sie leise.
„Ja“, entgegnete er knapp, „Was gibt es denn?“
„Die xendorische Prinzessin, sie hat sich f├╝r zehn Uhr angemeldet“, erkl├Ąrte Amelie, „Deshalb suchten wir auch nach…“
„Filiana!“, kreischte Montierre, der pl├Âtzlich wie vom Donner ger├╝hrt, kerzengerade in seinem Sessel sa├č, „Ich…sie…nicht jetzt!“, er verharrte pl├Âtzlich in seinem Stammeln, atmete einmal tief durch und fuhr etwas ruhiger fort, „Wie lange noch, bis sie hier ist?“
„Eine Viertelstunde, Herr. Ich wollte es Euch fr├╝her sagen, aber ich habe Euch nicht…“
„Nicht gefunden, verstehen“, murmelte er, den es vom Stuhl gehoben und zum Umherwandern getrieben hatte, „Bei Iurion, ich sehe gr├Ąsslich aus. Ich kann doch so nicht die Prinzessin empfangen, das...ist unm├Âglich.“
„Das ist leider nicht alles. Vigard und Hauptmann Raham bitten ebenfalls um eine Audienz“, berichtete Amelie fast verlegen.
„Vigard…Raham, ich…wie soll ich das nur alles schaffen? Verdammt, wo ist nur die Nacht geblieben?“, stammelte der Herzog.
„Soll ich Azurgeist bringen lassen?“
„Azurgeist…“, murmelte Montierre, „Ja, ja! Bringt Azurgeist und eine Schale, eine Schale mit Wasser und, und Lavendel, ach nein, nein…Jasmin├Âl, ja genau das.“
„Azurgeist, Wasser und Jasmin├Âl, Sir?“, erkundigte sich die Empfangsdame noch einmal.
„Richtig, und schnell, bitte.“
„Nat├╝rlich, edler Herr“, gab sie zur├╝ck, worauf sie sich sofort verbeugte, umdrehte und zur T├╝r hinausst├╝rmte. Ged├Ąmpft hallte ihre Stimme zu Jean, als sie drau├čen Dienern Anweisungen erteilte, w├Ąhrend er darum k├Ąmpfte, in ihrer Abwesenheit nicht einzuschlafen. Verbissen krallte er sich in die Sessellehne und starrte verkl├Ąrt in das dunkelgr├╝ne Glas der leeren Weinflasche, die sein verzerrtes Spiegelbild zeigte. Eine blasse Fratze, der die d├╝nnen Haare in der Stirn klebten und aus der ermattete Augen starrten. Langsam versank er in den grotesken Schattierungen, die Dunkelheit umfing ihn, er sank in die einladend weichen Polster seines Sessels, seine Augenlider klappten nach unten, das Spiegelbild wurde von der Schw├Ąrze verschluckt.
„Herzog!“, wie ein Donner schallte Amelies Stimme heran und lie├č seine Lider augenblicklich zur├╝ckschlagen. Das Spiegelbild starrte aus dem Flaschenglas zur├╝ck, band seinen Blick f├╝r eine Sekunde an sich, bevor er sich m├╝hsam zur T├╝r wandte, von der ihm die Empfangsdame bereits entgegen kam, gefolgt von zwei Dienern, die eine silberne Schale mit Wasser und ein Flakon mit Jasmin├Âl trugen. Sie selbst jedoch hielt vorsichtig und um den Wert ihres Inhalts wissend eine kleine, halbvolle Phiole in der Hand, aus der das azurblaue Leuchten hell strahlte, dass sich seine Augen weiteten.
Die drei Ank├Âmmlinge stellten ihre Gaben auf dem Tisch vor ihm ab, verbeugten sich und entfernten sich wieder, w├Ąhrend er bereits nach der Phiole langte, sie mit zittrigen H├Ąnden entkorkte und den Inhalt in seinen Rachen goss.
Wie eine Sturmflut brach eine Welle der Macht ├╝ber K├Ârper und Geist hinweg, fegte jede M├╝digkeit, jede Schw├Ąche davon, raste durch seine Venen, spannte seine Muskeln, zerriss den Schleier der Verschwommenheit.
Klar sah er vor sich das Wasser, in das er sein Gesicht tauchte, um die letzten Hinterlassenschaften der schlaflosen Nacht davon zu sp├╝len. Das Jasmin├Âl ├╝bert├Ânte derweil m├╝helos die Ger├╝che seines ungewaschenen K├Ârpers.
„Noch ein wenig Zeit, zu warten“, sagte er sich, streckte sich und lehnte sich anschlie├čend zur├╝ck an das weiche Polster des Sessels.

