Kurzgeschichte
D-Moll

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"D-Moll"
Veröffentlicht am 14. August 2012, 26 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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D-Moll

D-Moll

Beschreibung

Ein düsterer Ort, eine düstere Melodie - und der Tod gibt den Takt vor. Die Erzählung beruht auf historischen Ereignissen.

D-Moll

Die Angst war überall. Sie flackerte in den Augen, durchwob das Denken und verzerrte die Stimmen der Wartenden.
Herbert war froh, sich seiner eigenen Angst durch eine kleine Abwechslung entziehen zu können. Er war der Einzige unter den Verbliebenen, der die alte Ziehharmonika spielen konnte. Nur deshalb durfte er beim Abendessen mit dabei sein und wurde nicht wie sonst nach dem Auftragen sofort zurück in die Küche geschickt. Ihre Mutter hatte ihm bereits einen Stuhl in die Ecke gerückt und ihn mit einem Kopfnicken aufgefordert, sich darauf zu setzen, nachdem er eingetreten war.
«Jawohl!», sagte Herbert und nahm verlegen Platz. «Was soll ich zuerst spielen?»
«Der Mai ist gekommen», erwiderte sie lächelnd. «Heute ist doch schon der erste Mai, oder nicht? Kannst du auch dazu singen, Herbert?»
Er stellte das Musikinstrument auf seine Knie und streifte die Gurte über die Schultern. «Nein, gnädige Frau, das kann ich leider nicht …»
Die Kinder am Tisch lachten leise. Ihre Mutter wollte noch etwas zu ihm sagen, aber in diesem Augenblick öffnete sich die Tür und sie wandte sich von ihm ab. Herbert erkannte ihren hinkenden Ehemann und einen Arzt, der mit ihm zusammen das stickige Zimmer betrat. Er begann mit gesenktem Kopf zu spielen. Einige der Kinder summten die Melodie leise mit.
«Nicht so laut!», rief der Hinkende unwirsch, als er sich an den Tisch setzte. Die Kinder verstummten. Herbert nickte folgsam und bemühte sich, der Aufforderung nachzukommen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie der Arzt mit der Mutter zu tuscheln begann. Ihr aufgesetztes Lächeln war aus dem Gesicht gewichen. Die Kinder tranken schweigend, mit gesenkten Köpfen, ihren Kakao. Alle, bis auf den kleinen Jungen, hatten lange, weiße Nachthemden an und die blonden Haare zu Zöpfen geflochten. Der Junge hingegen trug einen hellblau gestreiften Schlafanzug und schien übermüdet zu sein, denn er stützte den Kopf in beide Hände und hatte die Augen geschlossen. Herberts Blick streifte kurz über Helgas Gesicht, suchte nach ihren blauen Augen, doch sie bemerkte es nicht. Mit beiden Händen hielt sie die Tasse umklammert und starrte vor sich auf den Holztisch. Ihr Vater saß mit halb geschlossenen Augen neben ihr und wippte mit seinem gesunden linken Fuß im Takt zu Herberts Spiel.
Er beobachtet mich, dachte Herbert und versuchte, noch leiser zu spielen.
Prompt schlug er einen falschen Ton an.
Einige der Mädchen am Tisch drehten sich nach ihm um. Auch ihr Vater hob den Blick, verharrte in seiner rhythmischen Bewegung und starrte ihn an. Helga nahm ebenso wenig Notiz von dem Zwischenfall wie ihr kleiner Bruder, der seinen Kopf inzwischen auf die auf dem Tisch verschränkten Arme gelegt hatte und eingeschlafen war. Auch der Arzt und die Mutter der Kinder reagierten nicht. Sie schienen in eine Unterhaltung vertieft zu sein, die keine Störung von außen zuließ. Erst als Herbert nach zwei-drei weiteren falschen Akkorden ganz zu spielen aufhörte, verstummten sie und drehten sich ebenfalls nach ihm um.
