Kurzgeschichte
Am wunderbaren Schöps

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"Am wunderbaren Schöps"
Veröffentlicht am 21. Februar 2007, 26 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Am wunderbaren Schöps

Am wunderbaren Schöps

I



Ich erinnerte mich noch genau, als wäre es gestern gewesen. Die Polizistin mir gegenüber fragte aber erneut ob ich noch ganz genau weiß was passiert war. Nachdem ich zwei Wochen lang im Krankenhaus lag wurde ich zu den Vorfällen vor meinem Krankenhausaufenthalt befragt. Ich wartete ab, was die Polizistin tat. Ihr Name war Erica. Eine kleine Frau mit dunkelblonden Haaren, die hinten von einer schwarzen Spange zusammengehalten wurden. Sie hatte eine ziemlich teilnahmslose Stimme. Erica stand auf ging zur Tür und holte eine andere Frau in das Verhörzimmer. Keine Polizistin, sondern eine Psychologin. Eine Kinder- und Jugendpsychologin, um genau zu sein. Erica flüsterte ihr etwas ins Ohr, dann ging sie aus dem Verhörzimmer. ,,Hi! Ich bin Dr. Michel. Du kannst aber ruhig Iris zu mir sagen.” Sie setzte sich schnell auf den Stuhl mir gegenüber. ,,Und du heißt Kathrin, richtig?” ,,Ja, aber meine Freunde nennen mich Cat. Weil ich auch gerne mal die Krallen zeige.” ,,Na dann ist ja gut.” Sie stellte ein kleines Diktiergerät vor mich hin. ,,Und, möchtest du mir ein paar Fragen beantworten, Cat?” ,,Kathrin.” ,,Okay, Kathrin.” ,,Von mir aus.” Gelangweilt verschränkte ich meine Arme vor mir. Iris drückte den PLAY- Knopf am Diktiergerät. ,,Also Ca…, ich meine Kathrin, was ist denn damals im Wald passiert?” Ich schwieg eine Weile, schaute an die Decke, schloss meine Augen und erzählte.

Es war ein Donnerstag gewesen. Der Tag hat so schön angefangen. Wir hatten heute nur 7 Stunden in der Berufsschule und morgen war Freitag. Mir war langweilig gewesen, wie eigentlich jeden Tag hier im Internat. Aber dann machte Kirsten, meine Zimmergenossin im Internat, den Vorschlag, dass wir doch an den Schöps gehen könnten.
Wir wollten natürlich nicht alleine gehen. Wir fragten noch Marc, einen Tierwirt, ob er Lust und Zeit hätte. Aber im Internat hat jeder eigentlich Zeit.
Bei ihm im Zimmer war noch Cora, seine Freundin. Sie war GaLa-Bauer im ersten Lehrjahr. Auch sie fragten wir. Und auch sie wollte gern mitkommen.
Marc war noch dabei sein Zimmer aufzuräumen. Ein allerletztes Mal schaffte er den Müll zur Mülltonne, ein allerletztes Mal saugte er Staub in seinem kleinen Zimmer. Ich und Kirsten haben an seinem Fenster gewartet. Um die beiden ein bisschen zu ärgern haben wir an sein Fenster geklopft und Erde rangeworfen. Mir mussten mindestens eine halbe Stund warten bis die beiden rauskamen. Wir machten uns dann gemeinsam auf den Weg.
Als wir gerade die große Treppe, die rauf zum Internat ging, runter gehen wollten, kam Kai urplötzlich hinterm Internat vorgeschossen. Ich hab mich mächtig erschrocken. Die andren wohl auch. Na ja, Kirsten wollte eigentlich nicht, dass er mitkommt, aber jetzt war er ja schon auf halbem Wege mit. Er war auch ein GaLa-Bauer, aber im 3. Lehrjahr.
Wir waren ein tolles Quintett.
Um zum Schöps zu komm´ mussten wir noch ´n Stückchen laufen. Es war wundervoll. Wir mussten über eine große Wiese die auf einen Berg lag. Von hier hatten wir eine wunderschöne Aussicht auf die Landeskrone mit ihrem Aussichtsturm. Ich hätte meinen Fotoapparat dabeihaben sollen. Ein einzigartiges Panorama. Hier hätten wir ewig bleiben können. Hätten wir´s mal gemacht.

