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Nebelaugen - Kapitel 10 - Zwischenspiel IV: Krieg

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"Nebelaugen - Kapitel 10 - Zwischenspiel IV: Krieg"
Veröffentlicht am 06. April 2010, 40 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Über den Autor:

Hallo zusammen! Ich bin inzwischen 34 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Kindern, die mich beschäftigt halten. Ich liebe fantasievolle Geschichten und träume auch oft vor mich hin.Ich bin meist recht still, aber wenn mich etwas sehr bewegt, kann ich auch meine Meinung dazu sagen.
Nebelaugen - Kapitel 10 - Zwischenspiel IV: Krieg

Nebelaugen - Kapitel 10 - Zwischenspiel IV: Krieg

Beschreibung

Kapitel 10 - Cayouns Netz aus Lügen und Mord führt zu einem Unglück, das er nicht vorrausgesehen hat. Achtung! Ziemlich lang!

Zwischenspiel IV: Krieg

   Die Sonne war noch nicht lange aufgegangen und die Herberge, in der sie die Nacht verbracht hatten, gerade aus ihrem Sichtfeld verschwunden, als Shakars Männer den Boten erspähten. Es war der dritte Tag seit ihrem Aufbruch aus dem Bergdorf und so weit waren sie gemächlich, aber problemlos vorangekommen. Deshalb überraschte es sie um so mehr als der schmächtige, junge Mann sein schweißnasses Pferd vor der Gruppe zum Stehen brachte und erschöpft vom Sattel glitt.
    Vor Shakar sank er auf ein Knie und berichtete mit bebenden Lippen: „Ich bringe schlimme Nachrichten, Hoheit. Die Mencun haben uns angegriffen. Noch am Tag Eurer Abreise fanden wir Herrn Kareg von diesen Monstern ermordet vor. Wir stellten sie zur Rede, doch dann kam es zum Kampf und viele unserer tapferen, jungen Männer wurden gnadenlos erschlagen. Wir zogen uns in die Siedlung zurück und die Herrin Jilla wählte mich aus, Euch nachzureiten und Eure Hilfe zu erflehen.“
    Als der Prinz sich nicht rührte und fassungslos ins Leere starrte, ergriff Shian, Hauptmann der kleinen Truppe und Leibwache des Prinzen, das Wort. „Wann seid Ihr aufgebrochen? Haben die Mencun nach diesem Scharmützel einen weiteren Angriff gestartet? Wieviele Männer hat die Siedlung noch zur Verteidigung?“
    Der Bote atmete tief ein. „Ich ritt gestern im Morgengrauen los und habe seitdem mir und meinem Pferd kaum eine Pause gegönnt. Vor zwei Tagen gab es keinen Angriff, aber Herrin Jilla ahnte, dass die Mencun uns einkreisen würden und als ich mich auf den Weg machte, sah ich dass sie recht hatte. Ich konnte gerade noch durchbrechen. Aber einem weiteren Kampf kann die Siedlung unmöglich standhalten. Es sind noch etwa sechzig Männer da, die Waffen tragen, aber auch wenn sie alle Zugänge zur Siedlung verrammeln, sind sie den Mencun hoffnungslos unterlegen.“
    Shakar schüttelte hilflos den Kopf. „Wie konnte es nur dazu kommen?“ Er ballte die Faust. „Verflucht sollen sie sein!“
    Cayoun legte dem Prinzen die Hand auf die Schulter. „Grämt Euch nicht, Hoheit. Niemand konnte mit Verrat rechnen.“
    Shian nickte. „Das ist wahr. Dennoch müssen wir jetzt reagieren. Hoheit, bevor Ihr etwas entscheidet, bedenkt, dass unsere Zahl zu klein ist, um bei der Verteidigung unserer Leute einen Unterschied zu machen.“
    „Das ist mir klar. Um bis nach Triannar zurückzukehren fehlt uns die Zeit. Wir müssen in der Nähe Verstärkung finden und das bald.“
    Shian strich sich übers Kinn, während er überlegte. „Dieses Land untersteht Graf Farif. Er wird einige Truppen in Bereitschaft halten, die mit uns reiten können und bald wird er Verstärkung schicken, wenn Ihr ihm die Autorität dazu verleiht. Seine Burg erreichen wir in etwa zwei Stunden, wenn wir scharf reiten.“
    „Es müssen nicht alle von uns dorthin. Shian, begleitet die Männer zur Siedlung zurück. Es kann sein, dass dort schon jeder Arm gebraucht wird. Ich werde mit Cayoun zu Graf Farif reiten und mit so vielen Männern wie möglich nachkommen.“
    Shian hob eine Augenbraue und schien erst protestieren zu wollen, dass er den Prinzen unmöglich ohne Eskorte lassen konnte, dann aber überlegte er es sich anders, neigte den Kopf und akzeptierte sein Schicksal.