«Die blauen Dragoner, sie reiten», sagte der Hinkende in die plötzliche Stille hinein, «Spiel das, mein Junge. Spiel es laut und schnell!»
Helga lächelte ihn an. «Ja, Vater», sagte sie leise, «das ist ein schönes Lied. Der Onkel mochte es auch immer hören.»
Dann blickte sie Herbert direkt ins Gesicht. «Kannst du das?»
«Ja … natürlich … Ich …»
Er blickte errötend auf seine Ziehharmonika, suchte die richtigen Tasten und versuchte, sich seine Verlegenheit nicht anmerken zu lassen. Bei Gott, dachte er, sie ist so wunderschön und noch so jung! Bestimmt noch keine vierzehn. Und ich bin gerade ein Jahr älter als sie …
Ihr Vater klatschte in die Hände. «Zwo, drei, vier und …»
Herbert löste seinen Blick von Helgas Augen und begann wieder zu spielen. Der Hinkende sang mit halblauter, brüchiger Stimme, während sein kleiner Sohn schlief. Zwei der anderen Mädchen schlossen ebenfalls ihre Augen und wiegten sich zur Musik. Helga nippte an ihrem Kakao und ihre Mutter zog den Arzt vom Tisch weg, um eindringlich und erregt erneut auf ihn einzureden.

Herbert spielte, und der Vater der Kinder sang und stampfte mit dem gesunden Fuß den Takt dazu. Die Kerzen auf dem Tisch flackerten, warfen bizarre Schatten an die nackten Betonwände, während Herberts Töne den Raum ausfüllten und die Worte des Arztes und der Mutter der Kinder lautlos werden ließen. Die Mädchen am Tisch rieben sich die Augen, gähnten verhalten und selbst Helga fuhr sich mit den schmalen Händen über das Gesicht, als wolle sie eine zentnerschwere Last darauf wegwischen.
Sie waren müde, völlig übermüdet und nicht mehr in der Lage, ruhig sitzen zu bleiben. Aber niemand gab Herbert ein Zeichen, aufzuhören. Er spielte, blickte ab und zu auf den Vater, auf Helga, die ihn nicht mehr beachtete, und auf die Mutter, die ihre Rechte in den Oberarm des Arztes gekrallt hatte und ihn mit feuchten Augen anblickte. Ihr Mann, der Vater der Kinder, stampfte den Takt und sang immer lauter und schneller. Herbert beeilte sich, seinem vorgegebenen Tempo zu folgen. Seine Finger drückten Knöpfe und Tasten, griffen Akkorde, während er seinen Blick immer öfter auf Helga richtete. Doch sie bemerkte es nicht. Und irgendwann war das Stück, zu schnell, zu laut und schrill vorgetragen, zu Ende.
Der Vater klatschte leise Beifall. Die Kinder, mit Ausnahme von Helga, waren am Tisch eingeschlafen. Ihre Mutter ließ den Arzt los und kam mit ihm an den Tisch.
«Es wird Zeit, lieber Josef», sagte sie leise zu dem Hinkenden.
«Ja, meine Liebe. Es wird Zeit», erwiderte ihr Mann und blickte zu dem Arzt hoch. «Sie wissen, was zu tun ist?»
Der Arzt nickte und deutete auf seine Aktentasche. «Das Schlafmittel im Kakao wirkt schon. Ich habe alles andere bereits vorbereitet …»
Der Hinkende stand langsam auf. «Magda», sagte er leise, zu seiner Frau gewandt, «kannst du das auch wirklich?»
Sie trat auf ihn zu und legte ihre Arme um seinen Hals. «Gibt es denn eine andere Möglichkeit?», fragte sie mit tränenerstickter Stimme. «Gott wird uns vergeben, wenn es ihn gibt. Und wenn nicht …»
«Gnädige Frau», mischte sich der hagere Arzt leise ein, indem er zu ihnen trat, «Wir haben nicht mehr viel Zeit. Bringen wir sie jetzt zu Bett?»
