Romane & Erzählungen
Rupert Buckley

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"Rupert Buckley"
Veröffentlicht am 17. November 2010, 28 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Rupert Buckley

Rupert Buckley

DIe Begegnung

Kapitel 1

 

Eine Dunkle Wolke bewegte sich langsam auf das dreistöckige Apartmenthaus zu. Im Inneren einer kleinen vier Zimmer Wohnung im obersten Geschoss hatte Rupert Buckley vor einem halben Jahr seine eigene Praxis für Psychotherapie eröffnet.

Rupert saß in seinem kleinen Behandlungszimmer, die Beine ruhten in bequemer Manier auf dem Schreibtisch, während er genüsslich den blauen Dunst seiner Zigarette einsog. Rupert blickte zum Fenster , es war ein trister Tag, die Stadt lag unter grauen Wolken begraben . Wenn es anfangen würde zu regnen könnte er die Praxis womöglich sofort schließen,dann würde garantiert kein Patient mehr kommen. Rupert spielte schon den ganzen Vormittag mit dem Gedanken früher nach Hause zu gehen. Es tat sich nichts. Kein einziger Anruf. Niemand hatte seinen Rat seit mehr als zwei Wochen gebraucht. Alle seine Patienten waren geheilt oder weggezogen. Manche so gestand Rupert sich ein, waren wohl auch Tod.

Doch wer gestorben war und wer geheilt war, interessierte Rupert im Moment nicht, denn wie jeder andere brauchte er Geld, um Rechnungen zu bezahlen, um Anna, seine Sprechstundenhilfe, zu bezahlen, um die Hypothek seines Hauses zu bedienen. Er musste diesen Monat schon wieder rote Zahlen schreiben, wie in den drei Monaten zuvor. Es war aussichtslos. Er würde die Praxis wohl endgültig schließen müssen.

Er saß eigentlich nur noch an seinem Schreibtisch um seinem Gewissen einen milden Dämpfer aufzusetzen. Kein Patient würde kommen. Er könnte also auch getrost nach Hause gehen. Doch, wenn er den Entschluss fassen würde, dann hätte er sich seine Niederlage eingestanden. Er wollte nicht wieder zurück. Nie wieder wollte er in die staatlichen Psychatrien, zwar war ihm hier immer ein Platz sicher, da er gute Verbindungen hatte, doch dahin wollte er nicht zurück, nie mehr. Allein der Gedanke an den Klang seiner Schuhe auf dem Linoleumboden, widerte ihn an. In seiner Praxis hatte er auf Teppichboden bestanden, er wollte nicht mehr an die Zeit in den Krankenhausfluren zurückdenken müssen.

Mit einem Seufzen schwang er die Beine vom Tisch und ging mit langsamen Schritten in den Vorraum der Praxis, wo Anna gerade ihre Fingernägel lackierte.

Als Anna Rupert bemerkte, zuckte sie kurz zusammen, fasste sich aber schnell wieder.

Ohh, tut mir Leid, ich räume das sofort weg“

Rupert verzog sein trauriges Gesicht zu einem mitleiderregenden Lächeln Machen sie ruhig weiter, sie können heute auch früher gehen, wenn sie möchten“

Rupert drehte sich auf dem Absatz herum und schlurfte zurück in sein Behandlungszimmer.

Er schloss gerade die Tür als das Klingeln des Telefons den Vorraum erfüllte.

Anna nahm den Hörer umständlich mit ihren frisch lackierten Händen ab und klemmte ihn sich zwischen Ohr und Schulter, damit die frisch lackierten Meisterwerke nicht verwischten. Nach wenigen Sekunden legte sie wieder auf. Als sie sah, dass Rupert sie durch den Türschlitz hindurch beobachtete, lächelte sie ihn unvermittelt an.

Rupert ging wieder zu ihrem kleinen Schreibtisch „ Und wer war das ?“

Annas Lächeln wurde breiter „ Ein Herr Rasputin, er hat sich einen Termin für heute Nachmittag geben lassen. Er fragte auch noch, wie lange so eine Sitzung ging, da sagte ich, dass sei recht unterschiedlich, aber meist eine bis zwei Stunden. Da sagte er, er wolle sie den ganzen Nachmittag über mieten und er würde bar zahlen, wenn es keine Umstände machen würde.“

Rupert konnte es nicht fassen, doch er versuchte seine Freude über diesen Patienten zu verbergen, was ihm aber kaum gelang.

