
1. Der erste Winter
2. Liebe auf den Ersten Blick
3. Überraschender Gast
4. Das Tal
5. Das Reh
6. Die Wandlung
7. Grenzkonflikte?
8. Böse Erinnerungen
9. Neuzugang Managarm
In einer kalten Winternacht stand das Rudel von Black Moon, dem Geist des Mondes, auf einer weiten Lichtung. Das silberne Licht des Vollmondes ergoss sich über die Wölfe und ließ ihre Pelze schimmern, während sie neue Kraft aus seinem Schein schöpften. Ihr Revier hatte im Laufe der Jahre eine Größe erreicht, die kaum vorstellbar war. Die Wölfe nannten es ehrfürchtig das Silbertal. Gemeinsam hatten sie unzählige Kämpfe und harte Zeiten überstanden. Auch dieser unerbittliche Winter würde sie nicht brechen. Dennoch wurde die Nahrung von Tag zu Tag
knapper. Oft waren sie froh, wenn sie unter der dicken, gefrorenen Schneedecke noch einige Wurzeln oder andere essbare Pflanzen fanden. Trotz aller Entbehrungen hielt das Rudel fest zusammen. Während die Jäger auf Nahrungssuche gingen, blieben stets zwei Fähen bei den Welpen in der Höhle zurück. Einige der mutigeren Wölfe schlichen sich sogar bis in die Dörfer vor oder rissen gelegentlich ein Schaf von den Viehweiden. Die Dorfbewohner mochten die Wölfe zwar nicht, doch während der harten Wintermonate respektierten sie deren Kampf ums Überleben. Manchmal ließen sie absichtlich Futterreste
oder einige Schafe auf den Weiden zurück. Im Sommer jedoch änderte sich alles. Dann vertrieben sie die Wölfe aus ihren Dörfern, denn zu dieser Jahreszeit konnte das Rudel problemlos selbst für Nahrung sorgen. An diesem Abend beschlossen die beiden Alphawölfe Wolveseye und Kero erneut auf die Jagd zu gehen. Sie sorgten stets für das Wohl ihres Rudels und genossen den uneingeschränkten Respekt aller Mitglieder. Niemand wagte es auch nur daran zu denken, ihren Platz einzunehmen, solange diese beiden außergewöhnlichen Wölfe das Rudel führten. Black Moon war kein gewöhnliches Rudel. Es
bestand aus ausgestoßenen Wölfen unterschiedlichster Herkunft. Verschiedene Rassen lebten hier Seite an Seite und bildeten ein starkes, einzigartiges Rudel. Besonders eine Fähe unterschied sich von den anderen. BlueShadow besaß die seltene Gabe, sich mit genügend Kraft in einen Werwolf zu verwandeln. Doch sie bevorzugte ihre Wolfsgestalt. Wegen ihrer Andersartigkeit war sie aus vielen Rudeln verbannt worden. Im Silbertal jedoch hatte sie endlich eine Heimat gefunden. Oft lag sie nachts mit ihrem Welpen am Ufer
des Sees und blickte verträumt in den Mondschein. Dort dachte sie an eine bessere Zukunft. Ihr Sohn Eyota war erst vier Monde alt, doch das Werwolfblut seiner Mutter ließ ihn ungewöhnlich schnell wachsen. Bereits jetzt war er beinahe so groß wie ein ausgewachsener Wolf und konnte bei den Jagden erstaunlich gut mithalten. BlueShadows Fell schimmerte leicht bläulich im Mondlicht, während Eyota ein hellbraunes Fell und auffallend helle Pfoten besaß. Als die Nacht hereinbrach, machten sich BlueShadow, Eyota, Aponi und ihr Welpe
Eleazar auf den Rückweg zur Höhle. Dort wollten sie auf die Rückkehr der Jäger warten. Währenddessen waren Wolveseye, Kero, Kono und Goraán tief im verschneiten Wald unterwegs. Vor der Höhle spielten Eleazar und Eyota ausgelassen im Schnee, stets unter den wachsamen Blicken ihrer Mütter. Plötzlich durchschnitt ein langgezogenes Heulen die Stille der Nacht. Nur Sekunden später folgte ein gewaltiges
Brüllen. Ein Bär. Sofort erstarrten die Fähen. Ohne zu zögern riefen sie ihre Welpen zu sich und brachten sie tief in die Höhle. In der hintersten Ecke versteckten sich die Jungen, während ihre Mütter angespannt lauschten. Etwas musste geschehen sein. Und tatsächlich. Tief im Wald standen Wolveseye, Kero, Kono und Goraán einem gewaltigen Bären
gegenüber. Sie hatten ihn zu spät bemerkt. Noch bevor einer der Wölfe reagieren konnte, schoss die mächtige Pranke des Bären nach vorne und traf Kono mit voller Wucht. Ein schmerzhaftes Jaulen entrang sich seiner Kehle, als er zu Boden taumelte. Der Bär richtete sich brüllend auf. „Was sucht ein Bär mitten im Winter hier im Silbertal?“, fragten sich die Wölfe. Doch für Fragen blieb keine
