Kurzgeschichte
Ein Platz für Bienchen und Blümchen - oder Die verlorene Liebe

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"Ein Platz für Bienchen und Blümchen - oder Die verlorene Liebe"
Veröffentlicht am 10. August 2010, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich mache vieles, am liebsten alles auf einmal und komme doch nie zu allem :-) Mich interessiert manches, öfter mal was Neues, bin daher ein absoluter Allrounder...
Ein Platz für Bienchen und Blümchen - oder Die verlorene Liebe

Ein Platz für Bienchen und Blümchen - oder Die verlorene Liebe

Sonjas Blick glitt zum Fenster hinaus. Mist! Sie verzog die Mundwinkel und widmete sich wieder ihren Schnürsenkeln. Genau heute musste es wieder wie doll schneien! Heute, wo sie endlich wieder einmal mit Frédéric abgemacht hatte.

Es war acht Uhr dreissig, Samstagmorgen. Die junge Frau zog sich die Jacke über die Schultern, griff nach ihrem Autoschlüssel und verliess die Wohnung. Vorsichtig testete sie den Untergrund, als sie vor die Tür trat. Wenigstens war die weisse Decke locker und flockig, das hiess kein Scheiben kratzen. Während sie im Auto nach ihrem Wischer fischte, erinnerte sie sich an ihre erste Begegnung mit Freddie. Es war im Hochsommer gewesen und sie war einsam. Traurig hatte sie in der Stadt am See gesessen und sich ausgemahlt, wie schön es zu Zweit sein könnte, als er sich neben sie auf die Bank gesetzt hatte. „So traurig an diesem wunderschönen Tag?“ hatte er sie mit seinem weichen französischen Accent angesprochen. Seither waren über zwei Jahre vergangen und immer noch trafen sie sich jeden zweiten Samstag auf der Autobahnraststätte knapp ausserhalb der Grossstadt.

Sie schippte die letzte Ladung Schnee vom Dach und warf den Kratzer wieder hinter den Fahrersitz. Vorsichtig manövrierte sie den Wagen über die verschneite Einfahrt. Wieder fluchte sie vor sich hin. Die Strassen waren noch nicht geräumt worden und immer noch segelten dicke Flocken auf die Erde.

Rutschig ist manchmal ja schon gut, aber nicht auf der Strasse. Sie grinste ab ihren zweideutigen Gedanken. Na ja, Frédéric hatte sicher nichts dagegen, wenn sie sich bereits ein bisschen einstimmte. Ihr letztes Treffen war schliesslich bereits eineinhalb Monate her, Urlaub und viel Arbeit im Büro hatten sie beide davon abgehalten. Mit Wonne dachte sie an jenen Samstag zurück. Kaum war sie angekommen, hatte er sie beinahe in sein Auto gezerrt.

 

Freddie war ein guter Liebhaber, sie konnte sich nichts Besseres wünschen. Keine Verpflichtungen, hemmungsloser Sex und, was man ja nicht immer erwarten konnte, er war wunderbar zärtlich. Oft lagen sie noch fast eine Stunde gemeinsam auf der im Kofferraum ausgebreiteten Decke und genossen die Wärme des Anderen. Auch schon hatte er eine Kerze mitgebracht, die sie dann auf die Mittelkonsole gestellt und angezündet hatten. Okay, das war vielleicht nicht ganz vernünftig, bei all den akrobatischen Spielchen, die seinen dunkelblauen Citroën erzittern liessen. Aber es war romantisch und sie hatten es beide genossen.

Sonjas Auto driftete um eine Kurve und sie spürte, wie sich die Hinterachse verabschieden wollte. Erschrocken drückte sie auf die Bremse, was aber alles noch viel schlimmer machte. „Au verdammt, zum Glück kommt keiner!“ entfuhr es ihr, als sie ihr Gefährt auf der anderen Strassenseite wieder unter Kontrolle bringen konnte. Es war aber auch wirklich mörderisch heute! Die nächsten paar Windungen umfuhr sie im Schneckentempo, doch ihre Gedanken wirbelten bereits wieder umher. Wie es scheint, freute sie sich wirklich, sie hatte wohl Entzug. Ein Lachen huschte über ihr Gesicht, sofort wurde sie aber wieder ernst. Diesmal wollte sie unbedingt auf genügend Schutz bestehen. Das letzte Mal war vor lauter Lust keine Zeit mehr dafür gewesen und sie wusste bei Gott nicht, wie viele Frauen Freddie ansonsten noch hatte. Sie wollte es auch gar nicht wissen, sie genoss die Anonymität, aber dieses Bange warten auf ihre rote Schwiegerfreundin, die jeden Monat unweigerlich vorbei kommt, das wollte sie nicht schon wieder durchleben.