II



Ich fing an zu schniefen. Iris holte ein Taschentuch heraus. ,,Wir können auch gerne eine Pause machen, wenn du willst.” Mein Augen waren mittlerweile rotgerieben, ich schaffte es nicht einmal mehr zu antworten. Sie stand auf, schaltete das Diktiergerät aus, ging zu Tür und kam eine Weile nicht mehr wieder. Ich schaute das Diktiergerät an. Es grinste mir entgegen. Nach ca. 5 Minuten kam Iris zurück und brachte mir ein Glas mit Saft. Ich trank es hastig aus. ,,Willst du noch was essen?” ,,Ich dachte ich bin hier um zu erzählen und nicht um zu essen.” Sie schaute mich verwundert an. ,,Ich möchte das jetzt zu Ende bringen, okay?” ,,Na gut.” Sie schaltete das Diktiergerät wieder ein.

Nach circa hundert Metern kam der Wald. Wir mussten uns durch Unkraut, Sträucher, Zweige und kleine Bäume zwängen ehe wir ins Innere des Waldes kamen. Hier war es wunderbar ruhig und sehr angenehm. Die Vögel sangen, die Zweige rauschten und in der Ferne hörte man schon den Schöps plätschern. Richtig idyllisch. Aber diese Idylle hatte eine dunkle Seite.
Wir kamen an das eine Ufer. Hier befand sich so was wie ´ne kleine Mauer oder Schleuse. Ziemlich schmal, aber wir mussten da rüber. Dann kamen die Steine die im Wasser lagen und eine Brücke bildeten. Ich und Marc warteten, keiner von uns wollte zuerst gehen. Ich hatte Angst er würde mich ins Wasser schmeißen. Und er hatte Angst, dass ich ihn ins Wasser schmeiße. Na ja, schließlich bin ich dann doch zuerst gegangen.
Wir wollten ein Wettrennen machen. Wer als erstes auf dem Hang an der anderen Uferseite war. Kirsten rannte mit Kai, ich rannte mit Cora. Marc kam hinterher.
Auf dem Hang war´n Felsen auf die man sich setzen konnte. Hier hatte man einen tollen Ausblick auf den Schöps der sich durch den Wald schlängelte.

Wieder hielt ich inne und schniefte. ,,Wir sollten doch besser aufhören und später… .” ,,NEIN!” Ich schlug ihre Hand, die gerade den STOP-Knopf vom Diktiergerät drücken wollte. ,,Hören Sie mir doch einfach zu. OK?”

Genau weiß ich nicht mehr wie es passiert ist. Cora kletterte auf einen Felsen. Sie schloss dabei die Augen und breitete ihre Arme aus. Sie sah aus wie Rose am Bug der Titanic. Weil das auch meine Lieblingsszene im Film ist stellte ich mich hinter sie und tat so als wäre ich Jack. Ich sagte wohl so was wie: ,,Okay, Rose, nun kannst du die Augen aufmachen.” ,,Oh, Jack, … ich fliege.”
Es war ziemlich windig da oben. Eine Weile sahen wir zwei wirklich aus wie Rose und Jack. Eine Böe hat uns beide dann erwischt. Cora schwankte, vor Schreck wich ich von ihr zurück. Dann stürzte sie rückwärts den Abhang hinunter. Sie überschlug sich ein paar mal. Es knackte mehrmals. ,,O, Mein Gott, Nein!” Ich rannte den sicheren Weg, den wir hochgerannt sind, hinunter zu ihr. ,,O, Mein Gott. Wir müssen doch irgendwas tun!”, kreischte ich immer und immer wieder. Sie lag einfach nur da am Ufer. Regungslos. Staubig. Ihre Sachen war´n zerfetzt. Ich wollte ihren Puls fühlen. Aber ich merkte keinen. ,,Nein, nein, das darf nicht passiert sein”, schluchzte Marc. ,,Wir müssen die Polizei rufen.”, sagte er, ,,Einen Arzt.”
Es ging alles so schnell. Ich weiß bis heut noch nicht warum ich damals nicht so geistesgegenwärtig reagiert habe, und sie festgehalten habe
Wir waren noch nicht so weit vom Internat weg, also konnten wir schnellstmöglich dort unserem Betreuer Herrn Gersdorf Bescheit sagen, aber Marc war inzwischen in eine ganz andere Richtung gelaufen. Warum wusste wohl nur er selbst Er hatte eine Bierflasche, aus seinem Rucksack, in der Hand und trank sie nebenbei beim Laufen. Wir hatten Mühe ihn einzukriegen.
Irgendwann hatten wir ihn doch ein, weil er sich ins Gras warf und losheulte. ,,Wie konnte das nur passieren? Wie? Ich war doch grad mal einen Monat … .” Er brachte den Satz nicht zu Ende, weil er noch lauter heulte. Kirsten ging zu ihm und versuchte ihn zu trösten. Ich und Kai standen ein paar Meter weiter und überlegten wie wir wieder zurückkamen. Marc hatte uns ganz schön vom Weg abgebracht. Sind wir nun von rechts oder von links gekommen. Wir haben nicht auf die Umgebung geachtet, da wir Marc nicht aus den Augen verlieren wollten. Wir hatten uns tatsächlich verirrt. In einer eigentlich fast vertrauten Umgebung.

