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Der Kaffee duftet wirklich köstlich. Einerseits bin ich total gerührt, dass Harald den Frühstückstisch so nett gedeckt hat, andererseits habe ich aber auch überhaupt keinen Hunger. Mit ist der Appetit vergangen. Wer will schon am frühen Morgen auf seine kleinen PlusKilos angesprochen werden, ich jedenfalls nicht. Moni kann essen was sie will, sie bleibt wie sie ist. Gertenschlank. Ich überlege bei jeder Tasse Kaffee: Milch oder keine Milch, Zucker oder lieber doch nicht. Ich könnte verrückt werden, wenn ich sehe, wie sie sich 3 Teelöffel braunen Zucker in die Tasse gibt, nicht umrührt, einen Moment wartet und dann einen vierten Löffel, ganz langsam in den Kaffee rieseln lässt. Das tut körperlich weh, wenn man da zuschaut, wirklich. Aber das allerekligste ist, wenn sie ausgetrunken hat und der Zucker steht wie eine dicke gelbe Pampe und mitten darin steckt der Kaffeelöffel. Ich find es so furchtbar, dass sich mein Magen bei dem Anblick zusammenzieht.
„Nun iss doch etwas, ich habe die Brötchen extra beim Bäcker geholt. Weißt du wie weit man am Sonntag fahren muss, um solch einen Luxus auf den Tisch zu bekommen. Naja und nach dem Frühstück fahren wir zu Moni und Gerd, was meinst du? Nun los, ruf schon an. Nein lass, wir fahren einfach eine Runde und dann sehen wir, worauf wir Lust haben. Eine halbe Stunde später sitzen wir im Auto, „Halt, ich habe das Herzchen vergessen“. Ich renne nochmal zurück, nehme die kleine rote Schachtel vom Tisch und sitze schon wieder auf dem Beifahrersitz. Meine kleine Schlange habe ich an den Rollkragen meines Pullis gesteckt. Ich schaue in den kleinen Spiegel, der direkt über mir hängt, bewege ich mich ein bisschen hin und her und freu mich an der Bewegung, die das Tierchen fast lebendig erscheinen lässt.  Moni wird Augen machen, denn quasi im Partnerlook werden wir diese Schlangen tragen. Das ist fast so, wie in meiner Kindheit, als ich mit Brigitte die Freundschaftsringe, aus dem Kaugummiautomaten gezogen habe. Für uns besaßen diese Ringe Zauberkraft. Wir waren damals ganz sicher, dass unsere Freundschaft dadurch immer hält. Brigitte hat als erste ihre 50 Pfennig in den Schlitz gesteckt, heraus kam ein goldener Ring mit einem roten Stein, der ganz wunderschön funkelte. Danach kam ich dran und bei mir kam haargenau der gleiche Ring heraus. Man muss sich das mal vorstellen, da liegen bestimmt 100 Ringe mit blauen, gelben, grünen, türkisen und auch glasklaren Steinchen drin und wir ziehen beide rote Herzchen-Ringe. Viele Jahre hatte ich diesen kleinen Ring, irgendwann war er dann aber doch verschwunden und mit ihm auch Brigitte, die mit ihren Eltern nach Frankfurt gezogen ist. Anfangs haben wir noch jede Woche, dann einmal im Monat und irgendwann haben wir ganz aufgehört, uns zu schreiben. Wie geht es ihr wohl heute, hat sie geheiratet, hat sie Kinder, ja was macht sie eigentlich inzwischen? Eigenartig, was diese kleine Schlange bewirkt, da denke ich doch wirklich an eine alte Schulfreundin zurück, schön. Ja es ist wirklich sehr schön. Wenn Harald wieder weg ist, werde ich mich mal daran machen und versuchen etwas über Gitte herauszubekommen.
