Kurzgeschichte
Licht - Ich bin eine Mörderin

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"Licht - Ich bin eine Mörderin"
Veröffentlicht am 05. Mai 2011, 8 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Licht - Ich bin eine Mörderin

Licht - Ich bin eine Mörderin

 Mit Widerwillen lösten sich meine Finger von seinen Schläfen, sie schienen mir nicht mehr zu gehorchen. Meine Augen flimmerten als ich auf die ruhige Gestalt zu meinen Füßen blickte, auch sie verwehrten ihren Dienst, während ich ihm flüchtig über das so vertraute Gesicht strich. Er lächelte aus erstarrten Augen zurück. Schnell verschloss ich wie gewohnt meinen Geist vor den unaufhaltsam auf mich zuströmenden Gefühlen, ehe ich in Ohnmacht fallen konnte. Doch die Intensität überrollte mich so unerwartet wie eine Welle in der zu ertrinken drohte. Mein Kopf war leer und ausgelaugt, ich sank auf die Knie und stützte mich mit den Händen auf dem Boden ab, blöderweise stieß dabei mein Ellbogen gegen seinen weichen Bauch. Mein Atem stockte - ich lief Gefahr die Beherrschung zu verlieren und verstärkte meinen Schutzwall mit aller Kraft die ich noch aufbringen konnte. Aus reinem Überlebensinstinkt schloss ich die Augen und gönnte ich mir kurz Erholung, zwang mich dann aufzustehen und möglichst leise aus dem Fenster zu verschwinden, ohne dem Schutzwall eine Lücke zu lassen. Gerade als ich dazu ansetzte den Meter von dem Fensterbrett hinunter auf die Straße zu springen, ließ mich ein letzter Rest Unsicherheit umdrehen und in einem seltsam apathischen Zustand zurückblicken. Der Augenblick brannte sich tief in mein Gedächtnis. Die dunkelblauen Vorhänge striffen meine nackten Füße, als sie sich in einer kühlen Brise aufbäumten, die durch das Fenster hineinwehte. Die Luft schmeckte frisch, süß und nach Hoffnung, der Geschmack des Frühlings. Und inmitten des Zimmers lag die Leiche der einzigen Person die ich mich jemals getraut habe zu lieben. Er hatte dafür zahlen müssen. Doch all dies erreichte mich nichtmehr. Ich drehte mich wieder um und sprang. Es würde aussehen wie ein Herzstillstand, ein Herzinfarkt. Ich runzelte die Stirn. Wie ungewöhnlich, ein Herzinfarkt in so jungen Jahren. Aber Strategie war nicht mein Gebiet und so verschwand ich wie ein Geist in der Dunkelheit unter dem Fenster, als wäre ich nie da gewesen. Der Gedanke, dass er die letzten Sekunden so glücklich verbracht hat, wie ein Mensch (abgesehen von mir) nur sein kann, hätte mich womöglich getröstet, doch mein Schutzwall war selbst dafür undurchdringlich, weder für Trauer noch für Freude. Nur eine zitternde Gleichgültigkeit bedeckte meine Hände mit kaltem Schweiß. Ich hatte lange trainiert um so weit zu gelangen und nun sollte es sich auszahlen. Eine kurze Übelkeitswelle riss mich aus meinen stumpfen Gedanken und ich erbrach mich mitten auf die dreckige, von Laternenlicht überflutete Straße. Eine unangenehme Nebenwirkung, die sich leider nicht beseitigen ließ. Doch sie verflog schnell wieder und ich legte meinen schmerzenden Kopf in den Nacken. Über mir funkelten vereinzelt die Sterne; für solch einen bewölkten Tag war die Nacht ungewöhnlich klar und ich sog die frische, duftende Frühlingsluft tief ein. Ich hatte keine Zeit, ausführlich Kraft zu tanken, doch bereits der Moment gab mir genug Energie um weiter zu gehen und von diesem Ort zu verschwinden.

Ich bin neunzehn und ich heiße Anneke. Ich bin ein sehr gewöhnliches Mädchen - ein wenig zu klein mit langem, straßenköterblond gelocktem Haar, nicht mehr dünn, noch nicht dick. Ich stehe vor dem Spiegel, drehe und wende mich, fahre mir mit den Fingern durch das Haar, zupfe an meinen Klamotten, lächel mein Spiegelbild ein letztes mal an, nur um mich dann resigniert abzuwenden. Oh nein, eine Schönheit bin ich nicht. Wozu brauche ich Schönheit wenn ich die Musik habe?, denke ich lächelnd. „We are ugly but we have the music“ sang doch schon Leonard Cohen. Und deshalb drehe ich sie lauter, wie als Ausgleich für etwas, das man nicht haben kann. Der springende irische Rhythmus fährt mir in das Herz, die Geige zerreißt es, die Flöte sammelt es wieder ein, mein Herz tanzt. Ich blicke auf und wie erwartet scheint mir die warme, goldene Abendsonne durch das offene Fenster im zweiten Stock voll in mein Gesicht, taucht alles in flüssiges Gold. Meine Armhärchen stellen sich auf, ich spüre die Kraft und die Wärme in jeder Pore, sauge sie tief in mich auf. Adrenalin, Endorphine pumpen wie Blut durch meine Adern, mein Puls rast. Ich hole tief Luft um nicht schreien zu müssen. Der Augenblick steigert sich bis er schier unerträglich ist und dann ist sie da – meine einzige Besonderheit, meine Gabe, mein Fluch. Ich bin ein Gefäß und werde von der Welt randvoll mit Liebe gefüllt. Ich bin die reine Glücksseeligkeit. Ich bekomme die geballte Ladung von dem ab, was ein gewöhnlicher Mensch im gesamten Leben als kleinen Teil empfängt. Ich bin es gewohnt, es ist zu einer Art Droge geworden, während jeder andere an dem puren Feuer im Blut sterben würde, das Herz wäre durch die konzentrierten Gefühle überfordert. Diese Momente sind gefährlich. Ich bin gefährlich. Als ich das erste Mal merkte dass es sich durch Berührung übertragen lässt, starb meine Katze. Ich weiß nicht woher es kommt und vor allem wieso es gerade nur mir passiert und es spielt auch keine Rolle für mich. Ich hatte nie eine andere Wahl, als andere Menschen zu schützen, indem ich versuche sie von mir fernzuhalten und so lernte ich, mir einen Schutzwall aufzubauen, den ich errichten konnte, wann immer es erforderlich war. Nur ein einziges Mal habe ich einem Menschen meine Liebe gezeigt, die mich durchfließt wie ein warmer, reißender Strom. Er riss ihn mit. Doch das was jetzt zählt ist der Moment und er erfordert höchste Konzentration. Funkelnde Tränen laufen mir über die Wangen während ich langsam auf das Fensterbrett steige, ich scheine zu schweben. Unter mir erstreckt sich der aufblühende Garten, ich kann den intensiven Duft der tausenden Blüten riechen, die Vögel singen für mich. In einer warmen Brise umflattert der Vorhang meine nackten Füße und endlich schließe ich die Augen. In mir fließt der geliebte Strom, ich empfange ihn, heiße ihn willkommen, verstecke nichts und unterdrücke nichts. Die Sonne greift nach mir, der Wind zerrt an mir, es gibt keine Grenzen mehr, ich bin frei. Ich tue einen letzten Schritt und mit seinem Bild vor Augen springe ich kraftvoll ab. Im goldenen Licht löse ich mich auf, zerfließe mit dem Wind und endlich bleibt mein Herz stehen.

 

 

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Kanneen

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