Ich machte eine Pause und trank ein Schluck Wasser. Iris schaute mich fasziniert und zugleich erschrocken an. ,,Warum seid ihr nicht einfach euren Spuren in dem hohen Gras zurückgefolgt?” ,,Das wollten wir ja, aber es fing an zu regnen. Ganz in der Nähe war ein Hochstand. Da sind wir erstmal hochgeklettert.” ,,Und, was ist dann passiert?”

Wir sind also auf diesen Hochstand geklettert, das Türchen war, Gott Sei Dank, nicht zugeschlossen. Marc hockte sich in eine Ecke und heulte weiter. Nacheinander fingen auch wir dann an zu heulen.
Auf einmal holte Marc ein Gärtnermesser aus seiner Tasche und wollte sich die Pulsadern aufschneiden. Diesmal reagierte ich wenigstens geistesgegenwärtig und schlug ihm das Messer aus der Hand. ,,Ey, Kunde, sag mal spinnst du? Was soll´n das? Bist du bekloppt?” ,,Wenn Cora nich´ mehr lebt will ich auch nich mehr leben.” ,,Das macht sie aber auch nich´ mehr lebendig. Und was tust du erst deiner Familie damit an?” ,,Ich weiß, es war dumm von mir. Keine Ahnung was ich mir dabei gedacht habe.” ,,Also, ich nehme mir jetzt das Messer und packe es ein. Und du wirst keinen Versuch unternehmen dir was anzutun. Okay?” ,,Versprochen.”

,,Da es irgendwann dunkel wurde haben wir beschlossen hier zu übernachten. Wir sind dann morgens aufgewacht und haben Marc in einer Blutlache liegen sehen. Ich hab in meine Tasche gesehen, wo ich das Messer versteckt hatte. Er musste es mir unbemerkt aus der Tasche genommen haben als ich geschlafen habe.” ,,Du Meine Güte. Schon den zweiten Freund den ihr verloren habt.” Iris sah mich mitfühlend an.





III




Wir hatten also unseren zweiten Wegbegleiter verloren. Ich konnte es noch gar nicht fassen. Wir mussten so schnell wie möglich zurück ins Internat.
Herr Gersdorf hatte zu der Zeit wohl schon die Polizei angerufen.

Kai stieg als erstes den Hochstand hinab. Kirsten als nächstes und ich zum Schluss. Es nieselte noch. Es war wohl um acht gewesen. Wir versuchten so ungefähr den Weg zurückzulaufen den wir gekommen sind, verirrten uns aber immer mehr.
Irgendwann sind wir an ein Bach gekommen, es war aber nicht die Laippe. Da das Gestrüpp am Ufer sehr dicht war mussten wir auf die andere Seite vom Bach. Da waren nur vereinzelt ein paar Sträucher. Aber zuerst machten wir eine Pause.
Stille Wasser sind tief. Deshalb suchten wir eine trockene Möglichkeit über den Bach zu kommen. An einer Stelle lag ein Baumstamm quer. Er war ziemlich morsch und rutschig, aber uns müsste er noch halten. Wir schickten Kai vor. Der Baumstamm knarrte. Als Kai in der Mitte vom Stamm war wollte ich schon nachgehen, aber der Stamm hielt das Gewicht von Kai nicht aus und zerbrach. Mit einem lauten klatschen fiel er ins Wasser. Es wär´ ein lustiger Anblick gewesen, wenn er sich dabei nicht das Genick an einem Stein, der an einer Stelle in dem Bach lag, gebrochen hätte. Der eine Stein lag so ungünstig, dass Kai genau auf ihn fiel. Das Wasser wurde, ehe man sich versah, rot.
Kirsten schrie laut und rannte in irgendeine Richtung. Das war wohl zu viel für sie. ,,Hey Kirsten, warte.” ,,Ach halt doch die Klappe du dämliche Schlampe. Du hast uns das hier alles eingebrockt.” ,,Ach hör schon auf. Wer hat denn gesagt: ,,Komm, las uns an die Laippe geh´n, wir is so langweilig.”?”
Kirsten lief dann weiter, und ich natürlich hinterher. Ich hab sie bald nicht mehr eingeholt. Von weiten sah ich dann bloß, wie sie hinfiel und nicht mehr aufstand. Sie hatte wohl ihren Asthma-Anfall. Als ich dann zu ihr hinrannte wusste ich, dass sie einen hatte.
Ich wollte so schnell wie möglich zurück ins Internat, der Weg kam mir schon ein bisschen vertrauter vor. Irgendwann bin ich dann ohnmächtig geworden. Die Polizei hat mich dann gefunden.