Herbert saß in der Ecke, die Finger auf den Tasten des Akkordeons, und blickte in den Raum. Eine der Kerzen begann zu flackern, zischte leise und erlosch dann endgültig. Ein dünner, sich langsam kräuselnder Rauchfaden stieg in die Höhe, fächerte dabei auseinander und verlor sich im Nichts, noch bevor er die Decke erreicht hatte. Es roch nach Stearin und Schweiß.
«Ja», sagte der Hinkende und hob seinen Sohn vom Stuhl auf. Der Kleine schlief einfach weiter, während ihn sein Vater ins Nebenzimmer trug.
«Ja», sagte auch die Mutter und nahm eine ebenfalls eingeschlafene Schwester des Jüngsten vorsichtig auf den Arm. «In Gottes Namen …»
Der Arzt stellte seine Aktentasche auf den Boden und hob das nächste Mädchen hoch, um es sich über die Schultern zu legen und nach nebenan zu tragen. «Spiel weiter, Junge!», sagte er mit heiserer Stimme zu Herbert, der das Ganze stumm beobachtete.
«Spiel das Lied von der Wolga, mein Junge! Spiel es in D-Moll!»

Herbert begann zu spielen und beobachtete dabei das seltsame Geschehen um sich. Die Tür zum Nebenzimmer stand weit offen. Drei Etagenbetten aus Messing standen darin, in einer Ecke ein alter Holzschrank und daneben ein kleiner Tisch, auf dem eine Petroleumlampe für spärliches Licht sorgte. Die Kleineren wurden in die oberen Betten gelegt, die Älteren in die unteren. Die Einzige, die nicht getragen werden musste, war Helga.
«Ich kann selbst gehen», murmelte sie und stieß den Arzt beiseite, der sie hochnehmen wollte. Aber sie ließ es zu, dass ihr Vater sie am Arm nach nebenan führte. Im Vorübergehen lächelte sie Herbert an. Es war ein flüchtiges, fast nur angedeutetes und müdes Lächeln. Bevor er es erwidern konnte, senkte sie den Kopf bereits wieder, und so konnte er ihr nur hinterher blicken, während er spielte und in seiner Brust das Herz raste. Der Vater der Kinder küsste jedes von ihnen auf die Stirn, dann hinkte er ohne ein weiteres Wort hinaus. Die Stahltür fiel hinter ihm ins Schloss. Eine weitere Kerze erlosch in dem kalten Luftzug, der aus dem kahlen Flur eingedrungen war. Außer Herbert schien es niemand bemerkt zu haben. Dann war auch dieses schwermütige Lied zu Ende, der Schlussakkord schwebte noch sekundenlang im Raum. Herbert nahm die Hände vom Instrument und rieb sie aneinander. Erst jetzt spürte er, wie kalt es inzwischen hier geworden war.
«Soll ich immer noch spielen?», fragte er den Arzt, der mit hektischen Bewegungen etwas in seiner Ledertasche zu suchen schien. «Ich meine … Die Kinder, sie schlafen doch schon, und …»
«Nein. Keine Musik mehr. Aber du wirst mir behilflich sein», erwiderte der Arzt nach einem kurzen Seitenblick auf die Mutter, die mit blassem Gesicht an der Wand lehnte. Herbert sah, dass sie am ganzen Körper zitterte. Tränen liefen über ihre Wangen, doch sie machte keinerlei Anstalten, sie wegzuwischen. Ihre Augen starrten ins Leere.
Irgendwie erleichtert, streifte Herbert die Gurte von seinen Schultern und stellte die Ziehharmonika neben dem Stuhl auf den Boden. Dann stand er auf, wischte sich die feuchten Hände an den Hosen ab und trat zu dem Arzt.
«Nimm die Ledertasche mit nach nebenan. Sei vorsichtig damit und lass sie nicht fallen!»