    ****

    Schon bevor sie einen Fuß in Graf Farifs Burg gesetzt hatten, hatte Shakar gespürt, dass etwas nicht stimmte. In dem kleinen Dorf, das die Burg umgab, waren sie von neugierigen Blicken und großer Aufregung begleitet worden, doch lag etwas nervöses in der Luft. Soldaten huschten umher, schienen hastig Ausrüstung zusammenzutragen und starrten den Prinzen überrascht an.
    Man hatte sie sofort in die Burg gelassen, doch Graf Farif ließ auf sich warten. Endlich trat der Adelige in den Salon, in dem Shakar und Cayoun ungeduldig warteten. Er verbeugte sich knapp, dann begann er, noch ehe Shakar etwas sagen konnte: „Ich muss zugeben, ich bin überrascht Euch hier zu sehen, Prinz Shakar. Nach allem, was man über Euch hört, sollte man denken, ihr wärt damit beschäftigt unseren Untergang vorzubereiten.“
    Shakar starrte ihn verblüfft an. „Ich verstehe nicht wovon Ihr redet, werter Graf. Wir kamen hierher um Unterstützung im Kampf gegen die Mencun zu erbitten, die uns verräterisch angegriffen haben.“
    Graf Farif strich sich über seinen grauen Schnurrbart. „Dies wird immer interessanter“, sagte er und lächelte humorlos. „Es scheint, dieser Tag will mein Weltbild ein weiteres Mal auf den Kopf stellen.“
    Der Prinz trat auf ihn zu, bebend vor Zorn und Frustration. „Graf Farif, es stehen viele Leben auf dem Spiel und mir fehlt die Zeit für Etikette und politisches Taktieren. Vor drei Tagen brachen wir von unseren Gesprächen mit den Mencun auf, den Frieden schon in Aussicht, und heute erreicht mich die schreckliche Meldung, dass alles eine Lüge war und sie nach einem feigen Mord nun planen unsere Siedlung auszulöschen. Ich frage Euch, seid Ihr bereit mir beizustehen und dies zu verhindern oder nicht?“
    Farif betrachtete ihn nachdenklich, dann winkte er einem seiner Bediensteten. „Ich glaube Ihr solltet die Nachricht lesen, die mich vor kurzem erreichte. Dann werdet ihr bestimmt besser verstehen, was mich so in Erstaunen versetzt hat.“
    Shakar nahm den Brief entgegen, den ihm der Diener reichte und erbleichte beim Überfliegen der Zeilen sichtlich. „Mein Vater...“, stammelte er tonlos, „ist tot?“
    Cayoun legte ihm eine Hand auf den Arm, schwieg aber.
    Farif verschränkte die Arme. „Lest weiter“, sagte er nur.
    Shakar las den Brief, stockte und las ihn noch ein zweites Mal. Er schüttelte immer wieder den Kopf, fassungslos und entsetzt. Sein Blick ging ins Leere und eine ganze Weile schwieg er. Als er schließlich sprach, war seine Stimme rau und tonlos.
    „Es ist eine Lüge.“
    Der Graf sah zur Seite. „Das war auch das erste was ich dachte. Das erste, was ich glauben wollte. Doch dass Euer Vater ermordet wurde, ist leider wahr. Nachrichten von anderen Fürsten bestätigten mir dies. Und Euer Bruder ist überzeugt, dass Ihr hinter dem Mord steckt und es auf den Thron abgesehen habt.“
    Shakar ballte die Fäuste. „Das ist Wahnsinn. Falam muss wahnsinnig sein, das zu glauben. Ich hätte nie meinen eigenen Vater töten lassen.“
    „Es sieht Euch wahrhaftig nicht ähnlich. Zumindest soweit ich Euch kenne“, räumte Farif ein. „Andere Fürsten äußerten ähnliche Bedenken, doch das hat den Kronprinzen nicht von seiner Meinung abbringen können. Dazu kommt noch, dass die einzige Zeugin, die Mörderin selbst, bereits hingerichtet wurde.“
    Cayoun schien zusammenzufahren. „Sie wurde hingerichtet, sagt ihr?“
    Farif nickte. „Und das ist auch etwas, was vielen Fürsten nicht schmeckt. Auch ich hätte lieber eine eingehende Untersuchung des Falls gesehen, als ein so vorschnelles Urteil.“
    Shakar starrte ihn eindringlich an. „Ihr klingt als wäre es Euch nicht so eilig, Euch Falams Heer anzuschließen, wie er es am Schluss seines Briefes forderte, doch haben wir überall unter Euren Soldaten bereits die Vorbereitungen für diesen Heerzug gesehen.“
    „Ich war mir nicht sicher was ich glauben sollte. Letztlich hat Euer Auftreten den Ausschlag gegeben. Ich habe Euch seit Eurer Kindheit für den fähigeren Herrscher gehalten und nun hat der Kronprinz mit seinem übereilten Handeln einen sehr dummen Zug getan. Ich frage mich, wie jemand, der sich so leicht gegen seine Familie wendet, ein Volk führen soll.“
    Farif trat auf Shakar zu und sah ihm fest in die Augen. „Ich habe mich entschieden. Ich stehe auf Eurer Seite und werde Euch in dieser Not beistehen, zum Guten oder zum Schlechten, was immer uns erwartet.“
    Shakar ergriff den Arm des Grafen und neigte den Kopf. „Ich werde tun, was in meiner Macht steht, so dass ihr diese Wahl nie bereut.“
    Cayoun, der mit wachsender Unruhe und etwas, das Shakar nicht deuten konnte, zugehört hatte, meldete sich zu Wort: „Dann werdet Ihr gegen Euren Bruder ziehen, Majestät?“
    Shakar erstarrte und schüttelte dann den Kopf. „Ich muss mit ihm reden. Diesen schrecklichen Irrtum aufklären. Doch zuvor besteht immer noch die gleiche Not, die mich hierher brachte. Wir müssen die Mencun aufhalten.“
    Farif nickte. „Wie Ihr befehlt. Meine Männer stehen Euch zur Verfügung und auch andere Fürstentümer werden uns unterstützen, da bin ich sicher.“
    „Kümmert Euch darum, Graf. So bald wie möglich ziehen wir wieder nach Norden.“

