„Wenn ich das gewusst hätte“ – zum Vatertag
Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich an diesem Morgen einfach im Bett geblieben. Doch stattdessen stand ich um sieben Uhr bereits auf der Leitung. Wirklich auf einer Leitung. Unter mir knisterten die Stromkabel, als hätten sie schlechte Laune, während Frau Krüger
aus dem Fenster rief: „Bleiben Sie auf dem Teppich, Herr Meier!“
„Welchem denn?“, rief ich zurück. „Der ist gerade Richtung Bushaltestelle unterwegs!“
Allenthalben herrschte ein seltsames Durcheinander auf dem Marktplatz. Menschen liefen aneinander vorbei, als hätte jemand die Welt für einen Moment neu sortiert. Die Luft wirkte filigran und zerbrechlich, als könnte sie jeden Augenblick reißen.
Ein Mann hing am seidenen Faden eines Baukrans und rief etwas von einem tanzenden Bären. Ich hielt das zunächst
für Kokolores – für diese kleinen Übertreibungen, die der Alltag manchmal mit sich bringt. Bis ich ihn sah.
Der Bär trug einen Zylinder. Und Stepptanzschuhe.
Mir wurde sofort blümerant.
Der Bürgermeister versuchte inzwischen, mit den Tönen einer alten Kirchenorgel Ordnung in das Geschehen zu bringen. Vergeblich. „Keine Fisimatenten!“, rief jemand, als könne man das Chaos damit einfach beenden.
Doch genau in diesem Moment wurde mir
klar: Manchmal ist das Leben selbst ein einziges Durcheinander aus Ernst und Unsinn. Und gerade das macht es aus.
Ich dachte daran, wie schnell man Dinge als Kokolores abtut, ohne genau hinzusehen. Wie oft man glaubt, alles sei nur ein seltsamer Moment, der schon vorbeigeht.
Und während der Bär weiter über den Marktplatz tanzte, wurde mir bewusst, dass hinter all dem manchmal mehr steckt, als man im ersten Augenblick erkennt: Menschen, Geschichten, kleine Wunder im
Alltäglichen.
Vielleicht ist das auch das, was uns verbindet – besonders heute, an diesem Tag, an dem wir an Väter denken: an ihre Stärke, ihre Geduld, ihren Humor und all die leisen Dinge, die oft selbstverständlich wirken, es aber nicht sind.
Nicht alles im Leben ist erklärbar. Aber vieles ist wertvoll.
Und manchmal versteht man erst in einem stillen Moment, wie viel im Leben wirklich trägt..
Cover Pixabay Tylijura