Emil und Gappa
Kameldornbaum
Emil machte seinen letzten Spaziergang unter der alten Brücke. Der Weg war ihm vertraut – jahrelang hatte er hier seine
Runden gezogen –, doch heute fühlte sich alles anders an.
Die Schatten der Bäume bewegten sich wie stille Zeugen, während er die Treppe hinunter zum Fluss trat. Jede Stufe fühlte sich an wie ein Herzschlag: vergangen – gegenwärtig – fließend. Ein letztes Kopfkino seiner Erinnerungen spielte vor seinem inneren Auge ab: die ungeliebte Frisur seiner Jugend, die strengen Worte seiner Mutter, der alte Obdachlose, der im Sommer unter der Brücke lebte.
Am Ende der Treppe stand die alte Bank. Emil setzte sich, und die Krähe, die er Gappa nannte, landete sanft neben ihm. Sie blieb dort sitzen, ihre glänzenden Augen beobachteten ihn – ein stiller
Begleiter durch all die Erinnerungen,
die nun vor ihm aufblitzten.
Die Baumwipfel rauschten im Wind, die Schatten tanzten im letzten Sonnenlicht, und der Fluss glitzerte still im Abendlicht. Der alte Kochtopf neben der Brücke erinnerte ihn an einfache Mahlzeiten und an die Menschen, die ihn begleitet hatten. Emil lächelte. Manche Dinge verlassen einen nie ganz…
Dann begannen seine Gedanken zu fliegen. Über Länder, über Meere, durch Wälder, über Städte – immer weiter, bis sie an einem Ort in Afrika ankamen, unter dem Kameldornbaum. Dort war
alles still, alles gut.
Das Lied – ein letzter Gruß der Tochter
an ihren Vater
Lieber Vater, als Erinnerung habe ich dir dieses Lied geschrieben,
nun begleitet es dich, in allen Stunden, still und klar.
Unter dem Kameldornbaum finde ich Ruhe
Die Seele bleibt, sagt leise Tschüss
Für liebe Menschen, die ich liebte sehr
Bleibt mein Gedanke, für immer hier
Die Worte schweigen, doch das Herz spricht klar
Erinnerungen wunderbar
Was ich euch gab, das bleibt bestehen
Ich geh in Frieden, musst mich nicht sehn
Ein sanfter Wind streicht durch mein Haar
Macht alles leicht und wunderbar
Die Reise endet, ein neuer Stern
Leuchtet für euch, von nah und
fern
Während das Lied in seinen Gedanken erklingt, spürt Emil, wie alles in ihm
leichter wird.
Gappa bleibt still neben ihm sitzen, als wache sie über diesen Moment.
Dann, ganz langsam, erhebt sich Gappa, breitet ihre Flügel aus und fliegt ein letztes Mal über ihn hinweg, als wolle sie ihm den Weg weisen.
Emil schließt die Augen, lächelt leicht und spürt, wie sein Kopfkino ihn hält.
Die Wärme des Sonnenuntergangs liegt auf seiner Haut, und alles in ihm wird still – wie ein letzter, sanfter Atemzug.
Copyright:
© Pamola Grey, alle Rechte vorbehalten. Texte und Bilder stammen von der Autorin.