Kurzgeschichte
Der Waldsee

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"Der Waldsee"
Veröffentlicht am 11. August 2010, 28 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Der Waldsee

Der Waldsee

                               Der Waldsee

 

 

Ich stand schon einige Zeit hinter ihm, als er plötzlich zu mir sagte: „ Setzen Sie sich doch eine Weile, wenn Sie möchten. Ich habe nichts gegen etwas Gesellschaft.“

Ich war überrascht wegen der Ruhe und Gelassenheit, mit der er zu mir sprach, ging ich doch davon aus, dass meine Anwesenheit bisher unbemerkt war. Er saß mit dem Rücken zu mir gewandt an einem See, scheinbar regungslos auf einem großen, abgebrochenem Ast. Ab und zu durchwehte eine seichte Brise seine ergrauten Locken, die, als ich seiner Aufforderung zögernd nachkam, noch Strähnen von ehemals blonden Haar erkennen ließen.

„Verzeihen Sie, falls ich Sie erschreckt haben sollte“, entgegnete ich, gleichzeitig verwirrt über den Widerspruch in meiner Äußerung; in Wirklichkeit war ich es, den seine spontane Einladung zusammenzucken ließ. „Ich bin nur zufällig hier an diesen Ort geraten. Eigentlich wollte ich mir in diesem Wald nur etwas die Füße vertreten“

Leicht verlegen kratzte ich mich am Kopf. Meine Bemerkung blieb jedoch unbeantwortet.

Ich stand nun neben ihm, die Hände hinter meinem Rücken verschränkt, und schaute wie er auf die Wasseroberfläche. Sie kräuselte sich und reflektierte das Blau des Himmels. Mehrere Minuten vergingen; ich fing an nervös zu werden. Zwar hatte ich nicht erwartet, dass sich ein ausgiebiges Gespräch entwickelte, doch irritierte mich sein beharrliches Schweigen.

Ich sah ihn von oben herab an. Sein glattrasiertes Gesicht ließ im Profil trotz des gehobenen Alters noch Spuren von Jugendlichkeit erkennen, doch einige auffällige Falten um Augen und Mund deuteten auf ein bewegtes Leben hin. Er schien versunken in etwas, dass mir noch gänzlich entging.

„Darf ich Sie etwas fragen “, unterbrach ich die Stille.

Die ausbleibende Antwort deutete ich als ein Ja.

„Was genau tun Sie hier ?“

„Ich angele“, sagte er leise und in einem fast feierlichen Ton.

Tatsächlich hatte seine Haltung bei näherer Betrachtung etwas von einem Angler; beide Füße waren nebeneinander gestellt, die Unterarme ruhten auf den Knien, sein Blick war auf das Wasser gerichtet. Etwas jedoch fehlte und selbst als Nichtangler konnte ich mich eines fragenden Einwurfs nicht erwehren.

„Aber ich sehe nirgendwo eine Angel oder ähnliches?“

Nun sah er mich zum ersten Mal kurz direkt an, sanft lächelnd, und ich kam mir vor, als ob ich etwas sehr Dummes geäußert hätte. Mir wurde langsam warm in der Frühjahrssonne, denn ich war auf ein solches Wetter und einen so ausgiebigen Spaziergang nicht vorbereitet gewesen. Mein Auto hatte ich irgendwo unweit einer Straße geparkt und meine Jacke mitgenommen. Nach einer Stunde Autofahrt wollte ich mir lediglich kurz die Füße vertreten, ich lag gut in der Zeit und meine Verabredung hatte ich erst gegen Abend.

Wie es geschehen konnte, dass ich mich trotzdem in diesem Waldstück länger aufhielt als geplant, war mal wieder meinem ausgezeichneten Orientierungssinn zu verdanken – Großstadtmensch halt.

Ein Blick auf die Uhr.

Ich war gerade im Begriff zu gehen und diesem seltsamen und wortkargen Zeitgenossen mit einem „Schönen Tag noch“ und „Ach, wo geht´s denn hier zur Straße“ auf den Lippen den Rücken zu kehren, als er abrupt aus seiner Lethargie aufzuwachen schien.

„Wie ich sehe, sind Sie in Eile?“ sagte er freundlich, seine leuchtend blauen Augen auf mich gerichtet.

„Eigentlich nicht. Ich habe mich wohl in diesem Wald etwas verlaufen, wissen Sie, ich komme nicht von hier.“

Er musterte mich, doch sein Gesicht zeigte keinen Ausdruck von Geringschätzung.