Herbert nickte und hob die Tasche auf. Als sie in den Schlafraum eintreten wollten, begann die Mutter laut zu schluchzen. «Nein!», stammelte sie und hielt den vorausgehenden Arzt am Arm fest. «Nein! Gibt es denn keine andere Möglichkeit? Es gibt doch immer einen Ausweg. Bitte …»
Die letzten Worte hatte sie nur noch geflüstert. Herbert blickte auf den Boden vor sich. Einen Augenblick lang wünschte er sich, weit weg zu sein, egal wo, nur nicht hier in diesen Räumen.
«Tut mir leid», hörte er den Arzt murmeln,
«Aber es sind Kinder!», flehte ihn die Mutter an. «Meine Kinder! Hilde, Hellmuth, Holde, Hedda, Helga und Heide … Ich kann doch nicht …»
Herbert starrte weiterhin auf den Boden. Die Tasche in seiner Hand schien mit Blei gefüllt zu sein und wurde mit jedem Atemzug schwerer. Krampfhaft griff er auch mit der anderen Hand nach dem Tragegriff, bevor sie ihm entgleiten konnte. Erleichtert schloss er die Augen und wünschte, es mit den Ohren genauso machen zu können. Noch nie hatte er soviel Angst und Schmerz empfunden wie bei den Worten der Mutter, die jetzt von Weinkrämpfen fortgesetzt wurden. Der Arzt musste sie wohl zur Seite geschoben haben, denn plötzlich wurde Herbert von ihm am Arm gepackt und weiter gezogen. Die Mutter saß neben der Tür auf dem Boden und hatte die Hände auf ihr Gesicht gelegt, so dass nur noch ihre weit aufgerissenen Augen zu sehen waren. Herbert wich ihrem Blick aus. Obwohl die beklemmende Anspannung in ihm wuchs, war er froh, als der Arzt die Tür hinter ihnen schloss.
«Warum weint sie denn?», fragte er mit leiser Stimme, nachdem er die Tasche auf den Boden gestellt hatte. Der Arzt bückte sich und entnahm ihr eine lederne Mappe.
«Bekommst du in der Küche gar nichts mit?», fragte der Arzt zurück, ohne ihn anzusehen. Er knöpfte die Mappe auf. Eine Spritze, einige Aufsteckkanülen und eine kleine, braune Flasche mit Korken befanden sich darin.
Herbert zuckte mit den Schultern. «Na ja», meinte er nach kurzem Zögern, «eigentlich nicht so richtig. Nur das, was ich so höre, wenn ich das Essen auftrage … Es sei tabu, hat man mir gesagt. Nichts hören, nichts sehen, nicht darüber reden. Ich glaube, der Herr Chefkoch war›s.»
Der Arzt warf ihm nur einen kurzen Blick zu. Wortlos nahm er die Spritze in die Hand, schob eine Kanüle darüber und stieß sie durch den Korken in die Flasche. Dann zog er den Kolben zurück. Eine farblose Flüssigkeit füllte die Spritze. Allein der Gedanke an den Schmerz, wenn die Nadel in seinen Körper eindringen würde, löste bei Herbert Übelkeit aus. Er blickte zu Helga, die mit geschlossenen Augen auf ihrem Bett lag. Dann fasste er seinen ganzen Mut zusammen und stellte die Frage, die ihn schon seit Minuten beschäftigte: «Was für eine Krankheit haben denn die Kinder? Sind alle krank oder …»
Der Arzt schüttelte den Kopf. «Mach dir keine Gedanken. Diese Krankheit hat keinen Namen. Außerdem hast du erst vorhin selbst gesagt, dass alles hier tabu ist.» Er hielt die Spritze senkrecht nach oben und drückte vorsichtig auf den Schieber, bis aus der Kanüle ein winziger Tropfen quoll. «In der Tasche ist eine Packung Schokolade. Und eine runde, gelbe Dose. Hol beides heraus und bring es zum Tisch.»
