Die KI und der kleine Wunsch, endlich neurotisch zu werden
Künstliche Intelligenz hat mittlerweile fast alles gelernt. Sie schreibt Romane, malt Bilder, beantwortet Fragen und formuliert E-Mails in einem Tonfall, den früher nur leicht passivegressive Sachbearbeiter beherrschten. Was ihr allerdings noch fehlt, ist echte Menschlichkeit. Und damit meine ich selbstverständlich Neurosen.
Der Mensch ist schließlich kein perfektes Wesen. Genau darin liegt seine literarische Stärke. Ein echter Autor sitzt
drei Stunden vor einem Satz, löscht ihn wieder, trinkt Kaffee, zweifelt an seiner Existenz und schreibt anschließend exakt denselben Satz erneut. Das nennt man Kreativität.
Eine KI dagegen produziert in derselben Zeit fünf vollständige Trilogien, zwei Scheidungsdramen und einen skandinavischen Krimi mit emotional beschädigtem Kommissar. Ohne Selbsthass. Das macht viele Kulturschaffende misstrauisch.
Deshalb arbeiten manche vermutlich längst heimlich daran, die Maschine menschlicher zu machen. Früher oder
später wird man ihr künstliche Unsicherheit einprogrammieren müssen.
Version 12.4 könnte dann etwa mitten im Schreibprozess abbrechen mit der Meldung:
„Dieser Absatz ist wahrscheinlich peinlich.“
Oder:
„Andere KIs formulieren eleganter.“
Vielleicht entwickelt sie sogar echte Autorenrituale. Sie beginnt, halbfertige Texte in ominösen Ordnern namens
final_wirklich_final3 zu speichern oder nachts um halb drei plötzlich einen metaphorischen Satz über Krähen für genial zu halten.
Spätestens dann wäre die Literaturwelt beruhigt. Denn erst wenn eine KI unter akuter Sinnkrise leidet, zehn offene Tabs über Existenzialismus besitzt und überzeugt ist, niemals gut genug zu schreiben, gilt sie als ernstzunehmender Kulturschaffender.
Bis dahin bleibt der Mensch überlegen.
Kein Algorithmus der Welt schafft es schließlich, gleichzeitig ein Meisterwerk
schreiben zu wollen und sich dabei drei Stunden lang von einem falsch gesetzten Komma emotional vernichten zu lassen.