Fantasy & Horror
Zwischen Wölfen und Königen 1.4 - Die Prophezeihung

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"Zwischen Wölfen und Königen 1.4 - Die Prophezeihung"
Veröffentlicht am 08. März 2010, 24 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Über den Autor:

Ich bin am Niederrhein geboren, aufgewachsen und lebe heute noch dort - wenn auch nicht in der selben Stadt. Das Wichtigste in meinem Leben - auch wenn es mancher nicht glauben mag - ist meine Familie. In meinen Werken ist Zusammenhalt und Konflikte zwischen Familienmitgliedern immer wieder ein Thema. Meine engste Familie, jene mit denen ich zusammenlebe, besteht aktuell aus meiner Frau Veronika, unserem Hund Xanadu, unsere Katze Trixi, sowie ...
Zwischen Wölfen und Königen 1.4 - Die Prophezeihung

Zwischen Wölfen und Königen 1.4 - Die Prophezeihung

Beschreibung

"Etwas Dunkles kommt auf uns zu", murmelte Amerigo, der ebenso wie sein Rudelführer die Höhen beobachtete. Silvio hob eine Augenbraue und betrachtete seinen Freund kritisch. In dem stämmigen Paesen brannte das Feuer des Krieges. Er war impulsiv, direkt und aufbrausend. Solche eine ahnungsschwere Ankündigung hörte man sonst eher von Ballerino Luno oder von ihm selbst. "Ja, ein Gewitter", erwiderte Silvio, wie es normalerweise Amerigo getan hätte. Covergrafik: Moonwolf Blue © Zoa@fotolia.de

Kapitel 4

Königreich Paese
Reederei di Natichio
24. Tag des Wintarmanoth im Jahre 1144
Früher Abend des Mondtages

