Romane & Erzählungen
Nachruf für Maik Michalski

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"Nachruf für Maik Michalski"
Veröffentlicht am 15. Juli 2011, 12 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

habe sprachwissenschaft und musikwissenschaft studiert... studiere englische literatur und sprache spiele gitarre liebe bücher muss mehr schreiben ... ;D
Nachruf für Maik Michalski

Nachruf für Maik Michalski

Beschreibung

Eine meiner ersten Kurzgeschichten. Ein fiktiver Nachruf für den Studenten Maik Michalski, der seinen Abschiedsbrief enthält.

Ein Nachruf für Maik Michalski*


 

Der folgende Abschiedsbrief wurde neben dem Leichnam des Studenten Maik Michalski gefunden, der am 13. 07. tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Der 23-jährige Michalski hatte sich, vermutlich aufgrund einer depressiven Störung, in der Nacht vom 12. zum 13. 07. das Leben genommen. Seine Nachbarn hatten gegen 2 Uhr nachts die Polizei verständigt da er sich scheinbar trotz mehrmaligem Klopfen und Klingeln geweigert hatte seine Musik leiser zu stellen oder die Tür zu öffnen. Als die Beamten nach mehreren Warnungen gewaltsam die Tür öffneten, saß Michalski im Lotussitz, einer bekannten Meditationsstellung, in der Mitte seines Wohnzimmers. Sein Kopf war an einer Vorrichtung befestigt, die ihn daran hinderte nach vorn überzukippen. In seiner Wohnung fand man eine beachtliche Menge Bücher, die teilweise bis unter die Zimmerdecke gestapelt waren sowie unzählige stark verschmutzte Manuskripte. Ausserdem wurde in Michalskis Kühlschrank ein stark verwester Katzenkadaver entdeckt an dessen Halsband ein handgeschriebenes Testament befestigt war in dem Michalski verfügte, dass sein gesamter Besitz versteigert und der Erlös dem ortsansässigen Tierheim gespendet werden sollte. Maik Michalski wurde von seinen Freunden und Bekannten als intelligenter, warmherziger und lebensfroher Mensch beschrieben. Bis zuletzt zeigte er keinerlei Anzeichen einer Depression. Noch zwei Tage zuvor hatte er im Kreis seiner Freunde, angeblich sehr ausgelassen, seinen Geburtstag gefeiert. Er hinterlässt neben vielen fassungslosen Freunden seine trauernde Mutter Michaela* (43) und seine langjährige Freundin Kathrin* (19). Beide haben sich in therapeutische Behandlung begeben und gemeinsam beschlossen seinen Abschiedsbrief zu veröffentlichen um, wie sie meinten "der Welt einen letzten Eindruck ihres geliebten Sohnes und Freundes zu hinterlassen". Ausserdem ginge es ihnen darum ein "Mahnmal" für alle zu setzen, für die es noch nicht zu spät sei.


