Grün und unangenehm
Ich brauchte etwas für die Hochzeit meines Bruders Jimy. Eigentlich hatte ich kein Geld für etwas Neues, also bin ich mit ein paar Leuten durch die Stadt gezogen, mehr aus Gewohnheit als aus Hoffnung.
Der Secondhand-Laden war klein, zwischen einem Bäcker und einem leeren
Geschäft eingeklemmt. Drinnen roch es nach Stoff und Leder. Ich wollte schon wieder gehen, da sah ich das Jackett. Unauffällig. Dunkel. Fast selbstverständlich. Es war billig, also hatte ich kein schlechtes Gewissen und kaufte es.
Zuhause hängte ich es erst einmal über den Stuhl. Später probierte ich es doch an. Es saß gut, besser als erwartet. Beim Zurechtziehen merkte ich etwas in der Innentasche: Papier. Ein gefaltetes Blatt.
Ein Gedicht.Die Sonne ist heiß,
der Wind so lau.
Es ist so
schön,
der Himmel ist blau.
Die Bilder erwecken
auf unseren Strecken
Sehnsucht nach all dem,
man nennt es auch „Fernweh“.
Ich las es zweimal. Beim zweiten Mal blieb ich an einzelnen Worten hängen, als wären sie mir vertraut. Nicht wie etwas Neues, sondern wie etwas, das ich schon einmal gesagt oder gehört hatte – nur ohne Erinnerung daran, wann.
Ich konnte es nicht einordnen und legte das Blatt
weg.
Am nächsten Tag ging ich zurück in den Laden, ohne genau zu wissen warum.
Der Verkäufer sah mich an, als hätte er mich erwartet. „Sie haben das Jackett behalten“, sagte er nur.
Ich nickte. „Ich suche eine Hose dazu.“
Er sagte nichts weiter und führte mich zwischen die Ständer.
Dort hingen die Jacken dicht an dicht. Auf kleinen Schildern standen Wörter wie Grün, Baumwolle und
Unangenehm.
Ich blieb bei „Grün“ stehen.
Und plötzlich war da ein Bild: Sommerhitze, Gras unter den Füßen, Stimmen. Mein Bruder Jimy und ich als Kinder, wie wir durch Felder liefen. Ich hatte diese Farbe früher immer Grashüpfergrün genannt.
„Das steht auch in dem Gedicht“, sagte ich leise, ohne zu wissen, warum ich das sagte.
Der Verkäufer nickte nur. „Man vergisst Dinge. Manchmal sogar eigene
Worte.“
Bei „Unangenehm“ zog sich etwas in meinem Bauch zusammen. Nicht Schmerz, eher ein Gefühl, als hätte ich etwas Wichtiges vergessen und würde genau hier daran vorbeilaufen.
„Lesen Sie es noch einmal“, sagte der Verkäufer.
Ich tat es später draußen.
Die Sonne ist heiß,
der Wind so lau.
Es ist so schön,
der Himmel ist
blau.
Die Bilder erwecken
auf unseren Strecken
Sehnsucht nach all dem,
man nennt es auch „Fernweh“.
Aber zwischen den Zeilen war etwas anderes. Etwas, das ich vorher nicht gesehen hatte.
Ich las weiter im Kopf, als würde ich mich erinnern statt lesen:
Es wäre so schön
an all den Orten,
Hand in
Hand
durch große Pforten.
Die Natur mit ihren Gaben,
sich satt zu sehen und zu erlaben.
Die alten Steine, Häuser,
Gewölbe und Gemäuer –
Essen wie damals,
auch ein Abenteuer.
Kommen wir dann zurück,
können es kaum fassen,
unser Glück.
Ich
erstarrte.
„Jimy…“, sagte ich leise.
Jetzt wusste ich es wieder.
Das war kein fremdes Gedicht.
Das war etwas, das ich als Kind mit meinem Bruder geschrieben hatte, auf einem Ausflug, den ich komplett vergessen hatte.
Ich war wieder im Laden, ohne mich daran zu erinnern, zurückgegangen zu
sein.
Der Verkäufer reichte mir eine Hose. „Die passt jetzt besser zu allem“, sagte er ruhig.
An der Kasse stand eine Tasse – bunt, leicht schief, fast harmlos. Erst beim zweiten Blick erkannte ich, dass es kein Gebrauchsgegenstand war, sondern ein Bilderrahmen.
Darin steckte ein Foto: zwei Kinder auf einem Feld.
Mein Bruder Jimy und
ich.
Ich trat einen Schritt zurück.
„Ich wollte das alles nur vergessen?“, fragte ich.
Der Verkäufer schüttelte den Kopf. „Sie haben es nicht vergessen. Sie haben es nur verloren.“
Ich ging hinaus, ohne genau zu wissen, wann ich bezahlt hatte oder wofür genau.
Draußen traf mich die Luft klar und gleichgültig
zugleich.
Ich blieb einen Moment stehen. Die Erinnerungen waren nicht mehr fremd, aber sie fühlten sich noch weit entfernt an – wie etwas, das gerade erst wieder an seinen Platz rückt.
In meiner Jackentasche lag das gefaltete Gedicht wieder, ohne dass ich mich daran erinnerte, es eingesteckt zu haben.
Und diesmal verstand ich, warum es mir vertraut vorkam.
Ich hatte es nicht
gefunden.
Ich hatte mich erinnert.
Der Künstler ist, PutzlicCo