 

Endlich hatte sie die Autobahn erreicht und versuchte trotz dem Schneegestöber ihrem kleinen Ibiza die Sporen zu geben. ‚Naja, bei der nächsten Raststätte muss ich eh schon wieder raus‘ beruhigte sie sich. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel liess sie jedoch erschauern und das Tempo zügig wieder drosseln. Ein Grossaufgebot von Feuerwehr und Sanität stand mitten auf der Bahn, halb über der Mittelleitplanke hing ein Wagen und der Laster lag quer über die ganze Strasse. Die wenigen Autos, die um diese Zeit und bei diesem Wetter bereits unterwegs waren, zwängten sich tröpfchenweise über den Pannenstreifen an der Unfallstelle vorbei. Sonja konzentrierte sich wieder auf den Weg vor ihr. Vorsichtig steuerte sie das Auto schliesslich in die Ausfahrt der Raststätte und versuchte, den grässlichen Anblick von eben zu verdrängen. Der Fahrer des PWs hatte sicher keine Chance gehabt, so wie sein Auto ausgesehen hatte. Wie üblich in der hintersten Ecke lenkte sie schliesslich ihren Ibiza in ein freies Parkfeld und stellte den Motor ab. Von Frédéric war noch keine Spur. Das war seltsam, er war immer pünktlich gewesen und hatte meist auf sie warten müssen. Sie war so nah und doch kam sie eigentlich immer zu spät. Sonja schüttelte den Kopf ab ihrer eigenen Disziplinlosigkeit. Die Uhr zeigte bereits achtuhrneununddreissig.

Neben ihr fuhr eben der grosse BMW auf den Platz. Normalerweise hatte der Graue im Anzug, wie Freddie und sie ihn zu nennen pflegten, einen jungen Mann bei sich. Irgend so ein Spanier oder etwas anderes Südländisches. Heute beobachtete sie ihn aber wie er den edlen Mantel enger schlang und mit einer unechten Blondine auf dem Rücksitz verschwand. Sonja schmunzelte. Sie wollte auch, aber Freddie liess sich heute auch gar viel Zeit. Die Minuten tickten dahin, es war mittlerweile fünfzig, fünfundfünfzig. Unterdessen waren auch der Rote, der Blaue und der Graue angekommen, Frauentausch vermutete Sonja. Sie waren oft da, manchmal auch nur zwei von ihnen. Andere verabschiedeten sich auch schon wieder und verschwanden im Schneegestöber.

 

Um neun machte sie sich erste Sorgen. Vielleicht hatte ihn aber auch nur der Schnee aufgehalten. Er würde sicher noch kommen. Oder war es ihm zu blöd, bei diesem Wetter hier raus zu fahren? Das würde sie ihm aber schön übel nehmen. Und eigentlich hatte er ja noch nie ein Treffen einfach sausen lassen. Zumindest hätte er ihr dann eine SMS geschrieben. Aber was, wenn doch? Schliesslich war er schon fünfundvierzig Minuten überfällig. Vielleicht hatte er in den sechs Wochen, die sie sich nicht gesehen hatten, eine Andere kennengelernt? Eine, mit der er etwas Ernsthaftes aufbauen wollte? Nein, das passte nicht zu ihm. Und trotzdem, so langsam kam sie sich versetzt vor. Was glaubte er eigentlich, so lange hatte sie ihn nie warten lassen. Wenn er um viertel vor zehn nicht da war, würde sie wieder gehen. Dann musste er sich aber nicht mehr melden, versetzt werden war einer von ihren schlimmsten Albträumen!

Neben ihr hatte Jimmy sein Auto abgestellt. An den rhythmischen Bewegungen der Karosserie entnahm sie rege Aktivität im Innern. Jimmy war immer hart. Sie kannte ihn, ein paar Mal war er schon bei ihr und Freddy dabei gewesen. Hart, aber auch ein wenig grob. Wenn man’s brauchte, war das aber grade richtig. Heute wäre ihr das auch egal, vor allem, da Frédéric sich ja anscheinend nicht blicken liess. Wieder schweifte ihr Blick über den Parkplatz. Kein Citroën in Sicht. Langsam wechselte ihre Sorge zu Wut. Sie so zu versetzen war keine Art, ihr mitzuteilen, dass er nichts mehr von ihr wollte.

