
In den Vereinigten Staaten versucht ein deutscher Archäologe mit Hilfe seiner beiden mexikanischen Freunde ein altes Indianerdorf zu finden. Auf ihrem Weg werden sie immer wieder von Banditen angefallen. Die Überarbeitete Version enthält Verbesserungen, vorallem im Bezug auf die Logik.
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Dunkelheit legte sich über die Straßen Berlins. Ein Mann saß in einem Büro des 'Pergamon'-Museums, das nur durch eine kleine Lampe erleuchtet wurde, und blickte ab und zu gelangweilt auf das verregnete Pflaster der Straße. Nach einigen Minuten schaute er auf die grüne Radiouhr, es war schon kurz vor halb zwölf. Dann sah er erwartungsvoll auf das Telefon, als würde er einen Anruf erwarten. Er blickte wieder auf die Straße.
Als um zwölf Uhr das Telefon klingelte, schreckte der Mann, der eben in einen leichten Schlaf gesunken war, auf und nahm den Telefonhörer ab.
„Richter“, meldete er sich mit leiser Stimme.
„Hier Sanchez“, sagte eine Stimme, auf der anderen Seite der Verbindung mit einem starken mexikanischem Akzent.
„Und? Habt ihr es?“, fragte Richter.
„Si, wir treffen uns in Albuquerque im 'Grand-Hotel'. Ein Mann von mir holt sie in Houston vor der Garage ab.“
„OK, bis dann.“
„Buenos Noches.“
Dann war dieses merkwürdige Telefongespräch auch schon beendet, in Richter war nun aber Leben gekommen. Er suchte seine Sachen zusammen, ging aus dem Büro, schloss die Tür hinter sich und trat durch die Eingangshalle des Museums, hinaus auf die verregneten Pflastersteine. Er stieg in sein Auto und fuhr davon.
Als er zu Hause ankam, war das Haus wie leergefegt. Seine Frau, Nicole Richter, war bereits zu Bett gegangen und schlief fest. Sie wachte auch nicht auf, als ihr Mann sich ins Zimmer schlich und einige wenige Kleidungsstücke packte. Er gab seiner jungen Frau einen zärtlichen Kuss auf die Wange und schlich wieder hinaus.
Nachdem er das Licht im Wohnzimmer angeschaltet hatte, konnte man ihn gut erkennen: groß, schlank, gut gebaut und sah gar nicht mal so übel aus. Er hatte dunkel-blonde, kurz gehaltene Haare und ein leicht verwegenes Aussehen. Seine klug aussehenden Augen und die davor sitzenden, runden Brillengläser verschafften ihm einen gebildeten Eindruck. Das lange, hagere Gesicht war offen und freundlich. Er trug ein fein gebügeltes Hemd; eine Krawatte, die er sich bereits im Auto gelockert hatte; eine saubere Jeans und schwarz polierte Schuhe.
Er packte einige sehr genaue Karten von der Mitte der USA, einige grundlegende Dinge für mehrere Tage in der Natur, ein paar äußerst dicke Bücher und zuallerletzt ein Flugticket ein. Es war bloß ein Economyclass-Ticket und Sven Richter brummte ein wenig, als es ihm wieder einfiel. Doch es würde ihn direkt nach New York bringen, wo er in das Flugzeug nach Houston steigen würden und von dort aus würde es nach Albuquerque gehen.
Nun schrieb er schnell, aber liebevoll einen Brief an seine Frau, da er sie nicht wecken wollte. In ihm stand:
'Ich bin nach Frankfurt aufgebrochen, du weißt was das heißt. Hoffentlich sehen oder hören wir uns bald wieder.
Ich liebe dich
Sven'
Das Schriftstück war kurz, aber es erfüllte seinen Sinn. Nun schlich der junge Mann wieder ins Schlafzimmer und legte den Zettel auf den Nachttisch neben Nicole.
Inzwischen war es halb zwei Uhr nachts und es hatte aufgehört zu regnen. Sven trat aus dem Haus heraus in die immer noch große Kälte. Er hatte sich bereits ein Taxi gerufen, da nur ein Auto zur Verfügung stand und er es seiner Frau überlassen wollte. Außerdem war er zu müde und erschöpft, um selbst zu fahren.
Als nach einigen Minuten das ersehnte Taxi eintraf, konnte Sven Richter kaum noch seine Augen offen halten. Er ließ sich in den Sitz fallen und murmelte:
„Zum Bahnhof!“
Innerhalb von zehn Minuten stand Sven vor dem Berliner Bahnhof, zahlte dem Taxifahrer sein Geld und stieg in den Zug zum Frankfurter Flughafen.
Als der Zug endlich, um sieben Uhr, im Bahnhof des großen Flughafens hielt, nahm seine Sven seine Taschen und stieg aus. Er hatte noch vier Stunden bis zum Abflug und ging deshalb erst einmal in einen Coffeeshop und stärkte sich mit einem wohlschmeckendem Kaffee. Dann sah er noch einige Zeit in seinem Laptop nach, ob er irgendwelche E-Mails bekommen hatte. Als er sicher war, dass er keine bekommen hatte nahm er sich eine Tageszeitung.
Danach bewegte er sich auf den Check-In-Schalter zu. Er sah auf seine Analog-Uhr und bemerkte, dass er immer noch zwei Stunden Zeit hatte. Also schlenderte er noch herum, bis endlich die Durchsage kam, dass der Check-In für den Flug nach New York nun beginnen würde.
Als das Flugzeug gestartet war, schaltete er wieder seinen Laptop ein, welcher ein relativ altes Modell war; es war ein etwa zwanzig mal fünfundzwanzig Zentimeter großer, blauer Kasten.
Nun bemerkte er eine Mail seines mexikanischen Freundes. Im Anhang dieser Nachricht befanden sich zehn Fotografien. Diese zeigten zwei alte, verzierte Krüge indianischer Herkunft. Auf dem einen Krug war ein Text zu erkennen, der in einer der ersten Schriften der indianischen Kultur bestand. Er hatte diese Schrift bereits oft gesehen und verstand es, den Text nach etwa einer Stunde zu entziffern. Der zweite Krug besaß keinerlei Schriftzeichen doch viele Linien in unterschiedlichen Farben. Sven musste lange überlegen und viel Fantasie aufbringen, bis er mithilfe einer Karte des US-Bundesstaates Colorado einen Teil der Rocky Mountains erkannte.