„Setzen Sie sich doch und nehmen Sie sich noch eine Weile Zeit“, bat er mich erneut.

Was soll ´s, dachte ich, sei freundlich, setz dich noch ein paar Minuten, rauche eine Zigarette und dann sieh zu, dass du dich verabschiedest. Ich entledigte mich meiner Jacke, breitete sie im Gras aus und nahm neben ihm Platz, innerlich schon auf weitere Schweigeminuten vorbereitet.

„Angeln Sie schon lange hier?“, fragte ich im lockeren Plauderton.

„Fast mein ganzes Leben.“

„Und, beißen sie?“

Nun mußte ich an mich halten. Ich sollte seine Freundlichkeit nicht auf die Probe stellen; wollte ich meinen Wagen wiederfinden war ich doch schließlich auf seine Ortskenntnis angewiesen.

Er sah mich zuerst ernst an, dann erhellte sich sein Gesicht wieder und er lächelte. Senil schien er mir nicht zu sein, wenn er Ironie verstand, dachte ich mir, grinste zurück und zündete mir eine Zigarette an. Ich bot ihm ebenfalls eine an, doch er lehnte dankend ab. Nach zwei Zügen fing er auf einmal an zu erzählen.

 

„Ich war noch jung, wissen Sie- jünger als Sie es wahrscheinlich jetzt sind- und hatte gerade mit meiner ersten Liebe gebrochen, da entschied ich mich, in diesen Wald zu gehen; nicht, um vor Kummer sterben zu wollen, sondern um meinen Hunger zu stillen.

Es waren die Schulferien in dem Sommer vor meinem Abschluß. Damals sah diese Gegend hier noch anders aus, dieser Wald war dichter und tiefer, als er es heute ist. Meine Eltern hatten ein kleines Haus in der Nähe.

Ich wußte nicht, was ich im Wald erlegen, sammeln oder überhaupt essen sollte. Vom Jagen hatte ich nicht die geringste Ahnung, ebenso konnte ich die ungenießbaren oder sogar giftigen Pflanzen und Beeren nicht von den eßbaren unterscheiden. Einzig mein Gefühl trieb mich voran und bekräftigte mich in meinem Willen, von nichts und niemanden auf der Welt mehr abhängig sein zu wollen.

Das mir auf Grund dieser mangelnden Voraussetzungen der Magen knurrte, als ich spät am abend wieder nach Hause kehrte, können sie sich sicherlich vorstellen.

 

Am nächsten Tag wollte ich besser vorbereitet sein. Zeitig brach ich auf, der Himmel war klar und es versprach, ein schöner Spätsommertag zu werden. Die Luft war noch angenehm kühl und roch nach Morgentau.

Ich hatte mein Messer dabei, das mir mein Vater zum Geburtstag geschenkt hatte. Irgendwann kann es dir mal nützlich sein, hatte er zu mir gesagt.

Ich nahm den gleichen Pfad, den ich tags zuvor genommen hatte. Aufgrund des Messers, das an meiner Hose baumelte, kam ich mir vor wie ein unerschrockener Jäger, bereit, mich auf ein gefährliches Tier zu stürzen, wenn es meinen Weg kreuzte. Ab und zu, wenn ich ein Knacken im Gebüsch hörte, faßte ich blitzschnell nach meiner Klinge und machte mich zum Angriff bereit. Zu meinem Glück muß ich gestehen, dass mir die Gefahr stets in Form eines Eichhörnchens oder eines Rehes begegnete. Einmal traf ich sogar auf einen scheuen Fuchs, der mich aus einiger Entfernung musterte und  ignorierend wieder im Dickicht verschwand.

Bis heute glaube ich, dass es hier im Wald nie irgendwelche bedrohlichen Tiere gegeben hat“, sagte er lachend mit dem Kopf schüttelnd und sah mich an.

Meine Zigarette war inzwischen aufgeraucht. Ich beschloß dennoch, ihm weiter zuzuhören.

 

„Irgendwann am frühen Nachmittag kam ich zu einer Gabelung. Den Weg geradeaus kannte ich schon. Links bog er kaum erkennbar ins Unterholz ab. Büsche mit Dornen versperrten den Weg.

