Hals über Kopf verlieben sich die 30jährige Lili und der charismatischen Pferdetrainer Sam ineinander. Mit sich und den Pferden erleben sie einen Sommer voller Liebe und unbeschwertem Glück. Sie sind überzeugt, im anderen den Seelengefährten gefunden zu haben und schwören sich Treue bis in alle Ewigkeit. Das Leben ist perfekt- bis sie ein Anruf aus Sams Vergangenheit erreicht und plötzlich nichts mehr so ist, wie es war.
Lili erinnerte sich noch genau an jenen Tag, an dem sie das erste Mal auf die Oak Tree Ranch kamen, sie und Susanne. Es war ein schwüler Sommerabend, eigentlich viel zu heiß, um etwas anderes zu machen als faul am Waldsee zu liegen und ab und zu ins Wasser zu springen. Es war Hochsommer, das Barometer zeigte über 30 Grad und auch die Nächte kühlten nicht wirklich ab. Die Leute, die sonst darüber gejammert hatten, dass es in diesen Breiten nie wirklich schöne, warme Sommer gab, jammerten jetzt über diese mörderische Hitze, die man in eben diesen Breiten nicht gewöhnt war. Die kleine Stadt, in der Lili und Susanne lebten, war tagsüber ziemlich ausgestorben, niemand, der nicht musste, verließ freiwillig den Schatten oder den Waldsee. Erst nach Sonnenuntergang drängten die Leute ins Freie und in die Innenstadt und bevölkerten die Eiscafes der kleinen Kreisstadt Burghausen.
Lili hatte die Fahrt über geschwiegen, sie war viel zu träge, um zu reden, während ihr der Fahrtwind, der durch die heruntergekurbelten Autoscheiben drang, die Haare zerzauste. Währenddessen plauderte Susanne in einer Tour. Sie schwärmte von der Ranch und von Sam, seinem Besitzer. Von dem, was sie alles über ihn gehört hatte und welche Wunder sie sich von ihm erhoffte. Lili ließ sich nicht besonders davon beeindrucken, außerdem hörte sie Susannes Schwärmereien zum x-ten Mal. Sie ließ Susanne reden, und die erwartete auch keine Antwort von ihr. Lilis Meinung nach war dieser Sam Soundso ein seltsamer Cowboy, dem offenbar entgangen war, dass er hier nicht in Texas lebte. Es kam ihr allein anmaßend vor, einen alten Bauernhof in Oberschwaben Oak Tree Ranch zu nennen. Sie stellte sich Sam als eine Art John Wayne vor, mit Stetson, Chaps mit Fransen und Cowboystiefeln mit langen Sporen. Ein bisschen so wie die Cowboys in der Marlboro-Werbung. Susanne hatte sie einmal mitgeschleppt auf ein Western-Reitturnier und verblüfft hatte Lili festgestellt, wie sehr es sich von den englischen Turnieren unterschied, bei denen sie in ihrer Jugend oft gestartet war und wo die Wettbewerbe für jedermann verständlich in „Dressur“ und „Springen“ unterteilt wurden. Hier redete man von Reining, Cutting, Trail und Barrel Race, amerikanische Begriffe, die kein Nicht-Insider, auch wenn er seit 20 Jahren passionierter Reiter war, jemals verstehen würde. Verwundert und ein bisschen spöttisch hatte sie über die vielen „Möchte-Gern-Cowboys“ gelächelt, die überall herumstolzierten und einen Hauch Wildwestromantik vermittelten. Fehlten gerade noch die Colts und die Lassos. Und ungläubig hatte sie sich erklären lassen, dass das „Cutting“ eine Disziplin war, in dem Rinder voneinander separiert werden mussten. Allen Ernstes. Die armen Kühe. Sie hatte das zwar nicht live gesehen, aber es war bestimmt genau so wie in der Marlboro Werbung.
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Susanne setzte den Blinker und schaltete in den zweiten Gang, als sie die Einfahrt zur Oak Tree Ranch nahm, an der großen Holztafel vorbei, auf der in Westernstyle-Schrift „Welcome“ stand und darunter der Name. Sie überquerten eine Brücke über einen größeren Bach, dessen naturbelassenes Ufer auf beiden Seiten dicht mit Büschen und Bäumen bewachsen war; ein idealer grüner Sichtschutzwall. Auf diese Weise war der Hof von der Strasse her überhaupt nicht sichtbar. Außerdem waren diese Bäume wunderbare Schattenspender, denn natürlich war der Hof von Pferdekoppeln umgeben, die bis an den Bach reichten. Der Weg war jetzt nur mehr vage gekiest und sie fuhren an stabilen, ausbruchsicheren Holzzäunen vorbei, bis Susanne das Auto vor dem Hofgebäude in eine Lücke zwischen zwei Pferdehänger bugsierte. Lili war enttäuscht. Die Oak Tree Ranch hatte nichts Großartiges an sich, wie der imposante Name und das Welcome-Schild vermuten ließen, im Gegenteil. Zu ihrer Linken befand sich das Wohnhaus, schmucklos und baufällig, der dunkelgraue, durch Alter und Schmutz nachgedunkelte Putz bröckelte schon von der Wand und die blinden Fenster mit mehr grauen als weißen Vorhängen dahinter vermittelten einen düsteren und abweisenden Eindruck. Nach hinten angrenzend, von einem maroden Lattenzaun umgeben, war ein verwilderter Hausgarten, der allem Anschein nach wenigstens die letzten fünf Jahre nicht betreten worden war und den hohe Brenneselstauden säumten. Rechts war ein großes Stallgebäude und daneben noch ein kleineres Wirtschaftsgebäude, deren Zustand auch nicht viel besser waren. Immerhin wuchsen auf dem unbefestigten Hofplatz dazwischen, der im Winterhalbjahr vermutlich ein einziges Matschmeer war, zwei ältere Eichen, die wenigstens den Namen „Oak Tree“ rechtfertigten. Aber alles in allem ein trostloser Anblick.
