Romane & Erzählungen
Seife. - Roman. Kapitel 1.

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"Seife. - Roman. Kapitel 1."
Veröffentlicht am 13. April 2008, 10 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Seife. - Roman. Kapitel 1.

Seife. - Roman. Kapitel 1.

Beschreibung

Amsterdam. Ein Mann. 2000 Dosen Flüssigseife. Und eine Menge Probleme.

Die Bilanz der letzten Tage: Im Fahrradkeller ein toter Mann, den ich nirgends entsorgen kann, wenige Türen weiter ein bestens eingerichtetes Labor zur Drogenherstellung, das sich plötzlich und ohne mein Zutun in meinem Besitz befindet und ein geistig minderbemittelter Geschäftspartner, der mir nicht von der Seite weicht. Das alles in einer Stadt, deren Boden ich vor zwei Wochen erstmals betreten habe. Verdammtes Amsterdam. Und irgendwo am Hafen befindet sich mein gesamter Besitz, der mich aus dieser Lage befreien soll: 2000 Dosen hochwertige Flüssigseife.

Noch Fragen?

* * *

Es gibt einfache Verkaufsgespräche, es gibt schwierige - und es gibt unmögliche. Dieses hier lief unter aussichtslos.

«Das Zeug werde ich nicht los. Niemals. Meine Kunden wollen Marken.»


Ich schenkte dem Mann mein bestes Lächeln. «Das ist eine Marke.»

«Kenne sie aber nicht. Nie gehört. Meine Kunden auch nicht. Kauft keiner.»

Der Drogist drehte die Dose zum fünften Mal um ihre eigene Achse, als hoffte er, sie würde sich dadurch zu einer Marke verwandeln. Zu einer, die er kannte. TV-Werbepause-Marken vermutlich. Höchste Zeit für die «Klein, aber oho»-Masche.

«Roentgen ist ein traditionsreicher Familienbetrieb. Bei uns werden kleine Mengen in Handarbeit hergestellt. Diese Flüssigseife mag nicht zu den bekanntesten Marken gehören…»

«Nie gehört. Meine Kunden auch nicht. Keiner.»

«… sie mag wie gesagt nicht sehr bekannt sein, aber das ist ja gerade der Reiz. Eine Art Geheimtipp. Die andere Massenware hat jeder im Laden. Auch Ihre Konkurrenten. Aber die Roentgen-Linie ist eine Exklusivität.»

Die Dose machte eine weitere Drehung. Der Hinweis mit der Konkurrenz war eine Karte, die ich normalerweise erst später ausspielte. Aber ich befürchtete stark, dass es in diesem Fall kein Später geben würde. Ich musste also rasch nachhaken.

«Ich mache Ihnen einen Vorschlag.» Vorschläge waren meine Spezialität. Wenn ich irgendwann das Zeitliche segne und Petrus am Himmelstor Scherereien macht und mich nicht reinlassen will: Ich werde ihm einen Vorschlag machen. «Schauen Sie, wir möchten mit Ihnen zusammen arbeiten. Kleine Drogerie, intaktes Quartier, solide Laufkundschaft. Mit solchen Partnern machen wir uns einen Namen. So gelingt es unserer Marke…»

«Das ist keine Marke.»

«… so gelingt es unseren Produkten, ihre Exklusivität zu wahren. Wir wollen gar nicht in die grossen Supermärkte. Das ist nicht unser Stil. Natürlich würden wir dort mehr verkaufen, keine Frage, aber Profit ist ja nicht alles.»

Ich war schon so gut wie auf den Knien vor dem Mann im weissen Kittel, ich wollte nichts sehnlicher, als dass er mir einige Dosen abnahm, aber natürlich, keine Frage: Profit ist nicht alles. Manchmal glaubte ich selbst kaum, was ich so vor mich hin redete.

