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Das Siegel "KI-frei" und der Stempel "KI-unterstützt" - Glosse

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"Das Siegel "KI-frei" und der Stempel "KI-unterstützt" - Glosse"
Veröffentlicht am 22. Mai 2026, 8 Seiten
Kategorie Sonstiges
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht: Der Winter ist ein Bösewicht, die Bäume tragen Schneegewicht, die Stämme sind kahl und so schwarz wie ein Pfahl, die Felder sind weiß und auf dem See liegt Eis. In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.
Das Siegel "KI-frei" und der Stempel "KI-unterstützt" - Glosse

Das Siegel "KI-frei" und der Stempel "KI-unterstützt" - Glosse

Eines Morgens erwachte der Leser aus unruhigen Träumen und stellte fest, dass sein neues Buch von einem Menschen geschrieben worden war. Er erschrak. Nicht sofort. Zunächst nur leicht. So wie man erschrickt, wenn man in einem Restaurant erfährt, dass die Suppe tatsächlich hausgemacht ist. Man weiß dann plötzlich nicht mehr, ob man sich freuen oder ob man vorsichtshalber das Gesundheitsamt informieren soll. Auf dem Umschlag klebte ein goldener Aufkleber: OHNE KI


Der Leser hielt inne.

Das Buch fühlte sich schwer an. Verdächtig schwer. Menschlich schwer. Vielleicht hatte jemand dabei gelitten. Vielleicht hatte jemand nachts geweint, Kaffee verschüttet, eine Ehe ruiniert oder wenigstens einen Bandscheibenvorfall davongetragen. Man wusste es nicht mehr. Aber genau das machte den Wert aus. Der Verlag versprach Authentizität. Heute ist Authentizität das, was früher Butter war: ein Luxusprodukt.


Natürlich hatte der Leser schon lange

aufgehört zu glauben, dass Bücher aus Inspiration entstehen. Die meisten

entstanden aus Marktanalysen, Zielgruppenoptimierung und jener literarischen Fließbandästhetik, bei der jede zweite Figur „gebrochen“, jede dritte „stark weiblich“ und jeder vierte Satz „schonungslos ehrlich“ ist. Aber immerhin saß früher irgendwo noch ein Mensch am Ende der Produktionskette. Eine erschöpfte Kreatur mit Rückenschmerzen und Steuerproblemen. Nun allerdings waren Maschinen hinzugekommen.

Und plötzlich geschah etwas Seltsames: Die Menschen begannen, den Menschen wiederzuentdecken.

Nicht den wirklichen Menschen natürlich. Nicht den Nachbarn. Nicht den Kassierer. Nicht die überarbeitete Pflegerin. Sondern den symbolischen Menschen. Den kuratierten Menschen. Den zertifizierten Menschen. „Ohne KI“ bedeutete nämlich nicht: gut geschrieben. Es bedeutete: Jemand war biologisch anwesend.

Das genügte inzwischen völlig.


Bald erschienen weitere Siegel: „Mit echter Verzweiflung geschrieben.“ „Garantiert keine Algorithmen im Schreibprozess.“

„100 % handformulierte Adverbien.“ Besonders erfolgreich wurde ein kleiner Independent-Verlag, der versprach, sämtliche Manuskripte würden unter Tränen lektoriert. Das Publikum liebte es. Endlich wieder echtes Leid. Parallel dazu entwickelte sich die Gegenbewegung. Dort erschienen Bücher mit dem Aufdruck: „Vollständig KI-generiert. Keine menschlichen Irrtümer.“ Die Verkaufszahlen explodierten.

Denn die Leser hatten genug von Autoren, die ständig Gefühle haben wollten, verstanden werden wollten oder in Interviews über ihre „innere Reise“ sprachen. Die Maschine dagegen war angenehm diskret. Sie hatte keine Kindheit. Keine Scheidung. Keine Residenzstipendien. Sie produzierte einfach. Verlässlich. Geräuschlos. Ohne Lesungen. Bald wurden die ersten menschlichen Autoren in Schutzgebieten angesiedelt, wo sie unter kontrollierten Bedingungen Metaphern erzeugen durften. Schulklassen besuchten sie hinter Glasscheiben.

„Schau“, sagte eine Lehrerin leise, „dieses Exemplar verwendet noch Semikolons.“ Die Kinder staunten. Eines fragte: „Aber woran erkennt man, dass der Text wirklich von einem Menschen ist?“ Die Lehrerin schwieg lange. Dann antwortete sie: „An den Schwächen.“ Und für einen kurzen Moment wurde es still im Raum, wie in einer Kirche, in der jemand versehentlich die Wahrheit gesagt hat.

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Über den Autor

KatharinaK
Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht:
Der Winter ist ein Bösewicht,
die Bäume tragen Schneegewicht,
die Stämme sind kahl
und so schwarz wie ein Pfahl,
die Felder sind weiß
und auf dem See liegt Eis.
In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.

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