Ein Hund schlug an, ansonsten war kein Lebenszeichen auszumachen. Ein Pferd war auch nirgends in Sicht. Kein Lüftchen regte sich und die hochsommerliche Schwüle hing tief über dem Land. Susanne und Lili stiegen aus und wurden von einem Golden Retriever empfangen, der das einzige lebendige Wesen hier zu sein schien. Er bellte ein paar Mal pflichtbewusst, wedelte aber gleichzeitig freundlich mit der Rute und beschnüffelte sie interessiert. Susanne fuhr ihm über den Kopf und meinte beruhigend zu Lili: „Der tut nichts.“ Nicht, das Lili Angst gehabt hätte vor Hunden. Eher Susanne war diejenige, die stets einen weiten Bogen um jeden Hund machte und die sich mit diesen Worten vermutlich selber beruhigte. Sie ließen das Auto unverschlossen und die Autoscheiben heruntergekurbelt, es war unwahrscheinlich, dass sich hier auf dem abgelegenen Reiterhof jemand an einem alten Golf mit einem angerosteten Kotflügel vergriff. Lili folgte Susanne schweigend über den Hof, der Retriever klebte ihnen laut hechelnd an den Fersen. Sie bogen um das alte Stallgebäude und überrascht blickte Lili auf eine völlig andere Szenerie. Sie standen vor modernen, gepflegten, geräumigen Paddockboxen, wo Sam’s Berittpferde untergebracht waren. Calypso, Susanne’s Pferd, war gleich der Erste in der Reihe, er stand dösend im Schatten des Stalles, den Kopf gesenkt, ein Hinterbein angewinkelt.
„Calypso!“ rief Susanne lockend und schnalzte mit der Zunge, während sie durch die Holzlatten des Zaunes kletterte. „Komm her, mein Schöner.“ Calypso hob nur den Kopf ein wenig, als sei ihm das Anstrengung genug. Er war viereinhalb, ein Haflinger mit einem hübschen feinen Gesicht und großen intelligenten Augen, fuchsfarben mit dem rassetypischen weißen Langhaar. Ein bildschönes Pferd, nicht so kräftig und grobknochig wie viele Haflinger, sondern ein feingliedriger, schicker Typ. Susanne besaß ihn seit einem Jahr. Sie hatte ihn leicht angeritten gekauft und hatte geglaubt, ihn alleine ausbilden zu können. Es war ja nur ein kleiner Haflinger, kein hoch im Blut stehendes Sportpferd. Und sie wollte ja nur ein gemütliches Geländepferd haben.
Vor zwei Wochen dann war das Fass übergelaufen. Aus Calypso war in dem vergangen Jahr alles andere geworden als ein gemütliches Geländepferd, er war eine tickende Zeitbombe, mit dem jeder Ausritt zu einem Abenteuer und letzten Endes auch zu einer Gefahr wurde. Er scheute wegen jedem Grashalm im Wind und buckelte richtig fies, wenn es nicht nach seinem Willen ging, tanzte seinen Reitern schlicht und einfach auf der Nase herum. Susannes Reitbeteiligung, die eigentlich als recht sattelfest galt, musste mit dem Hubschrauber ins nächste Krankenhaus geflogen werden. Vorausgegangen war eine stundenlange Suchaktion nach der Reiterin, da Calypso von einem Ausritt alleine zum Stall zurückgekommen war. Susanne war einem Nervenzusammenbruch nahe gewesen, als sie davon erfahren hatte. Aber endlich hatte sie eingesehen, dass etwas geschehen musste. Dass sie in Calypsos Ausbildung versagt hatte. Über Stallkameraden hatte sie von Sam erfahren, einem Pferdetrainer, der seinen Hof in der Nähe hatte, und hatte Nägel mit Köpfen gemacht. Sam war das, was manche Leute, die es nicht besser wussten, ein wenig spöttisch einen „Pferdeflüsterer“ nannten, er selbst bezeichnete sich als Horseman, als jemanden, der „Natural Horsemanship“ lehrte und lebte, den artgerechten Umgang mit Pferden unter Berücksichtigung ihrer körpersprachlichen Verständigung. Jetzt stand Calypso bei ihm in Beritt.
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Susanne schmuste mit ihrem Pferd, das aussah, als könnte es kein Wässerchen trüben und murmelte zärtliche Worte. Solange man nicht im Sattel saß, war Calypso das brävste Pferd auf Gottes Erdboden. Lili lehnte träge am stabilen Holzzaun, den Fuß auf die untere Balkenreihe gestellt, die Arme auf der obersten verschränkt, das Kinn draufgelegt. Es war gnadenlos schwül und sie hatte vergessen, ein Haarband mitzunehmen, damit sie ihre langen, blonden Haare zusammenbinden konnte. In diesem Sommer beneidete sie jeden, der einen kurzrasierten Stoppelhaarschnitt hatte. Der Retriever tat ihr auch leid in seinem dicken Pelz. Er hatte sich in der Nähe einen Schattenplatz gesucht, von wo aus er sie im Auge behalten konnte und hechelte laut vor sich hin.
„Es sieht alles so verlassen aus,“ bemerkte Lili endlich. „Bist du sicher, dass ihr „halb Acht“ ausgemacht habt?“
„Ja, klar. Aber es wundert mich auch, Sam ist sonst immer hier.“
Es wurde dreiviertel Acht, dann Acht. Endlich hob der Hund den Kopf und fing an zu bellen. Er stand auf und verschwand, um nach dem Rechten zu sehen. Aber es war nicht Sam. Es waren zwei Mädchen, die ihre Pferd auf der Oak Tree Ranch untergestellt hatten und jetzt zu einem abendlichen Ausritt gekommen waren. Sie nickten Lili und Susanne nur kurz zu, schnappten sich Halfter und Stricke und gingen ihre Pferde von der Koppel holen. Dann endlich das Geräusch eines herannahenden Autos. Türenschlagen. Hundegebell, das diesmal anders klang, erfreuter. Eilige Schritte.
Sam war da.
„Hi,“ meinte Susanne lächelnd. Sie stand plötzlich sehr aufrecht und ihre Augen begannen zu leuchten. Lili nahm es belustigt zur Kenntnis. Aha, dachte sie. Daher weht der Wind. Sie hatte sich schon gewundert, warum sich Susanne neuerdings die Augen mit Kajal umrundete und Lippgloss auftrug, bevor sie in den Stall fuhr. Neugierig wandte sie sich um, um Susanne’s tollen Cowboy, den geheimnisvollen Pferdeflüsterer, in Augenschein zu nehmen.