Zeit. Kono war verletzt. Eine Flucht kam nicht mehr infrage. Sie mussten kämpfen. Wolveseye, Kero und Goraán teilten sich auf und umkreisten den Bären. Dann griffen sie gleichzeitig an. Entschlossen sprangen sie vor, verbissen sich in seinem dichten Fell und hielten sich mit aller Kraft fest. Der Bär tobte, schlug um sich und versuchte, die Angreifer abzuschütteln. Doch die Wölfe gaben nicht
nach. Minuten vergingen. Langsam schwanden die Kräfte des gewaltigen Tieres. Schwer atmend sackte der Bär schließlich in den Schnee. Der entscheidende Moment. Mit einem letzten, koordinierten Angriff stürzten sich die drei Wölfe auf ihn. Ihre Zähne fanden Kehle und Nacken. Dann wurde es
still. Der Bär war besiegt. Wolveseye und Kero packten die Beute an beiden Enden. „Bring Kono nach Hause“, wies Wolveseye Goraán an. Kono hatte seine Wunde bereits notdürftig gereinigt, doch er war zu schwach, um allein zurückzukehren. Behutsam half Goraán ihm auf den Rücken. Unter der ungewohnten Last kamen sie nur langsam
voran. Als Wolveseye und Kero die Höhle erreichten, zogen sie den erlegten Bären in die Mitte des Lagers. Die Fähen atmeten erleichtert auf. BlueShadow und Aponi trauten ihren Augen kaum, als sie die riesige Beute sahen. Stunden später erschienen schließlich auch Goraán und Kono am Höhleneingang. Vorsichtig legte Goraán den verletzten Wolf an der Westseite der Höhle ab, wo ihn die Felswand vor dem eisigen Wind
schützte. BlueShadow bemerkte sofort seinen Zustand. Ohne ein Wort zu verlieren nahm sie eine alte Schüssel, die sie einst in einem Dorf gefunden hatte, und machte sich auf den Weg zum See. Der Schnee knirschte unter ihren Pfoten, während der Wind ihr ins Gesicht blies. Endlich erreichte sie das dunkle Ufer, füllte die Schüssel mit Wasser und kehrte langsam zurück. Kein Tropfen sollte verloren
gehen. Als sie wieder an der Höhle ankam, stellte sie die Schüssel vorsichtig vor Kono ab und legte sich neben ihn. Dankbar blickte der verletzte Wolf in ihre grünen Augen. Erst jetzt fiel ihm auf, wie schön sie war. Gierig trank er das Wasser aus und leckte ihr anschließend sanft über die Schnauze. Doch BlueShadow war bereits eingeschlafen und bemerkte die liebevolle Geste nicht
mehr. Kono lächelte still vor sich hin. Dann rückte er näher an sie heran, spürte ihre Wärme und schloss ebenfalls die Augen. Auch die übrigen Rudelmitglieder bemerkten nichts davon. Satt und erschöpft legten sie sich zur Ruhe. Draußen heulte der Wind durch die verschneiten Wälder des Silbertals. Doch in der Höhle herrschte Frieden.
Die nächsten Tage verliefen ruhig. Kono erholte sich erstaunlich schnell von seinen Verletzungen, doch BlueShadow wich kaum von seiner Seite. Sie kümmerte sich ausschließlich um ihn und ließ keinen der anderen Wölfe an ihn heran. Da Kono noch nicht lange zum Rudel gehörte, wollte sie kein Risiko eingehen. Mit jedem Tag wuchs ihre Freundschaft. Auch Eyota schloss den neuen Wolf schnell ins Herz. Oft verbrachten die beiden Zeit miteinander, und schon bald schien es, als
wäre Kono schon immer ein Teil des Rudels gewesen. Während Kono gesund wurde, blieb das Rudel noch einige Tage in der Winterhöhle. Nur um Wasser zu holen oder ihren Durst am See zu stillen, verließen sie ihr Lager. Als Kono schließlich vollständig genesen war, beschlossen die Wölfe, zum Sommerquartier aufzubrechen. Die Sommerhöhle lag auf der anderen Seite des gewaltigen Silbertals. Die Reise würde mehrere Tage dauern. In einer klaren Nacht machten sie sich auf den
Weg. Stundenlang liefen sie durch die verschneite Landschaft, bis die Welpen sichtbar müde wurden. Deshalb legte das Rudel eine Rast ein, damit die jungen Wölfe neue Kräfte sammeln konnten. Nach einer erholsamen Pause setzten sie ihren Weg fort. Am Ende des folgenden Tages erreichten sie ihren ersten Rastplatz. Die Höhle war klein, aber trocken und bot Schutz vor Wind und Wetter. Da sie den ganzen Tag unterwegs gewesen waren und kaum Zeit zum Jagen gehabt hatten, ließ sich jeder Wolf erschöpft in
