Sp 119
Thema: Das ist schon ziemlich heiß
Vorgabewörter:
Stimmung, Tasse, unangenehm, Katzenjammer, Baumwollsocken, Grashüpfer
Es war nichts Großes, wirklich nicht.
Nur dieses Geräusch in der Küche.
Ich lag im Bett und starrte an die Decke. Meine Tochter schlief endlich. Die Luft im Zimmer war schwer und warm.
„Das ist schon ziemlich heiß“, dachte ich.
Trotzdem fröstelte ich.
Eine seltsame Stimmung lag im Raum, als würde etwas nicht stimmen, ohne dass ich sagen konnte, was.
Dann kam das Klacken.
Einmal.
Dann wieder.
Als würde jemand eine Tasse ganz
vorsichtig auf die Arbeitsplatte stellen.
Ich hielt den Atem an.
Das Haus war still.
Zu still.
Wieder das Geräusch.
Diesmal folgte ein langsames Schieben.
Nicht hektisch. Nicht zufällig
Kontrolliert.
Als wüsste jemand genau, was er tat.
Ich setzte mich auf.
Der Boden unter meinen Füßen fühlte sich unangenehm an, als würde er mir nicht gehören.
Der Flur lag dunkel vor mir. Nur ein schmaler Streifen Licht fiel aus der Küche.
Ich blieb
stehen.
Dann hörte ich einen Atemzug.
Nicht meinen.
Mein Herz schlug sofort schneller.
„Hallo?“
Meine Stimme klang fremd.
Keine Antwort.
Ich ging weiter.
Die Küche sah aus wie immer.
Fast.
Die Tasse stand am Rand der Arbeitsplatte.
Zu nah.
Ich war sicher, dass sie vorher weiter hinten gestanden hatte.
Ich trat näher.
Die Tasse bewegte
sich.
Nur ein wenig.
Vielleicht einen Millimeter.
Vielleicht gar nicht.
Ich wusste es nicht.
„Hör auf“, flüsterte ich.
Die Tasse kippte.
Für einen Moment schien sie in der Luft zu hängen.
Dann zerschellte sie auf dem Boden.
Der Knall war viel zu laut.
Ich zuckte zusammen.
Und irgendwo im Haus war meine Tochter.
Ich rannte.
Ihre Tür stand offen.
Das Nachtlicht brannte
noch.
Sie lag im Bett.
Still.
Zu still.
„Hey?“
Keine Antwort.
Kein Heben und Senken des Brustkorbs.
Hinter mir knarrte der Boden.
Ein Schritt.
Dann noch einer.
Langsam.
Barfuß.
Ganz nah.
Etwas beugte sich an mein Ohr.
„Du hättest nicht nachsehen sollen.“
Ich schrie auf.
Und saß plötzlich wieder im
Bett.
Dunkelheit.
Stille.
Mein Herz raste.
Nur ein Traum.
Ein Albtraum.
Langsam stand ich auf.
Die Wohnung war ruhig.
Keine Schritte.
Keine Stimme.
In der Küche stand die Tasse.
Unversehrt.
Genau dort, wo sie immer stand.
Ich lachte nervös.
Dann bemerkte ich das Buch.
Es lag auf der
Arbeitsplatte.
Alt.
Vergilbt.
Ich war sicher, es noch nie gesehen zu haben.
Das Buch war offen.
Auf der Seite befand sich die Zeichnung eines Grashüpfers.
Ich starrte darauf
Einen Moment lang war ich überzeugt, dass er mich ansah.
Ich blinzelte.
Der Grashüpfer schien jetzt an einer anderen Stelle der Seite zu sitzen.
Mein Magen zog sich zusammen.
Ein dumpfer Katzenjammer breitete sich in mir
aus.
Als hätte ich etwas verloren, ohne zu wissen, was.
Schnell schlug ich das Buch zu.
Stille.
Dann hörte ich hinter mir ein leises Schleifen.
Stoff über Boden.
Ich fuhr herum.
Nichts.
Doch etwas stimmte nicht.
Langsam sah ich an mir hinunter.
Ich trug Baumwollsocken.
Weiße Baumwollsocken.
Ich wusste nicht, wann ich sie angezogen hatte.
Für einen Moment glaubte ich sogar, ich
hätte in dieser Nacht bereits ein anderes Paar getragen.
Ich stand reglos da.
Die Küche war still.
Das Buch lag vor mir.
Die Tasse stand an ihrem Platz.
Und irgendwo, ganz leise, hörte ich wieder das Klacken.