Im ersten Moment war sie- wie auch von der Ranch selbst- enttäuscht. Der Mann mit dem netten Namen Sam, englisch ausgesprochen, war ein Durchschnittstyp. Nicht besonders groß, kaum größer als sie- und sie hatte es auf knappe 1,60 gebracht- eher schmächtiger Körperbau, wenn auch sehnig und drahtig. Hatte kein Gramm Fett zuviel am Leib. Tief gebräunte Haut von ständiger körperlicher Arbeit im Freien, 3-Tage-Bart, dunkelblonder Stoppelhaarschnitt. Blaue Augen. Seine Augen waren das Bemerkenswerteste an ihm. Kleine, lebhafte, wache Augen, die auf einen scharfen Verstand hindeuteten und denen nichts zu entgehen schien. Er trug übrigens keinen Stetson, auch keine Cowboystiefel mit klirrenden Sporen. Lili verdammte diese Vorstellung rasch ins Reich der Phantasie. Registrierte stattdessen verwaschene Wrangler-Jeans, ausgetretene Turnschuhe und ein einfaches weißes T-Shirt. Ein weiß gewesenes T-Shirt, denn jetzt war es fleckig und schmuddelig, mit Schwitzflecken unter den Armen und auf dem Rücken. Es schien ihn nicht zu stören. Und sein Alter? Irgendwo zwischen Anfang und Mitte 30, schätzte Lili.
„Sorry Susanne,“ meinte Sam im Herlaufen, während er zerknirscht lächelte und entwaffnend die Hände hob. Lili streifte er nur mit einem kurzen Blick und nahm sie dann nicht weiter zur Kenntnis. „Wir haben den ganzen Nachmittag Stroh abgeladen. Auf dem Wiesenhof drüben. Hat länger gedauert, als ich dachte. Aber sie haben Gewitter angesagt, wir mussten das Zeug reinbringen und da ist man für jede helfende Hand dankbar.“
„Ist schon okay,“ meinte Susanne gönnerhaft. Dabei wusste Lili ganz genau, wie sehr die Freundin Unpünktlichkeit hasste. Aber die Wirkung von Sams wohlklingender Stimme gepaart mit einem offenbar ehrlich gemeinten zerknirschten Blick war selbst für Lili so verwirrend, dass sie ihm alles verziehen hätte. Als seine Augen die ihren trafen und für einen kurzen Moment festhielten, fühlte sie prompt ein lange nicht mehr gespürtes Kribbeln in der Magengegend. Und hatte verdammt weiche Knie. So etwas war ihr ewig nicht passiert. Eigentlich überhaupt noch nie! Dass sie sich im ersten Moment der Begegnung in einen Mann- ja was eigentlich- verliebte? Dass dieser fremde Mann auf sie eine Art magische Anziehungskraft ausübte, der sie sich einfach nicht wiedersetzen konnte?
„Wartet ihr schon lange?“ Seine Stimme war wunderbar- sanft, weich und mit einem gewissen Timbre, bei dem einem das Wort erotisch einfiel. Er sprach nicht laut, eher ruhig und gedämpft, aber seine Stimme hatte eine unglaubliche Wirkung auf den Zuhörer und man musste ihm unwillkürlich gebannt zuhören. Er hatte die ideale Stimme, um nervöse Pferde zu beruhigen, ging es Lili durch den Kopf.
„Seit halb Acht. Aber es ist egal.“
„Okay. Dann fangen wir besser mit der Arbeit an. Let’s go.“ Er verschwand, um Calypsos Ausrüstung zu holen. Susanne und Lili verfolgten ihn beide mit ihren Blicken. Bevor er die Sattelkammer betrat, nahm er einen tiefen Schluck aus einer Flasche Mineralwasser, die vor dem Stall auf einem Fensterbrett in der Sonne stand. Wahrscheinlich war das Wasser brühwarm. „Wenn ihr auch Durst habt, bedient euch nur,“ meinte Sam, ohne sich umzudrehen.
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Während Lili Sam zusah, begriff sie, warum man ihn als Pferdeflüsterer bezeichnete. Natürlich war die Bezeichnung als solche lächerlich, denn er flüsterte nicht wirklich mit den Tieren, tatsächlich redete er kaum ein Wort, während er arbeitete. Aber seine Erscheinung, sein Auftreten, seine Stimme schien die Tiere in seinen Bann zu ziehen. Es konnte ja nicht anders sein, wenn er es sogar bei Menschen so mühelos schaffte, dachte Lili. Sie konnte ihn keine Sekunde lang aus den Augen lassen und wunderte sich gleichzeitig darüber, was an Sam, diesem auf den ersten Blick so durchschnittlichen Mann, so besonderes war. Sie war so fasziniert von ihm, dass sie längst vergessen hatte, vor einer halben Stunde noch der Meinung gewesen zu sein, dass es viel zu heiß war, um etwas anderes zu tun, als faul am Waldsee zu liegen. Sam hatte ein gewisses Etwas an sich, er hatte Charisma, Ausstrahlung, Autorität, Persönlichkeit, oder wie immer man dieses Etwas nennen sollte. Es umgab ihn eine Art mystische Aura. Jedenfalls war er zweifellos etwas Besonderes.
Auch Susanne war still geworden, was eher ungewöhnlich für sie war, und sah Sam nur zu. Sie saßen beide auf einer verwitterten Bierbank außerhalb der Reitbahn. Sam hatte sie gebeten, ruhig zu sein und ihn nicht bei der Arbeit zu stören. Überflüssigerweise.
Er selber hatte sich in die hintere Hälfte des Reitplatzes begeben, die im Schatten hoher Bäume lag und arbeitete mit Calypso am Boden. Der Haflinger trug am Kopf nur ein Knotenhalfter, an dem ein langes weiches Arbeitsseil befestigt war. Lili war verblüfft und fasziniert, was Sam mit Calypso tat. Es war kein herkömmliches Longieren, wie sie es kannte, indem man das Pferd- meistens noch ausgebunden- im Schritt, Trab und Galopp im Kreis um einen herumschickte. Sam benutzte auch keine Peitsche bei seiner Arbeit. Er hatte zwar eine mitgenommen, aber die lag unbenutzt irgendwo im Sand. Er gab Calypso fast keine hörbaren Kommandos, konzentrierte sich ganz auf den Ausdruck seines eigenen Körpers und dirigierte das Pferd damit. Lili hatte nicht gewusst, dass so etwas funktionierte. Calypso war aufmerksam und reagierte prompt und korrekt auf die Körpersprache des Menschen, der da in der Mitte stand. Er ging Schritt, Trab, Galopp, sogar rückwärts und seitwärts und wechselte im Trab durch den Zirkel. Lili wusste, wie es aussah, wenn Susanne mit Calypso arbeitete und deshalb war sie doppelt beeindruckt. Sie erinnerte sich an Calypso an der Longe als kopfschüttelndes, wütend auskeilendes, buckelndes Etwas, das einem Rodeopferd alle Ehre machte und das es früher oder später regelmäßig schaffte, Susanne die Longe aus der Hand zu reißen und davon zu stürmen. Susanne hatte Calypso ein extra scharfes Gebiss eingeschnallt, weil sie ihn sonst noch weniger halten konnte. Und Sam- er hatte dem Haflinger nur ein feines Knotenhalfter angezogen, sonst nichts: kein Gebiss, keine Hilfszügel. Und Calypso dachte nicht einmal ans Abhauen, sondern arbeitete willig und eifrig mit und schien seinen Narren an dem fremden Mann gefressen zu haben. Er lief flüssig und harmonisch, ging vorwärts-abwärts und dehnte sich und alles- für Lilis Augen- ohne erkennbare Hilfen von Sam, so dass es aussah, als würden die beiden miteinander spielen. Oder tanzen. Die lange Longierleine schien überflüssig zu sein- sie war kein einziges Mal richtig gespannt. Wenn Lili nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, was Sam mit Calypso tat, hätte sie es nicht geglaubt, dass so etwas möglich wäre. Es grenzte an Zauberei. Sam war ein Schamane.