Schokolade als Medizin, wunderte sich Herbert. Allein der Anblick der großen Tafel Hamann – Original mit Nougatfüllung ließ ihn für einen Moment in eine Vorfreude verfallen, die alles andere verdrängte. Zusammen mit der Dose legte er sie auf den Tisch und wartete auf weitere Anweisungen. Der Arzt trat zu ihm, riss die Verpackung auf und reichte ihm einen Riegel. Zögernd schob ihn Herbert in den Mund. Er kaute mit halb geschlossenen Augen, während der Arzt den Deckel der Metalldose abschraubte und den Inhalt vorsichtig auf den Tisch leerte. Kleine, etwa einen halben Zentimeter lange, eiförmige Pillen rollten über den Tisch.
«Du nimmst eine Glaspille und ein Stück Schokolade und drückst die Medizin dann vorsichtig von unten in die Schokolade. Ich zeig dir jetzt, wie – also pass auf!»
Herbert nickte und schluckte, so langsam er konnte, die ungewohnte Köstlichkeit herunter.
«Jetzt du!»
Herbert brach ein Stück Schokolade ab. Dann nahm er eine der Medizinpillen in die andere Hand. «Die sind ja aus Glas?», stellte er verwundert fest. «Tut das nicht weh, wenn man darauf beißt?»
Der Arzt griff nach der Spritze. «Nein, du Dummkopf! Die Schokolade verhindert das doch. Mach voran, wir haben nicht viel Zeit!»
Herbert gehorchte. Es ging wirklich ganz einfach. Die kleinen, gläsernen Ampullen ließen sich fast ohne Kraftaufwand von unten in die Schokolade drücken. Die hellblaue Substanz, die sich darin befand, schien geleeartig zu sein, doch nach wenigen Sekunden wurde sie zwischen seinen Fingern flüssig und undurchsichtig wie Wasser. So etwas Seltsames hatte er noch nie gesehen. Angeekelt schob er die Ampulle in die Schokolade. Dann, sich verstohlen umblickend, strich er mit dem Finger über die hervorquellende Nougatfüllung und schleckte ihn ab. Der Arzt stand bereits an den Betten und achtete nicht auf ihn.
«Keine Angst; der Doktor wird jedem von euch einen kleinen Piekser geben. Den kriegen jetzt alle Kinder und andere hier», hörte ihn Herbert murmeln. Er drehte sich etwas zur Seite, so dass er sehen konnte, was der Arzt machte. Routiniert und schnell ging dieser von einem Bett zum andern, schob den linken Ärmel des Nachthemds hoch und stieß die Kanüle in die Armbeuge des Kindes. Ein kurzer Druck mit dem Daumen auf die Spritze, dann wurde sie auch schon wieder herausgezogen und er wandte sich dem nächsten Kinderbett zu. Die Kinder schliefen so tief, dass sie nicht einmal zuckten, wenn die Nadel in ihren Arm gestoßen wurde. Herbert biss sich auf die Unterlippe und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit. Als er damit fertig war, trat der Arzt zu ihm und legte die leere Spritze auf den Tisch.
«Neun Stück?», sagte er, nachdem er einen prüfenden Blick über die präparierte Schokolade geworfen hatte, «Gut. Hier, wickle das Taschentuch um eine Hand, damit die Schokolade nicht schmilzt, leg die Stücke darauf und komm mit!»
Herbert starrte auf die Spritze. Dann blickte er zu den Kinderbetten, verharrte auf dem blassen Gesicht von Helga. Sie schien zu träumen, ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen, seltsam genug, nach all dem, was vorgefallen war. Vielleicht bildete er es sich auch nur ein.
«Junger Mann!», hörte er den Arzt ungeduldig zischen. Helgas Lächeln gefror und Herbert nahm seinen ganzen Mut zusammen.
«Nein», murmelte er mit trotziger Stimme. «Ich bin ein Küchenjunge. Sie sind der Arzt. Ich will wieder zurück in die Küche. Sie haben nicht …»
Der Arzt schlug ihm ansatzlos mit der flachen Hand ins Gesicht. Herbert verstummte, behielt jedoch seinen trotzigen Blick bei, obwohl ihm der brennende Schmerz Tränen in die Augen trieb.
