
Früher dachte ich immer, dass alle Leute gerne beliebt wären, das jeder cool seien wollte. Ich natürlich auch, aber ich stehe nun mal gerne im Mittelpunkt und das ist etwas mit dem viele Leute nicht klar kommen. Wenn ein süßer Junge vorbei kommt, lache ich lauter, um auf mich aufmerksam zu machen. Und eigentlich ziehe ich mir auch immer die Klamotten an, die In sind. Ich bin auch der Meinung, dass ich gar nicht so schlecht aussehe (bis auf ein paar Pickel.) Ich dachte früher, es wäre das Lebensziel eines Menschen beliebt zu sein und coole Freunde zu haben. Bis zu dem Moment, in dem ich anfing, mich mit Maggie zu befreunden. . So alt bin ich zwar noch nicht aber ich glaube die Zeit mit ihr war die beste Zeit meines Lebens. Allein schon wie wir uns kennen lernten war komisch. Wir gingen zwar in dieselbe Klasse, hatten aber sonst eher wenig miteinander zutun. Sie hatte ein paar Freunde, mehr wusste ich nicht über sie.Wir hatten damals diese alberne Kletterstange auf unserem Schulhof. Die Lehrer waren tatsächlich der Meinung, dass man auf einem Gymnasium eine Kletterstange brauchte, was natürlich totaler Unsinn war und das machten wir auch deutlich indem sie niemand benutzte. Nur eine hing Tag für Tag kopfüber an der Kletterstange. Maggie. Einmal, als mir langweilig war, fragte ich sie, ob ich mich dazu hängen dürfte. Ihr war es egal und so hängte ich mich zu ihr und fragte sie warum sie da hängt. „Von hier sieht alles gleich aus, nur eben umgekehrt“. Das war das Tolle an Maggie, sie hatte immer eine schlagfertige und nicht immer logische Antwort parat. Es ist mir damals seltsam vorgekommen und es kommt mir noch heute seltsam vor, denn sie wollte nicht beliebt sein. Klar, sie war nicht zufrieden mit allem, aber wer ist das schon. Nein, es war ihr gut genug, wenn sie ein paar Freunde hatte, die sie wirklich mögen. Das hört sich ja eigentlich toll an aber ich, als eine die sich in punkto Beliebtheit immer hochgearbeitet hat, konnte das damals noch nicht verstehen. Es gab 4 wirklich beliebte Schüler in unserer Klasse, zwei Jungs, Gustav und Marc, und zwei Mädchen. Mit Lara bin ich schon in die Grundschule gegangen. Sie war eigentlich immer sehr unauffällig. In der fünften Klasse war sie dann der Meinung sie müsste ihre Nettigkeit und Hilfsbereitschaft gegen ein eher schlampiges Image tauschen, nur weil sie schneller zu einer Frau wurde als die anderen. Und tatsächlichen fuhren die Jungs voll auf sie ab. Ich hab allerdings keine Ahnung wie es Maxine geschafft hat beliebt zu werden. Ich glaube indem sie sich einschleimte. Mag sein, dass ich schlecht über die beiden schreibe aber das ist meine Vision der Geschichte und da ich die einzige bin, die sie aufschreibt, darf ich das. Vielleicht war ich ja auch nur neidisch. In unserer Klasse ging es sowieso viel um Beliebtheit und Aussehen. Wenn wir SV-Stunden hatten (da denken sich die Schüler Probleme aus um keinen Unterricht zu machen, was natürlich nicht der Sinn der Sache ist aber die Lehrer blicken sowieso nichts) und jemand das Thema Clique und ausgrenzen ansprach, haben die „coolen“ Schüler natürlich verneint, das es so was gibt. Niemand wurde wirklich ausgegrenzt, aber wir gehörten irgendwie auch nicht alle zusammen.
Maggie wurde meine beste Freundin, wir klebten immer zusammen, es war ein seltener Anblick, wenn man eine von uns allein traf. Die In-Clique machte sich natürlich einen Spaß daraus. Ich war darüber sehr unglücklich aber Maggie sagte nur: „ Das ist echte Freundschaft, habt ihr keine eigenen Probleme?“ Unter ihrer Obhut veränderte ich mich stark, ich wurde selbst ironisch und ein bisschen kindlich, vor allem aber machte ich jede Menge Witze. Ich tat so, als wäre es mir nicht mehr wichtig, was andere von mir denken, aber so war es nicht. Ich liebte nichts so sehr wie Aufmerksamkeit und das merkte Maggie auch bald. Sie war nicht besonders gut in der Schule. Als ich sie einmal fragte warum sagte sie nur: „Ich bin eben Altklug, niemand in der Neuzeit weiß wie klug ich bin.“ Das war so ein typischer Maggiespruch.