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Auf der Heimfahrt löcherte sie Susanne über Sam und seine Ausbildungsmethoden, sie wollte einfach alles wissen und Susanne erklärte es ihr, so gut sie es konnte.
„Wie schafft er es, ein Pferd so auszubilden, dass es seine Körpersprache versteht?“
„Das ist Natural Horsemanship: Sam sagt, jedes Pferd versteht Körpersprache, es ist ihnen angeboren. Die Pferde in der Herde verständigen sich untereinander in erster Linie durch Körpersprache, wiehern tun Pferde z. B. nur über weitere Distanzen, wenn sie einander nicht sehen können. Also ist es so, dass ich, der Mensch, lernen muss, mich so zu bewegen, dass mein Pferd mich versteht. Also ich bin der Schüler. Auf Körpersprache zu reagieren ist für das Pferd normal und logisch. Und Natural Horsemanship baut darauf auf. Ich lerne die Sprache der Pferde.“
„Aha.“
„Das zweite ist halt, dass das Pferd sich mir auch unterordnen will. Das heißt, ich muss Führungsqualitäten entwickeln wie das Leitpferd in der Pferdeherde. Damit ich akzeptiert werde.“
„Hört sich alles gar nicht so abwegig an. Und trotzdem- warum reite ich seit 20 Jahren und habe noch nie von dieser Methode gehört?“
„Ich weiß nicht- ich glaube, das alles ist auch von den USA rübergekommen in den letzten Jahren,“ meinte Susanne vage. „Mir ging es ja genauso- wenn ich nicht diese Probleme mit Calypso gehabt hätte und nicht nach einem Ausbilder gesucht hätte- “
Sie schwiegen einen Moment und Lili dachte über das Gehörte nach.
„Aber was bringt es denn dann, wenn Sam mit Calypso arbeitet? Wenn ich das recht kapiert habe, musst Du doch lernen, Calypsos Körpersprache zu lernen, oder er muss lernen, auf dich zu hören- wie auch immer. Sam kann es ja offensichtlich, also warum arbeitet er mit Calypso?“
„Ja, natürlich. Aber Sam hatte am Anfang auch ein paar Kämpfe mit Calypso, bis der sich ihm unterordnen wollte. Calypso musste ja überhaupt erst mal lernen, dass er einen Menschen als Ranghöheren akzeptiert. Er ist ein sehr dominantes Pferd. Jedenfalls hat Sam gesagt, die erste Zeit arbeitet er alleine mit Calypso, und dann in der zweiten Hälfte der Ausbildung arbeite ich mit Calypso und er ist als Lehrer dabei.“
„Und wenn er mit ihm arbeitet, schaust du dann immer zu?“
„Ab und zu, wenn ich es zeitlich einrichten kann. Sam sagt, grundsätzlich befürwortet er es, wenn der Besitzer dabei ist. Er will, dass der Besitzer weiß, was er mit dem Pferd macht. Und dass man beim Zusehen eine Menge lernt.“
„Klingt vernünftig.“
„Ja, finde ich auch. Es gibt wohl manche Trainer, bei denen man nicht weiß, was die so hinter dem Rücken des Besitzers für seltsame Ausbildungsmethoden einsetzen. Und das will Sam nicht- alles was er macht, ist korrekt und auch für kritische Augen bestimmt.“
„Er scheint ganz okay zu sein, der Sam, oder?“
„Ja,“ Susanne machte sich nicht die Mühe, rot zu werden, obwohl Lili inzwischen ganz genau wusste, wo der Hase lief. „Sam ist ein wunderbarer Horseman. Du hast es selber gesehen. Es wird Jahrzehnte dauern, bis ich je so weit bin- wenn überhaupt. Die Ausbildung bei ihm ist nicht einmal teuer. Er ist noch ziemlich unbekannt in der Szene. Aber das ist umso besser, finde ich. So konnte er Calypso sofort übernehmen ohne lange Wartezeit und wenn er nicht so viele Berittpferde hat, kann er sich auch mehr Zeit für das einzelne nehmen.“
„Und wie lange wird diese Ausbildung dauern?“
„Das kommt ganz darauf an. Natürlich auf mich und das Pferd, wie schnell wir lernen. Aber auch, wie viel ich lernen will, was ich für Erwartungen habe. Was meine Ziele sind. Die Arbeit mit dem Pferd am Boden ist nur der erste Schritt, dann geht’s in den Sattel. Gut, während der Grundausbildung bleibt Calypso hier auf der Oak Tree Ranch, aber danach, hat Sam gesagt, können wir uns weiterhin z. B. einmal die Woche treffen, ganz wie ich möchte. Er will seine Schützlinge auch weiterhin begleiten und betreuen. Entweder ich fahre dann hierher, oder Sam kommt auf meinen Hof. Er sagt, oft ist es so, dass im Ausbildungsstall alles wunderbar läuft, aber daheim, in der alten Umgebung, schleichen sich alte Fehler wieder ein. Und das habe ich auch wirklich vor- uns weiterhin von Sam ausbilden zu lassen.“
Susanne redete noch die ganze Fahrt über. Ihre Sätze fingen ständig an mit „Sam sagt,“ und „Sam meint“, aber Lili war zu taktvoll, um sie darauf aufmerksam zu machen. Sie fragte sich, ob es arg auffällig wäre, bald mal wieder mit Lili auf die Oak Tree Ranch mitzufahren. Sie wollte nicht mit Susanne in Konkurrenzkampf wegen eines Mannes treten, dafür war ihr die Freundschaft mit Susanne zu wichtig. Aber sie wusste nicht, wie Sam überhaupt zu Susanne stand. Nach dem, was sie gesehen hatte, bezweifelte sie, dass Susanne für ihn mehr als eine nette Schülerin war. Und sie selber war kaum von ihm wahrgenommen worden, meldete sich eine innere Stimme. Wie auch immer, eines wusste Lili sicher: sie musste Sam unbedingt wiedersehen.