    ****

    Tamaril spähte nervös zum Osget, dem riesigen Tor, das die Stadt der Mencun vor den Augen der Welt in ihrem Zufluchtsort aus Stein verbarg. Dort warteten die Ersatztruppen, die er im Notfall in den Kampf führen sollte. Der Kampfeslärm scholl zu ihm hinein und ließ nicht nur die Frauen und Kinder, die sich in den Häusern verschanzt hatten, unruhig werden.
    Dabei hatte doch alles gut werden sollen. Tamaril erinnerte sich noch gut an die Hochstimmung, die viele der Mencun nach dem Besuch des Prinzen von Illian gehabt hatten. Doch dann war ein wütender Mob aus der Bergsiedlung gekommen, hatte die Wachen, die ihnen entgegengekommen waren, niedergemetzelt und waren erst gewichen als man ihnen auf gleiche Weise antwortete.
    Tamaril fühlte noch immer den Schock und die Wut über diesen Verrat. Ein Teil von ihm hatte glauben wollen, dass noch immer als gut werden konnte, doch obwohl die Mencun nicht gegen das Dorf marschiert waren, lediglich Barrieren erichtet hatten, damit die Dörfler unter Kontrolle gehalten wurden, hatte nun eine Streitmacht unter Führung des Prinzen Shakar die Barrieren überrannt und das Osget angegriffen.
    Draußen kämpfte der Vater gegen den ehrlosen Prinzen. Der Vater, der ihn immer gewarnt hatte, sich nicht mit den Fremden einzulassen. Wie dumm war er nur gewesen, nicht auf diese Warnungen zu hören.
    Vielleicht hatte ihm deshalb der Vater nicht erlaubt selbst am Kampf teilzunehmen. Vielleicht musste er deshalb hier bei den Kampfunfähigen warten, ohne Möglichkeit einzugreifen, bis er endlich den Befehl dazu erhielt.
    Ein Tumult ließ ihn aufmerken. Vor dem Tor tat sich etwas. Einer der breiten Torflügel, die nur eine Handbreit geöffnet waren, wurden aufgeschoben und einige Gestalten taumelten hindurch. Zwei Soldaten schleppten einen Verwundeten herein und sofort eilte ein Arzt zu ihnen hinüber.
    Es dauerte eine Sekunde bis Tamaril unter dem Blut und Schmutz erkannte, wer hereingetragen worden war. Dann hastete er mit langem Schritten zur Seite seines Vaters.
    Fürst Karatil atmete schwer als er vorsichtig auf den Boden gelegt wurde. Er erkannte den Arzt und brachte genug Kraft auf, ihn mit einer Armbewegung abzuwehren. „Es ist zu spät“, keuchte er.
    Tamaril sank auf die Knie, wollte den Vater beruhigen, wollte ihm zureden sich behandeln zu lassen und brachte doch kein Wort hervor.
    Karatil sah ihn mit trüben Augen an, doch er erkannte ihn, streckte die Hand aus und fasste Tamarils Arm. „Der Kampf ist verloren“, sagte er leise, dann schüttelte ihn ein Röcheln und auf den Lippen zeigte sich Blut. Er zog Tamaril dichter zu sich heran. „Führe sie nicht in den Untergang“, flüsterte er tonlos. „Du musst dich vom Kampf zurückziehen und das Osget verschließen. Flieht durch das Südtor in die Gänge. Wir sind...“ Er wollte noch mehr sagen, doch sein Atem stockte und der Fürst sank leblos in sich zusammen.
    Tamarils Fäuste ballten sich. „Nein!“ schrie er. „Nein! Nein! NEIN!“
    Einer der Soldaten legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Euer Majestät“, begann er vorsichtig, doch Tamaril schüttelte die Hand mit einer wütenden Bewegung ab.
    Der neue Fürst der Mencun kam taumelnd auf die Beine, dann sah er in die Runde und sein Blick ließ die anderen Männer zurückweichen.
    „Sie werden büßen“, zischte er leise.
    Ohne ein weiteres Wort drehte sich Tamaril um und lief auf das Zentrum der Stadt zu. Er durchquerte die große Halle und trat durch die Türen zu den Vorratshallen, wo die unterirdischen Wälder des Einhorns alles erschufen, was die Mencun zum Leben brauchten. Langsam wurden aus den weißen Gängen Bäume, erst nur Ornamente, dann immer deutlicher in der Form ihrer irdischen Verwandten, doch noch immer in makellosem Weiß. Schließlich erreichte er das Ende des Ganges, wo zwei Bäume ihm den Weg zum Zentrum des Einhornwaldes versperrten.
    Tamaril atmete tief ein. „Einhorn“, rief er. „Ich bin Tamaril, Fürst über die Mencun.“
    Leise wie das Atmen des Windes in Blättern wichen die Bäume auseinander und ließen ihn passieren. Vor Tamaril stand ein Wesen, groß und wunderschön, aber auch furchteinflößend. Das Einhorn trat auf ihn zu.
    *Lange ist es her, dass ein Fürst der Mencun zu mir kam. Seid mir willkommen, Tamaril, Karatils Sohn*, ertönte eine Stimme in Tamarils Kopf.
    „Ich bin hier um dich um Hilfe zu bitten. Mein Volk wird bedroht von den grausamen Kriegern von Illian. Nur mit deiner Unterstützung können wir das Blatt noch wenden.“
    Das Einhorn sah ihn aus riesigen silbrigblauen Augen an. *Ihr bittet mich? Haben die Mencun vergessen, dass sie es waren, die mich erschufen?*
    Tamaril sah das Wesen erstaunt an. „Wir haben dich erschaffen?“
    *Meine Macht ist Eure Macht, junger Fürst. Vor langer Zeit gab Euer Volk sie mir, damit ich für Euch sorge. Damit ich aufbaue und erschaffe. Wollt Ihr nun, dass ich für Euch diese Macht ins Gegenteil verkehre und niederreiße und vernichte?*
    „Das will ich“, erwiderte Tamaril grimmig.
    Das Einhorn sah mit undeutbarem Blick auf Tamaril herab. *Ich soll diese Schlacht für Euch gewinnen?*
    „Nein. Du sollst sie alle umbringen.“
    Das Einhorn zögerte nicht, doch als es sich in Bewegung setzte und an Tamaril vorbeiging, war ihm als sei all seine Kraft von ihm gewichen. Er brach in die Knie und sank dann auf den Waldboden, während das Einhorn die Baumbarriere passierte und zum ersten Mal seit Jahrhunderten den Wald verließ.