Der Himmel hing tief. Es sah aus, als säßen die weißgrauen Wolken auf den Weinbergen, die im Nordosten vor der Stadt aufragten. Die Luft roch nach Schnee. Früher hatte Silvio diesen Geruch nicht gekannt. Die Winter in Lepaen waren mild und verregnet. Er erinnerte sich nicht, dass die Temperatur jemals unter den Gefrierpunkt gesunken wäre. Erst in Flakkeland hatte er erfahren, was ein richtiger Winter war. Dort lag bestimmt schon seit Wochen Schnee. Der Lointain-Kanal, eine schmale Meerenge, die die Kontinente trennte, war zum Großteil zugefroren. Das es jetzt in den Höhenlagen des Königreichs Paese beinahe ebenso kalt war, empfand der Mhac Fíodóir befremdlich. Der Wind sollte um diese Jahreszeit aus Südwesten wehen, die Feuchtigkeit des Mittleren Meeres in Wolken gebunden vor sich hertragen. Stattdessen schob er diese weißgrauen Himmelsgebirge aus dem Norden herüber.
„Etwas Dunkles kommt auf uns zu“, murmelte Amerigo, der ebenso wie sein Rudelführer die Höhen beobachtete.
Silvio hob eine Augenbraue und betrachtete seinen Freund kritisch. In dem stämmigen Paesen brannte das Feuer des Krieges. Er war impulsiv, direkt und aufbrausend. Solche eine ahnungsschwere Ankündigung hörte man sonst eher von Ballerino-Luno oder von ihm selbst.
„Ja, ein Gewitter“, erwiderte Silvio, wie es normalerweise Amerigo getan hätte. Schmunzelnd zwinkerte er dem Freund zu, doch dieser sah noch nicht einmal hin. Ohne den Blick von den dunkler werdenden Wolken abzuwenden, schüttelte der Kleinere den Kopf.
„Blut liegt in der Luft. Schwerter klirren. Krieg wird kommen.“
Giraldo, der auf einer Kiste an der Wand der Lagerhalle saß, blickte von seinen Kameraden hinüber zu den Wolken und wieder zurück. Her hob die Schultern und schleifte die Klinge seines Säbels weiter. „Was du riechst, ist nicht Blut, sondern der Rotwein, den du getrunken hast.“
„Es ist Schnee“, widersprach Silvio, „kein Sturm. So roch es in Vis Banken, ehe Vater Frost das Land zudeckte.“
Amerigo rümpfte die Nase. Er hatte das Fischerdorf, aus dem Lillianna stammte, nur in den Sommermonaten besucht. Schnee hatte er noch nie in seinem Leben gesehen. Aber er wusste, wie ein aufziehender Sturm roch und auch der Gestank eines Schlachtfelds war ihm gut bekannt.
„Mir macht Sorgen, dass Gealachs Auge sich versteckt“, brummte Ballerino-Luno. Er saß zu Giraldos Füßen, die Schnauze auf die Kiste gelegt. „Wie soll der Junge ihren Segen empfangen, wenn sie sich nicht zeigt?“
Silvio lachte leise. „Zweifelst du an Leonardos Macht?“ Statt eine Antwort zu geben, schnaubte der Wolf.
Eine Weile herrschte schweigen. Silvio beobachtete die viel zu nahen Wolkenberge und lauschte den Stimmen aus dem Haus. Wegen dem Ritual war Maria mit ihrem Gatten,  Enrique Dionis Graciano y Cavall, aus Azogaraz angereist. Die Schwestern schwelgten in Erinnerungen und trösteten sich gegenseitig. Offiziell galt Sorcha O‘Connor immer noch als vermisst. Zugegeben, wenn jemand im Scáth verloren ging, war das gleichbedeutend mit dem Tod. Es blieb lediglich die Hoffnung, dass sie den Geist der Ahnin fanden und diesen sicher in das Totenreich der Mhac Finscéal führen konnten.