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Der Zufall kam ihr ein paar Tage später zu Hilfe- Tage, die genauso heiß und drückend waren wie die letzte Woche. Tage, die recht ereignislos verlaufen waren, wenn man davon absah, dass ihr Sam nicht mehr aus dem Kopf ging und sie ständig an ihn denken musste. Sie hatte in ihrem Bürojob noch einen Haufen Schreibkram zu erledigen, da es die letzten Tage vor ihrem Sommerurlaub waren und ihre Ablage voll war von Dingen, die sie vor Ewigkeiten hätte erledigen sollen und immer wieder aufgeschoben hatte. Sie ärgerte sich deswegen über sich selber und blieb jeden Tag endlos lange im Büro, um dann mit gutem Gewissen in die Ferien gehen zu können. Endlich wurde es Freitag Nachmittag und sie machte Feierabend. Drei Wochen Urlaub lagen vor ihr.
Lili zog sich um und fuhr zum Waldsee, wie meistens traf sie dort auf ein paar Freunde und Bekannte, zu denen sie sich gesellte. Burgstetten war eine Kleinstadt und man stolperte in den gleichen Kreisen immer über die gleichen Leute.
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„Heute war mein letzter Arbeitstag,“ erzählte Lili Sarah, eine von denen, die auch allabendlich zum Waldsee pilgerten, und die ihr Handtuch neben ihrem liegen hatte. Sarah war eine ehemalige Kollegin von ihr, und seit sie nicht mehr mit ihr zusammen arbeiten musste, verstanden sie sich richtig gut. Sarah war Single wie sie und rief öfters mal bei ihr an, wenn sie eine Begleiterin für Kino oder ein Konzert suchte. Und Sarah war immer noch die beste Anlaufstelle, wenn sie sich bei jemandem über ihren Chef oder ihre Kollegen ausheulen musste, da sie die betroffenen Personen einfach kannte.
„Du hast gekündigt?“ fuhr Sarah überrascht auf.
„Quatsch- Urlaub. Ich hab die letzten Tage noch geschuftet wie ein Esel- einen Haufen Sachen, die ich alle noch erledigen musste. Du weißt ja, wie das ist. Aber jetzt- Uuurlaub!“ Lili seufzte und räkelte sich zufrieden in der Sonne. Es war fast sieben Uhr abends und hatte immer noch 30 Grad. Und der kleine Waldsee 25 Grad.
„Ach so. Gratuliere. Und was hast du für eine Weltreise vor?“
„Tja, eigentlich- also eigentlich wollte ich doch mit Petzi zwei Wochen nach Südfrankreich fahren- zelten. Aber jetzt hat Petzis Vater einen Herzinfarkt bekommen und liegt im Krankenhaus auf der Intensivstation. Jetzt hat sie natürlich anderes Sorgen und keinen Kopf mehr für Südfrankreich, das verstehe ich ja. Und gebucht haben wir nichts, wir wollten einfach drauflos fahren.“
„Oh- das hab ich noch gar nicht mitbekommen. Ich habe sie vor zwei Tagen kurz in der Stadt gesehen, da hat sie nichts erzählt. Aber sehr gesprächig war sie nicht an dem Tag, fällt mir jetzt auf. Sie war ziemlich kurzangebunden und hatte es furchtbar eilig.“
„Ich muss sie dringend anrufen und fragen, wie es ihrem Vater geht.“
„Ja. Und sag viele liebe Grüße von mir.“
„Mach’ ich.“
„Und jetzt? Was fängst du jetzt mit deinem Urlaub an?“
Lili zuckte die Schultern.
„Keine Ahnung. Um groß was zu buchen, ist es zu spät. Höchstens so Last Minute oder so, aber in der Hochsaison- keine Ahnung, wie groß da die Chancen sind, ein tolles Angebot zu bekommen. Und alleine hab ich auch keinen Bock. Wahrscheinlich bleibe ich im Großen und Ganzen daheim. Vielleicht fahre ich ein paar Tage zu meiner Schwester in die Schweiz. Oder mal nach Stuttgart zum Bummeln und Einkaufen. Oder zu Ikea. Ich wollte schon lange mal ein neues Sofa.“
„Wenn du gehst, sag mir Bescheid, ich komme mit. Ich kann mir schon mal einen Tag unter der Woche frei nehmen.“
„Gut, abgemacht.“
„Was machst du morgen? Hast du schon was vor?“
„Nein, überhaupt nicht. Nur faulenzen und es mir gut gehen lassen. Und meinen ersten Urlaubstag genießen.“
„Fein. Sollen wir uns zum Frühstück in der Stadt treffen? Und anschließend ein bisschen bummeln gehen?“
„Einverstanden. Cafe Italiano? 10.00 Uhr? 11.00 Uhr?“
„Halb Elf!“
„Gut. Abgemacht.“
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Und so verging der halbe Samstag wie im Flug. Kurz nach Vier kam Lili heim in ihre schicke, kleine 2-Zimmer-Wohnung und warf die Ausbeute des Tages auf ihr Sofa: Sandalen, eine neue, modisch geschnittene Jeans mit Schlag, ein paar passende Oberteile dazu. Und aus dem Drogeriemarkt Haarshampoo, After-Sun-Lotion, blauen Nagellack und einen Lippenstift, der so knallig war, dass sie sich wahrscheinlich nicht getraute, ihn aufzutragen- und den sie ohne Sarahs Zutun nie im Leben gekauft hätte. Den Nagellack übrigens auch nicht. Außerdem hatte sie ein Buch gekauft- über Natural Horsemanship. Gleich nachher wollte sie lesen anfangen.
Während sie ihre neuen Schätze begutachtete, drückte sie beiläufig den Knopf des Anrufbeantworters. Ein neuer Anruf. Susanne. Sie hörte ihr nur mit einem Ohr zu, Susanne redete gewohnheitsmäßig immer so viel und so lange, bis die Zeit abgelaufen war und sie aus der Leitung flog. Aber dann fiel Sams Name und Lili horchte auf.
