
Sie beginnt dort, wo der Mensch aufhört, sich wichtig zu nehmen. An diesem Morgen kam zuers der Wind – ein trockener, tastender Atem, der über das Gras strich, als suche er etwas Verlorenes. Dann hob sich der Staub, langsam, fast würdevoll, und legte sich wie ein Schleier über die Ebene der Hortobágy. Und erst danach, mit einer Geduld, die älter war als jedes Kalenderblatt, erschienen die Rinder. László stand bereits da. Er war früh aufgestanden, als müsse er
beweisen, dass er hierhergehörte. Sein Schatten war noch lang, sein Herz noch unruhig. Der Hut saß ein wenig zu korrekt auf seinem Kopf – wie ein Gedanke, der nicht ganz zu Ende gedacht war. Er hatte ihn am Vortag gekauft, in einem Laden, der nach Leder und Geschichten roch. Der Verkäufer hatte ihn gemustert, kurz nur, aber lange genug. „Für die Puszta?“, hatte er gefragt. László hatte genickt. „Die merkt sich Gesichter“, hatte der Mann gesagt. Damals hatte László gelächelt. Jetzt, im Wind, fühlte sich dieser Satz anders an. Die ersten Tiere kamen näher.
Ungarische Graurinder – hochgewachsen, mit Hörnern, die sich wie Fragen in den Himmel bogen. Sie bewegten sich nicht eilig. Sie bewegten sich richtig. Jeder Schritt war gesetzt, als folgten sie einem Rhythmus, den nur sie kannten. Hinter ihnen, verstreut wie Gedanken, gingen die Hirten. Echte Hirten. Man erkannte sie nicht an ihren Kleidern, obwohl auch die eine Sprache sprachen. Man erkannte sie daran, wie sie standen. Wie sie nichts taten und doch alles im Blick hatten. Als wären sie nicht die Lenker der Herde, sondern ihr Gedächtnis. László hob den Stock, den er sich ebenfalls besorgt hatte. Er hatte geübt – vor dem Spiegel eines schmutzigen
Fensters, mit Bewegungen, die überzeugend aussehen sollten. Er pfiff. Ein sauberer, klarer Ton. Die Rinder reagierten nicht. Einige gingen weiter, andere blieben stehen. Aber keiner tat es wegen ihm. Die Bewegung der Herde folgte ihrer eigenen Logik, einer stillen Ordnung, in der László nicht vorkam. Ein Junge, kaum älter als zwölf, beobachtete ihn. Seine Augen waren schmal vor einem Lächeln, das er nicht ganz zeigte. „Du pfeifst zu gerade“, sagte er. László runzelte die Stirn. „Zu gerade?“ Der Junge zuckte die Schultern. „Die hören nicht auf das, was du willst.“
„Worauf dann?“ Der Junge deutete auf die Tiere. „Auf das, was ist.“ Das war keine Antwort, die man benutzen konnte. Ein alter Hirte trat neben sie. Er sagte nichts, sah aber lange genug, um alles zu verstehen. Seine Haut war vom Wind gezeichnet, sein Blick ruhig wie ein See, in den lange nichts gefallen war. „Új vagy“, sagte er schließlich. Du bist neu. László zögerte einen Atemzug zu lang. „Nem“, antwortete er dann. „Mindig itt voltam.“ Nein. Ich war schon immer hier. Der Alte nickte. Nicht zustimmend. Nur abschließend.
Der Tag zog sich. Oder vielleicht zog er nicht – vielleicht war es nur László, der sich durch ihn bewegte wie durch zähen Honig. Die Sonne stieg, wurde hart, ließ die Farben verblassen, bis nur noch Grau und Gelb übrig blieben. Die Rinder fraßen. Die Hirten sprachen wenig. Der Wind hörte nie ganz auf. Immer wieder versuchte László, sich einzufügen. Er ging neben der Herde, mit einem Abstand, der weder zu nah noch zu weit sein sollte. Er hob den Stock, wenn andere ihn hoben. Er pfiff, wenn jemand pfiff. Doch es war, als würde er eine Melodie nachahmen, deren Takt er nicht kannte. Einmal blieb ein Tier stehen – ein
großes, schweres Tier mit dunklen Augen. Es sah ihn an. Nicht lange. Aber lange genug. László hob den Stock, machte einen Schritt. Das Tier bewegte sich nicht. Dann, ohne dass er etwas tat, wandte es sich ab und ging weiter. Nicht aus Trotz. Nicht aus Gehorsam. Einfach, weil es so war. Am Nachmittag wurde das Licht weicher. Die Schatten kehrten zurück, länger diesmal, als hätten sie etwas zu erzählen. In der Ferne begann man, das Lager vorzubereiten. Feuerstellen wurden errichtet, Töpfe aufgestellt, Stimmen wurden lauter. Das Austriebsfest.
Ein Wort, das größer klang als das, was geschah. Und doch lag darin etwas – ein Zusammenkommen, ein Innehalten, ein leises „Wir sind noch da“. László setzte sich etwas abseits. Er hatte den Hut noch auf, aber er spürte ihn stärker als zuvor. Als wäre er schwerer geworden. Der alte Hirte ließ sich neben ihm nieder, ohne zu fragen. Eine Weile sagten sie nichts. Das Feuer knackte. Jemand begann zu singen – eine Melodie, die nicht für Zuhörer gemacht war, sondern für die Nacht. „Miért vagy itt?“, fragte der Alte schließlich. Warum bist du hier?