„Wir kehren nie zur├╝ck. Nie, nie, verdammte Schei├če“, fluchte Ilar, wobei er wutentbrannt den Saum seiner Robe aus einem Dornengestr├╝pp zerrte, „Wenn uns die Schwarzmagier nicht erledigen, dann dieses verschissene Mistzeug hier.“
„Ruhe!“, harschte Ferren ihn beil├Ąufig an, w├Ąhrend er weiter in den Wald starrte, der wesentlich dichter war, als es von au├čen den Anschein gemacht hatte. ├ťberall rankten sich Dornenb├╝sche, wucherte hohes Gras, schl├Ąngelten sich ├äste und alles lag unter einem blutrot, braunen Schleier des Herbstlaubs. Dennoch hatte der Leutnant das Gef├╝hl, als w├╝rden zwischen all den Bl├Ąttern, ├ästen, St├Ąmmen und B├╝schen etliche finstere Augenpaare starren.
„Ich will ja nichts sagen“, murmelte Slemov, „Aber zu glauben, dass wir hier in einen Hinterhalt tappen w├╝rden, w├Ąre ziemlich d├Ąmlich. Wir w├Ąren doch niemals so tief in diesen unwegsamen Wald eingedrungen.“
„Schei├čwald“, zischte Ilar, der sich erneut verfangen hatte, „Ich k├Ânnte kotzen, das…“, er stockte, „Verdammte Schei├če!“
„Was denn?“, Ferren hatte sich sofort dem Novizen zugewandt, der immer noch durch das Gestr├╝pp taumelte, seinen Blick jedoch von seiner dornendurchdrungenen Robe abgewandt hatte und stattdessen einige B├Ąume anglotzte, die sich etwa f├╝nfzig Meter zu seiner Rechten aus dem Waldboden erhoben.
Er schob sich an einer Buche vorbei, um besser sehen zu k├Ânnen, und sein Blick fiel sofort auf das, was bereits Ilar gebannt hatte. Die linke der drei stolzen Eichen, die dort ├╝ber dem Geb├╝sch thronten, war zu einem pechschwarzen Schlot aus Asche verkohlt worden, dass sie wie ein Mahnmal des Todes aus all dem Leben ragte, das sie umgab. Direkt unter ihr hatte etwas das gesamte Gestr├╝pp in einem perfekten, ru├čschwarzen Kreis versengt, weshalb sich dort nur noch verbrannte Erde befand, in deren Mitte ein grauenhaftes Objekt umringt von toter Natur lauerte. Aus einer schimmernden, dunklen Masse reckten sich versengte Knochen triefend von eingeschmolzenem, nachtschwarzem Fleisch zum milchigen Himmel. ├ťber dem unerkenntlichen Torso thronte eine vollkommen entstellte Fratze, aus deren verkohlter Haut ein letzter Ausdruck tiefsten Grauens sprach.
„Das ist heftig“, murmelte Slemov betreten.
„Schei├če!“, fluchte Ilar, der sich endlich von allen Dornenpflanzen befreit hatte, sodass er nun im Ru├čkreis direkt neben der Feuerleiche stand, „Das soll mal ein Mensch gewesen sein?“
„Das“, begann Ferren unheilvoll, bevor er sich hinunterbeugte und einen kohle├╝berzogenen Gegenstand aus dem toten Fleisch zog, „war einer von uns.“
„Von uns?“, Slemov trat neben ihn, um das Objekt besser sehen zu k├Ânnen. Es schien eine flache, handtellergro├če Metallscheibe zu sein, deren Kanten das Feuer eingefressen hatte, womit es seine einstige Form zu einem entropisch anmutenden Klumpen verzerrt hatte. Unter der pechschwarzen Asche, die es wie ein Mantel ├╝berzog, waren schemenhaft zwei Buchstaben zu erkennen. Ein versengtes G verschlungen mit einem nicht weniger deformierten A.
Trotz der Ver├Ąnderung, die das Objekt erfahren hatte, wussten die drei Kundschafter genau, worum es sich handelte.
„Ein Abzeichen Galors“, echote es aus dem Mund des Skatriers.
„Einer unserer Assassinen“, stimmte der Leutnant zu.
„Was beim stinkenden Erl├Âser hatte der hier zu suchen?“, blaffte Ilar.
„Keine Ahnung“, fl├╝sterte Ferren, „Ich mache mir eher Sorgen darum, wie er so enden konnte.“
„Das stinkt nach schwarzer Magie“, zischte der Novize.
„Ihr riecht das?“, erkundigte der Offizier sich.
„Nat├╝rlich nicht!“, schallte es zur├╝ck, „Aber ganz ehrlich, diesen kranken Mist bringt nicht irgendein normaler Magier zustande.“
„Seid Ihr sicher?“
„Nat├╝rlich, bin ich sicher, verdammt!“
„Mit Verlaub gesagt, Sir“, wandte Slemov ein, „Wenn dieser Kerl hier noch rumlungert, sollten wir besser verschwinden.“
„Schon klar“, erwiderte Ferren, wobei er das versengte Insignie in seine Tasche gleiten lie├č, „Gehen wir!“
Somit wandten sie sich von der finsteren Szenerie ab, die das Feuer sowohl in die Natur als auch in ihre Seelen fressen hatte, und kehrten zur├╝ck in das dornendurchwachsene Dickicht des dichten Waldes.