Der Drogist stellte die Dose vor sich auf den Tisch. Es hatte sich offenbar ausgedreht. Und nun war er es, der mir einen Vorschlag machte.

«Lassen Sie mir die eine Dose hier. Ich lege sie bei der Kasse gut sichtbar hin. Wenn ich das Zeug bis Ende Woche verkauft habe, können wir noch einmal über das Ganze sprechen. Wenn ich es nicht loswerde, wandert es in den Müll.»

Ich warf einen Blick zur Kasse. Die kleine Drogerie im intakten Quartier mit der soliden Laufkundschaft war im Grunde eine überfüllte, dunkle und stickige Besenkammer. Impulskäufe an dieser Kasse, bei der sich wahllos hingeworfene Produkte und Büroutensilien den Platz streitig machten, hielt ich für unwahrscheinlich. Das traditionsreiche Familienunternehmen Roentgen stellte qualitativ hochstehende Produkte her, verpackte sie aber in unauffälligen weissen Dosen mit einem gelben Deckel und einem bescheidenen Namensaufkleber. Keine Chance, dass ein Kunde an der Kasse ausgerechnet unsere Flüssigseife entdecken würde. Es war ein absolut unwürdiger Vorschlag, und ich konnte die Dose genau so gut selbst und umgehend in den Kehricht werfen. Theoretisch. Aber hatte ich eine Wahl?

«Einverstanden. Ich melde mich also Ende Woche wieder.» Ich schüttelte dem Mann die Hand, drehte mich um und suchte zwischen den lieblos aufgefüllten Ladengestellen den Weg zur Tür.

«Hey.» Er hatte die Dose wieder in die Hand genommen. Drehung Nummer 15. «Roentgen? Hat das was zu tun mit dem Strahlenmann?»

Ich zauberte mein bereits zurückgepfiffenes Verkäuferlächeln wieder ins Gesicht. «Verwandtschaft in direkter Linie. Eine innovative Familie eben.» Ich deutete auf die Dose. «Dieses Baby verkauft sich von selbst. Ich rufe Sie an.»

* * *

Weshalb sich eine Flüssigseife besser verkaufen soll, weil sie nach einem berühmten Physiker und Nobelpreisträger benannt ist, habe ich nie begriffen. Mein Chef Andreas Braun hatte die Umbenennung an die Hand genommen, als sein Vater noch nicht einmal kremiert war. Damals hiess das Produkt schlicht und einfach «Handwohl». Andreas erbte die Rezeptur und das kleine Labor und vergeudete keine Zeit, um das Lebenswerk seines Vaters umzukrempeln.

Das Personal – einen Chemikanten und eine Sekretärin – behielt er, weil er ohne deren langjähriges Wissen aufgeschmissen gewesen wäre. Aber er wollte ganz offensichtlich nicht der Hersteller einer altbackenen Marke sein und versuchte, mit «Handwohl» - das nun plötzlich «Roentgen» hiess – den wachsenden Lifestyle-Markt zu erobern. Der Nobelpreisgewinner, belehrte er mich einmal bei einem Bier, habe sich «Röntgen» geschrieben, Klagen wegen missbräuchlicher Verwendung des Namens seien also ausgeschlossen. Dennoch stelle jeder potenzielle Käufer einen Bezug zum berühmten Physiker her – eine Art Qualitätsnachweis. Nur dass Andreas im Büro an den grossen Strategien tüftelte, während ich draussen an der Front den Leuten erklären musste, was Röntgenstrahlen mit einer Flüssigseife zu tun haben.

Nach der Begegnung mit dem Drogisten in der Vorstadt hatte ich keine Lust mehr auf Verkaufsaktivitäten. Ich nahm den Bus Richtung Bahnhof. Bei einem Bier wollte ich den Tag ausklingen lassen. Er hatte nicht zu meinen erfolgreichsten gehört.

Dass das Schlimmste noch auf mich wartete: Davon hatte ich keinen Schimmer.
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