Er scherzte noch kurz „ Scheint wohl ein größeres Problem zu haben der Gute“ und verschwand danach augenblicklich in seinem Büro, um seiner Freude ungestört zu erliegen.

Rupert schien es so, als vergingen Stunden. Er wartete und mit jeder Minute machte er sich verrückter. Womöglich ein Scherzanruf, vielleicht wusste jemand wie schlecht es um seine Praxis bestellt war und wollte ihn bewusst quälen. Seine Gedanken klangen ganz so als ob er bald selbst eine Therapie bräuchte, irgendwie belustigte ihn der Gedanke. Der arme Kollege, der mal mit mir gestraft sein würde. Ein aufkommendes Stimmengewirr aus dem Vorraum riss ihn unvermittelt aus seinen Gedanken. Das wird er wohl sein. Rupert richtete seine Krawatte und setzte sich aufrecht hin. Die Hände hielt er schlicht übereinander gefaltet. So verharrte er einige Minuten, mit jeder Minute die verging wurde er ungeduldiger, doch er musste ruhig und gefasst bleiben.

Nachdem er bereits wieder in sich zusammengefallen war klopfte es sanft an der Tür. Anna streckte ihren Kopf durch den Spalt „ Herr Rasputin ist nun da, kann ich ihn herein lassen.“

Ja, ich bin gerade fertig geworden, schicken sie ihn rein.“ verkündete Rupert in gespielt geschäftigem Ton.

Eine nette Theatervorstellung dachte sich Rupert, vielleicht hätte er doch zum Theater gehen sollen, wie es seine Mutter immer gewollt hatte.

Die Tür ging auf und herein kam ein adrett gekleideter junger Mann, selbst Rupert bemerkte sofort wie attraktiv er war.

Kommen sie herein.“

Der junge Mann schloss aufmerksam die Tür hinter sich und wandte sich dann mit einem einnehmenden Lächeln an Rupert.

Mein Name ist Siegfried Rasputin. Sehr erfreut ihre Bekanntschaft zu machen“ er reichte Rupert seine Hand.

Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Mein Name ist Rupert Buckley.“ sagte Rupert in unbeschwert freundlichem Ton, während er die Hand schüttelte.

Nehmen sie doch bitte Platz, Herr Rasputin.“

Mit einer anmutigen Bewegung setzte sich der junge Mann in den von Rupert gewiesenen Sessel.

Einen Moment lang taxierte Rupert Siegfried aufmerksam, dann lehnte er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück, faltete die Hände übereinander und versuchte Augenkontakt herzustellen. Rasputin wich seinen Blicken jedoch gekonnt aus und blickte schließlich zu Boden. Jeder Patient verhielt sich anders, einige schauten ihm sofort in die Augen, um ihn zu prüfen, oder ihn herauszufordern, wieder andere suchten sich einen festen Punkt den sie teilnahmslos anstarrten. Rasputin schien einer jener Patienten zu sein, die man am besten als schüchtern beschreiben würde. Jene Patienten kreisen mit ihren Blicken durch den ganzen Raum, meiden hierbei aber jede Form des Augenkontakts. Sie suchen meist die Sicherheit des Bodens, wenn sie merken, dass sie angesehen werden. Rupert hatte sich bei solchen Patienten angewöhnt besonders unbekümmert und locker in ein Gespräch einzusteigen, um die Schärfe aus der Situation zu nehmen. Mit ruhiger Stimme und einem warmen Lächeln fragte er Rasputin „ Was führt sie zu mir, wo drückt der Schuh?“

Rasputin wog unruhig auf seinem Stuhl hin und her, Rupert kannte diese Nervosität bei seinen Patienten nur zu gut, doch irgendetwas an Siegfrieds Nervosität behagte ihm nicht. Er wusste nicht was es war, doch irgendetwas passte nicht.