Nachdem er nach drei Stunden fertig war packte er seinen Computer wieder ein.
Sven war froh als die Stewardess ihm etwas zu Essen brachte. Nach dem Essen schlief er ein und träumte von der Entdeckung, einem großartigen Abenteuer und seiner Frau.
Er erwachte erst wieder als das Flugzeug am 'J.F.Kennedy Airport' landete. Sven stieg aus und ging zum Check-In für den Flug nach Texas, als er bemerkte, dass er von einem Mann in einer braunen Kleidung beobachtet wurde.
Der Mann folgte ihm auch noch als er kurz vor dem Schalter hielt. Dann kam er direkt auf Sven Richter zu und sagte auf Deutsch, vermischt mit einem starken französischen Akzent:
„Sind Sie Sven Richter?“
„Ja, der bin ich. Was wollen Sie?“, war die Antwort.
Sven musterte den augenscheinlich Franzosen mit scharfem Blick. Er war groß, äußerst groß, und wirkte schlaksig, doch sein grauer Bart, die grauen, zerzausten Haare, der ungewaschene Anblick und die nicht gerade vertrauenerweckenden Augen verliehen ihm ein geradezu böses Aussehen. Doch das schlimmste an ihm war der beißende Geruch, der von ihm ausging. Dies zeugte davon, dass dieser Mann wohl seit längerem kein Wasser mehr gesehen hatte. Auch seine Kleidung schien sich dem Körper angepasst zu haben; die Füße steckten in einem Paar hoher Stiefel und die Hose und die Weste waren durch den Staub, der sich an ihnen gesammelt hatte, steif geworden.
„Ich bin Jean-Paul Beaumont. Ich habe Ihren Bericht über die Indianer in der 'Berliner Tageszeitung' gelesen und war sehr angetan. Ich würde mich Ihnen gerne anschließen.“
Doch Sven musste ihn enttäuschen:
„Tut mir Leid, Monsieur Beaumont, aber ich kann Sie nicht mitnehmen. Die Sache, der ich gerade auf der Spur bin, ist noch zu geheim, tut mir Leid.“
Sven drehte sich um und wollte gehen, doch Beaumont hielt ihn am Ärmel fest.
„Glauben Sie mir, es kann für Sie nur von Vorteil sein, Herr Richter“, versuchte er zu argumentieren. Doch Sven schüttelte ihn ab und drehte sich erneut um. Er sagte bloß:
„Auf Wiedersehen.“
„Sie werden noch von mir hören, merken sie sich das, Richter!“, rief der Franzose ihm noch in einem unfreundlichen Ton hinterher, doch nun trat Sven an den Schalter und checkte ein.
Sein Flug brachte ihn nun in den größten amerikanischen Bundesstaat.
Das Ballungsgebiet von Houston liegt nahe der Galveston Bay, eine der größten Buchten des mexikanischen Golfes. Trotz der starken südlichen Lage ist das Klima in dieser Stadt sehr angenehm.
Die Stadt selbst hat eine Einwohnerzahl von über zwei Millionen Menschen, und gehört zu der sechstgrößten Metropolregion der USA. Sie ist sehr bekannt durch die bis vor einigen Jahren riesige Ölindustrie. Sie hat außerdem drei Flughäfen und den umsatzstärksten Hafen des Landes. Und selbst die NASA war in dieser Stadt vertreten. Das ist mit Sicherheit durch einen der berühmtesten Sprüche der Raumfahrt bekannt.
Als Sven Richter aus dem Flughafen hinaustrat, fand er sich in gleißendem Sonnenlicht wieder und schaute sich auf dem geschäftigen Vorplatz um. Er sah viele Autos, hunderte Taxis und Familien die sich hastig noch verabschiedeten:
„Wie soll ich hier bloß meinen Fahr ...“
Aber bevor er den Satz zu Ende gedacht hatte sprach ihn jemand von hinten an:
„Bist du Señor Richter?“
Der Angesprochene drehte sich um und sah einen ziemlich klein gebauten Mexikaner, der an einem alten Pick-Up lehnte. Er war nicht rasiert und hatte daher einige Stoppeln am Kinn. An den kurzen, schwarzen Haaren und dem schwarzen Schnurrbart konnte man ihn leicht als Latino erkennen. Der Teil des Gesichtes, der nicht von dem Bart bedeckt wurde, war recht rund, nicht sehr ausdrucksvoll, aber nicht grimmig. Auch er sah verwegen aus und Sven schoss der Gedanke durch den Kopf, dass er heute wohl nur auf verwegene Leute stoßen würde. Er stellte zudem fest, dass dieser Mexikaner etwa einen Kopf kleiner war, als er selbst. Er steckte in einem ungewaschenen, verblichenen Ding, das wohl mal weiß gewesen sein musste. Sven meinte, es müsste ein Poncho sein. Die Beine des Mexikaners steckten in einer ebenso dreckigen Hose und die Füße wurden durch ein paar Sandalen zumindest ein wenig geschützt.
„Ja, der bin ich. Bist du Pablo Sanchez´ Mann?“
Der Mann gab keine Antwort sondern zeigte nur auf seine Beifahrertür, Sven Richter stieg ein und der Mexikaner schloss die Autotür mit einem lauten Knall.
Der Wagen brauste los und bald konnte Sven den Flughafen nicht mehr hinter sich sehen. Es war ein schöner, sonniger Tag und der Wagen fuhr ruhig über die Straßen von Houston.
„Wo bringst du mich hin jetzt hin, Señor?“, fragte er nach einiger Zeit im Auto.
„Ich werde dich sicher nach Albuquerque geleiten und mit dir und Señor Sanchez weiter ziehen“, erwiderte der Fahrer.
„Darf ich denn deinen Namen erfahren, Señor?“
„Mein Name ist Pedro Gonzales, aber nenne mich Pedro, und ich bin ein Freund von Sanchez. Wir haben uns in einer mexikanisch-katholischen Kirche in New Mexiko kennen gelernt. Bald haben wir einige Gemeinsamkeiten bei uns entdeckt und uns bisher immer gut verstanden“, erklärte Sanchez´ Freund.