László antwortete nicht sofort. Die Frage hatte etwas Offenes, etwas, das sich nicht einfach schließen ließ. Er sah hinaus in die Ebene. Dorthin, wo der Horizont nicht endete, sondern nur begann. „Azt hittem…“, fing er an, stockte. „Azt hittem, itt lehetek valaki.“ Ich dachte, hier könnte ich jemand sein. Der Alte nickte langsam. „Itt inkább senki leszel“, sagte er. Hier wirst du eher niemand. László lächelte schief. „Das klingt nicht besonders verlockend.“ „Nem annak kell lennie“, antwortete der Alte ruhig. Muss es auch nicht sein. Wieder Stille.
Dann, leiser: „Aber es ist wahr.“ In dieser Nacht schlief László kaum. Der Boden war hart, der Himmel zu weit. Die Sterne standen klar, als hätten sie keine Eile, irgendwohin zu verschwinden. Er lag da und spürte, wie etwas in ihm nachgab – nicht laut, nicht dramatisch, sondern wie ein Knoten, der sich langsam löst. Am Morgen war der Wind wieder da. Der Staub auch. Und die Rinder. Aber László war es nicht mehr. Zumindest nicht der, der gekommen war. Er stand auf, nahm den Hut in die Hand und betrachtete ihn lange. Dann legte er ihn ins Gras. Nicht achtlos. Eher wie
etwas, das man zurückgibt. Ohne ein Wort ging er los. Nicht schnell. Nicht heimlich. Einfach fort. Niemand hielt ihn auf. Der Junge sah ihm nach, kurz nur. Der Alte auch. „Elment“, sagte der Junge. Er ist gegangen. Der Alte nickte. „Igen.“ Eine Pause. „És?“, fragte der Junge. Und? Der Alte sah hinaus auf die Herde, die sich bereits wieder in Bewegung setzte. „Most talán elkezdődött.“ Vielleicht hat es jetzt erst angefangen. Ein Kalb trat auf den Hut. Es zögerte nicht, dachte nicht nach. Es tat einfach,
was Tiere tun. Und die Puszta nahm alles wieder in sich auf – den Staub, den Wind, die Spuren. Und auch das, was man nicht sah. Denn die Puszta beginnt nicht am Horizont. Sie beginnt dort, wo etwas in dir still wird. Er gewöhnte sich an den Rhythmus seiner Tage und wollte sie nicht mehr anders. Seinen Schafen brachte er eine Schubkarre Heu in den Winterstall und stapfte dann durch den Schnee zurück zum Haus. Feierabend. László blieb in der Tür stehen und blinzelte in die
märchenhaft verschneite Landschaft. Der eisige Ostwind trieb ihm die Schneeflocken ins Gesicht. Er konnte nur bis zu den Bäumen sehen, die seinen Hof einrahmten. Dahinter verlor sich die Weite der Puszta im Weiß, der Horizont war nicht auszumachen. Himmel und Erde schienen eins zu sein. Bald würde die Nacht ihre schützende, tiefschwarze Decke über ihn legen – eine Zeit, in der ihm schmerzlich bewusst wurde, wie einsam sein selbstgewähltes Dasein war. Mit festem Griff schloss er die Tür, als könne er diese Gedanken aussperren. Mit einem Teller warmer Suppe setzte er sich an den Tisch. Mancher findet das kitschig wie ein Postkartenmotiv. Ich bin
hier gern, dachte er. Das Haus hatte er in den letzten Monaten wohnlich gemacht, und Holz lag genug im Schuppen. Zufrieden lehnte er sich an den Lehmofen, dessen Wärme ihn schläfrig machte. Da blickte er in das dunkle Augenpaar einer Taube mit gleißend weißem Gefieder. Sie saß vor ihm auf dem Tisch, gurrte und wiegte den Kopf hin und her. „Da bist du ja, László.“ „Was willst du von mir? Was soll das? Wie kommst du hier herein?“, stammelte er verwirrt und setzte belustigt hinzu: „Solch einen Besuch habe ich gern.“ „Ich möchte dir etwas zeigen, László. Komm mit.“
Mit diesen Worten fand er sich in einer anderen Welt wieder. Er sah ein kleines Bauernhaus mitten im Winter und blickte durch ein mit Eisblumen verziertes Fenster. „Erkennst du es, László?“ „Was soll das, du blöde…?“ Er biss sich auf die Lippen. „Schau. Dort, unter dem Tannenbaum.“ Die Taube hatte sich auf dem Fenstersims niedergelassen und wies mit der Flügelspitze auf den liebevoll geschmückten Baum. Ein Junge spielte mit einem Holztraktor. „Lange her, nicht wahr?“ László erkannte sich in dem Jungen. Auf dem verschlissenen Sofa saß sein Vater
und schaute ihm zu. Seine Mutter räumte den Tisch ab. Zur Feier des Tages hatte der Vater eines der Hühner geschlachtet, und die Mutter hatte daraus eine deftige Suppe gekocht. Fleisch gab es selten; das Huhn würde sie ein paar Tage satt machen. Der Junge strahlte. „Danke, Vater. Der Trecker sieht schön aus, jetzt wo er neu angemalt und repariert ist.“ „Mein Sohn, der Nikolaus hat seine Rute stecken lassen können.“ Der Vater räusperte sich. „Zu mehr hat es dieses Mal nicht gereicht. Wenn ich im Frühjahr wieder Arbeit habe, bekommst du den Anhänger dazu. Versprochen.“ Die Mutter kam aus der Küche, setzte
sich zu ihnen und nahm die Stricknadeln zur Hand. Sie wollte noch die Mütze für ihren Sohn fertig stricken. Sie hatte sich ein paar Knäuel Wolle für eine Strickjacke gewünscht, aber es hatte nicht gereicht. Hauptsache, László hat eine warme Mütze. Die alte Jacke hält noch eine Weile. Die Taube war verschwunden, das Feuer heruntergebrannt. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hatte es selten Neues zu Weihnachten gegeben. Ein paar Hosen oder jene Mütze, der Trecker und ein Teller mit Leckereien, die es sonst nicht gab. Er dachte gern daran zurück. Die Liebe seiner Eltern war tausendmal größer gewesen als jedes Geschenk.