Vor kurzem hat mich mein bester und wohl einziger Freund verlassen. Ein greiser und zotteliger Kater, von dem niemand wusste, ausser Ich. Er war kein besonders gelungenes Exemplar seiner Art und vielleicht hatte ich ihn deswegen so gern. Es war wohl unsere größte Gemeinsamkeit. Nach meinem zweitbesten Freund und Feind hatte ich ihn Vodka genannt. Eines Tages war er mir über das Dachfenster meiner kleinen Wohung in das Innere des Hauses und meines Herzens gefolgt. Ich weiss nicht was ich an mir hatte, dass er sich scheinbar so zu mir hingezogen fühlte, ob er diese tiefe, wortlose Verbundenheit auch wahrnahm, die ich mir so gern einbildete. Ich sah keinen Grund ihn zurück in den Regen zu schicken und so wurde der Pakt noch an diesem Abend, stillschweigend besiegelt als er das erste mal, nach ein paar Stücken Kochschinken und einem Napf Milch, schnurrend auf meinem Schoß einschlief. Wie gesagt, Vodka war kein sonderlich schönes Tier, zumindest nicht wenn man es nicht schaffte über sein Äusseres hinwegzusehen. Er schien vom Leben gezeichnet, war übersät von Narben und kahlen Stellen. Ausserdem war sein Schwanz geknickt und Ich hatte den Eindruck er würde nur noch auf einem Auge sehen. Sein Leben mag hart gewesen sein, sein Tod war es nicht. Nach einigen Monaten friedlichen Zusammenseins wurde er schliesslich krank oder sein Alter holte ihn einfach ein. Er ertrug ein paar Tage stoisch sein Leid, bevor er durch eine Spritze erlöst wurde, die Ich beschlossen hatte ihm zum Abschiedsgeschenk zu machen, als Dank für die letzten authentischen Gefühle der Zuneigung, die Ich ohne ihn wohl nicht mehr gespürt hätte. Manchmal frage ich mich ob er mir aus dem Grund gefolgt ist, weil er fühlte, dass ich die Fähigkeit besaß die Todessehnsucht in ihm zu erkennen. Nun mag man sich fragen, warum Ich in ihm meinen einzigen Freund zu erkennen glaubte denn ich bin gewiss kein Mensch, der oft allein ist und mit Sicherheit kein Eremit oder Eigenbrötler. Nein. Auch Ich habe Famile und Menschen, die man gut und gerne als Freunde bezeichnen könnte wenn sie nur nie reden würden und einfach da wären, so wie Vodka. Unsere Fähigkeit uns mitzuteilen öffnet Enttäuschungen, Missgunst, Desillusionierung und Unverständnis Tür und Tor. Es dauerte nicht lange bis die ursprüngliche Faszination, die von Menschen ausging, für mich umschlug in Zorn, Traurigkeit und letztendlich Langeweile. Die Erkenntnis und Faszination, der schneeflockenartigen, unendlichen Kompexität menschlicher Seelen wurde bald überschattet von der Einsicht, dass ihre filigranen Unterschiede von Weitem verschwimmen und nichts bleibt als kühle, farblose Masse, die nur existiert um zu vergehen. Das Gefühl ein Teil dieser Masse zu sein, die Illusion einer Verbindung, hat sich schon längst verflüchtigt und doch habe ich versucht niemals aufzugeben, habe mich immer wieder in neue Bindungen begeben, einen Teil meiner selbst verschenkt im Austausch für das Gefühl dazu zu gehören und die trügerische Hoffnung letztendlich doch verstanden zu werden. Heute hindert mich auch ein Raum voller Menschen und guter Laune nicht daran einsam zu sein. Im Gegenteil. Besonders die Anwesenheit von glücklichen Leuten, die es scheinbar fertigbringen die bittere Sinnlosigkeit des Daseins zu vergessen und vollends im Moment aufzugehen, macht mir wieder und wieder klar, dass Ich nie einer von ihnen sein werde. Ihre Freuden erscheinen mir fad, ihre Probleme konstruiert, und jedes gewechselte Wort dient nur der oberflächlichen Vertiefung der lächerlichen Farce ihrer Existenz. Zuerst widert mich ihre