Nebenan verabschiedete sich Jimmy soeben von seiner Verabredung. Bei ihm waren es immer wieder andere Frauen. Sie wusste nicht, wie er das machte, aber das verzückte Lächeln auf der Verabschiedeten zeigte ihr, dass er sehr zufriedenstellend gewesen sein musste. Sonja lehnte sich ein wenig zurück und schaltete das Radio ein. Die halb zehn Nachrichten liefen. Es war kalt in ihrem Auto, sanfter Hauch schwebte bei jedem Atemzug durch die Luft. Leise klopfte es plötzlich an ihrem Fenster und sie zuckte kurz zusammen. Jimmy stand da und blickte sie fragend an. „Er ist nicht gekommen…“ erklärte sie ihm, während sie die Tür öffnete und ausstieg. „Versetzt? So ein hübsches Ding wie dich? Das hätte ich Freddie nicht zugetraut.“ Tröstend strich er ihr über den Rücken. „Du bist ja völlig ausgekühlt. Komm her.“ Er drückte sie an sich und dankbar nahm sie seine Umarmung an. Eine Weile standen sie da, die weissen Flocken wirbelten um ihre Köpfe. Im Autoinnern verstummte der Nachrichtensprecher, die Verkehrsübersicht folgte. „Den Unfall habe ich vorhin gesehen,“ murmelte Sonja in Jimmys Schulter, als die fünf Kilometer Stau vor der Raststätte erwähnt wurden. „Dann kannst du jetzt sowieso nicht nach Hause, auf der Gegenseite stehen die Gaffer…“ Jimmy strich ihr einige Flocken von den blonden Haaren und grinste sie gewinnend an. Sonja grinste zurück, schloss schliesslich die Tür und folgte ihm zu seinem Wagen.

 

Es war gegen elf, als sich Sonja in ihrem kleinen Auto wieder auf den Nachhauseweg machte. Immer noch fielen kleine Schneeflocken aus den dunklen Wolken, aber mittlerweile waren die Strassen geräumt worden. Der Ibiza zog aus der Raststätte auf die Autobahn hinaus und mit einem kurzen Blick sah sie weit hinten als Einziges nur noch das Unfallauto auf den Abschleppdienst warten. Jimmy war schon vor etwa zehn Minuten weggefahren, sie musste sich aber erst ein wenig in ihrem Auto erholen, bevor sie sich aufmachte. Zwar hatte sie bekommen, was sie wollte, aber ihr fehlten die feinen Zärtlichkeiten von Freddie. Wieder wälzte sie Grund um Grund in ihren Gedanken, warum er wohl nicht gekommen war, doch eigentlich konnte sie sich das nicht so recht erklären. Wahrscheinlich hatte Frédéric sie einfach vergessen. Oder hatte eine Doppelbelegung und sich gegen sie entschieden. Sie merkte, wie sich die ganze Sorge nun endgültig in Wut umwandelte. Vermutlich war es ja ein völlig belangloser Grund und dass er dann nicht einmal eine SMS geschrieben hatte, machte sie noch wütender.

Unterdessen hatte sie bei der nächsten Ausfahrt in die Gegenrichtung gewechselt und trat ordentlich aufs Pedal. Auf der Höhe des grässlichen Unfalls, den sie am Morgen im Rückspiegel gesehen hatte, liess sie es sich nicht nehmen ebenfalls über die Mittelleitplanke zu blicken. Mit einem Schlag war alles klar, ihre Hände begannen zu zittern, ihr Gesicht war augenblicklich so weiss wie der Schnee, der das Land bedeckte. Erschrocken erkannte sie den verbeulten dunkelblauen Citroën auf dem Pannenstreifen…

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Switzly
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Mich interessiert manches, öfter mal was Neues, bin daher ein absoluter Allrounder...

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Gast bienchen und blümchen - spannend geschrieben.
bevorzuge aber happyende, denn diese geschichte wird mich wiedermal einige zeit verfolgen...
d'schwes
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Bienchen & Co. - Hmm... das hast du aber sehr schön geschrieben, Martina! Kompliment! :)

Grüessli
Reto
Vor langer Zeit - Antworten
Gast bienchen und blümchen - packend geschrieben, auch wenn ich den ausgang der geschichte bereits erahnt hatte...

grüessli simi
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Der Autor freut sich über deinen Kommentar.
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Da dürftest du ruhig noch einige Passagen einbringen, damit auch ich rot werde :-)

D'Frau mit de viele "/"
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Ein Platz für Bienchen und Blümchen - Liebe Martina, vielen Dank für die kurzweilige Kurzgeschichte mit etwas traurigem Ende. Da sind ja ganz viele Deutungen in den Zeilen zu lesen. ja hallo, wie gut ist den das. Freuen uns auf weitere spannende Geschischten von Dir -Erich ist fas etwas rot geworden:)-
Liebe Grüsse
Claudia und Erich
Vor langer Zeit - Antworten
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