Frühmorgens 6 Uhr
Cover, Foto und Text
von GerLINDE
Schon eine ganze Weile liege ich wach im Bett, während meine Gedanken spielerisch mir signalisieren:
"Aufstehen? oder Liegenbleiben?"
Ich kann mir früh natürlich meine Zeit des langsamen oder flinken Aufstehens in aller Ruhe aussuchen. Und dafür bin ich dankbar.
Niemand zwingt mich zur immer fast selben Uhrzeit früh aufzustehen,unter die Dusche zu gehen, anzuziehen, Haare kämmen usw. und im Heim dann am Frühstückstisch zu sitzen, obwohl man vielleicht als in die Jahre gekommener Mensch die ganze Nacht wachgelegen hat und morgens gegen 6 Uhr erst einschläft...
Und wenn man nicht so schnell sich anziehen
kann, wird manch eine getriebene Betreuerin mit wenig Zeit für alle, ungeduldig. Dann passiert es auch mal, dass eine, wenn auch ungewollte Reaktion zum alten Menschen hin, sich mit dem Anziehen zu beeilen, ein kurzes "Anschnottern" vorkommt.
Das hatte ich früher einmal, als ich für eine gewisse Zeit in einem Altersheim aushelfen durfte, mitbekommen.
Eine nette 90-jährige Dame zog sich früh nicht so schnell an wie es gewünscht wurde.
Ich konnte die Ungeduld der Betreuerin nicht fassen, hatte auch versucht sie zu verstehen, da leider nach der Uhr gearbeitet werden musste. Beim Säubern der Räume musste auch ich erst einmal lernen, nach der Uhr zu putzen und mich nicht zu lange im Raum
aufzuhalten. Irgendwie ging mir so etwas gegen den Strich!
Ach, was wollte ich eigentlich hier schreiben?
Jetzt sind meine Gedanken einfach flink umhergesprungen. Da fällt mir der bekannte Spruch wieder ein:
"Morgenstund' hat Gold im Mund".
Also stand ich heute kurz vor 6 Uhr ungezwungen, trotzdem schon ausgeruht auf und schaute erst einmal am Fenster zu der in leuchtendem Weiß hervorstrahlenden Sonne, die von einer dicken weißen Wolke umgeben war. Der Himmel jedoch signalisierte ein totales, regnerisches Grau.
Die Tür zum Flur war bereits geöffnet, als ich meinen Augen nicht traute. Denn vom
Zimmerfenster her bei geöffneter Tür zum Flur, leuchtete, wie ein kleines farbiges Wunder, an der weißen Schranktür vom Fenster her ein bunter, ja ich möchte sagen, "Schranktür-Regenbogen".
Der erste schnelle Gedanke kam auf, trotzdem ich noch keinen Kaffee getrunken hatte und noch mollig warm in meinem Bademantel umherlief, schnell das Smartphone zu holen.
Noch war der "Regenbogen" an der Flurtür zu sehen und so konnte ich ihn festhalten.
Kurze Zeit später verschwand er wie auch die frühe weiße Morgensonne und tauchte aber nach wenigen Sekunden, kurz nach 6 Uhr, wieder auf. Nun beschenkte mich die weiße Sonne ganz schnell noch einmal mit einem längeren bunten "Schranktür-Regenbogen".
Dann verabschiedete sie sich von mir.
Ich verbeugte mich dankend und der ganze Himmel tauchte dabei in ein tiefes Grau.