„...wenn ich noch jemanden kenne, der helfen könnte, soll ich den mitbringen. Und da dachte ich als erstes an dich. Du bist ja auf einem Hof großgeworden und kennst dich aus. Aber vielleicht hast du den Abend ja auch schon verplant. Wie auch immer, ich fahre so um halb sechs los, falls du rechtzeitig heimkommst, kannst du mir ja kurz Bescheid geben, ob mit dir zu rechnen ist. Wäre nett. Es gibt anschließend auch was zu Essen für die Helfer. Bis dann. Tschü-hüß.“
Lili spulte zurück, um den Anruf noch einmal von vorne zu hören und um mitzubekommen, um was es eigentlich ging. Sam suchte Helfer zum Strohabladen. Heute abend. Susanne, die körperliche Arbeit absolut verabscheute, hatte ihm offenbar fest zugesagt. Lili wählte Susannes Nummer und fast augenblicklich wurde abgenommen, im Hindergrund wildes Kindergeheul. Bei Susanne, der alleinerziehenden Mutter von drei Jungen herrschte Dauerchaos. Aber sie lebte mietfrei im elterlichen Haus, arbeitete halbtags und war finanziell zumindest so gut abgesichert, dass sie sich Calypso leisten konnte, ihre einzige Zuflucht vom alltäglichen Tohubawohu. Ihr Mann war ein paar Mal fremd gegangen und war vor zwei Jahren endgültig mit einer neuen Flamme durchgebrannt, als Susannes Kleinster gerade mal 1 ½ war.
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„Ja. Ja. Was? Ich verstehe dich nicht! Moment-“ Es folgten ein paar Schimpftiraden im Hintergrund, dann Türenknallen. Und dann- Ruhe. Susanne kam wieder ans Telefon.
„So, jetzt können wir reden.“
„Holst du mich ab?“
„Du hast Zeit? Oh fein, das ist schön. Sam wird sich freuen, wenn noch ein paar Freiwillige mehr da sind. Er hat sehr viel um die Ohren zur Zeit, er hat gestern einen richtig gestressten Eindruck gemacht.“
„Aha.“ Und deshalb will Susanne den barmherzigen Samariter spielen. Wie rührend, dachte Lili bei sich. Es musste sie schon arg erwischt haben, wenn sie freiwillig anstrengende körperliche Arbeit verrichten wollte- und das alles bei 30 Grad im Schatten.
Sie verabredeten sich, und nach einem Blick auf die Uhr stellte Lili fest, dass sie gerade mal eine dreiviertel Stunde Zeit hatte, bis Susanne kam. Sie zog sich um, fischte ein Paar alte, lange Jeans aus dem Schrank, dazu ein einfaches T-Shirt und Turnschuhe. Sie blätterte ein bisschen in ihrem neuen Natural Horsemanship-Buch. Und dann kam ihr Abholdienst auch schon, auf die Minute pünktlich.
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Sam war nirgends zu sehen auf dem Hof, dafür stand der erste Wagen zum Abladen bereit. Zwei Helfer standen dabei und warfen die gepressten Strohballen vom Ladewagen zu Boden und bugsierten sie dann auf ein schmales Förderband, das durch eine breite Luke ins Obergeschoss des alten Stalles führte.
„Ihr könnt oben mit anpacken,“ wies sie eine pummelige Frau mit braunem Kurzhaarschnitt an und schickte sie in die Stallgasse, wo die Leiter zum Heustock stand. Energisch und geübt kletterte Lili voraus. Wie oft hatte sie früher diese Arbeit verrichtet. Hier oben war es unglaublich heiß und stickig und staubig. Die beiden Mädchen, die Lili schon bei ihrem ersten Besuch auf der Oak Tree Ranch gesehen hatte, arbeiteten bereits, nahmen die Ballen vom Förderband in Empfang und schleppten sie über zwei Ebenen zum anderen Ende des Heustocks, um sie ordentlich aufzustapeln. Sie hießen Tamara und Melanie, wie Lili später mitbekam. Tamara war die hagere, langbeinige Blonde mit Pferdeschwanz, während Melanie- genannt Melly- die mit dem brauen Wuschelkopf und die kräftiger gebaute der zwei war. Beide lächelten ehrlich erfreut, als sie begriffen, dass sie Verstärkung bekamen und zu viert konnten sie dann eine Kette bilden und die Ballen einander weiterreichen. Bis auf Susanne arbeiteten sie fast schweigend und konzentrierten ihre Energie auf ihre Strohballen.
„Ich habe Sam gar nicht gesehen,“ bemerkte Susanne, kaum dass sie da waren, und Melly erklärte ihr, dass Sam mit den Männern auf dem Feld war und die Ballen auflud, was in ihren Augen die schlimmere Beschäftigung als die Staplerei im Heustock war. Dass sie nicht Hand in Hand mit Sam arbeiten konnte, war wohl die schlimmste Enttäuschung für Susanne und die Lust an der Arbeit nahm rasch ab. Wenn Sam sie nicht beobachtete, schien es Susanne vergebens, sich übermäßig anzustrengen, so kam es Lili vor. Susanne jammerte alle paar Minuten darüber, dass sie keine Luft mehr bekam, weil es so staubig und stickig hier oben war. Dann schimpfte sie, dass die Strohhalme ihre Beine zerkratzten, die in kurzen Shorts steckten.
„Tja, jetzt weißt du wenigstens, warum ich trotz der Hitze lange Jeans angezogen habe,“ meinte Lili daraufhin trocken. Vorher im Auto hatte Susanne darüber eine lästerliche Bemerkung fallen lassen. Susanne ignorierte Lilis Einwurf, aber Minuten später beklagte sie sich darüber, dass die Schüre, mit den die Ballen gepresst waren, in ihre Handflächen schnitten, und dass sie bestimmt Blasen bekommen würde davon.
„Möchtest du ein paar Handschuhe?“ bot Tamara ihr an und gab ihr willig das Paar Arbeitshandschuhe, das sie selber trug. Wahrscheinlich war sie die Nörgelei von Susanne auch satt. Ansonsten arbeiten sie Hand in Hand und sie kamen gut mit Stapeln nach, ohne dass es einen Rückstau gab. Sie schwitzten und schnauften alle gleich und weil sich jeder ab und zu mit einer staubigen Hand über die Stirn fuhr, sahen sie aus wie die Schmutzfinken. Außerdem hatten sie Durst, aber außer Susanne verlor keiner ein Wort darüber, eine Pause stand jetzt nicht zur Debatte. Dann stoppte das Förderband plötzlich und Susanne ließ sich auf einen Strohballen fallen und begann sich zu freuen.