Rupert beobachtete den Mann der ihm gegenüber saß ganz genau. Er suchte nach einem unbewussten Signal. Einem Anhaltspunkt in der Körpersprache des Mannes, doch er konnte nichts erkennen, er konnte schlichtweg nicht sagen in welcher emotionalen Verfassung sich sein Gegenüber befand. Seine Körpersprache war einfach zu diffus. Normalerweise fiel das Lesen der Patienten Rupert ausgesprochen leicht, er konnte problemlos in die Leute hineinsehen. Doch aus dem Mann der in dem roten Lehnensessel saß und unruhig hin und her wog, wurde er nicht schlau. Es kam Rupert fast so vor, als würde der Mann der vor ihm saß, selber nicht wissen was er fühlt.

Seine Körpersprache war aufgewühlt und nervös, doch sein Gesicht war vollkommen entspannt und die Augen ruhten gelassen nach wie vor auf dem kastanienbraunen Teppichboden. Auch das einnehmende Lächeln, was er Rupert zu beginn gezeigt hatte, verweilte wie eine Maske auf seinen Zügen.

Ein Lächeln war manchmal schwerer zu deuten, als eine gänzlich ausdruckslose Miene. Die beste Maske ist die Freundlichkeit, dass wusste Rupert nur zu gut.

Nach einer Weile durchbrach Rasputin abrupt das Schweigen, was sich zwischen den beiden Männern ausgebreitet hatte.

„ Ich bin hier um mit jemandem zu sprechen. Um genau zu sein mit ihnen Rupert. Alles was ich ihnen sagen werde, fällt unter die ärztliche Schweigepflicht richtig ?“

Der Klang seiner Stimme war weich und unbeschwert. Jedes Wort war für sich vollendet, jede Silbe genau betont. Rupert konnte sich nicht gegen das Verlangen erwehren ihn weiter sprechen zu hören. Und so schmerzte es ihn ganz leicht, als Siegfrieds Frage endete.

„ Ja, richtig, nichts was sie mir sagen wird diesen Raum verlassen.“

Der Klang seiner eigenen Stimme formulierte einen leisen Vorwurf gegen sich selbst. Sein Gehör sträubte sich gegen diesen Klang, er war schnöde, nicht formvollendet, sondern einfach langweilig. Rupert ließ den Gedanken vorbeiziehen, als er bemerkte, dass das Lächeln auf dem Gesicht des jungen Mannes ein wenig breiter wurde. Auch seine Augen erhoben sich langsam und wanderten zielsicher auf Ruperts Gesicht zu. Rupert entging dieses erste Anzeichen von Vertrauen nicht, es machte ihn glücklich zu sehen, dass Siegfried sich schon nach so kurzer Zeit merklich wohler fühlte.

Nach einer Weile durchdrang die sanfte Stimme Rasputins abermals den Raum „Sehr gut, dass war mir wichtig.“

Ist es ihnen aus einem bestimmten Grund wichtig ?“

Alles hat doch seinen Grund Rupert.“ gab Siegfried mit einem spitzfindigen Lächeln zurück. Die sanfte Ironie seiner Worte umschmeichelte Rupert.

Er wollte mehr von Siegfried hören, aber nicht weil er ein therapeutisches Interesse hatte, sondern weil er einfach den Klang seiner Worte genoss. Als dieser Gedanke langsam aus dem Unterbewussten an das Licht seiner Wahrnehmung rückte, wischte er ihn sofort beiseite. Er musste konzentriert bleiben, schließlich wurde er gebraucht.

Rupert spürte wie Rasputins dunkle Augen ihn sorgfältig abtasteten. Zentimeter für Zentimeter, angefangen bei seinen Schuhen und endend bei der Fassung seiner runden Brille. Siegfrieds anfängliche Nervosität war gewichen. Mehr noch, der Mann, der vor Rupert in dem alten rötlichen Lehnensessel saß, war nun vollkommen entspannt.

Nun konnte Rupert beginnen. Er begann immer erst, wenn sich seine Patienten, an ihn und an den Raum mit seinen Gerüchen und Klängen gewöhnt hatten.

„Also, worum geht es, worüber wollen sie mit mir sprechen ?“ fragte Rupert kurzerhand.

„ Ãœber mich.“ gab Rasputin zurück.

„ Worüber genau ?“ bohrte Rupert sofort nach.

„ Ãœber mein Leben, ein sehr einsames und langes Leben.“

Rupert hielt kurz inne, der wunderbare Klang von Siegfrieds Stimme war von einer tiefen Trauer weg gespült worden. Eine Welle aus Kummer, die Rupert trotz der wenigen Worte sofort ergriff und mit sich zu reißen drohte.