Mario und Enrique unterhielten sich gedämpft über die Seerouten des Mittleren Meeres und die Vorzüge des Weinanbaus in Tires. Manchmal beneidete Silvio den Bruder um solch unverfängliche, weltliche Themen. In seiner Welt ging es fortlaufend um Krieg. Sei es der Kampf zwischen den Sippen oder die immerwährende Schlacht zum Schutze Gaias. Der Mhac Fíodóir träumte von Frieden. „Gejagt von mehr als zwei Feinden wird es einmal Frieden bringen“, flüsterte Gealach in seinem Kopf. Seit diesem Kampf hörte er ihre Worte immer wieder, als wollte die Göttin sicher gehen, dass er sie niemals vergaß.
„Sie kommen“, durchbrach Ballerino-Luno mit leisem Wuffen die Flüsterstimme.
 
Ronit O‘Healey und die übrigen Mitglieder der Mhac Finscéal traten aus dem Scáth auf den Verladeplatz vor der Reederei. Es sah aus, als kämen sie direkt aus dem Nichts oder als wären sie bisher unsichtbar gewesen. Ein Blick in ihre erschöpften Gesichter verriet Silvio, dass sie keine neuen Nachrichten hatten.
Die Söhne der Legende bildeten ein perfektes Rudel, wie es nach altem Glauben hieß. Jeder der fünf Faolchú stand für eine Phase des Monds und besaß gewisse Stärken, die den anderen fehlten.
Morgentau, die einzige Wölfin des Rudels, symbolisierte den Instinkt und die Sinnesschärfe der Tiere. Sie war eine Moltóir, genau wie Silvio. Unter dem Halbmond war ihnen der Gerechtigkeitssinn angeboren.
Agnes de Kuise war unter dem Sichelmond geboren. Wie alle Draíocht besaß sie ein besonderes Talent für die Welt des Scáth und die Geister. Als Frau stand sie zusätzlich für Fortpflanzung und Findigkeit.
Wie die beiden anderen hatte Laila van de Nacht das Licht der Welt in Flakkeland erblickt, einem Land, das vom Fischfang im Meer und den zahlreichen Flüssen lebte. Als Rúnda war sie unter dem Neumond geboren. Ihre Innere Kraft lag nicht nur in einem losen Mundwerk, das derbe Scherze von sich gab. Rúnda waren Meister in der Kunst des Verbergens.
Calynn Ancomhrac und Ronit O‘Healey kamen aus Eyré und verteidigten das fruchtbare Land mit seiner langen, mystischen Vergangenheit und der Verbindung zu den Geistern. Wie alle Menschen repräsentierten sie Fortschritt und Wachstum. Calynn, die Gaiscíoch, spürte in sich das Feuer des Kampfes. Wie alle Vollmondgeborenen sah sie sich in Kriegszeiten als Rudelführerin und was die Eyrén betraf, herrschte Krieg seit Sorcha O‘Connor verschwunden war.
Ronit war nicht nur der Jüngste der Gruppe, sondern auch der einzige Mann. Damit brachte er die Stärke und den Jagdtrieb, die dem männlichen Geschlecht im Allgemeinen zugeschrieben wurden, in die Gemeinschaft. Außerdem war unter dem Dreiviertelmond geboren und somit Amhránaí. Er verwandelte die Abenteuer und Gefahren der Gruppe in klangvolle Lieder und Legenden über Mut und Weisheit.

