Sie war niemals einsam. Sie, die die Stimmen, den Schmerz der anderen, das Leiden der Menschen um sich herum hörte. Die Frau schloss die Augen. Sie hatte alles versucht, konnte dem jedoch nicht entfliehen. Nicht den Stimmen, nicht den Qualen, nicht den Gedanken. Es war unerträglich geworden. Suchend blickte sie umher, sich fragend, woher der geflüsterte Schmerz kam. Doch sie konnte keine genaue Quelle ausmachen. Das konnte sie nie.
Die Frau befand sich in einem dunklen Raum. Die Tapete war an einigen Stellen abgerissen, sodass man den grünen Anstrich darunter erkennen konnte. Leere Flaschen standen in einigen Ecken. Flaschen, deren Inhalt wohl von den Stimmen hätten ablenken sollen, vergebens. Das Flüstern kehrte wieder und war schlimmer als zuvor.
Vor der Tür und den Fenstern waren achtlos Kissen und Decken gestapelt, wohl um die Außenwelt von der Frau abzugrenzen.
Doch jeder Versuch, sich zu isolieren, scheiterte kläglich.
Die Gedanken der Fremden drangen an ihr Ohr und bereiteten ihr unerträgliche Schmerzen. Zahlreiche Stimmen flüsterten ihr Leid. Weinende Kinder, streitende Paare, Sterbende. Bloß das Glück und das Lachen waren Dinge, die ihr fremd waren. Davon war bloß der Funken einer Erinnerung übrig; zu schwach, um ihn wieder hervor holen zu können. Die Augen der Frau, in denen die Tränen wie Edelsteine funkelten, irrten weiterhin im Raum umher. Sie atmete schwer. Ihre Welt bestand bloß aus dem Schicksal von Menschen, denen sie nicht einmal begegnet war. Aus der Welt derer, die ihr Leben zu einer Qual machten. Sie hasste sie, die anderen.
„Nein! Lass sie gehen...lass sie frei...“, erklang ein Flehen in ihrem Kopf. Jemand schrie. Die Frau presste ihre Hände auf die Ohren, um den grausamen Laut zu ersticken.
„Das können sie ihr nicht antun!“, schluchzte die Stimme in einen Schrei hinein. „Nicht ihr...bitte...bitte verschont sie...sie hat doch gar nichts getan!“
Eine kalte, harte Stimme erklang und lachte die Fremde aus. Dann kam die Dunkelheit.
Tränen liefen nun unaufhörlich die Wangen der zarten Gestalt hinab. Ihre Augen waren gerötet, der Körper schwach. Doch die Visionen achteten nicht auf ihren Zustand. Sie kamen und gingen. Es war ihnen egal, dass sie an ihnen zerbrach. Sie war ihnen egal. Sie war bloß eine Frau mit einer grausamen Gabe.
„Schaff dieses Ding fort! Bring es weg. Hast du mich gehört? Ich will es nicht mehr sehen.“, schrie jemand.
Wieder erklang ein bitterliches Schluchzen. „Ich...ich kann nicht...warum verstehst du das nicht? Ich...kann es nicht.“ Ein klatschendes Geräusch hallte durch einen Raum.
Dann konnte man das Klingen eines Messers hören, welches gezogen wurde. Den Schrei eines Babys. Schwärze.
Sie konnte nicht mehr. Verloren im Leben der anderen, nahm sie kaum mehr die Realität um sich herum wahr. Nicht das Rauschen der Autos, die auf der Hauptstraße fuhren, nicht die Sirenen der Krankenwagen, nicht den Regen, der gegen die Fensterscheiben prasselte. Ihr war wohl nicht einmal mehr bewusst, wer sie überhaupt war. Sie war nur noch eine Hülle. Ein Platz für all die verlorenen Seelen, die von ihr zehrten.Der Ohnmacht nahe, strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und schluchzte.
Dann brach sie zusammen und die Schlinge, die sie zuvor um ihren Hals gelegt hatte, zog sich zusammen.