,,Den Rest kenn´ sie ja, ich bin im Krankenhaus ins Koma gefallen, durch den Schock… Also, das is´ die ganze Story gewesen.” Sie schaltete das Diktiergerät aus. ,,Danke, dass du dich trotzdem noch so gut erinnert hast Sie ging aus dem Zimmer und holte Erica hinein. ,,Also, Kathrin. Wir werden nun die Aufzeichnungen auswerten. Wenn es irgendwelche Fragen gibt melden wir uns bei dir. Du darfst dann gehen.” Erica gab mir beim Hinausgehen einen Zettel mit der Telefonnummer der Polizeidienststelle. ,,Oder du rufst uns an, wenn du noch einmal mit Dr. Michel, oder so, sprechen möchtest.”





IV


Es ist inzwischen Nachmittag geworden. Im Treppenhaus hing eine Uhr, an der ich mindestens dreimal vorbeiging. Ein furchtbar großes Gebäude. Hier ist ja nicht nur die Polizei mit Arrestzellen, sondern auch die Forensik, und die Pathologie.
Mich interessierte die Pathologie. Ich wollte meinen besten Freunden noch mal einen allerletzten Besuch abstatten. Sie waren noch nicht zur Bestattung freigegeben, hatte mir Iris erzählt. Der Wegweiser, vor dem ich stand zeigte nach rechts zur Pathologie. Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Der Gang war ziemlich lang und unheimlich. Komischerweise waren hier keine Gerichtsmediziner oder Polizisten unterwegs. Es war still, zu still. Aber egal. Ich wollte mich nur schnell von den vieren verabschieden und dann schnell wieder raus hier.
Von weiten sah ich schon die Tür zur Pathologie. Eine Metalltür mit zwei kleinen Fenstern, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Zum Glück war sie offen. Ich hatte das Gefühl, dass jemand wollte, dass ich hierher komme.
Ich stand in einem kleineren Vorraum, das Neon-Licht blendete und es roch nach einer Mischung aus Reinigungsmitteln und Zahnarzt. Ich ging durch eine Glastür in den riesigen Saal, hier roch es noch beißender. Vor mir stand ein großer Metalltisch mit allerhand Werkzeugen für die Obduktion. Links standen ein paar Regale mit Flaschen, und ein paar Waschbecken und Tische. Rechts war der Kühlraum mit den Leichen. Langsam ging ich zu der Tür. Sie stand einen Spalt offen. Es war ziemlich kalt hier drinnen. Der Raum war nicht sehr groß. Na ja, bei den paar Toten die hier im Jahr vielleicht reinkommen. Zur Zeit befanden sich auch nur vier Tote hier drinnen. Sie waren mit Weißen Laken abgedeckt und hatten einen Zettel an der Zehe. Gleich rechts neben mir lag Cora. Ich zog das Laken zurück. Sie sah fürchterlich ohne ihre Schminke aus.
Sie brauchte ja auch jeden Tag ne Stunde um sich hübsch zu machen. Um mit ihrer zentimeterdicken Schminke ihrem Freund zu imponieren. ,,Na was ist Fräulein Strecktitte? Ohne deinen Push-up siehste nich mehr so schick aus. Und ohne deine gestylten Haare. Irgendwie musstest du ja auch meinen Freund auf dich aufmerksam machen. … Wie konntest du nur mir meinen Freund ausspannen, du dämliche Ziege.” Ich holte einen Lippenstift aus meinem Rucksack. Es war eigentlich Coras Lippenstift, er lag bloß zufällig mal rum, und dann war er in meiner Tasche verschwunden. Es war lustig, als sie ihn suchte und jeden fragte, ob er man ihren Lippenstift gesehen hatte: ,,Habt ihr mein Lippenstift gesehen? Die Farbe heißt ,,Rosenhain” , das steht ganz deutlich auf der Hülle.”. Nun war es halt meiner, sie würde ihn ja ohnehin nicht mehr brauchen. Ich schrieb in großen Druckbuchstaben das Wort BITCH auf ihre Brust. Denn das war sie, ein widerlichen kleines Miststück.
,,Aber du hast ja deine gerechte Strafe bekommen. Ja, es ist schon blöd, wenn man an einem Hang steht und hinter einem sich eine von Hass und Eifersucht zerfressene ehemalige beste Freundin befindet. Da braucht es manchmal nur einen kleinen Schubser und die Sache ist erledigt.”