„Okay, schön. Und du kannst mich übrigens gerne Sven nennen.“
Wenn bei diesem ersten Wortwechsel schon direkt das Du genutzt wurde, dann hängt das nur damit zusammen, dass im Englischen, in dem die Gespräche geführt wurden für Du und Sie nur das Wort you existiert.
Einige Minuten später fiel Sven der seltsame Mann aus New York ein und fragte:
„Pedro, könnte es sein, dass einige Informationen über die „Expedition“ nach draußen gelangt sind?“
„Das glaube ich nicht, Señor Sven, denn wir haben alles geheimgehalten und nichts erzählt, da können Sie sich sicher sein. Aber wieso fragen Sie?“
Sven berichtete dem Mexikaner, was in der Garage vorgefallen war, auf das genaueste. Pedro dachte kurz nach und sagte dann:
„Wissen Sie, ich denke, dass der Mann gar nichts genaues über unsere Entdeckung wissen konnte, denn das wäre uns bekannt. Vermutlich hat er nur geahnt, dass Sie etwas großem auf der Spur waren und wollte mitkommen.“
„Ja, Sie haben Recht, Pedro. Ich habe mir wahrscheinlich zu viele Sorgen gemacht.“
Und damit war das Gespräch erst einmal beendet, obwohl Sven immer noch darüber nachdachte.
Nach einer halben Stunde Fahrt, quer durch Houston, war die Landschaft weniger bewohnt und es zeigten sich langsam die ersten Anzeichen von Natur; die schönen, dichten Pinienwälder würde sich noch fünfzig bis hundert Kilometer weit landeinwärts ziehen. Die Reise sollte in gerader nordwestlicher Richtung verlaufen.
Es erschienen nun wie gesagt die ersten Bäume, erst einzeln, dann in kleinen Gruppen und nach einer Stunde Fahrt waren zwischen den Städten ganze Wälder vorhanden.
Pedro und Sven kurbelten ihre Fenster runter, denn es war inzwischen zwei Uhr nachmittags geworden und es war zur Zeit Juli, also Hochsommer. Wenn sie durch die Wälder fuhren konnten sie hunderte von Vögeln hören, die in der warmen Sonne zwitscherten.
Nach zweieinhalb Stunden Fahrt kamen sie in Austin, der Hauptstadt Texas´, an und stärkten sich mit einem mäßig schmeckendem Abendessen in einem Diner. Es bestand nicht gerade aus den nahrhaftesten Dingen, aber es reichte aus.
Die Männer beschlossen, so schnell wie möglich nach Albuquerque zu fahren und wollten die größte Stadt New Mexikos deshalb bis zum nächsten Abend erreicht haben. Sie machten sich also wieder auf den Weg und auf die Frage von Sven, ob er einmal das Steuer übernehmen solle, schüttelte Pedro nur den Kopf und sagte:
„Im Moment fahre ich. Morgen gegen Mittag, wenn ich müde bin, können wir wechseln.“
Sven gab sich damit zufrieden und ließ den Mexikaner weiterfahren, während er versuchte ein wenig zu schlafen.
Der nächste Morgen war genauso schön wie der vorangegangene Tag. Die Fahrenden hatten am Ende der Nacht das Llano Estacado erreicht. Dieses trockene Tafelland erstreckt sich im ganzen nordwestlichen Teil von Texas und liegt in einer Höhe von bis zu tausend-dreihundert Metern.
Um acht Uhr machten die Männer halt um ein Frühstück einzunehmen und sich für die weitere Fahrt zu stärken.
Dann fuhren sie weiter, beschlossen aber, auf den Nebenstraßen zu bleiben. Dort konnten sie die Geschwindigkeit zwar nicht so hoch halten, doch war es möglich die Strecke wirklich direkt zu fahren, denn die großen Highways beschrieben oft unnötige Umwege.
Gegen elf Uhr, nachdem sie die Grenze zwischen Texas und New Mexiko überquert hatten, hielten die beiden am Rio Pecos. Diesen Fluss wollte Sven unbedingt sehen, da einst Karl May das Pueblo seiner berühmten Mescalero-Apachen an den Ufern des Pecos hat entstehen lassen. Nachdem sie dort eine halbe Stunde verbracht hatten ging die Fahrt weiter.
Auf den Landstraßen war, außer den zwei Männern, die sich inzwischen viel über alles mögliche unterhielten, niemand zu sehen. Gegen ein Uhr mittags aber, befand sich plötzlich ein weiteres Fahrzeug hinter ihnen und schien sie zu verfolgen. Es war zwar wahrscheinlich nur ein Zufall, aber das ausgerechnet auf dieser einsamen Straße ein zweites Auto fuhr, war doch etwas seltsam.
Die Beiden, Sven und Pedro, beobachteten es eingehend, aber die Fenster waren allesamt verdunkelt und so war es unmöglich, die Insassen zu sehen.
„Und was ist, wenn die uns wirklich verfolgen sollten?“, fragte Sven.
„Unwahrscheinlich. Wer sollte uns denn verfolgen wollen?“, erwiderte Pedro und machte sich keine Sorgen.
Aber kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, da kamen aus der Fahrer- und der Beifahrertür zwei Hände mit Waffen zum Vorschein. Der Mexikaner und der Deutsche duckten sich aus Reflex und schon knallten zwei Schüsse.
„Sven!“, rief Pedro. „Jetzt kannst du das Steuer übernehmen!“
Sven tat, wie ihm geheißen.
Da packte Pedro aus dem Stauraum des Beifahrersitzes einen alten Buntline-Revolver, wie er schon zur Zeit des Wilden Westens benutzt wurde, aus, streckte sich aus dem Fenster und schoss auf die Angreifer.
Nach einem kurzem Schusswechsel hörte der Bandit auf dem Beifahrersitz auf zu schießen, anscheinend hatte Pedro ihn irgendwie getroffen. Doch der Fahrer schoss nun umso intensiver. Pedro, der augenscheinlich ein guter Schütze war, schaffte es, dem Verfolger die Waffe aus der Hand zu schießen. Dabei erschrak der Getroffene so sehr, dass er das Lenkrad zu stark nach links zog und sein Fahrzeug in den Abgrund, der zur linken Seite der Straße lag, steuerte.