Dann schlossen sich seine Augen erneut. Diesmal stand er vor einem prunkvollen, erleuchteten Gebäude, aus dem Weihnachtslieder nach draußen drangen. „Hallo, László. Ich bin hier oben.“ Er schaute hinauf in eine mit Lichtern und Flitter übersäte Tanne vor dem Haus. Eine weiße Taube mit eisgrauen Augen sah auf ihn herab. „Weißt du, wo wir sind?“ „Ich ahne es.“ Es war das Gebäude, in dem er noch vor einem Jahr ein und aus gegangen war. Ein Unbehagen beschlich ihn. „Was sollen wir hier?“ Im nächsten Augenblick befand er sich mitten in der festlich gekleideten Gesellschaft. Es wurde ausgelassen
getanzt und gelacht. Er stand oben auf der Galerie in seiner Festtagsuniform und schritt gemessen die Treppe hinunter. Er genoss diesen Auftritt. Vor dem mit goldenen Kugeln und unzähligen Kerzen geschmückten Tannenbaum blieb er stehen. Die Gesellschaft applaudierte und rief Hochrufe. László quittierte dies mit überlegener Herablassung. Jeder der Anwesenden erhielt aus seinen Händen ein Geschenk. Manche ließen es kurz darauf achtlos auf einem Tisch liegen. Andere steckten es ein, ohne es anzusehen. László entging das nicht. Es ist jedes Jahr dasselbe. Verlogenes Pack. „Na, wie gefällst du dir, László, in der Rolle des…?“
„Lass gut sein, Taube. Diese Zeiten sind vorbei. Ich habe dem alten László Adieu gesagt.“ „Mein Freund, ich wollte es dir nur in Erinnerung rufen. Das ist aus dem Jungen geworden, der du warst.“ „Ich habe diesem Leben den Rücken gekehrt. Dahin führt kein Weg zurück. Mit meinen Schafen bin ich glücklich. Können wir jetzt gehen? Mir ist kalt.“ „Wenn du willst. Dann komm.“ Diese Tauben! Wer machte das? Warum? Er verstand es nicht. Erst ein Abstecher in seine Kindheit – warm, aber arm. Er ließ sich an seinem Tisch nieder. Schade, dass das lange her war. Eine wunderschöne Zeit, trotz allem.
Die Begegnungen hatten ihn aufgewühlt. Das Leben draußen in der Welt hatte ihn geprägt. Mit viel Fleiß und Ehrgeiz, doch ohne Skrupel, hatte er sich nach oben gekämpft. Opfer pflasterten seinen Weg. Notwendige Opfer, wie er sie genannt hatte. Damals war ihm das egal gewesen, Hauptsache, sein bequemes Leben blieb ungestört. Er hatte diesem Leben Adieu gesagt und sich hierher zurückgezogen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten machte ihm die Arbeit mit den Schafen Freude, auch wenn sie nicht viel einbrachte. Jetzt verstand er die Bemerkung seines Vaters: Du bleibst ein Bauernsohn, wenngleich einer mit Diplom. Das hatte ihn nicht
daran gehindert, seinen Vater wie einen Bettler vor die Tür setzen zu lassen. Dass seine Mutter gestorben war, hatte er nur am Rande zur Kenntnis genommen. Dieser Mann will mein Vater sein? Schaut ihn euch an, in seinem schmuddeligen Anzug. Schafft ihn raus. Diese Erinnerungen beschämten ihn jetzt. Beide waren lange tot, das elterliche Anwesen gab es nicht mehr. Dort stand nun ein Supermarkt. Was gäbe er dafür, seinen Vater noch einmal in die Arme zu schließen oder die warme Stimme seiner Mutter zu hören. Vorbei, dachte er und leerte sein Glas in einem Zug. „Komm, László. Es ist Zeit.“ Eine Taube saß auf dem Bettpfosten. Weiß wie die
anderen, mit bernsteinfarbenen Augen. „Na los, László. Steh auf. Wir sind noch nicht fertig. Ich will dir etwas zeigen.“ László schlüpfte in seine Hose und stopfte das Hemd hinein. „Und wohin?“ „Das wirst du sehen.“ Sie schwebten über seinen Hof. „Es hat sich viel verändert“, meinte die Taube beiläufig. Die Wiesen schienen länger nicht gemäht, der Stall hatte bessere Zeiten erlebt. Eine gebeugte Gestalt kam aus dem Haus. Der Mann schlurfte mit schweren Schritten zum Stall und öffnete das Tor. Eine Handvoll Schafe, die geschoren werden müssten, drängten hinaus auf die Weide, deren Zaun verwittert war. Der Alte schlurfte zurück