Wir hatte öfters Zoff wegen Dingen, die Maggie unwichtig nannte, aber mir gingen sie doch sehr zu Herzen. Ich war zu dieser Zeit auch unglaublich eifersüchtig. Eifersüchtig auf Lara, wenn sie auf Partys von allen umringt war und eifersüchtig auf Maggie, weil es sie nicht störte. Als meine Eltern sich trennten, sank ich in ein tiefes Loch, doch Maggie konnte und holte mich wieder raus. Manchmal fragte ich mich und auch sie, wie das möglich war. Ihre Standardantwort war dann immer: „ Ich bin allmächtig.“
Wir wurden umgesetzt. Für einen Erwachsenen mag das nicht so schlimm sein, aber für uns war das schrecklich. Vor allem, wenn du eine schlechte Zettelbahn erwischt. (Eine Zettelbahn ist der Weg des Zettels vom Absender bis zum Empfänger) Wir erwischten eine schlechte Zettelbahn. Zu der Zeit etwa teilten Maggie und ich unsere Klasse in Schichten ein. Es gab die Oberschicht, zu der die In-Clique gehörte, dann die Unterschicht, zu der gehörten eben die anderen, wie wir (Ich bin heute noch der Meinung das in der Unterschicht die netteren Leute waren) und dann gab es noch die Markusschicht. Markus war ein ziemlich cooler und netter Junge, der schon 15 war. Er hätte locker zur Oberschicht gehören können, aber wie auch Maggie war er der Meinung, dass das nicht so wichtig ist. Er gehörte also mit Maggie zu meinen größten Vorbildern, auch wenn mir innen drin irgendwie klar war, das ich das nie so unwichtig finden würde. Das mit den Schichten eskalierte, wegen der simplen Idee grenzte sich nun auch die Unterschicht ab. Manche Leute, die es nicht verdient hatten, verlangten ebenfalls eine eigene Schicht. Ich muss zugeben mir gefiel es, das ich solche Macht hatte, sogar die In-Clique nahm mich plötzlich wahr. Aber Maggie holte mich zurück auf den Boden zurück und erklärte die Schichten für beendet.
Ich saß eingekreist von der In-Clique in der letzten Reihe. Rechts Lara, Links Maxine und neben ihnen Marc und Gustav. Maggie bemerkte manchmal abfällig, das ich auf der dunklen Seite der Macht sitzen würde, was eigentlich auch stimmte, nur das sie mich nicht mit Hass zu sich rüberholten sondern mit ihrer Beliebtheit. Sicher wussten sie nicht mal, was genau sie taten, aber sie drängten sich immer mehr in mein Leben. Als ich Maggie das sagte war ihre einzige Bemerkung: „ Na, dann mach einen auf Luce Skywalker von wegen, mich kannst du nicht bekehren.“ Das sollte zwar nur ein Witz sein aber die Gleichgültigkeit, mit der sie das sagte, regte mich schrecklich auf.
Immer wenn wir uns stritten, zog ich den Kürzeren, irgendwie hatte sie immer die besseren Argumente. Doch dieses Mal war alles anders, dieses Mal hatte ich die In-Clique persönlich die mich unterstützte. Ich merkte gar nicht, wie gemein ich war und wie sehr ich der unverletzbaren Maggie damit wehtat. Es war mir egal, ich war jetzt cool, für meine tollen Freunde würde ich echt alles machen.
Ich ging jetzt nicht mehr auf Maggie, sondern auf meine tolle In-Clique zu, wir klatschten uns ab und es war einfach ein tolles Gefühl dazu zu gehören. Einmal kam ein Freund von Maggie zu uns und berichteten mir, wie sehr ich sie verletzt hatte, innerlich schrie alles in mir: „Dann sag ihr das es mir unendlich leid tut, das ich sie liebe!“ Aber leider, und zum ersten Mal war wirklich leider, war meine „ach so tolle“ Clique dabei. Meine Antworten waren also einsilbig, von wegen: „Mir doch egal.“ Und: „Lass mich in Ruhe.“
Doch irgendwann kam Maggie zu mir. Erst ignorierte ich sie doch dann rief ich ganz cool (meine Clique war ja dabei): „Du hast fünf Minuten Zeit um mit mir allein zu reden, danach hör ich auf, so zu tun als würde ich mich für deinen Schrott interessieren und setz mich wieder zu meinen Leuten, Capito?“ Mit dem begeisterten Johlen meiner Clique im Ohr, ging ich mit Maggie zu Nachbartisch und überlegte mir schon mal ein paar fiese Antworten (Sie hörten uns schließlich am Nebentisch). Ich war auf alles gefasst außer auf das was jetzt kam. Sie holte tief Luft uns sprach dann das aus, was eigentlich schon am Anfang unserer Freundschaft ein Thema war: „Meine Eltern haben sich entschieden, wir ziehen nach Köln.“ Innerlich brach für mich eine Welt zusammen (Maggie nannte sie immer Maggietown). Ich heulte innerlich, aber äußerlich sah ich wohl ganz cool aus als ich sagte: „ Aha und dafür hast du jetzt wichtige fünf Minuten meines Lebens vergeudet.“ Maggie ging wortlos weg, nicht die Reaktion die ich erwartet hatte. Ich weiß nicht ob sie später weinte. Niemand, der diese Geschichte liest, versteht, was für ein Kampf in dem Moment in mir statt gefunden hat. Doch anscheinend hatte die Beliebtheitsseite mehr Truppen. Ich war am Ende, als ich mich zu meiner Clique setzte.Nach dem Sportunterricht in der großen Pause sagte meine Clique dann plötzlich, ich sollte mich kopfüber an die Kletterstange hängen, erst dann würde ich fest zu ihnen gehören. Es regnete, die Stange war rutschig und darunter aufgeweichter Sand. Ich hängte mich also an die alberne Kletterstange. Von hinten kam Maxine und kitzelte mich am Bauch, ich rutschte ab und plumpste in den Matsch. In dem Moment fing die Clique an zu lachen, es ging die ganze Zeit nur um eine Wette, ob sie mich dazu bringen könnten mich an der Kletterstange zum Affen zu machen.
Es war zu spät, denn ich sah Maggie nie wieder, aber vielleicht brauchte ich die paar Sekunden die ich kopfüber dort hing, um zu kapieren, was Freundschaft wirklich bedeutet.