Einen Moment gestattete er sich, doch einen weiteren erlaubte er sich nicht. Er musste einen klaren Kopf bewahren, was ihm zunehmend schwerer fiel.

Eine Stille hatte den Raum um die beiden Männer ergriffen. Rupert zwang sich die Worte von Rasputin noch einmal vor seinem Inneren Ohr zu hören. Die Trauer Siegfrieds war zwar in seiner frischen Erinnerung noch fassbar, doch es gelang ihm, sich nicht erneut von ihr überwältigen zu lassen und nur auf die Worte zu achten.

Ein Wort ließ ihn stocken „ langes“. Rasputin hatte von einem langen einsamen Leben gesprochen, doch der Mann der vor ihm saß, war nicht älter als dreißig. Rupert drohte die Trauer erneut zu übermannen, als er darüber nachdachte. Welche Qualen er wohl erlitten haben musste, dass diese dreißig Jahre ihm so lange vorkamen.

Die Frage zermürbte Rupert. Sie wurde immer dominanter, sie verlangte ausgesprochen zu werden. Er durfte dem Verlangen nicht nachgeben, wenn er dem Mann vor sich helfen wollte. Und es gab im Moment nichts anderes was Rupert mehr wollte, als ihm zu helfen. Als er sich wieder soweit gefasst hatte, dass er darauf vertrauen durfte, dass seine Stimme nichts von dem verriet was in ihm vorging, brach er die Stille erneut.

„ Gut, ich bin ganz Ohr. Wo möchten sie beginnen ?“ seine Stimme hatte ihn nicht im Stich gelassen, sie strahlte Ruhe und Fassung aus. Es fühlte sich unecht an, denn keines von beidem war gerade in ihm.

„ Wo beginnt man für gewöhnlich ?“ fragte Rasputin, es war keine Spur von Trauer mehr zu erkennen. Das Lächeln war auf seine Züge zurückgekehrt und verschloss sein Inneres erneut.

„ Meist beginnt man am Anfang, aber beginnen sie einfach wo sich möchten “ erwiderte Rupert.

„ Es gibt so viele Anfänge und so viele Enden. Wo genau soll ich beginnen ?“

„ Fangen sie bei ihrem Anfang an, bei ihrer ersten Erinnerung.“

„ Ich erinnere mich an Licht und Wärme. An Geborgenheit und Frieden. An Worte.“ Bei diesen Worten hatte sich ein schwärmendes Lächeln auf Rasputins Züge gelegt. Rupert wollte jene Gefühle noch weiter bestärken. Vielleicht waren sie der Schlüssel zu dem Inneren des Mannes.

„ Erinnern sie sich an noch etwas ?“

„ An vieles, jedoch reichen die Worte nicht aus um es zu beschreiben.“

„ Warum nicht.“

„ Weil jeder Versuch der Beschreibung, dem Moment selbst spottet. Jedes Wort ist nur ein kümmerlicher Versuch, die Ganzheit des Augenblicks in mundgerechte Stücke zu zerschlagen. Es ist eine Barbarei, jene Momente durch ihre Beschreibung fassbar machen zu wollen, nimmt man ihnen doch so ihre Seele.“

Siegfrieds Worte schnitten sich problemlos, durch Haut Knochen und Fleisch und trafen Rupert direkt ins Herz. Er verstand es.

„ Gut.“ mehr brachte Rupert nicht hervor, seine Seele versagte ihm weiter zu sprechen, da sie mehr hören wollte. Doch er musste weitermachen, auch wenn er es nicht wollte.

„ An wessen Worte erinnern sie sich?“

„ An die Worte meines Vaters.“

„ Und was sagt ihr Vater ?“

„ Sein Wort ist.“

Mit dieser Antwort war der Therapeut in Rupert wieder hell wach. Gerade solche kryptischen Antworten verrieten das Meiste über einen Menschen. Es interessiert nicht so sehr das Verborgene, sondern vielmehr das Warum hinter dem verbergen. Rupert war niemand der diese offensichtlichen Mysterien unentschlüsselt auf sich beruhen ließ. Er bevorzugte den direkten Weg.

