
Wenn ich das gewussst hätte
Thema:
Wenn ich das gewussst hätte
Vorgabeworte:
filigran, piesacken, Kokolores, Fisimatenten, blümerant, allenthalben
Hätte ich gewusst, dass ein einfacher Wanderausflug in einer existenziellen Krise endet, wäre ich garantiert im Bett geblieben. Aber Onkel Harry duldet keinen Widerspruch, wenn er seine Naturexpeditionen plant. Wir standen also im tiefsten Unterholz. Onkel Harry fuchtelte mit einem Farnwedel herum, als wäre es ein Zauberstab und erklärte mir die Welt. Eigentlich wollte er mich sicher nur piesacken, weil ich beim Aufstieg dreimal nach einer Pause gefragt hatte.
„Stell dich nicht so an“, brummte er. „Das bisschen Steigung ist doch Kokolores.“Mir wurde es jedoch allmählich zu viel. Die Hitze stand
gnadenlos zwischen den Tannen und mein Kreislauf verabschiedete sich leise winkend.
„Onkel Harry“, krächzte ich, „ich glaube, ich kippe um.“ „Mach jetzt bloß keine Fisimatenten!“, entgegnete er streng, ohne sich umzusehen. Er war fest davon überzeugt, dass man im Wald allenthalben frische Energie tanken könne, während ich mich fühlte, als würde mir jemand die Luft abschnüren. Hätte ich gewusst, dass Onkel Harry die Karte falsch herum hielt, wäre ich sicher nicht so brav gefolgt. Als wir nach drei Stunden wieder am exakt gleichen Aussichtspunkt standen, wusste ich "Das
nächste Mal plane ich die Route".
Onkel Harry starrte auf einen hölzernen Wegweiser, als könnte er ihn durch bloße Willenskraft umbeschriften.
„Das ist unmöglich“, murmelte er, während er die Karte nun doch endlich drehte. „Vielleicht ist es ein Zeichen“, sagte ich und ließ mich erschöpft auf einer Bank sinken. Doch Onkel Harry hörte nicht zu. Er starrte auf den Schatten eines Vogels, der über den Boden huschte und wirkte plötzlich seltsam ruhig.
„Wusstest du eigentlich“, fing er an, „dass dieser Wald für seine Zeitlöcher bekannt ist?“Ich wollte gerade etwas
erwidern, dass mir bei so viel Esoterik wieder ganz unwohl wird, als ich ein Blick auf mein Handy warf. Mein Handy, das eben noch 14:30 Uhr angezeigt hatte, sprang plötzlich auf 09:15 Uhr zurück. Derselbe kühle Morgenwind wie vor fünf Stunden strich mir wieder um die Nase. „Onkel Harry, lass die Fisimatenten“, flüsterte ich und starrte auf meine völlig sauberen Wanderschuhe. „Was passiert hier?“ Onkel Harry grinste breit und zum ersten Mal wirkte sein Blick nicht mehr wie der eines schrulligen Onkels.
„Ich sagte doch, man kann hier allenthalben Energie tanken. Wir fangen einfach nochmal von vorne an. Diesmal
nimmst du den steilen Pfad.“ Hätte ich gewusst, dass Onkel Harry kein Rentner, sondern der Wächter dieses Waldes ist, wäre ich an diesem Morgen definitiv zu Hause geblieben.
Sein Grinsen wurde breiter, fast schon unnatürlich. Erneut hob er diesen Farnwedel und begann, rhythmisch damit in der Luft zu kreisen.
„Die zweite Runde macht am meisten Spaß“, gackerte er. „Da fangen die Wanderer meistens an zu betteln.“ Ich weigerte mich, mich von diesem Waldgeist im Rentnerkostüm weiter piesacken zu lassen.