einer Ecke nieder. Schon bald erfüllten nur noch leise Atemzüge die Höhle. Am nächsten Morgen waren die Fähen und Welpen als Erste wach. Leise schlichen sie hinaus, um die anderen nicht zu wecken. Nicht weit entfernt plätscherte ein kleiner Bach durch den Wald. Dort stillten sie ihren Durst und stärkten sich für die nächste Etappe der Reise. BlueShadow blieb am Ufer zurück. Das Wasser glitzerte im Morgenlicht, während sie verträumt auf die sanften Wellen blickte. Aponi kehrte zur Höhle zurück, um noch etwas zu
schlafen, und die Welpen tobten ausgelassen über die schneebedeckte Lichtung. Plötzlich richtete BlueShadow die Ohren auf. Ein Geräusch. War da eben ein Schritt gewesen? Sie lauschte angestrengt. Wieder knackte etwas im Gebüsch. Sofort spannte sich ihr Körper an. Ein tiefes Knurren drang aus ihrer Kehle, während sie sich bereit machte, jeden Eindringling
abzuwehren. Doch dann erklang eine vertraute Stimme. „Beruhige dich. Ich bin es nur.“ Kono trat aus dem Gebüsch. Sofort entspannte sich BlueShadow. Ein leises Jaulen verließ ihre Kehle, als sie ihn begrüßte. Sie legte sich wieder ins Gras am Bachufer, und Kono ließ sich neben ihr nieder. Für einen langen Moment schwiegen sie. Kono schaute in ihre sanften grünen Augen, die noch vor wenigen Augenblicken vor Wachsamkeit geglüht hatten. BlueShadow bemerkte seinen
Blick. Langsam erwiderte sie ihn. Sie versank in seinen warmen, braunen Augen. Erst jetzt schien beiden bewusst zu werden, wie besonders der jeweils andere war. Ein seltsames Kribbeln breitete sich in BlueShadows Bauch aus. Verunsichert wandte sie den Blick ab. Was war das für ein Gefühl? Warum schlug ihr Herz plötzlich
schneller? Die Antwort war ihr längst klar. Sie hatte sich verliebt. In Kono. Doch sie schwieg. Was, wenn er nicht genauso fühlte? Was, wenn sie sich irrte? Während sie ihren Gedanken nachhing, beobachtete Kono sie aufmerksam. Neugier lag in seinem Blick. Er versuchte zu erkennen, was hinter ihren Augen verborgen lag. Doch ihre Gefühle blieben für ihn ein
Rätsel. Schließlich erhob er sich und legte sich direkt neben sie. BlueShadow blickte kurz überrascht auf, bevor sie ihre Schnauze wieder zwischen die Pfoten legte. Ein leises Seufzen entwich ihr. Dann schloss sie die Augen. Sie träumte von einer Zukunft, in der Kono an ihrer Seite war. Von gemeinsamen Jagden. Von friedlichen Nächten unter dem Mond. Von einer
Familie. Doch sie wusste nicht, ob ihre Träume jemals Wirklichkeit werden würden. Langsam glitt sie in einen leichten Schlaf. Als sie wieder erwachte, spürte sie etwas Warmes an ihrem Fell. Kono strich sanft mit seiner Schnauze über ihren Rücken. BlueShadow öffnete die Augen. Langsam drehte sie den Kopf. Ihre Nasen berührten sich. Beide erstarrten. Für einen Augenblick schien die Welt um sie herum stillzustehen. BlueShadow schloss die Augen und atmete seinen vertrauten Duft
ein. Als sie sie wieder öffnete, blickte sie direkt in seine braunen Augen. Ihr Herz schlug schneller. Ob er wohl dasselbe fühlte? In diesem Moment konnte sie an nichts anderes mehr denken. Mutig rückte sie näher. Vorsichtig kuschelte sie sich an ihn. Ihr Herz raste. Doch statt zurückzuweichen legte Kono seine schneeweiße Schnauze sanft über ihren Rücken. Wärme durchströmte ihren Körper. Ein glückliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. So lagen sie lange Zeit schweigend
nebeneinander. Der Schnee glitzerte um sie herum, und die Welt schien für einen Augenblick vollkommen. Dann durchbrach ein Geräusch die Stille. Pfoten stapften durch den Schnee. BlueShadow schreckte auf. Die anderen! Verlegen sprang sie auf. Sie wollte nicht, dass das Rudel sie und Kono in diesem Moment sah. Schnell lief sie den anderen entgegen, die gerade aus Richtung der Höhle kamen. Kono blieb noch einen Augenblick liegen. Er ließ die vergangenen Minuten in Gedanken Revue passieren und ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Dann erhob auch
er sich. Mit einem kurzen Ruf sammelte er die Welpen ein, damit die Reise fortgesetzt werden konnte.
Der Tag war ungewöhnlich mild geworden.
Die Sonne stand hoch am Himmel und ließ den Schnee langsam schmelzen. Überall tropfte Wasser von den Ästen der Bäume.
Der Winter verlor allmählich seinen Griff über das Silbertal. Man konnte den nahenden Frühling bereits spüren.
Immer wieder trafen sich die Blicke von BlueShadow und Kono.Und jedes Mal lag ein kleines, glückliches Lächeln auf ihren Gesichtern.
