Beschreibung
Dies ist eine Kurzgeschichte, die über die Nahtoderlebnisse eines Mädchens berichtet
Das schwindende Licht
Wie in Zeitlupe sah ich das blendende Licht auf mich zu kommen, hörte die quietschenden Reifen und dachte mir, jetzt ist es vorbei. Dann nahm ich einen harten Aufprall war. Jedoch spürte ich keinen Schmerz, was mir doch sehr merkwürdig vorkam. Anstatt einer Straße und einem Auto, sah ich nun seltsamerweise weiß, reines weiß.
Mir kam alles wie im Traum vor, als ob ich mich in einer riesigen optischen Täuschung befinden würde. Plötzlich flimmerten Farben über die endlosen Weiten, Bilder aus meinem Leben, Menschen die ich liebte oder nur vom sehen kannte. Millionen Ausschnitte meines bisherigen Daseins. Einem Tunnel gleich flog ich an ihnen vorbei, prägte mir jedes in aller Genauigkeit ein. Interessiert beobachtete ich meine Geburt, denn ich hatte bisher nur fotografische Aufnahmen davon gesehen. Ich sah meinen vierten Geburtstag. Als kleines Mädchen hatte ich wirklich süß ausgesehen, mit rosaroten Schleifen im schwarzen Haar und farbenfrohen Sommerkleidern, die ich, jeder Jahreszeit zum Trotz, immer getragen hatte. Es waren meine Markenzeichen gewesen. Mir fiel auf, dass ich mich bis gerade gar nicht mehr daran erinnert hatte.
Ich beobachtete Szenen, in denen mich meine Eltern liebevoll umarmten und wünschte auf einmal bei ihnen sein zu können. Obwohl ich mir damals versprochen hatte, sie nicht zu vermissen, keimte das Gefühl allmählich wieder in mir auf. Damals, als ich an dem offenen Grab gestanden und ganz allein von meinen Eltern Abschied genommen hatte, war mir die Wahrheit klar geworden.
Ich war ein Niemand, ein unbedeutendes Wesen. Ich war allein.
Nun konnte ich mich entscheiden: wollte ich weiter ein Leben in Einsamkeit führen oder mich meinen Eltern und all den anderen Seelen anschließen, die ungebunden ihrer Wege gehen konnten. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer.
Auf einmal spürte ich, wie ein eisiger Windstoß über mich hinwegfegte und ich nach und nach immer blasser wurde. Ich hatte mich entschieden. Es begann.
Da, urplötzlich hörte ich eine Stimme nach mir rufen: "Lilly"
"Lilly, sag doch was!! Warum liegst du da?" Ich kannte diese Stimme, sie gehörte…
"Wach auf! Du schläfst doch nur!" Mia, die kleine Mia, mit der ich immer gespielt hatte. Ich konnte sie doch nicht allein lassen.
Durch eine plötzliche Eingebung rief ich: "Warte Mia. Ich komme!!"
Doch es war zu spät. Ich hatte mich entschieden und meine Entscheidung war unwiderruflich.
"Nein", schrie ich. "Nein, ich will nicht! Ich will wieder zurück!"
Meine Augen füllten sich mit Tränen, die durch mein unkontrolliertes Zittern umhergewirbelt wurden. Eine letzte salzige Träne fiel zu Boden. Dann war es vorbei. Ich hatte mich aufgelöst. Lilly gab es nicht mehr.