Als seine G├Ąste eintrafen, war Herzog Jean Montierre nicht mehr mit jener halbtoten Figurine vergleichbar, die sich vor kaum einer Viertelstunde von der M├╝digkeit ummantelt in ihrem Sessel wiedergefunden hatten. Er sa├č kerzengerade in seinem Lehnsessel, von wo aus er erwartungsvoll auf die m├Ąchtige Fl├╝gelt├╝r starrte, die im leichten Windzug, der durch die Halle zischte, leise knarrte.┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á┬á
Dann erschallten ged├Ąmpft durch das dicke Holz der T├╝r die Schritte mehrerer Personen auf dem marmornen Boden der Eingangshalle, welche alsbald von leisen Stimmen begleitet wurden. Doch nur eine dr├Ąngte sich aus dem unterschwelligen Gemurmel klar, gutm├╝tig, sanft, wie sie war, in die Ohren des Herzogs und k├╝ndete von der Ankunft Filianas. Vertr├Ąumt schloss er die Augen, um ihr einen Moment lang angestrengt zu lauschen, bevor die T├╝r mit lautem Knarren ge├Âffnet wurde und grelles Licht in den Saal flutete.
Als er die Augen wieder ├Âffnete, glitt die Prinzessin bereits in den Raum, wohingegen ihr Gefolge auf der Schwelle zur├╝ckblieb.
Lediglich Amelie trat ebenfalls dar├╝ber, verbeugte sich vor dem Herzog, um ihm anschlie├čend kurz zu berichten, dass Vigard und Raham zwar bereits eingetroffen seien, sich aber gerne dazu bereit erkl├Ąrt h├Ątten, das Gespr├Ąch des Herzogs mit der Prinzessin abzuwarten.
„Ich hoffe, sie nicht allzu lange warten lassen zu m├╝ssen“, versicherte der Herzog sofort, worauf sich Amelie erneut verbeugte, bevor sie den Raum ebenfalls verlie├č und die T├╝r hinter sich schloss.
Augenblicklich wandte Montierre seinen Blick vom starken Holz der T├╝r zu der wundervollen, filigranen Gestalt der Prinzessin, was ihm ein j├Ąhes L├Ącheln entlockte.
„Guten Morgen, Filiana“, gr├╝├čte er freundlich.
„Jean…“, sagte sie gedehnt, „sch├Ân dich zu sehen.“
„Die Ehre ist ganz auf meiner Seite“, versicherte der Herzog, bevor er auf den Sessel auf der gegen├╝berliegenden Seite des Tisches deutete, „Bitte, setz dich doch.“