Obwohl ihr in eurem Rudel so sehr auf das Gleichgewicht achtet, habt ihr keinen Erfolg, dachte Silvio. Ihm fehlte eine Frau und ein Draíocht, der sie auf durch die Welten des Scáth führte in seiner Gemeinschaft.
„Es gibt nicht die kleinste Spur.“ Aus Calynns Worten klang Frustration. Eine derartige Ohnmacht zermürbte die Kriegerin. Morgentau trat an ihre Seite und rieb ihren Kopf tröstend am Bein der Gefährtin. „Wir geben nicht auf.“
„Und was willst du dann machen?“, rief Giraldo von seiner Kiste herüber. „Vielleicht das gesamte Scáth durchsuchen? Alle elf Totenreiche, jede der großen Welten und die nebligen Schatten?“
„Giraldo!“, rief Silvio den Freund zurecht und sah ihn mahnend an, während er ruhig weiter sprach: „Sorcha war eine großartige Ahnin. Bereits jetzt ehren wir sie in unseren Liedern. Wir suchen sie und ich will keine Scherze hören.“ Silvio kannte den oft schwarzen Humor seines Kameraden. Im Rudel wusste jeder, dass man Giraldo nicht immer ernst nehmen durfte. Der Halbmond war jedoch nicht sicher, ob die Mhac Finscéal das ebenso sahen. Das letzte, was sie gegenwärtig brauchten, war eine Auseinandersetzung, die das Bündnis zwischen den Sippen gefährdete. Giraldo senkte den Kopf und widmete sich wieder der Klinge seines Säbels. Ein unangenehmes Schweigen breitete sich auf dem Platz aus. Der Wind drehte, trieb den salzigen Duft des Meeres in die Gruppe und hoch oben die Wolken zurück nach Norden.
„Aber wir haben doch eine Spur“, durchbrach Ronit zögernd die Stille. Unter den Blicken der Älteren nahmen die Wangen des Jungen eine verlegene Röte an.
„Wie meinst du das?“, harkte Morgentau nach.
Nach einem aufmunternden Blick der Wölfin atmete der Eyré tief durch und vergewisserte sich: „Silvio, als ihr in Vis Banken überfallen wurdet, da hast du einen Mhac Folaíon getötet nicht wahr?“ Auf das Nicken des Paesen fuhr Ronit fort: „Und danach erzählte Sorcha dir, dass sie auf eine Geisterreise gehen wollte, richtig?“
Silvio nickte noch einmal. Er ahnte, worauf der Junge hinauswollte, ließ ihn aber ausreden.
„Wenn sie dem Geist dieses Folaíons folgte, dann ist ihre Seele vielleicht immer noch in deren Totenreich.“
„Und da willst du suchen?“, fragte Amerigo skeptisch.
Ehe der Jüngste antworten konnte rief Calynn mit hoch gerecktem Kinn: „Wieso nicht? Hast du Angst?“
Silvio wiegte den Kopf, während Morgentau seine Gedanken aussprach: „Ich glaube nicht, dass es hier um Mut geht. Die Totenreiche sind unvorstellbar groß und die Folaíon sind weder unsere noch eure Freunde. Die Seelen, die dort wandeln, kämpften oft ihr ganzes Leben gegen unsere Sippen. Ich bezweifle sehr, dass sie uns wohlgesonnen wären.“
„Wir sind Neun“, warf Amerigo ein.
„Acht und ein halber“, korrigierte Laila und zwinkerte Ronit zu.
Die Wangen des Amhránaí wurden noch dunkler. Die Hände zu Fäusten geballt rief er: „Ich hatte doch gar nicht vor, mich mit allen Ahnen der Mhac Folaíon anzulegen!“
Silvio hob eine Augenbraue und betrachtete den Jungen abwartend.
„Ich dachte wir rufen den Geist dieses einen, den Silvio tötete.“
Die Erwachsenen warfen sich vielsagende Blicke zu. Agnes legte eine Hand auf die Schulter ihres Kameraden und erklärte mit sanfter Stimme: „Es ist nicht so einfach, den Geist eines verstorbenen Faolchú zu rufen, Kleiner.“
„Wieso nicht?“, verlangte Ronit zu wissen. „Meine Ahnen erscheinen mir doch auch, wenn ich sie darum bitte.“
„Deine Ahnen wollen dir helfen, junger Mhac Finscéal.“
Ronit sah seine Rudelkameradin verwirrt an, doch nicht Agnes hatte ihm geantwortet. Aus dem Nichts des Scáth erschien Leonardo in den Kreis der Anwesenden. Neben ihm trat eine sandbraune Wölfin in die reale Welt. Aus goldenen Augen sah sie Ronit an und erklärte: „Die Seele, die du suchst, ist nicht dein Freund. Ihr liegt nichts an deinem Ziel. Vielleicht will sie dir sogar schaden.“ Ihre Stimme schien viel zu sanft für einen Wolf zu sein. Ronit starrte sie mit offenem Mund an.
„Das ist Die-im-Nebel-sieht, eine angesehene Draíocht der Seuns van Sterre“, stellte Leonardo seine Begleiterin vor. „Sie ist eine alte Freundin und sie wird uns helfen.“ Lächelnd deutete der Alte auf die Mhac Finscéal. „Dies sind die Feuerraben, Verwandte und Schülerinnen von Sorcha O‘Connor.“ Dann wies er auf die Paesen. „Und dies sind die Lichtschlangen, verbunden mit Sorcha durch das neugeborene Kind.“
Bei den kritischen, ernsten, regelrecht abweisenden Blicken der Faolchú, gefror das Lächeln des Ältesten. „Was ist denn mit euch los? Ist wieder jemand gestorben oder was?“ Er hob einen Zeigefinger, zählte rasch die Anwesenden und meinte dann mit gespielter Irritation: „Ihr seid doch alle da.“
„Über so etwas sollte man keine Witze machen, Großvater.“
„Aber warum denn nicht?“ Der alte Mann schaute mit einem derart verwunderten Gesichtsausdruck in die Runde, dass Silvio für einen kurzen Augenblick glaubte, er hätte ein kleines Kind vor sich. Doch dann blitzte der Schalk in den blauen Augen auf und der Älteste erklärte mit erhobenem Zeigefinger: „Manchmal treibt der Tod die größten Scherze mit uns. Diese Lektion erteile ich euch ein allerdings anderes Mal.“ Er drehte sich demonstrativ zur Tür des Hauses, wobei er Silvio und Agnes mit gebietender Geste auseinander trieb. Hinter seinem Rücken drehte Giraldo den Zeigefinger an der Schläfe und formte stumm die Worte: „Er wird senil.“
Leonardo bemerkte davon offenbar nichts. „Heute soll es um das Leben gehen, nicht um den Tod. Treibt die Sorgen aus euren Köpfen. Wo ist mein Urenkel?“