ins Haus und sackte auf seinem Stuhl zusammen. Sein Kopf fiel haltlos in den Teller Suppe. „Was soll das? Wer ist das?“ „Das bist du – tot, weg. Und niemand…“ „Hör auf, Taube! Ich habe verstanden“, schrie László. „Nein, das darf nicht sein! Etwas Besseres…“ „…hättest du verdient? Nein, mein Freund. So wird es sein.“ „Wieso?“ László war außer sich. „Ich habe etwas Besseres…“ „…verdient? Nein, László. Aber du könntest es ändern.“ „Willst du mich auf den Arm nehmen?“ „Nein, László. Wie könnte ich das? Ich bin eine Taube. Ich will dir die Augen
öffnen.“ Im nächsten Augenblick fand er sich wieder in seiner Stube. Die Taube hüpfte auf dem Tisch herum. „Du bist auf einem guten Weg, aber du kannst das nicht ewig allein schaffen. Du brauchst eine Frau, die mit dir den Weg geht. Suche dir eine, lerne sie lieben – und dein Leben kann eine andere Wendung nehmen.“ László erwachte noch vor dem Morgengrauen. Er fühlte sich gerädert, müde und lustlos. Es half nichts – die Schafe warteten. Da sah er eine weiße Feder auf dem Tisch liegen. Dann war das kein Traum. Er nahm die Feder. In diesem Moment
meinte er, ein Gurren und Flattern vor dem Fenster zu hören. „Die Sanduhr läuft, László.“ Dann war Stille. »Mach was aus dem Jetzt, das Vergangene kannst du nicht ändern«, meinte Antal und stellte sein Glas hart auf dem Tisch ab. Seine Stimme war ruhig, aber fest. »Schau auf das, was kommt. Damit hast du genug zu tun.« »Ich bin kein ›Niemand‹, kein Nichts.« László verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Gesicht verdunkelte sich. »Schließlich bin ich…« »Gewesen«, fiel Antal ihm hart ins Wort.
»Hier bist du László – wie früher.« Sie hatten solche Diskussionen in den letzten Monaten oft geführt. Und sie endeten immer gleich: mit der Erkenntnis, dass László seinen gesellschaftlichen Absturz selbst verschuldet hatte. Nach dem Studium war er in die Politik gegangen, hatte sich hochgearbeitet, die Versprechen der Macht gekostet. Doch auf dem Höhepunkt seiner Karriere folgte der Fall. Ein Stolperstein, wie er es nannte – ein Kompromiss zu viel, ein Wort zu wenig, ein falscher Freund. Er hatte versucht, es zu verdrängen, doch die Erinnerung nagte wie ein hungriger Wolf an seiner Seele. Wer zu viel will,
kriegt am Ende einen Tritt in den Hintern, höhnten die einen. Vom Paulus zum Saulus, spöttelten die anderen. Und so war er weich gelandet auf dem Boden seiner Ahnen, in der Weite der Puszta, die er einst so eilig verlassen hatte. »Hättest du halt etwas Anständiges gelernt!«, hörte er seinen Vater rufen, dessen Stimme noch immer in seinen Ohren hallte. Der Umweg hatte trotzdem was, hätte er geantwortet – ein trotziges Flüstern gegen die Geister der Vergangenheit. Letztlich war er froh, dem Pulverfass der Politik mit heiler Haut entkommen zu sein. Antal, sein bester Freund, der nie fortgezogen war und auf dem elterlichen Hof eine
lohnende Schafzucht betrieb, hatte ihm ein paar Schafe und Hühner überlassen. Antal, lange Bürgermeister des Dorfes, war ein Fels in der Brandung – und für László ein Anker. László erhob sich und öffnete die Tür. Sein Blick glitt über den schwach beleuchteten Hof, wo die Schatten der Akazien im Mondlicht tanzten. Er atmete tief die klare Nachtluft ein. »Vielleicht hätte ich wirklich hierbleiben sollen. Die Luft ist besser«, murmelte er. Antal legte ihm die Hand auf den Arm – eine Geste, die mehr sagte als tausend Worte. »Jeder geht seinen Weg. Und manchmal muss man an den Ausgangspunkt zurückkehren, um zu
sehen, dass der Abstecher nicht umsonst war.« »Ich weiß. Und ich bin froh – über das eine wie das andere. Und zufrieden mit dem Jetzt.« »Zufriedenheit ist die Summe aller Glücksmomente. Dir fehlt nur noch eine Frau für Tisch und… du weißt schon.« »Klar, du Klugschwätzer. Früher hätte ein Püppchen fürs Bett gereicht. Hier braucht es eine, die zupacken kann. Aber woher nehmen?« Sie lachten beide – ein raues, ehrliches Lachen, das die Stille der Puszta durchbrach. »Vielleicht kommt mal eine, die dein Herz – und das hier – will«, sagte Antal