„Sind wir fertig?“
Tamara und Melly schauten sich bedeutungsvoll an und Melly meinte vorsichtig: „es sind mindestens vier, fünf Wagen. Ich fürchte, die draußen haben nicht einmal einen Wagen abgeladen.“
„Ich geh mal gucken, was los ist,“ meinte Tamara und streckte den Kopf zu der Öffnung hinaus, wo das Förderband hereinkam. Irgendwas hatte sich verklemmt und das Band zum Erliegen gebracht. Aber kaum hatten sich Lili und Melly auch hingesetzt, war der Fehler behoben und das Förderband setzte sich wieder in Bewegung. Die Arbeit ging weiter. Die vier Mädchen schnauften über der ungewohnten körperlichen Anstrengung, die Ballen durch die Gegend zu wuchten. Der Schweiß klebte ihnen am Körper und Staub kroch ihnen in Nase, Augen und bis in die Lunge. Strohhalme zerkratzten Unterarme und Beine, wenn man wie Susanne keine langen Hosen angezogen hatte, blieben überall an der Kleidung und in den Haaren haften und wanderten bis in die Schuhe hinein, um dort in die Füße zu pieksen. Als der Wagen leer war und sie auf den nächsten warteten, kam es zu einer kurze Pause, in der sie nach unten kletterten und lauwarmes Mineralwasser in sich hineinlaufen ließen. Wortlos saßen sie auf dem Boden, fächelten sich Luft zu und reichten die Flaschen herum.
„Ich glaube, ich hör was,“ sagte die Frau mit dem Kurzhaarschnitt dann mit einem Grinsen, und meinte damit das Geräusch eines herannahenden Traktors. Die Mädchen stöhnten.
„Also gut, hoch in die Wanten,“ scherzte Melly, raffte sich immer noch voller Tatkraft auf und zog Tamara auf die Beine. Lili und Susanne warteten noch einen Moment länger, denn beide hegten die Hoffnung, dass es Sam sein könnte, der gleich mit dem Traktor um die Ecke gefahren kam. Susanne musste Sam zeigen, dass sie hier war und so bereitwillig mit anpackte. Und Lili wollte einen kurzen Blick auf ihn werfen, um zu sehen, ob er immer noch so faszinierend war, wie sie ihn in Erinnerung hatte oder ob ihre Fantasie in den letzten Tagen mit ihr durchgegangen war. Wie auch immer- der Mann, der den Traktor fuhr, war nicht Sam und hatte auch keinerlei Ähnlichkeit mit ihm. Er war vielleicht Mitte 40, mit Schmerbauch und Haaren, wohin man auch sah. Der Oberkörper war unbekleidet und entblößte ein wahrhaft affenartiges Fell auf Brust, Armen und sogar auf dem Rücken. Lili wandte enttäuscht den Blick ab und auch Susanne war jetzt einverstanden, sich wieder nach oben zu verziehen. Die Schufterei ging weiter.
Plötzlich klingelte ein Telefon im Heustock. Susanne hatte ihr Handy, ohne das sie nie das Haus verließ, auf einen Balken gelegt, damit es sie nicht am Arbeiten hinderte.
„Ja? Was? Oh Gott- oh nein... ja. Ja... gut... ich komme.“ Susannes Stimme klang mühsam beherrscht.
„Was ist?“ fragte Lili alarmiert.
„Ich muss gehen! Pit hat sich verbrüht. Er wollte sich alleine eine Milch warm machen und hat es fertiggebracht, den heißen Topf über sich selber zu gießen. Er schreit wie am Spieß.“
„Oh nein.“
„Oh doch. Mutter fährt mit ihm ins Krankenhaus in die Notaufnahme. Ich muss sofort hinterher.“
„Ja, klar. Geh nur Susanne,“ meinte Melly verständnisvoll.
„Wie alt ist Pit denn?“ fragte Tamara.
„Er ist dreieinhalb. Und er hat absolut nichts am Herd verloren. Ich weiß nicht, wie er überhaupt auf so eine Schnapsidee kommen konnte, sich selber eine Milch zu machen.“
„Hm,“ fiel Lili plötzlich ein. „Wie komme ich dann eigentlich heim? Weißt du, ob irgendjemand Richtung Stadt fahren muss, der mich mitnehmen kann?“
„Du, ich gebe Ingrid unten Bescheid. Sie ist eine ganz Liebe und sie wird dich bestimmt heimfahren. Ist ja nicht deine Schuld. Okay, ich muss jetzt aber echt los. Macht’s noch gut und arbeitet nicht mehr so viel.“
Flink kletterte sie die Leiter hinab, kurz darauf heulte ihr alter Golf auf und weg war sie. Lili und die beiden Freundinnen arbeiten weiter. Der Verlust von Susanne war kein allzu großer, tatsächlich merkte man kaum, dass sie fehlte. Die drei Mädchen arbeiteten wie ein eingespieltes Team weiter, als hätten sie seit Wochen nichts anderes gemacht. Es war anstrengend und sie schwitzten und atmeten heftig, aber jedes Mal, wenn sie gerade dachten, kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen, war der Wagen abgeladen und es gab eine kleine Verschnaufpause.
Doch dann passierte das nächste Unglück. Tamara, die ziemlich erschöpft war, aber tapfer und unverdrossen arbeitete, geriet in eine Spalte zwischen zwei Strohballen, fiel hin und verdrehte sich den Fuß.
„Autsch,“ rief sie heftig und rappelte sich auf. Als sie ihr Bein belasten wollte, wurde sie ganz blass um die Nase. „Scheeiiße,“ fluchte sie, das Gesicht schmerzverzerrt.
„Was ist?“ fragte Lili.
„Hast du Schmerzen?“ wollte Melly wissen.
„Ich kann nicht auftreten,“ jammerte Tamara und ließ sich auf den nächstbesten Strohballen gleiten. „Mist, verdammter.“ Tränen traten ihr in die Augen.
„Dann bleib sitzen, Tami,“ meinte Melly ruhig. Sobald der Wagen leer ist, helfen wir dir runter. Meinst du, es ist was gebrochen? Oder verstaucht?“
„Keine Ahnung. Es tut höllisch weh, wenn ich drauftrete.“ Sie zog Turnschuh und Socken aus und untersuchte vorsichtig ihren Fuß. Um den Knöchel herum begann er bereits anzuschwellen. „Nicht auszudenken, wenn ich einen Gips bekomme. Dann kann ich ja wochenlang nicht reiten,“ jammerte sie.
„Jetzt mal’ mal den Teufel nicht an die Wand,“ meinte Melly energisch, und stapelte den nächsten Strohballen direkt neben Tamara auf.
„Ich bin euch im Weg,“ stellte Tamara fest, und hatte damit nicht ganz unrecht. Trotz dem „macht nichts.“ von Lili zog sie sich hoch und humpelte und hüpfte und rutschte und kletterte mit dem Schuh in der einen Hand über die unebenen Strohballen zur Leiter und vorsichtig nach unten gleiten.