Als nächstes ging ich zu Marc. Auch hier schlug ich das Laken zurück. Ich schaute auf sein Arm und sah die Schnittwunde unterm Handgelenk.
,,Warum? Warum hast du mir das angetan? Ich habe dich geliebt. Ich habe dich mit Sicherheit mehr geliebt als die da.” Ich deutete auf Cora. ,,Ich habe geglaubt, dass du mich ebenso liebst. Du hast mir die große Liebe nur vorgeheuchelt: ,,Oh, Kathrin, ich liebe Dich!”. Und dann diese ganzen ,,Liebesbriefe”, auch alles nur Schein. Du hattest schon immer Augen für diese Schlampe, nicht war? Du mieser, kleiner, verlogener Heuchler.” Ich nahm das Messer, mit dem ich letztendlich seine Pulsader aufgeschnitten habe. Es kam mir schon ganz gelegen, dass er es versuchen wollte. So brauchte ich mir keinen anderen Weg ausdenken, wie ich ihn loswerde. Ich ritzte, mit dem noch blutverschmierten Messer, das Wort HEUCHLER in seine Brust.

Nachdem ich mich wieder so einigermaßen gefangen hatte ging ich zu meiner ehemaligen Zimmergenossin Kirsten. Die konnte einem manchmal so auf den Geist gehen mit ihren Bettgeschichten. Die poppt mit jedem der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Es kann mir ja auch egal sein, aber, wenn sie dauernd erzählt wo, wann, mit wem und so weiter. Mein Gott, da könnt ich manchmal aus der Haut fahren. ,,Na du kleine Nymphomanin. Da wo du jetzt bist wird dir wohl keiner mehr Geld für deine Liebesdienste zahlen, geschweige denn es mit dir treiben.”
Einmal hatte sie sogar versucht mich anzutatschen. Sie war zwar betrunken, aber am nächsten Tag hatte sie mich wieder angemacht. Immer und immer wieder. Dann war mir klar, dass sie bi ist. Ich hielt es einfach nicht mehr aus, sie musste genauso verschwinden, wie alle anderen. Es war kein Zufall, als sie ihr Asthma-Spray nicht gefunden hat. In meinem Rucksack ist viel Platz. Da passen Dutzende von Sprays rein. ,,Ja ja, eine Krankheit führt in den meisten Fällen zum Tode.” Ich nahm wieder den Lippenstift und schrieb Kirsten HURE auf den Bauch.

Es blieb nur noch einer übrig: Kai. Ich konnte ihn noch nie leiden. Er hat so eine unsympathische Art. Nun, man konnte sich gut mit ihm unterhalten. Aber dennoch wollte ich lieber nichts mit ihm zu tun haben. Ich fühle mich immer in seiner Nähe unwohl. Ausserdem war er das größte Klatschmaul im Internat. In seinem Zimmer war die Gerüchteküche stetig am brodeln. Er hat sogar über seine zwei Bettnachbarn immer gelästert. War der eine nicht da wurde über ihn geredet, war der andere nicht da über ihn.
Es war für alle das beste, wenn er nicht mehr da ist. Das dachte ich mir, als ich gerade an dem Baumstamm wackelte, als er draufstand.
Mit dem Messer ritzte ich LÄSTERKÖNIG in seine Brust.

Ich wusste, dass irgendwann jemand die Leichen abholt und mein ,,Werk” sehen wird, aber das war wir zur Zeit egal.
Ein hämisches Grinsen durchzog mein Gesicht.