und blickte in die dunkle Weite. »Das glaubst du doch selbst nicht. Wer soll sich hierher verirren – und bleiben wollen?« »Die Wege des Schicksals sind wunderlich.« Wenige Tage später schreckte er mitten in der Nacht hoch. Draußen toste ein Gewitter, als wollte der Himmel seine Wut über die Welt ausschütten. Donnergrollen erschütterte die Erde bis in ihre Grundfesten, und Regen prasselte wie tausend kleine Trommeln ans Fenster. Die Fensterläden klapperten wild umher, und der helle Schein der
Blitze zuckte über seinem Bett, malte gespenstische Schatten an die Wände. Hastig stieg er in seine Hose und lief zur Tür. Ihm peitschte der Regen ins Gesicht, und der Wind fegte laut durch die Kronen der Akazien, die seinen Hof vor dem immerwährenden Wind schützten. Kater Kazimir, ein Schatten in der Dunkelheit, hatte unter der Bank an der Hauswand Schutz gesucht, er flitzte an ihm vorbei ins Trockene, ein pelziger Blitz. »Das ist ein Wetter, nicht wahr?«, murmelte Lászlo, mehr zu sich selbst als zum Kater. Da hörte er durch das Unwetter hindurch das Blöken der Schafe, ein panischer
Ruf, der ihm durch Mark und Bein ging. »Na, toll, mein Freund. Und ich soll jetzt da allein hinaus, oder?«, fragte er den Kater, der nun am warmen Ofen saß und gleichgültig sein nasses Fell putzte, als ginge ihn das Chaos draußen nichts an. Lászlo zog sich Jacke und Stiefel an, jeder Handgriff eine kleine Schlacht gegen die Kälte und den Wind. Der Regen peitschte ihm ins Gesicht, und nur mit Mühe öffnete sich die Stalltür gegen den Sturm. Im schwachen Licht seiner Laterne sah er es: Eines der Mutterschafe lag reglos im Stroh, die Augen weit aufgerissen, ein stummer Schrei in der Nacht. »Du wirst doch nicht bei dem Wetter dein Kind kriegen wollen? Was
soll ich jetzt tun?«, fragte er mit flatterndem Herzen, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern im Gebrüll des Windes. »Schöne Scheiße«, entfuhr es ihm, ein Ausdruck seiner völligen Überforderung. Er rannte zurück ins Haus zum Telefon, seine Stiefel klatschten auf den nassen Dielen. »Antal, du musst sofort kommen, ein Schaf will lammen«, rief er aufgeregt in den Hörer. Alles klar, mach ich. Ich warte auf dich.« Lászlo setzte einen großen Topf Wasser auf den Ofen und legte Feuerholz nach. Die Holzscheite prasselten stumm gegen das Unwetter, ein kleines, trotziges
Feuer in der Dunkelheit. Mit einer schnellen Handbewegung raffte er ein paar Tücher zusammen, die auf der Bank lagen. »Frisch gewaschen und gebügelt, grad richtig für die werdende Mama.« Er sah sich um. »Ich glaube, ich habe nichts vergessen.« Die Schafe standen mit angstvoll geweiteten Augen in der einen Ecke, ihre Schatten tanzten an den Wänden. Das Mutterschaf atmete hastig und krümmte sich in den Wehen. Verunsichert, wie er war, kamen ihm die Rufe wie Hilfeschreie vor. Er strich dem Schaf über den Kopf: »Bald geht es dir besser.« Da hörte er einen Wagen kommen, das Geräusch der Räder auf dem
aufgeweichten Boden, ein Hoffnungsschimmer in der dunklen Nacht. Das Licht der Scheinwerfer blieb vor dem Tor stehen. Antal war in Begleitung einer Frau. »Wo ist das Schaf?«, fragte sie, ihre Stimme klar und bestimmt, selbst im Sturm. »Hier«, mehr konnte Lászlo nicht sagen, sein Blick blieb an ihr hängen. Sie war nicht das, was er erwartet hatte. Ihre Augen, dunkel und wach, trafen seine, und für einen flüchtigen Moment schien die Welt um sie herum stillzustehen. Ein Funke sprang über, heiß und unerwartet, mitten im Chaos der Geburt und des Gewitters. Er spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.