„Oh, nat├╝rlich“, gab Filiana zur├╝ck, worauf sie sich, umschlungen von ihrem blassgr├╝nen Seidenkleid in Bewegung setzte. Doch schon beim ersten Schritt wusste Montierre, dass sie sich nicht auf dem Platz niederlassen w├╝rde, zu dem er gewiesen hatte, sondern auf den Stuhl direkt neben ihm. Eine Welle der W├Ąrme h├╝llte ihn ein wie der sengende W├╝stenwind, als sie sich setzte, und brandete auf seiner blassen Haut. F├╝r einen Moment ertappte er sich dabei, seinen Kopf zu einem Schulterblick zu drehen, um nachzusehen, ob dort nicht de Nord hinter ihm stand und mit sp├Âttischer Miene auf ihn herabblickte.
„Dort ist nichts…und nichts ist verwerflich. De Nord ist da, wo er sein wollte, eben wie du nun dort bist, wo du sein willst“, sagte er sich, w├Ąhrend seine Lippen sich zu einem weiteren L├Ącheln formte.
„Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs?“, erkundigte er sich.
„Ach, ich…“, sie senkte den Kopf, sodass sie auf die Schlachtpl├Ąne starrte, „ich wollte dich einfach mal wieder sehen. Du hast in den letzten Tagen kaum einen Schritt aus diesem Geb├Ąude gesetzt. Immer wenn sich ein Ledrianer zur Audienz anmeldete, habe ich gehofft, du seist es, aber stets sah ich nur Gesandte und Laufburschen.“
„Ja, ich…verzeih“, seufzte er tief,┬á „ich h├Ątte dich gerne gesehen, aber es ist…“, er deutete mit seiner bleichen Hand, unter deren Haut fahlblaue Adern pochten auf die Dokumente, die sich auf dem Tisch stapelten, „ich habe einfach keine Zeit mehr. Seit de Nord weg ist und ich zum Hochgeneral Galors ernannt wurde, werde ich ├╝berall gebraucht, muss mich um tausend Sachen k├╝mmern. Ich zermartere mir den Kopf ├╝ber Dinge, die der Marquis mit einem Handwink entschieden h├Ątte…ich hadere mit mir selbst…ich“, er stockte, „ich kann das alles nicht alleine tun.“
„Aber das musst du doch nicht“, raunte die Prinzessin, „Wer w├╝rde das verlangen? Es gibt doch sicher etliche Leute, die dir assistieren k├Ânnen, dir assistieren wollen.“
„Oh ja“, lachte Montierre bitter, „davon gibt es reichlich. Sie dr├Ąngen sich mir geradezu auf, aber…aber woher soll ich wissen, dass hinter ihrem netten L├Ącheln, ihren guten Ratschl├Ągen nicht schon die Triebe das Verrats wuchern? Ich…ich brauche Hilfe, ja. Aber wem soll ich vertrauen?“, eine einzelne Tr├Ąne rann aus seinem Auge, als er Filiana fragend anblickte. Der Wind strich leise durch ihr kupferrotes Haar, das sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte, das Licht fiel durch die schmalen, kristallgl├Ąsernen Fenster und funkelte in ihren smaragdgr├╝nen Mandelaugen. Langsam

