
Kapitel 3 – Werkstatt, Konflikte und neue Regeln „Bei unserem Nachbarn steht ein kleiner Rasentraktor. Der Nachbar sagt, der Motor ist kaputt, aber das glaub ich nicht. Vielleicht kann ich ihn bekommen und zum Laufen bringen.“ „Traust du dir das zu?“ „Ich werd’s zumindest versuchen“, versichert Jasper. „Prima, das gefällt mir“, küsst Inga Jasper auf die Wange. „Wo soll ich dir
die Werkzeuge hinfahren?“ „Am besten zu mir nach Hause“, wischt Jasper sich mit der Serviette den Mund ab. „Will gleich mal sehen, ob ich den Bohrhammer reparieren kann.“ „Na dann lasst uns gehen“, steht Inga auf. „Ich bezahle an der Theke.“ Lucy nimmt Jasper an die Hand und schlendert mit ihm zum Auto. Die drei bemerken nicht, dass Roger sie gesehen hat, als er auf dem Weg zu seinem nächsten Kunden durch die Seitenstraße am Eiscafé
vorbeifuhr. Zum ersten Mal kommt Inga zu dem kleinen Haus, in dem Jasper mit seiner Tante wohnt. Sie ist erstaunt, wie ordentlich die Garage und die kleine Werkstatt eingerichtet sind, in denen Jasper arbeitet. Auch der Garten und die Anlagen rund ums Haus sind gepflegt. „Hier würde es mir auch gefallen“, sagt sie und sieht sich interessiert um. „Jasper, bist du das?“ ruft eine leise Stimme aus dem Haus. „Ja, Tante, ich komm gleich rein. Muss
nur was in die Werkstatt bringen.“ Kurz darauf lernt Inga Tante Maja kennen. Sie sitzt in einem großen Ohrensessel und arbeitet an einer Stickerei. „Tante, ich möchte dir Inga vorstellen …“ „Ist das Lucys Mutter?“ unterbricht Maja ihn. „Ja, ich hab dir schon von ihr erzählt.“ „Wo kommst du denn her? Ich hab auf dich gewartet“, fragt
Maja. „Ich hab Lucy und Inga in der Stadt beim Trödler getroffen …“ „Hast du dir was gekauft?“ „Ja, der Händler hatte gute Werkzeugmaschinen zu verkaufen …“ „Hast du das Geld dafür?“ „Nein, Inga hat es mir geliehen. Ich mähe dafür ein Jahr lang den Rasen und schneide Bäume und Büsche“, erklärt Jasper rasch, bevor seine Tante etwas dagegen sagen
kann. „Kommen Sie doch bitte etwas näher“, streckt Maja ihre Hände aus. „Wissen Sie, ich sehe nicht mehr so gut. Sie müssen nah zu mir kommen.“ Inga spürt eine angenehme Wärme, als sie die Hände der alten Frau hält. „Ich hab Jasper das Geld gern geliehen. Er hilft auch Lucy in der Schule.“ „Ja, er ist ein guter Junge“, bestätigt Maja. „Meine Schwester wäre sicher stolz auf Jasper gewesen, wenn sie noch leben würde.“ „Vielen Dank, dass Sie
Jasper unterstützen. Wissen Sie, er muss alles zerlegen, sehen, was drin ist, und versucht Maschinen und Geräte wieder zum Laufen zu bringen, bei denen andere längst aufgegeben haben. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir“, räumt sie ein paar Stickrahmen zur Seite, „lassen Sie uns ein wenig schwatzen. Ich bin viel allein und will nicht, dass Jasper seine Zeit vertrödelt.“ „Hey, das sind wunderbare Motive“, nimmt Inga einen der Rahmen in die Hand. „Wunderschön gemacht.“ „Seit meine Augen nicht mehr so mitmachen, gelingt es mir nicht mehr,
die Farben richtig aufeinander abzustimmen.“ „Aber nein“, schüttelt Inga den Kopf. „Sie irren sich, das sind wunderbare Arbeiten. Ich kenne niemanden, der so etwas Tolles kann.“ „Gefallen sie Ihnen?“ „Oh ja, Sie haben etwas Großartiges geschaffen.“ „Dann suchen Sie sich welche aus“, bietet Maja an. „Ich schenke sie Ihnen.“ „Ich wüsste gar nicht, welchen Rahmen