Seit mehreren Stunden war das Rudel nun unterwegs. Der Weg verlief ruhig, und nichts geschah, das ihre Aufmerksamkeit erregte. Nur das leise Knirschen des Schnees unter ihren Pfoten und der kalte Wind begleiteten sie auf ihrem Marsch durch das Silbertal. Doch plötzlich blieb Wolveseye stehen. Ein fremdes Geräusch. Und noch etwas. Ein unbekannter Geruch lag in der Luft. Sofort hob der Alphawolf den Kopf und ließ seinen Blick über die verschneite Landschaft
schweifen. Er versuchte, die Richtung auszumachen, aus der der Geruch kam, doch der Wind machte es ihm schwer. Auch die anderen Wölfe wurden aufmerksam. Ihre Ohren waren aufgestellt, ihre Muskeln angespannt. Dann durchbrach ein einzelnes Jaulen die Stille. Sofort wussten sie, was den fremden Geruch verursacht hatte. Ein fremder Wolf. Wenig später trat eine graue Gestalt zwischen den schneebedeckten Bäumen hervor. „Hallo. Mein Name ist Nétis“, stellte er sich vor. „Ich bitte um die Erlaubnis, euer Revier
durchqueren zu dürfen. Mein Rudel befindet sich derzeit weiter östlich von hier. Sie haben mich ausgesandt, um nach einem neuen Revier Ausschau zu halten. Dafür muss ich durch das Silbertal reisen.“ Ruhig wartete der graue Wolf auf eine Antwort. Man sah ihm an, dass er ungeduldig war, doch er respektierte die Grenzen des Rudels und würde keinen Schritt weitergehen, bevor er die Erlaubnis erhalten hatte. Die Mitglieder von Black Moon tauschten einige Blicke aus. Wolveseye trat einen Schritt
vor. „Wenn wir Glück haben, zieht er einfach durch unser Tal und verschwindet wieder“, sagte er leise zu den anderen. „Wenn wir Pech haben, kehrt er zu seinem Rudel zurück und führt es hierher. Dann könnten wir kämpfen müssen.“ Nachdenklich blickte er in die Runde. „Was meint ihr?“ BlueShadow trat vor. „Kono und ich werden ihn begleiten“, sagte sie ruhig. „Wir führen ihn bis an die andere Seite unseres Reviers und reisen von dort direkt weiter zur Sommerhöhle.“ Ihre Stimme klang sachlich. Doch tief in ihrem Inneren freute sie sich über
die Gelegenheit. Die letzten Tage hatten ihre Gefühle für Kono nur noch stärker werden lassen, und die Aussicht, mehrere Tage mit ihm unterwegs zu sein, ließ ihr Herz schneller schlagen. Kono warf ihr einen überraschten Blick zu. Er sagte jedoch nichts dagegen. Auch er genoss ihre Nähe mehr, als er sich eingestehen wollte. „In Ordnung“, antwortete Wolveseye schließlich. „Passt auf euch auf. Wir sehen uns dann in ein paar Tagen an der Sommerhöhle wieder.“ BlueShadow und Kono nickten. Der Alphawolf hob den Kopf und ließ ein langes, durchdringendes Heulen erklingen. Das Signal hallte durch die verschneiten
Wälder des Silbertals. Nétis verstand sofort.
Er sollte warten. Zwei Wölfe würden ihn begleiten. Der graue Rüde seufzte leise.
Zwar hatte er gehofft, seinen Weg allein fortsetzen zu können, doch er wusste, dass dies ein fairer Preis für die Erlaubnis war, das fremde Revier zu durchqueren.
Also blieb er sitzen und wartete geduldig.
Währenddessen machten sich BlueShadow und Kono auf den Weg. Wie Schatten glitten sie zwischen den Bäumen hindurch und folgten der frischen Spur des fremden Wolfes.
Der kalte Wind fuhr ihnen durch das Fell, während ihre Pfoten den Schnee aufwirbelten. Schon bald konnten sie den Geruch deutlich
wahrnehmen. Nétis war nicht mehr weit entfernt.
Und so begann eine Reise, die für beide Wölfe bedeutender werden sollte, als sie es sich in diesem Moment vorstellen konnten.
Als BlueShadow und Kono den Waldrand erreichten, blieben sie kurz stehen und ließen ihre Blicke über die verschneite Landschaft schweifen. Nichts. Kein fremder Wolf war zu sehen. „Er muss noch weiter im Wald sein“, murmelte BlueShadow. Gemeinsam setzten sie ihren Weg fort. Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander her. Nur der Wind rauschte durch die kahlen Äste, während ihre Pfoten
leise durch den Schnee glitten. Schließlich brach BlueShadow die Stille. „Warum warst du eigentlich letzten Sommer allein hier im Wald unterwegs?“ Kono zuckte unmerklich zusammen. Für einen Augenblick versteifte sich sein Körper. „Ich ... ich war schon immer allein unterwegs“, antwortete er schließlich. BlueShadow warf ihm einen skeptischen Blick zu. Irgendetwas stimmte nicht. Sie spürte es. Kono wich ihrem Blick aus und starrte stattdessen geradeaus. Er hasste es, sie anzulügen. Doch die Wahrheit konnte er ihr
nicht erzählen. Noch nicht. Wenig später erreichten sie eine kleine Höhle am Fuße eines Hügels. BlueShadow blieb stehen. „Hier haben wir dich damals gefunden. Erinnerst du dich?“ Kono blickte kurz zu dem dunklen Eingang hinüber. Sofort kehrten die Erinnerungen zurück. Unangenehme Erinnerungen. Sein Nackenfell sträubte sich leicht. „Lass uns weitergehen“, sagte er hastig. „Sonst finden wir Nétis nie.“ BlueShadow bemerkte seinen betrübten Blick, sagte jedoch nichts. Gemeinsam liefen sie weiter. Doch kaum hatten sie die Höhle hinter sich
gelassen, blieb Kono abrupt stehen. Vor ihnen saß ein großer, grauer Wolf. Nétis. Kono sog scharf die Luft ein. Sein Blick verfinsterte sich. Ein tiefes Grollen drang aus seiner Kehle. „Du?!“ Sein Nackenfell stellte sich auf. „Was suchst du hier? Warum bist du zurückgekehrt?“ Nétis legte verwirrt den Kopf schief. Offensichtlich verstand er die plötzliche Feindseligkeit nicht. „Zurückgekehrt?“, fragte er irritiert. „Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor.“ Dann richtete er sich höflich auf. „Hallo. Ich bin Nétis. Ihr müsst die
beiden Wölfe sein, die mich begleiten sollen?“ BlueShadow trat schnell zwischen die beiden Rüden. „Hallo, Nétis“, begrüßte sie ihn freundlich. „Entschuldige Konos Verhalten. Er scheint heute etwas angespannt zu sein.“ Dann wandte sie sich mit strengem Blick an Kono. „Und du reißt dich jetzt zusammen. Nétis ist unser Gast.“ Kono wollte widersprechen. „Aber ...“ „Nichts aber.“ Ihre Stimme ließ keinen Widerspruch zu. „Sei freundlich. Verstanden?“ Kono senkte die Ohren. „Ja ... ist gut.“ Ohne ein weiteres Wort setzte er sich in Richtung Westen in
Bewegung. BlueShadow und Nétis folgten ihm. Schon nach kurzer Zeit verdunkelte sich der Himmel. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und wurden vom Wind über die Ebene gejagt. Der Schneefall wurde immer dichter. Bald konnten sie kaum noch erkennen, was wenige Wolfslängen vor ihnen lag. „Wir brauchen einen Unterschlupf“, stellte BlueShadow fest. Zum Glück entdeckten sie in der Nähe eine kleine Höhle. Schnell suchten sie Schutz vor dem aufkommenden Schneesturm. Kaum hatten sie sich niedergelassen, kuschelte sich Kono eng an BlueShadow.
