Der Künstler ist RALPH_GERMANY
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Kapitel 1
Onswill
Ich war 21 Jahre alt und reiste zum ersten Mal allein. Onswill war mir als eine ruhige, interessante Stadt beschrieben worden, ein Ort, an dem man sich bewegen konnte, ohne sich zu verlieren, solange man aufmerksam blieb. Ich erinnere mich daran, dass ich das beruhigend fand.
Am zweiten Abend verließ ich mein Hotel. Ich hatte kurz den Gedanken, mir etwas zu essen zu holen, obwohl ich keinen Hunger verspürte. Es war eine
einfache Entscheidung und nichts, das ich hinterfragte. Ich ging hinaus, weil es sich richtig anfühlte, etwas zu tun. Die Straßen wirkten normal. Menschen gingen an mir vorbei und einige blieben vor Schaufenstern stehen. Niemand wirkte ungewöhnlich und genau das beruhigte mich.
Nach etwa zehn Minuten stand ich vor einem kleinen Kiosk. Ich blieb stehen, ohne sofort zu wissen warum. Das Licht über dem Eingang flackerte in einem gleichmäßigen Rhythmus. Zwei kurze Impulse, dann eine Pause. Es wirkte konstant, als würde es unabhängig davon weiterlaufen, wer es
beobachtete.
Ich ging weiter. Ich war sicher, in die richtige Richtung zu gehen. Doch nach einer Weile stand ich wieder dort. Vor demselben Kiosk. Ich dachte kurz darüber nach, ob ich unaufmerksam gewesen war. Es erschien mir plausibel. Ich drehte mich um und ging erneut los.
Später holte ich mein Telefon heraus. Die Karte zeigte mir eine klare Struktur, doch sie passte nicht zu dem, was ich sah. Die Straße existierte auf dem Bildschirm, aber nicht in der Weise, wie ich sie vor mir wahrnahm. Ich versuchte, mich zu orientieren. Gebäude, Winkel,
Wege. Alles schien korrekt und trotzdem führte mich jede Entscheidung wieder zurück. Zum Kiosk. Mit der Zeit wurde es weniger ein Ziel und mehr ein wiederkehrender Zustand.
Ich sprach irgendwann laut, dass das keinen Sinn ergab. Niemand reagierte. Der Mann hinter dem Tresen sah nicht auf. Ich nahm an, dass er mich einfach nicht gehört hatte. Später bemerkte ich Bewegungen am Rand meines Blickfelds. Zwischen den Gebäuden schien sich etwas zu verändern, nicht klar genug, um es festzuhalten. Eher eine Verschiebung im Licht, als würde die Stadt kurz ihre Stabilität verlieren, wenn man sie direkt
ansieht. Wenn ich hinsah, war es verschwunden.
Auf dem Tresen des Kiosks lag später eine Flasche. Daneben ein kleiner Stein. Ich erinnere mich nicht daran, ihn dort hingelegt zu haben. Trotzdem nahm ich ihn auf. In diesem Moment veränderte sich etwas, das ich nicht sofort benennen konnte. Nicht die Umgebung selbst, eher die Art, wie ich sie wahrnahm. Der Stein war warm.
Ich versuchte erneut, die Straße zu verlassen. Doch ich kehrte immer wieder zurück. Irgendwann hörte ich auf, aktiv nach einem Ausgang zu suchen. Es
schien keinen Unterschied mehr zu machen, welche Richtung ich wählte.
Dann bemerkte ich sie deutlicher. Weiße Schatten zwischen den Straßen. Keine festen Formen, eher Zustände von Licht, die sich von der Umgebung lösten. Sie bewegten sich nicht auf mich zu, aber sie waren auch nicht zufällig dort. Es wirkte, als würden sie warten. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich wahrnahmen, ohne mich direkt anzusehen.
Der Stein in meiner Hand wurde wärmer. Nicht unangenehm. Eher wie eine Erinnerung, die langsam an die Oberfläche
kommt.
Eine dieser Gestalten trat näher. Nicht durch Bewegung, sondern dadurch, dass der Raum zwischen uns kleiner wurde. Ich hörte eine Stimme, die nicht von außen kam, sondern aus dem Moment selbst entstand. Du bist hier angekommen. Ich verstand nicht sofort, was das bedeuten sollte.
Dann kam eine zweite Erkenntnis, klarer als alles zuvor. Der Unfall war bereits geschehen. Ich sah es nicht als Bild, sondern als etwas, das plötzlich vollständig vorhanden war. Licht, Bewegung, Aufprall, Stille. Ein Moment,
der nicht weitergeht, weil er bereits abgeschlossen ist.
Der Gedanke, mir etwas zu essen zu holen, war nicht der Beginn dieses Abends gewesen. Er war das Letzte gewesen, was ich getan hatte, bevor alles andere aufgehört hatte.
Onswill war kein Ort, den ich betreten hatte. Es war der Zustand, in dem ich weiterging, nachdem ich nicht mehr zurückgekommen war.
Und erst jetzt begann ich zu verstehen, dass ich die ganze Zeit dort gewesen
war.
Ende Kapitel 1