Gedankenlosigkeit an und dann versinke ich in Selbstmitleid und Neid. Trotzdem gebe ich mir immer wieder Mühe sie nicht zu enttäuschen, bringe alle verfügbare Energie auf um nicht in Tränen auszubrechen und mir stattdessen ein falsches Lächeln abzuringen denn was können die Anderen schon dafür, dass ich zu dumm oder zu klug bin um zu fühlen was sie fühlen. So hat auch MEIN Schweigen gelernt sich nicht durch Schweigen zu verraten und Ich frage mich wievielen fröhlichen Gesichtern da draussen es genauso geht. Mittlerweile hat mich allerdings auch dieses Gefühl verlassen und oft wünsch Ich mir die Zeit zurück in der mich solche Erfahrungen noch in tiefes Unglück und tagelange Melancholie gestürzt haben. Einfach um irgendetwas zu spüren. Auch die darauf folgende Periode der arroganten Abscheu, vermischt mit Anflügen zynischer und bitterer Belustigung erscheint mir heute, in Anbetracht des verbleibenden Gefühls stumpfer Gleichgültigkeit als das kleinere Übel. Es ist nicht so, dass nicht auch mir kleinere Episoden des Glücks vergönnt waren. Ein flüchtiger Traum hier und da, der mir erlaubte zu vergessen. Auch für mich schlug das Pendel des Glücks beständig in die eine UND die andere Richtung aus. Nur mein Pendel, sei es aufgrund meiner psychischen Veranlagung oder ein böser Streich des Schicksals, hatte eine Unwucht und für jeden Grashalm, den ich ergriff hing sich ein Fels an meine Füße. Wie Poe's Pendulum sank es mit jedem Ausschlag tiefer auf mich zu, im Begriff mich zu vernichten. Die Menschen, die Ich kennenlernte waren wie die Ratten, die meine Fesseln zerfressen und mich hätten retten können. Doch in meinem Ekel vor ihnen schrie Ich laut auf und wand mich von links nach rechts, damit sie nur verschwinden und mich meinem Schicksal überlassen mochten.Die Binsenweisheiten, die Ich den Hoffnungslosen vorbete, hängen mir zum Hals raus und obwohl sie im Kern wahr sind, haben sie doch nur für die lebenden Bedeutung. Wenn die Hoffnung zuletzt stirbt, läuft mein Leben wohl rückwärts und ich habe mit Sterben begonnen. Moliére fällt mir ein. Man stirbt nur ein mal - und für so lange. Ich habe beschlossen diesen Prozess nicht unnötig auszudehnen. Was im Geiste schon vollbracht ist, soll nun meine sterbliche Hülle einholen. Ich sterbe nicht aus Trauer, Frust, Wut oder gebrochenem Herzen, sondern weil ich all das nicht mehr spüren kann. Ein Bekannter, vielleicht auch ein Freund, hat mir ein Gift besorgt, das schnell und schmerzlos tötet. Also soll jeder, dem es etwas bedeutet, wissen, dass mein Sterben ohne Qual war. Der Hersteller des tödlichen Cocktails, den ich vor nunmehr 37 minuten zu mir genommen habe, versicherte es würde ungefähr eine Stunde dauern bis der "Schlaf" mich übermannt. Meine Hände beginnen mehr und mehr zu zittern und Ich schwitze weil mir furchtbar heiss ist. Also werde ich Niemanden mit noch mehr, ohnehin unnötigen, Worten langweilen. Nur eine Sache noch. Ich hoffe es gibt KEIN Leben nach dem Tod. Die Vorstellung mag zwar reizend für die normalen Lebenden sein aber für die, die des Daseins überdrüssig sind, gibt es kein Paradies jenseits des Nichts, keinen Himmel ausser der Auflösung. Für die wenigen Menschen auf der Straße in deren Blick ich meinte dasselbe zu erkennen, was mich veranlasst diese Zeilen niederzuschreiben, für die tot geborenen und täglich sterbenden, für die Unverstandenen, die nicht vergessen können, für alle, die mit Tränen in den Augen lächeln und für jeden, den ich in tiefem Schmerz zurücklasse hoffe ich (zum letzten Mal), dass der tragische Witz des Lebens kein endloser ist.