Nétis beobachtete die beiden einen Moment lang. Anschließend legte er sich in eine Ecke der Höhle. Dort hatte er sowohl den Ausgang als auch die beiden anderen Wölfe im Blick. Gleichzeitig befand er sich nahe genug am Eingang, um im Notfall schnell fliehen zu können.
Die Reise hatte sie erschöpft. Schon bald schliefen alle drei ein. Während sie schliefen, tobte draußen der Sturm weiter. Der Schnee häufte sich vor dem Höhleneingang an. Langsam. Unaufhaltsam. Bis der Ausgang schließlich fast vollständig verschlossen war.
Als Kono einige Stunden später erwachte, erstarrte er. Der Eingang war verschwunden.
Nur eine dicke Schneewand versperrte den Weg nach draußen. Sofort sprang er auf. Mit der Schnauze stupste er BlueShadow an. Verwirrt öffnete sie die Augen. „Was ist los?“ Kono deutete auf den verschütteten Ausgang. Sofort war sie hellwach. Ohne Zeit zu verlieren begannen die beiden zu graben. Pfote um Pfote arbeiteten sie sich durch die Schneemassen. Der kalte Schnee flog durch die Höhle, während sie sich immer weiter nach draußen kämpften. Erst als sie endlich wieder Tageslicht sehen konnten, hielten sie erschöpft inne. Nun weckten sie auch
Nétis. Inzwischen neigte sich der Tag bereits dem Ende entgegen. Die Sonne versank langsam hinter den Bergen und tauchte den Schnee in goldenes Licht. Der Sturm hatte sich gelegt, doch die Schneemassen machten das Vorankommen schwierig. Immer wieder sanken die drei Wölfe bis zum Bauch ein. Jeder Schritt kostete Kraft. Schließlich fanden sie einen weiteren möglichen Unterschlupf. Doch auch dessen Eingang war teilweise unter lockerem Schnee begraben. BlueShadow und Kono begannen sofort zu
graben.
Nétis trat vor. „Zu dritt wären wir schneller.“
Doch Kono reagierte sofort. „Nicht nötig.“
Seine Stimme klang schärfer, als beabsichtigt.
Nétis wich einen Schritt zurück.BlueShadow runzelte die Stirn.
Je länger sie unterwegs waren, desto deutlicher bemerkte sie die seltsame Abneigung, die Kono gegenüber dem grauen Wolf empfand.
Und langsam begann sie sich zu fragen, ob hinter seiner Feindseligkeit vielleicht mehr steckte, als er bisher zugegeben hatte.
Sie blickten sich an. Alle waren erschöpft. Ihre Mägen knurrten, und ihre Kräfte schwanden mit jeder Stunde. Seit zwei Sonnenaufgängen hatten sie keine Nahrung mehr gefunden. Nun war klar: Sie mussten jagen. Doch ihre Körper waren bereits zu schwach, um sofort weiterzuziehen. Schweren Herzens beschlossen sie, sich auszuruhen. BlueShadow und Nétis legten sich nahe eines großen Baumes in den Schnee. Kono hingegen hielt etwas Abstand. Einige Meter entfernt ließ er sich
nieder. Er schloss die Augen. Doch das, was er dort sah, ließ ihn erschaudern. Sein Nackenfell stellte sich auf, und eine einzelne Träne löste sich aus seinem Auge und rann über sein schneeweißes Fell. BlueShadow beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Was auch immer er sah – es brachte ihn zum Weinen. Sie wusste nichts über seine Vergangenheit. Und genau das machte sie unsicher. Leise erhob sie sich. Ohne ein Wort stapfte sie durch den tiefen Schnee zu ihm. Sie legte sich neben ihn und bettete ihren Kopf sanft an seinen
Nacken.
Kono öffnete die Augen.
Für einen Moment wirkte er überrascht, dann zwang er sich zu einem schwachen Lächeln.
Er stupste sie sanft mit der Schnauze an.
BlueShadow hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Für einen langen Moment sagten sie nichts. Und doch verstanden sie einander.
Etwas hatte sich zwischen ihnen verändert.
Etwas, das sie beide nicht mehr ignorieren konnten.
