DIE STRASSEN DER WELT
Ohne Anfang, ohne Ende
führt ihr duchs weite Land.
Für viele werden Träume war,
wenn sie euch folgen,
von Stadt zu Stadt,
von Land zu Land.
Für viele werden Sehnsüchte wach,
wenn sie euch folgen,
von Stadt zu Stadt,
von Land zu Land.
Den einen seid ihr Begierde,
den anderen Weg zur Pflicht;
den anderen Ziel ihres Lebens im Tod;
den anderen Weg in ein Nichts,
weil ihr Leben kein Ziel kennt.
Den anderen weist ihr den Weg,
weil ihr zum Denken führt;
wieder anderen seid ihr Weg ins Abenteuer,
weil sie die Ferne lockt;
doch die Nähe sehen sie nicht,
weil Abenteuerlust blind macht.
Auf der Straße sind wir allein,
umgibt nichts Menschliches uns;
nur die Maschine röhrt,
vom Menschen als Segen empfunden.
Doch sie zerstört.
Menschlichkeit, Liebe, Nächstenliebe
kennt sie nicht.
Hohl und leer
treibt sie dahin
mit tobender Gewalt,
hat Schicksalsmacht;
ist für viele kein Segen mehr.
Straßen der Welt –
nicht nur Asphaltbahn,
auch Weg und Steig,
Brücke und Steg
führen uns weit,
wenn wir es nur wollen.
Straßen der Welt –
notwendig seit der Mensch das Rad erfand,
notwendig trotz Schiene und Luftweg,
notwendig trotz Fluss und Seestraße,
notwendig wie Haus und Hof,
damit Menschen zueinander finden,
damit nicht länger Weite sie trennt,
damit Herz besser Herzen kennt?
Und trotzdem
Einsamkeit –
Krankheit unserer modernen Welt;
Isolation vom anderen –
Wunschbild unserer modernen Welt;
wahr geworden,
weil die Straßen der Welt
mehr trennen denn vereinen –
weil sie zwischen dich und mich
sich drängen,
weil sie unüberwindlich sind,
Straßen des Missverständnisses,
Straßen des Unglücks,
Straßen des Leides,
Straßen des Egoismus,
Straßen des Materialismus,
Straßen in Not und Elend,
Straßen in die Vergangenheit,
trennende, getrennte Straßen in die Zukunft?
Straßen! Straßen!! Straßen!!!
Straßen der Welt –
Segen oder Fluch?
© by Heidemarie Opfinger