«Nein», wiederholte er nochmals, bemüht, seine Stimme energisch klingen zu lassen. «Die Kinder sind nicht krank! Sie schlafen, weil Sie ihnen etwas in den Kakao getan haben. Und außerdem haben Sie sie gerade gespritzt. Alle nacheinander, mit derselben Nadel! Ich will jetzt sofort …»
Er verstummte, als ihn der Arzt erneut schlug. Herbert wurde von dem Fausthieb in den Magen gegen den Tisch gedrückt und krümmte sich vor Schmerzen. Als er sich wieder aufrichten konnte, stand der Arzt vor ihm. In seiner Hand hielt er die Spritze. Sie war wieder zur Hälfte gefüllt worden.
«Du nimmst jetzt die Schokolade und tust genau das, was ich dir sage. Andernfalls …»
Der Arzt blickte ostentativ auf die Spritze in seiner Hand, dann auf den Jungen vor ihm. Herbert nahm das Tuch, legte mit zitternden Händen die Schokoladenstücke darauf. Mit tränennassen Augen ließ er sich zu den Betten führen. Wie in Trance folgte er den Anweisungen des Arztes.
Der kleine Junge war der erste, bei dem er es tat. Mund auf, Schokolade zwischen Zahnreihen und Lippen gelegt, Mund geschlossen, mit der flachen Hand auf den Mund gedrückt, fertig.
Nichts geschah.
Der Junge schlief einfach weiter. Herbert hatte gespürt, wie die kleine Ampulle zerdrückt wurde. Grenzenlos erleichtert stieg er von der ersten Sprosse der Holzleiter herunter, um das Ganze bei seiner etwas älteren, unten liegenden Schwester zu wiederholen. Mund auf, Schokolade hinein, gedrückt, fertig. Der Arzt stand unmittelbar neben ihm. Die Spritze zielte auf seinen Hals. Herbert vermied es, ihn oder das Instrument anzusehen und ging zum nächsten Bett. Erst die Kleine unten, dann ihre Schwester oben. Als er sich den letzten beiden Mädchen zuwandte, begann der kleine Junge in seinem Bett zu zucken. Gleich darauf röchelte er. Blutiger Schaum erschien zwischen den halb geöffneten Lippen. Herbert konnte seinen Blick nicht davon abwenden. Er spürte, wie sich zunehmende Übelkeit in ihm ausbreitete. Wortlos, fragend blickte er den Arzt an.
«Weiter! Das ist nichts. Er träumt nur!»
«Aber …»
Die Hand mit der Spritze näherte sich Herberts Hals. Aus der Übelkeit wurde Angst. Gehorsam wandte er sich den beiden letzten Kindern zu. Ein leichter Geruch nach bitteren Mandeln lag im Raum und vermischte sich mit dem Duft der Schokolade. Eines der anderen Mädchen wälzte sich kurz in seinem Bett, dann blieb es still liegen. Herbert setzte seinen Fuß auf die Sprosse, um auch Helga ihre Schokolade zu geben. Seltsam, dachte er, eigentlich sollte sie doch unten liegen. Sie ist doch die Älteste von allen …
In diesem Moment schlug sie die Augen auf.
«Was …», murmelte sie sichtlich benommen und versuchte, sich im Bett aufzurichten. Herbert fuhr erschrocken zurück. Bevor er etwas sagen konnte, packte ihn der Arzt mit einer Hand am Armgelenk und hielt ihn fest. Gleichzeitig stieß er Helga die Spritze in den Hals. Sie schrie vor Überraschung und Schmerz auf, versuchte eine müde Abwehrbewegung, aber sie reagierte in ihrem Dämmerzustand einfach zu langsam. Ohne Herbert loszulassen, drückte der Arzt das Mädchen mit der Spritze im Hals wieder auf das Kissen zurück. Mit weit aufgerissenen Augen ließ sie es geschehen. Sie öffnete den Mund zu einem lautlosen Schrei, als die Nadel wieder zurückgezogen wurde. Ein dünner Blutfaden rann aus dem Einstichloch. Der Arzt ließ die Spritze fallen. Sie zersplitterte unbeachtet am Fußende des Bettes. Im nächsten Augenblick hatte er ihr ein Stück Schokolade in den Mund geschoben.