    ****

    Shakar beobachtete die Schlacht nicht aus der Ferne, er befand sich mitten unter seinen Truppen. Trotz der Warnungen Shians hatte er darauf bestanden, die Männer selbst anzuführen. Aber zu dieser Zeit hatte noch das Feuer der Wut und des Schmerzes in ihm gebrannt. Nun hatte er so viel Tod und Leid gesehen, dass ihn der metallene Geschmack auf der Zunge betäuben wollte.
    Der Kampf verlief zu ihren Gunsten, das war wahr. Doch hatte das unwegsame Gelände und die erhöhte Position der Mencun einen reichlichen Tribut gefordert. Schon seit einer Weile hatte er darüber nachgedacht, wie weit er gehen wollte. Wann er den Mencun einen Waffenstillstand anbot. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, wischte mit Schweiß vermischten Staub fort. Vielleicht war es bald an der Zeit. Vielleicht war es schon längst Zeit gewesen.
    Er winkte Shian zu sich, den er zum Kommandanten über die Truppen gemacht hatte. Cayoun hatte ebenfalls zu Beginn der Schlacht an seiner Seite gestanden, war aber schon seit einer Weile aus seinem Sichtfeld verschwunden. Der Offizier bewegte sich auf ihn zu, als plötzlich ein Schrei beide Männer den Berghang hinaufblicken ließ.
    Über die Kante, die den Platz vor dem Osget säumte, taumelten mehrere Gestalten. Nein, taumeln war nicht das richtige Wort. Sie wurden geschleudert.
    Die Körper tanzten über den Hang hinab, einige prallte auf andere Kämpfer, während andere leblos liegenblieben.
    Die entsetzten Schreie setzten sich fort und als Shakar sein Pferd antrieb den steinigen Hang hinaufzusteigen, sah er mehrere seiner Männer den Pfad herab fliehen. Eine weiße Gestalt folgte ihnen und unter hellem Aufblitzen streckte eine seltsame Waffe die Fliehenden nieder. Dann blieb die Gestalt für einen Moment stehen und Shakar öffnete verblüfft den Mund.
    Ein Pferd? Nein, es war größer als ein Pferd und sah schlanker aus. Zudem hatte er noch nie gesehen, wie sich ein Pferd mit solcher Anmut bewegte. Pfeile von den Bogenschützen, die ihre Überraschung überwunden hatten, füllten die Luft, doch die Kreatur wich den meisten aus und schüttelte die übrigen ab. Dann war das Wesen an die nächste Kampfgruppe heran und Shakar sah, wie es den Kopf senkte und ein Aufblitzen auch diese Männer zu Boden schickte.
    Er sah zu Shian hinüber und erkannte den Schrecken in den Augen des anderen Mannes. „Wir brauchen Pikeniere“, sagte der Prinz hastig. „Ordnet eine Verteidigungslinie.“
    Froh über einen eindeutigen Befehl wandte sich der Kommandant auf seinem Pferd um und wollte die Anweisung weitergeben, als sein Reittier, von der allgemeinen Panik noch über die Schrecken der Schlacht hinaus verängstigt, bockte und ihn nach vorne trug.
    Shakar, der sah, dass ihn das Pferd gerade auf die Gefahr zu trug und der mit Schrecken feststellen musste, dass sich Chaos unter seinen Männern ausbreitete, drückte seinem eigenen Pferd die Hacken in die Seiten und versuchte, Shian einzuholen.
    Er schaffte es nicht.
    Ein gutes Stück trennte ihn von seinem treuen Hauptmann, als er sein Pferd zum Stehen brachte und mitansehen musste, wie das Wesen nachdem es keinen der Männer in seinem Weg am Leben gelassen hatte, Shian mit einem Stoß des Horns auf seinem Kopf aus dem Sattel hob. Er glaubte Knochen zerbrechen zu hören, dann prallte Shians Leichnam auf den Berghang, schlitterte noch etwas weiter und blieb dann zwischen den Steinen liegen.
    Shakar atmete schwer. Ein Einhorn. Wie konnte es so etwas geben? War das nicht nur ein Wesen aus Legenden und Mythen? Und wie konnte ein Geschöpf, das in den Geschichten etwas so Gutes und Wunderbares war, mit solcher Grausamkeit Leben vernichten?
    Er schüttelte den Kopf. Es spielte keine Rolle. Wichtig war nur es aufzuhalten. Wer könnte sonst sagen, wann es aufhören würde. Würde es zum Bergdorf weiterziehen? Was sollte es davon abhalten dort genauso zu wüten wie hier? Bei dem Gedanken an Jilla, die ein ähnliches Schicksal erführe wie Shian, spürte Shakar das Blut in seinen Ohren rauschen.
    Er zog sein Schwert. Er wagte nicht sich nach seinen Truppen umzusehen und hatte auch keine Zeit mehr Pläne zu schmieden, als sich das Einhorn mit beeindruckender Geschwindigkeit wieder in Bewegung setzte. Mit dem Mut der Verzweiflung trieb er sein Pferd an.
    Kurz bevor das Einhorn ihn erreichte, riss er die Zügel zur Seite. Sein Pferd machte einen Satz auf den Abhang und schaffte es tatsächlich dem tödlichen Horn zu entgehen. Doch dann geriet das Geröll in Bewegung und Shakars Pferd rutschte zur Seite, versuchte wieder auf die Beine zu kommen, prallte dann aber an einen Felsen. Shakar spürte einen stechenden Schmerz als sein Oberschenkel brach, dann landete er auf der Seite, halb unter dem Pferd begraben. Für einen Moment senkte sich Dunkelheit auf ihn.
    Als er die Augen wieder aufzwang tropfte Blut hinein. Er sah das Osget beinahe vor sich, als sein Pferd, das ihn halb wahnsinnig vor Schmerz und Angst bei der verzweifelten Flucht den Hang hinauf im Sattel mit sich genommen hatte, schließlich zusammenbrach.
    Er verschwendete keine Zeit damit nach dem Schwert zu suchen, dass er vor dem Sturz in der Hand gehabt hatte und zog den Dolch, der noch an seinem Gürtel steckte. Damit schaffte er es sich von den Sattelgurten loszuschneiden, die ihn aufrecht gehalten hatten und kroch auf den nächsten der Gefallenen zu. Er packte gerade noch dessen Schwert und warf sich herum, als das Einhorn auch schon über ihm aufragte.
    Plötzlich sah er aus dem Augenwinkel einen Schemen in den Farben der Soldaten der Mencun, der sich zwischen sie drängte. Auch das Einhorn zögerte einen Moment, dann bohrte sich die geschwungene Klinge des Mencun tief in seinen Hals und zog eine blutige Furche über die schneeweiße Flanke. Dann sprang der Mencun zurück.
    Auch Shakar riss sein Schwert nach oben und zum ersten Mal wankte das Einhorn, brach auf einer Seite in die Knie und neigte das gewaltige Haupt.
    Noch während er gewahr wurde, dass sich die Wunden bereits wieder zu schließen begannen, sah Shakar unter dem Helm des Mencun Cayouns graue Augen blitzen und hörte seine Stimme: „Das Horn!“
    Shakar blinzelte das Blut weg und kam auf die Knie. Während er das Schwert hoch über den Kopf hob, merkte er verwundert, dass er gar keinen Schmerz in seinem Bein spürte. Dann sauste das Schwert herab, traf mit einem seltsamen Krachen auf das Horn, von dem sich ein Splitter löste.
    Das Einhorn schrie wortlos auf, doch Shakar zögerte nicht und schlug ein weiteres Mal zu. Das Horn rollte über den Boden und sein Leuchten verblasste zu einem schwachen Glühen.
    Das Einhorn andererseits brach lautlos zusammen. Sein weißes Fell schien auch dort, wo es nicht von Blut besudelt war, sein Strahlen zu verlieren und die silberblauen Augen verdunkelten sich zu lichtlosem Schwarz.
    Shakar hielt sich an seinem Schwert aufrecht und konnte den Blick nicht von dem grauenhaften Anblick lösen. Auch wenn ein Teil von ihm erleichtert jubeln wollte, konnte er doch einfach keinen Ton hervorbringen.
    Das Einhorn war tot.