Pedro ließ sich zurück in den Sitz fallen und beide Männer atmeten kurz auf.
„Was, zum Teufel, war das?“, beendete Sven das kurze Schweigen.
„Ich,...ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, nun doch zu wissen, wer uns verfolgen könnte.“, antwortete Pedro.
Erstaunt sagte Sven: „Ja, das musst du mir jetzt erst mal erklären!“
„Später, Sven. Später.“
Und bis zum Abend wurde die Fahrt schweigend fortgesetzt.
Als sich die Sonne langsam senkte und die Berge in ein tolles Rot tauchte, rasteten die Männer auf einer kleinen Aussichtsbucht, die einen tollen Blick über die inzwischen erreichten Berge ermöglichte.
Der Tag neigte sich, nach dem Angriff, ohne weitere Probleme, seinem Ende entgegen. Nach der Pause würden sie noch zwei Stunden zu fahren haben und dann Albuquerque erreichen. Während die beiden die Aussicht genossen, erfüllte Pedro sein Versprechen und erklärte Sven, was er im Auto gemeint hatte.
„Also, was ich meinte war, als Sanchez und ich den Hinweis gefunden haben , wurde wir von einer Gruppe Banditen umstellt, die verlangten wir sollten ihn abgeben und bedrohten uns mit einigen Revolvern und Gewehren. Wir aber wehrten uns. Wir sprangen auf unsere Pferde und es gab eine Verfolgungsjagd, die sich über etwa drei Meilen erstreckte. Wir hatten uns glücklicherweise die besten Pferde genommen, die wir finden konnten. Somit brachten wir einen großen Vorsprung zwischen uns und unsere Verfolger. Doch nach etwa einer dreiviertel Stunde wurden wir plötzlich von weiteren zehn Reitern auf beiden Seiten flankiert. Nun konnten wir nur noch immer weiter geradeaus. Es war eine äußerst heikle Situation. Unsere Pferde wurden immer erschöpfter und wir wussten nicht, wohin wir uns flüchten sollten.“
„Waren es Weiße oder Indianer?“, warf Sven ein.
„Soweit ich das im dunklen erkennen konnte, waren es weiße, aber jemand, der wie ihr Anführer aussah, könnte ein Indianer gewesen sein. Doch wie gesagt; es war dunkel und ich konnte nur wenig erkennen. Aber auf jeden Fall konnten wir, fünf Minuten nachdem die zehn Reiter dazu gekommen waren, einen sehr dunklen Fleck vor uns sehen. Der Mond war für einen Moment zwischen den dichte Wolken hervorgekommen und wir erkannten den Fleck als ein altes, verlassenes Fort oder etwas Derartiges. Zumindest schien es verlassen zu sein. Dies schien uns die einzige Rettung. Also hielten wir darauf zu und erreichten es, ohne vorher verletzt worden zu sein. Es war lediglich ein kleiner Außenposten, der der USA vermutlich als Beobachtungsposten während der Indianerkriege gedient hatte. Wir verschanzten uns und es gab, wie heute, ein kleines Feuergefecht und nach einiger Zeit gaben die Banditen auf. Ich weiß bis heute nicht wieso sie das taten, denn sie waren zwei zu dreißig in der Überzahl. Doch als sie weg ritten, rief einer von ihnen: 'Ihr werdet noch von uns hören, ihr Bastarde!' und damit waren sie verschwunden“, schloss Pedro seine Erzählung.
Nachdem Sven ein wenig darüber nachgedacht hatte, sagte er:
„Also, dieser Beaumont, den ich in der Garage getroffen habe, sagte ebenfalls: 'Sie werden noch von mir hören'. Vielleicht steht er in Verbindung mit den Banditen.“
Die beiden Männer schwiegen kurz, dann sagte Sven:
„Aber, Pedro, du bist ja ein verdammt guter Schütze. Das hätte ich nicht erwartet, das war wirklich die Rettung. Aber wo hast du denn die Waffe her?“
Pedro blickte etwas verlegen, aber sagte:
„Das war nun wirklich nichts Besonderes, das Schießen. Aber wenn man in New Mexiko aufwächst, muss man sich halt oft zu verteidigen wissen. Und die Waffe habe ich von meinem Großvater und der hat sie von seinem Großvater, der einst Rindertreiber war.“
„Aber Cowboys hatten doch eigentlich selten eine Buntline“, erwiderte Sven, sondern eher Coltrevolver und Winchester, oder irre ich mich?“
Pedro blickte kurz in die Ferne und antwortete:
„Ja, eigentlich schon.“
„Du kannst damit wirklich meisterhaft umgehen“, lobte Sven erneut, „und dennoch, die Sache mit den Banditen beunruhigt mich sehr. Wieso habt ihr mir nicht früher davon erzählt?“
„Weil wir dachten das wären bloß unbedeutende Ganoven, die in dieser Gegend wahrlich nicht selten sind.“
„Was könnten sie bloß wollen?“
„Wenn ich es wüsste, hätte ich es schon längst gesagt“, sagte Pedro bloß.
„Ja, das weiß ich,“, erwiderte Sven, „doch wir sollten nun lieber weiterfahren. Wir haben noch zwei Stunden bis Albuquerque und ich kann es nicht erwarten, Sanchez wiederzutreffen.“
Also stiegen die Männer wieder in ihr Fahrzeug und es ging weiter.
Etwa eine Stunde bevor sie ihr Ziel erreichen sollten fuhren sie noch immer auf einer Nebenstraße. Da meinte Sven:
„Komm lass uns etwas schneller fahren, Pedro. Dann sind wir früher da. Was meinst du?“
„Ja, ich denke das geht. Ist schließlich eine sehr gerade Strecke und es ist soweit niemand zu sehen.“
Also erhöhte Pedro die Geschwindigkeit von achtzig auf hundert fünfzehn Kilometer pro Stunde und man spürte wie der Wagen erheblich schneller wurde.
Nach einer Strecke von zwanzig Meilen sagte Sven:
„Jetzt sind wir bald in Albuquerque und treffen endlich Sanchez wieder.“
„Ja, ich freue mich auch schon“, antwortete Pedro, ohne von der Strecke aufzublicken.