Vielleicht waren gerade sie es, die mich herausforderten. Ich zückte mein Messer und hieb mir den Pfad frei.. Mit Efeu bewachsen schien es mir, als ob ich ihn mir tausendfach bahnen müßte, mehrmals stolperte ich. Mein kleines Messer schien kaum etwas gegen das Gestrüpp ausrichten zu können, doch selbst die kleinste Bewegung meiner Hand ließ den Willen erahnen, mir diesen Weg freimachen zu wollen. Die Dornen zerkratzten mir meine Arme und zerstachen meine Hose; am Ende sah es tatsächlich so aus, als ob ein wildes Tier mich angefallen hatte und dass ich nur mit großem Widerstand davongekommen wäre.

Schließlich hatte ich es geschafft. Außer Atem und froh, den Dornen entkommen zu sein betrat ich eine kleine Lichtung und wurde meines Atems erneut beraubt.

Blendend wie mit Dutzenden von Edelsteinen gefüllt, umgeben von hohen Eichen und Weidenbäumen, erstrahlte in der Mitte der Lichtung ein See, auf dessen Oberfläche die Nachmittagssonne schimmerte. Angenehme Kühle ging von ihm aus und schnell trocknete der Schweiß und mein Blut aus den Wunden, die mir die Dornen zugefügt hatten. Ich ging an das seichte Ufer und setzte mich, genau so wie Sie sich jetzt neben mich hingesetzt haben. Das ist nun schon fast fünfzig Jahre her.“

Eine Spur Wehmut erklang in seiner Stimme. Ich kam mir irgendwie berührt vor und zündete mir noch eine Zigarette an.

„Sie rauchen viel.“

Es klang wider Erwarten nicht vorwurfsvoll.

„Blöde Angewohnheit“, entgegnete ich.

Tatsächlich hatte ich mir das Rauchen ziemlich spät angewöhnt - irgendwann kurz nach meiner Trennung. Unwillkürlich mußte ich jetzt daran denken.    

„Was taten Sie dann“, fragte ich vom Rauchen ablenkend.

„Was jedem nach solch einer Tortur in den Sinn gekommen wäre. Ich rieb mir mit dem Wasser des Sees meine Arme und mein Gesicht ab; es erfrischte herrlich. Die Stelle an der ich am Wasser stand färbte sich blaß rötlich, da einige Wunden noch leicht bluteten. Dann fand ich einige wilde Erdbeeren, die meinen Durst stillten und legte mich anschließend am Rand des Sees in den Schatten. Kurze Zeit später schlief ich ein.

Ich weiß noch, dass ich geträumt haben mußte, denn als ich aufwachte war ich anfangs orientierungslos. Die Abendämmerung brach schon herein, und wenn ich noch vor der Dunkelheit zurückfinden wollte, mußte ich mich jetzt beeilen.

Der Rückweg durch die Dornen ging zügig, ich hatte ganze Arbeit geleistet und blieb kein einziges mal hängen. Der Rest des Weges war vertraut und kurz vor Einbruch der Nacht kam ich zu hause an. Meine Mutter war über meinen Anblick ziemlich entsetzt und mein Vater meinte lachend, dass ich den richtigen Umgang mit dem Messer wohl noch lernen müßte.

Ich aß noch eine Kleinigkeit und ging dann auf mein Zimmer. Obwohl ich außer den Beeren und einer Scheibe Brot nichts anderes gegessen hatte, fühlte ich mich im Gegensatz zum gestrigen Tag kaum hungrig. Eine wohlige Erschöpfung überkam mich und ich ging früh ins Bett.

Für den nächsten Tag hatte ich mir etwas Besonderes vorgenommen. Ich wollte Angeln.

 

Schon vor dem Morgengrauen wurde ich wach. Ich fühlte mich fiebrig und schwach und der Arm tat weh. Meine Mutter ließ den Arzt kommen, der eine Blutvergiftung feststellte; eine der gestrigen Wunden  mußte sich entzündet haben. Er gab mir eine Spritze und verordnete ein paar Tage Bettruhe, die mir gar nicht paßten.

Dennoch ließ ich die Zeit nicht ungenutzt. Ich bat meinen Vater, mir ein Buch übers Angeln aus der Bibliothek mitzubringen. In ihm laß ich, wann immer es meine Gesundheit zuließ. So erfuhr ich alles über Angeltechniken, Ruten , Köder und die verschiedenen Fischarten.

