Sp 118
"Wenn ich das gewusst hätte"
Vorgaben: filigran, piesacken, Kokolores, Fisimatenten, blümerant, allenthalben.
Stimmen im Wald
Es war mitten im Juli, als meine Schwester Anna und ich den Nachmittag auf einer Wiese nahe dem Wald bei unserem Dorf verbrachten. Die Sonne stand hoch am Himmel und legte sich warm über das Gras, das in der Hitze leicht flirrte. Wir hatten eine Decke ausgebreitet, und zwischen uns stand ein halb leerer Picknickkorb mit Brot, ein paar Erdbeeren und einer Flasche Limonade.
Am Picknickplatz begann es zu fiseln,
und wir waren bereits in Aufbruchstimmung, als das Reh auftauchte.
„Siehst du das?“, flüsterte Anna mir zu. „Da steht ein Reh.“
Ich drehte den Kopf, und tatsächlich – am Waldrand stand ein Reh und schaute zu uns herüber. Regungslos verharrte es zwischen den hohen Gräsern. Fasziniert beobachteten wir es schweigend. Plötzlich drehte es sich um und machte ein paar Schritte in Richtung Wald. Dann blieb es wieder stehen und blickte zurück, fast so, als wollte es, dass wir ihm
folgen.
„Komm!“, sagte ich leise. „Das Reh will, dass wir mitgehen!“
Anna verzog das Gesicht. „Was für ein
Kokolores“, murmelte sie. „Ein Reh lockt doch keine Menschen in den Wald.“
Doch ich war bereits aufgestanden und ging vorsichtig näher. Im nächsten Augenblick verschwand das Tier zwischen den Bäumen.
„Bleib hier!“, rief Anna, aber ich machte ihr nur ein Zeichen, mir zu
folgen.
Im Wald war es kühl und dämmerig. Die letzten Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Baumwipfel. Vor uns sah ich das Reh langsam zwischen den Stämmen weitergehen. Ab und zu drehte es sich wieder nach uns um. Anna lief inzwischen neben mir her.
Wir gingen einen Pfad entlang, den wir schon oft benutzt hatten. Doch je tiefer wir in den Wald kamen, desto stiller wurde alles. Schatten huschten
allenthalben zwischen den Bäumen
umher.
Dann hörten wir leise Stimmen.
„Kommt … folgt uns …“
„Jonas“, sagte Anna eindringlich, „mir wird ganz blümerant.“
Die Stimmen wirkten, als würden sie uns piesacken.
„Dieser Wald macht nur Fisimatenten “, flüsterte Anna.
Auf einer Lichtung lagen filigran wirkende Runen im
Mondlicht.
„Folge den Zeichen des Waldes“, sagte Anna.
„Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich vielleicht gezögert.“
Doch wir gingen weiter.
Und dann kam wieder Stille.
Als wir schließlich wieder herauskamen, standen wir am Waldrand. Vor uns lag unsere Wiese und die Lichter unseres
Dorfes.
„Wir haben es geschafft“, sagte ich leise.
Anna nickte. „Gemeinsam.“
Noch einmal blickten wir zurück in den Wald.
Und irgendwo tief darin hörten wir ein letztes Mal den Ruf des Uhus.
Schließlich machten wir uns auf den Heimweg.
Und ich habe seitdem nie wieder allein einen Wald
betreten.
Cover: Eigenes Design
© Pamola Grey