Die Faolchú und ihre Verwandten hatten sich in dem kleinen Garten der Reederei versammelt. Hohe Hecken sperrten am Tage den geschäftigen Lärm aus. Jetzt, in der Nacht, drang das leise plätschern der Wellen herüber.
Ein Ring aus Fackeln erhellte beinahe die gesamte Grünfläche. Mitten drin stand Leonardo di Natichio. Außerhalb der Fackeln bildeten die anderen einen weiteren Kreis. Trotz der Kälte trugen die Männer nur Hosen und die Frauen lediglich Röcke aus dünnem Leinen oder Baumwolle. Unter ihren nackten Füßen kitzelte das Gras. Ihre Oberkörper waren geschmückt mit farbigen Symbolen, die ihre Abstammungen, die Mondphasen und die Elemente der Gaias darstellten. Auch auf dem Fell der drei Wölfe glänzten die Zeichen im Fackelschein.
Leonardo hob die Arme zu einer allumfassenden Geste. Obwohl seine Haut faltig und schlaff von den Armen hing, strahlte er die Energie der Jugend aus.
„Es gibt keinen schöneren Ort auf der weiten Welt, als mitten in Gaias Schoß. Hier hören und riechen wir das nahe Wasser. Wir spüren den Wind, der uns umschmeichelt, das wärmende Feuer und die Erde unter unseren Füßen. Vollkommenheit geschützt und bewacht unter dem Auge Gealachs.“ Lächelnd wies er hinauf zum Mond. Rund um den hellen Schimmer drängten die Wolken zurück nach Nordosten. Der Wind vom Meer vertrieb den Geruch des Schnees.
„Es ist die perfekte Nacht, ein Kind willkommen zu heißen.“ Der Ritualmeister winkte die jungen Eltern zu sich heran. Der Kreis der Umstehenden schloss sich sofort wieder, als Mario und Lillianna zwischen den Fackeln hindurchtraten. Lächelnd, mit vor Aufregung zitternden Fingern legte die Eyrén ihren Sohn in die Arme des Alten. Mehrere Lagen weicher Stoffe schützten es vor den niedrigen Temperaturen.
Verzückt betrachtete Leonardo das kleine Wesen in seinen Armen, den offenen, zahnlosen Mund, die klaren, blauen Augen, die seinen Blick neugierig erwiderten. „Du bist ein ganz besonderes Kind.“ Mit einem Finger zeichnete er die Stirn und den Nasenrücken des Neugeborenen nach. „Du bist nicht nur Paese, sondern auch Eyré. In dir schlummert das Blut der Mhac Fíodóir und der Mhac Finscéal. Von zwei Sippen geboren sollst du doppelt behütet sein.“
Er hob den Kopf, betrachtete die Schemen der Umstehenden durch den Fackelschein. „Wer sind die Paten des Knaben?“
„Ich“, rief Maria und trat in den Kreis. „Maria O‘Connor y Graciano, Schwester der Mutter.“
„Und ich, Silvio di Natichio, Bruder des Vaters.“ Silvio folgte seiner Schwägerin, reihte sich mit ihr neben den Eltern auf.
Leonardo sah beide mit ebenso ernstem, wie feierlichem Blick an, als er weiter sprach: „Und schwört ihr, die ihr euch Paten nennt, im Namen der göttlichen Schwestern? Schwört ihr, diesen Knaben zu schützen, ihn zu wärmen, zu nähren, zu trösten und ihm eure bedingungslose Liebe zu geben? Schwört ihr, den Platz seiner Eltern einzunehmen, sollten sie ihre Aufgaben nicht erfüllen können?“
„Ich schwöre im Namen Gaias und Gealachs“, antworteten Silvio und Maria gleichzeitig.
Der Älteste nickte zufrieden, hob den Blick dann wieder zu den Umstehenden und fragte: „Wer sind die Mentoren des Knaben?“
„Ich, Ronit O‘Healey, vertrete die Interessen der Mhac Finscéal“, erklärte der Jüngste in der Runde, während er vortrat.
Auf der anderen Seite des Kreises schoss Ballerino-Luno in die Höhe, wuchs innerhalb weniger Sekunden zum Menschen und darüber hinaus. Sein Fell schmolz erst gänzlich zu gebräunter Haut, wuchs dann wie ein feiner Flaum, der Brust und Rücken des Mannes bedeckte. Das braune Haar reichte weit über seine Schultern hinab. Die dichten Augenbrauen und das vorstehende Kinn verliehen ihm ein animalisches Aussehen. Pralle Muskelstränge zogen der Blicke der anwesenden Frauen auf sich. Mario räusperte sich leise und Silvio sah aus den Augenwinkeln, wie Lillianna ihm verschmitzt zuzwinkerte.
„Ballerino-Luno vertritt die Interessen der Mhac Fíodóir“, erklärte der Wolfgeborene mit überraschend melodischer Stimme und trat neben seinen Rudelführer. Er überragte den groß gewachsenen Silvio um mehr als einen Kopf.