    *****

    Tamaril riss die Augen auf. Er hatte einen Schrei gehört, einen entsetzlichen Schrei, der nicht abreißen wollte
    Mühsam kämpfte er sich auf die Beine, taumelte auf die Bäume zu die zu der Stadt der Mencun zurückführten. Doch diesmal wichen sie nicht auseinander um ihn passieren zu lassen. Auch als er es befahl, als er bat, ja nicht einmal als er tobte und drohte, rührten sich die Bäume.
    Schließlich sank er wieder zu Boden. Er krümmte sich unter dem Gewicht der Trauer um ihn herum und begann mit dem Einhornwald zu schluchzen.
    Noch ahnte er nicht, dass auch die Bewohner der Stadt der Mencun in Panik geraten waren, an Türen rüttelten, die sich ohne die Macht des Einhorns nicht mehr öffnen wollten. Und dass sie vergeblich nach ihrem jungen Fürsten riefen.

    *****

    Shakar fühlte Cayouns Hand auf der Schulter, doch er brachte nicht die Kraft auf, zu ihm aufzublicken.
    Ein Windstoß fuhr über den toten Körper des Einhorns und zur Überraschung des Prinzen löste sich eine Wolke grauer Staub. Binnen Sekunden löste sich der Leichnam auf, stieg in den Himmel, der eben noch blau gestrahlt hatte, sich aber plötzlich von schwarzen Wolken verdunkelte.
    Donner grollte, so laut, dass Shakar den Boden unter sich beben spürte. Er hob den Kopf und ein erster Regentropfen fiel auf seine Wange und glitt daran herab.
    Scharfer Schmerz durchfuhr ihn. Für einen Moment glaubte er, der Schock habe genug nachgelassen um ihn nun seine Wunden zu spüren, doch dieser Schmerz ging tiefer als das.
    Mit einem Schlag begann der Regen in Strömen zu fallen und Shakar stellte mit Entsetzen fest, dass sich die Tropfen in seine Haut fraßen und sein Gesicht dahinschmolz wie Wachs, das dem Feuer zu nah gekommen war. Neben ihm brach Cayoun in die Knie, den Kopf panisch mit den Händen zu schützen suchend.
    Dann verlor sich Shakars Denken in Dunkelheit.