Helga biss instinktiv zu. Der Arzt schrie auf, ließ Herbert los und versuchte, Helgas Kiefer auseinander zu drücken, um seine Finger aus ihrem Mund zu bekommen. Der Geruch nach bitteren Mandeln wurde immer stärker. Herbert sah mit an, wie sich Helga in furchtbaren Krämpfen wand und den Arzt dadurch zwang, ihren zuckenden, unkontrollierten Bewegungen zu folgen. So laut, wie er schrie, schien sie noch fester zuzubeißen. Herbert zitterte am ganzen Körper. Wie hypnotisiert beobachtete er den grausamen Tanz der beiden vor ihm.
So lange, bis ihn Helgas letzter verzweifelter Blick traf.
«Warum?», schienen ihre Augen zu fragen, «warum nur?» Dann drehte sie den Kopf unendlich langsam, wie es Herbert vorkam, zur Seite. Er wusste in diesem Augenblick, dass sie tot war.
Genauso tot wie die anderen Kinder hier.

Du hast sie umgebracht, flüsterte eine unbekannte, hässliche Stimme in seinem Hinterkopf. Du hast es getan.
Der Arzt zog stöhnend seine blutende Hand aus ihrem Mund. Seine Augen flackerten, als er sich mit schmerzhaft verzerrtem Gesicht Herbert zuwandte. Seine Absicht war unverkennbar.
«Nein!», schrie Herbert und rannte los. Er riss die Tür auf, stolperte fast über die reglos daneben liegende Mutter, die ihn überhaupt nicht beachtete und rannte weiter, bis er den Flur erreicht hatte. Dort begann er wieder zu schreien. Er schrie und rannte, vorbei an Menschen, die ihn zwar anstarrten, aber keine Anstalten machten, sich ihm in den Weg zu stellen. Er rannte an der Telefonzentrale vorbei, wo irgendwelche verbrannten Papierberge beißenden Qualm durch den langen Flur schickten. Er schrie, hustete und rannte weiter; die vierfach gewendelte Treppe hinauf nach oben, wo zwei stumpfsinnig blickende Soldaten ihm bereitwillig Platz machten. Einer von ihnen hatte eine halbleere Schnapsflasche in der Hand und prostete ihm lächelnd zu. Der andere Soldat rief ihm etwas nach, doch er hörte es nicht.

Herbert rannte und schrie.
Er durchquerte mit weiten Sprüngen den Garten der Reichskanzlei, fiel in einen Granattrichter, rappelte sich ungeachtet des plötzlichen Schmerzes in seinem rechten Knöchel wieder auf und rannte weiter. Als er endlich die Straße erreicht hatte, konnte er nicht mehr. Völlig entkräftet sank er auf die Knie und hielt sich keuchend die stechende linke Seite. Der Geruch nach Schokolade und Bittermandeln drang schon wieder in seine Nase. Erst jetzt bemerkte er, dass er das Tuch mit den restlichen Schokoladenstückchen immer noch in der Hand hielt. Angeekelt ließ er es fallen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Einige Hundert Meter vor ihm, in der Dämmerung nur schemenhaft zu erkennen, stand ein Panzer. Der Geschützturm mit dem leicht nach oben zeigenden Rohr schwenkte langsam in seine Richtung. Vor Herberts Augen tanzten flackernde, weiße Lichtpunkte.
Es war das Mündungsfeuer eines russischen Maschinengewehrs.

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