„Wie werden wir eigentlich von dort aus weiterreisen?“, fragte Sven.
„Das hat mir Sanchez nicht erzählt, aber wir werden schon vorankommen.“
„Ja, dass wir weiterkommen werden, war mir klar.“
Die beiden redeten noch viel bis, zehn Meilen vor der Stadt, plötzlich hinter ihnen ein lauter Knall ertönte. Sie schauten in den Rückspiegel, und sahen wie die Strecke fünfzehn Meter hinter ihnen einfach weg gesprengt wurde. Ein Stück von zehn Metern Länge war verschwunden.
„Was zum Teufel?!“, schrie Sven und im selben Moment rief Pedro:
„Caramba, Sven!“
„Pedro, wir müssen weiterfahren!“, sagte der erschrockene Sven mit fester und entschlossener Stimme, als Pedro die Geschwindigkeit drosselte, „Wenn wir anhalten laufen wir Gefahr, von den Leuten, die das gemacht haben, angegriffen werden.“
„Du hast Recht“, sagte Pedro und erhöhte die Geschwindigkeit wieder.
Als die Beiden endlich in der größten Stadt New Mexikos waren, atmeten sie erleichtert auf.
„Das waren bestimmt Kumpel von denen, die uns in den Appalachen angegriffen haben“, ergriff Sven das Wort, „da bin ich mir sicher.“
„Du hast Recht, Sven“, erwiderte Pedro, „aber jetzt sind wir im Hotel und dort werden wir weitersehen.
„Ja, der Ansicht bin ich auch, mein Freund. Wir werden sehen, was Sanchez dazu sagt.“
Nun wurde bereits die Stadtmitte sichtbar, in dessen Umkreis Pedro und Sven das 'Grand-Hotel' finden würden.
Das Hotel selbst war eines der größten und beeindruckendsten, die in ganz Albuquerque zu finden waren. Es hatte einen kleinen Park mit einem Wasserbecken vor dem Hauptgebäude, und das war nur das, was man von der Frontseite aus sehen konnte.
Nun konnten Sven und Pedro endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen. Sven seufzte und sagte:
„Geschafft!“
„Geschafft!“, war die Antwort.
Als die beiden erschöpften Reisenden in die Eingangshalle kamen, waren sie nicht wenig beeindruckt:
Große Kronleuchter hingen von der hohen Decke herab und erleuchteten den gesamten Saal. Große, moderne Sessel waren immer zu zweit mit einem Tisch im ganzen Raum verteilt. Der Empfangstresen war ein zehn Meter langes, aus festem Holz gezimmertes Pult von ein Meter zehn Höhe. Dahinter befanden sich viele Schlüsselfächern, ebenfalls aus dem gleichen dunklen Holz, was auf eine relativ große Anzahl von Zimmern deutete. Eine nach oben schmaler werdende Treppe führte zu den weiteren Treppen und den Aufzügen.
Sven und Pedro checkten ein. Ihnen wurde gesagt, dass Sanchez bereits zwei Zimmer für sie reserviert hatte. Die Empfangsleute waren allesamt wohl gekleidet und äußerst freundlich und zuvorkommend.
Als die beiden Männer sich in der angenehm leeren Halle in Richtung Treppe bewegten, kam ihnen eine Person entgegen, die jedem noch so ungeübten Auge sofort als mexikanisch bewusst geworden wäre.
Sie war ein großer Unterschied zu dem Mexikaner der neben Sven stehen geblieben war, als Sven und Pedro den Mann auf der Treppe gesehen hatten.
Groß und muskelbepackt, war das erste, was Sven durch den Kopf ging. Genau so hatte er Pablo Sanchez in Erinnerung. Doch das war natürlich nicht das einzige, was sich zu ihm sagen lässt. Seine Haare waren, genau wie Pedro´s, schwarz, allerdings etwas länger. Der Schnurrbart sah dem von Pedro ebenfalls sehr ähnlich, war aber ebenfalls etwas größer. Unter ihm war Sanchez´ Mund zu einem hocherfreuten Lächeln bereitgestellt. Seine Nase sah so aus, als hätte sie das Ziel, die Hälfte des Gesichtes einzunehmen, und die Augen unter den dichten Brauen blickten äußerst freundlich. Er hatte stets eine alte, verwaschene Jeans an, die er natürlich auch jetzt trug. Allerdings hatte er das genauso verwaschene, durchgeschwitzte, weiße Shirt ausgezogen und hatte für diesen geradezu feierlichen Anlass seinen besten Anzug ausgepackt und die Schrotpistole, die er sonst immer auf dem Rücken trug, abgelegt. Dennoch trug er auf seinem Kopf den schönen, großen Sombrero und stemmte die riesigen Hände in die Hüften. Sanchez war ein oftmals überschwänglicher Mann, der oft lachte und alle möglichen Witze riss. Doch sollte man ihn besser nicht zum Feind haben, denn derjenige der diese Ehre erhält, muss mit dem schlimmsten rechnen. Er begrüßte die Ankömmlinge mit einer so überschwänglichen Freude, als hätte er die beiden seit Jahren nicht mehr gesehen:
„Amigos! Endlich seid ihr hier. Ich warte schon seit Stunden auf euch.“
Bevor Sven oder Pedro etwas erwidern konnten, stand der Mexikaner schon vor ihnen und sie wurden beide nacheinander so fest in die Arme geschlossen, dass sie für einen kurzen Augenblick kaum noch Luft bekamen.
Als Pablo sie wieder losgelassen hatte, sagte als erstes Sven wieder etwas:
„Sanchez, mein Freund, du weißt ja gar nicht, wie ich mich freue. Es ist viel zu viel Zeit vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.“
Als nächstes begrüßte Pedro seinen Freund und diese Begrüßung war nicht weniger erfreut, wie die von Sven.
„Amigos, diese Eingangshalle ist zwar sehr schön, aber lasst uns lieber hinauf in unsere Zimmer gehen. Dort können wir über alles sprechen“, schlug Sanchez vor.
„Und es gibt viel zu besprechen!“, erklärte Pedro.
Ohne weiter zu fragen, nahm sich Sanchez ohne Mühe die zwei riesigen Koffer, die Sven mitgebracht hatte und stampfte in Richtung der Aufzüge.