   *****

    Er kam für einen Moment wieder zu Bewusstsein als sich ein Heiler über ihn beugte. Shakar wollte vor dem entstellten Gesicht zurückweichen, doch konnte er sich kaum rühren. Eine Schwere lag in seinen Gliedern, die ihn nur mit Mühe atmen ließ. Ein Gefäß wurde an seine Lippen gesetzt und angenehm kühle Flüssigkeit rann in seine Kehle. Erschöpft schloss er die Augen und schlief wieder ein.
    Die nächsten Tag brachten Besserung und Genesung für seinen Körper, doch quälte ihn eine Schreckensnachricht nach der anderen.
    Die Heiler waren nicht nur völlig ratlos über die Entstellungen und ob ihr Ausmaß auch über das Äußerliche hinausging, sie waren auch selbst genauso betroffen. Und nicht nur sie. Alle Soldaten, die die Schlacht beim Osget überlebt hatten und alle die sich auf dem Weg zu ihm befunden hatten, sowie ihre Familien und Freunde, alt und jung, Mann und Frau, niemand war verschont geblieben.
    Dann trafen aus ganz Illian Menschen ein, die die selben Merkmale aufwiesen. Jeder der offen oder im Stillen auf Shakar als neuen König gehofft und ihn Falam vorgezogen hatte und auch die Fürsten, die sich auf seine Seite gestellt hatten, waren von dem Fluch des Einhorns getroffen worden. Die meisten waren von den Anhängern Falams aus ihren Dörfern verjagt worden, doch im Norden des Landes, wo Boten Graf Farifs Kunde von der Unschuld des jüngeren Prinzen gebracht hatten, gab es auch ganze Ortschaften, die betroffen waren.
    Währenddessen hetzte Falam im Süden gegen seinen Bruder, dessen äußerliche Verwandlung in ein Monster die Verschwörungsanklagen noch glaubhafter werden ließ. Boten berichteten, dass Falam sein Heer wieder aufstellen ließ, nun nicht mehr gegen die Mencun und den seiner Meinung nach mit ihnen verbündeten Shakar, sondern nur noch gegen den vermeintlichen Aufrührer.
    Und noch immer fiel Regen, weichte das Land auf, ließ zu selten nach, als dass der Morast, der sich gebildet hatte, trocknen könnte. Vorräte verdarben, wo sie nicht von geschickten Köpfen rechtzeitig vor der Feuchtigkeit geschützt wurden. Doch mit dem Mut der Verzweiflung trotzten Shakars Getreue der nassen Kälte und Düsternis.
    Auch wenn er seines verletzten Beines wegen eigentlich dringend Ruhe haben musste, hatte sich Shakar doch zu den Truppen gequält und überwachte nun seinerseits die Aufstellung eines Heeres. Doch immer öfter zog er sich allein zurück, wollte weder Jilla noch Cayoun in seiner Nähe haben und ließ sich am Fuß eines Hügels nieder, wo er größtenteils von den Heimsuchungen des Wetters geschützt war, und grübelte nach.
    Inzwischen war das Heer Falams nahe genug heran, dass ein kurzer Fußmarsch beide Armeen aufeinander prallen lassen würde. In Shakars Lager ging die Botschaft um, dass es am nächsten Tag zur Schlacht kommen würde. Doch Shakar selbst hatte noch keine Schlachtordnung aufstellen lassen und keine Strategie mit seinen Heerführern besprochen.
    Als er sich an diesem Tag wieder zu seinem Platz zurückzog, wartete dort Cayoun auf ihn. Er war der erste gewesen, der die Ruinen seines einst so hübschen Gesichts hinter einer Maske versteckt hatte, die nur seine Augen sehen ließ. Andere waren seinem Beispiel gefolgt, so auch Shakar der sein Elend nicht mehr mitansehen wollte.
    „Was ist los, Hoheit?“ fragte ihn der junge Mann ohne große Vorrede.
    Shakar blinzelte verblüfft, dann ließ er sich auf einem flachen Stein nieder und streckte das vor Schmerz pochende Bein aus. Ein Weile suchte er vergeblich nach Worten, dann begann er schlicht mit: „Es ist falsch.“
    Cayoun runzelte die Stirn und seine Lippen kräuselten sich ärgerlich. „Was ist falsch?“
    „Alles. Spürst du es nicht? Der plötzliche Angriff der Mencun, der Mord an meinem Vater. Was für eine Menge seltsamer Wendungen, die mich in den Kampf mit meinem Bruder führt. Ich weiß nicht, warum mein Leben auf einmal um mich herum im Chaos versinkt, aber ich will nicht so viele mit in den Untergang nehmen. Dieser Krieg darf nicht sein. Ich habe mich viel zu lange darauf beschränkt auf das Unheil zu reagieren. Das kann nicht so weitergehen. Ich muss dagegen ansteuern.“
    Cayoun war plötzlich blass geworden. „Was habt Ihr vor?“
    Shakar wich seinem Blick aus. „Ich werde zu meinem Bruder gehen und mit ihm reden. Ich werde versuchen, eine Einigung zu erzielen, aber wenn das nicht möglich ist, bin ich bereit alle Schuld auf mich zu nehmen. Wenn nur mein Tod diesen Krieg verhindern kann, so sei es. Vielleicht ist es auch richtig so. In gewisser Weise habe ich Falam verraten, als ich auf diese Mission ging, die eigentlich ihm zufallen sollte. Er ist der Kronprinz und ich bin es nicht. Wenn ich jetzt in diesen Krieg ziehe, wird das Land in zwei Lager zerbrechen und es ist nicht mein Recht das zu verursachen.“
    „Aber wenn Ihr gewinnt, werdet Ihr das Land doch wieder vereinen“, widersprach Cayoun verzweifelt. „Ihr wärt ein guter Herrscher, das weiß ich. Daran habe ich immer geglaubt und allein das hat mir durch alle Widrigkeiten geholfen. Ihr dürft jetzt nicht aufgeben. Nicht nachdem ich so viel für euch geopfert habe.“
    Zum ersten Mal sah Shakar seinen Diener aufmerksam an. „Was hast du geopfert?“
    Cayoun schwieg erschrocken. Dann wandte er sich ab. „Ihr könnt das nicht tun!“ sagte er nur.
    Shakar wollte sich erheben, doch sein Bein versagte seinen Dienst. „Was hast du geopfert, Cayoun?“ wiederholte er. „Meinen Vater? Das Bündnis mit den Mencun?“
    Cayoun fuhr zu ihm herum und seine Augen blitzten. „Euer Bruder ist ein törichter Narr!“ zischte er. „Seht ihr das denn nicht? Der Ruin, in den er das Land führen würde, wäre weitaus größer als aller Schaden, den dieser Krieg anrichten kann. Letztlich wird er zum Wohle des Landes sein und wir werden stärker daraus hervorgehen. Wenn Ihr Euch jetzt Eurem Bruder unterwerft, werden alle die für eine bessere Regierung ihr Leben lassen mussten umsonst gestorben sein!“
    Shakar lachte freudlos. „Haben das auch all die Toten gewusst? Dass sie zum Wohle Illians sterben?“ fragte er spöttisch.
    „Welche Rolle spielt das? Die Geschichte wird später feststellen, dass ich Recht hatte. Dass dies notwendig war.“
    Shakars Augen wurden schmal. „Du bist ein Verräter, Cayoun und ein gemeiner Mörder. Ich kann nicht glauben, dass ich einmal einen Freund in dir gesehen habe. Alles was ich jetzt noch tun kann ist versuchen, den Schaden, den du angerichtet hast, so klein wie möglich zu halten. Dein Krieg wird nicht stattfinden.“
    Er stemmte sich auf die Beine und humpelte in Richtung des Lagers davon als kalter Stahl sich in seinen Rücken bohrte. Entsetzen überkam ihn als er zu Boden fiel. Wie hatte er nur trotz allen Verrats nicht mit solcher Niedertracht gerechnet? Der Regen rann über sein Gesicht, stahl sich unter seine Maske und nahm ihm den Atem. Was für ein Ende für einen Narren, der geglaubt hatte ein Prinz zu sein Er sehnte sich nach Jilla, doch als er im Sterben Tränen vergoss, galten diese nicht nur seinem eigenen verlorenen Glück.

