zDie Kirche darf im Dorf bleiben
Ein skeptischer Gedanke zur Künstlichen Intelligenz
Die Kirche darf im Dorf bleiben.
Das sagt man gern, wenn jemand übertreibt. Wenn Panik gemacht wird. Wenn wieder einmal der Untergang des Abendlandes ausgerufen wird, weil irgendwo ein neuer Fahrradweg entsteht oder Hafermilch in den Kaffee geraten ist.
Und tatsächlich: Nicht jede technische Neuerung ist gleich die Apokalypse mit USB-Anschluss. Auch die Künstliche
Intelligenz muss nicht zwangsläufig morgen die Menschheit versklaven, nur weil sie inzwischen Bewerbungsschreiben formuliert, Liebesgedichte produziert und auf Facebook erstaunlich überzeugend wie ein pensionierter Oberstudienrat kommentiert.
Aber vielleicht sollte man trotzdem gelegentlich nachsehen, ob der Kirchturm Risse hat.
Denn derzeit benehmen sich viele Menschen gegenüber KI wie mittelalterliche Dorfbewohner bei einer Sonnenfinsternis: Die einen fallen
ehrfürchtig auf die Knie, die anderen rennen mit Mistgabeln herum. Dazwischen steht eine kleine Minderheit und fragt vorsichtig, ob man die Sache eventuell erst einmal prüfen könnte.
Diese Menschen gelten sofort als Fortschrittsfeinde.
Wer Zweifel anmeldet, wird behandelt, als hätte er vorgeschlagen, künftig wieder mit Pferdekutschen durchs Internet zu fahren. Dabei wäre ein Mindestmaß an Skepsis durchaus gesund. Schließlich basiert ein erheblicher Teil der aktuellen KI-Begeisterung auf dem Umstand, dass Maschinen inzwischen mit
großer sprachlicher Eleganz Unsinn erzeugen können.
Früher musste man sich dafür noch in Talkshows setzen.
Natürlich ist KI beeindruckend. Sie schreibt Texte, malt Bilder, komponiert Musik und beantwortet Fragen mit einer Selbstsicherheit, von der früher nur Lokalpolitiker und Wahrsager lebten. Das Problem ist nur: Viele Menschen verwechseln flüssige Formulierungen inzwischen mit Wahrheit.
Wenn ein Computer etwas in vollständigen Sätzen behauptet, dazu
noch freundlich klingt und keine Rechtschreibfehler macht, halten es manche bereits für Erkenntnis. Der moderne Mensch glaubt nicht mehr an goldene Kälber — er glaubt an Benutzeroberflächen.
Dabei liegt die eigentliche Gefahr womöglich gar nicht in einer rebellierenden Superintelligenz. Sondern in unserer eigenen Bequemlichkeit. In der stillen Sehnsucht, das Denken endlich auszulagern wie alte Möbel auf den Sperrmüll.
Die Maschine soll entscheiden, formulieren, filtern, empfehlen,
bewerten. Möglichst schnell, möglichst effizient und bitte ohne die lästige Unsicherheit menschlicher Urteilskraft.
Doch genau dort entstehen die Risse im Turm.
Denn eine Gesellschaft, die verlernt, Fragen zu stellen, wird irgendwann jede Antwort für klug halten — selbst dann, wenn sie nur statistisch geschniegelt daherkommt.
Die Kirche darf also gern im Dorf bleiben. Aber ab und zu sollte trotzdem jemand die Leiter holen und nachsehen, ob der Glockenstuhl noch trägt.