 

 

 

*Namen geändert

©Thomas Münchow

 

 

   

 

 

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RandolphCarter
habe sprachwissenschaft und musikwissenschaft studiert...
studiere englische literatur und sprache
spiele gitarre
liebe bücher
muss mehr schreiben ... ;D

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UteSchuster Re: Re: Kompliment, eine wunderbare und sehr zu Herzen gehende Geschichte -
Zitat: (Original von RandolphCarter am 15.07.2011 - 22:29 Uhr)
Zitat: (Original von UteSchuster am 15.07.2011 - 22:19 Uhr) Spannend und mitreißend geschrieben.

Hezrlich willkommen, ich freue mich auf mehr von Dir.

GLG Ute


danke ute ... leider habe ich nicht viel zeit zu schreiben ... aber die nächste geschichte kommt bestimmt.. und ist auch sicher nicht ganz so düster ;D


Man(n) sollte schreiben, wenn es heraussprudelt. Planen wäre da Unsinn.
Ich freu mich drauf.
Vor langer Zeit - Antworten
RandolphCarter Re: Kompliment, eine wunderbare und sehr zu Herzen gehende Geschichte -
Zitat: (Original von UteSchuster am 15.07.2011 - 22:19 Uhr) Spannend und mitreißend geschrieben.

Hezrlich willkommen, ich freue mich auf mehr von Dir.

GLG Ute


danke ute ... leider habe ich nicht viel zeit zu schreiben ... aber die nächste geschichte kommt bestimmt.. und ist auch sicher nicht ganz so düster ;D
Vor langer Zeit - Antworten
UteSchuster Kompliment, eine wunderbare und sehr zu Herzen gehende Geschichte - Spannend und mitreißend geschrieben.

Hezrlich willkommen, ich freue mich auf mehr von Dir.

GLG Ute
Vor langer Zeit - Antworten
RandolphCarter Re: Re: Re: -
Zitat: (Original von mukk am 15.07.2011 - 22:07 Uhr)
Zitat: (Original von RandolphCarter am 15.07.2011 - 22:01 Uhr)
Zitat: (Original von mukk am 15.07.2011 - 21:39 Uhr) .... dein Text macht mich traurig...
die Depresasdion allerdings wunderbar beschrieben...berührt...
liebe Grüße
Ingrid



dankeschön. freut mich wenn meine worte berühren können. das ist das schöne am schreiben nicht wahr?


Um Gottes Willen! Sehe jetzt erst, wie ich "Depression" geschrieben habe .... ich hoffe, du kanntest dich trotzdem aus -
Liebe Nacht Grüße
Ingrid

:) habs schon verstanden... kommt vor
Vor langer Zeit - Antworten
mukk Re: Re: -
Zitat: (Original von RandolphCarter am 15.07.2011 - 22:01 Uhr)
Zitat: (Original von mukk am 15.07.2011 - 21:39 Uhr) .... dein Text macht mich traurig...
die Depresasdion allerdings wunderbar beschrieben...berührt...
liebe Grüße
Ingrid



dankeschön. freut mich wenn meine worte berühren können. das ist das schöne am schreiben nicht wahr?


Um Gottes Willen! Sehe jetzt erst, wie ich "Depression" geschrieben habe .... ich hoffe, du kanntest dich trotzdem aus -
Liebe Nacht Grüße
Ingrid
Vor langer Zeit - Antworten
RandolphCarter Re: -
Zitat: (Original von mukk am 15.07.2011 - 21:39 Uhr) .... dein Text macht mich traurig...
die Depresasdion allerdings wunderbar beschrieben...berührt...
liebe Grüße
Ingrid



dankeschön. freut mich wenn meine worte berühren können. das ist das schöne am schreiben nicht wahr?
Vor langer Zeit - Antworten
mukk .... dein Text macht mich traurig...
die Depresasdion allerdings wunderbar beschrieben...berührt...
liebe Grüße
Ingrid
Vor langer Zeit - Antworten
RandolphCarter Re: sehr berührend für mich.... - vielen dank. tut mir leid für dich und deinen freund. ich habe ähnliches auch schon erlebt.

lg RC
Vor langer Zeit - Antworten
Seelenklang sehr berührend für mich.... - weil kürzlich erst ein guter freund von mir freiwillig aus dem leben gegangen ist und so manch ein gedankengang in deiner geschichte sich ähnelt..........

lg
seelenklang
Vor langer Zeit - Antworten
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