    *****

    Cayoun starrte beinahe ungläubig auf den Leichnam vor ihm, dann ließ er seinen Dolch fallen.
Was hatte er getan? Shakar war mehr als sein Herr gewesen. Mehr als der zukünftige Herrscher Illians. Er war ein guter Freund gewesen, der Cayoun stets unterstützt und gefördert hatte.
    Nein.
    Als es zur wichtigsten Entscheidung kam, hatte Shakar ihn verraten. Hatte alle Hoffnungen, alle Opfer in den Dreck getreten. Shakar war der Verräter, ein Verräter an einer großen Idee.
    Doch was nun? Wo die Leiche verstecken? Und wohin dann?
    Ein Geräusch ließ ihn herumfahren.
    „Lady Jilla“, keuchte er.
    Die Gestalt vor ihm hätte man als Schatten der Frau bezeichnen können, die sich Hoffnungen auf die Hand des Prinzen gemacht hatte. Doch obwohl Jilla ihr rotes Haar weitgehend verloren und ihr einst schönes Gesicht hinter einer Maske versteckt hielt, war der Stolz in ihren grünen Augen doch ungebrochen und ihre Haltung verriet ihre Willensstärke.
    Schweigend blickte sie auf die Leiche, dann bohrte sich ihr zorniger Blick in Cayouns Augen. „Warum?“
    „Er wollte das Königtum aufgeben, uns alle verraten, nur um seines Bruders willen“, brach es aus ihm heraus.
    Jilla keuchte fassungslos. „Nach allem was wir verloren haben?“, flüsterte sie.
    Cayoun überlegte fieberhaft, legte sich Worte zurecht, wie er Jillas Vertrauen gewinnen mochte, doch noch ehe er einen klaren Gedanken gefasst hatte, trat sie entschlossen an ihn heran und ergriff seinen Arm. „Komm, wir müssen uns beeilen. Das Heer braucht einen Anführer und wir müssen deinem Volk klar machen, dass Cayoun es an den Feind verraten wollte. Deshalb musste er sterben.“
    Halb erschrocken und halb verwirrt starrte Cayoun sie an.
    Sie brachte ihr Gesicht nah an seines und sprach eindringlich und langsam, als sei er ein begriffsstutziges Kind: „Shakar, du hast noch eine Aufgabe zu erfüllen. Cayoun kann das nicht mehr. Cayoun ist heute gestorben.“
    Da verstand er. Hastig begann er Shakars Leiche auszuziehen und sich selbst in die besudelten königlichen Gewänder zu hüllen, während Jilla mit seiner Hilfe Shakar neu anzog. Das Blut konnte er mit einem Handgemenge mit dem Verräter erklären, das wusste er. Die Menschen glaubten nur zu gern dass, was sie glauben wollten. Und sie wollten Shakar, das bewiesen ihre entstellten Gesichter. Er würde ihnen Shakar geben.
    Und eine Königin würde auch an seiner Seite stehen.