Der Ritualmeister betrachtete die beiden Faolchú kritisch, ehe er fortfuhr: „Ihr seid Amhránaí, geboren unter dem fast vollen Mond, wie er über uns steht. Schwört ihr im Namen der göttlichen Schwestern? Schwört ihr, den Knaben zu lehren, unsere Legenden an ihn weiter zu geben, seine Talente zu wecken und zu fördern? Schwört ihr, ihm den Weg zu weisen, wie er allen Amhránaí bestimmt ist?“
„Ich schwöre im Namen Gaias und Gealachs“, antworteten die Wolfsmenschen im Chor.
Leonardo nickte und streichelte den Arm, den der Knabe mühsam unter den wärmenden Stofflagen hervorgezogen hatte.
„Fast euch an den Händen. Bildet einen Kreis“. Er wartete, bis die Sechs seinen Anweisungen folgten. „In euren Händen ruht die Verantwortung für ein Leben. So viele Hände, verschiedene Völker, unterschiedliche Wege mit anderen Gedanken. Welcher wird der wahre sein?“ Den Jungen im Arm wiegend drehte sich der Alte langsam um sich selbst, fixierte die Eltern, Paten und Mentoren aufmerksam.
„Es gibt ihn nicht. Jeder von euch kann nur sein Bestes geben. Es kann nicht immer das Richtige in euer aller Augen sein. Wie kann ein Wolf verstehen, dass ein Kind reiten lernen muss? Wie kann eine Mutter akzeptieren, dass ihr Sohn ein Schwert führen soll? Kann ein Eyré erkennen, wie wichtig sie Seefahrt für den Nachkommen eines Reeders ist? Versteht ein Gaolta das Erbe der Faolchú?“ Leonardo schüttelte den Kopf. „Ihr könnt nicht alles bedenken. Es ist gut, dass ihr verschieden seid, denn nur so, könnt ihr eurem Schützling eure wertvollsten Erfahrungen mitgeben, ihm dadurch eine Fülle an Wissen vermitteln. Daran denkt immer, wenn ihr euch nicht einig seid. Nicht der Weg steht im Mittelpunkt, sondern das Kind, das ihr zu schützen und zu lehren geschworen habt.“
Leonardo ließ seine Worte einen Moment wirken, ehe er lächelnd weiter sprach: „Genug der Mahnungen. Lasst mich euch etwas über unser Kind erzählen.“ Er senkte den Blick in die blauen Augen des Babys auf seinem Arm und atmete tief durch. Die Umstehenden hinter den Fackeln begannen mit einem monotonen Singsang, der sich über die plätschernden Wellen und den rauschenden Wind erhob. Versunken in den Fenstern zur Seele klang Leonardos Stimme zugleich ruhiger und kräftiger.
„Du bist unter dem Dreiviertelmond geboren. In dir schlummert ein Künstler. Findest du die Musik oder die Malerei? Vielleicht wirst du ein Meister der Darstellung?“
„Ein Kind wird geboren...“
„Ganz gewiss folgst du deinem eigenen Kopf.“
„...von mehr als zwei Stämmen.“
„Wer sollte dich auch in Schranken weisen, wo du den Starrsinn deines Vaters und die Eigensinnigkeit deiner Mutter in dir trägst? Du wirst ein Abenteurer, du suchst den Nervenkitzel.“
„Gesucht von mehr als zwei Seiten...“
„Und die Gefahr wird dich finden.“
„... lebt es in mehr als einer Welt.“
Silvio blinzelte und schüttelte den Kopf.
„Dich zieht es hinaus in die Welt, fern von der Heimat wirst du dir einen Namen machen.“
Aus dem Singsang hinter den Fackeln flüsterte Gealach zu ihm, durchbrach immer wieder die Worte des Ritualmeisters.
„Gelehrt von mehr als einem Wesen...“
„Kummer wird dir folgen und dich wachsen lassen.“
„... wird es geplagt von mehr als zwei Stimmen.“
„Stark wirst du werden, unter Gealachs Auge dein Schwert schwingen.“
„Gejagt von mehr als zwei Feinden...“
„Eine weise Hand wird dich schützen, Liebe wird sich an dich schmiegen.“
„... wird es einmal Frieden bringen.“
„Unser Erbe trägst du in deinem Samen.“
„Geboren von mehr als zwei Stämmen.“ Silvios Augen blieben an Mario und Lillianna hängen.
„Geboren von mehr als zwei Stämmen“, übertönte die Göttin Leonardos weitere Worte. Er ist es nicht, dachte Silvio und wusste im selben Moment, dass er Recht hatte. „Geboren von mehr als zwei Stämmen. Das Erbe in seinem Samen.“
Vielstimmiges Heulen durchbrach das Flüstern. Silvio riss die Augen auf. Vor ihm stand Leonardo, hielt den Knaben in die Höhe, in das Licht des fast vollen Mondes. Außerhalb des Fackelkreises standen die Faolchú riesig in der Gestalt des Cogadh. Enrique, der einzige Mensch, wirkte winzig gegen die Monster. Gealachs Streiter hatten die Köpfe zurückgeworfen. Heulend erbaten sie den Segen der Göttin für das Kind in ihrer Mitte.

