Tauben der Macht
Früher dachte ich, Tauben seien harmlose Tiere.
Ein wenig aufdringlich vielleicht, etwas zu selbstbewusst für ein Wesen, das den ganzen Tag auf Denkmälern sitzt und Brotkrumen für geopolitische Beute hält — aber im Grunde harmlos.
Dann begann ich, Regierungskommunikation genauer zu beobachten.
Seitdem weiß ich:
Tauben sind keine Vögel. Tauben sind ein System.
Man erkennt sie leicht.
Sie erscheinen zuverlässig dort, wo Öffentlichkeit stattfindet, stolzieren mit aufrechter Brust durch die Gegend und wirken, als hätten sie gerade persönlich die Verfassung verfasst. Sie setzen sich auf jedes Podium, gurren bedeutungsvoll ins Mikrofon und hinterlassen nach ihrem Auftritt vor allem eines: Rückstände.
Das Faszinierende an der politischen Taube ist ihre einzigartige Fähigkeit zur simultanen Anwesenheit bei völliger Abwesenheit.
Sie ist da, sie schaut, sie nickt, sie bewegt den Kopf in staatsmännischer
Taktung — und beantwortet dennoch keine einzige Frage.
„Warum ist das so?“
Gurr.
„Wer trägt die Verantwortung?“
Gurr-gurr.
„Könnten Sie bitte konkret werden?“
Flatter, Seitenblick, dann ein überraschend aggressiver Exkurs über Brüssel, Soros, den Wetterumschwung oder die Gefahren unkontrollierter Fahrradwege.
Man muss diese Form der
Kommunikation bewundern.
Es ist hohe Schule des Ausweichens.
Andere brauchen Argumente, die politische Taube braucht nur zwei Dinge: Brustkorb und Richtungslosigkeit.
Sie antwortet nie auf das, was gefragt wurde.
Sie antwortet immer auf das, was sie gerne gehört hätte.
Und wenn gar nichts mehr hilft, macht sie das, was Tauben seit Jahrhunderten in Krisensituationen tun:
Sie flattert kurz auf, setzt sich zwei Meter weiter wieder hin und tut so, als sei damit eine neue Lage entstanden.
Das eigentlich Geniale daran ist aber nicht die Taube selbst.
Das Geniale ist, dass sie uns langsam dazu erzieht, dieses Schauspiel für Kommunikation zu halten.
Da steht also jemand vor Kameras, Mikrofonen und Journalisten, spricht in ganzen Sätzen, benutzt Substantive wie „Stabilität“, „Verantwortung“ und „Souveränität“ — und wir sollen daraus schließen, es habe ein Informationsaustausch stattgefunden.
Dabei war es nur ein sehr gut beleuchtetes Gurren.
Und irgendwann sitzt man da, hört zum zwölften Mal die gleiche ausweichende Satzarchitektur, und merkt:
Nicht die Pressekonferenz ist absurd.
Absurd ist, dass wir immer noch so tun, als wäre der Taubenschlag ein Parlament der Vernunft.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe unserer Zeit: Wir leben nicht im Zeitalter der Lüge.
Das wäre fast zu ehrgeizig.
Wir leben im Zeitalter des ornithologisch gestützten Ausweichmanövers.
Es wird gegurrt, gestakst, aufgeplustert
und daneben gezielt.
Und wenn danach jemand fragt, was eigentlich gesagt wurde, dann heißt es empört:
„Na hören Sie mal — es wurde doch kommuniziert!“
Ja.
Wie auf dem Bahnhofsvorplatz eben auch.
Nur mit schlechteren Absichten.