„Überraschung“ rufe ich, als wir am Nachmittag doch noch bei Moni und Gerd auftauchen. Ehe Harald etwas machen kann, habe ich ihm das kleine Herzschächtelchen in die Hand gedrückt. Mit einem Zwinkern, gebe ich ihm einen kleinen Schubs in Richtung meiner Freundin. „Nun los Harald, zier dich nicht so. Moni schau mal, aus Kairo.“ Die Beiden stehen sich nun direkt gegenüber. Meine Güte macht mein Mann ein Getue, bis er diese kleine Schachtel endlich Moni übergibt. Nun mach endlich auf, denk ich, aber sie hält das kleine rote Kleinod nur fest in ihrer Hand. „Ist die niedlich“ sagt sie, als sie meine kleine Anstecknadel sieht, „es sieht aus, als würde sie sich an deinem Hals entlang schlängeln, Neu?“ „Monchen, nun schau doch mal, was Harry dir da aus Kairo mitgebracht hat.“ Neugierig warte ich darauf, dass sie endlich nachschaut.
Mein Mann ist in den Garten gegangen und raucht mit Gerhard eine Zigarette, ihm ist das wohl sehr peinlich, dass ich Monika gesagt habe, dass er das Geschenk für sie gekauft hat. Endlich öffnet sie das Herzchen und ja wirklich, ihr bleibt der Mund offen stehen, sie macht so erstaunte Augen, dass ich ein bisschen lachen muss. Och nein, nun weint sie auch noch. Ich will sie in den Arm nehmen, weil ich das so rührend finde, „Lass“ sagt sie und schaut mich groß an „das ist ja genau die gleiche Schlange, wie du sie hast, haargenau die Gleiche“. „Ist das nicht wunderschön“ strahle ich sie an „das ist doch so eine Art Freundschaftsring am Hals oder wo auch immer, du sie dir hinsteckst. Ist er nicht süß, bringt uns beiden die gleiche Schlange mit. Weißt du, ich glaube er weiß genau, wie traurig du bist, dass wir wegziehen. Durch diese Schlange sind wir dann für immer miteinander verbunden, findest du nicht auch?“.“Für immer verbunden, ja da hast du wohl recht, für immer verbunden. Ich mach uns mal einen Kaffee, geh du doch inzwischen zu den Männern“, mit einem kleinen Schubs schiebt sie mich zur Tür. „Kann ich nichts helfen?“ frage ich sie, „nein du kannst mir wirklich nicht helfen, du nicht.“ Na gut, dann eben nicht. Ich schlendere ganz langsam in den wunderschönen Garten. Wie mag er erst im Frühling oder Sommer wirken, wenn er jetzt schon so eine traumhafte Ausstrahlung hat. Die Gräser sehen aus wie silberne Stäbe und die vertrockneten Rosenblüten, wirken wie Karamellbonbons mit Sahnehäubchen. Ein richtiger Zaubergarten. „„Setz dich doch“, fordert mich Gerhard auf, als ich bei den Männern angekommen bin, „soll ich dir eine Decke holen? Es ist ganz schön kalt hier draußen, aber irgendwie mag ich diesen Platz hier am Teich.“ Gerdchen schiebt mir einen der kleinen rostigen Stühle unter den Po. Ja er hat recht, es ist eine Idylle. „Ich geh schon“ bietet sich Harry an“ muss sowieso mal wohin. Da kann ich auch gleich eine Decke mitbringen. Wo liegt denn so ein warmes Kuschelteil? Na Moni wird ja irgendwo im Haus rumschwirren. Nicht das ihr festfriert, bewegt euch ein bisschen. O meine Güte ist Deutschland kalt, Leute, ich hab Fernweh“, lachend geht er durch den verwunschenen Eisgarten auf das kleine Haus zu.