ich nehmen soll“, sieht Inga sich die Arbeiten an. „Einer ist so schön wie der andere.“ „Dann nehmen Sie alle“, schiebt Maja die Rahmen zusammen. „Sie haben auch Jasper geholfen. Lassen Sie mich Ihnen das schenken. Wissen Sie, ich bin schon alt und kann nichts mitnehmen.“ Ingas Herz beginnt heftig zu schlagen, als sie sieht, welch herrliche Arbeiten Maja ihr geschenkt hat. Gemeinsam wickeln sie jeden Rahmen in Packpapier und binden den Stapel mit einer Schnur
zusammen. „Vielen herzlichen Dank“, nimmt Inga die alte Frau in die Arme. „Jedes einzelne Stück bekommt einen Ehrenplatz in meiner Wohnung.“ „Habt viel Freude daran.“ „Lucy, Süße, wir müssen los“, nimmt Inga den Stapel auf den Arm. „Ich denke, Papa ist schon zu Hause.“ Inga hat richtig vermutet. Roger ist zu Hause, als sie und Lucy das Wohnzimmer
betreten. „Na, habt ihr euch gut amüsiert? Miteinander geflirtet?“ fragt er, ohne sie überhaupt zu begrüßen. Inga merkt sofort, dass er wegen irgendetwas verärgert ist. „Wie kommst du auf die Idee, dass wir uns amüsiert und geflirtet haben?“ fragt sie ruhig. „Ich hab dich gesehen“, wird Roger laut. „Euch zwei und diesen Dünnbrettbohrer … du hast sogar mit ihm rumgemacht im Eiscafé
…“ „Paps, das ist nicht fair“, wehrt Lucy sich sofort. „Du hältst dich raus“, richtet Roger seinen Zeigefinger auf sie. „Ich rede mit deiner Mutter.“ „Nein, das tue ich nicht“, widerspricht Lucy energisch. „Es geht mich sehr wohl etwas an, wenn du Jasper so nennst.“ „Und ich sage dir: Halt dich raus“, faucht Roger sie an. „Hättest du die Güte, uns zu sagen, was
eigentlich los ist?“ setzt Inga sich aufs Sofa, um die Spannung zu entschärfen. Roger wird immer lauter, doch Inga bleibt ruhig. Sie erzählt ihm vom Einkauf beim Trödler, von den Werkzeugmaschinen, die Jasper reparieren will, und davon, dass er dafür ein Jahr lang den Rasen mäht sowie Bäume und Büsche schneidet. Als Roger etwas einwenden will, hebt Inga ruhig die Hand. „Die Maschinen haben sicher nicht nur ’nen Zwanziger gekostet. Wie und wann will er dir das Geld zurückgeben?“ platzt
es aus ihm heraus. „Gar nicht“, kontert Inga. „Er mäht dafür ein Jahr lang den Rasen und schneidet Bäume und Büsche. Gekostet haben die Maschinen dreihundert.“ „Du gibst für den … dreihundert aus … willst ihn unseren Rasen … und die Büsche machen lassen …“ „Ja. Ich denke, ich kann über mein Geld selbst verfügen. Dein Kumpel hat allein für die Bäume und Büsche zweihundertfünfzig verlangt.“ „Dafür hat er auch den Grünmüll entsorgt
…“ „Das machen wir zusammen.“ „Und wenn ich damit nicht einverstanden bin?“ „Dann muss ich dir sagen, dass es mir egal ist“, antwortet Inga energisch. Roger merkt, dass er die Vereinbarung nicht kippen kann. „Macht doch, was ihr wollt. Ich möchte trotzdem nicht, dass Lucy mit so einem Hanswurst befreundet ist“, versucht er sich zu
behaupten. „Paps, das ist fies“, ruft Lucy laut. „Beruhige dich“, nimmt Inga Lucy in die Arme und sieht Roger ernst an. „Du gehst entschieden zu weit. Ich dulde nicht, dass du so über Jasper urteilst, obwohl du ihn überhaupt nicht kennst. Und ich lasse auch nicht zu, dass du Lucy die Freundschaft mit ihm verbietest. Wenn du nicht einverstanden bist, dass wir die Arbeiten zusammen machen, kannst du so lange weggehen, bis wir fertig sind.“ In der Woche darauf kommt Jasper zum
ersten Mal, um den Rasen zu mähen. Für den Rasentraktor seines Nachbarn hat er einen Tauschmotor gefunden und eingebaut. Dafür darf er ihn benutzen, wann immer er ihn braucht.
Inga und Lucy fahren ebenfalls eine Runde über den Rasen. Es macht ihnen großen Spaß. Roger ist währenddessen bei einem Freund Karten spielen.
Zwei Wochen später spitzt sich die Lage zu …Ende von Teil 3
© Pamola Grey