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Über den Autor

Crawley
Wer w├Ąre ich hier, wenn nicht jemand, der seinen Visionen ein Zuhause geben will?
Tue ich das gerade nicht, studiere ich Rechtswissenschaften und bem├╝he mich, nicht gleich jedes damit verbundene Klischee zu erf├╝llen (letzteres wom├Âglich nur mit mittelm├Ą├čigem Erfolg), oder fr├Âne in irgendeinem Pub meinen Lastern.

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Crawley Re: Guter Einstieg -
Zitat: (Original von Maire am 15.05.2013 - 10:28 Uhr) Neugierig gemacht von deinem Klappentext habe ich gestern Abend noch den Prolog gelesen. Was soll ich sagen? Wenn beim Lesen der ersten S├Ątze das Kopfkino anspringt, hat der Autor alles richtig gemacht. Ich war sofort in der Geschichte drin , konnte mir alles ganz genau vorstellen und war am Schluss des Prologes sogar ein wenig traurig, dass Pietro seine Perle nicht bekommt. Also alles genau so wie es sein sollte, um einen Leser an eine Geschichte zu binden. Ich werde auf jeden Fall noch weitere Kapitel lesen. Die Sterne Bewertung lasse ich mir deshalb noch offen. :-)


Dann danke ich f├╝r den Kommentar und w├╝nsche viel Spa├č bei den weiteren Kapiteln.

LG
Crawley
Vor langer Zeit - Antworten
Maire Guter Einstieg - Neugierig gemacht von deinem Klappentext habe ich gestern Abend noch den Prolog gelesen. Was soll ich sagen? Wenn beim Lesen der ersten S├Ątze das Kopfkino anspringt, hat der Autor alles richtig gemacht. Ich war sofort in der Geschichte drin , konnte mir alles ganz genau vorstellen und war am Schluss des Prologes sogar ein wenig traurig, dass Pietro seine Perle nicht bekommt. Also alles genau so wie es sein sollte, um einen Leser an eine Geschichte zu binden. Ich werde auf jeden Fall noch weitere Kapitel lesen. Die Sterne Bewertung lasse ich mir deshalb noch offen. :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Crawley Re: -
Zitat: (Original von EagleWriter am 14.05.2013 - 20:46 Uhr) Bin jetzt etwa zu... einem viertel durch und bisher gef├Ąllt mir die Geschichte doch ganz gut. Du hast wirklich ein Talent. ich nenne es mal mit Worten Bilder malen. Besonders an den d├╝stereren Stellen kommt das doch sehr gut r├╝ber.


Klingt gut. Wie immer danke f├╝rs Lesen, Bewerten und Kommentieren.

LG
Crawley
Vor langer Zeit - Antworten
EagleWriter Bin jetzt etwa zu... einem viertel durch und bisher gef├Ąllt mir die Geschichte doch ganz gut. Du hast wirklich ein Talent. ich nenne es mal mit Worten Bilder malen. Besonders an den d├╝stereren Stellen kommt das doch sehr gut r├╝ber.
Vor langer Zeit - Antworten
EagleWriter Re: Re: -
Zitat: (Original von Crawley am 17.03.2013 - 20:00 Uhr)
Zitat: (Original von EagleWriter am 17.03.2013 - 19:58 Uhr) Muss mal sehen, wann ich Zeit finde, die Geschichte komplett zu lesen. Hatte ja schon mal ein paar Kapitel gelesen aber dann irgendwann vergessen wo ich war.
lg
E:W


Ah jo...ist eines meiner ├Ąlteren Werke. Ich habe lange ├╝berlegt, ob ich es ├╝berhaupt als Komplettfassung hochladen soll. Sch├Ątze die 638 Seiten d├╝rften auf die meisten ziemlich abschreckend wirken.


Na ich finds praktisch, kann mir das ganze dann einfach auf den Reader ziehen
Vor langer Zeit - Antworten
Crawley Re: -
Zitat: (Original von EagleWriter am 17.03.2013 - 19:58 Uhr) Muss mal sehen, wann ich Zeit finde, die Geschichte komplett zu lesen. Hatte ja schon mal ein paar Kapitel gelesen aber dann irgendwann vergessen wo ich war.
lg
E:W


Ah jo...ist eines meiner ├Ąlteren Werke. Ich habe lange ├╝berlegt, ob ich es ├╝berhaupt als Komplettfassung hochladen soll. Sch├Ątze die 638 Seiten d├╝rften auf die meisten ziemlich abschreckend wirken.
Vor langer Zeit - Antworten
EagleWriter Muss mal sehen, wann ich Zeit finde, die Geschichte komplett zu lesen. Hatte ja schon mal ein paar Kapitel gelesen aber dann irgendwann vergessen wo ich war.
lg
E:W
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