Grün und Unangenehm
Ich brauchte etwas für die Hochzeit meines Bruders Jimy. Eigentlich hatte ich kein Geld für etwas Neues, also bin ich mit ein paar Leuten durch die Stadt gezogen, mehr aus Gewohnheit als aus Hoffnung.
Der Secondhand-Laden war klein, zwischen einem Bäcker und einem leeren Geschäft eingeklemmt. Drinnen roch es nach Stoff und Leder. Ich wollte schon wieder gehen, da sah ich das Jackett. Unauffällig. Dunkel. Fast
selbstverständlich. Es war billig, also hatte ich kein schlechtes Gewissen und kaufte es.
Zuhause hing ich es erstmal über den Stuhl. Später probierte ich es doch an. Es saß gut, besser als erwartet. Beim Zurechtziehen merkte ich etwas in der Innentasche. Papier. Ein gefaltetes Blatt. Ich zog es heraus. Ein Gedicht.
Die Sonne ist heiß
Der Wind so lau
Es ist so schön,
der Himmel ist blau.
Die Bilder erwecken
auf unsere
Strecken
Sehnsucht nach all dem,
man nennt es auch „Fernweh“.
Es wäre so schön
an all den Orten,
Hand in Hand
durch große Pforten.
Die Natur mit ihren Gaben
sich satt zu sehen und zu erlaben.
Die alten Steine, Häuser,
Gewölbe und Gemäuer
Essen wie damals
Auch ein
Abenteuer.
Kommen wir dann zurück
Können es kaum fassen
Unser Glück,
von soviel Eindrücke pur
es bleibt alleine das Träumen nur.
Ruhen aus mit blicken und
Gespür, sind hin und her
Gerissen von dieser Kür.
Bleibt nur zu sagen,
Dank dir sehr,
gerne und noch viel
mehr.
Ich las es zweimal. Beim zweiten Mal blieb ich an einzelnen Worten hängen, als wären sie mir plötzlich vertrauter, als hätten sie schon einmal zu mir gehört. Ich konnte es nicht einordnen und legte das Blatt weg.
Am nächsten Tag ging ich zurück in den Laden, ohne genau zu wissen warum. Vor der Tür blieb ich kurz stehen. Für einen Moment fühlte es sich unangenehm an, einfach wieder hier zu sein, ohne richtigen Grund. Dann trat ich ein.
Der Verkäufer sah mich an, als hätte er mich erwartet. „Sie haben das Jackett behalten“,
sagte er nur. Ich nickte und sagte, ich suche eine Hose dazu. Er sagte nichts weiter und drehte sich um. Ich folgte ihm.
Zwischen den Ständern hingen die Jacken dicht an dicht, und auf kleinen Schildern standen Wörter wie Grün, Baumwolle und Unangenehm. Grün traf mich wie eine Erinnerung, die nicht ganz vollständig war – Sommer, Gras, Stimmen, mein Bruder Jimy und wir als Kinder, wie wir auf Bäume kletterten und ich diese Farbe immer Grashpfergrün genannt hatte.
Bei „Unangenehm“ blieb ich kurz stehen. Es war kein Gedanke, eher ein kurzes Ziehen im Bauch, als mir bewusst wurde, dass ich nicht
mehr genau wusste, warum ich überhaupt wieder hier war.
Ich ging weiter, bezahlte die Hose an der Kasse und sah dort eine Tasse stehen. Sie war bunt, ein wenig schief, fast harmlos wirkend. Erst beim zweiten Blick merkte ich, dass es kein Gebrauchsgegenstand war, sondern ein Bilderrahmen.
Ich blieb einen Moment zu lange davor stehen, ohne zu wissen, was ich eigentlich suchte.
Dann ging ich hinaus.
Draußen traf mich die Luft klar und gleichgültig
zugleich. Ich blieb kurz stehen, als müsste ich mich erst wieder in den Tag einordnen. Erst dann ging ich weiter, mit dem Gefühl, dass ich für etwas bezahlt hatte, das ich nicht ganz verstanden hatte – und dass es vielleicht besser war, es dabei zu belassen.
Der Künstler ist, PutzlicCo