Wenn ich einschlief, träumte ich vom See und einer Vielzahl von Fischen, die sich darin befanden. Ich sah mich am Ufer sitzen, meine Angel in der Hand und stellte mir die Vibrationen vor, die mir signalisierten, dass etwas Großes angebissen haben mußte.

Doch zu meinem Unglück dauerte meine Genesung länger als erwartet. Die Ferien gingen zu Ende, es wurde Herbst und ich mußte wieder in die Schule. Das Abschlußzeugnis stand an und es fiel mir schwer, mich darauf zu konzentrieren. Das Mädchen meines Herzens hatte sich derweil wieder neu verliebt; ich hing immer noch sehr an ihr, und ich hätte lügen müssen, dass sie mir nichts mehr bedeutete.“

Das Gefühl kenne ich, dachte ich mir und schmunzelte innerlich. Tatsächlich war der Grund meiner Autofahrt weiblich. Sie wohnte mittlerweile in einer anderen Stadt und ich war auf den Weg dorthin, um sie abzuholen. Wir hatten uns durch Zufall auf einem Konzert wieder getroffen. Anschließend gab sie mir ihre neue Telefonnummer; ruf doch mal durch, meinte sie. Heute wollten wir zum ersten Mal seit unserer damaligen Trennung wieder zusammen ausgehen. Vielleicht machte ich mir Hoffnung?

Statt dessen saß ich jetzt hier und hörte mir eine Geschichte an, die wie „Der alte Mann und das Meer für Hobbyangler“ klang. Ich sah erneut auf die Uhr, leichte Unruhe überkam mich. Doch ein Gefühl der Neugier hielt mich, und ich hörte weiter zu.

 

„Endlich kam der letzte Schultag. Direkt lief ich nach Hause und holte mein kleine Angelausrüstung, die ich mir nach dem Unterricht durch eine Nebentätigkeit zusammengespart hatte. Sie bestand aus einer einfachen Rute, ein paar Haken und einem Käscher. Der Mann, dem ich sie abgekauft hatte, sagte mir, dies würde zum Einstieg reichen, er hätte damit früher schon so manchen Brocken an Land gezogen. So ganz glaubte ich ihm nicht - er grinste mich an.

Die Blätter des Waldes hatten sich gelb und rot gefärbt. Die Luft war leicht schwül und kleine Wolkenfetzen zogen am blauen Himmel entlang. Schnell fand ich die Gabelung wieder, die zur Lichtung führte. Sie war wieder zu gewachsen, doch diesmal ging ich bedächtiger und weniger ungestüm an Werk. Mit einer großen Astgabel schob ich die Dornen zur Seite und trat mit den Füßen das Gebüsch platt. Mein Messer gebrauchte ich diesmal nicht und auch die Dornen ließen mich in Ruhe. Nach einigen Metern war ich überrascht, schon am See angekommen zu sein, schien mir doch beim ersten Mal der Weg endlos.

Die Lichtung sah anders aus als in meiner Erinnerung. Begrenzt durch die Farbigkeit des Herbstlaubes schien sie mir lebhafter als durch das satte Grün des Sommers. Aufregung lag in den Wipfeln, durch die der Wind leicht rauschte. Ein paar bunte Blätter tanzten auf der Oberfläche des Sees und milderten sein Funkeln. Überall schwirrten Insekten und die Luft war angefüllt mit einem Raunen.

Ich zog mir einen dicken Ast ans Ufer, der an einem Ende verkohlt war; wahrscheinlich hatte ihn ein Blitz vor Jahren von einem der umgebenden Bäume abgespalten. Dann legte ich mir meine Ausrüstung zurecht. Ich präparierte meine Angel und war aufgeregt. Viel hatte ich über das Angeln gelesen, Tips von Profis auswendig gelernt, im Garten meiner Eltern das Auswerfen geübt.

Nur ein Kapitel hatte ich immer gemieden... 

Ich warf die Angel aus. Unweit der Mitte traf der Haken mit einem fetten Wurm daran auf die Wasseroberfläche und versank, feine Ringe erzeugend, die sich langsam Richtung Ufer ausbreiteten. Dann setzte ich mich auf den Ast, die Angel vor mich haltend und wartete. Auf dem Wasser konnte ich bei genauem hinsehen kleine Luftblasen erkennen, die mir verrieten, dass es in diesem See leben geben mußte.

