
Es war einmal eine Drachin, und die fraß das Land so kahl, daß selbst die Krähen mager wurden.
Wo sie nicht fraß, da fraßen die Menschen.
Sie nahmen Korn aus fremden Speichern, Holz aus fremden Dächern, Fleisch von fremden Herden und die letzten Söhne aus den Häusern. Sie beteten davor, sie plünderten danach, und wenn sie sich am Abend die Hände wuschen, meinten sie noch immer, die Schuld sitze draußen im Wald und nicht unter ihren Nägeln.
Also gab man der Drachin alles.
Starb ein Kind im Frost, so hieß es,
ihr Schatten habe über der Wiege gelegen.
Verreckte eine Kuh im Stall, so hieß es, ihr Atem habe die Luft verdorben.
Kam ein Wagen nicht heim, so hieß es, sie habe ihn in die schwarzen Höhen verschleppt.
Daß ringsum Höfe leerstanden, daß Gräber ohne Namen wuchsen und ferne Donner nicht vom Himmel, sondern von Menschenhand kamen, sprach man leiser. Denn gegen eine Drachin kann man das Kreuz schlagen. Gegen die Wahrheit hilft kein Weihwasser.
Am Rand des Schwarzwaldes stand
das Haus Falkenried, feucht in den Mauern und hart im Glauben. Über dem Tisch hing das Kruzifix, darunter saß die Mutter mit dem Rosenkranz, und am Fenster stand Konrad, der Sohn. Er hatte ein glattes Gesicht und eine saubere Seele, wenigstens dachte er das von sich. Seine Schwester Margaretha dachte es nicht.
Margaretha war zwanzig Jahre alt, hochgewachsen, rot von Haar und herb von Blick. Über ihrer Nase lagen feine Sommersprossen, als hätte der Herrgott sie mit einer sparsamen, strengen Hand gemacht. Sie trug das Pferd lieber als den
Schemel, den Sattel lieber als die Nadel und das Schweigen besser als die Demut. Darum war sie Konrad verhaßt.
Er sprach von Gottes Ordnung, sooft er sie kleinmachen wollte.
Er sprach von Weiblichkeit, sooft er ihr etwas nehmen wollte.
Und wenn er freundlich klang, so war gewiß schon Grausamkeit beschlossen.
Eines Morgens, als der Wind nach nasser Asche roch und draußen im Hof nur noch ein einziges Huhn scharrte, sprach er zu ihr:
„Du wirst in den Wald reiten.“
Margaretha hob den Kopf. „Wozu?“
„Zur Drachin.“
Die Mutter bekreuzigte sich. Niemand aß. Das Feuer brannte klein im Herd, als habe es selber Angst.
„Sie haust in den schwarzen Höhen“, sprach Konrad weiter. „Das Volk winselt über sie. Die Felder verderben, das Vieh fällt, und man sagt, sie trage den Namen Lysandra in ihrem Maul, den Namen der verlorenen Fürstentochter. Du wirst hinreiten und tun, wozu du taugst. Kämpfen. Sterben. Oder nützlich heimkommen.“
Margaretha sah ihn an. Sie wußte, was unter seinen Worten lag. Er
schickte sie nicht, alldieweil er an ihren Sieg glaubte. Er schickte sie, alldieweil in seinem Herzen zwei Wünsche wohnten, und beide waren ihr Tod.
„Und wenn ich nicht gehe?“ fragte sie.
Da lächelte Konrad so dünn, daß es kein Lächeln war, sondern nur ein Schnitt in seinem Gesicht.
„Dann bleibst du hier.“
Das war schlimmer.
Denn zuhause bedeutete bleiben: den Bruder atmen hören, die Mutter beten hören, das Holz im Haus ächzen hören und wissen, daß jeder Tag wieder derselbe Käfig
wäre. Also stand Margaretha auf, nahm Mantel, Pistole und Schwert und ging hinaus in den grauen Morgen.
Sie ritt allein.
Der Wald nahm sie schweigend auf. Zwischen den Stämmen hing Nebel wie altes Leinen. Die Wege waren tief und nass, und zweimal fand sie Hufspuren von Reitern, die nicht wieder zurückgekehrt waren. Einmal kam sie an einem Hof vorbei, dessen Tür offenstand wie ein ausgeschlagener Zahn. Im Haus war niemand mehr, nur ein Kessel mit schwarzem Wasser auf der Feuerstelle und Kinderstriche an
der Wand. Später sah sie auf einer Wiese drei Kreuze aus rohem Holz. Das mittlere war klein.
Kein Mensch begegnete ihr. Nur Spuren.
Ein verbranntes Wagenrad im Graben.
Ein Fetzen Uniformstoff im Dornbusch.
