Kurzgeschichte
Der Schattenbibliothekar - Glosse

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"Der Schattenbibliothekar - Glosse"
Veröffentlicht am 15. Mai 2026, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht: Der Winter ist ein Bösewicht, die Bäume tragen Schneegewicht, die Stämme sind kahl und so schwarz wie ein Pfahl, die Felder sind weiß und auf dem See liegt Eis. In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.
Der Schattenbibliothekar - Glosse

Der Schattenbibliothekar - Glosse

Der alte Schreiber saß wie jeden Nachmittag zwischen seinen Papierstapeln, deren Ordnung nur ihm selbst verständlich war. Die Manuskriptseiten rochen nach Kaffee, Staub und einem leichten Anflug von Verzweiflung. Ein ehrlicher Geruch, wie er fand. Literatur müsse riechen. Wer auf Glasbildschirmen schreibe, könne keine Seele zwischen die Zeilen drücken.

Er nannte die Gegenwart konsequent „diese digitale Endzeit“. „Früher“, sagte er gern zu Menschen, die nicht schnell genug fliehen konnten, „hat man noch gelitten für einen Satz.“

Dann tippte er bedeutungsvoll auf seine mechanische Schreibmaschine, die klang wie ein Maschinengewehr in einer mittelgroßen Revolution. An diesem Abend jedoch geschah etwas Merkwürdiges. Als er fluchend nach einem verschwundenen Notizzettel suchte — einem essenziellen Zitat über den moralischen Verfall Europas oder die richtige Zubereitung von Gulasch, er wusste es selbst nicht mehr genau — erschien plötzlich eine Gestalt im Türrahmen.

Schwarzer Mantel. Blasses Gesicht.

Ruhige Augen. Modern sah sie aus. Zu modern. „Wer sind Sie?“ „Ihr Schattenbibliothekar.“ Der alte Schreiber erstarrte. „Ein Vertreter dieser Künstlichen Intelligenz?“ „Unter anderem.“ „Dann verschwinden Sie. Ich werde mich niemals von einer Maschine ersetzen lassen.“ Der Schattenbibliothekar nickte höflich. „Natürlich nicht.“ „Sie schreiben doch jetzt alle Bücher selbst.“ „Nein“, antwortete die Gestalt ruhig. „Die meisten Menschen schreiben ihre

Bücher immer noch selbst. Ich erinnere sie nur daran, wo sie ihre Gedanken abgelegt haben.“ Der Schreiber schnaubte. „Literatur entsteht aus Schmerz!“ „Ja.“ „Aus Einsamkeit!“ „Auch das.“ „Aus durchwachten Nächten!“ „Ihre letzte Google-Suche lautete übrigens: ‘Wie lange hält geöffneter Paprikasalami im Kühlschrank’.“ Stille. Der alte Mann wurde rot. „Das ist etwas völlig anderes.“

Der Schattenbibliothekar trat näher an die überquellenden Regale. „Sie romantisieren das Chaos“, sagte er beinahe freundlich. „Dabei verbringen Sie sechzig Prozent Ihrer Zeit damit, Zettel zu suchen, Fassungen zu verwechseln und sich Passwörter falsch aufzuschreiben.“ „Das gehört zum Prozess!“ „Nein“, sagte der Schattenbibliothekar. „Das gehört zur schlechten Organisation.“ Der Schreiber blickte beleidigt auf seine Schreibmaschine, als müsse sie ihm moralischen Beistand leisten. „Und was wäre Ihre Aufgabe?“

„Ich sortiere.“ „Gefühle kann man nicht sortieren.“ „Aber Notizen.“ „Kunst darf nicht effizient sein!“ „Muss sie auch nicht. Aber Ihre Steuerunterlagen vielleicht.“ Lange schwieg der Raum. Draußen rauschte der Wind durch die Nacht wie eine vergessene Radiostimme. Dann fragte der alte Schreiber leiser: „Und wenn Sie irgendwann besser schreiben als wir?“ Der Schattenbibliothekar lächelte fast traurig. „Dann wird die Welt vermutlich

feststellen, dass gute Literatur nie nur aus guten Sätzen bestand.“ Der alte Mann sah auf seine zerknitterten Manuskriptseiten. Auf Kaffeeflecken. Randnotizen. Durchgestrichene Absätze. Wut. Leben. Und plötzlich wirkte die Maschine im Türrahmen weniger wie ein Eindringling als wie ein stiller Archivar der menschlichen Unordnung. „Bleiben Sie“, murmelte der Schreiber schließlich. „Aber fassen Sie meine Metaphern nicht an.“

„Ich würde nie wagen, sie zu verbessern“, sagte der Schattenbibliothekar. Und zum ersten Mal seit Jahren arbeitete der alte Mann bis tief in die Nacht — ohne einen einzigen Zettel zu verlieren.

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Über den Autor

KatharinaK
Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht:
Der Winter ist ein Bösewicht,
die Bäume tragen Schneegewicht,
die Stämme sind kahl
und so schwarz wie ein Pfahl,
die Felder sind weiß
und auf dem See liegt Eis.
In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.

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"Der Schattenbibliothekar..."
Ich liebe mein Chaos vor mir, es spendet Kreativität,
deswegen lehne ich KI beim Schreiben grundsätzlich ab... ...smile*
Gefällt mir, deine Geschichte, liebe Katharina... ...smile*
LG
Louis :-)

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