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Über den Autor

Sunnypluesch
Ich bin am Niederrhein geboren, aufgewachsen und lebe heute noch dort - wenn auch nicht in der selben Stadt. Das Wichtigste in meinem Leben - auch wenn es mancher nicht glauben mag - ist meine Familie. In meinen Werken ist Zusammenhalt und Konflikte zwischen Familienmitgliedern immer wieder ein Thema. Meine engste Familie, jene mit denen ich zusammenlebe, besteht aktuell aus meiner Frau Veronika, unserem Hund Xanadu, unsere Katze Trixi, sowie einem Aquarium voller Fische. Für Letzteres ist allerdings meine Frau verantwortlich.

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Windflieger Re: Re: Re: Re: Gut geworden -
Zitat: (Original von Sunnypluesch am 26.03.2010 - 13:00 Uhr)
Zitat: (Original von Windflieger am 26.03.2010 - 10:07 Uhr)
Zitat: (Original von Sunnypluesch am 26.03.2010 - 09:41 Uhr)
Zitat: (Original von Windflieger am 22.03.2010 - 08:37 Uhr) Deine Fortsetzung, sorry das ich so lange gebraucht habe.
LG Ivonne


Danke! Aber du brauchst dich doch nicht entschuldigen. Ich freu mich über jeden Leser, so wie er Zeit hat. :-)

Das finde ich gut, ich kam einfach vorher nicht dazu, aber ich mag die Geschichte richtig gerne.
LG Ivonne


Ich beeil mich auch mit dem nächsten Kapitel. ;-)