„Diese Koffer wirst du wohl oder übel hier lassen müssen, Sven“, meinte er.
„Warum denn das?“, fragte Sven voller entsetzten.
„Weil wir von hier aus nicht mit dem Auto weiterreisen werden.“, antwortete Sanchez.
„Wieso nicht?“
„Weil es nun sehr bergig wird und die Straßen einiges zu wünschen lassen.“
„Hmm, okay.“
„Außerdem wirst du in den nächsten Wochen und Monaten viel Zeit in solch einer Landschaft zubringen.“
Damit hatte Sven nicht gerechnet. Er hatte erwartet, dass das eine von den schnellen, ziemlich langweiligen Expeditionen, von denen sie, wenn sie Glück hatten mit ein paar Kleinigkeiten zurückkehrten, werden würde.
Doch dies schien nun wirklich nicht der Fall zu sein.
Als sie in das Zimmer von Sanchez traten, waren Pedro und Sven sehr überrascht. Sie hatten ein kleines Zimmer erwartet, in dem man sich kaum bewegen könnte. Als sie nun aber in der Tür standen, schauten sie in ein ungewöhnlich großes, einladendes Zimmer, in dem man sich leicht wohlfühlen konnte. Sie fragten nicht, was es in der Nacht kostete und auch nicht, wie Sanchez das Geld dafür zusammenbekommen hatte.
Sven und Pedro packten ihre Sachen, auch wenn Pedro schon fast alle Dinge die er brauchte in seinem Zimmer vorfand, beiseite. Sanchez hatte sie für ihn mitgebracht und schnell ins Zimmer geschmissen.
Also verstaute Sven seine Koffer in dem Zimmer, das genauso aussah wie Sanchez´ Zimmer, und kehrte dann zu den Mexikanern zurück.
Als erstes riefen die drei Männer den Zimmerservice und jeder bestellte sich etwas Mexikanisches. Nachdem der Hotelangestellte das Essen vorbeigebracht hatte, begann die lange Unterredung der drei Freunde.
Die beiden, die vor einigen Minuten erst angekommen waren, erzählten zuerst, was ihnen während der Fahrt alles widerfahren war.
Sanchez hörte aufmerksam zu und sagte, als die Erzählung zu ende war:
„Caramba, wenn ihr allein auf der Fahrt hierher schon soviel erlebt habt, wie wird dann erst der Rest der Reise. Aber lasst uns erst von dem sprechen, was wir nun vorhaben und warum wir überhaupt hier sitzen. Du hast die Mail bekommen, Sven?“
„Natürlich! Doch würde ich die Krüge gern noch einmal sehen.
Also Sanchez holte aus seiner Tasche die zwei alten, wunderschönen Krüge aus Ton hervor.
Sven betrachtete sie einige Minuten eingehend um sich zu vergewissern, dass er alles richtig gedeutet hatte und sagte dann:
„Wie ich vermutet habe. Ihr habt da zwei Krüge der Pueblos aus West-Colorado gefunden.“
„Und weißt du auch schon, ob sie irgend etwas bedeuten?“
„Also, das hier heißt: 'In den'“, erklärte Sven und deutete auf die ersten Zeichen.
„Demnach ist es irgendwo drinnen“, schlussfolgerte Pedro.
„Caramba, sehr schlau, Pedro, hätten wir jetzt wahrlich nicht erwartet“, lachte Sanchez.
„Freunde, bitte, konzentriert euch“, wies Sven die beiden zurecht, „Dies heißt: 'leuchtenden Bergen'.
„Also irgendwo in den 'leuchtenden Bergen'?“, meinte Sanchez.
„Die Rocky Mountains wurden von Indianern oft die 'leuchtenden Berge' genannt. „Okay, aufgepasst: 'In deren großem Herzen'“, ergänzte Sven.
„Also in der Mitte der Rockys?“, wunderte sich Pedro.
„Ja, ich denke schon“, sagte der Deutsche, „Gut. Hier der letzte Teil: 'Liegt versteckt, Unsere große Stadt'“
Und mehr war auf dem ersten Krug nicht zu erkennen.
„Demnach haben wir wahrscheinlich tatsächlich ein altes Pueblo gefunden, oder?“, schlussfolgerte Sanchez.
„Ja, Sanchez! Aber das Beste: Der zweite Krug zeigt die genaue Position des Dorfes. Und: Es ist nichts über ein solches bekannt an dieser Stelle bekannt“, meinte Sven weiter.
Nun wird sich der Leser gewiss fragen, was ein Pueblo ist; die Pueblos waren ein Stamm im Südwesten der USA mit drei Familien, die verschiedene Sprachen gesprochen haben: die Zunis nahe der Grenze zu Arizona und weiter östlich und im Rio-Grande-Tal die Keresanen und Tanoanen. Von diesen haben nur die Tanoanen eine Sprache mit annähernder Verwandtschaft zu den Sprachen außerhalb ihres Gebietes. Die Sprachen der anderen Familien haben keine wichtigen Ähnlichkeiten zu den Sprachen anderer Indianerstämme.
Die Pueblos bauten bereits früh Dörfer aus Stein und vermauerten sie mit 'Adobe' einem in ihrem Gebiet vorkommendem Ton.
Die meisten Berge des Südwestens haben flache Kuppen und sehr steile, felsige Seitenwände. Man nennt sie 'Mesas'. Teile dieser Seitenwände verwittern, hinterlassen tiefe Riefen, über welche die oberen Teile der Felsen überhängen. Schon vor mehr als zweitausend Jahren bauten Indianer des Südwestens oft ihre Häuser an diese Riefen, um Schutz vor dem Wetter zu finden. Später wurden so ganze Städte von den Indianern gebaut. Diese Städte werden 'cliff dwellings' ,also Klippensiedlungen, oder einfach nur Pueblos genannt. Wahrscheinlich bauten die Pueblos, die den Klippensiedlungen ihren Namen gaben, nicht nur wegen des Wetters, sondern auch zum Zwecke der besseren Verteidigung an solchen Stellen.