So saß ich dort, eine, vielleicht zwei Stunden. Mein Rücken fing an zu schmerzen und meine Augen brannten durch das angestrengte Starren auf die Wasseroberfläche, die Finger verkrampften sich vom Festhalten der Angel. Meine Gedanken konzentrierten sich ausschließlich auf einen Fang. Längst hätte ich die Angel beiseite legen können, doch wollte ich bereit sein, jede noch so kleine Erschütterung wahrzunehmen; schon mehrmals zog ich umsonst meine Angel ein. Die Luft wurde drückend und mir schwindelig, ich mußte mal. Am Horizont zeichneten sich ein Gewitter ab.

Ich legte die Angel zur Seite, stand auf und ging ein paar Schritte zur Böschung, um mich zu erleichtern, den Blick auf die andere Uferseite gewandt.

Im Augenwinkel sah ich in der Mitte des Sees etwas aufblitzen und eine Sekunde darauf wurde meine Angel fast ins Wasser gezogen. Fast hätte ich großes Unheil mit meinem Reißverschluß angerichtet, als ich Richtung Sitzplatz stürzte und die Angel ergriff. Mein Herz schlug heftig und meine Hände begannen zu schwitzen - ich hatte etwas gefangen. Gekonnt holte ich meine Angel ein. Im Wasser schien es zu kochen und wie flüssiges Silber zu funkeln. Meine linke Hand fuhr zu Käscher, den ich vor lauter Aufregung fast wieder fallen ließ. Ich stieß ihn ins Wasser und zog ihn heraus...

 

Nie zuvor sah ich ein so lebendiges schönes Wesen. Die Schuppen der Forelle glitzerten in der Abendsonne wie Myriaden von Sternen am Firmament, alle Edelsteine zusammen , wie Tautropfen auf Paradieseshöhen. Ihre bernsteinfarbenen Augen blickten in diese fremde Welt vermutlich zum ersten Mal, denn nie zuvor wurde sie gefangen. Ihr Körper fühlte sich an wie kaltes Geschmeide, als ich den Haken herauszog, voller Kraft schlug sie mit der Schwanzflosse nach mir. Dies war die Königin des Sees, das Anmutigste aller Geschöpfe dieses Wassers. Ich hielt sie noch einmal hoch in das untergehende Sonnenlicht, berauscht von all der Farbenpracht, die sich auf ihrem Körper widerspiegelte.

Doch war dieses Leben nicht für die Luft geschaffen. Dieser Fisch verdiente kein Leid und wollte ich ihn nicht quälen,  so blieb mir nur eines übrig, um ihn mir zu eigen zu machen. Widerwillig fuhr mir ein dunkler Schatten durch den Kopf, eine Seite in dem Buch, die ich übers Fischen nie gelesen hatte – wie man sie schnell tötet.

Er japste nach Luft, ich sah ihn an und dachte an mein Messer.

Bis heute weiß ich nicht, ob es die bewußt nachlassende Kraft in meinen Händen oder ein letztes Aufbäumen des Lebenswillens der Forelle war. Sie entglitt mir so rasch wie eine Sternschnuppe am Nachthimmel und verschwand wieder in dem See, nichts hinterlassend wie eine keine Silberfontäne und ein Branden am Ufer. Mein Herz wollte in diesem Moment aufhören zu schlagen und wie gelähmt stand ich an der Böschung.“

 

Meine Armbanduhr piepste und ich fuhr unwillkürlich zusammen. Meine Verabredung hatte ich um sieben Uhr und noch eine gute halbe Stunde Fahrt vor mir. Wenn ich pünktlich ankommen wollte, so mußte ich bald aufbrechen.

„ Sie sind verabredet“, unterbrach er seine Erzählung. Ich sah ihn geistesabwesend an. Ohne mich zu fragen, woher er dies wußte, nannte ich ihm den Grund meiner Besorgnis.

„Aha“, sagte er darauf hin. „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass sich Fische ihren Angler aussuchen?“ fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

Ich konnte seine Anspielung nicht ganz verstehen und fragte mich, ob sie überhaupt etwas mit meinem Umstand zu tun hatte und wir noch vom gleichen Thema redeten.

„Offengestanden nicht“, antwortete ich. „Ich angele nicht, müssen Sie wissen“.

Er hob leicht seine Augenbrauen.

„ Die Zeit, die Sie noch haben, wird reichen“, fuhr er fort.