Kono berührte sie vorsichtig mit der Nase. Als BlueShadow sich leicht drehte, trafen sich
ihre Nasen. Für einen Augenblick erstarrten beide. Dann wandten sie verlegen den Blick ab, jeder in eine andere Richtung. Stille legte sich über sie. Kono hob plötzlich die Nase in den Wind. Er suchte nach einem Geruch. Doch da war nichts. Kein Tier. Keine Spur. Nur Kälte und Schnee. Er stand auf und warf noch einen letzten Blick zu BlueShadow und Nétis. Ein Gedanke
schlich sich in seinen Kopf. -Sie ist bei Nétis sicher.- Ohne ein weiteres Wort verschwand er zwischen den Bäumen und lief tiefer in den Wald hinein. Der Wald auf der Westseite des Tals bildete die Grenze ihres Reviers. Zwischen den hohen Tannen bewegte er sich lautlos, den Kopf gesenkt, die Nase dicht am Boden. Er suchte. Und bald fand er Spuren. Hufabdrücke im Schnee. Klar und frisch. -Das ist meine
Chance.- Langsam folgte er der Spur, Schritt für Schritt, bis er schließlich einen Fluss erreichte. Dort ging er in Deckung. Hinter einem Ginsterbusch lag er reglos und beobachtete das Ufer. Ein Reh. Zierlich. Wachsam. Aber durstig genug, um unvorsichtig zu sein. Klein, aber genug für uns drei, dachte er. Als das Tier sich zum Trinken beugte, nutzte Kono den Moment. Er schnellte aus dem Gebüsch hervor. Ein tiefes, grollendes Knurren durchschnitt die
Stille. Das Reh fuhr erschrocken herum. Doch es war zu spät. Kono hatte bereits zugebissen. Seine Zähne fanden die Kehle des Tieres, fest und unerbittlich. Das Reh schlug panisch aus, sprang und versuchte sich zu befreien. Doch Kono ließ nicht los. Sekunde um Sekunde verging. Bis die Kraft des Tieres nachließ. Schließlich brach es zusammen. Kono wartete noch einen Moment. Dann setzte er den letzten, tödlichen Biss. Stille. Nur der Wind rauschte durch die Bäume. Das Knurren hatte die Stille
zerrissen. BlueShadow richtete sich sofort auf. Der Platz, an dem Kono gelegen hatte, war leer. Kein Geruch in unmittelbarer Nähe. Er war bereits eine Weile fort. Sorge stieg in ihr auf. „Glaubst du, ihm ist etwas passiert?“, fragte sie leise. Nétis lauschte konzentriert in die Ferne. „Ich hoffe nicht“, antwortete er. „Aber dieses Knurren klang nach einem Kampf.“ Er senkte den Blick. „Wenn etwas Größeres dort ist, hätte Kono allein kaum eine Chance.“ BlueShadow spannte sich an. Ihr Blick blieb fest in die Richtung gerichtet,
aus der das Geräusch gekommen war. Jeder Muskel war bereit zu reagieren. Nétis wirkte ebenfalls angespannt. In seinem Kopf entstanden verschiedene Möglichkeiten – nicht alle harmlos. Währenddessen kämpfte Kono mit der Beute. Das Reh war schwerer, als es zunächst gewirkt hatte. Der Schnee erschwerte jeden Schritt. Er zog das Tier mühsam durch die weiße Landschaft. Allein würde er es nicht weit schaffen. Dann blieb er stehen. Eine Idee.
Er hob den Kopf und ließ ein kurzes Heulen ertönen. Es trug weit über das
Tal. Dann setzte er sich neben die Beute und wartete. Ein leises Grinsen huschte über seine Gedanken. -Warum bin ich nicht früher darauf gekommen?- BlueShadow reagierte sofort. Ihr Kopf schnellte hoch. „Das war Kono.“ Nétis nickte. Ohne zu zögern antworteten sie mit einem kurzen Heulen und machten sich auf den Weg. Nach kurzer Zeit fanden sie ihn am Flussufer. BlueShadow und Kono trafen sich sofort mit Blicken. Keine
Worte.
Nur Erleichterung.
Dann trat Kono vor und begann zu fressen.
BlueShadow und Nétis folgten ihm.
Gemeinsam teilten sie das Reh bis auf die Knochen. Als sie fertig waren, legten sie sich satt und erschöpft unter eine Baumgruppe.
Der Schnee dämpfte jedes Geräusch.Und für einen Moment war alles ruhig.