»Eva weiß, was sie tut.« Antal kam auf ihn zu, seine Hand auf Lászlos Schulter, eine beruhigende Geste. Sie beobachteten Evas geübte Handgriffe, ihre Bewegungen waren sicher und ruhig. Sie sah kurz zu Lászlo auf, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. »Hast du heißes Wasser und ein paar warme Tücher?« »Ja.« Lászlo lief durch den immer noch prasselnden Regen ins Haus, sein Herz schlug einen unregelmäßigen Rhythmus. Während er das Wasser in einen Eimer kippte, ging ihm Evas Blick nicht aus dem Kopf. Das ist eine Frau! Und diese Augen! Und der Rest war auch nicht zu verachten. Mit schnellen Schritten lief er zurück in den Stall, das Bild ihrer Augen
vor sich. »Das ist gerade noch mal gut gegangen.« Antal nahm den Eimer und die Tücher entgegen. »Die beiden sind da. Alle wohlauf.« Eva erhob sich gerade, sie lächelte müde, aber zufrieden. »Das war knapp. Viel länger hätten sie es nicht ausgehalten. Du hast Zwillinge bekommen. Herzlichen Glückwunsch. Wenn das kein gutes Omen ist!« »Lászlo.« Antal sah von Eva zu ihm, ein wissendes Lächeln auf den Lippen. »Das ist Eva, meine Cousine. Ich hatte dir doch erzählt, dass ich Besuch aus der Stadt bekäme. Sie hat als Tierärztin ein gutes Händchen bei schweren Geburten.«
»Dann habe ich wohl doppelt Glück gehabt, oder?« László lächelte verlegen, seine Wangen noch immer gerötet. Er versuchte, sie nicht direkt anzusehen, ihm waren seine plötzlichen Gefühle peinlich. Was sollte sie von ihm denken, wenn er sie unverhohlen anstarrte? »Nicht nur zwei gesunde Lämmer, sondern auch eine patente Hebamme. Danke, Eva. Was hätte ich ohne dich getan?« »Na, Lászlo«, lächelte sie, ihre Augen funkelten schelmisch. »Mein Cousin hätte das auch gekonnt. Aber ich habe wissen wollen, was ein so großer Mann hier allein in der Puszta macht.«
»Ich hoffe nicht, dass ich mich zum Deppen gemacht habe, weil ich nicht zurechtkam.« Er betrachtete erleichtert die beiden Lämmchen, die an den Zitzen der frisch entbundenen Mama hingen – eines weiß, das andere schwarz, wie Ying und Yang, ein Symbol für die Dualität seines eigenen Lebens. Lászlo hielt ihre Hand länger als nötig, seine Finger verweilten auf ihrer warmen Haut. Evas Blick rührte ihn, eine stille Einladung. Er ließ sie los und meinte bemüht gelassen: »Durch deine Hilfe haben wir was zu feiern.« Antal nahm den Eimer. »Ein Glas von dem tollen Schnaps wäre jetzt grad recht.«
»Klar. Lasst uns ins Haus gehen. Eva, du trinkst sicher auch einen, oder?« »Gerne, Lászlo.« Sie nahm die Tücher und folgte den beiden Männern. »Ich möchte schließlich wissen, wie du wohnst. Nach allem, was Antal über dich erzählt hat!« »Was, wenn es dir nicht gefällt?« Lászlo hielt ihr die Tür auf, ein Hauch von Unsicherheit in seiner Stimme. Eva berührte leicht seinen Arm, ein Kribbeln durchfuhr ihn. »Es fehlt das gewisse Etwas«, entfuhr es ihr. »Es ist recht nüchtern eingerichtet.« Antal hatte auf der Eckbank Platz genommen und stellte drei Gläser und die Flasche auf den Tisch. »Eva, ich habe
dich nicht mitgenommen, damit du Lászlo schöne Augen machst. Es ging um die Schafe. Aber sei es drum. Prost. Auf die Zwillinge und auf dich Lászlo. Jetzt wird aus dir ein richtiger Schäfer.« Er leerte sein Glas und schaute fast väterlich zu seinem Freund. »Was ist, hat es dir die Sprache verschlagen?« »Nein, ich bin im Moment nur durcheinander. Erst das Unwetter, dann das Schaf und ...« Weiter kam er nicht, seine Gedanken überschlugen sich. »Ich denke, diese Nacht wird uns allen in Erinnerung bleiben.« Antal schaute aus dem Fenster. »Das Gewitter hat endlich nachgelassen, deine Schafe sind wohlauf und du hast eine Aufgabe, die dich als
Mann ausfüllt. Man braucht nicht viel zum Glück.« »Da hast du recht, Antal.« Und manchmal kommt es zur Tür herein, ohne dass man es bemerkt, fügte er in Gedanken hinzu. Lászlo sah Eva an, ein stilles Versprechen in seinen Augen. »Ohne dich hätte ich das nicht geschafft.« Eva schaute von einem zum anderen. »Es war gut, dass du mich mitgenommen hast, Antal. Ich wüsste sonst nicht, was ich morgen mache.« »Und was machst du?«, fragten beide Männer einstimmig. »Na, ich schau mir die Lämmer an und den Schäfer – bei Tageslicht.«
»Ich freue mich drauf, Eva.« Am Morgen, als die Sonne die letzten Spuren des Gewitters vertrieb und die Puszta in ein goldenes Licht tauchte, saßen Lászlo und Eva beim Kaffee. Die Luft war klar und frisch, erfüllt vom Duft des Regens und dem leisen Blöken der Lämmer. Eva fragte über die Kaffeetasse hinweg: »Was steht heute auf dem Plan, Laszlo?« »Männerarbeit.« Er machte eine knappe Kopfbewegung zum Stall hin. »Ich habe ein Loch in der Rückwand gesehen, da sind ein paar Bretter lose. In der Scheune liegen noch ein paar, damit stopfe ich das Loch.«