„ Entschuldigen sie Herr Rasputin, aber wenn ich ihnen bei der Lösung ihres Problems helfen soll, dann müssen sie schon etwas konkreter werden.“ gab Rupert ihm mit einem ernsten Nachdruck zu verstehen. Er wollte nicht mehr darüber erfahren, was er verbarg, sonder darüber, wie Siegfried mit dieser Frage umgehen würde.

„ Gut, ich werde mich um mehr Deutlichkeit bemühen. Sehen sie es mir nach, ich verkehre nicht allzu oft mit Menschen.“

Ohne es zu wollen empfand Rupert auf einmal Reue und verspürte den unnachgiebigen Drang sich bei Siegfried für seine Frage zu entschuldigen. Doch er beherrschte sich, seine ganz Aufmerksamkeit galt nun seinen Fragen.

„ Haben sie etwas gegen Menschen ? Machen sie andere Menschen wütend ?“

„ Ich sagte nichts von anderen. Ich sagte nur ich sei nicht allzu oft unter Menschen.“

„ Leben sie allein ?“

„ Ja.“

„ Haben sie Angst vor einer festen Bindung ?“

„ Nein.“

„ Warum leben sie dann allein ?“

„Weil ich es muss.“

Die letzten Worte von Siegfried kleideten sich wieder in ein schwarzes Gewand der Trauer, was Rupert gleichsam zu verschlingen drohte. Es war kein einfaches Mitgefühl für einen Patienten mehr, es kam Rupert so vor als könne er den Schmerz seines Gegenübers fühlen. Er hatte unbeabsichtigt etwas in Rasputin ausgelöst. Einen Schmerz, ein so tiefes Leiden, dass er nach nur drei Worten mit den Tränen kämpfen musste. Der junge adrett gekleidete Mann in dem roten Lehnensessel, hatte sich von einem Moment zum anderen verändert. Wo zuvor noch ein souveränes Lächeln gewesen war, blickte man nun in die Züge eines gebrochenen Mannes.

An einem solchen Punkt, wo die Gefühle fassbar wurden, so wusste Rupert, war es entscheidend für alle weiteren Sitzungen, wie er jetzt reagieren würde. Er entschloss sich, die Antwort ungefragt bestehen zu lassen, um an einem späteren Punkt, auf sie zurück zu kommen. Man musste den Emotionen ihren Raum lassen. Eine Konfrontation ist nicht immer der richtige Weg, besonders dann nicht wenn man den Gegenüber kaum kannte. Es war für einen Therapeuten, wie für einen Bergführer unerlässlich eine gute Kenntnis des Terrains zu haben, andernfalls bestand die Gefahr in einen Abgrund zu stürzen.

„ Ok, Herr Rasputin.“

„Sie dürfen ruhig Siegfried sagen.“ unterbrach ihn Rasputin. Er hatte die Fassung wieder erlangt, wobei seine Stimme immer noch brüchig klang.

„ Gern, also Siegfried erzählen sie mir ein wenig von sich.“

„ Was möchten sie denn Wissen ? “ fragte Siegfried sofort. Wort für Wort kehrte seine Souveränität zurück.

Nunja, einiges, ich kenne sie ja kaum. Aber fangen wir doch mit ihrer derzeitigen Lebenssituation an. Wo leben sie ?“ Rupert bemühte sich belanglose Fragen zu stellen, um Siegfried zurück in einen gefühlsneutralen Zustand zu führen.

„ Ich lebe in einem kleinen Hotel, nicht weit von hier.“

„Sie leben in einem Hotel ?“ Rupert ärgerte sich sofort über die Verwunderung, die in seinen Worten gelegen hatte. Siegfried schaute ihn prüfend an und fragte dann. „ Ist es so ungewöhnlich in einem Hotel zu leben ?“

„Nein, dass ist es nicht, ich hatte einfach nur etwas anderes erwartet, verzeihen sie meine Verwunderung.“

So offen hatte Rupert eigentlich gar nicht sein wollen, aber er konnte ihn einfach nicht belügen. Langsam fragte sich Rupert was mit ihm los war, er benahm sich so anders.

„ Was hatten sie erwartet ?“ fragte Siegfried neugierig.

