Io
„Sich in die Lüfte erheben, grazil, in Formvollendung und vollkommener Ekstase. Kritisch betrachtet, glich die Wahrscheinlichkeit einem großen, runden, schwarzen Loch. Nach seiner Auffassung könnte man psychologisch gesehen jeden Lebenskontext, den man sich gedanklich ausmalen konnte, praktisch nicht verwirklichen.“
Heute morgen war er mit einem flauen Gefühl im Magen und einem leichten Ziehen in den Schläfen erwacht. An sich kein Anzeichen völliger Abnormität; es ließ ihn nur auf die Nacht schließen, die er wieder einmal, ohne allzu viel guten Schlaf verbracht hatte. Langsam stellte sich sein komplexer Lebensrhythmus auf den nun folgenden Tag ein. Noch langsamer kamen seine Sorgen, die in letzter Zeit doch erheblich expandiert hatten. Schon fast komplett erwacht, ging er seines Weges zur morgendlichen Wäsche. Erfrischt entleerte er dann seinen Kaffee und - Frühstück hatte noch nie eine eminente Rolle in seinem Leben gespielt - machte sich auf den Weg zur Arbeit. Auf ihn wartete sein Chefsessel und eine ganze Karawane von Bewerbern. Es war zwar unter seiner Würde Bewerbungsgespräche zu führen, aber er wehrte es strikt ab, bar jedes Wissens um den Neuling eine Einstellung zu unterzeichnen, auch wenn es sich um eine noch so nichtige Anstellung handelte.
Adam Snow war vollkommen unpassend. Ein beleibter Mann mit fliehendem Kinn und einem ausdruckslosem Gesicht. Das Äußere war aber nicht der Aspekt, der ihn disqualifizierte. Seine Stimme, hochfrequent und penetrant, ließ ihm die Nackenhaare zu Berge stehen. Auch Lee Sandler und Hugh Jordan erschienen ihm unzureichend adäquat. Mr. Sandler hatte schon beim Vorstellungsgespräch eine leichte Fahne, so kam ihm der Gedanke, zukünftig Alkoholtests vor Bewerbungsgesprächen durchführen zu lassen, denn Alkoholismus beeinträchtigte sein Wohlbefinden. Mr. Jordan war seiner Vorstellung schon recht nahe gekommen, hatte aber nur eine einzelne Referenz vorzuweisen. Gespannt wartete er auf den vierten Kandidaten. Bevor die Bewerber sich persönlich vorstellten und die Unterlagen auf dem Tisch platzierten, kannte er noch nicht einmal den Namen der jeweiligen Person. Um so erstaunter war er, als ein weibliches Wesen sein Büro betrat. Um genau zu sein ein brünettes, hübsches und unbestreitbar attraktives weibliches Wesen. Zunächst dachte er, Io Grant habe sich beim Stellengesuch vertan, doch als sie ihm erzählte, sie sei beim Militär beschäftigt gewesen, sah er bedeutend klarer. Fasziniert hatte ihn die Vorstellung schon immer: Eine Frau in einem doch so maskulinen Beruf. Im Gespräch zeigte sie sich gewandt, war weder alkoholisiert noch mit einer allzu hohen Stimme gezeichnet. Allerdings war der Aspekt, der sie qualifizierte offensichtlich das Äußere. Als sie nach Beendigung des Gesprächs vor ihm salutierte, stand seine Entscheidung fest. Am Abend desselben Tages glitt er zufrieden in das weite Land des Schlafs.
„Er ließ die Welt mit all ihren Nichtigkeiten hinter sich, drehte sich einfach um und hob ab. Unter ihm die Landschaft in dekadenter Schönheit. Die Wipfel der Bäume wogen langsam, als er über sie schwebte. So hatte er nicht geplant. Er wollte doch eigentlich mehr. Mehr Kraft, mehr Ideen, mehr Zeit. Jetzt war es zu spät.“