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© 2026 Pamola Grey
Ich bin Streetworkerin. Ich habe Wolfgang im Rahmen meiner Arbeit getroffen. Was er erzählt hat, hat mich nicht losgelassen – deshalb habe ich seine Geschichte aufgeschrieben.
Wolfgang – Zwischen zwei Welten
Folge 1
Manchmal sehe ich die Welt anders als alle anderen – und frage mich, wo ich wirklich hingehöre.
Das Meer zeigt meine innere Welt, die Brücke steht für Verbindung, aber auch für Trennung zwischen Menschen, die sich nicht ganz verstehen.
Ich heiße Wolfgang und bin 12 Jahre alt. Ich bin Autist. Ich nehme die Welt manchmal anders wahr als andere Kinder. Oft bin ich sehr in meinen Gedanken und bekomme nicht alles sofort mit, was um mich herum passiert. Manchmal ist es so, als würde ich in meiner eigenen Welt leben, die sich von der Außenwelt unterscheidet.
Mein Vater hat das früher oft nicht verstanden. Wenn ich ihn nicht angesehen oder nicht sofort reagiert habe, wurde er schnell laut. Das hat mir Angst gemacht, auch wenn ich eigentlich niemandem etwas Böses wollte. Ich habe damals oft versucht, alles richtig zu
machen, wusste aber nicht genau, wie.
Ich habe viel Zeit damit verbracht, zu beobachten, wie andere Kinder mit ihren Eltern umgehen. Es wirkte bei ihnen oft einfacher: Sie haben gelacht, geredet und sich verstanden gefühlt. Bei mir war es anders, und ich habe lange nicht verstanden, warum.
Irgendwann haben sich meine Eltern getrennt. Seitdem lebe ich bei meiner Mutter. Sie bemüht sich um mich, auch wenn sie mich nicht immer ganz versteht. Sie versucht es aber, und das merke ich. Manchmal sind Gespräche zwischen uns schwierig, weil wir unterschiedlich
denken oder Dinge anders wahrnehmen.
In den Ferien gehe ich oft zu meinem Onkel. Er hat einen kleinen Kiosk, den er jeden Tag öffnet. Dort ist immer etwas los, aber trotzdem wirkt alles ruhig auf mich. Nach der Schule gehe ich oft direkt zu ihm. Dann mache ich meine Hausaufgaben dort, meistens an einem kleinen Tisch im Kiosk oder daneben.
Einmal ist etwas passiert, das ich nicht sofort verstanden habe. Ein Kunde kam in den Laden und wirkte sehr durcheinander. Er sprach schnell, schaute sich ständig um und schien etwas verloren zu haben. Ich wusste nicht
genau, was ich tun sollte, also blieb ich einfach still und beobachtete. Mein Onkel blieb ruhig, wie immer, und irgendwann löste sich alles auf – aber dieses Gefühl, dass ich etwas Wichtiges fast verpasst hätte, blieb bei mir hängen.
Mein Onkel hilft mir dabei, wenn ich etwas nicht verstehe, aber er setzt mich nicht unter Druck. Während ich arbeite, kümmert er sich um den Laden oder spricht mit Kunden. Dieses Gefühl, einfach dabei zu sein, ohne bewertet zu werden, tut mir gut.
Ich habe gelernt, dass nicht jeder Mensch gleich versteht, wie jemand fühlt oder
die Welt wahrnimmt. Aber ich habe auch gelernt, dass es Orte und Menschen gibt, bei denen man sich trotzdem richtig fühlt.
Und manchmal frage ich mich, ob es noch mehr solche Orte gibt – draußen in der Welt, die ich noch nicht kenne...