„ Ich dachte sie seien eher der Apartmenttyp.“ gab Rupert mit einer ungewohnten Schwere in der Stimme zurück. Gedanklich war er nicht mehr in dem Raum, sondern jagte der Frage nach, warum Siegfried eine solche Wirkung auf ihn hat.

„ Bedrückt sie ihre Fehleinschätzung ?“

Es war wieder eine von diesen Fragen, die Rupert wie ein Donnerschlag trafen. Er fühlte sich durchschaut, ganz so als ob er vollkommen gläsern wäre. Er mochte das Gefühl nicht, aber noch weniger mochte er den Umstand, dass er nichts anders als „ Ja“ sagen konnte. Wenigstens den wahren Grund wollte er vor ihm verbergen, auch wenn er sich selbst durch sein Ja bloßstellte.

„ Irren liegt genau so in der Natur des Menschen, wie die Lüge. Es ist nichts, wofür sie sich zu schämen bräuchten, nichts was nach einer Rechtfertigung verlangt.“

Rupert fühlte sich erleichtert, er wusste nicht wieso, aber das Verständnis von Siegfried wirkte, wie ein warmer Balsam. Auch wenn Rasputin ihm indirekt zu verstehen gegeben hatte, dass er wusste, dass er log. Er atmete einmal kräftig ein und aus. Es war ein beruhigendes Gefühl den Atem durch den Körper fließen zu spüren. Die sanfte Kühle in seiner Kehle, das leichte auf und ab seines Brustkorbs gaben ihm die Ruhe wieder zurück. Jene Ruhe die er brauchte um mit seiner Befragung fort zu fahren.

„ Verzeihen sie, dass ich darauf weiter eingehe, aber seit wann leben sie in einem Hotel.“

„ Seit ich hier bin.“

„ Seit sie wo sind ?“

„ Nunja eben hier, also in dieser Stadt, bei ihnen.“

„ Also lebten sie nicht schon immer in einem Hotel ?“

„ Nein.“

„ Wo haben sie vorher gelebt ?“

„ An einem anderen Ort.“

Rupert spürte den beißenden Nachdruck in der Antwort seines Gegenübers. Er würde keine nähere Auskunft mehr erhalten, egal wie viele Fragen er stellen würde, solche Antworten waren bleiern, sie konnten ein Gespräch in die Tiefe ziehen und sein Ende bedeuten. Eine Frage in diese Richtung würde ihn also nicht weiter bringen. Er musste umdenken.

„ Haben sie irgendwelche Hobbys, Dinge die sie gerne tun ?“

„ Ja, ich sehe den Menschen gerne zu.“

„ Wobei ?“

„ Bei dem was sie tun.“

„ Sie sagten doch sie sind nicht allzu oft unter Menschen?“

„Korrekt.“

„Wie beobachten sie sie, wenn sie nicht unter ihnen sind ?“

„ Ich schaue ihnen einfach zu, dass ist nicht schwer.“

„ Also mit einem Fernglas ? Oder einer Kamera ?“

„ Nein. Ich schaue einfach.“

Rupert hatte erst gedacht er wäre der Lösung des Problems näher gekommen, er dachte kurze Zeit, einen notorischen Spanner vor sich sitzen zu haben, aber gegen diese Vorstellung wehrte sich sein Verstand mit solcher Vehemez, dass er selbst die Vorstellung nicht zuließ. Er konnte nicht einmal in seiner Vorstellung den Mann der vor ihm saß mit einem Spanner oder Voyeur überein bringen. Siegfried wirkte einfach zu rein auf ihn.

Daher verwirrten ihn Siegfrieds Antworten immer weiter, sie gaben nichts von ihm Preis und schafften es trotzdem Rupert immer weiter zu lähmen. Seine Antworten waren präzise, korrekt und meist mit genau so vielen Worten versehen, um dem Gehalt der Frage gerade gerecht zu werden. Kein Wort war überflüssig. Jede Frage die ein wenig offener war, pflegte Siegfried mit einer Kürze zu beantworten, die für gewöhnlich Ruperts Unmut schnell erregt hätte. Doch er verspürte nicht den leisesten Anflug von Zorn in sich, er fühlte sich zwar immer gelähmter, aber irgendwie, und das war es was er kaum begreifen konnte, dennoch gut. Seine eigene Gefühlswelt bereitete Rupert zunehmend Unbehagen, er wusste einfach nicht, warum er so fühlte, wie er fühlte und das störte ihn. Er Wollte wissen was Siegfried fühlte. „ Fühlen sie sich gerade wohl Siegfried ?“