Ein toter Hund am Wegrand, halb verwest, alldieweil niemand mehr Kraft übrig hatte, ihn zu vergraben.
Und bisweilen kam von ferne ein dumpfes Rollen über die Hügel, so tief, als schlüge irgendwo ein Riese gegen eine verschlossene Tür.
Am Abend des zweiten Tages
erreichte sie die schwarzen Höhen.
Dort war der Wald älter und finsterer. Die Eiben standen dick und stumm, als hätten sie lange gelernt, Menschen zu verachten. Zwischen Felsen und Wurzelwerk lag ein Platz, halb Ruine, halb Natur, als hätte der Berg einmal eine Burg gefressen und nur das Gebein zurückgelassen. Moos saß auf den Steinen. Wasser sickerte aus dem Fels wie kalter Schweiß.
Und mitten darin lag die Drachin.
Margaretha hielt den Atem an.
Sie war so groß, daß sie nicht wie ein Tier wirkte, sondern wie ein Stück Welt, das beschlossen hatte,
sich zu bewegen. Ihre Schuppen waren grün, aber nicht von jungem Laub. Eher wie tiefes Moos, wie altes Wasser, wie Gift in einem dunklen Glas. Über Kopf und Rücken lief ein gezackter Kamm, als trüge sie ihre eigene böse Krone. Die Hörner bogen sich zurück wie schwarze Sicheln. Ihre Flanken hoben und senkten sich langsam. Jeder Atemzug war schwer genug, daß die Brombeeren neben ihr zitterten.
Margaretha zog das Schwert.
Da hob die Drachin den Kopf und sah sie an.
Nicht wild.
Nicht hungrig.
Nicht blind.
Sie sah.
Und in diesem Blick lag etwas, das Margaretha schlimmer traf als Zähne oder Gift. Denn sie erkannte darin nichts Tierisches zuerst, sondern etwas, das sie von daheim kannte: lange getragene Wut. Einsamkeit, die hart geworden war. Verachtung gegen eine Welt, die einen lieber tot als ungehorsam sehen will.
Margaretha trat einen Schritt vor.
Die Drachin rührte sich nicht.
Sie trat noch einen.
Da atmete die Drachin aus, und ihr
Hauch war süßlich und faul wie Kräuter, die auf einem Grab verwesen. Wo er die Disteln traf, fielen sie schwarz zusammen.
„So“, sprach Margaretha leise. „Du bist also das Untier.“
Die Drachin blinzelte langsam, als wäge sie ab, ob Menschenworte noch irgendeine Mühe lohnten.
Margaretha hob die Pistole, zielte auf das Auge und konnte doch nicht abdrücken.
Sie dachte an Konrad.
An seine saubere Stimme.
An seinen Glauben, der immer dort am schärfsten war, wo er andere schnitt.
An die Mutter, die lieber betete, als hinzusehen.
An die Höfe, die leerstanden.
An die Gräber ohne Namen.
An das Land, das längst von Menschen gefressen wurde, ehe diese Drachin überhaupt die Flügel spannte.
„Sie sagen, du frißest alles“, sagte sie.
Die Drachin schwieg.
„Aber ich habe auf dem Weg hierher nur Menschenzähne gesehen.“
Da bewegte sie sich endlich.
Langsam erhob sich die Drachin auf alle Viere. Die Erde unter
Margarethas Stiefeln bebte davon. Wasser tropfte von den Felsen. Ein Vogel, irgendwo hoch im Geäst, flog kreischend davon. Die Drachin spannte die Flügel halb auf, und Schatten fiel über den Platz, tief und grünlich wie Wasser in einem Brunnen.
Margaretha hätte nun kämpfen sollen.
So stand es in ihrem Auftrag.
So stand es in Konrads Wunsch.
So hätte es jeder Priester im Umkreis gesegnet.
Aber sie sah die Drachin an und wußte auf einmal, daß man sie nicht hierher geschickt hatte,
alldieweil sie die Tapferste war. Man hatte sie geschickt, alldieweil sie entbehrlich war.
Entweder die Drachin zerriß sie.
Oder sie erschlug die Drachin und kam blutbedeckt heim, damit man endlich einmal Nutzen aus ihr ziehen konnte.
Beides wäre Konrad recht gewesen.
Margaretha senkte die Pistole.
„Sie haben mich zu dir geschickt, alldieweil sie hoffen, daß eine von uns beiden fällt“, sagte sie.
Da neigte die Drachin den Kopf ein wenig.
Es war eine kleine Bewegung. Und doch war darin mehr Antwort als in
allen Gebeten ihrer Mutter.