 

„Ungefähr fünf Minuten stand ich wie angewurzelt an der Stelle meiner Niederlage, unfähig an irgend etwas anderes zu denken als an das, was mir widerfahren war.

In der Ferne hörte ich Donner grollen und die Sonne verschwand hinter dunklen Gewitterwolken. Erste Regentropfen fielen auf den Herbstboden. Der See hatte zu funkeln aufgehört und eine bräunliche Farbe angenommen.

Ich packte meine Angel zusammen - langsam, als ob ich jegliches Gefühl für die Zeit verloren hatte- und machte mich auf den Heimweg.

Zu Hause angekommen ging ich wortlos auf mein Zimmer, schloß die Tür und schmiß meine Angel samt  Käscher in die Ecke. Ich warf  mich auf mein Bett und weinte.

Den ganzen Herbst über mied ich den See und alles, was damit zu tun hatte. Ich verstaute meine Angelausrüstung auf dem Dachboden und ging nicht mehr im Wald spazieren.

 

Nur ein einziges damals - es war kurz vor Heiligabend und feiner Schnee hatte die Landschaft zugedeckt- kam ich mit meinem Vater jener Stelle nahe, die zum Waldsee führte.

Bin gleich wieder da, rief ich hastig und verschwand im Unterholz. Ohne die Blätter der Bäume konnte ich fast mühelos den See erreichen.

Dort lag er vor mir, einem schimmernden Opal gleich, komplett mit Eis überzogen. Jetzt, wo der Himmel ein milchiges weiß angenommen hatte und die Stämme der Bäume sich schwarz darum abzeichneten, ging eine unglaubliche Schönheit von diesem Ort aus, die zeitlos war. Dieser See war nicht nur die Heimstätte meiner Enttäuschung, sondern auch meiner tiefsten Sehnsucht.

Ich wußte, dass unter der dicken Eisschicht die Forelle lebte und ich vermeinte sogar, als ich wie magisch angezogen das Eis betrat, ihre Schemen direkt unter meinen Füßen schwimmen zu sehen. Ich legte mich flach auf den Bauch und wischte den Puderschnee beiseite, um vielleicht nur einmal noch aus nächster Nähe ihre glitzernden Schuppen sehen zu können, als das Eis unter mir bedrohlich zu knirschen anfing.

Beunruhigt robbte ich zum Ufer zurück, wandte mich noch mal um und lief wieder zu meinem Vater. Wir wollten eine Tanne für den Weihnachtsbaum fällen.

 

Lange Zeit sollte ich den Waldsee nicht mehr wiedersehen. Nach dem Schulabschluß fand ich im Frühjahr eine Lehrstelle und zog in eine andere Stadt. Dort hatte ich schließlich Arbeit und lernte die Frau lieben, die ich heiratete. Ich trat dort auch einem Angelverein bei; nach kurzer Zeit machte mir das Töten der Fische nichts mehr aus.

Als meine Eltern starben, kam ich zurück, renovierte das Haus und vermietete es an Urlauber. Seitdem kamen meine Frau und ich zwei mal im Jahr selber in den Ferien hierher. Ich übernachtete dann  in dem Zimmer, das ich als Junge besaß. Meine Frau fand das immer kindisch. „Man  muß auch mal loslassen können“, meinte sie dann jedesmal - und ganz Unrecht hatte sie ja nicht.“

„ Dann ist das heute nur ein Zufall, dass ich Sie hier sitzen sehe", fragte ich ihn.

„Wenn Sie es so nennen wollen. Seitdem meine Frau vor zwei Jahren gestorben ist, bin ich wieder ganz hierhin  gezogen. Ab und zu komme ich noch zum See und sitze so, wie Sie mich fanden.“

Ich schwieg eine Weile. Dann fiel mir wieder ein, was ich fragen wollte.

„Sie hatten mir am Anfang geantwortet, dass Sie hier angeln, doch ich sehe immer noch keine Angel.“

Er wollte gerade ansetzen zu reden, da hörte ich ein Platschen, als ob ein Stein ins Wasser gefallen wäre. Zeitgleich blickten wir hinüber zum See, dessen Oberfläche sich jetzt leicht kräuselte.

„ Seien Sie ganz still und bewegen Sie sich nicht“, flüsterte er leise zu mir und es klang wie eine Bitte aus tiefstem Herzen.

Einige Sekunden passierte nichts, dann sah ich etwas.