Die Frage hatte seine Lippen verlassen ehe er wirklich begriffen hatte, dass er zu sprechen begonnen hatte. Eine solche Frage hätte er normalerweise nie gestellt, er hielt nichts davon, denn eine Antwort auf eine solche Frage brachte einen fast nie weiter. Siegfried lächelte ihn freundlich an und seine braunen Augen streiften erstmals Ruperts Eigene.

„ Mir geht es gut, danke der Nachfrage.“

Die Antwort war genauso ernüchternd ausgefallen, wie Rupert es sich gedacht hatte, aber der Klang von Siegfrieds Stimme war so weich und harmonisch, eine fast perfekte Symphonie, die einzig der kurze Schein seiner kristallklaren Augen unterbrach. Rupert war wie gebannt. Er konnte sich nicht regen, weil er es nicht wollte, die Angst die Wirklichkeit könne zu ihm zurückkehren war zu groß. Nur in der vollkommenen Stille würde er diesen Moment bewahren können. Sein Geist ließ keinen Gedanken mehr zu, die unnachgiebige Schwere der Erfüllung hatte ihre Schwingen über ihm ausgebreitet. Er sprach, doch er bemerkte es kaum, es war ein mechanischer Vorgang, dem er nur als stummer Beobachter beiwohnte.

Wirklich ?“

Ja Rupert, wirklich.“

Es vergingen einige Minuten in denen die beiden Männer sich einfach gegenüber saßen. Rupert wollte einfach nur da sitzen und sein, nicht mehr. Einfach nur den Raum mit Siegfried teilen. Er würde nicht wieder zu sprechen beginnen. Er tat es auch nicht, Siegfrieds Stimme war es die die Stille diesmal durchschnitt.

Geht es ihnen gut Rupert?“

Ja.“ Er hätte so viele Metaphern, so viele Vergleiche, so viele Worte in dieses ja einfügen können, doch die Zufriedenheit, die er verspürte raubten ihm die Worte. Es waren keine Worte mehr nötig. Man kann das Glück mit so vielen Worten beschreiben, wie es Sterne gibt, doch wie es sich anfühlt ist unbeschreiblich, gleich dem Gefühl auf der Haut beim Aufgehen der Sonne.

Möchten sie mir denn keine Fragen mehr stellen ?“

Rupert schwieg. Er wollte etwas sagen, wenigstens irgendetwas, auch wenn es nur ein Laut gewesen wäre, aber er konnte es nicht.

Gut, wenn sie keine Fragen mehr haben, werde ich mich für heute zurückziehen. Wir können morgen weiter machen. Ich werde gegen 12 Uhr wieder hier sein.“

Rasputin stand auf, deutete ein Winken an und verließ den Raum. Erst als die Tür in das Schloss fiel bemerkte Rupert, dass er gegangen war. Er fühlte sich so als sei er aus einem langen und tiefen Schlaf erwacht. Nur träge kehrten seine Gedanken zu ihm zurück.

Was war nur mit ihm los. Was hatte der Mann, der sich Siegfried Rasputin nannte, an sich, dass ihn so aus der Fassung brachte.

Mit einem Stöhnen erhob er sich aus seinem Schreibtischstuhl. Als er in den Vorraum kam, stellte er fest, dass Anna bereits gegangen war. Sein Blick fiel unvermittelt auf die Uhr an der Wand. Es war bereits später Abend. Wo war die Zeit geblieben. All das schien ihm so surreal.

Während er sich seinen Hut aufsetzte und den Mantel überstreifte, herrschte ein Chaos in seinem Inneren. Er konnte die Gedanken, die ihn bewegten nicht fassen. Wann immer er es versuchte, verblassten sie in dem Moment, wo er glaubte ihrer habhaft geworden zu sein.

Mit einem demonstrativen Kopfschütteln sagte er Nein zu sich selbst. Und schloss die Praxis hinter sich ab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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felix86

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Mediocre Nett, ich wollte unbedingt wissen was da kommt. (-:
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