„Ich komme mir vor wie bei den zehn kleinen Negerlein,“ meinte Melly mit Galgenhumor.
„Ja, hat eine gewisse Ähnlichkeit,“ stimmte Lili zu.
„Was hat eine gewisse Ähnlichkeit?“ fragte plötzlich eine sanfte, wohlklingende Stimme hinter ihnen, die Lili durch Mark und Bein fuhr. Sie drehte sich ruckartig um. Sams Wirkung hatte in den drei Tagen nicht nachgelassen. Im Gegenteil. Und die Arbeit ging plötzlich wieder viel schwungvoller voran.
„Mit den zehn kleinen Negerlein,“ begann sie zu erklären, aber Melly hatte gleichzeitig mit ihr zu reden angefangen, und sie hatte die eindeutig lautere Stimme von ihnen beiden.
„Sam,“ rief sie erfreut aus. „Du kommst gerade recht, um uns zu helfen.“
„Drum bin ich ja da,“ sagte Sam einfach und packte mit an.
„Susanne hat einen Notfall zuhause und Tamara hat sich den Fuß vertappt,“ berichtete Melly über die Vorkommnisse der letzten Stunde.
„Bin schon im Bilde. Aber wenn ich euch trösten darf: der letzte Wagen steht unten- und er ist nur noch halbvoll.“
„Ahhh.“ Melly und Lili stöhnten erleichtert auf.
„Und dann wartet der Wurstsalat.“
„Ohhh.“
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Eine gute halbe Stunde später war es vorbei. Sie saßen alle- an zwei Bierbänken verteilt- vor dem alten Stallgebäude und aßen zünftigen Wurstsalat mit dicken Scheiben Bauernbrot und tranken dazu Apfelmost und Sprudel. Da sie sonst niemanden kannte, hatte Lili sich zu Tamara und Melly gesetzt- auch wenn ihr Sitzplatz mit dem Rücken zu Sam recht dumm gewählt war. Was soll’s. Sie war so fertig, dass sie auf der Stelle hätte einschlafen können und es war ihr alles egal. Sam hatte sie ohnehin nicht beachtet. Tamara hatte den Fuß hochgelegt und einen Eisbeutel aufgelegt, den jemand in Sams Küche im Gefrierschrank aufgetrieben hatte. Sie konnte schon wieder ein wenig lachen und kraulte nebenher Kimba, den Retriever, hinter den Ohren, der sich zu ihren Füssen niedergelassen hatte.
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Es war spät geworden, die Sonne längst hinter dem nahen Wald untergegangen und die kleine Gesellschaft müde und erschöpft von dem anstrengenden und schwülen Tag. Man brach bald nach dem Mahl auf. Lili wusste inzwischen, dass Ingrid die kleine pummelige Frau mit den kurzen, braunen Haaren war, die sie begrüßt hatte. Und Peter, der haarige Traktorfahrer, war ihr Mann, der Bauer vom Wiesenhof. Es saßen noch einige Leute mehr herum, die Lili niemand vorstellte und die ihr auch keine Beachtung schenkten. Melly hatte sich schon verabschiedet und war durch die Dunkelheit davon geradelt, nachdem sie sich noch bei Lili bedankt hatte. „Es war super von dir zu helfen- und du hast echt toll mit angepackt.“
„Ich bin auch auf einem Hof aufgewachsen,“ meinte Lili lächelnd. „Ich kenne die Schufterei zur Erntezeit.“
In der allgemeinen Aufbruchstimmung, die folgte, bekam sie mit, dass Ingrid Tamara mitnahm, die wegen ihrem Knöchel, der trotz Eisbeutel wahnsinnig angeschwollen war, nicht mit dem Rad heimfahren konnte. Ingrid klappte die Rückbank ihres VW-Passats um und lud das Rad ein. Peter hatte sich schon auf seinen Traktor geschwungen, drückte zum Abschied laut auf die Hupe, was den Retriever zum Bellen brachte, und ratterte davon.
Lili überlegte, ob Susanne wohl vergessen hatte, Ingrid darum zu bitten, sie heimzubringen, denn irgendwie war der Passat voll mit Rad und Tamara. Etwas unschlüssig stand sie dabei, bis plötzlich Sam neben ihr auftauchte und sagte, als sei es das selbstverständlichste der Welt: „Dann bring ich dich jetzt auch heim, Lili, okay?“
Lili war überrascht, dass er überhaupt ihren Namen wusste, denn eigentlich hatte sie niemand, auch Susanne nicht, ihm ordentlich vorgestellt.
„Du?“ meinte Lili dümmlich. „Ich dachte, Ingrid-“
„Es ist doch das mindeste, was ich für dich tun kann- dich heimzubringen. Immerhin hast du für mich den ganzen Abend geschuftet.“
„Na ja- ich habe ja ein Abendessen dafür bekommen,“ schwächte Lili ab.
„Du hast doch kaum was gegessen.“ Sam zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Lili blickte ihn überrascht an. Sie hatte wirklich keinen Hunger gehabt und sich nur einen winzigen Teller voll geschöpft, aber dass ihm das aufgefallen war?
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Sie hatten in der Zwischenzeit den alten Landrover erreicht. Wie auf den meisten Höfen hier auf dem Land war nichts abgeschlossen, die Autoscheiben waren heruntergekurbelt, sogar der Schlüssel steckte im Schloss. Sam räumte schnell ein paar Sachen vom Beifahrersitz, damit Lili Platz fand. Offenbar saß hier nicht allzu oft jemand. Lili registrierte eine Jeansjacke, Stricke, Halfter, ein paar Putzutensilien. Er warf alles achtlos auf die Rückbank. Auch ein paar Strohhalme hatten den Weg auf den Autositz gefunden, die Sam oberflächlich mit einer Hand auf den Boden fegte. Lili stieg ein. Ohne ihr einen Blick zu gönnen, startete Sam den Wagen, während Lili sich angurtete. Er wendete und fuhr langsam über den gekiesten Zufahrtsweg zur Landstraße. Lili war müde von der ungewohnten körperlichen Arbeit und gleichzeitig hellwach, weil Sam neben ihr im Wagen saß. Sie war sich seiner Anwesenheit überdeutlich bewusst. Er saß dicht genug neben ihr, dass sie seinen Geruch wahrnehmen konnte, eine Mischung aus Schweiß und Pferd und Sommer. Er hatte genauso so dringend eine Dusche nötig wie sie selber, trotzdem fand sie, dass er verdammt gut roch. Ihre Gedanken wandert