Margaretha atmete einmal tief durch. Die Luft war kalt, und der süßliche Giftgeruch lag darunter wie Verderben unter Weihrauch.
„Du bist nicht das Schlimmste in diesem Land“, sagte sie.
Da stand die Drachin vollends auf.
Nun sah Margaretha erst ihre ganze Größe. Ihr Hals ragte wie ein Baumstamm empor, nur geschmeidiger und schrecklicher. Die Flügel, ganz ausgebreitet, hätten ein Dach verschattet. Das goldgrüne Auge ruhte auf ihr, hell, alt und unerquicklich wach.
Dann senkte die Drachin den Leib.
Nicht wie eine Jägerin vor dem Sprung.
Wie eine geöffnete Tür.
Margaretha sah lange hin. Hinter sich lag der Weg zurück in ein Haus, in dem der Haß geschniegelt in schwarzem Tuch am Fenster stand. Vor sich lag ein Wesen, das sie töten konnte, ohne sich zu erklären. Dazwischen stand sie selbst, mit kalten Fingern um eine Wahl, die niemand für sie treffen durfte.
Sie steckte das Schwert ein.
Der Wind strich durch ihr Haar. Weit unterhalb der Höhe grollte dumpf wieder jenes ferne Rollen.
Da war das Elend des Landes, unsichtbar und überall, wie Fäulnis im Balken.
Margaretha trat näher.
Eine Schuppe der Drachin war kühl und glatt unter ihrer Hand, feucht wie Stein im Schatten. Sie zögerte nicht länger. Sie griff, setzte den Fuß an und zog sich hinauf auf den breiten Rücken.
Die Drachin rührte sich unter ihr wie aufgesparte Kraft.
Einen Augenblick saß Margaretha still. Dann hörte sie unten Stimmen.
Konrad.
Er war ihr gefolgt, nicht aus Bruderliebe, sondern aus Gier, das
Ende mit eigenen Augen zu sehen. Zwei Knechte waren bei ihm, bleich und schwer atmend vom Aufstieg. In seiner Hand glänzte eine Pistole.
„Margaretha!“ schrie er. „Herunter!“
Sie wandte sich nicht um.
„Herunter, habe ich gesagt!“
Da drehte sie langsam den Kopf und sah ihn an, hoch vom Rücken der Drachin aus. Zum ersten Mal in ihrem Leben stand Konrad tiefer als sie.
„Nein“, sagte sie.
Mehr brauchte es nicht.
Konrads Gesicht veränderte sich. Nicht in Schmerz. Nicht in Liebe.
Nur in jene nackte Bosheit, die übrigbleibt, wenn Frömmigkeit die Maske verliert.
Er hob die Pistole.
Da hob die Drachin den Kopf, und aus ihrem Maul kam kein Feuer, sondern ein schwerer grüner Hauch. Er rollte den Hang hinab wie fauler Nebel. Einer der Knechte griff sich an den Hals und stürzte sofort. Der andere lief blind zurück zwischen die Eiben. Konrad aber stand noch, schoß und traf nichts als Luft.
Dann erreichte ihn das Gift.
Er sank erst auf ein Knie, dann auf beide. Seine Finger krallten sich in
den Boden, als könnte er sich an Gottes Erde festhalten. Sein Mund öffnete und schloß sich, doch kein Gebet half ihm mehr. Er sah zu Margaretha hinauf, und in seinen Augen war endlich keine Ordnung mehr, nur Furcht.
Margaretha sah zurück.
Sie rettete ihn nicht.
Die Drachin spannte die Flügel.
Mit einem einzigen gewaltigen Schlag hob sie sich vom Fels. Erde, Moos und loses Geröll stoben davon. Der zweite Schlag riß Margaretha den Atem aus der Brust. Dann fielen die schwarzen Höhen unter ihnen zurück.
Unten wurden die Bäume klein.
Dann das Haus Falkenried.
Dann die Wege.
Dann die Kreuze auf den Gräbern.
Nur der Rauch blieb. Er hing über dem Land wie eine böse Erinnerung, und hier und da glommen zwischen den Hügeln matte Feuer, alldieweil das Elend auch nachts nicht schlief.
Margaretha sah nicht zurück.
Und alldieweil die Menschen für alles, was sie verlieren, lieber ein Märchen als die Wahrheit wollen, erzählte man später, die Drachin habe sie geraubt.
Das war nicht ganz falsch.
Aber auch nicht ganz wahr.
Denn sie fraß Margaretha nicht.
Sie nahm sie mit.
Und irgendwo unter ihnen lag das Land, kahl gefressen von Hunger, Haß und Menschenhand, und die Glocken läuteten weiter für die Toten, alldieweil sie für die Lebenden längst nichts mehr wussten.