„Das ist doch alles völliger Unsinn!“,
schrie ich gegen das plötzlich einsetzende Rauschen der Bäume an. Wenn dies eine Zeitschleife war, dann musste es einen Bruchpunkt geben oder etwas, das nicht ins Muster passte. Mir wurde wieder etwas schwindelig, aber diesmal nicht vor Erschöpfung, sondern vor Wut. Ich sah mich um: Alles war wie am Morgen, ringsum unberührtes Moos und zwitschernde Vögel. Nur eine Sache war anders, denn in meiner Tasche spürte ich den schweren, kantigen Stein, den ich vorhin, sozusagen in der Zukunft, als Andenken eingesteckt hatte. Also ein Objekt aus einer Zeit, die noch nicht existieren durfte. „Hör auf mit den Fisimatenten, Onkel
Harry!“, rief ich und schleuderte den Stein mit aller Kraft gegen einen alten Wegweiser. Ein Geräusch wie berstendes Glas erfüllte die Luft. Die Farben des Waldes verschwammen zu einem grauen Brei, und die Gestalt des Onkels flackerte wie ein schlechtes Hologramm. Als ich die Augen wieder öffnete, saß ich auf meinem Sofa. Es war 09:15 Uhr. Mein Rucksack stand gepackt an der Tür, und mein Handy vibrierte: Eine Nachricht von Onlel Harry. „Bin unterwegs. Freue mich auf unsere Expedition!“ Hätte ich gewusst, dass der Stein noch immer in meiner Hosentasche staubig
und real lag, hätte ich die Tür verriegelt.
Ich beschloss, Onkel Harry nicht auszuweichen. Als es an der Tür klingelte, riss ich sie auf, bevor er den Finger vom Knauf nehmen konnte. Da stand er nun mit seinem gründlichen Karohemd, beige Weste und die Wanderkarte unter dem Arm geklemmt, sozusagen wie eine Drohung. „Bereit für unsere kleine Expedition?“, fragte er mit diesem wissenden Funkeln in den Augen. Er wirbelte seinen Wanderstab, an dessen Spitze ein filigran geschnitzter Totenkopf prangte, den ich zuvor nie bemerkt hatte. Ich trat einen Schritt vor, den Stein aus
der Zukunft fest in der Faust.
„Hör auf, mich zu piesacken, Onkel Harry. Ich weiß, was du im Wald vorhast. Die Zeitschleife, das Wandern im Kreis, das ist doch alles Mist.“ Sein Gesicht erstarrte. Das joviale Onkellächeln bröckelte und entblößte eine uralte, unnahbare Kälte.
„Du hast das Souvenir behalten“, murmelte er und starrte auf den Stein. „Das ist gegen die Regeln.“ „Mir wird schon wieder ganz unwohl, wenn ich nur an deine Zeitspiele denke“, entgegnete ich fest, obwohl meine Knie zitterten. „Ich mache keine deiner Spielchen mehr mit. Entweder du erklärst mir jetzt, was du wirklich bist, oder ich
werfe diesen Stein und damit deine Ordnung vor aller Augen in den Müll.“ Onkel Harry sah mich lange an. Draußen auf der Straße schienen die Autos allenthalben stehen zu bleiben, die Vögel verstummten, und die Welt hielt den Atem an. „Hätte ich gewusst“, flüsterte er schließlich, „dass du den Mut hast, dem Wächter zu drohen, hätte ich mir einen anderen Neffen gesucht. Aber nun gut. Setz dich. Die Wanderung fällt aus, wir haben Redebedarf.“
Onkel Harry schenkte mir einen Tee ein, der seltsam nach Sternenstaub und Kiefernadeln duftete.
„Du hast das System beschädigt“, sagte er und deutete auf den Stein der inzwischen auf dem Küchentisch lag. „Ein Bruchstück der Zukunft in der Vergangenheit, das erzeugt Risse, die selbst ich nicht flicken kann.“ Er schlug mir ein Geschäft vor:
Ich sollte den Stein zurück an seinen Ursprung bringen, um das Gefüge zu glätten. Im Gegenzug würde er aufhören, mich mit seinen gewebten Zeitfallen zu piesacken.
„Kein Endlosschleife mehr?“, hakte ich misstrauisch nach. „Keine Fisimatenten mehr“, versprach Onkel Harry und reichte mir die Hand. Seine Haut fühlte sich an wie altes Pergament.
„Aber du musst mir helfen. Es gibt allenthalben Anomalien in diesem Tal, die ein menschliches Auge besser erkennt als ein Wächter. Werde mein Gehilfe, und ich lehre dich, die Zeit zu lesen, statt in ihr verloren zu gehen.“ Obwohl mir bei dem Gedanken an eine Ewigkeit mit Onkel Harry wieder kurz blümerant wurde, schlug ich ein.
Ein Pakt war geschlossen: Er gab mir die Macht über meine eigenen Stunden, und ich sicherte ihm meine Sterblichkeit als Kompass zu. Hätte ich gewusst, dass mein erster Auftrag darin bestand, ein entlaufenes Mammut aus dem Stadtpark zu
vertreiben, hätte ich vielleicht doch noch einmal über die Konditionen verhandelt.