Dicht unter der Wasseroberfläche, unweit der Mitte des Sees, schwamm ein Fisch, wie ich noch keinen gesehen hatte. Nicht die Größe war es, die mich beeindruckte, sondern die Art und Weise, wie anmutig er mit seinem perlmuttfarbenen Schuppenkleid Kreise zog, ein Juwel in einem Juwel, nicht für diese Welt gemacht.

Langsam kam er auf uns zu geschwommen, ein Spiegel im Wasser. Es war, als ob er uns beide anschaute, während das sanfte Schlagen seiner Schwanzflosse feine Linien zeichnete.

„Sie muß Sie mögen“, sagte er kaum hörbar zu mir, „selten wagt sie sich in Gegenwart anderer so dicht heran.“

„Ist das dieselbe Forelle, von der Sie mir erzählt haben und kann sie wirklich so alt sein?“ fragte ich ihn zweifelnd.

„Hier schon“, sprach er voller Überzeugung. „Ich denke, sie und der See sind Eins.“

Ich blieb noch eine Weile fasziniert und regungslos stehen, dann verschwand die Forelle wieder in der Tiefe des Sees, so plötzlich, wie sie erschienen war, nichts als ein paar Luftblasen hinterlassend.

Der Abend brach an.

„ Sie müssen los“, meinte er zu mir, einmal tief Luft holend. „Die Straße ist ungefähr zehn Minuten in diese Richtung.“

Er deutete auf einen Weg, den ich wohl übersehen haben mußte; ausgeschildert war er auch noch!

„ Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr aufgehalten“, sagte er mit leicht gespielter Höflichkeit und zwinkerte  mich an.

„Nein, im Gegenteil, es war nett, ihnen zu zuhören. Danke, und auf Wiedersehen.“

Ich reichte ihm die Hand.

„Auf Wiedersehen. Kommen Sie mich doch ruhig mal besuchen. Es gibt nur ein Haus hier in der Nähe“, erwiderte er freundlich und streckte mir seine Hand entgegen. Sie war geschwollen und die Gelenke waren knotig und deformiert. Als ich sie drückte, war sie gänzlich kraftlos.

„ Diese verdammte Gicht“, sagte er schulterzuckend und seine Augen blickten noch einmal zu See hinüber. Sie wirkten nun müde.

Ich begriff letztlich als ich ihn verließ, dass er zum Angeln nichts mehr benötigte, als an diesem Ort zu sitzen.

 

Ich kam pünktlich zu meiner Verabredung. Die Freude war groß, als wir uns wiedersahen. Wir gingen essen, erzählten uns voneinander, sprachen über unsere gemeinsame Vergangenheit und die zwei Jahre, in denen wie ein Paar waren, unsere bewegte Gegenwart und unsere Pläne für die Zukunft, die nicht die gleichen sein sollten. Über den Angler verlor ich kein Wort.

In der Nacht liebten wir uns voller Innigkeit.

Kurz nach dem Frühstück am nächsten Morgen brach ich auf, Sie noch einmal umarmend, ein vages Gefühl der Leere in mir.

Die Sonne stand hoch am Himmel und dennoch erschien es mir kühler als Gestern. Ich hielt an dem Waldstück, wo ich am Tag zuvor geparkt hatte. Vielleicht würde ich ja den Angler wieder treffen.

 

An der Lichtung angekommen sah ich niemanden und ich setzte mich noch eine Weile auf den Ast.

Plötzlich spürte ich den seltsamen Zauber dieses Sees in mich hineinfluten. Wie ein Kristall brach er das befreite Licht unzählige Mal, regenbogengleich. Mir schien, als berge er hell in seinem Inneren all mein verlorenes Glück. In moosumflorten Schattenbuchten schwirrten die Liebesherzen der Libellen und das mannigfaltige Grün des frischen Blattwerks schien mir wie ein Dank an die Sonne und den Regen. Alles war lebendig, mein Körper und meine Seele waren hier näher beieinander wie noch nirgendwo zuvor; ich fühlte mich wie ein Kind, für das Leben nicht nur die Verdrängung der Angst bedeutete, irgendwann einmal sterben zu müssen.

Es war wohl in diesem Augenblick, als ich auf die irisierende Wasseroberfläche des Waldsees schaute, da beschloß ich, einen Teil der in mir ruhenden Hoffnung wieder an meine Träume zurück zu geben.

 

 

                                                        Axel Gödeke 2002                  

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