Mitten in der Nacht schreckte Eleazar plötzlich hoch. Sein Fell war schweißnass, seine Augen weit aufgerissen. Keuchend versuchte er, Luft zu bekommen, während die Bilder seines Albtraums noch klar vor seinem inneren Auge flackerten. Er stieß Aponi sanft an. „Was ist denn, Eleazar?“, murmelte sie verschlafen. „Ich hatte einen schrecklichen Traum … von BlueShadow und Kono“, brachte er ängstlich hervor. Aponi zog ihn näher an sich. „Es war nur ein Traum. Alles ist gut.“ Langsam beruhigte sich Eleazar wieder und versuchte, die Bilder zu verdrängen. Am nächsten Morgen suchte er sofort
Eyota. Doch der junge Wolf war nirgends zu finden. Unruhig lief Eleazar zu Wolveseye. „Weißt du, wo Eyota ist?“ Doch auch Wolveseye wusste es nicht. Bis zum Abend warteten sie. Doch Eyota kehrte nicht zurück. Die Sorge wuchs. Wolveseye eilte zu Aponi, die auf die Welpen aufgepasst hatte. Auch sie schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn seit gestern nicht gesehen.“ Schweigen legte sich über das Rudel. Dann stieg Wolveseye auf einen Felsen. Er hob den Kopf in den Himmel und stieß ein langes, durchdringendes Heulen aus. Ein Ruf, der weit durch das Tal hallte. Am anderen Ende des Silbertals saßen
BlueShadow, Kono und Nétis gerade bei ihrer Beute. Als BlueShadow das Heulen hörte, schreckte sie sofort auf. Ihre Augen weiteten sich. Sie lauschte angespannt, bis der Klang verklang. Nervös begann sie wieder zu fressen, doch ihre Unruhe blieb. Kono und Nétis beobachteten sie aufmerksam. „Blue … was ist los?“, fragte Kono schließlich. Sie zuckte leicht zusammen. „Nichts. Alles in Ordnung“, antwortete sie schnell. „Ich gehe nur kurz spazieren.“ Ohne weitere Erklärung stand sie auf, leckte sich über die Schnauze und deutete Kono an, dass sie gleich zurück sein würde. Dann lief sie
los. Sie verließ den Wald und trat auf eine offene Lichtung. Der Himmel war dunkelrot. Der Mond glühte in einem unnatürlichen Feuerrot. „Ein Blutmond …“, flüsterte sie erschrocken. „So war es auch bei meiner ersten Verwandlung …“ Kaum hatte sie den Satz gedacht, krümmte sie sich vor Schmerz. Leise Jaul-Laute entglitten ihrer Kehle. Ihr Körper begann sich zu verändern. Zur selben Zeit befand sich Eyota auf einer fremden Lichtung. Als er sich umsah, erstarrte er. Vor ihm stand ein gewaltiger, weiß schimmernder Wolf. Er zuckte zurück. Doch als er die vertrauten Augen erkannte, entspannte er sich. „Mutter …“, flüsterte
er. BlueShadow trat näher. „Eyota. Heute Nacht wirst du deine Wandlung erleben.“ Ihre Stimme war ruhig, aber ernst. „Ich werde bei dir sein.“ Der Himmel pulsierte im roten Licht des Blutmondes. BlueShadow hielt ihren Sohn fest. Im nächsten Moment verlor Eyota das Bewusstsein. Doch er fiel nicht. BlueShadow hielt ihn aufrecht. In seinem Geist begann eine andere Welt zu entstehen. Eine Stimme erklang. Ruhig. Tief. Fremd. „Keine Angst, Eyota. Das ist Teil der Wandlung.“ Vor ihm erschien eine Gestalt aus Nebel. Ein großer, hellgrauer
Wolf. „Ich bin Black-Moon, der Mondgeist.“ Eyota blickte ihn ehrfürchtig an. „Ich werde dir deine zukünftige Gestalt zeigen“, fuhr der Geist fort. „Und dir deine Kräfte verleihen.“ Der Nebel formte sich weiter. „Deine Mutter erhielt die Geschwindigkeit. Die Gestalt des weißen Werwolfs.“ Der Geist trat näher. „Du jedoch erhältst Stärke. Dein Geist ist der Erdwerwolf.“ Eyota nickte langsam. Black-Moon beschrieb ihn genau: Ein kräftiger, braun gezeichneter Wolf mit hellen Mustern an Pfoten, Rücken und Stirn. Langem Nackenfell, das bis zu den Oberschenkeln fällt. Schmuck
aus Stein und Gold, eine schwere Präsenz, starke Krallen und ein wacher, durchdringender Blick. „Wenn du ihn dir genau vorstellst“, sagte der Geist, „wird er Teil deines Bewusstseins.“ Eyota schloss die Augen. Und erschuf ihn. Der Erdwerwolf erschien vor ihm. Kraftvoll. Echt. Lebendig. Zur selben Zeit hielt BlueShadow ihren Sohn noch immer fest. Sein Körper bebte. Dann begann die Veränderung. Seine Gestalt wuchs. Sein Fell verdichtete sich zu einem kräftigen Braun mit hellen Übergängen. Seine Augen wurden klarer, reifer. „Mein Sohn … du hast es geschafft“, flüsterte
BlueShadow. Freude durchströmte sie. Wolveseye hörte das Heulen und gab die Nachricht an das Rudel weiter. Alle jubelten.
Im Geist lächelte Black-Moon. „Du hast dich verändert, Eyota.“ „Ich fühle mich stärker“, antwortete er. „Erwachsener.“ „Das bist du nun.“ Dann verblasste die Welt aus Nebel. Der Geist verschwand. Eyota öffnete die Augen. Seine Mutter sah ihn an. Und lächelte. „Ich bin stolz auf dich.“ Er lächelte zurück. Wenig später musste BlueShadow zurück. „In etwa vier Sonnenaufgängen sind wir wieder an der Höhle“, sagte sie. Eyota nickte, auch wenn ihm der Abschied
schwerfiel. Dann verschwand er im Wald. BlueShadow kehrte zu Kono und Nétis zurück. Als sie den Wald betrat, war sie wieder in Wolfsgestalt. Ein leises, freudiges Bellen entwich ihr. Kono sprang sofort auf sie zu und warf sie spielerisch in den Schnee. Beide lagen lachend im Schnee, eng beieinander, und sahen sich lange an. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen. „Hey, BlueShadow“, erklang Nétis’ Stimme. Er trat näher. „Kono hat die ganze Zeit nur von
dir geredet.“
BlueShadow grinste leicht.
Kono drehte verlegen den Kopf weg.
Am Abend erreichten sie die Grenze und ließen sich zur Ruhe nieder. BlueShadow legte sich dicht neben Kono. Er wiederum hielt bewusst Abstand zu Nétis – weit genug, dass dieser nicht hören konnte, was sie sprachen.
