
Ich glaubte sehr wohl, dass es weit mehr zwischen Himmel und Erde gab, als wir wussten oder vermuteten. Deshalb hatte ich auch einen Telefontermin mit einer bekannten Wahrsagerin vereinbart.
Als ich meinem Freund von der Absicht, mir die Zukunft vorhersagen zu lassen, erzählte, piesackte er mich mit den Worten: "Du darfst dich aber nicht mit Namen melden und, wenn sie fragt, wer da ist, dann kannst du gleich wieder auflegen." Ich fand das gar nicht komisch. Er glaubte nicht ans Hellsehen und meinte, das wäre alles Kokolores,
schlichtweg Geldschneiderei. Aber ich
wollte nichts davon wissen und ließ mir alle Optionen offen, den Informationen dann auch Glauben zu schenken.
Nun war es bald soweit. Meinen Freund schickte ich zum Fußball gucken zu seinen Kumpels. Ich war also allein Zuhause und hatte meine Ruhe. Mit dem Kugelschreiber vermerkte ich auf dem großen Blatt Papier, welches ich mir in weiser Voraussicht bereitgelegt hatte, mit filigraner Schrift die Worte: Meine Zukunft. Dann griff ich Punkt 12.00 Uhr zum Hörer und wählte die Nummer von Frau Buntschuh.
Am anderen Ende vernahm ich sogleich eine mystisch klingende Stimme: "Herzlich Willkommen bei Mareike
Buntschuh, der Harzhexe und ihrer Wahrsagerin! Bitte sprechen sie nicht, sondern folgen nur meinen Anweisungen! Ich mische jetzt die Karten und sie sagen, wenn ihnen danach ist: Stopp!" Konzentriert wartete ich ein wenig, um sie dann mit meinem "Stopp!" beim Mischen zu unterbrechen. Hoffentlich hatte ich kein mieses Timing. Das würde meine Zukunft bestimmt ungünstig beeinflussen. Frau Buntschuh begann langsam und bedächtig zu sprechen und ich versuchte, so viel wie irgend möglich mitzuschreiben. Dazu hatte ich das Telefon auf laut gestellt. Sie erwähnte zuerst, dass ich schon seit längerem mit einem Mann zusammen sei, der mit
beiden Beinen fest im Leben steht und in der IT-Branche arbeitet. Er sei sehr penibel und schmiedet gern täglich Pläne. Diesbezüglich hatte ich sogleich die Frage im Kopf, ob mein Freund ans heiraten denke, doch ich durfte ja nicht reden.
Also ging es weiter. Frau Buntschuh äußerte sich zu meinem bisherigen Leben. Beim Thema Wünsche für die Zukunft, wollte sie mein Geburtsdatum wissen, um daraus die Quersumme zu bilden. Es war die 33 und sie meinte, dass dies eine magische Zahl wäre. Ob das nun gut war, wusste ich nicht und mir wurde plötzlich etwas blümerant. Doch als sie dann sagte: "Sie werden
zwei Kinder bekommen, erst ein Mädchen und dann kurz danach einen Jungen", fing mein Herz vor Freude an zu springen. "Das Mädel", fuhr sie fort, "kommt äußerlich mehr nach dem Vater. Es wird einen ausgeprägten Eigensinn haben, aber auch sehr feinfühlig sein. Ihr Sohn, auch sehr sensibel, ist dagegen eher introvertiert. Sie stören sich auch nicht an seinen Fisimatenten, die er häufig macht. Sein Vater jedoch, mit dem sie über Jahre schicksalshaft verbunden sind, findet dieses ständige Scherzen und die Faxen überflüssig und nervig. Des Weiteren sehe ich Knochen. Vielleicht ein Beinbruch oder Ähnliches. Aber es wird alles wieder gut verheilen. Sie
werden lange in ihrem Beruf tätig sein, sind gut abgesichtert und haben mit Menschen zu tun. Gesundheitlich sind die Nieren ihre Schwachstelle. Sie sollten mehr trinken. Alles in allem steht einem erfüllten Leben nichts im Wege. Da sie spontan sind, passen sie sich allen Gegebenheiten an. Ich wünsche eine gute Zeit."
Dann legte sie unvermittelt auf. Ich war wie vor den Kopf gestoßen und wollte doch eigentlich viel mehr und Genaueres wissen. Noch Tage später lief ich sehr aufgeregt und immer bemüht durch die Gegend, nur nicht zu stürzen oder mir sonstwie die Knochen zu brechen.
Als mein Freund nach Wochen zu
Himmelfahrt von seinem Ausflug mit einer geschwollenen Hand nach Hause kam, dachten wir uns nichts weiter dabei. Nach dem Röntgen war aber klar, er hatte sich das Handgelenk gebrochen.
Auf der Heimfahrt von der Klinik lief eine schwarze Katze von rechts nach links vor unserem Auto über die Straße. Wir mussten eine Vollbremsung hinlegen. Plötzlich sah ich allenthalben Zeichen. "Wenn ich das gewusst hätte", murmelte ich vor mich hin. Mein Freund Micha schüttelte vorwurfsvoll den Kopf: "Ich dachte, du wusstest es? Sein Schicksal kann keiner beeinflussen oder verändern. Du kannst dein Leben nur gestalten durch bewusste Entscheidungen, die du für dich
triffst. Alles andere passiert halt und hinterher ist man dann immer schlauer."
Ich grinste etwas verschmitzt und eröffnete ihm sogleich, was ich erst seit diesem Morgen wusste, nämlich, dass ich schwanger war. Jedoch, dass wir ein Mädchen bekommen würden, behielt ich für mich. Wer weiß, ob die Wahrsagerin auch damit recht behalten sollte?
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