Auf dem zweiten Krug waren leider keine Zeichen mehr zu entziffern, dafür aber, so meinte Sven, konnte man, mit etwas Vorstellungsgabe und einer gewissen Kenntnis der hohen Gebirgskette des nordamerikanischen Kontinents, einen Teil der Rocky Mountains im süd-westlichen Teil Colorados erkennen. Nach genauerer Untersuchung, und mithilfe einer der Karten Amerikas, konnten die Archäologen feststellen, dass der angegebene Ort am Saguache Creek lag, einem Fluss, der etwa auf der Höhe der Stadt Pueblo verläuft. Der gesuchte Ort lag etwa auf der Grenze nach Utah.
Wenn Sven gesagt hatte, dass dieses Pueblo noch nicht entdeckt worden sei, dann hat das zur Ursache, dass sich die drei im Jahre Neunzehnhundert-einundneunzig befinden und die Technik, ein Pueblo, das Mitten in den Bergen und mit größter Sicherheit in einer Riefe liegt, zu finden, nicht ausgereift genug ist. Der Punkt war ausreichend weit von jeder größeren Stadt entfernt. Das Pueblo war keine zweihundert Kilometer vom 'Mesa Verde National Park' entfernt, einem der berühmtesten Pueblos, die bisher entdeckt worden waren. Und auch das größte Indianerreservat der USA war nach einigen Stunden Autofahrt zu erreichen.
Die Hoffnung, tatsächlich ein Pueblo gefunden zu haben, war in den drei Männern größer denn je.
„Also könnten wir wirklich eine Indianerstadt gefunden haben?“, fragte Sanchez.
„Ja, aber wir müssen auf jeden Fall alles geheim halten“, meinte Sven.
„Warum denn das?“
„Weil die USA, sobald sie davon Wind bekommt, ihre Archäologen darauf ansetzen wird. Und dann werden wir rausgeworfen, egal ob wir es entdeckt haben oder nicht.“
„Hmm, ich verstehe Sven. Also werden wir niemandem etwas erzählen?“, warf nun Pedro ein.
„Richtig.“
„Aber wir können doch nicht ganz allein das ganze Pueblo untersuchen! Schau doch, das ist ein riesiges Tal, an dessen Ende es liegt“, meinte Pablo.
„Ja, Sanchez, du hast Recht. Aber wenn es sich als eine längere Erforschung herausstellt, hoffe ich auf eure mexikanischen Freunde“, erwiderte der junge Archäologe.
„Du kannst auf die Mexikaner zählen, Amigo!“, rief Sanchez, indem er sich mit der geballten Hand voll Zuversicht auf die muskulöse Brust schlug.
„Das freut mich, mein Freund. Aber nun lasst uns etwas Essen gehen. Die mexikanischen Boritos vorhin waren zwar lecker, aber unsere Reise war lang und man sollte nicht mit leerem Bauch schlafen gehen.“
Also standen die Abenteurer auf, packten die antiken Indianer-Krüge weg und gingen in den glamourösen Speisesaal.
Und Sven hatte jedes Recht mit seinen zwei Freunden wahrlich zufrieden zu sein.
Nach dem Essen gingen die Freunde auf Sanchez´ Zimmer, nahmen noch einige Schlucke aus Sanchez´ Flachmann und unterhielten sich noch ein bisschen über die alten Zeiten.
Nach etwa einer halben Stunde ging jeder auf sein Zimmer und legte sich in die wunderbar weichen Betten des Hotels. Alle, außer Sanchez, schliefen schnell ein und hatten einen sehr erholsamen Schlaf.
Am nächsten Morgen wachten sie bereits früh auf. Pedro und Sven wünschten sich erholt und überschwänglich einen guten Morgen. Sanchez war nicht gerade gut gelaunt und begrüßte die beiden mit einem sehr ermatteten Gesicht.
„Sanchez, lass mich raten; du hast gestern wiedereinmal ein wenig zu viel Tequila getrunken?!“, lachte Sven und auch Pedro musste, als er in Sanchez´ Gesicht sah, laut auflachen.
„Hmm, caramba, Sven, du hast Recht. Aber du weißt ja wie ich bei einem guten Feuerwasser bin, oder?“
„Ja, da hast du Recht, mein Freund“, antwortete Sven. „Nun lasst uns aber nach unten gehen und etwas frühstücken.“
Der Vorschlag wurde angenommen und die drei Männer gingen wieder hinunter in den Speisesaal. Sven fragte zwischen zwei Streifen Speck:
„Also was müssen wir noch erledigen, bevor wir aufbrechen?“
„Wir müssen noch die Pferde holen und Proviant kaufen, außerdem brauchst du noch eine Waffe“, sagte Sanchez und schluckte sein Rührei hinunter.
„Woher willst du in dieser Gegend Pferde besorgen?“ fragte Sven.
„Ein alter Freund von mir hat außerhalb der Stadt einen großen Mietstall. Dort werden wir gute Pferde bekommen und du kannst noch ein wenig reiten üben.“ Die drei Männer lachten herzhaft, ihnen war Svens erster Reitversuch noch gut in Erinnerung.
„Okay, jetzt die Waffen. Was hätte der Deutsche denn gerne?“
Sven musste kurz über die von Sanchez gestellte Frage nachdenken und sagte dann:
„Ihr beiden habt eine alte Schrotpistole und einen Buntline-Revolver. Deshalb würde ich sagen, schließe ich mich ebenfalls dem neunzehnten Jahrhundert an und nehme Winchester und Colt-Revolver. Pablo, weißt du wo ich die Waffen her bekomme?“
„Ja, das weiß ich. In New Mexiko ist es für uns keine Schwierigkeit solche Waffen zu bekommen. Natürlich sind die Waffen-Schutzgesetze in der ganzen Welt inzwischen mehr als verschärft. Vor hundert-zwanzig Jahren konnte man sich nochmal schnell ein Feuergefecht mit dem Kleinstadtsheriff liefern, bevor man sich mit dem geraubten Geld davonmachte.“
„Ja Sanchez, du hast Recht. Die Dinge haben sich mehr als rapide geändert.“
„Sehr!“, warf nun auch Pedro ein.
„Naja, auf jeden Fall besitzt ein Mexikaner hier in Albuquerque einen alten Waffenladen, der seit gut hundert Jahren besteht. Dort werden wir deine Waffen besorgen“, erklärte Pablo Sanchez.