Freu :-))
Vor langer Zeit - Antworten
Sunnypluesch Re: Re: Re: Gut geworden -
Zitat: (Original von Windflieger am 26.03.2010 - 10:07 Uhr)
Zitat: (Original von Sunnypluesch am 26.03.2010 - 09:41 Uhr)
Zitat: (Original von Windflieger am 22.03.2010 - 08:37 Uhr) Deine Fortsetzung, sorry das ich so lange gebraucht habe.
LG Ivonne


Danke! Aber du brauchst dich doch nicht entschuldigen. Ich freu mich über jeden Leser, so wie er Zeit hat. :-)

Das finde ich gut, ich kam einfach vorher nicht dazu, aber ich mag die Geschichte richtig gerne.
LG Ivonne


Ich beeil mich auch mit dem nächsten Kapitel. ;-)
Vor langer Zeit - Antworten
Windflieger Re: Re: Gut geworden -
Zitat: (Original von Sunnypluesch am 26.03.2010 - 09:41 Uhr)
Zitat: (Original von Windflieger am 22.03.2010 - 08:37 Uhr) Deine Fortsetzung, sorry das ich so lange gebraucht habe.
LG Ivonne


Danke! Aber du brauchst dich doch nicht entschuldigen. Ich freu mich über jeden Leser, so wie er Zeit hat. :-)

Das finde ich gut, ich kam einfach vorher nicht dazu, aber ich mag die Geschichte richtig gerne.
LG Ivonne
Vor langer Zeit - Antworten
Sunnypluesch Re: Gut geworden -
Zitat: (Original von Windflieger am 22.03.2010 - 08:37 Uhr) Deine Fortsetzung, sorry das ich so lange gebraucht habe.
LG Ivonne


Danke! Aber du brauchst dich doch nicht entschuldigen. Ich freu mich über jeden Leser, so wie er Zeit hat. :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Windflieger Gut geworden - Deine Fortsetzung, sorry das ich so lange gebraucht habe.
LG Ivonne
Vor langer Zeit - Antworten
Sunnypluesch Re: Auch -
Zitat: (Original von Luzifer am 19.03.2010 - 13:18 Uhr) der nächste kleine Abschnitt ist gut gelungen. Obwohl ich mir doch etwas mehr dazu gewünscht hätte, warum sie so sehr darauf achteten, dass ein Gleichgewicht herrscht.

LG
Luzifer


Wird es nicht langweilig, wenn alle Rätsel am Anfang gelöst werden? ;-)
Nu ist es ganz fertig, gibt eine Antwort und viele neue Fragen.
Vor langer Zeit - Antworten
Luzifer Auch - der nächste kleine Abschnitt ist gut gelungen. Obwohl ich mir doch etwas mehr dazu gewünscht hätte, warum sie so sehr darauf achteten, dass ein Gleichgewicht herrscht.

LG
Luzifer
Vor langer Zeit - Antworten
Sunnypluesch Re: Ich -
Zitat: (Original von Luzifer am 09.03.2010 - 19:33 Uhr) gehe mal davon aus, dass der nächste Teilabschnitt auch wieder hier reinkommt? ^^
Jedenfalls ist es bisher bekannt gut =)

LG
Luzifer


Hi Luzifer,
du darfst davon ausgehen. Allerdings bin ich mit meiner heutigen Leistung noch nicht zu frieden. Mal schauen, ob ich gleich noch wach genug bin, das zu überarbeiten.

Schon mal Danke fürs Lesen
Sunny
Vor langer Zeit - Antworten
Sunnypluesch Re: Muß gleich weiterlesen -
Zitat: (Original von Windflieger am 09.03.2010 - 10:53 Uhr) mir gefällt es sehr.
LG Ivonne


Danke. :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Luzifer Ich - gehe mal davon aus, dass der nächste Teilabschnitt auch wieder hier reinkommt? ^^
Jedenfalls ist es bisher bekannt gut =)

LG
Luzifer
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