V



Ich wurde schon mit großer Freude von Herrn Gersdorf im Internat erwartet. ,,Da sind Sie ja endlich. Sie waren ziemlich lange weg.” ,,Ja, ich musste hinterher noch was erledigen.” Herr Gersdorf ging mir voran die Treppe rauf. Er setzte sich wieder in sein Büro und wandte sich seinen Abrechnungen, oder so zu. In meinem Zimmer erwartete mich schon meine neue Zimmergenossin. Sie hieß Gabi und war ein aufgewecktes Mädel. Nachdem die vier nun verschieden waren, gab es Platz für vier neue Lehrlinge. Es hatte also noch etwas Gutes. Vier Neuen wurde es ermöglicht eine Lehre zu beginnen und hier im Internat zu wohnen.
Ausserdem habe ich das Kaff hier berühmt gemacht. Es wurde in allen Zeitungen über den Vorfall berichtet. In der Lausitzer Rundschau, dem Görlitzer, dem Löbauer und dem Weißwasseraner Wochenkurier, der Dresdner Morgenpost und der Sächsischen Zeitung. Selbst die BILD hat darüber berichtet:

TRAGISCHE UNFALLSERIE

ZU EINER TRAGISCHEN UNFALLSERIE, AM LETZTEN DONNERSTAG, KAM ES IN NEU-HAISCHA, EINEM DORF IN DER NÄHE VON GÖRLITZ. EINE GRUPPE JUGENDLICHER, AUS DEM HIESIGEN INTERNAT, WOLLTE EINEN AUSFLUG AN DEN NAHE GELEGENEN SCHÖPS MACHEN. DOCH FÜR VIER DER TEENAGER ENDETE DER AUSFLUG TÖDLICH. EIN MÄDCHEN STÜRZTE EINEN HANG AM SCHÖPSUFER HINAB, EIN JUNGE BRACH SICH DAS GENICK ALS ER VON EINEM BAUMSTAMM, DER ÜBER DEM FLUSS LAG, FIEL. EIN ANDERES MÄDCHEN ERSTICKTE, WEIL ES IHR ASTHMA-SPRAY NICHT RECHTZEITIG FAND. EIN VIERTER JUGENDLICHER WURDE AUF EINEM HOCHSTAND MIT AUFGESCHNITTENEN PULSADERN GEFUNDEN. DIE ÜBERLEBENDE BERICHTET, DASS ER AUS TRAUER ÜBER DEN VERLUST SEINER FREUNDIN, WELCHE DEN HANG HINABGESTÜRZT WAR, SICH DAS LEBEN NEHMEN WOLLTE.
DIE ÜBERLEBENDE KATHRIN ANNA PASCH STEHT NOCH UNTER SCHOCK. SIE WIRD NOCH ZU DEN VORFÄLLEN BEFRAGT WERDEN.

Auch das MDR hat im Fernsehen darüber berichtet. Um die ganze Sache wurde fast soviel Gewese drum gemacht wie damals der Fall Schmökel oder der Vorfall in Kromlau, wo ein Mädchen vergewaltigt wurde und danach umgebracht wurde
.
Ich dachte niemals, dass sich das so entwickelt. Böse Zungen gaben sogar in aller Öffentlichkeit an, dass ich etwas damit zu tun haben soll. Aber ich schilderte die Dinge so überzeugend, dass niemand mehr glaubte, ich hätte etwas damit zu tun. Und auch heute habe ich wieder sehr überzeugend geklungen. Ich wurde schon dreimal von der Polizei verhört. Immer lief ein Band mit. Die wollten testen, ob ich mich nicht widerspreche. Aber, wenn man mein Werk in der Pathologie sieht, wird ich wohl nochmals verhört werden. Mir soll´s recht sein. So werde ich noch ein großer Fernsehstar. Wenn dann alle über mich berichten. Aber berühmt wird man nicht, wenn man nichts tut, sondern, wenn man etwas tut. Und Ich werde etwas tun.
,,Also, wenn du fertig bist können wir uns ja auf den Weg machen”, meinte Gabi und zupfte ihre Haare vor dem Spiegel zurecht. ,,Na klar. Sind die anderen drei auch soweit?” ,,Ich glaub schon.”

Wir holten die anderen drei an ihren Zimmern ab. ,,Wo geh´n wir eigentlich hin?”, fragte Gabi neugierig. ,,Ich möchte euch ein bisschen die Gegend hier zeigen. Das mach ich mit allen neuen Lehrlingen.” ,,Das ist cool. Nebenbei kann ich dir ja von meiner Verabredung gestern Abend erzählen.” ,,Aber natürlich. …”

Wir fünf gingen über die herrliche Wiese. Es war ein schöner Tag, und nur noch wenige Meter bis zu unserem wunderschönen Schöps.


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