„Schön.“
Nach dem Frühstück kehrten die Männer auf ihre Zimmer zurück und besprachen, was im Laufe des Tages getan werden würde. Es wurde beschlossen, dass Pedro sich um die Verpflegung und Decken, kurz alles was sie für eine längere Reise brauchten, kümmern sollte, während Sven und Sanchez die Pferde und die Waffen für Sven besorgen gingen.
Die Männer brachen um zehn Uhr vom 'Grand-Hotel' auf. Die beiden, die sich als erstes um die Pferde kümmern wollten, fuhren in Richtung Westen aus der Stadt und erreichten bald die großen Grasflächen, auf denen die Pferde standen und das satte, hochgewachsene Grün fraßen. Pedro war im Zentrum geblieben und kaufte in den großen Lebensmittelgeschäften der Stadt ein.
„Ich verstehe von Pferden ja nicht sehr viel, aber das scheinen mir gute Tiere zu sein“, meinte Sven als sie zwischen den Ställen, in denen wahrlich prächtige Rösser standen, hindurchgingen.
„Ja, diese Pferde sind mit den wilden Mustangs der Prärie verwandt“, erklärte Sanchez.
„Ist das wahr? Dann müssen das ja relativ gute Pferde sein!“
Sven und Sanchez schritten auf das große Hauptgebäude zu. Es war ein prächtiger Stall, in dem wohl sehr viele Tiere zu mieten waren. Die Pferde wurden in großen Boxen untergebracht, was ein gutes und erfolgreiches Unternehmen ahnen ließ. Die Vögel zwitscherten in den hohen Bäumen, die überall auf dem Hof standen. Auch die Weiden schienen den beiden Männern vortrefflich, das schon erwähnte saftige, hohe Gras, viele Bäume, die Schatten spendeten und alle hundert Meter ein Wasserbehälter.
Die Gebäude waren in schönem mediterranem Stil gebaut und sahen vortrefflich gepflegt aus. Als Sven und Sanchez in das Empfangsgebäude traten wurden sie freundlich begrüßt.
„Sanchez, mein Freund! Was machst du denn hier?“, fragte ein hochgewachsener, gut aussehender Mann. Er und Sanchez schüttelten sich freundschaftlich die Hand.
Der Besitzer des Anwesens war etwa Mitte fünfzig, hatte eine kantige Nase, hervortretende Wangenknochen, aber ein Funkeln in den Augen, dass jeden Menschen beeindrucken musste. Insgesamt konnte man in dem Gesicht die vielen Jahre der harten Arbeit erkennen, und dennoch sah man ihm an, dass er viel Spaß an seinem Tun und seiner Umgebung hatte. Trotz seines nicht geringen Alters schien er auch noch viel tun zu können. Nun sagte Sanchez:
„Schön, dich zu sehen, Andrew. Das hier ist Sven Richter.“
„Ja, der Deutsche! Guten Tag. Sanchez hat schon viel von dir erzählt. Mein Name ist Andrew O´Neill.“
Auch Sven schüttelte die Hand des Mannes. O´Neill führte sie zu drei gemütlichen Sesseln.
Sven schaute sich in dem großen Raum um; es war eine kleine, aber gemütliche Eingangshalle, in der sie empfangen worden waren. Aufgrund der warmen Jahreszeit waren alle Fenster und Türen weit geöffnet, und es war noch nicht zu heiß, sodass es, trotz der Windstille, angenehm war. Man konnte draußen einige Male ein Wiehern von Pferden hören, die wegen einer Verletzung oder etwas Ähnlichem nicht auf den großen Weideflächen standen.
Die Möbel in der Halle waren aus festem Eichenholz gefertigt und vermittelten einen Ausdruck von Geborgenheit. Es gefiel Sven auf dem Anwesen und der Besitzer machte auf ihn einen zuverlässigen Eindruck.
„Gut dann lass uns mal das Geschäftliche besprechen“, meinte Sanchez.
„Also erst einmal, wie viele Pferde braucht ihr?“, fragte O´Neill.
„Wir brauchen drei schnelle, kräftige Pferde“, antwortete Pablo.
„Ah, Pedro ist auch dabei?“
„Ja.“
„Gut, gut. Ich nehme an, ihr braucht die Pferde für eine längere Reise?“
„Richtig. Die Pferde sollten einen Ritt über etwa zweihundert Meilen aushalten, über mehrere Tage natürlich.“
„Gut, wollt ihr die Strecke schnell zurücklegen oder es ruhiger angehen lassen?“
„Es soll nicht zu schnell gehen, aber es wäre gut, wenn es nicht erheblich mehr als eine Woche dauern würde.“
„Gut, und ist das Gelände flach oder unwegsam und schwerer zu bewältigen?“
„Was meinst du, wie ist das Gelände von hier nach etwa... Saguache?“
„Saguache? Ach, am Saguache Creek, oben in Colorado? Warte kurz!“
Andrew holte aus einer seiner Westentaschen eine alte, abgenutzte Karte und faltete sie auf. Die Karte zeigte ziemlich genau die USA und der Ranchbesitzer studierte die Strecke, die Sven, Pablo und Pedro vor sich hatten.
„Also, Sanchez, ich würde sagen der Weg durch die Berge könnte mühsam werden.“
„Ja, ich denke, wir werden uns aber zuerst am Rio Grande halten.“
Sanchez holte nun ebenfalls eine Karte aus seiner abgenutzten Jeans, die allerdings Colorado genau darstellte und zeigte dem sympathischen Pferdezüchter die Stadt und den Fluss.
O´Neill schaute sich die Gegend genau an und schien zu überlegen welche Pferde er den drei wohl mitgeben sollte. Er fragte:
„Das wäre wohl das beste. Darf ich fragen, was ihr diesmal vorhabt?“
Mit einer solchen Frage hatten die beiden Gefragten nicht gerechnet. Sie schauten sich schnell etwas überrascht an, doch da Sanchez O´Neill kannte, antwortete Sven:
„Also wissen Sie, Mister O´Neill, wir beide sind auf der Suche nach einem bisher unentdeckten Pueblo.“
„Ah, ich verstehe, äußerst interessant! Wird es etwas großes werden?“
„Wir hoffen es!“, antworteten Sven und Sanchez zugleich.