Leise wandte sich BlueShadow an ihn.
„Kono … als ich unterwegs war, habe ich Eyota eine Nachricht überbracht. Unsere Mitglieder werden in zwei Sonnenaufgängen bei uns eintreffen.“ Kono blickte sie überrascht an. Er sagte nichts, doch sein Blick verriet, dass er die Nachricht ernst nahm.
Als die Nacht hereinbrach, wünschten sie sich
gegenseitig eine ruhige Wache. Nétis und Kono schliefen bald ein. Nur BlueShadow fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Ihre Gedanken waren unruhig. Sie dachte an Kira und Taruk. An die Welpen, denen sie einst nicht helfen konnte. An die Wandlung, die sie nicht begleiten durfte. Und an den Schmerz, der geblieben war. Leise schloss sie die Augen. „Kira … Taruk … meine zwei Liebsten … ich werde euch nie vergessen. Ruht in Frieden.“ Ihre Worte wurden vom Wind aufgenommen und davongetragen. Der Wind trug sie weit. Bis zu den Ohren von Suraa. Suraa schreckte hoch. Für einen Moment lauschte sie in die
Dunkelheit. Alles war ruhig. Die anderen schliefen. Vorsichtig erhob sie sich und trottete zu Sakima, der unter einer großen Tanne lag. „Sakima … wach auf“, flüsterte sie und stupste ihn an. Ein tiefes, unwilliges Grollen antwortete ihr. „Was ist so wichtig, dass du mich weckst?“, knurrte Sakima. Suraa senkte den Kopf. „Es sieht so aus, als würde BlueShadow zu diesem Rudel gehören. Sie ist bei Nétis.“ Sofort veränderte sich seine Haltung. Sein Blick wurde
hart. „Was?! Du wagst es, den Namen dieser Kreatur auszusprechen, die unser Volk verraten hat?“ Sakima erhob sich langsam. Seine Stimme war nun kalt und gefährlich. „Gut. Dann schick zum Morgengrauen einen Spähtrupp los.“ Er machte eine Pause. „Und wenn es stimmt, was du sagst … dann gehört BlueShadow mir im Kampf.“ Suraa schluckte und wich zurück.
Nicht weit entfernt, noch außerhalb von Sakimas Reich, lag eine einzelne Gestalt im Schutz eines
Felsens.
Managarm.
Eine Timberwölfin.
Sie hatte sich ein Versteck gesucht, das kaum zu erspüren war – perfekt verborgen zwischen Wind und Stein. Geduldig wartete sie.
Noch vor Sonnenaufgang schickte Sakima eine Wölfin als Späherin los. Sie sollte das Lager von Nétis auskundschaften. Als sie zur Mittagszeit zurückkehrte, stand sie vor Sakima. Eine Narbe zog sich über ihr Gesicht, dort wo einst ihr linkes Auge gewesen war.
Ihre Stimme war angespannt, als sie
berichtete:
BlueShadow war dort. Gemeinsam mit einem weißen Arktischen Wolf, der eindeutig ihr Gefährte zu sein schien. Sakima antwortete nicht sofort. Dann entwich seiner Kehle ein tiefes, bedrohliches Grollen.
Die Späherin senkte sofort den Kopf und zog sich winselnd zurück.
„Du Monster! Dich wollen wir hier nicht haben! Nimm deinen Sohn und lauf! Wenn du hierbleibst, werden dein Sohn und du sterben!“ BlueShadow schreckte aus ihrem Albtraum hoch. Ihr Fell war gesträubt, ihr Atem schwer. Sie schüttelte die Angst hastig ab, doch ihr Herz schlug noch immer schnell. Kono hob sofort den Kopf. Leise, damit Nétis nicht erwachte, fragte er: „Was ist los?“ „Nichts … nur ein Albtraum“, flüsterte sie zurück. „Aber er fühlte sich so real an.“ Sie schüttelte sich erneut, als könne sie die Bilder damit vertreiben. Kono musterte sie
besorgt. „Hast du deswegen die anderen rufen lassen? Gibt es an der Grenze etwas, das dich beunruhigt? Wir könnten auch umkehren. Nétis findet seinen Weg sicher allein. Auch wenn mir der Gedanke nicht gefällt.“ BlueShadow hob den Blick und sah ihn direkt an. „Warum eigentlich nicht?“, fragte sie leise. „Was hat er dir getan, dass du ihn ständig anknurrst? Du schaust ihn an, als würdest du ihn am liebsten tot sehen.“ Ihre Stimme war ruhig, aber wachsam. Sie suchte in seinen braunen Augen nach einer Antwort. Kono wandte den Blick abrupt ab. Sein Ausdruck veränderte sich – kurz verletzlich, dann wieder
verschlossen.
„Nichts“, murmelte er. „Ich habe nur ein ungutes Gefühl bei ihm.“ Mehr sagte er nicht.
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Hätten sie gewusst, welche Gefahr sich tatsächlich ihrem Weg näherte, hätten sie anders gehandelt.
Doch die Zeit lief gegen sie.
Und während sie zögerten, rückte etwas anderes unaufhaltsam näher – ihr eigenes Rudel … und die Schatten, die Nétis mit sich brachte.
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| AppleBlossom Kommentar vom Buch-Autor gelöscht. |
| LePoeteMos Kommentar vom Buch-Autor gelöscht. |
| HeidiCHJaax Sehr natürlich und in schönen Bildern geschildert. Da meine Zeit nicht für den ganzen Text reichte, habe ich ein Lesezeichen gesetzt. LG Heidi |