»Da kann ich dir wohl nicht helfen, oder?« Eva versuchte ein Lächeln, doch in ihren Augen lag eine Herausforderung. Lászlo schüttelte nur den Kopf und trank seinen Kaffee aus. »Ich bin draußen.« Sie sah ihm gedankenvoll nach. So wie gestern hatte sie ihn zuvor nicht erlebt, und ihre eigene Reaktion war ihr auch fremd. Und es schien, dass der Streit noch zwischen ihnen stand. »Es wird nicht der Einzige bleiben«, murmelte sie. Mit einer schwungvollen Handbewegung beförderte sie die Brotkrümel mit dem Lappen vom Tisch. »Schwamm drüber.« Ihr kam ein Gespräch mit Antal in den Sinn, kaum, dass sie mit Sack und Pack
auf den Hof gezogen war. »Meinst du nicht, Kusinchen, dass du es ein wenig zu eilig hast? Auf dem Land ist es anders als dein Leben in der Stadt«, hatte Antal gemahnt. »Worauf warten? Ich mache hier eine eigene Praxis auf. Es gibt eh zu wenig Tierärzte.« »Das ist es ja nicht, Eva.« Antal hatte ihr den Arm umgelegt und sie ernst angesehen. »Du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn was ist, Kleine.« »Lászlo ist, was ich will, Antal. Ich liebe ihn, schon vergessen?« Damit war für sie die Diskussion beendet. Doch gestern Abend waren Zweifel aufgekommen, ob
ihre Entscheidung für Lászlo und ein Leben mit ihm auf seinem Hof die richtige gewesen war. Aber mein Temperament musste ja mit mir durchgehen! Mit dem Streit hatte die überschwängliche Verliebtheit einen Dämpfer bekommen. Lászlo hatte Eva ein Stück seines alten Lebens gezeigt. »Es steckt viel mehr dahinter, das nicht öffentlich gemacht wurde, auch nicht von mir«, hatte er eingeräumt. »Ich weiß, dass manches nicht richtig war. Ich wusste es nicht besser. Mir blieb nur zu gehen.« »So wären wir uns wohl kaum in die Arme gelaufen.« Eva hatte ihren Arm auf seinen Unterarm gelegt. »Ich stelle es
mir herrlich vor, hier die großen und kleinen Vierbeiner zu versorgen. Und wenn ich an die vielen Streuner denke, die ungeimpft über die Felder streifen, wird es höchste Zeit, etwas zu unternehmen.« »Da hilft nur die Kugel!«, meinte Lászlo mit düsterem Blick und seine Faust krachte auf den Tisch. »Die Wilden vermehren sich wie die Karnickel, reißen das Vieh auf den Weiden und in den Dörfern traut sich kaum einer nachts auf die Straße, wenn sie in der Nähe sind.« Seine Stimme war rau, erfüllt von einer alten Angst, die tiefer saß als nur die Sorge um seine Schafe. Es war die Angst vor dem Verlust, vor dem erneuten
Scheitern, die ihn in die Enge trieb. »Das ist doch Quatsch, Laszlo. Du weißt, dass die Leute ihre Hunde auf die Straße setzen, wenn das Geld knapp ist.« Eva sah mit ernster Miene zu ihm. So aufgebracht hatte sie ihn noch nie erlebt. Sie versuchte, ihren Worten die Schärfe zu nehmen. »Und was sollen diese Hunde deiner Meinung nach tun? Sollen sie sich selbst entsorgen, damit das Problem aus der Welt ist?« »Das ist Unsinn, Eva.« Lászlo sah mit gerunzelter Stirn nach draußen, seine Hand zuckte unwillkürlich zum Gewehr, das über dem Kamin hing. »Wenn die meinen Schafen zu nahekommen, knall ich sie ab! Ich kann es mir nicht leisten,
noch einmal alles zu verlieren. Nicht hier. Nicht jetzt.« »Das wirst du nicht! Dann bist du nämlich der erste Mann, dem ich eine Ladung Blei in den Hintern blase!« Evas Gesicht färbte sich dunkelrot, ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, ein Feuer blitzte darin auf, das Lászlos eigene Wut zu übertreffen schien. »Die Hunde wollen nur überleben. Ich kann dich und alle anderen Viehbauern ja verstehen, aber ein Gewehr löst das Problem nicht. Da hättest du dich beizeiten drum kümmern müssen. Aber da waren dir nicht nur die Hunde egal!« »Hör mir auf damit!« Lászlo erhob sich ruckartig und schnaubte, seine alte Wut,
die er so lange unterdrückt hatte, brach hervor. »Mach, was du willst! Ich habe keine Lust, weiter darüber zu reden. Ich habe genug mit meinem Hof zu tun«, hörte sie noch, ehe die Tür hinter ihm ins Schloss krachte, ein Echo seiner eigenen Verzweiflung. Eva ließ sich erschrocken von Lászlos heftiger Reaktion auf den Stuhl fallen. Später sah sie ihn durchs Küchenfenster auf der Bank sitzen, den Kopf in den Händen vergraben. Sie hörte, wie er Kazimir sein Leid klagte, der ihm nun ein stummer Zuhörer war. Als sie längst im Bett lag, war er leise ins Schlafzimmer gekommen. Er hatte sie wortlos in die Arme genommen und war