 Irgendwie wirkt dieser Garten ein bisschen verwildert, aber herzerfüllend, so richtig zum Wohlfühlen. Monika hat ein Händchen dafür, den Garten ganz natürlich wirken zu lassen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass viel Arbeit in der ganzen Pracht versteckt hat. Toll. „Na ausgeplaudert“, lacht Gerhard „wurde auch Zeit, dass ich dich mal wieder sehe. Moni hat es sehr getroffen, dass ihr bald nicht mehr hier seid. Ja und rate mal, wer das ausbaden muss? Genau! Iiich, der liebe Gerd!“ „Du Armer, komm mal in den Arm, du bekommst das schon hin, mit deiner lieben Teddy-Bärli-Art, da bin ich mir ganz sicher“  „ Tu nicht so locker. Ich habe das Gefühl, so ganz glücklich bist du im Moment auch nicht. Richtig? Harald? Oder? Ist mir schon klar, dass es grad nicht einfach für euch ist, aber das wird wieder. Pass auf, wenn du erst einmal in Kairo bist, dann ist alles wieder gut. Du musst ihn aber auch verstehen, er ist doch dort unten doch ganz allein und dann ist all das Neue. Diese Hin und Her-Fliegerei ist sicher nicht gerade prickelnd. Also echt, mir würde das keinen Spaß machen. Glaub mir, aber ich würde so etwas ja auch niemals machen“. Nein das würde Gerhard sicher nicht, er braucht seine Kumpels, seinen Garten und seinen ganz normalen Alltag. Der verpennt noch sein Leben, hat Harald erst neulich gesagt und wenn er nicht aufpasst, ist sein Monchen weg, auf und davon mit einem Mann, der ihr `das Leben` bieten kann, was zu ihr passt, wild und aufregend. Also das find ich ja nun wieder nicht. Gerhard ist zwar nicht gerade der wilde Tiger, aber er passt gut zu Moni, er holt sie immer  wieder auf den Boden zurück, wenn sie mal wieder eine ihrer verrückten Ideen hat. Naja eigentlich ist es bei den Beiden genauso wie bei uns, nur halt umgekehrt. Aber muss das denn bedeuten, dass man nicht zusammen passt oder sich nach etwas anderem umschaut? Wenn es auch gerade nicht so wirklich rund bei uns läuft, kann ich mir trotzdem keinen anderen Mann an meiner Seite vorstellen, als Harry.
„Ich glaube dein Mann schert erst das Schaf, für die Decke. Komm lass uns reingehen, ehe du dich noch erkältest“. Wo er recht hat, da hat er recht, der Gerd. Liebevoll legt er mir dieser grosse Kerl, seinen Arm um die Schulter. Ich kuschel mich ein wenig an ihn und genieße, diese Nähe. Ja ich mag ihn wirklich. Gerd strahlt, egal was auch passiert, so eine  warme Zufriedenheit und Ruhe aus. Wohlfühlruhe, würde ich es nennen. In der kleinen Küche steht Harald und tröstet Moni, die immer noch? Nein so lange kann kein Mensch heulen. Egal, sie liegt auf jeden Fall an seiner Brust und weint. Mein Schatz hält sie im Arm und streichelt ihr den Rücken. Wie wir vier da so beieinander stehen, sehen wir eigentlich aus, als würden Harald und Moni und Gerd und ich zusammen gehören. „He sieht echt nach Partnertausch aus“ kichere ich albern. Moni schaut mich nur an und Harald schüttelt mit dem Kopf, so als wollte er sagen: Frau, hast du eine Meise? Die Situation rettet Gerhard, indem er auch, aber irgendwie ein bisschen aufgesetzt, seinen Arm ein bisschen fester um mich legt und lachend sagt: „Na Süße, kein Problem, dich würd ich doch glatt ohne Umtauschrecht nehmen“. „Nicht im Ernst oder?“ lache ich immer noch „ Wir Beide würden untergehen wie ein Stein im Wasser. Wer sollte uns denn dann retten, wenn wir wieder mal hilflos in die Sterne schauen. Gerdchen ich hab dich echt lieb, aber meinst du wirklich, du und ich, das wäre das Paradiese?“. „Na deutlicher hat mir noch keine Frau gesagt, dass sie mich nicht will. Das tut weh, das tut so weh“, er greift sich mit einer theatralischen Geste an die Brust und wirbelt mich albern herum. Wir lachen uns fast kaputt, so lustig finden wir das. „Ihr spinnt, ihr spinnt total“ mischt sich nun auch Moni in unser Gekicher.
Na toll, da stehen unsere Beiden und finden uns gar nicht lustig……
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Fortsetzung folgt…
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(C)Ute AnneMarie Schuster 19.06.2010
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