    *****

    Die Schlacht war verloren, das wurde mit jeder neuen Nachricht deutlicher.
    Cayoun nickte dem Boten zu, dann winkte er Jilla heran. Er hatte seinen Generälen angesehen, dass sie nicht recht glücklich über ihre Anwesenheit waren, doch da auch Shakar viel Zeit mit ihr verbracht hatte, war niemandem ein Zweifel gekommen. Und er wusste, dass es sicherer war, andere nicht zu dicht an sich heranzulassen. Shakars Kleidung verhüllte viel, gerade die Maske erschien ihm nun als ein Segen, doch konnte er seine Stimme nicht völlig verstellen und seine grauen Augen nicht dazu bringen Shakars leuchtendes Blau anzunehmen.
    Jilla trat nahe zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. „Schlechte Nachrichten?“, wisperte sie.
    Cayoun nickte kurz. „Ich habe ihn mit einem Rückzugsbefehl zurückgeschickt.“
    Sofort wurden ihre Augen schmal. „So, geben wir also auf. Ich hoffe aber, dass dir klar ist, was dann aus uns wird.“
    „Ich sagte Rückzug, nicht Kapitulation. Wir brauchen einfach mehr Zeit. Weder unsere Kämpfer noch Falams sind es gewohnt im Schlamm zu kämpfen, doch mit der Zeit können wir es lernen. Und wir müssen unsere Taktiken völlig umändern und brauchen weit mehr Krieger. Ich wüsste nicht, warum nicht auch die Frauen Militärdienst leisten sollten.“
    „Was? Wieviel mehr Zeit denkst du haben wir denn? Was du da vorhast kann Wochen, Monate oder noch länger dauern.“
    Er nickte wieder. „Deshalb ziehen wir nach Norden. Wir schaffen eine neue Nation, nach unseren Vorstellungen.
    Jillas Augen weiteten sich. „Das ist Wahnsinn! Wie sollen wir ein ganzes Volk umsiedeln? Wovon sollen wir leben?“
    „Wir nehmen mit, was wir tragen können. Sobald wir Fuß gefasst haben und stärker geworden sind, werden wir zurückkehren und uns nehmen was wir sonst noch brauchen.“
    „Falam wird uns jagen.“
    „Das glaube ich nicht. Für den Moment hat auch deren Armee ihre Wunden zu lecken und falls sich jemand wagt uns in diese feuchte Hölle zu folgen, wird immer ein Hinterhalt auf ihn warten.“ Cayouns Augen glühten. „Der Nebel und der Regen werden unsere Verbündeten sein. Wir werden unsichtbar sein, unerwartet auftauchen und wieder verschwinden. Und wenn die Zeit reif ist, wird Falam vor uns fallen.“

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Über den Autor

ZMistress
Hallo zusammen! Ich bin inzwischen 34 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Kindern, die mich beschäftigt halten. Ich liebe fantasievolle Geschichten und träume auch oft vor mich hin.Ich bin meist recht still, aber wenn mich etwas sehr bewegt, kann ich auch meine Meinung dazu sagen.

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Terazuma Hallo ZMistress!
Ich habe die weitere Fortsetzung gefunden, auch wenn sie bereits vor fünf Jahre schon hochgestellt wurde.
Ich nehme an, dass du alles bis zum vorigen Kapitel neu überarbeitet hast.^^
Aber auch so bin ich weiterhin gefesselt von der Geschichte, die du dir hier erdacht und geschrieben hast.
Das alles ist mehr als tragisch, dass sich das Volk durch Verrat, Ehrgeiz und Mord so gespalten hat und das Einhorn den Tod fand.
Dass auch Shakar starb ist furchtbar, doch nur so konnte es überhaupt zu diesem Krieg kommen. Wirklich eine sehr gut durchdachte Story. ^^
LG Tera
Vor langer Zeit - Antworten
ZMistress Ja, hier sieht man wie lange ich zum Schreiben brauche. Aber ich bin trotzdem froh, dass ich die Geschichte überarbeitet habe. An diesem Kapitel werde ich wohl nicht schrecklich viel ändern, jedenfalls an der grundsätzlichen Handlung - schließlich muss ja erst alles den Bach runter gehen, damit wir zu Ayalas Geschichte kommen.

Vielen Dank auch hier für das positive Feedback. Das gibt mir immer wieder neuen Auftrieb.
Vor langer Zeit - Antworten
ZMistress Re: -
Zitat: (Original von hanni86 am 11.04.2010 - 16:06 Uhr) Hi, hat bis jetzt gedauert, dass ichs mal gelesen hab. Gefällt mir wie immer sehr gut.
Werd mich glaich an den nächsten Teil setzen.
Lg,
Hanni

Danke schön. Und mach dir keine Sorgen, wie du siehst komme ich selber manchmal erst spät zum Lesen/Kommentieren.
Vor langer Zeit - Antworten
hanni86 Hi, hat bis jetzt gedauert, dass ichs mal gelesen hab. Gefällt mir wie immer sehr gut.
Werd mich glaich an den nächsten Teil setzen.
Lg,
Hanni
Vor langer Zeit - Antworten
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