gleich eingeschlafen, seine Nähe eine stumme Entschuldigung, ein Zeichen, dass die Wut nur eine dünne Schicht über seiner Verletzlichkeit war. »Was ist das?« Eva machte Licht und lauschte angestrengt. Zwischen aufgeregtem Geblöke und Gegacker war Hundegebell zu hören, näher als zuvor. »Hörst du das?« »Ich glaube, die wollen an meine Schafe!« Lászlo war augenblicklich hellwach, die Angst um seine Existenz riss ihn aus dem Schlaf. Mit einem Satz war er aus dem Bett und stieg hastig in seine Hose, streifte einen Pullover über und lief auf Socken Richtung Küchentür. »Ich dachte, du hast alle Löcher
gestopft.« »Das hoffe ich.« Lászlo öffnete die Kammertür und griff auf den alten Schrank. Er zog ein Gewehr hervor, dessen kalte Schwere ihm eine trügerische Sicherheit gab. »Das nehme ich besser mit.« Eva folgte ihm mit großen Augen, ihr Herz pochte. »Du willst doch nicht wirklich die Hunde erschießen! Lászlo!« »Wenn es sein muss, ja. Eva. Es sind nicht die ersten wilden Hunde in der Gegend, die sich an den Schafen vergreifen. Ich kann nicht zulassen, dass sie mir das nehmen, was ich hier aufgebaut habe. Nicht noch einmal.« Seine Stimme war fest, doch in seinen
Augen lag eine Verzweiflung, die Eva noch nie gesehen hatte. »Das kannst du nicht machen!« Sie hatte sich nicht vorstellen können, dass er seine Waffe tatsächlich benutzen würde, dass seine Angst so tief saß. »Da bewegt sich was!« Er machte im Hof Licht und sah angestrengt in die Nacht hinaus, das Gewehr fest im Griff. »Man muss sehen, mit wem man es zu tun hat. Bleib bitte hier, wer weiß, wie die drauf sind.« Eva blieb im Türrahmen stehen, ihr Blick fixierte die Dunkelheit. Ein ganzes Rudel Hunde hetzte um den Stall herum, auf der Suche nach einem Schlupfloch, ihre Schatten tanzten gespenstisch im Licht.
Lászlo stand am Haus, das Gewehr im Anschlag, seine Haltung angespannt. Dann ein Schuss! Und noch einer! Lászlo hatte in die Luft geschossen, die Warnung hallte durch die Nacht. Die Hunde erschraken und flohen panisch durch den Obstgarten, ihre Schatten verschwanden in der Dunkelheit. Nur ein älterer Rüde blieb wie angewurzelt mitten auf dem Hof stehen, sein Blick ruhig und dunkel, direkt auf seinen Herausforderer gerichtet. Kein Laut war zu hören, nur das ferne Heulen des Windes. Lászlo ging einen Schritt auf den Hund zu, das Gewehr noch immer im Anschlag, doch seine Hand zögerte. In den Augen des Hundes sah er
nicht nur Trotz, sondern auch eine tiefe Müdigkeit, eine Verletzlichkeit, die ihn an sich selbst erinnerte. Der Hund war gejagt, genau wie er es gewesen war, ein Überlebender in einer harten Welt. Eva verfolgte sprachlos die Machtprobe zwischen Hund und Mensch. Dabei ließ sie den Hund nicht aus den Augen. »Ich glaube nicht, dass er es auf einen Kampf mit dir anlegt. Lass ihn ziehen.« »Irgendwie muss ich ihn ja vertreiben, wenn ich ihn nicht erschießen darf. Hau ab! Los, hau ab!« Lászlos Stimme war unsicher, er wusste nicht, wie er mit dieser stummen Herausforderung umgehen sollte. Der Hund sah von Eva zu Lászlo und
wieder zu Eva, als würde er eine Entscheidung treffen. »Was will der blöde Köter?«, murmelte Lászlo, seine Wut wich langsam der Verwirrung. »Ich denke, er ist nicht blöd, Vic.« Eva ging einen Schritt auf den Hund zu, ihre Stimme sanft. »Da, an der Flanke, da hat er eine frische Wunde!« »Aber nicht von mir!« Lászlo ließ das Gewehr sinken, seine Augen weiteten sich. »Pass auf, nicht, dass er Tollwut hat, oder so?« »Das glaube ich nicht, aber er wird starke Schmerzen haben.« Eva besah sich von Weitem die klaffende Wunde am Schenkel. »Das muss genäht werden, sonst hat er keine Chance.«
»Was willst du tun, Eva? Doch nicht etwa den Hund zusammenflicken?« In Lászlos Stimme schwang noch Unglaube mit, doch die Härte war gewichen. »Wenn du den Hund erschießt, spare ich mir Nadel und Faden«, feixte Eva, ein Lächeln spielte um ihre Lippen. Sie war jetzt sicher, dass er dem Hund nichts antun würde. Lászlo sicherte lächelnd das Gewehr und lehnte es an die Hauswand. Er hatte das Gewehr gesenkt, nicht nur die Waffe, sondern auch die alte Haltung, die ihn so lange geprägt hatte. In diesem Moment war er nicht mehr der gescheiterte Politiker, nicht der verbitterte Mann, sondern einfach Lászlo, der Schäfer, der
sich um seine Herde kümmerte – und um ein verletztes Tier. Ein neues Leben hatte begonnen, nicht nur für die Lämmer, sondern auch für ihn, hier in der wilden Puszta, wo das Schicksal manchmal in Gestalt eines verletzten Hundes an die Tür klopfte.
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| KatharinaK ... Glaubwürdig trotz KI-Unterstützung? Ohne diese wäre sie es nicht, sage ich. Danke für Deinen Abstecher in die Puszta. Liebe Grüße, Katharina |